[Gastrezension] Bewegendes Vermächtnis

keeganEs ist nicht so einfach, das posthum erschienene Buch einer jung gestorbenen Autorin zu besprechen: 2012, fünf Tage nach ihrem Abschluss in Yale stirbt die 22-jährige Marina Keegan bei einem Autounfall. Zwei Jahre später haben ihre Eltern, gemeinsam mit Marinas Dozentin, mit Freunden und Familie unter dem Titel Das Gegenteil von Einsamkeit einen Band mit neun Geschichten und ebenso vielen Essays veröffentlicht. Auf dem Einband lächelt uns eine hübsche, junge Frau mit hellbraunen Haaren, in kurzem, blau geblümten Rock und kanariengelber Jacke entgegen, sympathisch, klug, ein wenig verschmitzt. Man will mit ihr befreundet sein, mit ihr ausgehen, über Bücher, Filme und Reisen quatschen, Ausstellungen und Theateraufführungen besuchen – und auf keinen Fall sie als Schriftstellerin kritisieren müssen. Oder noch schlimmer: Ihr „Potenzial“ bescheinigen.

Aber alle Bedenken sind sofort mit den ersten Zeilen (und nach der ebenso respekt- wie liebevollen, gänzlich unpathetischen Einleitung ihrer Dozentin Anne Fadiman) weggewischt. Weil hier eine junge Autorin schreibt, die wirklich gut ist, eine Stimme, eine Haltung und viel zu sagen hat. Die ersten Geschichten handeln von jungen Menschen wie Marina Keegan: Studenten, Anfang 20, gewitzt, suchend, wankelmütig, besonders in Liebesdingen, mutig und übermütig, mal frustriert, mal merkwürdig distanziert, mit Eltern und den beruflichen Aussichten hadernd, doch voller Neugier auf das Leben, das vor ihnen liegt. Das sind brillant beobachtete, leicht spöttische, manchmal wehmütige Porträts und Impressionen der College-Zeit.

Ebenso einfühlend kann Keegan von einer vereinsamten, alten Balletttänzerin erzählen, die ein wenig Zuneigung und Zärtlichkeit empfindet, wenn sie einem blinden, jungen Mann vorliest und sich dabei heimlich auszieht. Spannend und erschütternd beschreibt sie in E-Mails die zunehmende Verzweiflung eines jungen Architekten, der sich für ein Siedlungsprogramm im Irak hat anwerben lassen und in dem Wunsch, etwas zu bewirken, einen katastrophalen Fehler macht. Berührend ist auch die außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte einer 42-Jährigen, die ein Baby adoptiert, 20 Jahre, nachdem sie ihr neugeborenes Mädchen zur Adoption freigegeben hat. Eine fünfköpfige U-Boot-Besatzung versinkt 11.000 Meter tief im Ozean in totaler Finsternis, harrt dem sicheren Ende entgegen. Und doch umschließt einen diese Endzeit-Metapher, die an Kathrin Passigs preisgekrönte Erzählung eines Erfrierenden erinnert, sanft und beruhigend.

Lustig und skurril preist Keegan ihr Auto als erweitertes Wohnzimmer und Teil ihrer Biografie. In einem anderen Essay beschreibt sie höchst anschaulich, mal wütend, mal witzig, selbstironisch und nie Mitleid heischend ihr Leben mit der Krankheit Zöliakie: Sie ist eine der wenigen Kranken, für die glutenfreie Lebensmittel lebenswichtig und nicht nur ein modischer Trend sind.

Marina Keegan schreibt erfrischend anders, klug, witzig, gefühlvoll und angriffslustig, ohne ein falsches Wort oder ein Wort zu viel. Weder eifert sie literarischen Vorbildern nach noch klingt sie manieriert oder bildungsbeflissen. Sie wollte etwas bewegen, verändern, Menschen mitreißen, nicht vernünftig handeln, weder karrieretechnisch oder einkommensmäßig. Im letzten Essay geht sie der Frage nach, warum ein Viertel aller Yale-Absolventen im Finanz- und Consulting-Sektor landet – obwohl doch so viele von ihnen ursprünglich Theaterprojekte leiten, die Bildung reformieren, den Wohnungsbau demokratisieren oder alternative Restaurants eröffnen wollten. Zu Recht hält sie das für ein Verschwendung von Geist, Kreativität, Leidenschaft und Wissen. Man spürt, wie wütend und fassungslos sie dieses normierte Aufgeben von Idealen macht.

Ihr Werk ist ein Plädoyer dafür, Dinge auszuprobieren, etwas zu wagen, ungewisse Wege zu gehen, offen zu bleiben für Neues – auch mit der Chance, zu scheitern. Genau deshalb wollte sie auch Schriftstellerin werden, obwohl sogar etablierte Autoren davon abrieten und sie wusste, dass sie ihren Kindern nicht die finanziellen Möglichkeiten bieten können würde, die sie selbst genossen hat.

Eigentlich hat sie mich genau deshalb gleich zu Anfang mit einem Satz im titelgebenden Text gepackt. Das Gegenteil von Einsamkeit hat Marina Keegan ihre Abschlussrede für Yale überschrieben. Damit hat sie ebenso prägnant wie geradezu poetisch diese besondere Phase und die Gemeinschaft beschrieben, umgeben von Wissen und Geistesgrößen, wenn jeder Tag eine neue Erfahrung birgt. „Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an“, schleudert sie all den Kommilitonen entgegen, die von Anfang an genau wissen, was sie wollen und zielfixiert, unbeirrbar darauf zu arbeiten. Weil sie dieses „Meer von Wissenschaften“ ungenutzt lassen, weil sie für die „immense, undefinierbare potentielle Energie“ nicht empfänglich sind. „Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, aber wenn es eins gäbe, würde ich sagen, genau so fühle ich mich in Yale. Genau so fühle ich mich jetzt. Hier. Bei euch allen. Verliebt, beeindruckt, demütig, ängstlich. Und das dürfen wir nicht verlieren. Bewegen wir etwas in der Welt.“

Wie schade und tragisch, dass Marina Keegan nicht länger und mehr dazu Gelegenheit hatte. Aber wenigstens gibt es dieses Buch: Damit hat die Schriftstellerin schon mehr bewegt, als andere in einem ganzen langen Leben.

Elke von Berkholz

Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Fischer 2015, 285 Seiten, 18,99 Euro

[Gastrezension] Auf der Suche nach dem Vater

„Hugo wusste ja gar nicht, dass er Vater war. Plötzlich tat er mir leid, denn eigentlich war es wie bei Hunden. Wenn man einen kleinen Hund bekam, musste man ihm beibringen, dass er nicht drinnen pinkeln durfte und ordentlich an der Leine laufen musste. Genauso mussten Väter viel lernen. Sie durften nicht auf der Straße singen, nicht komisch mit der Kellnerin rumscherzen und keine doofen Klamotten tragen“, überlegt der zehnjährige Samuel, der in den Ferien einem Mädchen hilft, ihren Vater kennenzulernen. Eine erfrischende Neuinterpretation des alten Spruchs „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ ist diese wunderbar seltsame Woche mit Tess. Und ebenso der furiose Roman Fünf Dinge, die ich über meinen Vater weiß. In diesen zwei Büchern, übrigens beide von jungen Niederländerinnen geschrieben, suchen Mädchen nach ihren Vätern – ein klassisches Thema, das in Zeiten moderner Familienstrukturen und Lebensformen spannend und herzzerreißend schön erzählt wird.

So weiß Kiki njongmanur fünf Dinge über ihren Vater, genau genommen nicht mal die mit Sicherheit, da sie lediglich auf vagen Erinnerungen ihrer Mutter beruhen. Weil das der 14-Jährigen aber nicht reicht, macht sie sich mit ihrer besten Freundin Lottie, einer begnadeten Zeichnerin aus einer glücklichen Familie, auf die Suche, nach dem Mann, der mehr sein soll als nur ihr Erzeuger. Außerdem hilft ihr Wieger, Exfreund der Mutter, der lange liebevoller Ersatzpapa war, jetzt aber eine eigene Familie und dementsprechend weniger Zeit hat.

Bassist soll Kikis biologischer Vater gewesen sein, und so sammeln die Mädchen Merkmale von bassspielenden Bandmusikern für ein Porträt. Dabei lernen sie die unterschiedlichsten Typen kennen, treten in einige Fettnäpfchen, gewinnen bleibende Eindrücke unter Alkohol, werden nach einem Einbruch verhaftet und stellen ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Kiki erzählt flott in raffinierten Zeitsprüngen, mit viel Wortwitz und Selbstironie. Nebenbei spielt Mary Shelleys Roman Frankenstein eine Rolle, selten wurde der Stoff so charmant und mit soviel Sympathie für das Monster adaptiert.

Kiki hat mitreißende Ideen, ist schlau, etwas schräg, manchmal überschießend und ganz schön mutig. So eine Tochter lässt sich nicht mit vermeintlich harmlosen Lügen abspeisen, die in Wahrheit mehr ihrer immer noch ziemlich jungen Mutter helfen.
In 5 Dinge, die ich über meinen Vater weiß von Mariken Jongman krachen Mütter und Töchter mehrfach heftig aufeinander, denn auch Kikis Mama ist mit ihrer Mutter nicht im Reinen. Jahrelang schwelen Streitereien, wie sie wahrscheinlich nur zwischen starken Müttern und selbstbewussten Töchtern ausgetragen werden. Und immer wollen die Älteren nur das Beste für ihre Kinder. Aber die wollen und müssen das für sich selbst entdecken. Und so findet Kiki bei der Suche nach ihrem Vater auch ganz viele andere Dinge heraus – und schließlich ihre eigene, eigenartige, ebenso liebenswerte wie liebevolle Familie.

woltzDass man nicht selbst auf der Suche nach seinem Vater sein muss, um vieles über sich und die eigene Familie zu rauszufinden, erfährt Samuel, als er Tess begegnet. Im Roman Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess von Anna Woltz trifft der grüblerische Zehnjährige, von seinem älteren Bruder gehässig „Professor“ genannt,  das nur ein Jahr ältere, aber gut einen Kopf größere Mädchen in den Ferien auf der niederländischen Insel Texel. Und kaum hat sie ein paar merkwürdige Fragen auf ihn abgefeuert, übt sie auch schon Walzer mit ihm – denn „der Rest meines Lebens hängt davon ab“, sagt Tess. Ihre burschikose, selbstbewusste Mutter meint zwar, auf Männer könne man gut verzichten, trotzdem hat Tess ihren Vater durch schlaue Recherchen ausfindig gemacht und nun auf die Insel gelockt, ohne ihm zu verraten, dass sie seine Tochter ist. Sie will ihn erst kennenlernen und dann entscheiden.

Samuel ist eigentlich zu verkopft für soviel Spontanität. Außerdem übt er gerade, sich gegen Gefühle abzuhärten, um nicht vom Kummer überwältigt zu werden, wenn jemand Geliebtes stirbt. Die Beerdigung des Vaters einer Klassenkameradin hat ihn dazu gebracht. Ganz anders Tess, die ein Feuerwerk unterschiedlichster Emotionen ist, für Samuel ebenso faszinierend wie rätselhaft. Sie konfrontiert ihn auch erstmals mit einem feministischen Dilemma: Zum Beispiel ist Tess überzeugt, dass Frauen sich zu oft entschuldigen, und lässt es folglich bleiben, obwohl ihr tollkühner Plan auch mal schiefgeht und sie Samuels Hilfe braucht.

Samuel ist ein exzellenter Beobachter, trotzdem kann er sich nicht auf alles einen Reim machen. Aber wer so tolle, treffende Begriffe wie Dünenkaninchen und Schienbeinmuskelkater in einem Zusammenhang verwendet, versteht und erlebt mehr als andere. Diese Ferienwoche ist spannend, abenteuerlich, verrückt, lustig, kurios und philosophisch. Regine Kehns mal prägnante, mal leicht versponnene Bilder untermalen das sehr schön. Seltsam? Vielleicht. Wunderbar? Definitiv! Wie Tess’ funkelnde Pünktchenaugen.

Elke von Berkholz

Mariken Jongman: 5 Dinge, die ich über meinen Vater weiß, Übersetzung: Birgit Erdmann, Carlsen, 2015, 252 Seiten, ab 14, 10,99 Euro

Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess, Übersetzung: Andrea Kluitmann, Illustrationen: Regina Kehn, Carlsen, 2015, 176 Seiten, ab 10, 10,99 Euro

 

 

[Gastrezension] Buchstaben des Vergessens

perryPerry, die Protagonistin aus Kate de Goldis Roman Die Anarchie der Buchstaben, hat nicht nur ein exzentrisches Rhythmusgefühl. Perry ist eine brillante Beobachterin, stellt mit den richtigen Fragen die Dinge auf den Prüfstand und malt Bilder, die mehr erzählen als tausend Worte. Allerdings möchte ihre Mutter, eine Psychologin, das einzige Kind, am liebsten permanent beschäftigt wissen, um Perrys unkonventionelle Art im Zaum zu halten. Bis eines Tages der eng gestrickte Stundenplan eine Lücke bekommt – und Perry beschließt, jeden Donnerstag ihre Großmutter Honora Lee im Seniorenheim zu besuchen.
Die hat schon ziemlich viel vergessen, erkennt ihren Sohn, Perrys Vater, nicht mehr, und auch ihrer Enkelin mit dem Jungennamen begegnet sie fast jedes Mal neu. Um Konventionen schert sich die alte, agile Dame auch nicht mehr, plündert die Süßigkeitenschubladen und Kleiderschränke ihrer Mitbewohner und stößt mit ihrer sehr direkten, unverblümten Art andere häufig vor den Kopf. Früher war sie Lehrerin mit erfrischenden Unterrichtsmethoden und Inhalten, wie Perry bald herausfindet. Und so beginnt Perry für ihre Oma bei ihren Donnerstagsbesuchen ein ganz individuelles Alphabet zu malen.

Ein Ritual war schon einmal die Initialzündung für eine Geschichte der neuseeländischen Autorin Kate de Goldi, in ihrem gefeierten, herzergreifenden Roman Abends um 10, im Original The ten o’clock question. Damals ging der sensible, sorgenvolle Frankie jeden Abend vor dem Schlafengehen zu seiner Mutter, um von ihr zuverlässig Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Und viel über seine ebenso schräge wie liebenswerte Familie zu erfahren.
Jetzt ist es Perry, die immer mehr über ihre Großmutter, die anderen Heimbewohner und die Betreuer, ihre Eltern, über Gedächtnis und Erinnerung herausfindet – über das Universum, das Leben und den ganzen Rest sozusagen. Dabei setzt die Neunjährige mit der orangen Brille Einiges in Bewegung: Sie kann ihren Vater mit seiner Mutter versöhnen, die er übrigens nie Mama, sondern immer nur Honora Lee genannt hat. Perrys Mutter wird gelassener und lernt ihre exzentrische Art zu schätzen.

Nebenbei wächst und gedeiht in verrückter Reihenfolge Honora Lees persönliches „ACB“. Zu lesen – und zu sehen auf den originellen Illustrationen Gregory O’Briens, die wie sehr dynamische Schaubilder wirken.
Die Anarchie der Buchstaben ist eines der charmantesten Bücher über Demenz und das Altern. Kongenial übersetzt von Ingo Herzke, der auch die zahlreichen Reime elegant ins Deutsche übertragen hat.

Der einzige Nachteil des ACB with Honora Lee (so der Originaltitel) ist, dass es so kurz ist, selbst für eine notorische Langsamleserin wie die Rezensentin. Aber das Alphabet hat nur mal nur 26 Buchstaben, egal wie anarchisch man diese durcheinander wirbelt. Trotzdem ist es immer wieder verblüffend, was man mit diesen wenigen kleinen Zeichen alles erzählen und erschaffen kann.

Elke von Berkholz

Kate de Goldi: Die Anarchie der Buchstaben, Illustrationen: Gregory O’Brien, Übersetzung: Ingo Herzke, Königskinder, 2014, 160 Seiten, ab 12, 13,90 Euro

[Gastrezension] Alles anders

andersAnders heißt Andreas Steinhöfels neuer Roman – und genau das ist er: anders. Steinhöfels Bücher – von Dirk und ich über Beschützer der Diebe bis zur Trilogie um den tiefbegabten Rico und seinen Freund Oskar – waren schon immer außergewöhnlich, sind alle exzellent geschrieben und haben meist liebenswerte und immer besonders lebendige, vielschichtige Charaktere. Jetzt zeigt der Autor, Übersetzer und Hörbuchsprecher mit seinem ersten Werk für den neuen Verlag Königskinder eine reizvolle Entwicklung. Das hängt auch mit der Rückkehr aus Berlin in seine mittelhessische Heimat zusammen. Kleinstädtisches Lokalkolorit an der Lahn und mythisch aufgeladene Orte wie das Erler Loch spielen eine wichtige Rolle für die Dynamik der Geschichte.

Anders nennt sich der elfjährige Felix, weil er sich genau so fühlt, seit er nach neun Monaten aus dem Koma erwacht ist und sich nicht mehr an sein altes Ich erinnern kann. Nicht dass dem Jungen der ihm ursprünglich von seiner enorm ehrgeizigen Mutter verpasste Name Glück gebracht hat – er war ein überbehütetes, schüchternes und gelangweiltes, sogar unglückliches Kind. Absurd, dass ausgerechnet seine Eltern mit groteskem Slapstick zusammen den Unfall verursacht hatten, der ihren Sohn ins Koma fallen ließ. Jetzt sieht Anders seine Mitmenschen neu, riecht Farben, sagt, was er denkt, ist kompromisslos direkt und entlarvt Lebenslügen. Seine düsteren Diagnosen und eigenwillige Art verstören nicht nur seine Umgebung, es macht einige extrem nervös. Denn seine Amnesie hat auch Schutzfunktion – für ihn und diejenigen, die ein dunkles Geheimnis mit ihm teilen. Langsam und leidvoll kommt Anders der Lösung näher. Auch seine Lehrerin, seine Eltern und sein Nachhilfelehrer, der allein als Witwer am Ortsrand lebt, verwandeln sich durch ihn.

Nebenbei zeichnet Steinhöfel von Spießern und anderweitig engstirnigen Erwachsenen ein paar schön ätzende Miniaturen, die wohl weniger für seine jugendlichen Leser gedacht sind. Diese können sich umso mehr am virtuosen Spiel mit Märchen und Mythen freuen und Motive entschlüsseln: Felix als Schneewittchen, seine Mutter mit einer bösen Stiefmutter in Personalunion, für die das Kind ein Statusobjekt ist, das funktionieren soll. Sein Vater ist der sanftmütige und lange verblendete König. Es gibt Eigenbrötler, Romantik und Grausamkeit, gute Feen und wütende Nixen.
Darüber hinaus wechselt Steinhöfel Perspektiven, variiert Stilelemente, setzt inneren Monolog und Zeitungsmeldung ein, ist manchmal poetisch, wozu besonders gut die reduzierten, lichtdurchfluteten Illustrationen von Peter Schössow an jedem Kapitelanfang passen. Da kann man es auch verschmerzen, dass die unterschwellige Krimihandlung ein eher blassroter Faden ist, die Spannung lässt nach, wenn man nach etwa der Hälfte ahnt, was passiert ist.

Was Steinhöfel als Kinderbuchautor auszeichnet, ist sein großer Respekt vor Kindern. Sie sind ihm eindeutig die lieberen Mitmenschen. Dabei idealisiert und verniedlicht er Kinder nicht, er nimmt sie ernst, schätzt ihre unverstellte Art und traut ihnen alles zu – in guter wie schlechter Hinsicht. Und er mutet seinen Figuren und seinen Lesern einiges zu. All das spürt man sofort beim Lesen, und das erklärt auch den Erfolg seiner Bücher.

Mit Anders hat der 53-Jährige einiges gewagt und viel gewonnen. Weil Anders aber nicht als Serienheld gedacht scheint, das Werk eher monolithisch daher kommt, darf man auf die nächste Neuerfindung des Bestsellerautors gespannt sein. Sie wird anders grandios.

Elke von Berkholz

Andreas Steinhöfel: Anders, Königskinder Verlag, 2014, 240 Seiten, ab 12, 16,90 Euro