[Gastrezension] Manege frei

trickDie Faszination für den Zirkus hat sich mir nie erschlossen: Rämtamtam-Musike, Tiere, die in nicht artgerechter Umgebung gezwungen werden, alberne Kunststückchen zu vollführen und vor allem eine der Schlüsselfiguren dieser Welt liegen mir gar nicht. Das hat weniger mit einer ausgewachsenen Coulrophobie – also der Angst vor Clowns zu tun – als eher mit der Abneigung, etwas lustig zu finden, was bestenfalls über Schadenfreude funktioniert und ansonsten überhaupt nicht komisch, sondern nur lachhaft ist.

Nina Wegers neues Kinderbuch, Trick 347 oder Der mutigste Junge der Welt, ist also auf den ersten Blick und den Klappentext hin vielleicht nicht mein Ding. Aber dennoch hat mich die Geschichte des elfjährigen Tom, der seinen Vater sucht und eine famose Familie unter dem sternenübersäten Himmel des Chapiteaus, des Zirkuszelts, findet, von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt.

Tom lebt in München mit seiner liebevollen und patenten Mutter, einer Geologin. Aber bei Fragen nach seinem Vater reagiert sie so vage und emotional, dass er das Thema lieber nicht mehr anspricht. Nur soviel verrät sie: Er sei Artist gewesen und vor Toms Geburt bei einem Unfall gestorben.

Doch dann reißt ein Anruf die beiden aus ihrem harmonischen, unspektakulären Alltag: Toms Großvater, den er nie kennengelernt hat und mit dem seine Mutter schon lange nicht mehr spricht, liegt im Sterben. Kurze Zeit später zieht Tom bei seiner Großmutter in Hannover ein, seine Mutter geht auf Forschungsreise in die Arktis – und Tom findet in einer der Umzugskisten eine alte Eintrittskarte für den Zirkus Merlini, der mittlerweile auf einer Brachfläche in Hannover residiert. Als Tom, der ein begabter Turner ist, versucht, dort mehr über seinen Vater herauszufinden, gerät er mitten in eine üble Intrige, mit der ein fieser Immobilienmakler die Artisten von dem Grundstück, das für viele auch ein Zuhause ist, vertreiben will. Tom setzt mit neugefundenen Freunden und außergewöhnlichen Mitstreitern alles daran, den Zirkus zu retten. Dass sich dabei manches zu wohlgefällig löst, stört nicht, immerhin ist es ein Kinderbuch. Die nüchterne Realität der Erwachsenenwelt greift früh genug.

Dabei bedient Nina Weger, die auch den Kinderzirkus Giovanni leitet, nie irgendwelche Klischees. Nach dem Abitur ist die Autorin selbst ein Jahr lang als Seiltänzerin mit einem Zirkus im eigenen Wagen durch die Lande getingelt und man merkt: Sie weiß, worüber sie schreibt, nicht nur bei den anschaulich und mit viel Sachverstand beschriebenen Kunststücken. Sie beginnt Toms Geschichte sogar mit der nüchternen Kehrseite des Artistenlebens: die ständige Gefahr von Unfällen, die das Ende der Karriere bedeuten; Zeiten ohne Engagement, wenn die Zirkusleute nur mit Mühe über die Runden kommen; Eifersüchteleien, Konkurrenzkampf und die alltäglichen Vorurteile, denen das fahrende Volk begegnet.

Nach und nach aber tauchen wir mit Tom in eine ganz besondere Gemeinschaft von exzentrischen und meist erst auf den zweiten Blick sehr liebenswerten Menschen und (Überlebens-)Künstlern ein. Trick 347 verbindet höchst raffiniert gegenwärtige Themen wie Gentrifizierung und eiskalte Profitsucht, Depression und gestörte Kommunikation mit der Magie der Manege. Zum Zauber des Zirkus gehören tolle Kunststücke und atemberaubende Artistik, Glitter und der Duft von Sägespänen. Das wirklich Faszinierende aber ist die zusammengewürfelte Zirkusfamilie selbst, die Tom seine größte Angst überwinden lässt und jedem Einzelnen das Unmögliche möglich macht. Nicht zuletzt ist dieses Buch bis zur letzten Seite superspannend und grandios geschrieben. Echt magisch!

Elke von Berkholz

Nina Weger: Trick 347 oder Der mutigste Junge der Welt, Verlag Friedrich Oetinger, 320 Seiten, 12,99 Euro, ab 10 Jahren

[Gastrezension] Wachgerüttelt

hellwach„Hellwach“ assoziiert man nicht als erstes im Zusammenhang mit einem jungen Mädchen, das in seinen besten Freund verliebt ist und regelmäßig fette Joints durchzieht. Aber die knapp 17-jährige Kiri hat ein drastisches Erweckungserlebnis, und von da an laufen ihre Gedanken Amok und an Schlaf ist nicht zu denken. „Wild Awake“ heißt Hilary T. Smiths Romandebüt im Original, ein sehr treffendes Wortspiel.

Eigentlich will Kiri in den Ferien, die sie allein zu Hause verbringen darf, weil ihre Eltern zu einer Kreuzfahrt rund um die Welt aufgebrochen sind und der ältere Bruder die Semesterferien im Labor verbringen wird, erst mit Lukas einen Bandwettbewerb gewinnen und anschließend sein Herz. Außerdem möchte sie für einen nationalen Klavierwettbewerb üben.
Doch ein unbekannter Anrufer reißt die talentierte Pianistin und Keyboarderin aus ihren Träumereien: Er habe Kiris große Schwester Sukey gekannt, die vor fünf Jahren ums Leben gekommen ist und über die seitdem nicht mehr gesprochen werden darf.

Kiri, deren Eltern von ihr nicht mehr wollen, als „keine Flecken auf dem Teppich und eine nette Telefonstimmen“, also dass das Kind höflich, unkompliziert und zurückhaltend ist, geht dem Anruf nach und findet heraus, dass Sukey, eine leidenschaftliche Malerin, nicht bei einem Autounfall gestorben ist, wie alle immer behaupten. Sie beginnt Fragen zu stellen, hinterfragt sich und ihre Familie. Und wird dabei immer wütender auf ihre Eltern, weil sie die widerspenstige, freigeistige Sukey nicht akzeptiert und unterstützt haben: „Wenn ihnen ihre Scheißteppiche nicht so wahnsinnig wichtig gewesen wären, wäre Sukey jetzt nicht tot.“

Die Autorin beschreibt die Veränderung der Ich-Erzählerin in prägnanten Sätzen und findet starke Bilder. „Ich stehe da und hasse“, sagt Kiri voller lähmender Wut nach einem frustrierenden Streit mit ihrem Bruder. Später klingt sie versöhnlich: „Vielleicht sollte man Menschen nicht danach beurteilen, was aus ihnen geworden ist, sondern danach, was sie trotz allem geblieben sind.“ Und fasst schließlich die Sprachlosigkeit der Familie nach dem Tod der Schwester und Tochter in der Erkenntnis zusammen: „Wir stehen unsicher an der Kreuzung von Liebe und Vermeidungsverhalten, wie ein paar Touristen, die sich verlaufen haben und nicht wissen, welche Straße nach Hause führt.“

Bunte Farbspritzer auf dem alten Teppich halten Kiris Erinnerung an Sukey lebendig, ein schönes, fast poetisches Leitmotiv, das sich wie ein vielfarbiger Faden durch die Geschichte zieht. Das Buchcover spiegelt diese Idee allerdings nur halbherzig als pseudopsychedelische Kleckserei wider, die am Anfang jedes Kapitels als graugetönter Abklatsch zitiert wird, eigentlich nett gedacht, jedoch schlecht gemacht.

Smith, die zuvor anonym über ihre Erfahrungen als Dauerpraktikantin in der Buch- und Medienbranche gebloggt hat, macht in ihrer furiosen, warmherzigen Geschichte vom Erwachsenwerden, von Liebe und Tod, Kreativität und psychischen Krisen sehr vieles sehr gut: Zum Beispiel lesen sich glückliche Knutschszenen überhaupt nicht albern, verunglückte Annäherungsversuche aber fühlen sich exakt so peinlich an, wie sie für ihre Heldin sind. Dies ist auch der feinfühligen und nie überdrehten Übersetzung von Jenny Merling zu verdanken.

Situationen, die in anderen Romanen gern zu dramatischen Höhe- und Wendepunkten hochstilisiert werden, fügt Smith realistisch und schlüssig in die Geschichte ein: Kiri wird nicht gleich vergewaltigt, als sie trotzig und zugedröhnt zu einem älteren Mann ins Auto steigt. Und nach einem nächtlichen Zusammenstoß mit einem PKW kommt der Teenager mit lädiertem Rad, zerrissenen Leggins, etlichen blauen Flecken und blutigen Schrammen davon, und erleidet nicht gleich eine Querschnittslähmung oder ein schweres Schädelhirntrauma. So ist das Leben nämlich in Wirklichkeit: Man kriegt vom Schicksal immer wieder eine gewischt, aber dass „danach nichts mehr ist wie zuvor“ kommt eher selten vor, kleine Wachrüttler sind dagegen häufiger. Und dann liegt es an einem selbst, was man daraus macht.

Apropos Fahrrad: Man merkt gleich zu Anfang, dass dieses Buch nicht in den USA spielt, wo das Fahren von Spritfressern scheinbar zu den Grundrechten gehört und jeder Jugendliche ab 16 einen Führerschein hat. Kiri fährt viel Fahrrad im kanadischen Vancouver (sogar ohne Helm) und ihr flottes Zweirad wirkt einige Male entscheidend und wegweisend.

Insgesamt gleicht Kiris Sommer und Hilary T. Smiths Roman einer nächtlichen Fahrradspritztour durch die Stadt, im eigenen Rhythmus, ohne dass Ampeln und Autoverkehr das Tempo bestimmen. Man fährt durch vermeintlich bekannte Gegenden und entdeckt nachts ganz neue Facetten. Mal gleitet man genießerisch dahin, mal legt man einen erfrischenden Sprint ein, mal droht man ins Schleudern zu geraten. Man spürt alles viel deutlicher, unmittelbarer: den Wind in den Haaren, die vom Asphalt abgestrahlte Wärme, die plötzliche Kälte nach einem Schauer, die nächtliche Stille. Ein Trip, bei dem man leicht neben sich zu stehen scheint und doch hellwach ist, „sowas von da“, wie einst Tino Hanekamp treffend sein in einer Silvesternacht spielendes Debüt betitelt hatte. Ein Trip, bei dem man immer weiter mitfahren will.

Elke von Berkholz

Hilary T. Smith: Hellwach, Übersetzung  Jenny Merling, FJB Fischer Verlag, 2015, 367 Seiten, ab 14, 14,99 Euro

 

[Gastrezension] Benimm dich

lumfiti„Chill mal dein Leben!“, raten Kinder ihren Eltern, wenn diese sie zum Beispiel bitten, nicht mit den Fingern zu essen, nicht andauernd zu pupsen und rülpsen oder mal das Zimmer aufzuräumen.

Auch Kari aus Birte Hosodas Kinderbuch Lumfiti kawumm! wünscht sich, dass vor allem ihre Mutter mal entspannter wird und sie nicht permanent mit den Benimmregeln ihres früheren Kinderfräuleins traktiert. Aber dass ihre Eltern plötzlich mit abgenagten Hühnerknochen werfen, in einer selbstgebauten Höhle im Wohnzimmer hausen, nur einen Kunstpelz um die Lenden oder eine übergeworfene Straußenfederdecke tragen und sich wohlig gegenseitig die haarigen Rücken lausen, das hat die Zehnjährige wirklich nicht gewollt. Jetzt hat sie ein sehr schlechtes Gewissen. Auch ihr bester Freund Edgar, der nebenan mit seiner sehr gechillten Mutter Shala und drei nervigen kleinen Brüdern in charmantem Dauerchaos wohnt und Karis stilbewusste Mama deshalb sehr schätzt, hält Kari anfangs für nicht ganz unschuldig am Durcheinander.
Aber gemeinsam mit Shala sowie der leicht überdrehten TV-Reporterin Betty Bo und dem schrulligen Professor Zerberbier entschlüsseln die plietschen Freunde die mysteriöse Verwandlung und kommen dem wahren Übeltäter auf die Spur.

Raffiniert mischt Birte Hosoda in ihrem Debüt Krimi, lustiges Abenteuer, Mediensatire und Freundschaftsgeschichte. Nebenbei erzählt sie knapp, aber anschaulich die Menschheitsgeschichte vom heutigen Homo sapiens bis zum menschenaffenähnlichen Australopithecus anamensis – vier Millionen Jahre im Schnellrücklauf. Der soeben nahe Johannesburg entdeckte, grazile Homo naledi hätte sich auch noch dazu gesellen können, die Entwicklung des Menschen ist lange noch nicht auserzählt.

Kari und Edgar sind einem sofort sympathisch, weil sie auch mal eingeschnappt und biestig oder traurig und verzweifelt sind. Sie sind so klug wie die Leser, es gibt keinen plumpen „Achtung-Kasper-das-Krokodil!“-Effekt. Aber sie sind auch keine Computer-Nerds, Klugscheißer oder unrealistisch ausstaffierte und versierte Miniagenten.
Kari ist mutig und manchmal ganz schön schlagfertig und Edgar hat technisch schon einiges auf Kasten, wovon er sich das Meiste angelesen hat. Okay, das ist unrealistisch. Aber es schmeichelt der Seele aller Leseratten und gibt uns Bücherwürmern etwas Genugtuung.

Die erwachsenen Charaktere sind liebevoll überzeichnet, genauso wie kluge Karikaturen sein sollten. Reporterin Betty Bo ist extrovertiert, laut, kennt kaum Tabus und würde für eine gute Story einiges tun – aber nicht alles, also Typ: raue Schale, guter Kern. Es gibt darüber hinaus Einblicke in moderne Arbeitsfelder und die ernüchternde Profanität von Fernsehstudios, die viel kleiner sind als erwartet, mit gecastetem Publikum und hässlicher Einrichtung.
Selbst der hochgelobte Anthropologie-Prof erweist sich als weltfremd und wenig hilfreich in seinem monothematischen Elfenbeinturm.
Und mit der Figur des schmierigen Schokoladenfabrikanten erfährt man einiges über Profitgier und plumpe Eitelkeit, schädliche Übernahmegerüchte und altbackende Geschäftskonzepte.

Sehr erfrischend ist Birte Hosodas Tonfall und Sprache. Die Autorin und studierte Japanologin verbindet die Klugheit des Homo sapiens mit der Kreativität des Homo habilis und der Verspieltheit des Australopithecus. „Lumfiti kawumm“ lautet übrigens die einzige an Sprache erinnernde Äußerung von Karis Vater am Anfang seiner Verwandlung und Kari interpretiert es als Warnung im Sinne von „gleich kracht’s“. Vielleicht heißt es aber einfach „entspann dich“ auf Steinzeitisch.
Ein Fazit des Buchs lautet: Hört mehr auf Kinder, selbst wenn es quakige kleine Brüder sind. Und ein bisschen „lumfiti kawumm!“ kann auch nicht schaden.

Elke von Berkholz

Birte Hosoda: Lumfiti kawumm!, Illustration: Stefanie Jeschke, Tulipan Verlag 2015, 176 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

[Gastrezension] Scheitern als Chance

stecktFür jemanden wie mich, der nach dem Motto „schlimmer geht immer“ lebt, ist Oliver Jeffers’ neues Bilderbuch Steckt sehr lustig, geradezu selbstironisch und tröstlich. Allerdings halte ich diese auf Erfahrung beruhende Lebenseinstellung (Wissenschaftler nennen das „evidenzbasiert“) für gesunden Realismus, und sehe mich weniger als Pessimistin.

Dazu passt Steckt. Selbiges tut nämlich Floyds roter Papierdrache in einem großen Baum: Das Flugobjekt hat sich im Geäst verhakt und steckt fest. Und wie man das so macht, wirft der energische, kleine Junge einen Schuh, genauer den linken von seinem Lieblingspaar hinterher, um den Drachen zu befreien. Doch der Schuh bleibt ebenso wie der hinterhergeschleuderte rechte stecken. Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie eigentlich die vielen Schuhe auf Laternenmasten und Bäume kommen? Jetzt wisst Ihr es. Und der Ärger geht weiter: Floyd schnappt sich Mitch, die Katze, gleiches Verfahren, gleiches Ergebnis. „Katzen bleiben ja ständig auf Bäumen stecken. Aber das ging langsam zu weit.“ Also holt Floyd eine Leiter – und wirft sie ebenfalls auf den Baum, wo sie natürlich steckenbleibt.

Jetzt gibt es für den Rotschopf kein Halten mehr, schließlich hat er die Leiter nur vom Nachbarn geborgt und muss sie definitiv zurückstellen, bevor jemand merkt, dass sie weg ist. Floyd schmeißt einen Eimer rosa Farbe hinterher, was die nun leicht bekleckerte Katze vergrätzt und Jeffers’ auf das wesentliche reduzierten, in kräftigen Farben gemalten Bildern noch ein paar Akzente hinzusetzt. Floyd wird richtig sauer, eine kleine Gewitterwolke braut sich über ihm zusammen, die Augenbrauen werden zum wütenden Strich. Und er macht weiter: Eine Ente folgt der Farbe, dann das Fahrrad eines Freundes, der massive Spülstein, die extra ausgebaute Haustür, das Familienauto und der Milchmann, der verwirrt die mittlerweile entspannte Katze fragt, ob sie auch auf dem selben Weg dort oben gelandet sei.

Das ist wunderbar absurd und lustig, aber absolut konsequent. Der kleine Drachenjäger (erfrischenderweise ist damit mal keine Fantasyfigur gemeint) hat sich in etwas verrannt und kann jetzt unmöglich zurück. Das kennt jeder. Und mehr und mehr verliert man das ursprüngliche Objekt der Begierde aus den Augen. Denn es landen des weiteren ein Orang-Utan, ein kleines Boot und ein großer Ozeandampfer, ein Nashorn und das Nachbarhaus auf dem Baum.

Steckt, darin klingt auch „sitzt, passt, wackelt und hat Luft an“ und genau das passiert: Im Geäst fügt sich alles zusammen und bildet eine Welt für sich, zu der sich schließlich noch ein Sattelschlepper, ein Leuchtturm und ein „Wal, der nur zur falschen Zeit am falschen Ort war“, gesellen.
Diese Geschichte hat eine innere Logik, die Kinder sofort verstehen. Und die Erwachsene nur allzu gut kennen und fürchten, angefangen beim falschen Studium, über blöde Jobs, von denen man sich mehr versprochen hat, bis hin zu Beziehungen, die nicht funktionieren, und groß angelegten Projekten, wie Wohnung renovieren und einmal gründlich auszumisten.

Steckt versteht man auch ohne Text, der lakonische Tonfall macht das Buch aber noch witziger. Der vielfach ausgezeichnete Illustrator Oliver Jeffers hat mit Pinguin gefunden sowie dem Nachfolger Up and Down bezaubernde Bücher über Freundschaft geschaffen. Im preisgekrönten Das Herz in der Flasche erzählt der 1977 in Australien geborene, in Belfast aufgewachsene und mittlerweile in New York lebende Kinderbuchkünstler anschaulich von einem Mädchen, das aus Trauer sein Herz verschließt. Aber ohne Gefühle ist ihr Leben langweilig, fade, trist, monoton, sichtbar farblos. Erst Emotionen machen es lebenswert und Schmerz gehört dazu. Steckt zeigt nun das Scheitern als Chance: Floyd macht durch seine Sturheit zunächst alles immer noch schlimmer. Aber schließlich ergibt sich aus dem größten Chaos die Lösung – im wortwörtlichen Sinn. Oliver Jeffers’ neues Buch steckt voller kurioser Komik, charmantem Witz und kluger Philosophie.

Elke von Berkholz

Oliver Jeffers: Steckt, Übersetzung: Anna Schaub, NordSüd Verlag, 2015, 32 Seiten, ab 4, 14,90 Euro

[Gastrezension] Bewegendes Vermächtnis

keeganEs ist nicht so einfach, das posthum erschienene Buch einer jung gestorbenen Autorin zu besprechen: 2012, fünf Tage nach ihrem Abschluss in Yale stirbt die 22-jährige Marina Keegan bei einem Autounfall. Zwei Jahre später haben ihre Eltern, gemeinsam mit Marinas Dozentin, mit Freunden und Familie unter dem Titel Das Gegenteil von Einsamkeit einen Band mit neun Geschichten und ebenso vielen Essays veröffentlicht. Auf dem Einband lächelt uns eine hübsche, junge Frau mit hellbraunen Haaren, in kurzem, blau geblümten Rock und kanariengelber Jacke entgegen, sympathisch, klug, ein wenig verschmitzt. Man will mit ihr befreundet sein, mit ihr ausgehen, über Bücher, Filme und Reisen quatschen, Ausstellungen und Theateraufführungen besuchen – und auf keinen Fall sie als Schriftstellerin kritisieren müssen. Oder noch schlimmer: Ihr „Potenzial“ bescheinigen.

Aber alle Bedenken sind sofort mit den ersten Zeilen (und nach der ebenso respekt- wie liebevollen, gänzlich unpathetischen Einleitung ihrer Dozentin Anne Fadiman) weggewischt. Weil hier eine junge Autorin schreibt, die wirklich gut ist, eine Stimme, eine Haltung und viel zu sagen hat. Die ersten Geschichten handeln von jungen Menschen wie Marina Keegan: Studenten, Anfang 20, gewitzt, suchend, wankelmütig, besonders in Liebesdingen, mutig und übermütig, mal frustriert, mal merkwürdig distanziert, mit Eltern und den beruflichen Aussichten hadernd, doch voller Neugier auf das Leben, das vor ihnen liegt. Das sind brillant beobachtete, leicht spöttische, manchmal wehmütige Porträts und Impressionen der College-Zeit.

Ebenso einfühlend kann Keegan von einer vereinsamten, alten Balletttänzerin erzählen, die ein wenig Zuneigung und Zärtlichkeit empfindet, wenn sie einem blinden, jungen Mann vorliest und sich dabei heimlich auszieht. Spannend und erschütternd beschreibt sie in E-Mails die zunehmende Verzweiflung eines jungen Architekten, der sich für ein Siedlungsprogramm im Irak hat anwerben lassen und in dem Wunsch, etwas zu bewirken, einen katastrophalen Fehler macht. Berührend ist auch die außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte einer 42-Jährigen, die ein Baby adoptiert, 20 Jahre, nachdem sie ihr neugeborenes Mädchen zur Adoption freigegeben hat. Eine fünfköpfige U-Boot-Besatzung versinkt 11.000 Meter tief im Ozean in totaler Finsternis, harrt dem sicheren Ende entgegen. Und doch umschließt einen diese Endzeit-Metapher, die an Kathrin Passigs preisgekrönte Erzählung eines Erfrierenden erinnert, sanft und beruhigend.

Lustig und skurril preist Keegan ihr Auto als erweitertes Wohnzimmer und Teil ihrer Biografie. In einem anderen Essay beschreibt sie höchst anschaulich, mal wütend, mal witzig, selbstironisch und nie Mitleid heischend ihr Leben mit der Krankheit Zöliakie: Sie ist eine der wenigen Kranken, für die glutenfreie Lebensmittel lebenswichtig und nicht nur ein modischer Trend sind.

Marina Keegan schreibt erfrischend anders, klug, witzig, gefühlvoll und angriffslustig, ohne ein falsches Wort oder ein Wort zu viel. Weder eifert sie literarischen Vorbildern nach noch klingt sie manieriert oder bildungsbeflissen. Sie wollte etwas bewegen, verändern, Menschen mitreißen, nicht vernünftig handeln, weder karrieretechnisch oder einkommensmäßig. Im letzten Essay geht sie der Frage nach, warum ein Viertel aller Yale-Absolventen im Finanz- und Consulting-Sektor landet – obwohl doch so viele von ihnen ursprünglich Theaterprojekte leiten, die Bildung reformieren, den Wohnungsbau demokratisieren oder alternative Restaurants eröffnen wollten. Zu Recht hält sie das für ein Verschwendung von Geist, Kreativität, Leidenschaft und Wissen. Man spürt, wie wütend und fassungslos sie dieses normierte Aufgeben von Idealen macht.

Ihr Werk ist ein Plädoyer dafür, Dinge auszuprobieren, etwas zu wagen, ungewisse Wege zu gehen, offen zu bleiben für Neues – auch mit der Chance, zu scheitern. Genau deshalb wollte sie auch Schriftstellerin werden, obwohl sogar etablierte Autoren davon abrieten und sie wusste, dass sie ihren Kindern nicht die finanziellen Möglichkeiten bieten können würde, die sie selbst genossen hat.

Eigentlich hat sie mich genau deshalb gleich zu Anfang mit einem Satz im titelgebenden Text gepackt. Das Gegenteil von Einsamkeit hat Marina Keegan ihre Abschlussrede für Yale überschrieben. Damit hat sie ebenso prägnant wie geradezu poetisch diese besondere Phase und die Gemeinschaft beschrieben, umgeben von Wissen und Geistesgrößen, wenn jeder Tag eine neue Erfahrung birgt. „Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an“, schleudert sie all den Kommilitonen entgegen, die von Anfang an genau wissen, was sie wollen und zielfixiert, unbeirrbar darauf zu arbeiten. Weil sie dieses „Meer von Wissenschaften“ ungenutzt lassen, weil sie für die „immense, undefinierbare potentielle Energie“ nicht empfänglich sind. „Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, aber wenn es eins gäbe, würde ich sagen, genau so fühle ich mich in Yale. Genau so fühle ich mich jetzt. Hier. Bei euch allen. Verliebt, beeindruckt, demütig, ängstlich. Und das dürfen wir nicht verlieren. Bewegen wir etwas in der Welt.“

Wie schade und tragisch, dass Marina Keegan nicht länger und mehr dazu Gelegenheit hatte. Aber wenigstens gibt es dieses Buch: Damit hat die Schriftstellerin schon mehr bewegt, als andere in einem ganzen langen Leben.

Elke von Berkholz

Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Fischer 2015, 285 Seiten, 18,99 Euro

[Gastrezension] Auf der Suche nach dem Vater

„Hugo wusste ja gar nicht, dass er Vater war. Plötzlich tat er mir leid, denn eigentlich war es wie bei Hunden. Wenn man einen kleinen Hund bekam, musste man ihm beibringen, dass er nicht drinnen pinkeln durfte und ordentlich an der Leine laufen musste. Genauso mussten Väter viel lernen. Sie durften nicht auf der Straße singen, nicht komisch mit der Kellnerin rumscherzen und keine doofen Klamotten tragen“, überlegt der zehnjährige Samuel, der in den Ferien einem Mädchen hilft, ihren Vater kennenzulernen. Eine erfrischende Neuinterpretation des alten Spruchs „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ ist diese wunderbar seltsame Woche mit Tess. Und ebenso der furiose Roman Fünf Dinge, die ich über meinen Vater weiß. In diesen zwei Büchern, übrigens beide von jungen Niederländerinnen geschrieben, suchen Mädchen nach ihren Vätern – ein klassisches Thema, das in Zeiten moderner Familienstrukturen und Lebensformen spannend und herzzerreißend schön erzählt wird.

So weiß Kiki njongmanur fünf Dinge über ihren Vater, genau genommen nicht mal die mit Sicherheit, da sie lediglich auf vagen Erinnerungen ihrer Mutter beruhen. Weil das der 14-Jährigen aber nicht reicht, macht sie sich mit ihrer besten Freundin Lottie, einer begnadeten Zeichnerin aus einer glücklichen Familie, auf die Suche, nach dem Mann, der mehr sein soll als nur ihr Erzeuger. Außerdem hilft ihr Wieger, Exfreund der Mutter, der lange liebevoller Ersatzpapa war, jetzt aber eine eigene Familie und dementsprechend weniger Zeit hat.

Bassist soll Kikis biologischer Vater gewesen sein, und so sammeln die Mädchen Merkmale von bassspielenden Bandmusikern für ein Porträt. Dabei lernen sie die unterschiedlichsten Typen kennen, treten in einige Fettnäpfchen, gewinnen bleibende Eindrücke unter Alkohol, werden nach einem Einbruch verhaftet und stellen ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Kiki erzählt flott in raffinierten Zeitsprüngen, mit viel Wortwitz und Selbstironie. Nebenbei spielt Mary Shelleys Roman Frankenstein eine Rolle, selten wurde der Stoff so charmant und mit soviel Sympathie für das Monster adaptiert.

Kiki hat mitreißende Ideen, ist schlau, etwas schräg, manchmal überschießend und ganz schön mutig. So eine Tochter lässt sich nicht mit vermeintlich harmlosen Lügen abspeisen, die in Wahrheit mehr ihrer immer noch ziemlich jungen Mutter helfen.
In 5 Dinge, die ich über meinen Vater weiß von Mariken Jongman krachen Mütter und Töchter mehrfach heftig aufeinander, denn auch Kikis Mama ist mit ihrer Mutter nicht im Reinen. Jahrelang schwelen Streitereien, wie sie wahrscheinlich nur zwischen starken Müttern und selbstbewussten Töchtern ausgetragen werden. Und immer wollen die Älteren nur das Beste für ihre Kinder. Aber die wollen und müssen das für sich selbst entdecken. Und so findet Kiki bei der Suche nach ihrem Vater auch ganz viele andere Dinge heraus – und schließlich ihre eigene, eigenartige, ebenso liebenswerte wie liebevolle Familie.

woltzDass man nicht selbst auf der Suche nach seinem Vater sein muss, um vieles über sich und die eigene Familie zu rauszufinden, erfährt Samuel, als er Tess begegnet. Im Roman Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess von Anna Woltz trifft der grüblerische Zehnjährige, von seinem älteren Bruder gehässig „Professor“ genannt,  das nur ein Jahr ältere, aber gut einen Kopf größere Mädchen in den Ferien auf der niederländischen Insel Texel. Und kaum hat sie ein paar merkwürdige Fragen auf ihn abgefeuert, übt sie auch schon Walzer mit ihm – denn „der Rest meines Lebens hängt davon ab“, sagt Tess. Ihre burschikose, selbstbewusste Mutter meint zwar, auf Männer könne man gut verzichten, trotzdem hat Tess ihren Vater durch schlaue Recherchen ausfindig gemacht und nun auf die Insel gelockt, ohne ihm zu verraten, dass sie seine Tochter ist. Sie will ihn erst kennenlernen und dann entscheiden.

Samuel ist eigentlich zu verkopft für soviel Spontanität. Außerdem übt er gerade, sich gegen Gefühle abzuhärten, um nicht vom Kummer überwältigt zu werden, wenn jemand Geliebtes stirbt. Die Beerdigung des Vaters einer Klassenkameradin hat ihn dazu gebracht. Ganz anders Tess, die ein Feuerwerk unterschiedlichster Emotionen ist, für Samuel ebenso faszinierend wie rätselhaft. Sie konfrontiert ihn auch erstmals mit einem feministischen Dilemma: Zum Beispiel ist Tess überzeugt, dass Frauen sich zu oft entschuldigen, und lässt es folglich bleiben, obwohl ihr tollkühner Plan auch mal schiefgeht und sie Samuels Hilfe braucht.

Samuel ist ein exzellenter Beobachter, trotzdem kann er sich nicht auf alles einen Reim machen. Aber wer so tolle, treffende Begriffe wie Dünenkaninchen und Schienbeinmuskelkater in einem Zusammenhang verwendet, versteht und erlebt mehr als andere. Diese Ferienwoche ist spannend, abenteuerlich, verrückt, lustig, kurios und philosophisch. Regine Kehns mal prägnante, mal leicht versponnene Bilder untermalen das sehr schön. Seltsam? Vielleicht. Wunderbar? Definitiv! Wie Tess’ funkelnde Pünktchenaugen.

Elke von Berkholz

Mariken Jongman: 5 Dinge, die ich über meinen Vater weiß, Übersetzung: Birgit Erdmann, Carlsen, 2015, 252 Seiten, ab 14, 10,99 Euro

Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess, Übersetzung: Andrea Kluitmann, Illustrationen: Regina Kehn, Carlsen, 2015, 176 Seiten, ab 10, 10,99 Euro

 

 

[Gastrezension] Buchstaben des Vergessens

perryPerry, die Protagonistin aus Kate de Goldis Roman Die Anarchie der Buchstaben, hat nicht nur ein exzentrisches Rhythmusgefühl. Perry ist eine brillante Beobachterin, stellt mit den richtigen Fragen die Dinge auf den Prüfstand und malt Bilder, die mehr erzählen als tausend Worte. Allerdings möchte ihre Mutter, eine Psychologin, das einzige Kind, am liebsten permanent beschäftigt wissen, um Perrys unkonventionelle Art im Zaum zu halten. Bis eines Tages der eng gestrickte Stundenplan eine Lücke bekommt – und Perry beschließt, jeden Donnerstag ihre Großmutter Honora Lee im Seniorenheim zu besuchen.
Die hat schon ziemlich viel vergessen, erkennt ihren Sohn, Perrys Vater, nicht mehr, und auch ihrer Enkelin mit dem Jungennamen begegnet sie fast jedes Mal neu. Um Konventionen schert sich die alte, agile Dame auch nicht mehr, plündert die Süßigkeitenschubladen und Kleiderschränke ihrer Mitbewohner und stößt mit ihrer sehr direkten, unverblümten Art andere häufig vor den Kopf. Früher war sie Lehrerin mit erfrischenden Unterrichtsmethoden und Inhalten, wie Perry bald herausfindet. Und so beginnt Perry für ihre Oma bei ihren Donnerstagsbesuchen ein ganz individuelles Alphabet zu malen.

Ein Ritual war schon einmal die Initialzündung für eine Geschichte der neuseeländischen Autorin Kate de Goldi, in ihrem gefeierten, herzergreifenden Roman Abends um 10, im Original The ten o’clock question. Damals ging der sensible, sorgenvolle Frankie jeden Abend vor dem Schlafengehen zu seiner Mutter, um von ihr zuverlässig Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Und viel über seine ebenso schräge wie liebenswerte Familie zu erfahren.
Jetzt ist es Perry, die immer mehr über ihre Großmutter, die anderen Heimbewohner und die Betreuer, ihre Eltern, über Gedächtnis und Erinnerung herausfindet – über das Universum, das Leben und den ganzen Rest sozusagen. Dabei setzt die Neunjährige mit der orangen Brille Einiges in Bewegung: Sie kann ihren Vater mit seiner Mutter versöhnen, die er übrigens nie Mama, sondern immer nur Honora Lee genannt hat. Perrys Mutter wird gelassener und lernt ihre exzentrische Art zu schätzen.

Nebenbei wächst und gedeiht in verrückter Reihenfolge Honora Lees persönliches „ACB“. Zu lesen – und zu sehen auf den originellen Illustrationen Gregory O’Briens, die wie sehr dynamische Schaubilder wirken.
Die Anarchie der Buchstaben ist eines der charmantesten Bücher über Demenz und das Altern. Kongenial übersetzt von Ingo Herzke, der auch die zahlreichen Reime elegant ins Deutsche übertragen hat.

Der einzige Nachteil des ACB with Honora Lee (so der Originaltitel) ist, dass es so kurz ist, selbst für eine notorische Langsamleserin wie die Rezensentin. Aber das Alphabet hat nur mal nur 26 Buchstaben, egal wie anarchisch man diese durcheinander wirbelt. Trotzdem ist es immer wieder verblüffend, was man mit diesen wenigen kleinen Zeichen alles erzählen und erschaffen kann.

Elke von Berkholz

Kate de Goldi: Die Anarchie der Buchstaben, Illustrationen: Gregory O’Brien, Übersetzung: Ingo Herzke, Königskinder, 2014, 160 Seiten, ab 12, 13,90 Euro

[Gastrezension] Alles anders

andersAnders heißt Andreas Steinhöfels neuer Roman – und genau das ist er: anders. Steinhöfels Bücher – von Dirk und ich über Beschützer der Diebe bis zur Trilogie um den tiefbegabten Rico und seinen Freund Oskar – waren schon immer außergewöhnlich, sind alle exzellent geschrieben und haben meist liebenswerte und immer besonders lebendige, vielschichtige Charaktere. Jetzt zeigt der Autor, Übersetzer und Hörbuchsprecher mit seinem ersten Werk für den neuen Verlag Königskinder eine reizvolle Entwicklung. Das hängt auch mit der Rückkehr aus Berlin in seine mittelhessische Heimat zusammen. Kleinstädtisches Lokalkolorit an der Lahn und mythisch aufgeladene Orte wie das Erler Loch spielen eine wichtige Rolle für die Dynamik der Geschichte.

Anders nennt sich der elfjährige Felix, weil er sich genau so fühlt, seit er nach neun Monaten aus dem Koma erwacht ist und sich nicht mehr an sein altes Ich erinnern kann. Nicht dass dem Jungen der ihm ursprünglich von seiner enorm ehrgeizigen Mutter verpasste Name Glück gebracht hat – er war ein überbehütetes, schüchternes und gelangweiltes, sogar unglückliches Kind. Absurd, dass ausgerechnet seine Eltern mit groteskem Slapstick zusammen den Unfall verursacht hatten, der ihren Sohn ins Koma fallen ließ. Jetzt sieht Anders seine Mitmenschen neu, riecht Farben, sagt, was er denkt, ist kompromisslos direkt und entlarvt Lebenslügen. Seine düsteren Diagnosen und eigenwillige Art verstören nicht nur seine Umgebung, es macht einige extrem nervös. Denn seine Amnesie hat auch Schutzfunktion – für ihn und diejenigen, die ein dunkles Geheimnis mit ihm teilen. Langsam und leidvoll kommt Anders der Lösung näher. Auch seine Lehrerin, seine Eltern und sein Nachhilfelehrer, der allein als Witwer am Ortsrand lebt, verwandeln sich durch ihn.

Nebenbei zeichnet Steinhöfel von Spießern und anderweitig engstirnigen Erwachsenen ein paar schön ätzende Miniaturen, die wohl weniger für seine jugendlichen Leser gedacht sind. Diese können sich umso mehr am virtuosen Spiel mit Märchen und Mythen freuen und Motive entschlüsseln: Felix als Schneewittchen, seine Mutter mit einer bösen Stiefmutter in Personalunion, für die das Kind ein Statusobjekt ist, das funktionieren soll. Sein Vater ist der sanftmütige und lange verblendete König. Es gibt Eigenbrötler, Romantik und Grausamkeit, gute Feen und wütende Nixen.
Darüber hinaus wechselt Steinhöfel Perspektiven, variiert Stilelemente, setzt inneren Monolog und Zeitungsmeldung ein, ist manchmal poetisch, wozu besonders gut die reduzierten, lichtdurchfluteten Illustrationen von Peter Schössow an jedem Kapitelanfang passen. Da kann man es auch verschmerzen, dass die unterschwellige Krimihandlung ein eher blassroter Faden ist, die Spannung lässt nach, wenn man nach etwa der Hälfte ahnt, was passiert ist.

Was Steinhöfel als Kinderbuchautor auszeichnet, ist sein großer Respekt vor Kindern. Sie sind ihm eindeutig die lieberen Mitmenschen. Dabei idealisiert und verniedlicht er Kinder nicht, er nimmt sie ernst, schätzt ihre unverstellte Art und traut ihnen alles zu – in guter wie schlechter Hinsicht. Und er mutet seinen Figuren und seinen Lesern einiges zu. All das spürt man sofort beim Lesen, und das erklärt auch den Erfolg seiner Bücher.

Mit Anders hat der 53-Jährige einiges gewagt und viel gewonnen. Weil Anders aber nicht als Serienheld gedacht scheint, das Werk eher monolithisch daher kommt, darf man auf die nächste Neuerfindung des Bestsellerautors gespannt sein. Sie wird anders grandios.

Elke von Berkholz

Andreas Steinhöfel: Anders, Königskinder Verlag, 2014, 240 Seiten, ab 12, 16,90 Euro