Superschützenswerte Superkraft

In Märchen gibt es Könige. Und England hat auch einen. Und früher gab es Könige auch in echt (und manchmal auch Königinnen, aber nicht hierzulande). Warum haben wir keinen König? Mit dieser aus Kindersicht und den ihnen vertrauten Geschichten naheliegenden Frage beginnt die Politologin Jonna Struwe ihr hervorragendes Sachbuch.
Kinderfragen zur Demokratie verständlich erklärt, lautet der Untertitel. Berechtigte Fragen, weil doch anscheinend mit Königen oder auch englisch Queens Gutes assoziiert wird. Das zeigt die Illustratorin Ina Hattenhauer gleich zu Beginn, wo ein Vater mit Töchterchen in Prinzessinaufmachung einen Einkaufswagen vorbeischiebt. Plakate und Schilder werben mit royalen Vorworten: Ein Fußballwettbewerb wird als Königsklasse gepriesen, ein Bier macht einen zum König für einen Tag, Blumen tragen Kaiserkronen, und ein Kaninchen mit schicken Einkaufstüten namens Hopping Queen ist eine niedliche Anspielung auf ein beliebtes TV-Format.

Monarchie ist ungerecht

So gibt Ina Hattenhauer dem vermeintlich drögen Thema gleich eine witzige und doppelbödige Note, so dass man umso neugieriger in Jonna Struwes klugen Sachtext einsteigt. Denn Demokratie ist wirklich für alle interessant und wichtig. Weil Demokratie von allen für alle ist. Dass Könige und sogenannte Monarchien kein märchenhafter Spaß sind, erklärt Struwe gleich zu Anfang: Ein alleiniger Bestimmer ist ungerecht und grausam.

Vor 2500 Jahren erdacht

»Das haben sich auch schon die Menschen im Alten Griechenland vor 2500 Jahren gedacht und überlegt: Was wäre, wenn niemand ein Leben lang Chef ist? Was wäre, wenn alle mitentscheiden könnten? Wenn sich alle Menschen im Land, also das Volk, die Macht teilen würden? Das griechische Wort für Volk ist demos und das für Macht kratos. Das wäre eine Demo-kratie. Das Volk bestimmt. Nicht einer allein, sondern alle zusammen.«

Reden und Regeln

Und wie das geht und wie das heute in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert, erklären und zeigen Struwe und Hattenhauer anschaulich und mitreißend auf den folgenden 60 Seiten. Gleich zu Anfang bringen sie die kindlichen Leserinnen und Leser mit ins Spiel: Wie können alle Bestimmer sein? lautet eine frühe Kapitelüberschrift. Oder was ein vom Taschengeld gekauftes Eis damit zu tun hat. Ein tolles stilistisches Mittel zur Wissenvermittlung ist auch, Begriffe und Bezeichnungen aufzudröseln und zu übersetzen. Wie Demokratie aus Volk und Macht aus dem Altgriechischen. Oder Parlament vom Französischem parler, also ein Ort, an dem vor allem viel miteinander geredet wird. Zum Beispiel über neue Gesetze. Gut ist es auch Gesetze, als gemeinsam erarbeitete Regeln für das Zusammenleben aller Menschen zu definieren.

Koala-Koalition

Dass ein Wahllokal kein Restaurant für große Meeressäuger ist. Warum bestimmte Farben mit Parteien assoziiert sind. Oder was es mit der Vorsilbe Bund auf sich hat. Man kennt ein Bund Radieschen oder einen Bund Möhren. Aber einen Bund Länder? Eine Bundeskanzlerin? Einen Bundestag? Einen Bundesrat? Im Zusammenspiel von Text und Illustration entstehen schöne Wort-Bild-Spiele: Zum Beispiel eine Koalition. Und, total niedlich, eine Koala-Koalition. Und ein Fahrrad für 16 Leute ist vielleicht ein Bundesrad, aber kein Rat.

Die Giraffe weiß mehr

Eine sehr lustige und raffinierte weitere Ebene der Wissensvermittlung sind die eingestreuten Zusatzinformationen, historische Herleitungen und kuriose Fakten. Warum die von einer Giraffe präsentiert werden, wird später auch illustriert. Und wie das große, weil langhalsige Tier mit dem nun Folgendem direkt zusammenhängt.

Das Super-Gesetz

Grundlage für all unsere Demokratie ist hierzulande das Grundgesetz, das im Buch sogenannte Super-Gesetz. Das eigentlich sehr gut geschützt ist, unter anderem durch Super-Mehrheiten, die es braucht, um einzelne Gesetze zu ändern. Zwei Gesetze aus diesem vor gut 80 Jahren von 61 Männern und nur vier (!) Frauen erarbeiteten Grundgesetz dürfen sogar von keiner Macht der Welt verändert oder ausgehebelt werden. Wie das mit der Gewaltenteilung in Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler, Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident (eine Bundespräsidentin gab’s hierzulande tatsächlich noch nie, aber wer weiß, vielleicht ab 2027?) und dem Bundesverfassungsgericht zusammenhängt, erläutert Struwe exzellent und erstaunlich kurzweilig.

Besser kann man es nicht erklären

Als durchschnittliche, erwachsene Bundesbürgerin kann man das nicht so prägnant, pointiert und und unterhaltsam erklären. Und ehrlich gesagt, als einfache Wählerin wusste man das bisher auch nicht so genau, hat eher eine vage Ahnung, wie alles zusammenhängt. Auch die Erläuterung einzelner Begriffe hat einen großen Mehrwert. Und doch zuckt man zum Ende des Buches kurz zusammen.

Kurzer Blick in die Historie, mit Blick auf die Zukunft

Wenn der Grund für das Grundgesetz und die Demokratie als Staatsform historisch begründet wird: Mit einem kurzen Abriss über Diktaturen im allgemeinen und der der Nazis im speziellen. Dabei fehlt, dass Hitler nicht aus dem Nichts an die Macht kam. Sondern eine bereits bestehende Demokratie ausgehebelt hat. Das wäre natürlich zu kompliziert zu erklären. Dass eine Demokratie aber auch immer gefährdet ist, angegriffen wird und unbedingt verteidigt werden muss, wird dann kurz vor Schluss im wichtigen Kapitel Kann Deutschland wieder eine Alleinherrschaft werden? vor Augen geführt.

Unbedingt verteidigen

Das Buch endet mit dem Appell an alle, explizit auch an (noch nicht wahlberechtigte) Kinder, sich einzubringen, zum Beispiel über Petitionen, Demonstrationen oder die Kinderkommission. Warum die Demokratie unbedingt schützenswert ist und verteidigt werden muss, gerade in Zeiten wie diesen, zeigt dieses Sachbuch eindringlich und unmissverständlich allen, Kindern und Erwachsenen.

Jonna Struwe: Warum haben wir keinen König? Kinderfragen zur Demokratie verständlich erklärt, Illustration: Ina Hattenhauer, dtv, 2026, 64 Seiten, 16 Euro, ab 6

Der Kampf um die Demokratie

Vorneweg – ich war noch nie in einem Escape-Room und habe auch nicht vor, mich jemals in so eine Situation zu begeben. Dafür wird mir in abgeschlossenen Räumen zu schnell mulmig, auch ohne dass ich an Klaustrophobie leide.
Aber umso interessierter habe ich den neuen Roman von Manfred Theisen gelesen, Escape.

In diesem Pageturner werden sechs Jugendliche am Ende einer Schulprojektwoche in einen ebensolchen Raum geschickt, in dem sich zum Thema Demokratie ein wahres Labyrinth befindet. Durch dieses Wirrwarr müssen die sechs innerhalb von fünf Stunden hindurch. Die Räume sind thematisch ausgestattet, mal als Spiegelkabinett, mal als Barbie-World, als Studier- oder Arbeitszimmer oder als umgekrempelter Zauberwürfel.

Nur gemeinsam zu lösen

Wie es in Escape-Rooms üblich ist, kommt die Gruppe nur weiter, wenn sie jeweils ein Rätsel oder eine Aufgabe löst. Und da es sich thematisch um Demokratie dreht, werden die Teens, drei Jungs, drei Mädchen mit unterschiedlichen sozialen und geografischen Hintergründen, beispielsweise nach den den wichtigsten Grundsätzen für ein Zusammenleben in ihrem Traumland gefragt. Sie lernen die drei grundlegenden Pfeiler der Demokratie – Legislative, Judikative und Exekutive – kennen und müssen damit in einem virtuellen Computerspiel gegen einen drachenartigen Tyrannen kämpfen. Das alles geht nur gemeinsam – meistens jedenfalls.

Machtstreben und Machtspielchen

Die Gruppe wird aus einem Kontrollraum aus beobachtet, damit ihnen auch ja nichts passiert. Erzählerisch wechselt Theisen immer wieder zwischen den Spielenden und den Kontrollierenden und steigert so die Spannung. Nicht nur die wechselnden Räume führen zu beständigen Wendungen in den Plot, sondern Theisen bringt auch die Dynamiken in den Gruppen auf den Punkt und macht die Entwicklungen der verschiedenen Figuren deutlich. So wird aus dem nerdigen, aber superschlauen Josh, der im normalen Unterricht immer gemobbt wird, ein ziemlich unsympathischer Anführer mit diktatorischen Zügen. Der schöne Marc, der mit Ceylin zusammen ist, reagiert beleidigt. Die Mädchen versuchen auszugleichen, zwischen Ceylin und Sarah funkt jedoch die Eifersucht um Marc dazwischen.

Solidarität versus Egoismus versus Deepfake

Über eine App bekommen die Spielenden sowohl Anweisungen als auch monetäre Belohnungen, was die kapitalistischen Rahmenbedingungen spiegeln soll. Was draußen in der Welt also im Großen abläuft, findet sich so auch in diesem überschaubaren Kosmos wieder.
Dazu kommen die Intrigenspielchen der Überwachenden, die in einem Deepfake gipfeln, der die Stimmung auf einen dramatischen Höhepunkt treibt.

Rasante Geschichte, wichtiges Diskussionsmaterial

Auch wenn der auktoriale Stil Theisens mir nicht besonders gefällt – es gibt zu viel Headhopping und man muss sehr aufmerksam sein, um den Faden zwischen den Sprechenden und ihren Gedankengängen nicht zu verlieren –, bleibt Escape eine rasante Geschichte, die sich schnell liest und in keiner Sekunde langweilt. Mit den verschiedenen Räumen und ihren hochaktuellen Themen (bis hin zur Klimakatastrophe und KI-generierten Fake-News) bietet dieser Roman für Jugendliche viel Diskussionsmaterial. Die wichtigsten Punkte einer Demokratie werden erklärt, ohne dass es pädagogisch daherkommt. Dazu zeigen die Auseinandersetzungen und Verhaltensweisen der Figuren anschaulich, wo die Gefahren für dieses Herrschaftssystem liegen.

Potential als Schullektüre

Escape könnte ich mir als Schullektüre mit begleitenden Diskussionsrunden sehr gut vorstellen. Der Roman veranschaulicht, dass Demokratie keine einfachen Lösungen bereithält und dass für ihre Aufrechterhaltung sehr viel getan und hart darum gekämpft werden muss. Das mag abschrecken, das mag ermüden, das mögen viele Menschen vielleicht nicht gern hören, aber die Alternativen sind einfach nicht akzeptabel. Das den Jugendlichen so früh wie möglich zu vermitteln und ihnen die Gefahren von Manipulation durch die sozialen Medien und KI-Tools vor Augen zu führen, sollte mittlerweile eigentlich selbstverständlich sein. Scheint es aber leider immer noch nicht. Theisens neuer Roman könnte dabei helfen.

Manfred Theisen: Escape. Der Schlüssel sind wir, cbt, 2025, 240 Seiten, 10 Euro, ab 12

Demokratisch von klein auf

Demokratisch

Nur noch wenige Tage, dann wählen wir eine neue Regierung. Ein Ereignis, das im Normalfall lediglich alle vier Jahre vorkommt und für das wir dankbar sein sollten. Denn es ist – wie man anhand von so einigen anderen Ländern erkennen kann – nicht selbstverständlich. Darum ist es um so verwunderlicher, dass knapp 30 Prozent der Wahlberechtigten in diesem Land ihr Recht auf Wahl nicht ausüben, sich nicht aufraffen, den kurzen Weg ins Wahllokal zu unternehmen und dort ihr Kreuz zu machen. Was ist los mit solchen Menschen? Nun, auf diese Frage müssen andere eine Antwort liefern, falls das denn möglich ist.

Früh übt sich

Man könnte aber auch schon mal auf die kommenden Wählergenerationen setzen und früh damit anfangen, die Kids mit unserer Demokratie vertraut zu machen. Für die ganz Kleinen kann dabei nun das Pappbilderbuch Gemeinsam? Na klar! von Texter Sven Gerhardt und Illustrator Nikolai Renger helfen. Auf acht amüsanten Doppelseiten, die aufgeklappt quasi zu einem Cinemascope-Format mutieren, machen sich Horden von unterschiedlichsten Tierarten auf: Die Störche stimmen ab, ob sie in die Berge oder ans Meer fahren, die Kühe wählen Berthilde zu ihrer Anführerin, weil sie weiß, wo’s langgeht, und die Giraffen kommen gemeinsam an den Basketball im Baumwipfel heran. So ist für alle gesorgt und alle sind glücklich.

Wo viele aufeinandertreffen

Es gibt auf diesen knallbunten Seiten viel zu schauen und zu entdecken. Dazu immer ein gereimter Zweizeiler, der mit wenigen Worten die wichtigsten Prämissen eines friedlichen Zusammenlebens umreißt. Denn wo viele aufeinandertreffen und zusammen leben, braucht es Regeln und gegenseitige Hilfe, damit niemand zu kurz kommt und alle sich wohlfühlen. Das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten – würden sie nur nicht gerade von rechten Machtmenschen kontinuierlich und immer dreister konterkariert und infrage gestellt werden.

Demokratische Prinzipien

Mit ihrem Bilderbuch setzen Gerhardt und Renger diesen erschreckenden Entwicklungen etwas entgegen, indem sie die demokratischen Prinzipien – Abstimmen, Mehrheitsentscheidung, Hilfe, Rücksicht auf die Schwachen – kindgerecht auf den Punkt bringen. Kleine Menschen können so schon in der Familie oder in der Kita demokratische Entscheidungsfindungen ausprobieren und umsetzen. Sie üben sich quasi von klein auf in dieser wichtigen Disziplin, so dass diese für sie womöglich etwas ganz Selbstverständliches und Alltägliches wird.
Man könnte fast die Hoffnung bekommen, dass solch geschulte Menschen in Zukunft nicht demokratiemüde werden, sondern diese Regierungsform schützen, mit Leben füllen und verteidigen – denn eine bessere gibt es nicht.

Sven Gerhardt: Gemeinsam? Na klar!, Illustration: Nikolai Renger, Penguin Junior, 2025, 16 Seiten, ab 2, 11 Euro

Die dunklen Seiten des Menschen

Was ist nur los mit den Menschen in der Welt und mit uns selbst? Das könnten wir uns in diesen Tagen ständig fragen, und zwar nicht nur wegen der nervenaufreibenden Corona-Lage. Hass, Lügen, Verarschung, Provokationen, Protest und Manipulationen sind gefühlt in allen Bereichen des Lebens an der Tagesordnung, in der Politik, der Wirtschaft, im virtuellen Raum wie auch im Freundes- oder Familienkreis. Schnell bleibt bei uns der Eindruck zurück, dass der Umgang der Menschen miteinander immer nur noch schlimmer wird. Diesem komplexen Phänomen widmet der Philosoph Jörg Bernardy sein aktuelles Buch für Jugendliche. In sechs Kapiteln erörtert er die oben genannten menschlichen Verhaltensweisen, unsere dunklen Neigungen.

Aufklärung im Sinne der Philosophie

In jedem Kapitel erklärt er die Grundlagen, also warum es beispielsweise menschlich ist zu lügen oder über wen gelacht werden darf und bei welchem Thema so etwas nicht angebracht ist. Bereits hier finden sich die Leser:innen rasch in ihren eigenen Lebenswelten wieder, die Bernardy mit unzähligen Beispielen aus den vergangenen Jahren und der Historie anreichert: Trumps Fake News-Politik kommen zur Sprache, die Provokationen der Dadaisten von Anfang des 20. Jahrhunderts oder auch die me-too-Debatte. So stecken wir von Seite eins an in einem hochpolitischen Buch, das nichts weniger verhandelt als die Grundfesten unserer Demokratie: Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Menschenrechte.

Orientierung im Polittalk

Was sich abstrakt anhört, begegnet uns nämlich tagtäglich, sobald wir mit anderen Menschen Umgang pflegen und mit ihnen über das Weltgeschehen, die Kommunalpolitik oder auch den Schulalltag diskutieren. Denn niemand von uns möchte angelogen, manipuliert, gemobbt oder rassistisch beleidigt werden. Bernardy bietet im Zuge einer grundlegenden Aufklärung differenzierte Definitionen allgegenwärtiger (Hass-)Tendenzen (z.B. Islamismus, Antisemitismus, Faschismus, Sexismus etc.) und macht damit deutlich, wie wichtig es ist, sich zunächst über die Begriffe und ihre Bedeutung klar zu werden.
Denn sobald wir wissen, wer beispielsweise den Begriff »Lügenpresse« in welchem Kontext und aus welchen Gründen benutzt, werden wir uns nicht so leicht vereinnahmen lassen oder möglichen Verschwörungstheorien auf den Leim gehen. Ausführlich erläutert Bernardy in diesem Kontext auch die die Rolle der Medien, das Ziel von »Clickbaiting« oder warum Tabubrüche in gewissen Blättern oder Sendern so beliebt sind.
So gelangen die Leser:innen im Laufe der Lektüre dazu, sich eine Haltung zu erarbeiten und sich mit ihren eigenen Meinungen und Verhaltensweisen auseinanderzusetzen.

Eine Frage der Haltung

Doch Bernardy liefert nicht einfach nur Antworten und belässt es bei Erklärungen oder Definitionen, sondern er lädt die Leser:innen zu Gedankenspielen und -sprüngen ein, in denen ein jede/r angeregt wird, eigenes Tun und mögliche vorhandene Vorurteile zu überdenken. Er bedient sich dafür unzähligen Fragen, die tief in philosophische Diskussionen führen können, weil es selbst bei den dunklen Seiten von uns Menschen nicht einfach nur ein Richtig und ein Falsch gibt, sondern auch immer ein Es-kommt-darauf-an.
Ich glaube, es hackt! hat das Zeug, zur Diskussionsgrundlage für Schulklassen und Familien zu werden. Die gelungene Mischung aus Erklärungen, Beispielen und Fragen schafft ein kurzweiliges Lesevergnügen mit dem nachhaltigen Effekt, dass wir über viele Aspekte lange nachdenken und diskutieren können und sollten.
Junge Leute werden aus solchen Diskussionen auf jeden Fall gestärkt und mit einer eignen Haltung in diese anstrengende Welt gehen, in der scheinbar so vieles immer schlechter wird, es aber objektiv immer mehr Menschen besser geht. Wenn wir dann in Kenntnis unserer dunklen Seiten uns ganz bewusst für die guten Seiten wie Liebe, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Toleranz entscheiden, kann jede/r von uns das Leben für alle noch ein bisschen schöner machen.

Jörg Bernardy: Ich glaube, es hackt! Leben in Zeiten von Tabubrüchen, Beltz & Gelberg, 2021, 174 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

Die wahren Helden

vinkeNach diesem Wochenende und den Ereignissen von Paris einfach so weiterzubloggen fällt mir irgendwie nicht ganz leicht. Zu unwichtig erscheint mir das Unterfangen, über Bücher zu schreiben. Und doch können es auch Bücher sein, die den Geist der Menschen erhellen und ihnen vielleicht unsinnige Überzeugungen austreiben oder zumindest einen Zweifel daran wecken. Terror ist das Letzte, was wir in dieser Welt, egal wo, noch brauchen, bringt er doch nur Leid, schürt den Hass, stachelt Politiker zu abstrusen Gedankengängen an und macht die Rüstungsindustrie noch reicher. Lauter Dinge, die keiner will.
Dabei ist unsere Welt auch ohne Terror schon eine einzige Problemzone. Die Suche nach Schuldigen, Hintermännern und Drahtziehern ist wichtig, genauso wichtig ist aber auch, an die vielen Menschen zu denken, die versuchen, diesen Ort zu einem besseren zu machen.
Ein Gefühl dafür, dass etwas – irgendetwas – getan werden muss, entwickeln Kinder und Jugendliche meines Erachtens schon relativ früh. Dass man als Erwachsener oft gegen die Ohnmacht kämpft, steht auf einem anderen Blatt. Was also tun, um Jugendlichen einen Weg durch diesen widersprüchlichen Dschungel aufzuzeigen und ihnen Mut zu machen, sich zu engagieren und die Ursachen von dem Leid zu bekämpfen, das letztendlich auch zum Terror führen kann?

Man könnte ihnen die Lektüre des Buches Zivilcourage 2.0 von Hermann und Kira Vinke empfehlen. Denn die beiden Autoren stellen hier die wahren Helden des 21. Jahrhunderts vor. In sieben großen Kapiteln zu den drängendsten Problemen, den Plagen unserer Zeit – Krieg, Armut, Hunger, Kampf um Menschenwürde, Umweltzerstörung, Finanzbetrug und Überwachung – portraitieren sie 19 mehr oder minder berühmte, vor allem aber sehr engagierte Persönlichkeiten. Edward Snowden, der sein gesamtes Leben über den Haufen geworfen hat, um den wohl umfassendsten Überwachungsskandal aufzudecken, den wir bisher je erlebt haben (hier gibt es scheinbar keine klischeefreien Ausdrücke mehr, um dieses irrsinnige Drama in Worte zu fassen) macht den Auftakt. Malala, die sich allein durch ihren Bildungshunger mit den Taliban anlegte, schließt die Reihe.

Dazwischen lernt man die Künstlerin Parastou Forouhar, die für die Freiheit im Iran kämpft, Sheela Patel, die sich in indischen Slums für den Bau von Toiletten einsetzt, oder Sylvia Earle kennen, die ihrerseits gegen die Verschmutzung der Meere kämpft. Mir waren die drei nicht bekannt, so bin dich dankbar für diese Aufklärung.
Die Vinkes erinnern aber auch an die wichtige Arbeit von Rupert Neudeck, der mit der Cap Anamur schon Ende der 70er Jahren Flüchtlinge aus dem Meer gerettet hat, und an den Kampf von Aung San Suu Kyi für Freiheit in Myanmar, der mit den Wahlen vergangene Woche eventuell endlich gewonnen wird.

Biografisches verflechten Vater und Tochter Vinke in verständlichen Texten mit den großen Problemen und schaffen so grundlegendes Wissen, das einen Überblick über die weltweiten Zusammenhänge schafft. Einige der Personen lassen sie in Interviews zu Wort kommen und zeigen auch die Helfer der Helden, da diese natürlich nie im luftleeren Raum agieren.
In ihren Darstellungen machen sie aber auch klar, dass für diesen vorbildliche Einsatz und diesen Mut oft ein hoher Preis gezahlt werden muss. Haft, Verlust von Heimat, körperliche Schmerzen – wir Erwachsenen wissen um diese Schicksale dieser Vorkämpfer. Die Unbeugsamkeit dieser Menschen, die sich davon nicht unterkriegen lassen, fordert Respekt ein.
Für junge Leser gibt es hier die ganze Bandbreite von Überzeugungen, für die man sich einsetzen kann, damit unserer Welt wirklich geholfen wird. Sie bekommen Anregungen, in welchen Organisationen sie tätig werden könnten – beispielsweise Attac, Amnesty International oder Greenpeace – oder worauf sie bei ihrem täglichen Leben achten könnten (Verzicht auf Plastiktüten).

Selbst als Erwachsener wird man durch diese geballte Ladung an Zivilcourage inspiriert, noch einmal nachzudenken, welchen Teil zum Ganzen man selbst betragen kann. Denn auch das macht dieses Buch klar: Würde jeder von uns den Mut aufbringen, sich für eine der Facette von Gerechtigkeit einzusetzen, könnte diese Welt eigentlich ein Paradies sein. Nach Paris, Ankara, Beirut, Irak, Syrien, Nigeria hört sich dieser Gedanke zwar ziemlich weit hergeholt an, aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben. Und hoffe auch, dass die Mächtigen endlich mal die Luft aus ihrem Ego rauslassen und die Probleme an den Wurzeln anpacken, anstatt gleich nach Verschärfung von allem Möglichen schreien. Denn jeder klar denkende Mensch, dessen Hirn nicht von Lobbyisten vernebelt wurde, kann den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verstehen. Wenn dazu noch Respekt und weniger Gier kämen, könnte man diese ganze verfahrene Lage eventuell wieder auf einen Kurs bringen, der allen Menschen ein würdiges, angenehmeres und friedlicheres Leben ermöglicht. Aber vielleicht bin ich auch nur naiv …

Hermann Vinke/Kira Vinke: Zivilcourage 2.0. Vorkämpfer für eine gerechte Zukunft, Ravensburger, 2015, 248 Seiten, ab 13, 16,99 Euro

Demokratisch von klein auf

demokratieEin Freund sagte neulich zu mir: „Mit Demokratie kann man sich auch den Abend verderben.“ Ja, möchte man manchmal seufzen – aber was wären die Alternativen zur Demokratie? Mir fällte keine ernstzunehmende ein. Und so anstrengend Demokratie also sein mag, so wichtig ist sie.

Dass man die Grundprinzipien von freien Wahlen,  Mehrheitsvotum und Volksvertretung auch schon den ganz jungen Menschen beibringen kann, zeigt Juli Zeh in ihrem Kinderbuch Jetzt bestimme ich, ich, ich!
Anhand der vierköpfigen Familie Wiefels spielt sie verschiedenen Formen von Entscheidungsfindung durch, damit es nicht immer so viel Streit am Abendbrottisch gibt. Angefangen beim „Bestimmer-Karussell“, in dem immer einer dem nächsten sagt, was er zu tun hat, über das Auslosen, wer was im Haushalt machen soll, bis hin zur Bildung eigener Mini-Reiche im Haus, wo jeder machen kann, was er will.
Doch nichts bringt die Familie wirklich weiter. Entweder ist durch das Bestimmer-Karussell nur grüner Salat zum Abendbrot da, oder alle verziehen sich in ihre Mini-Reiche und leben nicht mehr wirklich miteinander, sondern aneinander vorbei. Auch die einfachen Abstimmungsverfahren bringen die Wiefels nicht richtig weiter, da es zu oft unentschieden steht.
Erst als eine „Regierung“ gewählt wird, nach einem aufregenden Wahlkampf mit Luftballons und Wahlplakaten, kehrt die Zufriedenheit in der Familie ein.

Juli Zeh kommt in dieser Geschichte ohne schwieriges Polit-Vokabular aus und macht es jungen Lesern damit leicht, die Grundprinzipien unserer Staatsform zu verstehen. So wie heute der Umgang mit technischem Gerät wie Smartphones und Tabletts für kleine Menschen schon fast selbstverständlich ist, kann mit dieser Lektüre auch das Bewusstsein für demokratisches Verhalten früh geweckt werden. Denn das, was für einen selbstverständlich zum Leben dazu gehört, lässt man sich auch nicht so leicht nehmen. Anderen undemokratischen Strömungen und Tendenzen wird damit von Anfang an der Nährboden entzogen – zumindest hoffe ich das. Daraus folgt eigentlich die Empfehlung, dass dieses kleine, aber ganz feine Buch in keiner Familie mit kleinen Kindern und in keinem Kindergarten fehlen darf.

Juli Zeh: Jetzt bestimme ich, ich, ich! Illustration: Dunja Schnabel, Carlsen, 2015, 48 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

[Jugendrezension] Familienspaß

lillyHallo, ich habe das Buch Ich, Lilly und der Rest der Welt von Alexandra Maxeiner gelesen. Es ist vom Kosmos-Verlag und hat 143 Seiten und viele schöne Bilder.

Ich habe die Geschichte in einer Woche durchgelesen, immer abends ein bisschen. Weil das Buch spannend und lustig ist, gehört es jetzt zu meinen Lieblingsbüchern.

Hannah ist die Hauptperson in diesem Buch. Lilly ist auch wichtig. Sie ist Hannahs Schwester und elf Monate älter. Dann gibt es noch Cora, die älteste Schwester, und Frida, die kleinste. Und natürlich die Eltern.
Es ist sehr lustig beschrieben, was die Mädchen erleben. Zum Beispiel, als Hannah und Lilli ihre Schwester Frida an Leonie, das ist das Nachbarskind, verkaufen. Sie brauchen Geld für Himbeerbonbons.
Das zweite Kapitel ist besonders witzig: Die Familie streitet über die Farbe, in der ihr neues Haus angestrichen werden soll. Der Vater meint, die Mehrheit soll entscheiden – wie in der Demokratie. Das klappt aber nicht so, wie der Vater möchte.
Oder die Mädchen spielen im Kaufhaus „Pferd“, und Lilly vergisst dort ihr unsichtbares Pferd. Dann tun sie so, als ob das Pferd zum Auto rennt, durch die Autoscheibe kracht und sich neben Lilly setzt.

Man vertieft sich in da Buch, weil es bei vielen Familien so ähnlich ist wie bei Hannah und ihrer Familie.
Auch Eltern mögen das Buch bestimmt, wenn sie Spaß verstehen.

Emilia2 (9 Jahre)

Alexandra Maxeiner:  Ich, Lilly und der Rest der WeltKosmos, 2013, 144 Seiten, ab 8, 9,99 Euro