Für die Liebe

Seit ein paar Wochen ist bei uns in Deutschland die Ehe für alle eine beschlossene Sache, und ich freue mich, dass alle Liebende, egal, welche sexuellen Präferenzen sie haben, heiraten können, wenn sie das denn wollen.

Mit dem Beschluss der Ehe für alle haben jedoch in gewissen Kreisen die Diskussionen und die Ablehnung der Ehe für Homosexuelle nicht aufgehört, sondern nehmen zum Teil echt absurd maßlose Züge an, wenn pauschal Homosexuellen pädophile Neigungen unterstellt werden. Man fasst sich an den Kopf und möchte diese Menschen eigentlich nur schütteln. Alternativ könnte man ihnen jetzt auch das Buch Väterland des Franco-Algeriers Christophe Léon in die Hand drücken, damit sie alle noch mal genau überlegen, was sie da eigentlich von sich geben.

In Väterland beschreibt Léon ein dystopisches Frankreich, in dem einst die Ehe für alle üblich, also eigentlich nicht der Rede wert war. So haben George und Phil vor 15 Jahren geheiratet und dann Gabrielle als Baby aus Somalia adoptiert. Jahrelang führen die beiden Künstler und das Mädchen ein unbeschwertes Familienleben. Gabrielle liebt ihre beiden Väter über alles.
Doch nach und nach ändert sich die Stimmung im Land. Die Nachbarn schauen das Paar anders an, Gabrielle wird in der Schule von Mitschülern beschimpft, ehemalige Freunde meiden die Familie. Die Regierung veranlasst, dass Homosexuelle neue Pässe bekommen, mit dem offensichtlichen Vermerk ihrer sexuellen Ausrichtung. Die Betroffenen werden gezwungen, eine rosa Stoffraute an der Kleidung zu tragen, und müssen schließlich aus der Pariser Innenstadt in ein Ghetto am Stadtrand ziehen.

Spätestens hier kommen definitiv unangenehme Assoziationen hoch, an die Zeiten vor über 70 Jahren, als die Nazis genau das in unserem Land getan haben. Nur dass sie die Homosexuellen nicht ins Ghetto, sondern gleich ins Konzentrationslager deportiert haben. Doch auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges hat die Diskriminierung von Homosexuellen hier noch lange nicht aufgehört. Trotz Ehe für alle sind wir, meines Erachtens, noch weit von einer Gesellschaft entfernt, in der es völlig egal ist, welche sexuellen Vorlieben man hat, und in der man gelassen und ohne journalistischen Voyeurismus damit umgeht. So lange das jedoch nicht erreicht ist, kann die Stimmung immer wieder umschlagen, und genau das zeigt Christophe Léon.

In seinem kurzen Roman schafft er sehr rasch eine bedrohliche Atmosphäre von Angst und Überwachung. Er nutzt dafür die Ich-Erzählung der 12-jährigen Gabrielle, die davon berichtet, wie ihre Väter unerlaubterweise nach Paris fahren, um ihr ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Auf dem Weg in die Stadt haben die Väter einen Unfall und flüchten verletzt durch die Straßen – auf Hilfe von Mitbürgern können sie nicht hoffen. Diese rufen vielmehr sofort die 666 – eine sehr schöne teuflische Metapher –, damit die Miliz sofort mit der Jagd auf die „Rosa Rauten“ beginnt. George und Phil versuchen, den allgegenwärtigen Überwachungskameras und Abfangbrigaden zu entgehen und wieder zu ihrer Tochter zu gelangen …

Schon nach den ersten Seiten finden sich die Leser in einem orwellschen Kosmos in der Gegenwart wieder, den man so überhaupt nicht möchte. Der jedoch, wenn wir ehrlich sind, gar nicht so weit entfernt ist. Dieses Unbehagen an der allgegenwärtigen Überwachung paart sich mit der so großartigen Liebe zwischen George, Phil und Gabrielle, so dass man das gesamte Buch mit den dreien mitfiebert. Man leidet mit, wenn die Väter verfolgt werden, man empört sich, wenn sie die Raute tragen sollen, man freut sich, wenn sie ihre Tochter mit hintersinnigem Witz verteidigen oder eine letzte große Ausstellung eröffnen.
Am Ende, das dann fast viel zu schnell kommt, möchte man die drei gar nicht loslassen, will wissen, wie es mit ihnen weitergeht, und hofft, dass sie es den Häschern entkommen.

Und genau so soll Literatur für mich sein. Sie soll mich gefühlsmäßig aufwühlen und gleichzeitig für gesellschaftliche Zustände sensibilisieren, die ganz schnell wieder in fürchterliche Extreme kippen können. Wehret den Anfängen, möchte man rufen, nicht nur angesichts von Rechtsrockkonzerten mit Tausenden von Nazis, sondern auch von verbohrten Menschen, die in Vorurteilen und Angst (vor was?) verhaftet geblieben sind und sich keine Liebe jenseits von Mann und Frau vorstellen können.

Väterland ist eine bittere Lektüre, doch vielleicht trägt sie zu mehr Akzeptanz und Selbstverständlichkeit von anderen Lebens- und Liebesformen bei.
Das wünsche ich mir jedenfalls.

Christophe Léon: Väterland, Übersetzung: Rosemarie Griebel-Kruip, Mixtvision, 2017, 116 Seiten, ab 14, 9,90 Euro

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Geschwister und andere Katastrophen

Da kann man sich tausendmal vernünftigerweise sagen, dass Blut nicht dicker als Wasser ist und nur weil man mit jemandem genetisch verwandt ist, man nicht automatisch mit ihm verbunden ist: Die Beziehung zwischen Geschwistern ist und bleibt speziell, zwischen Schwestern, die sich altersmäßig kaum unterscheiden, extrem.

Lauren Oliver hat mit Als ich dich suchte ein besonderes Buch über zwei Schwestern geschrieben. Ein Roman, der gleichzeitig auch Krimi, Psychothriller und zarte Liebesgeschichte ist. Ein Buch, das einen gleich packt und nicht mehr loslässt, weil es provokativ beginnt: „Das Komische daran, beinahe gestorben zu sein, ist, dass anschießend alle meinen, du müsstest ununterbrochen auf dem Glückstrip sein, Schmetterlingen im grünen Gras nachjagen oder in jeder Ölpfütze auf dem Highway einen Regenbogen entdecken. Das Leben ist ein Geschenk, um das du nie gebeten hast, das du dir nie gewünscht hast, nie haben wolltest.“

Wer jetzt glaubt oder auch fürchtet, dass nach diesem lakonisch-abgeklärtem Auftakt die große Glücksbärchi-Geschichte folgt und zum Schluss die Erzählerin Nick mit Schmetterlingen tanzt und das Leben begeistert umarmt, dass es nur so kracht, der wird zum Glück enttäuscht. Zur Zeit ist es bei Prominenten jeden Alters angesagt, permanent von „Demut“ zu sprechen, die sie angesichts ihres Lebens empfinden, von „Dankbarkeit“ für das, was sie haben.

Nick aber hat allen Grund, stinksauer auf ihr Leben zu sein: Ihre knapp ein Jahr jüngere Schwester Dara, die immer im Mittelpunkt steht, die alle lieben, die jeden haben könnte, hat ausgerechnet Nicks besten Freund seit Kindertagen geküsst. Ihr Vater hat die Familie für eine schönheitsoperierte, flachsinnige Witwe verlassen, die Mutter ist seitdem ein tablettengesteuerter Schatten ihrer selbst. Beide Schwestern hat es aus der Bahn einer glücklichen Kindheit geworfen. Dann erleiden die Mädchen einen schrecklichen Autounfall und fortan spricht Dara nicht mehr mit Nick. In Rückblenden und Zeitsprüngen wird aus der Sicht von Nick und Dara erzählt, wie es zu dieser Katastrophe gekommen ist. Parallel sorgt das rätselhafte Verschwinden eines neunjährigen Mädchens für zusätzliche Spannung. Und irgendwann ist auch Dara nicht mehr da. Vanishing Girls lautet der Originaltitel von Olivers neuem Jugendroman. Als ich dich suchte trifft es jedoch fast besser, weil Nick nicht nur ihre Schwester wiederzufinden versucht. Und nicht zuletzt ist da auch noch Nicks Freund, der Nachbarsjunge Parker …

Das alles verknüpft Lauren Oliver virtuos und erzählt mitreißend und unprätentiös, treffsicher übersetzt von Katharina Diestelmeier. Wiederholt finden sich so kluge, hellsichtige Sätze und Beobachtungen wie „das ist das Blöde an Therapeuten: Man bezahlt sie dafür, dass sie einem denselben Quatsch erzählen, den andere umsonst sagen.“ Oder: „Ist dir schon mal aufgefallen, dass wirklich glückliche Paare nicht das Bedürfnis haben, andauernd miteinander rumzuhängen?“

Neben dem echten Krimi, der mutmaßlichen Entführung einer Grundschülerin, spielt das wahre Drama zwischen den so unterschiedlichen Schwestern: Wie können sich zwei Menschen so nah und doch so fern sein? Nie ausgesprochene Eifersucht, Neid, Groll, Bewunderung und angeeignete Rollen führen zu grotesken Missverständnissen.

Die Lösung und gleichzeitig Katharsis der Geschichte kommt überraschend. Cineasten fühlen sich an einen Psychothriller vom Ende der 90er Jahre erinnert, aber der ist für die jugendliche Zielgruppe sicher entschieden zu lange her. Als ich dich suchte startet durch seine atmosphärisch dichte Erzählweise, plastische Charaktere und intensiv beschriebenen, widersprüchlichen Gefühle sofort ganz großes Kopfkino. Und sollte auch dieses Buch wie aktuell Lauren Olivers Debüt Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie (Carlsen 2010, Originaltitel Before I fall) verfilmt werden, wird es selbst für begnadete Schauspielerinnen schwer, die emotionale Vielfalt zu spielen.

Dieser mit schlagkräftiger Direktheit, lakonischem Witz und berührender Zartheit geschriebene Roman über Geschwisterhassliebe, Schuld und Sühne ist ein Plädoyer fürs Lesen. Und nicht zuletzt hervorragende Ferienlektüre.

Elke von Berkholz

Lauren Oliver: Als ich dich suchte, Übersetzung: Katharina Diestelmeier, Carlsen, 2017, 368 Seiten, ab 13, 19,99 Euro

Menschlichkeit im Unmenschlichen

ravensbrückHeute stelle ich nach sehr langer Zeit mal kein Kinder- oder Jugendbuch vor, auch wenn der Titel von Valentine Gobys Roman das vermuten lassen könnte. Doch Kinderzimmer ist alles andere als ein Kinderbuch.

Die Französin Goby nimmt den Leser hierin auf eine überaus bittere Reise ins Konzentrationslager Ravensbrück mit. Dort kommt im Frühjahr 1944 die junge Suzanne Langlois, genannt Mila, an. Mila war im französischen Widerstand tätig, hat Nachrichten für den Untergrund kodiert (mit einem Notensystem, das Übersetzerin Claudia Steinitz im Detail nachgebildet hat, was eine Heidenarbeit gewesen sein muss) und für eine Nacht einen Widerstandskämpfer versteckt. Von ihm ist sie schwanger. Schwanger im KZ.

Mila, deren Mutter sich umgebracht hat, als sie klein war, befindet sich in einem fast unvorstellbaren Zustand des Nicht-Wissens: Sie weiß nichts über die Vorgänge in ihrem Körper, sie weiß nichts über den Vater des Kindes, sie weiß nicht, wo sie in Deutschland ist oder wie das Leben in einem KZ laufen soll. Sie versteht kein Deutsch. In diesem Nicht-Wissen ist sie zunächst auf sich allein gestellt und erlebt den ganzen Horror im Frauenlager: Den Austausch der Kleidung, das Rasieren der Haare, die unsensible gynäkologische Untersuchung, dazu der tägliche Kampf um das Essen, um den Schlafplatz, die Zahnbürste, die Blechschüssel. Mila ahnt, dass sie schwanger ist, wagt es jedoch nicht, ihren Bauch zu betrachten. Dieser Bauch, der durch die Entbehrungen und den Hunger nicht richtig wächst.

Valentine Goby erzählt von Milas Schicksal in kurzen, oftmals fast schon nüchternen Sätzen, von Claudia Steinitz höchst feinfühlig ins Deutsche gebracht. Goby schönt nichts. Sie benennt den Hunger, die Auszehrungen, die drangvolle Enge in den Baracken, die Krankheiten, die Ausscheidungen, den Gestank, das Sterben, die ausgemergelten Toten. Die Bilder, die sie dadurch im Leser heraufbeschwört, sind kaum zu ertragen.
Und mittendrin Mila, in der ein kleiner Mensch heranreift.
Man wagt es kaum zu hoffen, doch Mila bringt ihren Sohn tatsächlich zur Welt. Anfangs ist James noch rosig, hat schwarzes Haar. Zusammen Teresa, einer Polin, die zu Milas bester Freundin wird, und ein paar anderen Frauen, versucht sie, James durchzubringen.
Doch James ist nicht das einzige Baby in Ravensbrück. Es gibt ein Kinderzimmer, in dem etwa 50 Babys untergebracht werden. Sie liegen aufgereiht auf Strohmatratzen, pro Kind gibt es nur eine Windel. Die Kinder dämmern folglich in ihren Exkrementen vor sich hin und verwandeln sich, je älter sie werden, in winzige Greise. Es gibt nicht genug Nahrung für sie, denn die meisten Mütter haben keine Milch. Auch Mila muss James irgendwann einer anderen Frau zum Stillen geben. Sie versuchen, sich gegenseitig zu helfen. Doch neben dem Hunger setzt auch die Kälte im Winter den Kleinsten zu. Kohlen für das Kinderzimmer gibt es nicht.

In all diesem Elend wird James zur Stütze für Mila und für Teresa. Er ist der Einbruch des freien Lebens in das Lager. Er ist der Hoffnungsschimmer auf ein Leben nach dem KZ, für ihn bleiben die Frauen stark.

Goby verhandelt in diesem Buch nichts weniger als die Essenz des Lebens, die das Sterben so lange hinauszuzögern weiß, wie es nur geht. Selbst unter den unmenschlichsten Umständen. Doch dazu braucht der Mensch Hoffnung und das Mitgefühl anderer Menschen. So erlebt Mila immer wieder Hilfe und eben dieses Mitgefühl. Die gefangenen Frauen bauen sich gegenseitig auf, so gut es eben geht, sie bringen sich Deutsch bei, singen Lieder, erzählen sich Geschichten, teilen das Wenige, wärmen sich. Natürlich gibt es auch Eigennutz, doch der geht letztendlich in der Menschlichkeit unter, die die Frauen zusammenschweißt.
Doch auch von den Frauen, die Mila helfen, überleben nicht alle. Zu heftig wüten Ruhr, Cholera und Flecktyphus, zu niederschmetternd ist es, das eigene Kind zu verlieren. Mila jedoch hält sich an ihrem Kind fest, klammert sich an das Leben und schafft es schließlich wieder nach Frankreich zurück.

Trotz aller Grausamkeiten, die Mila in Ravensbrück erlebt, die einem sehr, sehr nahe gehen und bedrücken, konnte ich dieses Buch nicht weglegen. Denn man hofft und bangt mit ihr. Man erlebt, wie sie von der Nicht-Wissenden zur Wissenden wird, und wie sie schließlich am Ende ihr Wissen um die Vorgänge in Ravensbrück weitergibt.
Denn auch darum geht es bei Valentine Goby: Wissen weitergeben, erinnern, immer wieder erinnern, jeden Tag.

Und wer jetzt sagt, so etwas darf man auf fiktive Art aber nicht, dem erwidert Mila:
„Man braucht Historiker, um über die Ereignisse zu berichten; Zeugen, die ihre persönliche Geschichte erzählen, und Schriftsteller, um zu erfinden, was für immer verschwunden ist: den Augenblick.“

Valentine Goby holt viele Augenblicke zurück, die so oder so ähnlich nicht nur in Ravensbrück stattgefunden haben. Damit wir, die Nachgeborenen, ein unmittelbareres Gefühl für die Zustände in einem KZ bekommen, damit wir das Leid der Insassen auch heute noch verspüren, es nie wieder vergessen und nicht zulassen, dass auch nur ansatzweise so etwas wieder passiert. Hier oder anderswo.

Für dieses eindrucksvolle Buch ist die Autorin mit dem Prix des Libraires 2014 und dem Annalise-Wagner-Preis 2017 ausgezeichnet worden.

Traut euch, es zu lesen.

Valentine Goby: Kinderzimmer, Übersetzung: Claudia Steinitz, ebersbach & simon, 2017, 234 Seiten, 19,95 Euro

Noch mal…

Bilderbücher sind ja angeblich eine schnelle Sache. Wenige Seiten, meistens große, sehr entzückende Bilder, kaum Text. Da ist man schnell durch und kann sich gleich das nächste schnappen. Denkste. Hier gibt es nun zwei Bilderbücher, die es in sich haben und die bei jedem Lesen anders erscheinen.

So stellt der französische Illustrator Olivier Tallec die vermeintlich harmlose Frage Wie war das?, die uns im Alltag eigentlich ständig herausrutscht, wenn wir mal wieder abgelenkt, unaufmerksam oder multitaskingmäßig unterwegs waren. In Tallecs querformatigem Bilderbuch werden nun die Betrachter_innen auf jeder Doppelseite mit einer Frage konfrontiert: Wer trägt einen gelben Schal? Wovor hat Olive Angst? Wer versteckt sich unter der Bettdecke?
Neben den Fragen tummeln sich charmante Figuren, Kinder, bebrillte Langohrhasen, ein Löwe, ein Wolf, Monster, Plüschtiere mit oder ohne Kappen oder Unterhosen auf den großen Köpfen. Schon allein der Anblick dieser Gesellen ist ein Wonne.

Doch diese Fragen, diese so simplen Fragen, dürften die meisten Betrachter_innen in so manche Verlegenheit bringen. Denn immer bezieht sich die Frage auf die Seite, die man gerade umgeschlagen hat. Und wenn man zuvor nicht genau geschaut hat, steht man ganz schön auf dem Schlauch: Zähne? Hatte das Monster etwa Zähne? Ja, hatte es, man muss nur achtsam sein und alles intensiv ansehen.
Je nach Aufmerksamkeitsspanne der Kinder kann es ganz schön dauern, bis man die Lösungen so präsent hat, dass das Buch langweilig wird. Bis es so weit ist, trainieren die Lütten hier ganz spielerisch die Konzentration und das Gedächtnis.

Und selbst, wenn man immer wieder falsch liegt, so entdeckt man bei dem Vor- und Zurückblättern ständig neue Details der Rasselbande. Und hat jede Menge Spaß.

Auch im Bilderbuch der niederländischen Illustratorin Mies van Hout sollte man genau hinsehen. Hier werden die Betrachter_innen jedoch auf andere Art gefordert. So ziehen anfangs ein Junge, ein Mädchen und eine Katze los zum Spielplatz.

Auf großen aquarellierten Doppelseiten suchen sich die kleinen Helden ihren Weg durch verschiedene, wunderbar quietschbunte Labyrinthe, einen Garten, durch Baumwipfel, über einen Krokodilfluss. Und nicht immer ist der richtige Weg auf den ersten Blick zu erkennen.

Da dürfen beispielsweise die Vögel in den Nestern nicht gestört werden oder die Wege durch die Brombeeren enden in dornigen Sackgassen. Doch es gibt zumindest eine kleine Orientierung in Form von roten Pfeilen, links und rechts an den Seitenrändern, die die Richtung anzeigen.

Zunächst ist man so mit der Wegefindung und dem Ausweichen beschäftigt, dass man erst am Ende merkt, dass die Kinder auf einmal nicht mehr allein unterwegs sind. Und schon schaut man noch mal, wo die vielen Spielgefährten denn so plötzlich hergekommen sind.
Allerdings sollte man kleinen Spielplatz-Erobern keine Stifte in die Hand geben, mit denen so gern die Weg eingezeichnet werden. Denn ist die Lösung erst einmal unauslöschlich in das Bilderbuch hineingemalt, ist der Reiz fürs nächste Mal leider weg.

Rein optisch mag ich an beiden Büchern, dass die Cover mit so viel Weißraum gestaltet sind und so schon auf den ersten Blick diese Leichtigkeit vermitteln, die sich dann in ihren spielerischen Inhalten wiederfinden lässt.

Olivier Tallec: Wie war das?, Ü: Miriam Zimmer, Gerstenberg, 2017, 32 Seiten, ab 3, 9,95 Euro

Mies van Hout: Spielplatz, Aracari Verlag, 2017, 32 Seiten, ab 3, 14,90 Euro

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Kunstwerk mit Köpfchen

Neulich unterhielt ich mich sehr ernsthaft mit meiner fünfjährigen Nichte über Kopfschmerzen. Sie berichtete, dass sie eigentlich sehr genau weiß, was bei ihr Kopfschmerzen auslöst. Ich war beeindruckt. Denn das weiß ich bei mir selbst manchmal nicht.

Dass der menschliche Kopf eine geniale Angelegenheit ist und sowohl unsere Sprache, wie auch unsere Kunst beeinflusst, beweisen die Tschechen David Böhm und Ondrej Buddeus in ihrem Bilder-Sachbuch Kopf im Kopf, ins Deutsche übertragen von Doris Kouba.

In einer Mischung aus kurzen Texten und Bildern von menschlichen Köpfen in allen Formen, Farben und Arten erfährt man so allerhand, angefangen bei den Redewendungen, in denen wir alle Teile des Gesichtes – also Nase, Mund, Augen, Ohren, Lippen – für unsere Kommunikation nutzen.
Ausklappbare Seiten erzählen großformatig von den Vorgängen in unserem Gehirn, entführen ins fiktive Kopfland oder zeigen das Portfolio eines Detektivs in Sachen Phantombild. Halbe Seiten hingegen offenbaren, was hinter Masken, Tüchern, Burkas, Astronautenhelmen stecken kann. Und ganz nebenbei erfährt man die Geschichten von Phantomas oder oder El Hijo el Santo.

Zwischendrin erzählt ein auf dem Kopf stehender Comic vom Ettamogah, der in seinem riesigen Kopf all das Wasser der Erde sammelt und erst durch den Vogellippler dazu bewegt wird, es wieder freizugeben. Das ist definitiv rätselhaft, aber so ein Wonne zum Anschauen, zum Blättern und Erkunden, dass sich jede_r Betrachter_in seinen/ihren eigenen Kopf dazu machen kann.

Man findet Hinweise, wie man sich Zahlen leichter merken kann, findet gereimte (Un-)Sinnssprüche, bekommt eine Karte der Hirnarealen. Die Mischung aus physiologischen und psychologischen Fakten mit charmant witzigen Kopfbildern führt kleine Betrachterinnen ganz wunderbar an die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper heran. Und der menschlichen Sprache.

Und auch das Thema Kopfschmerz hat seinen Platz in diesem Buch. Ich werde das Buch   beim nächsten Besuch meiner Nichte zeigen, mal sehen, was sie davon hält…

Sehr zu recht ist dieses Kunstwerk für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 in der Sparte Sachbuch nominiert.

David Böhm & Ondrej Buddeus: Kopf im Kopf, Übersetzung: Doris Kouba, Karl Rauch Verlag, 2016, 120 Seiten, ab 4, 25 Euro

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Der Junge im schwarzen Anzug

„Aber das immer Gleiche war die Art, wie der Mensch, der dem Toten am nächsten stand, reagierte. Tag für Tag, Woche für Woche, Beerdigung für Beerdigung, suchte ich nach diesen Menschen und beobachtete, wie sie damit umgingen. Wie sie verzweifelt um Hilfe baten in einem Raum voller Menschen, die helfen wollten, aber nicht wussten wie. Weil sie nicht helfen konnten. Nichts hilft.“
Matt arbeitet in einem Beerdigungsinstitut und ist bei einer Menge Trauerfeiern dabei. Aber nicht ein perverses Vergnügen am Schmerz anderer treibt den Jungen in Jason Reynolds Roman Love oder meine schönsten Beerdigungen. Matthew Miller ist selbst voller Trauer und Schmerz, seit seine Mutter vor wenigen Monaten an Krebs gestorben ist.

Eigentlich hätte der 17-Jährige mit Schule, Pubertät, Zukunftspläneschmieden, Mädchen und altersentsprechendem Herzgebreche genug Probleme. Doch jetzt ist seine Mutter, zu der das Einzelkind eine liebevolle Beziehung hatte, tot. Und sein Vater ertränkt seinen Kummer (und die Sorgen wegen der Krankenhausrechnungen) in Alkohol und erleidet bald einen schweren Unfall. Allein in seinem Leid, hilft Matt „das bloße Wissen, dass wir alle mit derselben Sache zu kämpfen haben, und dass mein Leben nicht das einzige war, dem etwas fehlte, was es nie mehr zurückbekommen würde“.

Deshalb jobbt Matt anstatt in seinem Lieblingsimbiss beim benachbarten Bestatter. Und da er sich jetzt in der Schule sowieso wie ein Freak fühlt, weil bis auf seinen besten Freund es niemand schafft, normal mit ihm umzugehen, und weil es zum Job passt, beginnt er tagein tagaus seinen schwarzen Anzug zu tragen – wie eine Mischung aus Uniform des Schmerzes und schützender, weil abgrenzender Hülle. The Boy in the Black Suit heißt das Buch des US-amerikanischen Schriftstellers Reynolds im Original. Ein sehr viel passenderer Titel, wesentlich individueller und assoziationsreicher, als die gewollte Eindeutschung, eine Mischung im Stil von Der 100-Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand und Die wunderbare Welt der Amelie. Über verkorkste Buch- und Filmtitel könnte man ein eigenes Stück schreiben.

Jason Reynolds hat eine furiose, tragikomische und berührende Geschichte über Trauer und den Verlust geliebter Menschen geschrieben, über den Schmerz und wie man damit umgehen und weiterleben kann. Matt erfährt, dass Leute, von denen er es nicht gedacht hat, harte Schicksalsschläge erlitten haben. Manche wirft es aus der Bahn, manche können ihren Kummer auf einen symbolischen Ort konzentrieren. Beerdigungen geraten auch mal mehr zur Komödie als zum Trauerspiel, bei anderen bricht Chaos aus.

Nach etwa der Hälfte taucht erst die so prominent gesetzte Love auf, ein charismatisches Mädchen mit diesem selbst für US-Verhältnisse ungewöhnlichen Vornamen. Die 17-Jährige hat selbst vor sieben Jahren ihre Mutter und jetzt auch ihre Großmutter verloren, geht aber ganz anders damit um als Matt. Die beiden nähern sich auf ungewöhnliche Weise an, eine reizvolle Liebesgeschichte beginnt.

Nicht zuletzt spielt New York, und Brooklyn im Speziellen, eine Rolle in diesem Roman. Dazu gehören auch schöne Betrachtung von Flora und Fauna, Straßenbäumen und Typen in der Stadt.

Klaus Fritz hat als Übersetzer einen guten Job gemacht: Die Sprache ist jugendlich, aber kein aufgesetzter Jargon, frisch und lebendig. Den verunglückten Titel hat wahrscheinlich der Verlag gedichtet. Loben möchte man Fritz für ein mittlerweile nicht selbstverständlich richtig übertragendes „Hat aber keinen Sinn“, anstatt des inflationär und dumpf benutzten „das macht Sinn“. Doch schon auf der nächsten Seite stolpert man über „Blumenbuketts“. Die sind zwar laut Duden richtig, lesen sich aber wie eimerweise („bucket“) Blumen. Was wurde aus dem französischem Lehnwort „Bouquet“?

Blumen, ihre morbide vergängliche Schönheit, und die Entdeckung einer besonders robusten Pflanze illlustrieren auch Matts Weg aus der vereinsamenden, totalen Trauer. Reynolds zweiter Jugendroman ist ein todkomisches, kluges und liebenswertes Buch.

Elke von Berkholz

Jason Reynolds: Love oder meine schönsten Beerdigungen, Übersetzung: Klaus Fritz, dtv Reihe Hanser 2017, 288 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

Die Facetten der Frauenpower

Es hat in meinem Leben tatsächlich mal eine Zeit gegeben, da dachte ich, den Feminismus brauche ich nicht. Dabei war ich durchaus dankbar, dass die Frauen in den Generationen zuvor für Wahlrecht, Gleichberechtigung und Gleichstellung gekämpft hatten. Ich hielt es für selbstverständlich, die Errungenschaften zu genießen. Wie naiv ich war!

Natürlich schätze ich diese Rechte immer noch, sehe aber auch die Pflichten darin (zur Wahl zu gehen, beispielsweise, was jedoch für jede_n gilt, der in einer Demokratie lebt). Vor allem aber habe ich erkennen müssen, dass wir den Feminismus immer noch brauchen und dass jede von uns auf ihre Art dafür kämpfen muss. Was ich aber auch erkannt habe, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern jede Menge Strömungen, Moden und Facetten. Einen richtig guten Überblick, über das, was der Feminismus heute alles beinhaltet, liefert nun Sonja Eismann, Mitbegründerin des Missy-Magazins.

In Ene, mene, Missy! hat sie all die Vielfältigkeit der Frauenbewegung zusammengestellt und liefert die nötigen Hintergründe und Zahlen. Allein das Kapitel über die verschiedenen Feminismen machen deutlich, dass man heute eigentlich nicht mehr von „dem“ Feminismus reden kann. Automatisch fragt man sich beim Lesen: Bin ich Anarchafeministin? Cyberfeministin? DIY-Feministin? Oder marxistische Feministin? Mag sein, dass frau erst mal verwirrt ist, doch so zeigt sich, dass das Leben, auch das private, in jedem Fall politisch ist. Wir können dem nicht entgehen. So ist es sinnvoll, dass auch die heranwachsenden Mädchen genau wissen, wo und wie sie sich engagieren und unsere Gesellschaft zum Besseren verbessern können.

Eismann belässt es jedoch nicht nur bei den Kategorisierungen, sondern bietet zudem Hilfestellungen für die täglichen Anfeindungen, denen Mädchen und Frauen immer noch ausgesetzt sind, wenn sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. So macht sie Vorschläge, was frau auf „die allerblödesten Fragen zum Feminismus“ antworten oder wie der Feminismus uns im Alltag helfen kann, wenn man gegen überkommene Rollenbilder und Schönheitsnormen angeht.

Die Mischung aus Rückblicken auf historische Protestformen, emanzipatorische Mode oder feministische Manifeste und den Statements prominenter Feministinnen der Gegenwart, macht die Lektüre abwechslungs- und aufschlussreich. Die Kapitel über Mansplaning, über den Male Gaze und den Bechdel-Test sensibilisieren für männliche Überlegenheitsstrategien und zeigen, wie frau dagegen vorgehen kann.

Diese Einführung in eine feministische Lebensweise mit all ihren Facetten, mit ihrer Kunst, ihrer Lebensfreude und ihrem politischen Anspruch sollte eigentlich jedes Mädchen lesen – und jeder Junge. Das Kapitel mit den Fragen an die Männer ist da der passende Anfang. Schließlich sollte feministische Aufklärung für alle Geschlechter gelten, denn nur so kann im Endeffekt ein friedliches und wahrhaft gleichberechtigtes Zusammenleben in Zukunft gelingen.

Aber vielleicht bin ich immer noch naiv.

Sonja Eismann: Ene, mene, Missy! Die Superkräfte des Feminismus, Fischer, 2017, 256 Seiten, ab 14, 12,99 Euro

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Der Kampf gegen die Grummelgrame

depressionDie Depression ist eine fiese Krankheit. Zunächst einmal für die Betroffenen, die oft ihr Leben nicht mehr bewältigen können. Doch auch für die Angehörigen ist die Depression eines geliebten Menschen eine Belastung. Für Kinder nun, die ein erkranktes Elternteil haben, ist es extrem schwierig zu verstehen, was eigentlich passiert.

So ergeht es dem fünfjährigen Jan, in dem Buch Als Mama nur noch traurig war von Anja Möbest.
Seit einiger Zeit ist seine Mama nur noch traurig, starrt auf den Boden, weint viel, vergisst, den Schokokuchen für das Kindergartenfest zu backen. Sie weiß selbst gar nicht, was eigentlich mit ihr los ist. Als sie eines Tages auch noch Papa anschreit, begreift sie, dass sie Hilfe braucht. Papa schlägt vor, dass sie zum Ritter geht.

Jan, der fürchtet, dass er schuld an Mamas Zustand ist, freut sich, dass es einen Ritter gibt, der Mama helfen kann. Natürlich ist der Ritter kein echter Ritter, sondern ein liebenswerter alter Herr mit Namen Ritter, der als Psychotherapeut arbeitet. Er erklärt Jan, dass Mamas Seele ein Loch hat, durch das die Grummelgrame von Mama Besitz ergreifen. Zusammen überlegen sie, mit welchen Zaubersprüchen sie die Grummelgrame vertreiben können …

Das ernste Thema der Depression fasst Anja Möbest in wunderbar klare, leicht verständliche Worte und Sätze. Illustratorin Barbara Korthues zeigt Jan, seine Familie, den Ritter und die Grummelgrame auf ebenso unaufgeregte und liebenswerte Art. Jans Enttäuschung und seine Wut, wenn Mama ihn nicht beachtet oder ihm nicht zuhört, ist vollkommen nachvollziehbar. Gleichzeitig vermittelt die Autorin die typischen Symptome einer Depression, also Trauer, Erschöpfung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, so dass die Kinder von Betroffenen das Verhalten ihrer Eltern hier konkret wiederfinden können.

Wichtig ist zudem, dass Jan seine Mama mindestens einmal zum Therapeuten begleitet. Dort erfährt er vom Experten dann genauer, was mit Mama los ist und wie er ihr helfen kann. Dieser offene Umgang mit der Krankheit Depression und die deutliche Ansage, dass es Hilfe gibt, sind die große Stärke dieses Bilderbuches. Auch mit Fünfjährigen kann man nämlich sehr wohl darüber reden. Genau dies macht auch das Nachwort der Kinderpsychotherapeutin Ina Knocks deutlich. Kinder brauchen in solchen Fällen die Wahrheit. Nicht über die Krankheit zu reden oder den Kindern zu verbieten, mit anderen darüber zu reden, hilft nicht, auch wenn man meint, die Kinder schützen zu müssen.

Das mag sich unglaublich schwierig und schier unmöglich anhören, doch mit der Lektüre von Anja Möbest und Barbara Korthues Bilderbuch ist der erste Schritt zu einem Dialog gemacht. Vielleicht fällt es danach Kind und Eltern leichter, den nächsten zu machen, und trotz der fiesen Krankheit bald wieder ein fröhliches Familienleben zu führen.

Anja Möbest: Als Mama nur noch traurig war. Wenn ein Elternteil an Depression erkrankt, Illustration: Barbara Korthues, Coppenrath, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

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Auf den Punkt gebracht

Zurzeit läuft im TV ein Werbespot der Initiative „Wir zusammen“, in der sich deutsche Unternehmen für die Integration von Flüchtlingen engagieren. Im Spot gehen, angefeuert von einem Ohrwurm-Song über die Freiheit, Menschen in Berlin in Massen auf die Straßen und treffen sich vor dem Dom. Aus der Vogelperspektive erkennt man, dass die pünktchenkleinen Menschen zwei Hände bilden, die aufeinander zugehen. Eine wichtige Willkommensgeste, die hoffentlich auch jenseits der glatten Werbewelt Wirkung zeigt.

Mich erinnert dieser Spot jedes Mal an das wunderschöne Bilderbuch Punkte von Giancarlo Macrì und Carolina Zanotti. Dort treffen die reichen, spaßhabenden schwarzen Punkte auf viele hungernde weiße Punkte. Die Weißen möchten zu den Schwarzen hinüber, doch die müssen erstmal nachdenken – die schwarzen Punkte finden sich zu einer schematischen Darstellung des Parlaments zusammen –, lassen dann ein paar Weiße zu sich, werden schließlich fast überrannt, so dass kein Platz mehr auf der Seite für alle ist. Eine Lösung muss her …

Diese offensichtliche Anspielung an die immer noch herrschende Flüchtlingskrise und die ausstehenden Lösungsansätze mag auf den ersten Blick naiv und zu schlicht erscheinen, doch beim genauen Nachdenken über den Lösungsansatz – die schwarzen Punkte gehen zu den weißen und helfen ihnen – entfaltet sich ein schier revolutionäres Potential.

Das liegt vor allem in dem Satz: „Zusammen schaffen wir so viele Dinge!“ Aus der Hilfe wird ein Gemeinschaftsprojekt, das niemanden übervorteilt oder bevormundet. Ein einzelner Punkt ist nichts. Man braucht Familie, Freund_innnen und Kolleg_innen, um nützliche, lebenswichtige und spaßmachende Dinge zu schaffen. Hier geht es nicht um Gewinnmaximierung und kapitalistische Ausbeutung, die in den Köpfen von erwachsenen Betrachter_innen schnell hochploppen mögen. Hier geht es um das Grundkonzept von Hilfe und Gemeinschaftlichkeit.

Würde uns gelingen, das in der Realität umzusetzen, ohne dass irgendeiner benachteiligt, unterdrückt, ausgebeutet oder mundtot gemacht würde, ohne dass profitgierige Manager, Banker oder machthungrige Politiker alles an sich reißen würden, es wäre ein Paradies. Und zwar weltweit.

Den Punkten geht es schließlich so gut, dass sie miteinander verschmelzen und am Ende zwei schwarz-weiße Punkte Hallo sagen. Und ohne viele Worte erzählen sie von der Utopie einer Welt ohne Grenzen, in der alle Menschen wirklich gleich sind, gleiche Rechte, gleiche Pflichten haben. Neid und Missgunst wären ausgerottet, ebenso der Fremdenhass, denn in jedem steckt ein Teil des anderen. Es könnte eigentlich so einfach sein …

Kleine Betrachter_innen, die im Kindergarten oder in der Schule mit geflüchteten Kindern in Kontakt kommen, können mit diesem eindrucksvollen Bilderbuch eine erste Erklärung für den fundamentalen Wandel finden, der in unserer Gesellschaft gerade abläuft. Vielleicht öffnen sich die nächsten Generationen dann viel selbstverständlicher den anderen Menschen, die so dringend unsere Hilfe brauchen. Und finden einen Weg, dass aus diese schöne Utopie Realität wird.

Giancarlo Macrì/Carolina Zanotti: Punkte, Übersetzung: Salah Naoura, Illustration: Clara Zanotti, Gabriel, 2017, 48 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

„Jetzt fängt das wieder an mit dem Stress“, dachte ich. „Der schüttet mich zu wie Sand, in dem ich versinke. Und ich strampele und strampele und versuche mich rauszuwühlen und den Kopf oben zu behalten, und ich schaffe es nicht. Jeden und jeden einzelnen Tag.“
Das schreibt keine ausgebrannte Spitzenmanagerin in der Therapie, sondern die Grundschülerin Lisa. Wie und mit wessen Hilfe das Mädchen aus dem Treibsand unserer beschleunigten Welt herausfindet, erzählt Andrea Schomburg plastisch und phantasievoll in Lisa und das Fluff. Es ist der fünfte Band aus der Reihe Kleiner Romane, die der Münchner Tulipan-Verlag 2015 mit Antje Damms Kleines Afrika gestartet hat.

Lisas Alltag ist streng durchgetaktet: Ballett, Klavier- und Schwimmunterricht, Reiten, Nachhilfestunden. Da bleibt keine freie Zeit für Freunde oder sich phantastische Geschichten auszudenken. Und so stolpert die vielleicht Acht-, höchstens Neunjährige durch ihr Leben, hechelt immer der Zeit hinterher, die ihr davonrennt, weil ihre Eltern doch nur ihr Bestes und sie deshalb perfekt auf die Anforderungen der modernen Welt vorbereiten wollen. Das Kind als weiteres Statussymbol, superoptimiert und stromlinienförmiger als der protzige SUV.

Schomburg findet pointierte Bilder, wie Lisa das erlebt und empfindet: Ihre Mutter erscheint ihr morgens im schwarzen Business-Kostüm mit weißer Bluse wie ein als Pinguin verkleideter General, der sie befehligt. Beim Ballettunterricht fühlt sie sich, als tanze sie mit einem Kartoffelsack auf dem Rücken. Doch sie will ihre Eltern nicht enttäuschen, denn dann würden „Papa und Mama weinen und weinen, bis sie ganz flüssig wären. Das ganze Haus würde schwarz werden von ihrer Traurigkeit, und dann würde es auf ihren Tränen davonschwimmen wie ein schwarzes Schiff.“
Im Vergleich mit ihrem älteren Bruders, der alles mit Bravour meistert und den sie deshalb nie zu Gesicht bekommt, hat sie das Gefühl, nicht in diese Familie zu passen und bei der Geburt vertauscht worden zu sein. „Vielleicht gehöre ich in eine Familie, wo alle rund und gemütlich sind und sich langsam bewegen wie große Fische, die in Zeitlupe durchs Meer flappen.“ Angesichts solcher bezaubernder Sätze ist die einmalige Formulierung mit dem „lieben Gott“ verziehen. Sagen Kinder heute so etwas noch?

Das macht den einnehmenden Charme dieser Erzählung der Entschleunigung aus, die besondere Sprache und schönen Metaphern. Lisas Welt besteht aus Begriffen wie „Disziplin“ und „Zeitfenster“, das eigentlich geschlossen gehören und sich wundersamer Weise für sie zum Positiven öffnet. Gemüse-Smoothies zum Frühstück und Salat mittags in der Schulkantine, weil so schnell und effizient gesunde Nahrung zugeführt wird. Sie bekommt Totschlagsätze an den Kopf geknallt wie „Du musst Mathe üben, die letzte Arbeit war nur eine Drei. So kommst du nie aufs Gymnasium“ und „was man einmal angefangen hat, zieht man auch durch“. Trotzdem bewahrt sie sich ihren eigenen Kopf und schafft sich Freiräume, wortwörtlich, für ihre Phantasie. Nach einem dramatischen Finale werden ihre Eltern vielleicht ein bisschen zu einfach „vernünftig“, wie es Lisas Freundin formuliert. „Man muss seinen Eltern auch mal eine Chance geben.“ Umso schöner, wenn diese die auch nutzen und schließlich verstehen, dass sie bislang ihre Tochter als Individuum und Kind gar nicht wirklich gesehen haben.

Dorothee Mahnkopfs überwiegend ganzseitige Illustrationen akzentuieren die Geschichte kongenial und sprechen für sich selbst, eine untermalende Mini-Graphic-Novel, wie in jedem Kleinen Roman.

Und „nu mal langsam“: Lasst uns die Langsamkeit wiederentdecken, und Momos grauen Männern die Macht entreißen. Die regieren nämlich längst unsere Gesellschaft, und die meisten unterwerfen sich freiwillig.

Elke von Berkholz

Andrea Schomburg: Lisa und das Fluff, Illustrationen: Dorothee Mahnkopf, Tulipan, 2017, 60 Seiten, ab 7, 10 Euro

Kämpfen für Gott

Das Lutherjahr ist im vollen Gange, Ausstellungen werden eröffnet, der evangelische Kirchentag gefeiert, Bücher publiziert, es wird dem Reformator gedacht.

Dass es in der Zeit vor 500 Jahren jedoch nicht nur Luther gab, der sich gegen die römisch-katholische Kirche auflehnte, zeigt eine Graphic Novel, die sich mit einer wahren Begebenheit aus dem
16. Jahrhundert befasst. In Gotteskrieger erzählen Autor Alexander Hogh und Illustrator Lukas Kummer die Geschichte des Schreiner Heinrich Gresbeck, der sich der Täufer-Bewegung in der Stadt Münster anschließt.

Aus wenigen überlieferten Fakten haben die Macher eine Geschichte rekonstruiert, die sich so oder ähnlich zugetragen haben könnte. 1534 – Luther hat seine Thesen längst veröffentlicht – geht es in Sachen rechter Glauben quasi drunter und drüber. Katholiken gegen Protestanten, Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer, dazwischen breitet sich seit 1525 das Täufertum aus, eine fundamentale Bewegung, die wieder wie die christliche Urgemeinde leben will. Das passt weder Katholiken noch Protestanten. Dennoch findet die Bewegung überall in Europa immer mehr Anhänger.

1534 übernehmen die Täufer das westfälische Münster und rufen das Täuferreich aus. Münster wird zum „Neuen Jerusalem“ erklärt. 16 Monate lange belagert ein Söldnerheer aus Katholiken und Protestanten die Stadt.

Hogh und Kummer erzählen aus der Sicht von Heinrich Gresbeck, der sich den Täufern anschließt, im Laufe der Belagerung jedoch auch die Schrecken und den Terror durch den Anführer der Täufer, Jan van Leiden, mitbekommt. Schließlich läuft Heinrich zu den Belagerern über.

Abgesehen davon, dass Hogh und Kummer mit Gotteskrieger eine spannende Geschichte gelungen ist, die Aufschluss gibt über die Wirren, die vor 500 Jahren in diesen Landen herrschten, schoss mir beim Lesen ständig der IS durch den Kopf.
Das, was vor 500 Jahren hier passierte, findet gerade im Nahen Osten auf eine vermutlich noch viel grausamere Art wieder statt.
Fanatiker, die meinen, den rechten Glauben zu vertreten, dann aber doch nur ihre eigenen Machtgelüste befriedigen zu wollen, ist also ein Phänomen, was es schon öfter gegeben hat und vermutlich immer wieder geben wird, so lange keine wirkliche Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen existiert.

So weist diese Graphic Novel nicht nur in die Vergangenheit und erinnert uns an vergessene Kapitel in unserer Geschichte, sondern sensibilisiert dafür, dass auch heute noch Glaubenskämpfe geführt und fanatische Gotteskrieger immer noch ihr Unwesen treiben.

Einziger – grafischer – Kritikpunkt, den ich an dieser Graphic Novel habe, ist das Lettering. Eigentlich kann man hier nicht von Lettering sprechen, sind die Texte in den Sprechblasen doch in einem serifenlosen Maschinenfont gesetzt (vermutlich Helvetica oder Geneva) . Das nimmt diesem hervorragend recherchierten und dokumentierten Werk leider ein wenig von seinem Wert und wirkt in meinen Augen zu billig. Sicher wäre auch eine mittelalterliche Frakturschrift nicht passend, weil viel zu schwer zu lesen, gewesen, doch eine etwas liebevollere Schrifttype hätte ich mir schon gewünscht, die Inhalt und Zeit wenigstens ein bisschen spiegelt und würdigt.

Alexander Hogh: Gotteskrieger. Eine wahre Geschichte aus der Zeit der Reformation, Illustration: Lukas Kummer, Tintentrinker Verlag, 2017,156 Seiten, ab 12, 20 Euro

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Sei, was du willst

hannibalPrinz Hannibal ist anders: Er wünscht sich Reifröcke und Fächer, Lauten und Schalmeien, statt Kettenhemden, Säbeln, Pauken und Trompeten.

So beginnt das grafisch modern-minimalistisch aufgemachte Bilderbuch Prinzessin Hannibal von Melanie Laibl und Michael Roher zu einem der wichtigsten Themen im Leben: Wer bin ich? Und wer möchte ich sein?

Prinz Hannibal jedenfalls möchte Prinzessin sein und nicht Prinz. Seine Eltern haben für solchen Firlefanz keine Zeit. Also fragt Hannibal seine sieben Schwestern um Rat und bekommt die besten Tipps aus altbekannten Grimm’schen Märchen: Tellerchen schrubben, auf einer Erbse nächtigen, einen Frosch küssen, sich die Haare zum ellenlangen Zopf wachsen lassen, eben alles, was man als Märchenprinzessin so durchmachen muss.

Schließich kommt Hannibal darauf, dass in jedem Prinzen auch ein Fünkchen Prinzessin steckt, das nur entzündet werden muss. Hannibal leiht sich sieben Sachen …

Autorin Melanie Laibl und Illustrator Michael Roher bringen hier schon sehr jungen Lesern mit dem Wechsel der Geschlechterrollen in Kontakt, ohne ein großes Drama daraus zu machen oder mit Moralkeulen oder irgendwelchen Zeigefingern zu wedeln. Ihnen kommt es darauf an zu zeigen, dass, wenn man wirklich will, man nämlich genau das sein kann, was man tief im Herzen eigentlich ist. Dabei darf man sich nur nicht von gleichgültigen Eltern oder überkommenen Märchen und überholten Regeln, die die Gesellschaft einem auftischt, in die Irre führen bzw. entmutigen lassen.
Sicher brauchen Kinder Märchen. Hier finden sie die sieben Klassiker, was einen gewissen Wiedererkennungseffekt und Spaß an der Erinnerung an diese Geschichten erzeugt. Kinder brauchen die Märchen aber auch, um diese zu überwinden, sie hinter sich zu lassen, um zu erkennen, dass sie nichts mit dem eigenen Leben gemein haben. Sie können Anregung sein, um zum eigenen Ziel zu kommen. Doch das Umdenken, den Umbruch, den Wandel im echten Leben nehmen sie einem nicht ab.

Dieses edle Bilderbuch ist grafisch ein Hinkucker, eine Mischung aus Collage, Malerei und Zeichnung (wenn ich das recht erkenne, verbessert mich, wenn ich falsch liege…). Hier sollte man wirklich auf die Details achten, um auch den Batman zu entdecken.
Für kleine Kinder vielleicht eine künstlerische Überforderung, doch in Kombination mit der Geschichte ein guter Anstoß, sich schon früh über seine (geschlechtliche) Identität Gedanken zu machen.

Melanie Laibl/Michael Roher: Prinzessin Hannibal, luftschacht, 2017, 32 Seiten, 22 Euro

Die Schatzinsel

„Mitten in der Nacht wachte ich auf und konnte nicht mehr einschlafen. Ich hatte solche Angst. Nie Geld zu haben war beängstigend. Und noch beängstigender war die Frage, wie lange wir überhaupt noch durchhalten würden, wenn uns bei jeder Kleinigkeit, die schiefging, gleich das Geld für die Miete fehlte.“

Kitchen-Sink-Drama heißen im Englischen Filme und Romane, in denen es um die Sorgen und Nöte der sogenannten Kleinen Leute geht. Das Geld ist immer knapp, der finanzielle Ruin stets nah und die Schuldenfalle schnappt schnell zu, wenn zum Beispiel die Schuhe zu klein werden, die Spülmaschine das Haus unter Wasser setzt und das Kaninchen krank ist. Das weiß auch und erlebt hautnah die zwölfjährige Holly Theresa Kennet, die mit ihrem älteren Bruder Jonathan und dem jüngeren Davy in einem heruntergekommenen Haus in London über einem Imbiss lebt. Trotzdem ist ihre Geschichte mit dem Titel Eine Insel für uns allein kein Trauerspiel. Sondern ein packendes, großes Abenteuer, bei dem es nicht nur längs durch Großbritannien auf die im Norden Schottlands gelegenen Orkney-Inseln geht. Schatzsuche, Detektivgeschichte, Familienporträt und Sozialstudie vereint Sally Nicholls brillant in ihrem jüngsten Buch. Und während der Vorgänger Wünsche sind für Versager kaum auszuhalten war ob des Teufelskreises, in dem eine zutiefst verletzte Kinderseele feststeckte, möchte man dieses Buch gar nicht aus der Hand legen, weil seine Helden so charmant sind und ihre Erlebnisse so unglaublich spannend. Beate Schäfer ist es wohl ähnlich ergangen, sie hat den Roman einfühlend und dialogstark, ohne Sozialkitsch und Melodramatik, übersetzt.

Angesichts der prekären Lage, in der sich die Geschwister nach dem Krebstod der Mutter befinden, ist ihre Suche nach dem versteckten Schmuck, den ihre Großtante ihnen vermacht hat, kein Kinderfreizeitvergnügen, sondern schiere Notwendigkeit. Holly ist extrem plietsch, kennt sich mit Computern und Programmieren aus, zählt Schlossknacker zu ihren Freunden und hat die einschlägige Kriminalliteratur gelesen, im Gegensatz zu ihren Schulfreunden, die „Sherlock Holmes auch nur über Benedict Cumberbatch kannten“. Es ist immer wieder nett und interessant zu lesen, welche Rolle in englischen Büchern vor allem der Meister der Deduktion nach wie vor spielt und zu was er inspiriert. Statt mit Lupe und dem Wissen von 100 Variationen von Zigarrenasche helfen heute Rechner, Digitalkameras, GPS-Daten und digitale Netzwerke bei des Rätsels Lösung.

Holly hätte man gern als Freundin: Sie ist mutig, klug, witzig, gibt nicht auf und lässt sich von nichts und niemandem einschüchtern. Ihre Stärke sind ihre besondere Familie, vor allem ihre Brüder, für die beide sie sich als „halbe Erwachsene“ verantwortlich fühlt, und ihre Freunde – Menschen, denen sie vertraut und auf die sie sich verlassen kann. Das ist der große Unterschied zur kaputten Heldin des vorhergehenden Romans, die immer wieder enttäuscht, verraten und im Stich gelassen wurde und deshalb niemandem vertraut, eine Insel für sich allein sozusagen, eine isolierte, einsame.

Die Insel für uns allein dagegen ist ein Zuhause, gebaut aus der besonderen Dreisamkeit, die die Geschwister zusammenhält. Zwar hat der 18-jährige Jonathan das Sorgerecht für die Jüngeren übernommen, aber jeder trägt seinen Teil bei, dass sie trotz ständiger Geldsorgen, gemeinsam den Alltag gewuppt kriegen und glücklich sein können.

Hier wird nicht verraten, was es mit den Fotos und dem versteckten Metallkoffer auf sich hat und ob sie den Schatz tatsächlich finden. Denn eigentlich finden Holly, Jonathan und Davy bei diesem Abenteuer, das das Leben an sich ist, etwas viel Besseres, Grandioses. Genau deshalb brauchen wir in aktuell ziemlich düsteren, verstörenden Zeiten Bücher wie dieses: herzergreifende kichen sink adventures.

Elke von Berkholz

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein, Übersetzung: Beate Schäfer, dtv Reihe Hanser 2017, 216 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Kinder brauchen Monster

monsterMein Neffe, 3, geht nirgendwohin ohne sein Monster. Das ist ein mittlerweile ziemlich verschlissenes Plüschgebilde, das wohl bald das Zeitliche segnet.

Neulich jedenfalls fand er bei mir das Pappbuch Monstermampf von Tobias Krejtschi. Keine Frage, dass es von vorn bis hinten gründlich unter die Lupe genommen wurde. Denn hier essen das Quadrat-Monster, das Kreis-Monster, das Dreieck-Monster und noch ein paar andere Monstergesellen nur speziell geformte Speisen. Auf dem Teller liegen jedoch verschiedenste Leckereien – der kleine Leser muss zuordnen, was das Monster wohl verdrückt.
Wie bei vielen Pappen heute üblich, lassen sich dann die Monsterbäuche aufklappen, sodass kontrolliert werden kann, ob man dem Monster auch das Richtige zu fressen angeboten hat. Das Erkennen von ganz einfachen Formen, bis hin zu etwas komplizierteren wie Halbmonden oder Herzen, funktioniert mit diesen roten Monstern ganz hervorragend.

Mein Herr Neffe jedenfalls war eifrig dabei und hatte nach ein paar Runden den Dreh raus. Und freute sich über die Wendung, die es beim Wurst-Monster zum Abschluss gab.

Dmonsterass Monster, oder auch T-Rex-Dinos, nicht immer das fressen wollen, was angeblich ihrer Natur entspricht, thematisiert hingegen das quietschbunte Bilderbuch T-Veg von Smriti Prasadam-Halls.
T-Rex Theobald hat keine Lust auf Fleisch, sondern steht viel eher auf Karotten-Torte, Blattspinat, Brokkoli, Mango, Pastinaken und Lauch. Theo ist mit anderen Worten ein ausgemachter Vegetarier. Das kommt bei der T-Rex-Sippe natürlich nicht gut an, die Eltern wundern sich, die anderen T-Rexe behaupten, Theo könne ja gar nicht mit ihnen mithalten, wenn er kein Fleisch esse. Irgendwann hat Theo die Schnauze voll und macht sich auf zu den Pflanzenfressern. Doch die rennen schreiend vor ihm weg… Ein echtes Dilemma, das aber schließlich ein harmonisches Ende findet.

Das Besondere an T-Veg ist der locker gereimte Text. Übersetzerin Kathrin Köller hat für Theos kulinarische Vorlieben ganz wunderbare Reime gefunden, die sich beschwingt vorlesen lassen und Theo zu einem überaus liebenswerten Helden machen.

Ob die Leser von Theobalds Geschichte nun zu Vegetarieren werden, wage ich zwar zu bezweifeln, aber auch über solch Essensvorlieben kann man kleine Menschen bereits für Toleranz gegenüber anderen sensibilisieren. Denn ob es später das Essen oder der Musikgeschmack ist, der bei anderen eben anders ist, ist eigentlich egal, Hauptsache, man hat sich lieb und akzeptiert den anderen, so wie er is(s)t.

monster

Ganz ohne Worte kommt schließlich Alice Hoogstad in ihrem Das kunterbunte Monsterbuch aus. Hier begleitet man ein kleines Mädchen, das in einer schwarzweißen Stadt anfängt, die Straße und die Häuser bunt zu bemalen.

Auf ein rotes Herz folgt ein feuriggelbroter Drache, dann ein sechsäugiger Lindwurm. Mit jeder Seite bringt die Künstlerin mehr Farbe in die Stadt – und die Monster erwachen zum Leben. Hand in Hand ziehen sie durch die Straßen, zum Erstaunen der Bewohner. Zwei weitere Kinder helfen dem Mädchen beim Malen.

Die Städter finden die bunten Gesellen so gar nicht passend und rüsten mit Wasserschlauch und Besen gegen sie. Doch die Monster greifen selbst zur Farbe, und plötzlich ist die ganze Stadt ein Farbenmeer.

Das passt den Spießern natürlich nicht, und so müssen die Kinder alles wieder sauber machen. Der Regen wäschst schließlich noch die letzten Farben davon…

Auf den wimmelartig gestalteten Doppelseiten gibt es in den Winkeln, Gassen und Häusern einiges zu entdecken. Die bunten Monster, die sich nicht in schwarze Umrandungen pressen lassen, übernehmen nach und nach das Geschehen und wirken dabei so anregend, dass vermutlich kein Kind die Finger wird still halten können. Die Seiten laden geradezu dazu ein, selbst zum Buntstift zu greifen und Farbe in die Stadt zu bringen.
Eine schönere Aufforderung, mit Farben zu arbeiten, sich nicht von irgendwelchen Spießern abhalten zu lassen, Kunst zu machen, gibt es, glaube ich, kaum. Und wenn das Monsterbuch am Ende dann wirklich kunterbunt ist, ist es vermutlich das schönste Kompliment für die Autorin.

Smriti Prasadam-Halls: T-Veg. Der fürchterliche Früchte-Fresser, Übersetzung: Kathrin Köller, Illustration: Katherina Manolessou, Prestel, 2017, 32 Seiten, ab 3, 12,99 Euro

Alice Hoogstad: Das kunterbunte Monsterbuch, Aracari, 2017, 32 Seiten, ab 3, 14,90 Euro

Tobias Krejtschi: Monstermampf, minedition, 2017, 22 Seiten, ab 2, 11,95 Euro

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Mehr Erna sein

ernaFast könnte die elfjährige Erna, die Heldin aus Anke Stellings erstem Kinderbuch, einem leid tun: Sie trägt einen altmodischen, total uncoolen Namen, wohnt mit Eltern und Bruder in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt und geht auf eine Gemeinschaftsschule.
Gemeinsamkeit ist wichtig, jedenfalls für die Elterngeneration in diesem Buch.

Erna hingegen findet, dass in diesem ganzen Gemeinsamkeitsdingens ziemlich viel ziemlich gemein ist. Meistens regt Erna sich dann auf und kann nicht ruhig bleiben, sondern mischt sich ein. Nur kommt das nicht immer gut an, weder bei den Erwachsenen noch bei den Freunden oder Mitschülern von Erna. Dann eckt Erna an.

Doch statt sich von Unverständnis oder fiesen Sprüchen abhalten zu lassen, zieht Erna stoisch ihr Ding durch: Sie schaut genau hin, sie überlegt, sie forscht nach, sie beschäftigt sich mit der Bedeutung von Wörtern. So wird das etymologische Lexikon zu ihrer liebsten Lektüre. Und zur Stütze, die ihr hilft, sich gegen die Scheinheiligkeit der Freundinnen zu wappnen oder die Widersprüchlichkeiten der Erwachsenen zu entlarven.

Erna tritt als schlaue Ich-Erzählerin auf, die ihre Umgebung genau analysiert, die aber dennoch mit sich und ihrem Körper hadert (angeblich ist der Umfang ihrer Oberschenkel zu groß). Sie durchschaut die Nachteile von Gemeinschaftsprojekten, sehnt sich manchmal nach einer konventionellen Schule und weigert sich dennoch, einen Mitschüler zu verpetzen, der Gemeinschaftseigentum beschädigt hat. Mit anderen Worten: Erna hat es nicht leicht, obwohl sie intelligent ist.

Und genau das macht Erna so unglaublich liebenswert. Sie könnte das Ebenbild vieler Mädchen sein, die sich kurz vor der Pubertät in einer höchst komplexen und widersprüchlichen Welt zurecht finden müssen. In einer Welt, wo gebildete Städter plötzlich ein alternatives Leben führen wollen, den Kindern in der Schule aber schon das Prinzip der Selbstoptimierung einzuhämmern versuchen. Sie erkennt, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern sich jeder seinen eigenen kleinen wahren Kosmos zusammenzimmert.

Anke Stelling, die mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, hat mit Erna einen wunderbar kritischen Geist geschaffen, den die heutige Jugend, die aktuelle Gesellschaft sehr gut gebrauchen kann. Wenn wir klagen, dass Politikverdrossenheit herrscht, dass die jungen Menschen gegen nichts mehr rebellieren, dass sie angepasst und eingespannt in das Leistungsprinzip sind, dann sollten wir uns alle eine Scheibe von Erna abschneiden. Wir sollten auf absurde Körpermaße pfeifen, kreativ und mitfühlend sein, und sehr viel mehr auf unsere Worte und deren eigentliche Bedeutung achten.

Vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn wir alle ein bisschen mehr wären wie Erna.

Anke Stelling: Erna und die drei Wahrheiten, cbt, 2017, 240 Seiten, ab 11, 12,99 Euro