Kunstklau gegen Raubkunst

cat dealNur mit den Fingerspitzen hängt sie am Fenstersims einer Londoner Stadtvilla, zehn Meter über dem Asphalt, die Alarmanlage schrillt trommelfellzerfetzend, aus den unteren Stockwerken schlagen Flammen – schon mit der ersten actiongeladenen, Bond-dynamischen und schnodderig kommentierten Szene hat sich Catherine Burke alias Cat Deal, Fassadenkletterin und Meisterdiebin, in mein Leserherz gestohlen. Zwei Seiten später erfährt man in Kate Freys packendem Krimi nebenbei ganz undramatisch, dass Cat eine Waise ist und die Geschichte brandaktuell, bestiehlt die tollkühne 16-Jährige doch gerade einen „Typen, der seine Regierung um Milliarden betrog. Mit dem Geld kaufte er Immobilien in ganz London. Und seine verzweifelten Landsleute in Griechenland brachten ihre Kinder in SOS-Dörfern unter, weil sie sie nicht ernähren konnten. Und das in Europa!“

Cat Deal ist eigentlich die klassische Einzelkämpferin, die nur sich selbst vertraut und auf sich selbst verlässt. Mit Ausnahme ihres pelzigen Freunds Simon, einer Ratte (später gibt’s noch ein Lob für die unterschätzten Anpassungs- und Überlebenskünstler: „Diebe sind wie Ratten, dachte Lord Peter bei sich, und das war in keiner Weise abwertend gemeint. Ratten sind hochsensible, intelligente Tiere, die Gefahr förmlich riechen und sich dann schnellstens aus dem Staub machen.“ Kluge Einschätzung, Mylord). Aber diesmal, in der brenzligen Eröffnungsszene, ist trotz der wortwörtlich minutiös zu Musikstücken von Cat geplanten, choreographieren und geprobten Klaupläne etwas schief gelaufen: Auf dem Dach hat ihr jemand die Beute abgejagt. Und jetzt steht sie beim Auftraggeber in der Schuld. Immerhin ging ihr ein millionenschweres, juwelenbesetztes Platinarmband flöten. Also bleibt ihr nichts anderes übrig, als mit Peter Charles Michael William Haversham der Vierte, Baron von Leonwood Castle, dessen jungem pakistanischen Assistenten und Hackergenie Asim und Butler Vincent zu arbeiten. Mit Cats Hilfe will Lord Peter (ältere Leser wie ich erinnern sich bei dem Namen wohlig an den sympathisch exzentrischen Detektiv Lord Peter Wimsey der scharfsinnigen englischen Krimiautorin Dorothy L. Sayers) aus dem Archiv der Tate Modern ein Bild des Dadaisten Kurt Schwitters entwenden und es der von den Nazis enteigneten, rechtmäßigen Besitzerin zurückgeben.

Und so arbeitet die 16-Jährige erstmals in einem Team – im besten Sinne. Eine Handvoll Individualisten und Außenseiter, die kooperieren, weil sie jeweils die Besten ihres Fachs, ihrer Kunst sozusagen, sind und damit das Optimale, sogar das Unmögliche erreichen. Und weil sie, wenn nötig, flexibel reagieren und Alleingänge wagen, anstatt sich starr an Planungen und Absprachen zu klammern und gegenseitig auszubremsen.

Mit Cat erfahren wir einiges über Raubkunst und den mehr als halbseidenen Kunstmarkt. Der Fall des Kunstsammlers Gurlitt wird angedeutet; das Drama um Gustav Klimts berühmtes Bild „Die goldene Adele“ spielt eine Schlüsselrolle, vor ein paar Jahren packend mit Helen Mirren als um Gerechtigkeit kämpfende Erbin verfilmt.

Grandios sind auch die elegant geplanten Einbrüche, die in ihrer Raffinesse und bestechenden Intelligenz an cineastische Klassiker wie Rififi, Ocean’s Eleven oder den absolut sehens- und liebenswerten deutschen Film Schrotten! heranreichen.

Man erfährt Wissenswertes über Selbstverteidigung, insbesondere als Frau und wie sie die Schwäche in Stärke verwandeln, also vermeintliche Unterlegenheit zu ihrem Vorteil ausnutzen kann; und über das Explosionspotenzial von Haushaltsreinigern. Man lernt London kennen und seinen Untergrund. Man taucht ein ins Darknet. Oder exklusive Adelskreise und deren Gepflogenheiten. Auch aktuelle Politik kommt zur Sprache: „Lord Peter hatte gegen den Brexit gestimmt, musste aber nun mit dem Ergebnis leben. Wie alle anderen auch. Auch die, die nicht zur Wahl gegangen waren, weil sie dachten, es wäre nicht nötig. Diesmal hatten die gewonnen, die es verstanden Ängste zu schüren.“

Dazu kommen in diesem furiosen Husarenstück noch spritzige, schlagfertige Dialoge. Mit „rote Backsteine sind rote Backsteine sind rote Backsteine“ lässt Gertrude Stein ironisch grüßen. Außerdem ist es ein bisschen eine Coming-of-Age-Story, ein Hauch Liebesgeschichte und ein Schuss Familiendrama (was fast ein bisschen zu deutlich zum Schluss im Raum steht, ein subtilerer Cliffhanger hätte es auch getan).

Also, liebe Leser, lasst Euch von dieser modernen Robin Hood des Kunstmarkts etwas Zeit stehlen, Ihr bekommt es zigfach zurück und seid anschließend um viel mehr als nur das schiere Lesevergnügen reicher. Das Gute ist, weil ich das Buch erst jetzt vorstelle, müsst Ihr nur kurz warten, bevor Ihr Euch ab dem 18. August mit Cat & Co. Nach allen Regeln der Kunst (so der Titel des zweiten Bands) ins nächste Abenteuer stürzen könnt.

Elke von Berkholz

Kate Frey: Cat Deal – Die Kunst zu stehlen, Ueberreuter, 2017, 315 Seiten, ab 12, 14,95 Euro

Die Schatzinsel

„Mitten in der Nacht wachte ich auf und konnte nicht mehr einschlafen. Ich hatte solche Angst. Nie Geld zu haben war beängstigend. Und noch beängstigender war die Frage, wie lange wir überhaupt noch durchhalten würden, wenn uns bei jeder Kleinigkeit, die schiefging, gleich das Geld für die Miete fehlte.“

Kitchen-Sink-Drama heißen im Englischen Filme und Romane, in denen es um die Sorgen und Nöte der sogenannten Kleinen Leute geht. Das Geld ist immer knapp, der finanzielle Ruin stets nah und die Schuldenfalle schnappt schnell zu, wenn zum Beispiel die Schuhe zu klein werden, die Spülmaschine das Haus unter Wasser setzt und das Kaninchen krank ist. Das weiß auch und erlebt hautnah die zwölfjährige Holly Theresa Kennet, die mit ihrem älteren Bruder Jonathan und dem jüngeren Davy in einem heruntergekommenen Haus in London über einem Imbiss lebt. Trotzdem ist ihre Geschichte mit dem Titel Eine Insel für uns allein kein Trauerspiel. Sondern ein packendes, großes Abenteuer, bei dem es nicht nur längs durch Großbritannien auf die im Norden Schottlands gelegenen Orkney-Inseln geht. Schatzsuche, Detektivgeschichte, Familienporträt und Sozialstudie vereint Sally Nicholls brillant in ihrem jüngsten Buch. Und während der Vorgänger Wünsche sind für Versager kaum auszuhalten war ob des Teufelskreises, in dem eine zutiefst verletzte Kinderseele feststeckte, möchte man dieses Buch gar nicht aus der Hand legen, weil seine Helden so charmant sind und ihre Erlebnisse so unglaublich spannend. Beate Schäfer ist es wohl ähnlich ergangen, sie hat den Roman einfühlend und dialogstark, ohne Sozialkitsch und Melodramatik, übersetzt.

Angesichts der prekären Lage, in der sich die Geschwister nach dem Krebstod der Mutter befinden, ist ihre Suche nach dem versteckten Schmuck, den ihre Großtante ihnen vermacht hat, kein Kinderfreizeitvergnügen, sondern schiere Notwendigkeit. Holly ist extrem plietsch, kennt sich mit Computern und Programmieren aus, zählt Schlossknacker zu ihren Freunden und hat die einschlägige Kriminalliteratur gelesen, im Gegensatz zu ihren Schulfreunden, die „Sherlock Holmes auch nur über Benedict Cumberbatch kannten“. Es ist immer wieder nett und interessant zu lesen, welche Rolle in englischen Büchern vor allem der Meister der Deduktion nach wie vor spielt und zu was er inspiriert. Statt mit Lupe und dem Wissen von 100 Variationen von Zigarrenasche helfen heute Rechner, Digitalkameras, GPS-Daten und digitale Netzwerke bei des Rätsels Lösung.

Holly hätte man gern als Freundin: Sie ist mutig, klug, witzig, gibt nicht auf und lässt sich von nichts und niemandem einschüchtern. Ihre Stärke sind ihre besondere Familie, vor allem ihre Brüder, für die beide sie sich als „halbe Erwachsene“ verantwortlich fühlt, und ihre Freunde – Menschen, denen sie vertraut und auf die sie sich verlassen kann. Das ist der große Unterschied zur kaputten Heldin des vorhergehenden Romans, die immer wieder enttäuscht, verraten und im Stich gelassen wurde und deshalb niemandem vertraut, eine Insel für sich allein sozusagen, eine isolierte, einsame.

Die Insel für uns allein dagegen ist ein Zuhause, gebaut aus der besonderen Dreisamkeit, die die Geschwister zusammenhält. Zwar hat der 18-jährige Jonathan das Sorgerecht für die Jüngeren übernommen, aber jeder trägt seinen Teil bei, dass sie trotz ständiger Geldsorgen, gemeinsam den Alltag gewuppt kriegen und glücklich sein können.

Hier wird nicht verraten, was es mit den Fotos und dem versteckten Metallkoffer auf sich hat und ob sie den Schatz tatsächlich finden. Denn eigentlich finden Holly, Jonathan und Davy bei diesem Abenteuer, das das Leben an sich ist, etwas viel Besseres, Grandioses. Genau deshalb brauchen wir in aktuell ziemlich düsteren, verstörenden Zeiten Bücher wie dieses: herzergreifende kichen sink adventures.

Elke von Berkholz

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein, Übersetzung: Beate Schäfer, dtv Reihe Hanser 2017, 216 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

[Jugendrezension] Düstere Visionen im viktorianischen London

madisonSeit langem habe ich kein Buch mehr gelesen, über das ich so eine gemischte Meinung hatte, wie Madison Mayfield –Die Augen des Bösen von Rainer M. Schröder.

Protagonistin des Romans ist die 17-jährige Madison, die seit dem tragischen Tod ihrer Eltern bei ihren Verwandten im London des Jahres 1890 ein trostloses Dasein fristet. Zwar können ihr reicher Onkel und ihre Tante ihr materiell alles bieten, doch spürt Madison permanent, dass sie unerwünscht ist. Besonders ihre Cousinen machen ihr das Leben schwer.

Doch damit nicht genug, denn seit einem schweren Unfall wird Madison immer wieder von anfallartigen Visionen heimgesucht. Diese Visionen zeigen Madison grausame Morde – durch die Augen des Täters! Von ihrer Umwelt wird Madison zunächst verrückt gehalten. Für einige Wochen wird sie in eine Irrenanstalt eingeliefert. Madison ist heilfroh, als sie endlich entlassen wird. Doch ihre mysteriösen Anfälle haben sich herumgesprochen. Bald wird Madison von einem ehemaligen Scotland-Yard-Detective namens Blake Scarboro aufgesucht. Er glaubt, dass Madisons Visionen die Zukunft zeigen. Die Morde, die sie gesehen hat, sind tatsächlich verübt worden. Madison ist zunächst skeptisch. Doch Scarboro ist nicht der Einzige, dem Madisons Visionen zu Ohr gekommen sind …

Die Bücher von Rainer M. Schröder habe ich schon immer mit Vergnügen gelesen, da ich großer Fan von historischen Büchern bin. Als ich dann auch noch London, viktorianisches Zeitalter und Scotland Yard hörte, war ich sofort Feuer und Flamme. Doch muss ich sagen, dass es mir nicht immer leicht gefallen ist, die Geschichte zu lesen. Besonders am Anfang fand ich es schwer, mich an Schröders Schreibstil zu gewöhnen. Schröder ist für seine ausgeschmückten Beschreibungen bekannt, das war in seinen bisherigen Büchern auch so. Bisher hat mich das nie gestört. Diesmal war es anders. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich älter geworden bin und in letzter Zeit viele Bücher mit einfachem, knappen Satzbau gelesen habe, oder dass Schröder vielleicht tatsächlich anders geschrieben hat. Mir kam es so vor, als stünde vor fast jedem Nomen mindestens ein Adjektiv. Manche davon empfand ich als unnötig, wie zum Beispiel „dunkler Schatten“. (Ich habe noch nie einen hellen Schatten gesehen).

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass Schröders Beschreibungen stets bis ins kleinste Detail recherchiert sind. Man merkt, dass Schröder sich ein fundiertes Wissen über die Zeit angeeignet hat. So erwacht das viktorianische London zum Leben. Ich konnte beim Lesen förmlich die Menschen und die Straßen sehen. Und obwohl ich zu behaupten wage, schon einiges über diese Epoche zu wissen, konnte ich noch vieles dazulernen. Zum Beispiel über Irrenanstalten und die Behandlung psychisch kranker Menschen (sehr schockierend!), aber auch über Indien und die Sikhs, sowie Priesterlöcher, als auch die irische Freiheitsbewegung, und noch so viel mehr. Es muss eine Heidenarbeit gewesen sein, all diese Informationen zusammenzutragen. Aber das ist es gerade, was einen historischen Roman ausmacht: nicht bloß Fakten, die kann einem auch ein Schulbuch vermitteln, die Zeit muss zum Leben erweckt werden! Man muss sie riechen, schmecken und spüren können. Das gelingt Rainer M. Schröder wie keinem anderen und macht ihn in meinen Augen zu einem der größten Autoren historischer Literatur in Deutschland.

Mit Madisons Visionen hat er dieser Geschichte ein Fantasy-Element hinzugefügt. Ich fand es gut. Es hat zu der Geschichte gepasst und sie noch interessanter gemacht. Überhaupt kann man sagen, dass die Handlung nur schwer vorhersehbar war und immer wieder überraschende Wendungen bot.

Die Charaktere der Hauptperson und auch von vielen Nebenpersonen sind vielschichtig und faszinierend. Einige Charaktere sind meiner Meinung nach wiederum zu blass geblieben, wie zum Beispiel Blake Scarboro. Auch Duffy war mir ein ewiges Rätsel und erinnerte mich eher an ein Kinderbuch, als an ein Buch für junge Erwachsene.

Vielleicht hätte der Geschichte ein bisschen weniger Handlung gut getan. Es sind so viele Handlungsstränge miteinander verflochten, dass man bei einigen Sachen nur an der Oberfläche bleiben konnte. Manchmal fand ich es unglaubwürdig, wie sich Personen verhielten. Zudem hätte ich mir ein anderes Ende für Madison und Leona gewünscht. Aber dann gab es in dem Buch auch wieder unglaublich starke Szenen.

Auch wenn mein Feedback nicht durchweg positiv ausgefallen ist, bereue ich es nicht, das Buch gelesen zu haben. Zwar hätte ich mir ein paar Sachen anders gewünscht, aber im Großen und Ganzen war die Handlung interessant und abwechslungsreich und mal etwas erfrischend anderes. Außerdem sollte ein Fan von historischer Literatur das Buch schon allein wegen der tollen Beschreibungen lesen!

Juliane (16)

Rainer M. Schröder: Madison Mayfield – Die Augen des Bösen, cbj, 2014, 512 Seiten,  ab 12, 18,99 Euro

Eine von vielen, eine wie viele, eine wie keine.

samiaDie Nachrichten dieser Wochen sind fürchterlich. Die Welt scheint ein horrender Ort zu sein. Und Abhilfe nirgends. Gefühlt zumindest. Man möchte sich verkriechen.

Und dann gibt es diese Lichtblicke, die erinnern, würdigen, aufklären, Verständnis befördern. Reinhard Kleists Graphic Novel Der Traum von Olympia ist so ein Lichtblick. In Fortsetzungen bereits im vergangenen Jahr in der FAZ erschienen, liegt die Geschichte jetzt als Buch vor.

Darin erzählt er von der Somalierin Samia Yusuf Omar, die 2008 in Peking bei den Olympischen Spielen im 200-m-Lauf ihr Land vertrat. Und Letzte wurde. Die Herzen der Zuschauer allerdings eroberte sie im Sturm, war sie doch das beste Beispiel des olympischen Gedankens „Dabeisein ist alles“. Für die damals 17-Jährige öffnete sich eine neue Welt, die nichts mit dem Krieg und den islamistischen Milizen in ihrer Heimat gemein hatte. In Samia wuchs der Wunsch, 2012 erneut bei Olympia, dieses Mal in London, anzutreten. Für diesen Traum war sie bereit alles zu tun. Sie trainierte im zerbombten Stadion von Mogadischu, versuchte, Anschluss an die Olympia-Mannschaft von Äthiopien zu bekommen. Vergeblich. Frauen waren dort im Sport nicht erwünscht.
So machte sie sich auf nach Europa. Zusammen mit ihrer Tante zahlte sie Schleppern viel Geld, die Frauen liefen zu Fuß durch die Wüste, wurden in stickigen Containern zusammengepfercht, verloren sich aus den Augen. Samia haderte, verzweifelte fast, doch der Wunsch bei Olympia anzutreten, trieb sie weiter, durch Äthiopien, den Sudan, durch Libyen, bis nach Tripolis. Dort landete sie im Gefängnis, zahlte noch mehr Geld, um schließlich auf einem viel zu kleinen Schlauchboot über das Meer zu tuckern. Samia überlebt diese Fahrt nicht.

Sie gehört zu den vielen Menschen, die seit Jahren im Mittelmeer ihr Leben lassen und die hierzulande ganz schnell in Vergessenheit geraten. Kleists Graphic Novel erzählt gegen dieses Vergessen und zeigt in eindrucksvollen handgefertigten Tuschezeichnungen, dass keiner der Menschen, die über das Meer flüchten, aus Vergnügen die körperlichen und seelischen Qualen auf sich nimmt. Das sollten wir, die wir trocken, sicher und bequem auf dem Sofa sitzen, nie vergessen.
Wir haben auf diesem Sofa zwar auch keine Lösung für diese Dramen und ihre komplexen Ursachen parat, aber wir werden nach der Lektüre von Kleists Der Traum von Olympia den Menschen, die zu uns kommen, anders begegnen. Respekt- und hoffentlich auch verständnisvoller.

Hatte ein Journalist Samia Yusuf Omar 2008 noch als „skurrile Fußnote in den Statistikbüchern“ bezeichnet, so würdigt Kleist sie nun als einen Menschen, eine junge Frau, die bereit war, für ihren Traum alles zu geben. So wird sie zu einer Stellvertreterin all derer, die sich ebenfalls auf den Weg machen, um ein sicheres, einträgliches Leben zu führen. Sie wird zur Mahnerin für die, die es nicht geschafft haben, und sie wird zum Vorbild, worum es bei Olympia einmal ging.
Reinhard Kleist kann man für diese Arbeit nicht genug danken.

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar, Carlsen, 2015, 152 Seiten,  ab 14, 17,90 Euro

Der Mangel an Mut

irminaGab es „normale Deutsche“ während der Nazizeit? Aus der zeitlichen Entfernung möchte man sagen, nein, entweder gab es stramme Nazis, feige Mitläufer oder Verfolgte. Das ist die Außensicht. Eine Sicht von innen versucht Barbara Yelin in ihrer Graphic Novel Irmina darzustellen.

Darin erzählt sie die Geschichte der anfangs 17-jährigen Irmina, die 1934 nach London geht und dort eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin macht. Das Mädchen träumt von der Freiheit, will reisen, arbeiten und unabhängig sein. Auf einer Party lernt sie den Oxford-Studenten Howard kennen. Howard kommt aus Barbados und wird wegen seiner dunklen Hautfarbe angefeindet. Beide sind auf ihre Art Außenseiter, denn Irmina wird zwar als zuverlässige, fleißige Deutsche geschätzt, gleichzeitig ist sie jedoch keine Emigrantin und muss immer wieder Fragen zur Politik in Deutschland beantworten. Doch Irmina hat keine Antworten, sie changiert zwischen Trotz und Naivität, kann die Verhältnisse aus der Ferne nicht genau einschätzen.
Halt gibt ihr die Freundschaft zu Howard, die sich langsam in Liebe verwandelt.
Dann jedoch muss  Irmina nach Deutschland zurück, da die Eltern kein Geld mehr ins Ausland schicken dürfen, ihr Zimmer für eine Emigrantin gebraucht wird und sie nicht den Mut hat, sich einen Job zu suchen. Irmina verspricht Howard, so schnell wie möglich zurückzukommen.
In Deutschland findet sie zwar Arbeit im Kriegsministerium, doch das Gehalt ist schmal und ihr Antrag, nach London versetzt zu werden, wird abgelehnt. Gerade als sie sich mit geliehenem Geld ein Schiffsticket nach London gekauft hat, kommt einer ihrer Briefe an Howard zurück mit dem Vermerk „unbekannt verzogen“. Daraufhin gibt sie den Avancen des Architekten Gregor nach, heiratet ihn, bekommt einen Sohn, wird zur Hausfrau und  Mitläuferin und Profiteurin des Regimes. Ihr mangelnder Mut wandelt sich in die Schuld, sich arrangiert, weggesehen und den Mund gehalten zu haben.

Yelin lenkt mit ihren gedämpft grau-braunen Panels den Blick auf das alltägliche Schicksal einer jungen Frau, deren Träume zerplatzen, die ganz auf sich gestellt ist. Die Not, der Kampf ums Überleben scheinen sie zu ihren Entscheidungen zu zwingen. Der Leser hingegen sieht die Alternativen, hadert mit ihr Angst, meint es besser zu wissen, wünscht ihr mehr Mut, empört sich über ihre Feigheit und ihr Schweigen – und hat doch auch keine Lösungen parat. Denn die Frage: „Was hätte ich damals getan?“ kann niemand wirklich beantworten, der nicht dabei gewesen war. Aber genau über dieser Frage denkt man nach der Lektüre dieser Graphic Novel verstärkt nach. Und leidet dann mit Irmina umso mehr mit, als sie nach Jahren, als alte Frau, Howard noch einmal wiedersieht und ihr die verpasste Chance so überdeutlich vor Augen geführt wird.

Irminas Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, macht nachdenklich und zwar sehr. Yelin zeigt, wie es Menschen damals gegangen sein könnte, ohne es platt zu verurteilen. Das besorgt der Leser selbst, obwohl es kaum einfache Lösungen und Antworten gibt. Wie so oft im Leben. Aber Irmina mahnt und macht Mut, öfter mal mutig zu sein.

Barbara Yelin: Irmina, Reprodukt, 2014, 300 Seiten, 39 Euro

Der Abraxas des Lebens

naoEs gibt Lektüren, die mich manchmal etwas ratlos zurücklassen – und mich gleichzeitig ungemein faszinieren, so wie aktuell die Graphic Novel Das NAO in Brown von Glyn Dillon.

Erzählt wird die Geschichte der Mittzwanzigerin Nao Brown. Nao ist Halbjapanerin, lebt in London und zeichnet Spielzeug. So weit, so normal – möchte man meinen, doch Nao hat Ticks und sonderbare Vorstellungen, in denen sie Menschen aus ihrer Umwelt schlimme Sachen antun will. Nur die Erinnerung an die Liebe ihrer Mutter und das Buddhistische Zentrum scheinen ihr Ruhe zu geben.
Nao tritt einen neuen Job in einem Design-Spielzeugladen für Nerds an. Dort begegnet ihr eines Tages ein bärtiger Waschmaschinenmechaniker, der sie an eine japanische Anime-Figur erinnert. Nao ist fasziniert, fühlt sich zu dem philosophierenden Mann hingezogen, ohne zu merken, dass auch er Abgründe in sich trägt.

Die wichtigste Farbe in dieser Graphic Novel ist Rot. Nao trägt immer irgendetwas Rotes. Wenn ihre Angst durchbricht, färben sich die Panels rot. Rot als vielleicht symbolträchtigste Farbe für das Leben, für Liebe, für Leidenschaft, für Blut, Wut, Gewalt. In zarten Aquarellen entfaltet Glyn Dillon das Mysterium des Lebens, in dem es nicht nur weiß oder schwarz gibt, in dem Gut ohne Böse nicht existieren kann. Nicht alles ist, wie man es sich vorstellt oder wünscht. Und manchmal kann sogar ein Unfall helfen, Ängste zu überwinden.
Eingebettet in Naos Geschichte ist ein weiterer Comic über die sehr rätselhafte Mensch-Baum-Figur Pictor, der in den Krieg zieht. Hier bleibt offen, ob es sich dabei um eine Fantasie von Nao handelt, um ihre Träume, um ein Märchen. Das muss jeder Leser selbst entscheiden.

Das Hardcover ist wunderschön ausgestattet: Komplett weißer Einband, der Titel auf dem Buchrücken ist eingeprägt, nur das japanische Zeichen für Nichts prangt vorne auf dem Cover, ebenfalls geprägt. Der Buchschnitt ist in Nao-Rot gehalten. Der Schutzumschlag ist auf der Innenseite mit einer fiktiven Karte von Everywhere/Nowhere gestaltet. Buddhisten und Japankenner werden darin sicherlich eine Reihe von Anspielungen finden. Für Nicht-Experten wie mich ist es ein schönes Suchspiel nach bekannten philosophischen Konzepten und Haltungen zum Leben.

Das NAO in Brown ist so mysteriös wie das Leben selbst. Ein Abraxas voller Kraft, Dauer und Wandel. Nicht alles versteht man, vieles fesselt einen, manches liebt man. Nicht alles läuft so, wie man es gerne hätte, Ängste gehören dazu, können aber überwunden werden. Wenn man es will. Und Das NAO in Brown will man nach dem ersten Durchgang gleich noch mal lesen – um alle die Geheimnisse darin noch besser zu ergründen.

Glyn Dillon: Das NAO in Brown, Übersetzung: Volker Zimmermann,  Egmont Graphic Novel, 2014,  208 Seiten, 29,99 Euro

[Jugendrezension] Auf der Suche

boyneDas Buch des irischen Autors John Boyne So fern wie nah handelt von dem zu Beginn kleinen Jungen Alfie, an dessen fünftem Geburtstag der erste Weltkrieg ausbricht. Sein Vater Georgie verspricht, nicht in den Krieg zu ziehen – und bricht dieses Versprechen gleich am nächsten Tag.

Vier Jahre später liest Alfie jeden Tag die Zeitung durch, auf der Such nach einer Meldung über seinen Vater, weil dieser seit längerer Zeit keine Briefe mehr geschrieben hat. Aber Alfie findet nichts: zum Glück, denn in der Zeitung stehen nur die Namen der Gefallenen und Verletzten.
Inzwischen arbeitet seine Mutter als Krankenpflegerin. Da sie aber nicht genug Geld verdient, arbeitet Alfie heimlich als Schuhputzer am Londoner Bahnhof King´s Cross. Einen Teil des Geldes gibt er seiner Mutter, den anderen Teil muss er für neue Schuhputzmittel ausgeben, denn der Vorrat in seiner Schuhputzkiste reicht nicht lange. Weil er jeden Tag junge Männer sieht, die in den Krieg ziehen – es ist inzwischen Pflicht, mit 18 Jahren Kriegsdienst zu leisten –, wird er oft an seinen Vater erinnert. Eine ganze Weile putzt er die Schuhe der Leute, bis der Name seines Vaters in der Zeitung unter den Verletzten steht. Am nächsten Tag hört Alfie zufällig am Bahnhof ein Gespräch zwischen seiner Mutter und einem Mann, in dem er erfährt, in welchem Krankenhaus sein Vater liegt: Er hat einen so genannten Granatenschock erlitten. Alfie fährt in dieses Krankenhaus, und ihm passiert nun Einiges, was ihn denken lässt, das Krankenhaus sei schlecht. Er findet seinen Vater schließlich bei den psychisch Geschädigten, wird aber nach so langer Zeit von diesem nicht erkannt. Als Alfie wieder zu Hause ist, beschließt er, seinen Vater dort herauszuholen …

Das Buch ist sehr ernst, daher ist es überhaupt nicht für Menschen geeignet, die gerne Witziges mögen. Es ist spannend und bewegend erzählt, sodass man über all die Jahre mit Alfie, der vom Kind zum Jungen wird, mitfiebert.

Ich empfehle das Buch von 10 Jahren an. Für Jüngere ist es sowohl wegen des Themas Krieg als auch wegen der Zusammenhänge, die sich beim Lesen manchmal erst hinterher ergeben, ziemlich schwer begreifbar.

Lector03 (11)

John Boyne: So fern wie nah, Übersetzung: Brigitte Jakobeit/Martina Tichy, Fischer KJB, 2014, 256 Seiten, ab 12, 12,99 Euro

 

London gestern und heute

colferEigentlich bin ich kein großer Fan von Zeitreisegeschichten, über die genauen Gründe meiner Abneigung gegen dieses Gedankenspiel muss ich jetzt allerdings noch mal genau nachdenken. Denn Eoin Colfer hat mit WARP – Der Quantenzauberer eine Variante dieses Genres vorgelegt, die ich nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Die 16-jährige Chevron arbeitet als jugendliche Hilfsagentin für das FBI. Nach einem misslungenen Einsatz in Los Angeles wird sie nach London strafversetzt, bis Gras über die Sache gewachsen ist. In der britischen Hauptstadt wartet ein langweiliger Bewachungsjob auf sie – was aber natürlich nicht so bleibt … denn das Objekt, das Chemie im Auge behalten soll, ist eine Zeitreisemaschine des anonymen Zeugenschutzprogramms „Witness Anonymus Relocaton Programme“ – kurz WARP. Damit schickt das FBI gefährdete Zeugen in der Zeit zurück ins 19. Jahrhundert, wo angeblich niemand an sie herankommt. Dass dieses Konzept nicht aufgeht, merkt Chevie ganz schnell, als in dem Ding plötzlich ein Toter und ein Junge aus der Vergangenheit auftauchen.

Der ebenfalls 16-jährige Riley ist Assistent des Zauberers Albert Garrick. Dieser arbeitet jedoch hauptsächlich als Auftragsmörder im London von 1898. Gerade als Riley von Garrick zu seinem ersten Mord gezwungen wird, aktiviert das Opfer einen so genannten Timekey und katapultiert sich durch ein Wurmloch in die Gegenwart. Garrick, der merkwürdigerweise an seinem Assistenten wie an einem Sohn hängt, folgt Riley später in die Zukunft. Ein rasantes Hin und Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart entspinnt sich, bei dem Garrick durch das Zeitreisen zu einem Magier mit Superkräften mutiert und nun in James-Bond-Bösen-Manie leicht größenwahnsinnig die Weltherrschaft in seiner Zeit erlangen will.
Chevie, die mit Riley zusammen vor Garrick flüchtet, erlebt nicht nur das sehnlichst herbeigewünschte Agenten-Abenteuer, sondern lernt dabei auch den Gestank und das Elend des viktorianischen Englands kennen. In all dem Trubel von Verfolgungsjagden durch die Zeiten findet Riley schließlich heraus, wer seine Eltern getötet hat …

Eoin Colfer ist ein rasant-frecher Pageturner gelungen, der mit einem Augenzwinkern auf Charles Dickens, Arthur Conan Doyle und Jules Vernes anspielt und auch die Gegenwart mit ihren Absonderlichkeiten aufs Korn nimmt. Claudia Feldmann hat diese Geschichte entsprechend pfiffig ins Deutsche übersetzt. WARP ist spannendes Lesefutter für Liebhaber von Agentengeschichten – und wird zum Glück erst einmal nicht von einer Liebesgeschichte der Helden Chevie und Riley überlagert, sondern lebt ganz von dem Kontrast der verschiedenen Epochen in London. Das wird besonders anschaulich, wenn Riley in der Zukunft feststellt, dass er die Menschen gar nicht mehr riechen kann. Eine feinsinnigere Beobachtung, in was für einer angenehmen und bequemen Zeit wir heutzutage leben, kann es eigentlich kaum geben.

Eoin Colfer: WARP – Der Quantenzauberer, Übersetzung: Claudia Feldmann, Loewe Verlag, 201,4 352 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

PS: Und endlich gibt es mal einen wirklich reizenden Buchtrailer, den ich hier gerne einbinde…

 

Traumhaft

silberEigentlich, ja, eigentlich wollte ich auf diesem Blog keine Bücher vorstellen, die schon auf der Bestsellerliste stehen, weil die dann ja bereits eine stattliche Anzahl an Lesern gefunden haben, und ich den Büchern, die nicht diese Aufmerksamkeit erfahren, ein Forum bieten möchte. Wenn  solche Bücher später auf diesen Listen auftauchen, freue ich mich natürlich. Momentan sind das drei – John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Raquel Palacios Wunder und Janet Foxleys Munkel Trogg.
Kerstin Giers Trilogie-Auftakt-Roman Silber – Das erste Buch der Träume stand schon auf der Bestsellerliste, bevor ich auch nur die erste Zeile gelesen hatte. Also hätte ich ihn mir eigentlich sparen können. Doch da die Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier völlig an mir vorbeigegangen ist und ich nun doch neugierig war, was es mit dieser Autorin auf sich hat, fing ich an zu lesen. Und konnte nicht mehr aufhören.

Die Geschichte um Liv in London mit ihrer neuen Patchwork-Familie und der geheimnisvollen Boys-Clique, die durch Träume wandelt, will ich hier gar nicht wiederholen. Denn die findet sich schon in unendlicher Zahl im Netz. Spannend ist die mainstream-taugliche Mischung aus Mystery, High-School-Gossip-Abschlussball-Szenerie und clever-nerdigen Außenseiter-Heldin alle mal. Gar keine Frage. Da frage ich mich eher, ob ich hier eigentlich noch einen neuen Aspekt zu diesem Buch beitragen kann.

Vielleicht soviel: Das, was mich neben der gut geplotteten Geschichte, schon auf den ersten Seiten in den Bann gezogen hat, war die einwandfreie Erzählart. Liv berichtete zwar als Ich-Erzählerin von ihren Erlebnissen – ich sage hier „zwar“, denn Ich-Erzählungen im Jugendbuch sind seit einem gefühlten Jahrzehnt so en vogue, dass man andere Perspektiven wirklich mit der Lupe suchen muss. Meist sind diese Ich-Erzählungen dann auch noch im Präsens geschrieben, was bei mir momentan mehr oder weniger allergische Reaktionen auslöst. Kerstin Gier jedoch schreibt in der Vergangenheitsform, was mich  dann auch mit der  Ich-Perspektive versöhnt. Denn so ist zumindest ein gewisser zeitlicher Abstand zu der Handlung gewahrt, und ich muss mich nicht mit der Protagonistin zwangsidentifizieren oder mir über die erzählte Gegenwart, die im Moment meiner Lektüre ja eigentlich schon längst wieder Vergangenheit ist – oder zumindest nicht meine eigene Zeit ist, den Kopf zerbrechen.
Im Fall von Liv hält Gier die  Ich-Perspektive perfekt durch. Alle Infos kommen in der richtigen Dosis zum richtigen Moment von den richtigen Figuren. Das bekommen nicht alle Autoren so nonchalant hin. All dies kombiniert Gier mit klarer Sprache und Syntax, die dem Lesefluss keine Stolpersteine in den Weg legt. Die Portion Humor und die Prise Selbstironie, mit denen sie Liv ausstattet, machen die Heldin zu einer absolut liebenswerten Figur. Eigentlich sind alle Figuren im Roman liebenswert, was vielleicht der einzige Kritikpunkt sein könnte – denn es gibt kein wirkliches Ekel, von einer Figur mal abgesehen. Hier hätte man sich ein bisschen weniger Heile-Patchwork-Welt wünschen können. Aber schließlich handelt es sich bei Silber nicht um einen sozialkritischen Problemroman, sondern um ein kurzweiliges Mystery-Abenteuer, bei dem alle Zutaten stimmen.

Diese Betonung von handwerklichem Können mag sich vielleicht banal anhören. Doch mittlerweile kommen mir immer mehr Bücher unter, in denen genau dieses Handwerk zu wünschen übrig lässt (über diese Bücher blogge ich dann nicht, weil ich sie meistens nicht mal zu Ende lese). Umso mehr schätze ich daher einwandfrei erzählte Geschichten und ziehe meinen Hut vor dieser tatsächlich schwierigen Aufgabe, die sehr viel Disziplin und Aufmerksamkeit erfordert. In anderen Romanen wechselt beispielsweise die Perspektive  so oft, dass einem fast schwindelig wird und man den Überblick verliert, wer gerade erzählt. Vieles wird einfach behauptet und nicht durch die Figuren gezeigt. All diese Fehler sucht man bei Kerstin Gier vergeblich. Zum Glück. Denn durch ihren geschmeidigen Text kann man den Inhalt von Silber umso ungestörter genießen.

Man taucht von der ersten Seite in Livs Welt ein und erst auf der letzten Seite wieder daraus auf. Besser geht es wirklich nicht. Das Fiese an der letzten Seite ist allerdings der letzte Satz: ein makelloser Cliffhanger, der sofort das Verlangen nach Teil zwei schürt. Vermutlich müssen alle Silber-Infizierte jetzt erst einmal ein Jahr auf den neuen Stoff warten. Das ist zwar bitter, aber genauso eine Wirkung wünsche ich mir von guter Unterhaltungsliteratur: Man kann gar nicht genug davon bekommen.

Kerstin Gier: Silber – Das erste Buch der Träume, Fischer FJB, 2013, 416 Seiten, ab 14, 18,99 Euro

Flucht in eine neue Heimat

kerrManchmal stelle ich fest, dass ich Bücher gar nicht gelesen habe, obwohl ich der Überzeugung bin, das schon längst getan zu haben. Judith Kerrs Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ist so ein Fall. Bis vor kurzem war ich felsenfest davon überzeugt, es zu kennen. So genau erinnere ich mich an die Zeit in den 70er Jahren, als alle von diesem Buch gesprochen haben und ich ganz seltsame Gefühle dabei hatte, die ich gar nicht einordnen konnte.

Jetzt, aus Anlass von Judith Kerrs 90. Geburtstag, habe ich die Lektüre nachgeholt – und dafür auch gleich noch die beiden Nachfolgeromane Warten bis der Frieden kommt und Eine Art Familientreffen drangehängt. Es war schon bewegend, endlich die Flucht der Familie Kerr ganz bewusst miterleben zu dürfen.

Annas Sicht der Dinge bringt auch heute noch die Zeit von 1933 und die Schrecken, die schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis einsetzten, dem Leser eindringlich nah. Man ist unmittelbar dabei, wie die anfangs 9-Jährige die Flucht in die Schweiz und nach Frankreich erlebt, bis die Familie schließlich eine neue Heimat in London findet. Zu all den Neuanfängen kommt die Sorge, wie die Familie überleben soll. Denn Annas Vater, der berühmte Schriftsteller und Theaterkritiker Alfred Kerr, findet im Ausland kaum Möglichkeiten zu veröffentlichen. So muss sich vornehmlich die Mutter um den Unterhalt für die Familie kümmern.
In Warten bis der Frieden kommt schildert Anna die Kriegsjahre in London. Die Familie lebt immer noch in beengten Verhältnissen in einem kleinen Hotel. Anna ist zeitweise bei Bekannten untergebracht, ihr Bruder Michael studiert in Cambridge Jura und möchte zur Royal Air Force. Mittlerweile ist Anna alt genug, um ebenfalls eine Arbeit anzunehmen. Zwischen Bombenangriffen und ihrer Arbeit für einen Wohltätigkeitsverein lernt sie zudem das Zeichnen. Und verliebt sich in ihren Zeichenlehrer.
Eine Art Familientreffen schildert eine Woche im Jahr 1953. Annas Vater ist vor vier Jahren gestorben (auch hier folgt Judith Kerr ihrer eigenen Familiengeschichte), die Mutter lebt wieder in Berlin. Anna selbst ist mit einem TV-Redakteur verheiratet. Da erreicht sie ein Anruf, dass die Mutter in Berlin mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus liegt. Anna reist nach Berlin, trifft dort ihren Bruder und erfährt, dass die Lungenentzündung nur ein Vorwand war und die Mutter eigentlich einen Selbstmordversuch unternommen hat.

kerrVon den drei Bänden ist Eine Art Familientreffen sicherlich der schwächste Teil. Doch rundet er Annas Leben in dem Sinne ab, dass sie mit den Ereignissen der Nazizeit und des Zweiten Weltkrieges abschließen und eine eigene Familie gründen kann.
Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ist zweifellos immer noch eine wichtige Lektüre, um die Flucht vor den Nazis aus der Sicht eines Kindes mitzuerleben. Allerdings liest sich die Übersetzung von Annemarie Böll aus den 1970er Jahren heute an manchen Stellen etwas betulich. Hier könnte man durchaus mal über eine Neuübersetzung nachdenken.
Warten bis der Frieden kommt besticht durch die authentische Schilderung der Bombardierung Londons. Sie macht deutlich, wie sehr die britische Metropole unter den Angriffen der Deutschen gelitten hat.

Judith Kerr, die immer noch in London lebt, als Illustratorin arbeitet und sich mittlerweile als vollkommen britisch empfindet, verdanken wir eine der sensibelsten Darstellungen von Flucht. Sie zeigt, dass Kinder sehr viel vom Leid der Erwachsenen mitbekommen, aber auch durchaus in der Lage sind, sich in neue Situationen einfinden und ein glückliches Leben führen zu können. Davor verneige ich mich und gratuliere zum 90. Geburtstag.

Judith Kerr: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Eine jüdische Familie auf der Flucht, Übersetzung: Annemarie Böll, Ravensburger Buchverlag, 2013, 576 Seiten, ab 14, 9,99 Euro

London calling…

ashton place 2Fortsetzung sind ja manchmal so eine Sache. Die Erwartungen sind hoch, die Fallhöhe auch. Umso schöner, wenn sich auch in einem zweiten Teil das gleiche Gefühl und die gleiche Wonne wie beim Vorgänger einstellt. So geschehen gerade bei Maryrose Woods Fortsetzung von Das Geheimnis von Ashton Place.

In Teil zwei, Die Jagd ist eröffnet, reist Penelope Lumley, Gouvernante und Swanburne-Mädchen aus vollem Herzen, mit den drei Unerziehbaren Alexander, Beowulf und Cassiopeia, nach London. Dort will Penelope ihre ehemalige Erzieherin Miss Mortimer treffen. Diese hat der 15-Jährigen einen Hixby-London-Reiseführer geschickt, der sich mit seinen Berg- und Naturbildern als überaus merkwürdig und wenig hilfreich erweist. So irrt Penelope nach der Ankunft in der Großstadt durch die schmutzigen Gassen und findet den Weg in die vornehme Muffinshire Lane nicht, wo ihre Arbeitgeber Lady Constance und Lord Frederick eine hochherrschaftliche Villa angemietet haben.

Hilfe bietet ihr schließlich der junge Theaterschriftsteller Simon Harley-Dickinson, der sich im Laufe von Penelopes London-Aufenthalt zu einem unverzichtbaren Freund entwickelt. Zuvor jedoch haben die drei Kinder eine unheimliche Begegnung mit einer alten Wahrsagerin, die beim Schicksal der Unerziehbaren erschreckt ihre Sachen zusammenpackt und das Weite sucht, nachdem sie geheimnisvoll prophezeit hat: „Die Jagd ist eröffnet.“

Penelope jedenfalls ist fest entschlossen, ihren Schützlingen die Sehenswürdigkeiten und kulturellen Höhepunkte der britischen Hauptstadt näherzubringen: Buckingham Palace, die Parks, das British Museum, in dem ihr der Hixby die Abteilung 17 „Übermäßiger Symbolismus in historischen Porträts von untergeordneter Bedeutung“ ausdrücklich ans Herz legt, sowie eine Theaterveranstaltung im Westend. Zudem trifft sie sich mit Miss Mortimer im angesagtesten Hotelrestaurant der Stadt. Und die alte Erzieherin warnt Penelope, ohne genau zu sagen, vor was eigentlich. So entwickelt sich der London-Trip zu einem mysteriösen Abenteuer, bei dem die junge Gouvernante langsam erahnt, dass  hinter der Herkunft der Kinder, aber auch ihrer eigenen, etwas Größeres stecken muss.

Alexander, Beowulf und Cassiopeia, die mittlerweile annähernd gutes Benehmen erlernt haben, fallen hin und wieder in ihre alten Jagdgewohnheiten zurück. Sie belagern die Bärenmütze von einer der Palastwachen, helfen im Zoo bei der Elefantenpflege, jagen in der Theateraufführung einen Papagei und sabotieren das ganze Spektakel. Im British Museum allerdings stellt Beowulf überaus fachmännisch fest, dass eines der Bilder auch auf dem Dachboden von Ashton Place zu finden ist.

Und also ob das nicht schon genug Aufregung wäre, erleben auch die Herrschaften von Penelope durchaus Schreckliches: Lady Constance, die sich auf all die gesellschaftlichen Empfänge und Einladungen gefreut hat, katapultiert sich ins Society-Abseits, als sie unangemessen verkleidet zur Prämiere des Theaterstücke „Piraten auf Urlaub“ erscheint.   Für die Klatschpresse ein gefundenes Fressen, für Lady Constance der Absturz.
Ihr Gatte Lord Frederick hingegen entpuppt sich als ein Mensch, der ohne seinen Almanach, in dem die Mondphasen verzeichnet sind, nicht leben kann. Als dieses wichtige Büchlein verschwindet und gerade einmal wieder Vollmond ist, gebärdet sich der Lord höchst merkwürdig, heult, bellt und kratzt sich an Türrahmen, als würde ein Wolf in ihm stecken.

Die Jagd ist eröffnet ist ein kurzweiliges, extrem unterhaltsames Abenteuer in einer großen Stadt, mit einer überaus liebenswerten Penelope, die sogar überlegt, mit ihrer launischen Herrin Freundschaft zu schließen. Kulturelles vermischt sich mit Kulturkritik, die zwar den erwachsenen Lesern eher offensichtlich sein wird als den jungen. London-Kenner haben Wiedererkennungsmomente, London-Neulinge bekommen erste Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten. Neben den vielen Irrungen und Aufregungen sind jedoch die Anspielungen auf Herkunft und verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Penelope, den Kindern und Lord Frederick viel wichtiger. Und gerade all diese Andeutungen machen mich schon ganz kribbelig, wie dieses Geheimnis von Ashton Place wohl ausgehen mag. Bleibt nur zu hoffen, dass Band 3 nicht allzu lange auf sich warten lässt.

Maryrose Wood: Das Geheimnis von Ashton Place – Die Jagd ist eröffnet, Übersetzung: Eva Plorin, Thienemann Verlag, 2012, 336 Seiten,  ab 11,  12,95 Euro

 

… und fernsehen hilft doch

wir werden nicht von Yaks gefressenMomentan mache ich eine Beobachtung, bei der ich ab und an mal schmunzeln muss – oder mich extrem wundere: Es erscheinen gerade ein paar Bücher, zu denen ich für den einen oder anderen Verlag in den vergangenen Monaten Gutachten geschrieben habe. Bei vielen ist mein Daumen nach unten gegangen. Doch jetzt stelle ich fest, dass einige dieser Trash-Romane dennoch auf Deutsch erscheinen (allerdings nicht in den Verlagen, denen ich davon abgeraten habe). Nun ja, es scheint ein immenses Bedürfnis nach neuen Storys zu geben, egal wie deren Qualität ist … Umgekehrt freue ich mich dann immer, wenn eine Empfehlung von mir auch wirklich eingekauft und übersetzt worden ist. So ein Fall ist das folgende Buch von C. Alexander London mit dem skurril langen Titel Wir werden nicht von Yaks gefressen* *hoffentlich.

Die 11-jährigen Zwillinge Celia und Oliver Navel lieben Fernsehen. Sie sitzen am liebsten den ganzen Tag vor dem Kasten und sind echte Experten für Film, Soaps, Reality-TV, Koch-Shows, Reisesendungen und Sportevents. Doch sie wohnen mit ihrem Vater, dem Forscher Dr. Ogden Navel, im Haus des exklusiven Forscher-Clubs und müssen sich ständig die Abenteuergeschichten aller möglichen Forschungsreisender anhören. In den Ferien schleppt der Vater sie in die exotischsten Länder, wo sie angeblich aufregende Dinge erleben. Doch die Kinder finden das entsetzlich, sie wollen keine Käfer essen oder von Eidechsen gebissen werden. Sie möchten einfach nur ihre Ruhe haben und wünschen sich nichts sehnlicher als ordentliches Kabelfernsehen. Ihre Mutter Claire ist seit drei Jahren verschollen, auf der Suche nach der verlorenen Bibliothek von Alexandria. Ein bisschen vermissen die Kinder sie und fragen sich, ob die Mutter vielleicht weggegangen ist, weil die Zwillinge solche Langweiler sind. Doch dann verschlägt eine Intrige gegen ihren Vater die Zwillinge nach Tibet. Dort begegnen sie üblen Gifthexen, machthungrigen Forschern und Lamas, die keine Lamas sind. Und sie finden eine Spur zu ihrer verschollenen Mutter …

An Rasanz und schrägem Humor ist diese Geschichte kaum zu übertreffen. In Indianer-Jones-Manier retten sich die beiden TV-Abhängigen aus allergefährlichsten Lebenslagen, immer mit Hilfe ihres Wissens aus dem Fernsehen. Schließlich winkt ihnen als Belohnung für ihr Abenteuer endlich Kabelfernsehen. Das Couch-Potato-Image der Kinder kontrastiert wunderbar mit der Aufgeregtheit und Angeberei der Erwachsenen, denen die jungen Helden beweisen, wie clever sie durch ihren Fernsehkonsum geworden sind. Falls also jemand noch einmal behauptet, Fernsehen mache dumm, dem sei dieses Buch empfohlen …

C. Alexander London: Wir werden nicht von Yaks gefressen* *hoffentlich, Übersetzung: Petra Koob-Pawis, Arena Verlag, 2011, 278 Seiten, ab 10, 14,99 Euro