Gegen den Hass

Wie soll man mit Polizeigewalt umgehen? Diese Frage stellte sich Hamburg nach den Ausschreitungen beim G20 Anfang Juli. Eine Antwort ist noch nicht gefunden und langsam geraten die Geschehnisse, die zum Glück relativ glimpflich ausgegangen sind, wieder in Vergessenheit.

Anders sieht es in den USA aus, wo die Gewalt von vornehmlich weißen Polizisten viel zu oft schwarze Mitbürger trifft, oftmals ohne jeglichen Anlass. Genau so einen Fall schildert die Autorin Angie Thomas in ihrem eindrucksvollen Debüt The Hate U Give, kurz THUG.

Die 16-jährige Ich-Erzählerin Starr lebt mit ihrer Patchwork-Familie in einem sozialen Brennpunkt, einem Schwarzen-Ghetto, in einer amerikanischen Großstadt. Seit sie mit zehn erlebt hat, wie ihre beste Freundin aus einem Auto heraus erschossen wurde, geht sie jedoch auf eine private High School in einem Viertel von wohlhabenden Weißen. So führt sie quasi zwei Leben, ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Hood mit ihrem Slang und ihrem coolen Auftreten als einzige Schwarze an der Reichen-Schule, wo sie sich zurücknimmt, um nicht als Bitch angesehen zu werden.

Auf einer Party in ihrem Wohnviertel trifft sie ihren Kindheitsfreund Khalil wieder. Als es zu einer Schießerei kommt, hauen die beiden im Auto ab. Weil ein Rücklicht nicht funktioniert, werden sie von einem Streifenwagen angehalten und kontrolliert. Die beiden verhalten sich ruhig und kooperativ, dennoch es kommt zur Katastrophe. Der Polizist erschießt Khalil von hinten.

So weit, so schrecklich. Doch was Starr nach diesem Erlebnis durchmachen muss, ist nicht weniger empörend. Die Polizei, bei der Starr eine Aussage macht, verdreht ihr quasi die Worte im Mund, macht die Jugendlichen zu Tätern und den Beamten zum Opfer. Khalil wird in der Öffentlichkeit als Drogenhändler und Gangmitglied hingestellt, so dass der Tenor aufkommt, es wäre quasi okay, dass er erschossen wurde. Denn er war ja also selbst schuld daran.
Bis schließlich eine Staatsanwältin Starr anhört und ein Geschworenengericht über eine Anklage des Polizisten entscheiden soll, vergehen Wochen, die mit Ausschreitungen im Ghetto enden.

Starr ist in dieser Zeit völlig verunsichert. Sie fürchtet um ihr Leben, kann mit ihren Freunden nicht über ihr Erlebnis reden, weil niemand wissen soll, dass sie die Zeugin ist. Doch entsprechen ihrer Erziehung – ganz im Sinne der Black Panthers – ist sie auch bereit, die Stimme zu erheben, um für Khalil und die schwarze Community zu kämpfen. Schließlich nimmt sie allen Mut zusammen.

Angie Thomas gelingt es, auch dank der großartigen Übersetzung von Henriette Zeltner, den hiesigen Lesern einen tiefgründigen Einblick in das Leben der Schwarzen in den USA zu vermitteln. Sie verarbeitet darin vor allem die Umdeutung des Begriffes „thug life“ („Gangsterleben“) durch den 1996 verstorbenen Rapper Tupac.
Dabei steht das titelgebende Akronym für: „The Hate U Give Little Infants Fucks Everyone“, was so viel bedeutet wie: „Der Hass, den man seinen Kindern mit auf den Weg gibt, schadet allen“. Ganz im Sinne Tupacs zeigt Thomas, wie die Kinder in einem Schwarzen-Ghetto durch gesellschaftliche Intoleranz und Rassismus zu Kriminellen werden, was diese eigentlich gar nicht wollen. Doch oftmals haben sie einfach keine andere Chance, um zu überleben.

Thomas entschuldigt jedoch nichts. Sie zeigt Missverhältnisse auf, weist auf Machtstrukturen und Ungerechtigkeiten hin. Und in all der schier ausweglosen Tristesse keimt doch Hoffnung auf, wenn die Menschen zusammenstehen, über die Grenzen der Hautfarbe hinweg, wenn sie die Gelegenheit zum Ausstieg aus kriminellen Strukturen nutzten und Rückhalt bei Freunden, Familie und Nachbarn finden.
Und daran können wir uns ein Beispiel nehmen. Deutschland ist zwar von diesen speziellen amerikanischen Verhältnissen noch ein gutes Stück entfernt, doch Parallelwelten von Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen gibt es auch hier. Da sind viele schnell mit Vorurteilen und Ablehnung zur Stelle, und der Schritt zur Gewalt ist dann manchmal nicht weit. Hier ist es unsere Aufgabe, innezuhalten und darüber nachzudenken, was jeder von uns dazu beitragen kann, damit wir unseren Kindern nicht diesen zerstörerischen Hass mitgeben.

Was The Hate U Give zusätzlich faszinierend macht, ist der sprachliche Umgang mit dem Slang der Black Community. Da werden gewisse Ausdrücke nicht übersetzt und fügen sich doch ganz selbstverständlich in den Text ein. Übersetzerin Henriette Zeltner ist hier ein cooler Spagat zwischen diesen Originalbegriffen und lockerer deutscher Umgangssprache gelungen, die die Eigenheiten von Starrs Familie und ihrer Hood zeigen. Ein Glossar am Ende des Romans listet dann noch einmal alle speziellen Begriffe auf und bringt einem das Leben im Ghetto mit seinen Facetten aus Politik, Rap, Gangs, Basketball und Südstaatenküche näher.

Junge Leser bekommen mit diesem Roman einen eindrucksvollen Eindruck davon, dass hinter einer coolen Fassade (junger amerikanischer Schwarzer) mehr steckt als harte Rappmusik, die neuesten Sneakers (Starr steht voll auf Basketballtreter) und sexy Dancemoves. Die Angst ums eigene Leben, die Angst um die Familie, die Unsicherheit, wenn man einem Polizisten begegnet, sind für Starr allgegenwärtig. Und dennoch lässt sie sich nicht unterkriegen. Starke Starr!

Angie Thomas: The Hate U Give, Übersetzung: Henriette Zeltner, cbt, 2017, 512 Seiten, ab 14, 17,99 Euro

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Sensibilisierung

monophonWie funktioniert Faschismus? Eine schnelle Antwort auf diese Frage wird es wohl nie geben, denn in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts haben sehr viele Faktoren über eine lange Vorlaufzeit zu der Entstehung von Terrorregimen geführt. Wie soll man den Kindern von heute also erklären, wie sich die Menschen damals und auch heute noch von einzelnen Anführern so manipulieren ließen und lassen?

Aufarbeitungsbücher, die die Geschichte und die Einzelschicksale erklären und einordnen, gibt es jede Menge, und diese Bücher werden dringend gebraucht, zumal kaum noch Zeitzeugen von damals am Leben sind. Die Kultur der Erinnerung und Mahnung verändert sich. In diesem Zusammenhang geht Elisabeth Zöller mit ihrem neuen Buch Monophon einen anderen, sehr besonderen Weg. Sie erzählt keine historischen Ereignisse, sondern zeigt am Beispiel einer fiktiven Kleinstadt in einer nicht genauer definierten Gegenwart, wie schnell aus einer vielfältigen Gesellschaft ein faschistisches System werden kann.

Eines Tages steht auf dem Marktplatz ein Monophon, ein eher antiquiertes Objekt, einem Grammophon ähnlich, das aber nur mit einer Stimme spricht. Es spielt nette Musik ab und unterhält die Menschen im Dorf. Man singt, man tanzt, man freut sich an der Abwechslung und der Kurzweil.
Doch mit der Zeit teilt das Monophon auch Dinge mit, die verwundern: Alle Rothaarigen sollen sich auf dem Platz versammeln, sie würden einen Ausflug machen. Verwunderung und Neid macht sich bei den Zurückgebliebenen breit. Später werden die Sommersprossigen und die Brillenträger fortgebracht. Der Neid schlägt in Misstrauen um, denn die Menschen kehren nicht zurück.
Stattdessen bewachen nun Männer in schwarzen Hemden das Monophon, es werden Jungen- und Mädchengruppen, Frauen- und Männerbünde gegründet. Wer sich der Gemeinschaft nicht anschließt, wird geschnitten.

Mathilda, die diese Entwicklung ganz genau beobachtet, wandelt sich von anfänglich begeisterter Anhängerin des Monophons in eine erbitterte Gegnerin. Denn sie merkt, dass Menschen, die anderes denken, nicht mehr akzeptiert werden. Selbst ihre beste Freundin verändert sich plötzlich und wird zu einer fanatischen Anhängerin der Schwarzhemden. Zusammen mit ihrem Freund Coolman schmiedet Mathilda einen Plan, um das Monophon aus der Stadt zu schaffen.

Elisabeth Zöller gelingt es in ihrer Parabel anhand von wenigen Beispielen, sowohl die Absurdität als auch das Gewaltpotential von Faschismus zu umreißen. Selbst jungen Lesern wird so sehr gut deutlich gemacht, wie viel es wert ist, seine Meinung frei äußern, selbst über sich, seine Zeit, seine Freunde, sein Leben bestimmen zu können, und nicht wegen eines körperlichen Merkmals oder einer anderen Meinung (oder wahlweise auch einem anderen Glauben oder einer anderen sexuellen Orientierung) diskriminiert zu werden.
Das Experiment, Faschismus nicht in einem historischen Kontext zu erklären, gelingt hervorragend, denn Elisabeth Zöller macht klar, dass es jederzeit und überall wieder zu solchen Entwicklungen kommen könnte. Hier und jetzt. Die Gefahr des Faschismus ist eben nicht vorbei und Teil einer lang zurückliegenden Vergangenheit, sondern in Ausgrenzung, Rassismus und fremdenfeindlicher Gewalt auch heute immer noch zu spüren. Mit Monophon sensibilisiert Elisabeth Zöller die Kinder dafür, solche Verhaltensweisen zu erkennen und sie nicht stillschweigend zu akzeptieren, sondern die Stimme dagegen zu erheben.

Elisabeth Zöller: Das Monophon, Illustration: Verena Ballhaus, Hanser, 2013, 160 Seiten, ab 10, 12,90 Euro

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