Deutsche Fluchttraumata

fluchtGeschichten aus Büchern triggern mich aus den unteschiedlichsten Gründen an, das können spannende Figuren sein, fremde Welten, ferne historische Ereignisse oder politische Aufarbeitung. Bei dem Buch Salz für die See von Ruta Septeys nun wird ein Teil meiner Familiengeschichte thematisiert, nämlich die Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen am Ende des zweiten Weltkrieges. Die literarische Umsetzung dieser traumatischen Erlebnisse ist somit für mich quasi ein Muss, da meine Mutter genau das durchgemacht hat. Anfang der 2000er-Jahre war es die Lektüre von Günter Grass‘ Im Krebsgang. Dieses Mal jedoch ist es ein Jugendbuch, das sich mit diesem düsteren Kapitel beschäftigt. Zunächst einmal habe ich recherchiert, ob es das erste ist, das über die Ereignisse im Januar 1945 für junge Leser berichtet. Ist es nicht. Bereits 1962 veröffentlichte Willi Fuhrmann seinen Roman Das Jahr der Wölfe, in dem er genau davon berichtet. So habe ich also beide Bücher gelesen.

Die Lektüre solch trauriger Bücher mag auf den ersten Blick nicht besonders anregend  sein, und doch ist es hier und jetzt quasi ein Muss, sich mit diesem düsteren Kapitel deutscher Geschichte auseinanderzusetzen. Denn der Blick zurück erinnert uns dran, was unsere Eltern und Großeltern erfahren haben und was uns in den Genen steckt. Gleichzeitig mahnen diese Geschichten, dass wir gegenüber den Geflüchteten, die in den vergangenen Jahren und Monaten zu uns gekommen sind und weiterhin kommen, noch mitfühlender sein sollten. Damit meine ich nicht die vielen tollen Helfer und Unterstützer, sondern diejenigen, die Obergrenzen diskutieren, den Familiennachzug begrenzen wollen und nur eingeschränkte Aufenthaltsgenehmigungen für Menschen aus Kriegsgebieten erteilen wollen.

fluchtSowohl Sepetys als auch Fährmann thematisieren nun also die Flucht der deutschen Bevölkerung aus Ostpreußen im bitterkalten Januar 1945, als die Rote Armee vorrückt. Viel zu spät ehaben die Menschen die Erlaubnis erhalten, die Heimat verlassen und sich in Sicherheit bringen zu dürfen.
Fährmann schildert die Erlebnisse der Familie Bienmann, detailliert und mit allem Vor und Zurück, das es im Laufe der Wochen und Monate gab: Ein Dorf nach dem anderen wird von den Russen eingenommen, rasch werden Fuhrwagen gepackt, das Nötigste mitgenommen, dann schließt sich die Familie dem Treck an, der sich durch Schnee und Matsch schließlich über das Haff auf die Frische Nehrung zubewegt. Die Kälte setzt den Menschen zu, ein Dach für die Nacht zu finden wird von Tag zu Tag schwieriger. Hinzu kommt, dass Mutter Bienmann schwanger ist und schließlich eine Tochter zur Welt bringt. In Gotenhafen weigert sich die Mutter, das Schiff „Wilhelm Gustolff“ zu besteigen, das die Flüchtenden nach Westdeutschland bringen soll. Ein Glück, wie sich für die Familie später herausstellen soll.
Die Begegnungen mit den Russen verlaufen für die Bienmanns relativ glimpflich, sie verlieren ihre Wertsachen und Pferde, aber nicht ihr Leben. Sie schlagen sich weiter nach Westen durch, erleben das Ende des Krieges, brauchen aber auch dann noch ein weiteres halbes Jahr, um endgültig in einer neuen Heimat anzukommen.

Im aktuellen Roman Salz für die See, souverän übersetzt von Henning Ahrens, treffen auf der Flucht aus Ostpreußen drei Jugendliche im Treck aufeinander: der Deutsche Florian, die Polin Emilia und die Litauerin Joana. Wider Willen werden sie zu einer Schicksalsgemeinschaft, die zusammen mit drei weiteren Menschen über das Haff zieht und es in Gotenhafen auf die „Gustloff“ schafft. Dort bringt Emilia, die von einem russischen Soldaten vergewaltigt wurde, eine Tochter zur Welt. Das Baby überlebt in den Armen von Florian den Untergang des Schiffes. Zusammen mit Joana, in die sich Florian im Laufe der Flucht verliebt, gründen die drei später eine Familie.

Ebenso wie Fährmann, der als Vertreter des engagierten Realismus gilt, hat die US-Amerikanerin Sepetys, die litauische Vorfahren hat, für ihren Roman ziemlich akkurat recherchiert und eine aktuelle Variante dieses Flucht- und Vertreibungsthemas geliefert. Die Komponenten wie Kälte, russische Tiefflieger und Panzer, ins Eis einbrechende Fuhrwerke, die Verzweiflung der Menschen finden sich in beiden Romanen. Ohne sie wäre ein Flucht-aus-Ostpreußen-Roman auch nicht denkbar. Interessant bei Sepetys ist, dass auch Litauer und Polen im Treck nach Westen flüchteten. Den jungen Lesern wird somit gleich klar gemacht, dass die Vertreibung also mehr war, als ein rein deutsches Schicksal.
Bleibt Fährmann, der seinen Roman vor über 50 Jahren verfasst hat, bei einer klassisch auktorialen Erzählweise, so hat sich Sepetys für wechselnde Ich-Perspektiven entschieden. Neben den drei Flüchtenden Figuren erzählt zudem noch der junge Nazi Alfred von seinen Erlebnissen als Matrose auf der „Gustloff“. Alle vier Erzähler tragen zusätzlich zu den entsetzlichen Kriegserlebnissen ihr ganz persönliches Päckchen, von denen sie dem Leser zwar erzählen, ihren Gefährten jedoch erst nach und nach. Die Figur des verbohrten Alfred ist von allen vieren dabei am schwersten zu ertragen, da hier ein uneinsichtiger Jungnazi gezeigt wird, der wegen seiner Überheblichkeit gepaart mit Trotteligkeit nicht ganz überzeugend wirkt.
Joana, Florian und Emilia jedoch wachsen einem ans Herz. Man wünscht ihnen, dass die Geschichte gut für sie ausgeht – was bei diesem tragischen Thema natürlich nur bedingt der Fall sein kann. Sepetys Romankonstruktion aus Perspektivwechseln und Cliffhangern hat mich dann doch ziemlich in den Bann gezogen. Der einzige Wermutstropfen an der Erzählart ist, dass durch den Perspektivwechsel manches redundant wird.
Doch obwohl man als Erwachsener das Ende der „Gustloff“ kennt – deren Untergang hier etwas zu sehr der Titanic-Verfilmung von James Cameron erinnert (hier scheint die Recherche versagt zu haben…) –, will man wissen, wie es mit den Figuren weitergeht. Für junge Lesende ist Salz für die See somit auf jeden Fall eine spannende Aufbereitung dieses wichtigen Themas.

Die Beschäftigung mit Willi Fährmann in diesem Zusammenhang war für mich zudem noch eine echte Entdeckung. Irgendwie ist dieser stille Autor, der seit über 50 Jahren Kinder- und Jugendbücher schreibt, völlig an mir vorbeigegangen. Eine unverzeihliche Lücke, die ich schleunigst schließen muss. Mag Das Jahr der Wölfe mittlerweile durch Erzählart und Sprache etwas altmodisch und betulich wirken, so ist es für mich doch eine vertraute Stimme, die dort spricht. Denn Ähnliches höre ich von meiner nun über 80-jährigen Mutter immer wieder, die als Neunjährige aus Königsberg fliehen musste und sich selbst heute noch als „Flüchtling“ bezeichnet. So schrecklich das alles damals war, und so glücklich ich mich schätzen kann, es nicht erlebt zu haben, umso mehr begreife ich nun, dass ich ein Kind von Geflüchteten bin. Hätte meine Oma mit ihren vier Kindern es nicht bis nach Schleswig-Holstein geschafft und hier keine Aufnahme gefunden, es wäre alles anders gekommen.

Womit wir zurück in die Gegenwart gelangen, in der immer noch viele Menschen in diesem Land Geflüchteten mit Abneigung und Hass begegnen. Zur Erinnerung: Fast zwölf Millionen Menschen flüchteten nach dem zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat in ein zerstörtes Deutschland (über die komplexen Ursachen und Gründe von Flucht und Vertreibung kann ich hier nicht ausführlich diskutieren), wo die Menschen noch weniger hatten als wir jetzt. Und heute regen sich manche über nicht mal eine Millionen Menschen auf, die aus Not ihre Heimat verlassen und zu uns kommen, um zu überleben. Hier sind Mitgefühl und Herz gefragt, nicht Missgunst und Hass.

Sepetys und Fährmann jedenfalls halten die Erinnerung an unsere eigene Geschichte wach und mahnen uns damit auch, ganz nach dem Kategorischen Imperativ Kants, uns anderen gegenüber so zu verhalten, wie wir selbst behandelt werden wollen: Niemand von uns will je flüchten müssen, und niemand von uns möchte mit solcher Missachtung behandelt werden, wie es momentan noch viel zu oft vorkommt.
Wer kann, befrage zu den Fluchterfahrungen der Deutschen seine Großeltern.
Ansonsten lest diese Bücher.

Ruta Sepetys: Salz für die See, Übersetzung: Henning Ahrens, Königskinder, 2016, 406 Seiten, 19,99 Euro

Willi Fährmann: Das Jahr der Wölfe, Arena, 1962 (31. Auflage 2015), 219 Seiten, 5,99 Euro

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Die Psyche der Täter

attentäterSeit dem Anschlag im Zug bei Würzburg im Juli diesen Jahres dürfte auch der Letzte in unserem Land wissen, dass wir 15 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in Zeiten beständiger Bedrohung leben. Nun kann man vor lauter Angst absurde Maßnahmen ergreifen, wie Burkinis und Burkas verbieten lassen – oder man versucht zu ergründen, wie junge Menschen dazu kommen, zu Attentäter zu werden.

Für letztere Variante hat sich die Autorin Antonia Michaelis entschieden und hat ein Szenario erdacht, in dem Berlin zur Zielscheibe von islamistischen Attentäter wird. Dabei liefert sie jedoch keine reine Terror-Story, sondern baut eine komplexe psychologische Dreiecksgeschichte auf.
Ihre Helden sind der Halbfranzose Alain, der Halbtürke Cliff und das Mädchen Margarete. Gemeinsam wachsen sie in einem Wohnhaus im Prenzlauer Berg auf, sind Freunde von klein auf.
Alain und Cliff verbindet, dass beide begnadete Zeichner sind und gute Chancen hätten, auf der Kunsthochschule angenommen zu werden. Die Jungs fühlen sich aber auch emotional voneinander angezogen, ohne dass sie lange Zeit über ihre Liebe sprechen.
In dem Trio ist es Cliff, der mit den größten familiären Problemen zu kämpfen hat: Seine Mutter Cemre hat die Familie früh verlassen. Cliff glaubt lange, dass er die Schuld daran trägt. Er schwankt zwischen der Liebe zur Mutter und der Abgrenzung von ihr; er lehnt sich als keines Kind so sehr gegen seinen Vater auf, dass dieser ihn im Schuppen im Hinterhof in einer kalten Weihnachtsnacht einsperrt und vergisst. Alain und Margaret retten den Freund aus diesem eiskalten Gefängnis. Doch sie können Cliff nicht vor den Irrungen und Wirrungen des Heranwachsens bewahren. Cliff rebelliert, wo es nur geht. Er schließt sich rechten Schlägertrupps an, er will dazugehören – egal wo. Bis er bei einer Demo Alain, dem links Orientierten, direkt gegenübersteht.
Cliff lässt nach einer Weile die rechte Szene hinter sich. Sucht weiter, nach seinen Wurzeln, nach seinem Platz in der Gesellschaft und konvertiert zum Islam. Er geht in die Moschee und gerät mit der Zeit in den Einflussbereich der Islamisten. Trotz der Regeln und der vermeintlichen Klarheit des Islam kann Cliff jedoch nicht von Alain und Margarete lassen. Er ist zerrissen zwischen den verschiedenen Welten. Bis die dunkle Seite in ihm die Überhand gewinnt und er mit einem Kumpel nach Syrien ins Kalifat geht. Ein Jahr später kehrt er mit einem Auftrag nach Berlin zurück.

Der Roman von Antonia Michaelis ist auf mehreren Ebenen harte Kost. Sie erzählt die Geschichte der drei Helden nicht als chronologisches Kontinuum, sondern sie springt sowohl in den Zeitebenen, als auch in den Perspektiven ihrer Hauptfiguren. Alle drei lässt sie aus der Ich-Perspektive berichten, was sehr viel Aufmerksamkeit vom Leser erfordert, da nicht immer sofort erkennbar ist, wer spricht. Das ist zwar anstrengend, aber auch ziemlich genial, denn die drei Protagonisten bilden so eine Einheit, bei der es fast egal ist, wer erzählt.
Nach und nach setzt sich schließlich das Puzzle einer möglichen Attentäter-Psyche zusammen. Lange Zeit hält Michaelis den Leser im Unklaren, ob Cliff tatsächlich im Kalifat war – so wie er seine Freunde und seine Familie in Berlin im Unklaren lässt. Das ist extrem spannend und erzeugt im Laufe der Lektüre einen immer größeren Sog.

Gegen Ende war ich hin- und hergerissen. Man fiebert tatsächlich daraufhin, ob der „Tag des Blutes“, wie die Attentäter ihren Plan nennen, wirklich stattfindet, gleichzeitig will man das natürlich nicht. Stattdessen wünscht man sich für Alain und Cliff und auch Margarete endlich ein versöhnliches Ende. Das, was dann passiert, ist schockierend – aber gleichzeitig sind alle Figuren so tief gezeichnet, dass man sie ins Herz schließt. Selbst den Attentäter Cliff.
Natürlich wäre es einfach, ihn zu hassen. Er will Menschen und sich selbst töten. Das ist etwas zutiefst Unmenschliches und Abscheuliches. Doch das Wissen um seine vermurkste Kindheit und seine familiären Abgründe haben bei mir so viel Mitleid mit ihm aufgebaut, dass man ihm den Wunsch nach Erlösung wirklich abnimmt.

Darin liegt nun aber auch die Krux. Ich kann ja nicht mit jedem Attentäter Mitleid haben und alles mit einem verständnisvollen „Er-hatte-eine-schwere-Kindheit“ entschuldigen. Nein. Attentäter sind – entschuldigt den Ausdruck – Arschlöcher. Punkt.
Und nun tun sich jede Menge Fragen auf: Wie wird ein Mensch zum Attentäter? Sind also alle ausländischen Dschihadisten psychisch angeschlagen, zerrissen, nicht gut integriert? Könnte man Anschläge verhindern, wenn nur alle Menschen aus heilen Familien stammen? Oder die nötige Hilfe bekommen, wenn die familiären Verhältnisse nicht mehr zu retten sind?
Michaelis gibt darauf keine Antworten. Allgemein gültige Antworten kann es aber auch nicht geben. Wir sind alle gefordert, jungen Menschenkindern Halt, Wurzeln und Werte zu vermitteln, von Bildung mal ganz abgesehen, damit sie später Chancen auf gute Jobs und Anerkennung haben. Vielleicht könnte man dadurch eine offnere und tolerantere Gesellschaft schaffen und Anschläge verhindern.
Klar ist allerdings auch, dass das nicht immer klappen kann und wird. Zu tief sitzt die Verunsicherung des Menschen am Leben, zu stark sind die Einflüsse von Demagogen, zu tief sitzen bei vielen Menschen die Kränkungen und die Enttäuschung. Man kann beileibe nicht alle Menschen retten. Es ist schier zum Verzweifeln.

In dieser Hinsicht gibt einem der Roman von Antonia Michaelis jedenfalls sehr zu denken, wie man, jenseits des Kampfes gegen die Indoktrination durch Islamisten, jugendliche Seelen so stärken kann, dass sie diesen falschen Versprechungen nicht verfallen. Und das macht sie nebenbei auf äußerst fesselnde Art.

Antonia Michaelis: Die Attentäter, Oetinger Verlag, 2016, 432 Seiten, ab 16, 19,99 Euro

Bilder gegen Neonazis

drei steineBrutal zusammengeschlagen liegt ein Junge auf dem siffigem Fußboden eines Schulklos. Seine Schulsachen sind ausgekippt, an den Wänden Kritzeleien, die Comicfigur Werner, BVB Logo, ein verdrehtes Hakenkreuz.

Mit dem Titelbild seiner autobiographischen Graphic Novel Drei Steine springt Nils Oskamp direkt in die Geschichte: Dortmund-Dorstfeld in den 80er Jahren. Zechen werden geschlossen, mit der Stahlindustrie geht es bergab, die Arbeitslosigkeit steigt und die rechtsradikale Szene erstarkt.

Der Schüler Nils Oskamp hat bei den immer lauter werdenden, faschistischen Parolen an seiner Schule nicht weggehört und den Neonazis seine Meinung gesagt – und hätte das fast mit dem Leben bezahlt. Doch die rechte Gewalt hat ihn nicht mundtot gemacht – im Gegenteil: Statt den Neonazis mit den gleichen Mitteln zu begegnen und die Spirale der Gewalt weiterzudrehen, schlägt der Illustrator jetzt mit Drei Steine zurück.

Seine Geschichte zeigt, dass man sich wehren muss. Vor allem wird deutlich, wie gefährlich die Rechtsradikalen waren und immer noch sind. Und wer dachte, dass die Neonazi-Szene früher nur im repressiven DDR-Staat gedeihen konnte und wie aus dem Nichts mit der Wiedervereinigung über Deutschland hereingebrochen ist, dem werden mit diesen Szenen aus Dortmund, einer Hochburg der Rechtsradikalen seit Jahrzehnten, unmissverständlich die Augen geöffnet.

Zur Story: Oskamp, der auch Trickfilm studiert hat, beherzigt die alte Filmregel, mit einer Explosion zu beginnen und sich dann langsam zu steigern. Gleich auf dem Vorsatzpapier knallt es: Mit einem gewaltigem „BÄÄM“ wird ein riesiger Förderturm gesprengt und kracht in sich zusammen. Das Ende von Bergbau und Stahlindustrie im Ruhrgebiet Anfang der 80er Jahre. Und dann gerät der Leser unvermittelt in einen Albtraum: Mehrere Skinheads mit Baseballschlägern treiben einen Teenager in eine Falle, prügeln und treten auf ihn ein. Es ist ein wiederkehrender Albtraum, aus dem der Erzähler Nils Oskamp erwacht, geweckt von seinem kleinen Sohn Tom. Der ist nach einem Schulfreund Oskamps benannt, und jetzt erzählt der Vater seinem Jungen die Geschichte.

Die gegenwärtige Rahmenhandlung ist in warmen Sepiatönen gehalten. Die eigentliche Geschichte in kaltem Blau-Grau. Die Atmosphäre ist sofort so bedrückend wie das Geschehen. Als 14-Jähriger erlebt Oskamp, wie Mitschüler rechtsradikale Parolen grölen, ungeniert antisemitische Meinungen äußern, die Nazidiktatur verherrlichen und Wände mit Hakenkreuzen beschmieren. Er beobachtet, wie Altnazis Kinder für „kameradschaftliche“ Freizeitaktivitäten anwerben. Im Geschichtsunterricht verbreitet der Lehrer, früher Wehrmachtssoldat und Ostfrontkämpfer, angefeuert von interessierten Schülern, ungehemmt revanchistisches Gedankengut. Nils Oskamp kann und will das nicht hinnehmen. Seine vermeintlich neutralen Mitschüler lachen zwar, wenn er Paroli bietet, sich Wortgefechte liefert und aus dem Unterricht fliegt. Aber er ist isoliert und bleibt im unfairen Kampf gegen die Neonazis allein.

Die Gewalt, die die Faschos ausüben, um Andersdenkende mundtot zu machen, ist erschütternd anzusehen. Das sind nicht nur Einschüchterungen. Bei „mundtot“ liegt die Betonung auf dem zweiten Teil, so brutal und hemmungslos wie die Schläger auf ihre Opfer einprügeln. Da gibt es keine Anzeichen von Mitgefühl, Empathie oder Verständnis für den Schmerz des anderen. Ihre Ideologie scheint alle diese Emotionen auszuschalten und jedes Mittel zu rechtfertigen.

Fast ebenso schlimm und wirklich übelkeitserregend ist das Weggucken Außenstehender. Passanten drehen sich weg, Fenster werden geschlossen, Lehrer verkennen Tatsachen und Zusammenhänge. Als auf Oskamp in seinem Elternhaus durch ein Fenster geschossen wird, verharmlosen Polizisten den Anschlag als Luftgewehrstreich und „am Sonntag kommt die Spurensicherung nicht“. Richter ahnden rechtsradikale Verbrechen als Straftaten Minderjähriger und verurteilen Gewalttäter, falls es überhaupt zur Anzeige und einem Verfahren kommt, zu geringen Bewährungsstrafen. Oskamps Eltern sind von familiären und finanziellen Problemen absorbiert.

Das ist wirklich schwer auszuhalten und macht ungeheuer wütend. Nur Tom, eigentlich ein Kumpel seines ebenso ignoranten, älteren und pseudocoolen Bruders, hilft Nils gegen die Neonazis und haut ihn auch mal aus einer brenzligen Situation raus. Kurzzeitig war Tom selbst für die „kameradschaftlichen“, sportlichen Verlockungen der rechtsradikalen Verbände empfänglich, aber sein Verstand hat ihn vor falschen Freunden und deren kranken Ideologien bewahrt.

Umso erstaunlicher und bewundernswerter, dass Oskamp noch als Jugendlicher in einem entscheidenden Moment innehält, nicht mit dem Stein in seiner Hand zum finalen Schlag ausholt, sondern beschließt, mit anderen Mitteln und einer anderen Sprache zu kämpfen. Davon erzählt seine Graphic Novel Drei Steine sehr eindringlich.

Nur wie die Nazis ihre Propaganda so effektiv verbreiten können und was Menschen dafür so empfänglich macht, wird in dieser Geschichte nicht deutlich, insbesondere für jüngere Leser, die wenig von den gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen wissen. Oskamp erzählt aus der Perspektive eines 14-Jährigen. Auch der ausführliche Informationstext am Ende des Buchs ist eher eine zeitgeschichtliche Rekapitulation der erstarkenden Neonaziszene in Dortmund und Westdeutschland.

Drei Steine ist ein starkes Buch, eine eindringliche Graphic Novel. Es ist nur zum Kotzen (sorry für die deutlichen Worte), dass solche Geschichten immer noch und immer wieder erzählt werden müssen.

Elke von Berkholz

Nils Oskamp: Drei Steine, Panini Comics, 2016, 160 Seiten, ab 13, 19,99 Euro

AusLese 2016

cneutNach fünf Jahren Abwesenheit hat es mich dieses Jahr mal wieder auf die Leipziger Buchmesse getrieben. Pressekollegen und Auftraggeber treffen, Hallenluft schnuppern, Cosplayer bewundern, Bücher bestaunen und auf Inspirationssuche gehen. Zusätzlich stand die Nominierungsveranstaltung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 auf dem Programm. Die Verleihung habe ich in Frankfurt bereits mal erlebt, aber noch nie die Nominierung.

Das Schöne an der Sache war dann, dass diese Nominierungen für mich zu einer ganz persönlichen Freude wurde. Denn in der Kategorie Bilderbuch ist „Der goldene Käfig“ von Anna Castagnoli und Carll Cneut der Bohem Press ausgewählt worden – in meiner Übersetzung. Ein absolutes Glücksgefühl! Dieses opulente Bilderbuch habe ich hier auch schon mal vorgestellt.

Die Nominierungen waren jedoch nicht nur deshalb für mich interessant, denn ich nehme sie, seit ich diesen Blog betreibe, als Anlass noch einmal zurückzudenken und zu vergleichen, welche Bücher ich gelesen und hier rezensiert habe. Bei etwas 8000 Neuerscheinungen im Jahr im Bereich von Kinder- und Jugendbuch kann ich natürlich neben meinem normalen Job nicht alles lesen, und auch mit Hilfe von meinen Gastrezensentinnen kommen wir lange nicht auf alle preiswürdigen Titel. Doch im vergangenen Jahr haben wir ein ganz gutes Näschen gehabt, wie ich finde. Dazu trägt aber auch die Wahl der Jugendjury bei, die erstaunlich harte und politische Bücher ausgewählt hat – für die ich ein Faible habe. So waren da die Überschneidungen am höchsten.

Ein paar der noch nicht gelesenen Bücher werde ich in den nächsten Monaten bis zur Preisverleihung noch nachholen, und eventuell darüber berichten.

Hier kommen jetzt aber erst einmal alle Nominierten – samt der Links zu den Rezensionen auf letteraturen.

Bilderbuch

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Marcelo Pimentel (Illustration): Eine Geschichte ohne Ende. Ein Bilderbuch aus Brasilien, Baobab Books, 2015, 20 Seiten,  ab 2, 14,90 Euro

Marianne Dubuc (Text, Illustration): Bus fahren, Übersetzung: Julia Süßbrich, Beltz & Gelberg, 2015, 40 Seiten, ab 3, 13,95

Anja Mikolajetz (Text, Illustration): Das Herz des Affen, Aladin, 2015, 32 Seiten, 16,95 Euro

Emmanuelle Polack (Text)/Barroux (Illustration): Kako, der Schreckliche, Übersetzung: Babette Blume, mixtvision, 32 Seiten, ab 5, 14,90 Euro

Edward van de Vendel (Text)/Anton van Hertbruggen (Illustration): Der Hund, den Nino nicht hatte, Übersetzung: Rolf Erdorf, Bohem Press, 2015, 40 Seiten, ab 5, 14,95 Euro

Anna Castagnoli (Text)/Carll Cneut (Illustration): Der goldene Käfig oder Die wahre Geschichte der Blutprinzessin, Übersetzung: Ulrike Schimming, Bohem Press, 2015, 48 Seiten, ab 6, 28, 95 Euro

 

Kinderbuch 

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Uwe-Michael Gutzschhahn (Herausgeber)/Sabine Wilharm (Illustration): Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her. Das dicke Buch vom Nonsens-Reim, cbj Verlag, 2015, ab 6, 19,99 Euro

Frida Nilsson (Text)/Anke Kuhl (Illustration): Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!  Übersetzung: Friederike Buchinger, Gerstenberg Verlag, 2015, 128 Seiten, ab 6, 12,95 Euro

Hayfa Al Mansour: Das Mädchen Wadjda, Übersetzung: Catrin Frischer, cbt Verlag, 2015, 304 Seiten, ab 11, 12,99 Euro

Stefanie Höfler (Text)/Franziska Walther (Illustration): Mein Sommer mit Mucks, Beltz & Gelberg, 2015, 140 Seiten,  ab 11, 12,95 Euro

Ann M. Martin: Die wahre Geschichte von Regen und Sturm, Übersetzung: Gabriele Haefs, Königskinder, 2015, 240 Seiten, ab 11, 14,99 Euro

Ross Montgomery: Alex, Martha und die Reise ins Verbotene Land, Übersetzung: André Mumot, Carl Hanser Verlag, 2015, 336 Seiten,  ab 11, 14,90 Euro

 

Jugendbuch

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Erin Jade Lange: Halbe Helden, Übersetzung: Jessika Komina und Sandra Knuffinke, Magellan Verlag, 2015,  ab 12, 16,95 Euro

Makiia Lucier: Das Fieber, Übersetzung: Katharina Diestelmeier, Königskinder, 2015, 368 Seiten, ab 12, 17,99 Euro, besprochen hier.

Mariko Tamaki (Text)/Jillian Tamaki (Illustration): Ein Sommer am See, Übersetzung: Tina Hohl, Reprodukt, 2015, 320 Seiten, ab 12, 29,00 Euro

Kirsten Fuchs: Mädchenmeute, Rowohlt Rotfuchs, 2015, 464 Seiten, ab 14, 9,99 Euro

Rainbow Rowell: Eleanor & Park, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Carl Hanser Verlag, 2015, 368 Seiten, ab 14, 16,90 Euro

Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch, Übersetzung: Rolf Erdorf, Verlag Freies Geistesleben, 2015, 183 Seiten, ab 14, 17,90 Euro

 

Sachbuch

abc.de ShackletonwetterleibnizEislandsamia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Iwona Chmielewska (Text, Illustration): abc.de, Gimpel Verlag / Verlag Warstwy 2015, 96 Seiten, ab 6, 19,90 Euro

William Grill (Text, Illustration): Shackletons Reise, Übersetzung: Harald Stadler, NordSüd Verlag, 2015,  80 Seiten, ab 8, 19,99 Euro, besprochen hier.

Britta Teckentrup (Text, Illustration): Alle Wetter, Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2015, 168 Seiten, ab 9, 24,95 Euro

Jean Paul Mongin (Text)/Julia Wauters (Illustration): Leibniz oder die beste der möglichen Welten, Übersetzung: Heinz Jatho, Diaphanes Verlag, 2015, 64 Seiten, ab 10, 14,95 Euro

Kristina Gehrmann (Text, Illustration): Im Eisland, Hinstorff Verlag, 2015, 224 Seiten, ab 12, 16,99 Euro

Reinhard Kleist (Text, Illustration): Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar, Carlsen Verlag, 2015, 152 Seiten, ab 14, 17,90 Euro, besprochen hier.

 

Preis der Jugendjury

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bellmont
tagebuch
khmer

 

 

Nicola Yoon: Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt, Übersetzung: Simone Wiemken, Dressler Verlag, 2015, 336 Seiten, ab 12, 16,99 Euro

Dirk Reinhardt: Train Kids,  Gerstenberg Verlag, 2015, 320 Seiten, ab 13, 14,95 Euro, besprochen hier.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger Verlag, 2015, 528 Seiten, ab 14, 19,99 Euro, besprochen hier.

Matthew Quick: Goodbye Bellmont, Übersetzung: Knut Krüger, dtv, 2015, 256 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch, Übersetzung: Rolf Erdorf, Verlag Freies Geistesleben, 2015, 183 Seiten, ab 14, 17,90 Euro

Patricia McCormick: Der Tiger in meinem Herzen, Übersetzung: Maren Illinger, Fischer KJB, 2015, Seiten, ab 16, 14,99 Euro, besprochen hier.

Herzlichen Glückwunsch allen Nominierten!

Die Gewinner werden am 21. Oktober 2016 auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben. Ich bin sehr gespannt – in doppeltem Sinne …

 

Die wahren Helden

vinkeNach diesem Wochenende und den Ereignissen von Paris einfach so weiterzubloggen fällt mir irgendwie nicht ganz leicht. Zu unwichtig erscheint mir das Unterfangen, über Bücher zu schreiben. Und doch können es auch Bücher sein, die den Geist der Menschen erhellen und ihnen vielleicht unsinnige Überzeugungen austreiben oder zumindest einen Zweifel daran wecken. Terror ist das Letzte, was wir in dieser Welt, egal wo, noch brauchen, bringt er doch nur Leid, schürt den Hass, stachelt Politiker zu abstrusen Gedankengängen an und macht die Rüstungsindustrie noch reicher. Lauter Dinge, die keiner will.
Dabei ist unsere Welt auch ohne Terror schon eine einzige Problemzone. Die Suche nach Schuldigen, Hintermännern und Drahtziehern ist wichtig, genauso wichtig ist aber auch, an die vielen Menschen zu denken, die versuchen, diesen Ort zu einem besseren zu machen.
Ein Gefühl dafür, dass etwas – irgendetwas – getan werden muss, entwickeln Kinder und Jugendliche meines Erachtens schon relativ früh. Dass man als Erwachsener oft gegen die Ohnmacht kämpft, steht auf einem anderen Blatt. Was also tun, um Jugendlichen einen Weg durch diesen widersprüchlichen Dschungel aufzuzeigen und ihnen Mut zu machen, sich zu engagieren und die Ursachen von dem Leid zu bekämpfen, das letztendlich auch zum Terror führen kann?

Man könnte ihnen die Lektüre des Buches Zivilcourage 2.0 von Hermann und Kira Vinke empfehlen. Denn die beiden Autoren stellen hier die wahren Helden des 21. Jahrhunderts vor. In sieben großen Kapiteln zu den drängendsten Problemen, den Plagen unserer Zeit – Krieg, Armut, Hunger, Kampf um Menschenwürde, Umweltzerstörung, Finanzbetrug und Überwachung – portraitieren sie 19 mehr oder minder berühmte, vor allem aber sehr engagierte Persönlichkeiten. Edward Snowden, der sein gesamtes Leben über den Haufen geworfen hat, um den wohl umfassendsten Überwachungsskandal aufzudecken, den wir bisher je erlebt haben (hier gibt es scheinbar keine klischeefreien Ausdrücke mehr, um dieses irrsinnige Drama in Worte zu fassen) macht den Auftakt. Malala, die sich allein durch ihren Bildungshunger mit den Taliban anlegte, schließt die Reihe.

Dazwischen lernt man die Künstlerin Parastou Forouhar, die für die Freiheit im Iran kämpft, Sheela Patel, die sich in indischen Slums für den Bau von Toiletten einsetzt, oder Sylvia Earle kennen, die ihrerseits gegen die Verschmutzung der Meere kämpft. Mir waren die drei nicht bekannt, so bin dich dankbar für diese Aufklärung.
Die Vinkes erinnern aber auch an die wichtige Arbeit von Rupert Neudeck, der mit der Cap Anamur schon Ende der 70er Jahren Flüchtlinge aus dem Meer gerettet hat, und an den Kampf von Aung San Suu Kyi für Freiheit in Myanmar, der mit den Wahlen vergangene Woche eventuell endlich gewonnen wird.

Biografisches verflechten Vater und Tochter Vinke in verständlichen Texten mit den großen Problemen und schaffen so grundlegendes Wissen, das einen Überblick über die weltweiten Zusammenhänge schafft. Einige der Personen lassen sie in Interviews zu Wort kommen und zeigen auch die Helfer der Helden, da diese natürlich nie im luftleeren Raum agieren.
In ihren Darstellungen machen sie aber auch klar, dass für diesen vorbildliche Einsatz und diesen Mut oft ein hoher Preis gezahlt werden muss. Haft, Verlust von Heimat, körperliche Schmerzen – wir Erwachsenen wissen um diese Schicksale dieser Vorkämpfer. Die Unbeugsamkeit dieser Menschen, die sich davon nicht unterkriegen lassen, fordert Respekt ein.
Für junge Leser gibt es hier die ganze Bandbreite von Überzeugungen, für die man sich einsetzen kann, damit unserer Welt wirklich geholfen wird. Sie bekommen Anregungen, in welchen Organisationen sie tätig werden könnten – beispielsweise Attac, Amnesty International oder Greenpeace – oder worauf sie bei ihrem täglichen Leben achten könnten (Verzicht auf Plastiktüten).

Selbst als Erwachsener wird man durch diese geballte Ladung an Zivilcourage inspiriert, noch einmal nachzudenken, welchen Teil zum Ganzen man selbst betragen kann. Denn auch das macht dieses Buch klar: Würde jeder von uns den Mut aufbringen, sich für eine der Facette von Gerechtigkeit einzusetzen, könnte diese Welt eigentlich ein Paradies sein. Nach Paris, Ankara, Beirut, Irak, Syrien, Nigeria hört sich dieser Gedanke zwar ziemlich weit hergeholt an, aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben. Und hoffe auch, dass die Mächtigen endlich mal die Luft aus ihrem Ego rauslassen und die Probleme an den Wurzeln anpacken, anstatt gleich nach Verschärfung von allem Möglichen schreien. Denn jeder klar denkende Mensch, dessen Hirn nicht von Lobbyisten vernebelt wurde, kann den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verstehen. Wenn dazu noch Respekt und weniger Gier kämen, könnte man diese ganze verfahrene Lage eventuell wieder auf einen Kurs bringen, der allen Menschen ein würdiges, angenehmeres und friedlicheres Leben ermöglicht. Aber vielleicht bin ich auch nur naiv …

Hermann Vinke/Kira Vinke: Zivilcourage 2.0. Vorkämpfer für eine gerechte Zukunft, Ravensburger, 2015, 248 Seiten, ab 13, 16,99 Euro

Der Chor der Mutmacher

levithanZwei Jungs, die sich küssen, regt das heute noch irgendjemanden auf? Man möchte meinen, nicht. Doch wenn die es in aller Öffentlichkeit tun und das über 32 Stunden, um einen neuen Rekord aufzustellen, dann ist das ein Ereignis, dass die Gemüter bewegt.

Von so einem real durchgeführten Ereignis, das ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen wurde, erzählt David Levithan in seinem Roman Two Boys Kissing, vorzüglich übersetzt von Martina Tichy.
Harry und Craig wollen ein Zeichen setzen, wollen andere schwule Jungs ermuntern, sich zu outen, zu ihrer sexuellen Neigung zu stehen, sich nicht zu verstecken. Dafür küssen sie sich vor der Highschool ihres Ortes, in aller Öffentlichkeit, knapp anderthalb Tage, ohne sich hinzusetzen, ohne zu essen, ohne auf Toilette zu gehen, ohne zu schlafen. So wie die Qualen der beiden – schmerzende Muskeln, Hitze, Kälte, eine volle Blase, Schwindel, Kopfweh – zunehmen, so wächst auch die Schar der Zuschauer an. Anfangs sind nur ein paar Freunde und Lehrer vor der Schule, die die Küssenden mit Getränken und Klamotten versorgen oder sich um die Live-Übertragung des Ereignisses ins Internet kümmern. Doch mit jeder Stunde verbreitet sich der Rekordversuch im Netz immer weiter, in alle Winkel der Welt. Die Medien werden aufmerksam, die konservativen Mitmenschen des Ortes aber auch, die gegen diese angeblich ungebührliche Aktion protestierten.

Neben den Küssenden schildert Levithan jedoch auch noch zwei weitere schwule Paare sowie einen unglücklichen Einzelgänger. Bei dem einen können die Eltern nichts mit den Neigungen des Sohns etwas anfangen, bei dem anderen handelt es sich um einen Transgender-Jungen, der einst im Körper eines Mädchens geboren wurde, aber alle Unterstützung von seinen Eltern bekommt. Der Einzelgänger sucht sein Glück im Internet, wird jedoch nur enttäuscht. Als seine Eltern ihn unfreiwillig beim Chatten erwischen und ihn somit zwangsouten, haut er von zu Hause ab.

Levithan, dessen Roman Letztendlich sind wir dem Universum egal gerade von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, konzentriert sich hier ganz auf den Kosmos schwuler Jugendlicher, rund um ihr Coming-out und ihre erste Liebe. Anfangs ist die Fülle an männlichen Figuren etwas verwirrend, doch mehr und mehr nimmt die Erzählung an Fahrt auf und die Jungs wachsen einem ans Herz. Dies liegt auch an der sehr präsenten Erzählerstimme, die eine ungewöhnliche und erfrischende Alternative zu den vorherrschenden Ich-Erzählern bildet. Denn hier erzählt ein unbenanntes WIR, ein Chor, der den jungen Schwulen fast väterlich über die Schulter schaut, sie ermutigt, Tipps gibt, von eigenen Erfahrungen berichtet, von eigenen Ängsten, Sorgen und Freuden. Es ist ein Chor einer Generation von Schwulen, die Anfang der 90er Jahre die AIDS-Katastrophe am eigenen Leib erlebt hat, deren Partner, Freunde, Bekannte an der Krankheit gestorben sind, die die Diskriminierung noch schärfer erlebt haben, als die junge Generation heute. Sie waren die Wegbereiter dafür, dass seit diesem Sommer in den USA gleichgeschlechtliche Ehen legal sind. Sie erheben die Stimme, ermutigen, warnen aber auch und machen klar, dass es ein langer Weg war bis zu diesem Punkt, aber auch, dass noch ein langer Weg vor allen LGBT*-Leuten liegt, bis diese rechtlich völlig gleichgestellt sind.

Dieses Buch macht Mut. Keine Frage. Jedem Jungen, der mit seinen sexuellen Vorlieben hadert, sei diese Lektüre empfohlen. Levithan zeigt zwar, dass es nicht einfach ist – weder sich 32 Stunden lang zu küssen, noch mit seinen Eltern zu reden, noch die richtigen Freunde zu finden – doch er zeigt auch, dass es sich lohnt, zu sich selbst zu stehen und sich auf das Abenteuer Leben einzulassen.

Demnächst würde ich gern auf diesem Kanal die weibliche Variante dieses Themas vorstellen können … die aber wohl noch nicht geschrieben ist. Liebe Verlage, bitte kümmert euch darum!

David Levithan: Two Boys Kissing – Jede Sekunde zählt, Übersetzung: Martina Tichy, Fischer KJB, 2015, 288 Seiten,  ab 14, 14,99 Euro

Die Verführung des Bösen

naziEs steht nicht gut um Europa in diesen Tagen. Grenzen werden dicht gemacht, Abkommen außer Kraft gesetzt, die Länder schotten sich gegenüber den Flüchtlingen ab, die unsere Hilfe dringend nötig haben. Zwischen all dem marschieren vermehrt Neonazis auf, zünden Unterkünfte an, schüren Hass und Angst. Noch scheint es wie ein Wunder, dass niemand zu Tode gekommen ist.

F.E.A.R. – Angst – so hat Elisabeth Zöller ihren neuesten Roman genannt. Und es kann einem angst und bange werden, wenn man von dieser fiktiven Geschichte mit ihren exzellent recherchierten realen Hintergründen auf unsere Gegenwart schaut.

Zöller erzählt dieses Mal die Geschichte der 16-jährigen Clara, die sich in den etwas älteren Finnen Joonas verliebt. Der redegewandte, gutaussehende Typ wickelt das Mädchen quasi um den Finger – und Clara lässt sich verführen, zu trist ist ihr Alltag gerade. Ihre Eltern trennen sich, die Mutter fängt etwas mit Claras linkem Geschichtslehrer an. Da kommt Joonas mit seinen zarten Küssen und seiner nationalen Gesinnung gerade recht. Wäre da nicht die andere, dunkle Seite von Joonas. Er wohnt bei einem dumpfen Nazi, trifft sich mit undurchsichtigen Politiker-Hanseln und erzählt Clara ab und an von seinem Traum eine neue Finnische Armee aufzubauen, nach dem Vorbild von LoLa, dem Lokstedter Lager, in dem im ersten Weltkrieg finnische Männer zu Soldaten ausgebildet wurden. Clara durchschaut das alles nicht so richtig und fängt an im Netz zu recherchieren. Dadurch setzt sie ungewollt einen Journalisten auf Joonas Spur. Joonas muss weg aus Deutschland und nimmt Clara mit nach Finnland. Dort kommt es zur Katastrophe, als Joonas mit zwei Kumpeln das Haus einer linken Gastronomin in Brand setzt.

Diese Geschichte zieht Elisabeth Zöller erzählerisch von hinten auf und lässt Clara in einem Polizeibericht selbst die Entwicklung schildern. So ist man als Leser immer dicht an ihrer Sichtweise und ihren Empfindungen, man kann ihre Angst nachvollziehen, als ihre Eltern sich trennen und das Zuhause auseinander fällt, man versteht nur zu gut, wie faszinierend da aufmerksame Jungs sind. Clara sucht nach dem Halt, den die Eltern ihr nicht mehr geben können. Durch diese enge Perspektive von Clara schafft Elisabeth Zöller es meisterlich, dass Joonas‘ Beweggründe immer etwas im Dunklen bleiben, während Claras Wandel von blinder Verliebtheit zu begreifender Erkenntnis all des Schrecklichen um so mitreißender ist.
Die verführerischen Argumentationen der Rechten, die mit ihrer Hetze gegen die Neuankömmlinge Angst schüren vor Zuwanderung, Überfremdung, Islamisierung und sonstigen angeblich so fürchterlichen Zuständen, durchschaut Clara erst im Laufe ihres Berichtes. Für den Leser wird die Wucht dieser Fremdenfeindlichkeit durch den Handlungsstrang in Finnland, in dem die Polizei den Anschlag ermittelt, etwas abgemildert. Doch in Claras Bericht hängt immer die Frage zwischen den Zeilen, wie man selbst in dem Alter, unter ähnlichen Umständen auf solche Sätze und Diskussionen reagiert hätte.
Die Zuspitzung der Ereignisse am Ende von F.E.A.R. lassen keinen Zweifel daran, dass Joonas Position grundlegend falsch ist und dass in heutigen Tagen viel Mut, Engagement und die Suche nach neuen Lösungen dazu gehören, um gegen rechte Strömungen und neue Parteien anzugehen, und eben nicht die Grenzen dicht zu machen. Die Lektüre von Elisabeth Zöllers Roman dürfte Jugendlichen jede Menge zu denken geben und sie hoffentlich stark machen, um all den dunklen Verführungen unserer Zeit zu widerstehen.

Elisabeth Zöller: F.E.A.R., Hanser, 2015, 208 Seiten, ab 14, 16,90 Euro