Schinkensandwich mit Marmelade

„Träges Auge, Riesenschädel, schnarcht wie ein Nilpferd, oft krank, abartiger Essgeschmack, schreckliches Gedächtnis, ständig außer Atem, schmächtig, frech, kann nichts allein machen oder sich mehr als zwei Sekunden auf irgendetwas konzentrieren, Hirn tickt verkehrt, keinen Begriff für Gefahren. Mein absolut bester Kumpel der Welt.“

Martin liebt seinen drei Jahre jüngeren Bruder Charlie heiß und innig. Charlie wurde viel zu früh geboren, hat in seinen ersten Lebenstagen und –wochen mehrmals mit dem Tod gerungen und gewonnen. Vor zehn Jahren stand er als das „Wunderbaby“ sogar in der Zeitung, er ist ein ganz besonderes Kind unter Millionen, oder Charlillion, wie Charlie selbst sagen würde. Mit dem Preis, dass der Junge unter Asthma, Herzschwäche, und Konzentrationsstörungen leidet. Vieles, was für Kinder in seinem Alter selbstverständlich ist, kann er nicht und wird es auch nie lernen, er ist immer auf Hilfe und jemanden, der ihn im Auge behält, angewiesen.

Charlie ist wie ein springender Delfin, wie Mark Lowerys neuer Roman („Das peinlichste Jahr meines Lebens“) hierzulande heißt – was das bedeutet, wird später verraten. Er ist scheinbar der perfekte Held für ein Buch über gelungene Inklusion, das selbstverständliche Zusammenleben von Menschen, egal, ob „normal“ oder mit geistiger oder körperlicher Behinderung (selbst die Aktion Mensch, ehemals Aktion Sorgenkind, spricht von „Behinderung“, der naive, politisch überkorrekte Euphemismus „anders begabt“ ist passé).

Neulich ging es in der sowieso sehr empfehlenswerten Radiosendung „Büchermarkt für junge Leser“ (Samstagnachmittag um fünf nach vier im Deutschlandfunk) um Inklusion. Angefangen mit Klassikern wie Peter Härtlings Das war der Hirbel oder Max von der Grüns Die Vorstadtkrokodile wurden auch neuere Titel wie Wunder von Raquel Palacio und Sarah Crossans Eins vorgestellt. Denn immer mehr Jugendromane handeln von Menschen, die anders sind, die mit physischen und psychischen Problemen zu kämpfen haben. Wie ein springender Delfin ist eine spritzige Variante des Themas.

Charlie ist ungeheuer witzig, auch weil laut Martin sein Gehirn „anders verdrahtet“ ist, und haut Sätze raus, wie „wir fahren in die Schweiz, da kriegt mein Schniedel-Laser ein Upgrade“. Damit wehrt er zum Beispiel lässig die Fragen des misstrauischen Kioskbesitzers ab, der wissen will, warum der 13-jährige Martin mit seinem kleinen Bruder Ende Oktober schon frühmorgens unterwegs ist. Die beiden brechen auf in ein großes Abenteuer. Im Gepäck eine Keksdose mit „super-besonderen Weihnachts-Überbleibsel-Keksen“ (unter anderem mit Schokokränzen aus 90 Prozent Schokolade, fünf Prozent Keks, die restlichen fünf Prozent sind „Träume“, sagt Charlie) und Schinkenbroten mit Marmelade, Charlies Lieblingssandwiches.

Nennt mich naiv, aber ich habe mich mitreißen lassen und mitgefiebert, wenn die Jungs brenzlige Situationen, teils von Charlie provoziert, mit fanatischen Fußballfans oder neugierigen Kartenverkäuferinnen meistern, und Schaffnern und Polizisten immer wieder entwischen. Spannend und lustig erzählt Martin vom aufregenden Trip mehrere hundert Kilometer aus ihrer nordenglischen Heimatstadt Preston an die Küste Cornwalls, im Wechsel mit Rückblenden auf ihre Sommerferien eben dort im vergangenen Jahr. Auch die eingestreuten, von Martin geschriebenen Gedichte haben mir gefallen, zum Beispiel ein hübsches Haiku

Du lebst nur einmal.
Wie wär es dann einfach mit
Keksen zum Frühstück?

Drei Zeilen mit fünf, sieben und wieder fünf Silben, so kann man sich die japanische Gedichtform doch endlich gut merken. Oder ein Formgedicht über und in Form einer Sanddüne.

Die Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, habe ich willentlich ignoriert. Wer sich auf Mark Lowerys raffiniert aufgebaute, von Uwe-Michael Gutzschhahn erfrischend übersetzte Geschichte unvoreingenommen einlässt, den trifft die Wende umso heftiger. Gespoilert wird nicht, nur soviel: Die Fahrt nach Cornwall ist für Martin eine Reise zu sich selbst und ein Rettungsversuch. Familie ist ein fragiles Konstrukt. Und auch alle Liebe und Hingabe macht nicht alles möglich. Menschen mit Behinderungen sind sich meist schmerzlich bewusst, dass sie vieles nie werden tun und erreichen können. Sie haben dieselben Träume und Wünsche nach einem selbstbestimmten Leben, aber nicht die Freiheit, sie sich zu erfüllen.

Deshalb fühlt Charlie sich so zu dem Delfin hingezogen, den er im Sommer an Cornwalls Küste beobachtet. Ein freies Wesen, das nicht eingesperrt lebt und unabhängig ist. Ein Tier, in dessen wilden, kraftvollen Sprüngen sich Charlies Schicksal und das seiner Familie in allen Facetten spiegelt: Schöne Metapher, klasse Helden, tolles Buch!

Elke von Berkholz

Mark Lowery: Wie ein springender Delfin, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Rowohlt, 2017, 221 Seiten, ab 12, 14,99 Euro

Wider die Bequemlichkeit

brüder„Wenn du vor mir stirbst, schreibe ich ein Buch über dich“, sagt der 18-jährige Quentin Bell zu seinem knapp drei Jahre älteren Bruder Julian. Das Buch Brüder für immer sollte es also nicht geben. Dann hätte Quentin seinen älteren Bruder und besten Freund noch. Ihren Eltern und Angehörigen wäre die Trauer über den frühen Tod des Sohns, Neffen und Freundes erspart geblieben. Vor allem der Mutter der beiden, der Malerin und Innenarchitektin Vanessa Bell, ältere Schwester der Schriftstellerin Virginia Woolf.

Aber es ist gut, dass es diesen Roman gibt, angelehnt an realen, historischen Personen, erdacht und geschrieben vom vielfach ausgezeichneten niederländischen Autor Rindert Kromhout.

Denn was von einigen Kritikern nur als die etwas naiv erzählte Geschichte zweier Brüder, aufgewachsen in einem unkonventionellen Milieu, aufgefasst wurde, ist tatsächlich ein hinreißendes Porträt der aus Schriftstellern, Journalisten, Verlegern, Künstlern und Wissenschaftlern bestehenden Bloomsbury Group.

Und es ist ein Manifest des freien Denkens, geradezu ein Imperativ sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, ohne Vorurteile, ohne geistige Scheuklappen, und nach seinen Idealen zu leben und zu lieben. Das ist heute, in Zeiten von Fremdenhass und nationalistischer Ideologie, religiösem Fanatismus und Vorurteilen gegen alles Nonkonforme, dem Erstarken rechtsradikaler Politiker und Parteien wichtiger denn je.
Die Hauptfiguren in Kromhouts Roman haben wirklich gelebt: Die Malerin Vanessa Bell, geborene Stephen, ihr Ehemann, der Kunstkritiker und Journalist Clive Bell, Vanessa Bells homosexueller Freund, künstlerischer Partner und Liebhaber Duncan Grant und dessen Freund David. Zudem Vanessa und Clive Bells Söhne Julian und Quentin sowie deren jüngere Halbschwester Angelica. Sie alle lebten in Charleston, einem von Vanessa und Duncan zum lebendigen Kunstwerk gestalteten Haus auf dem Land in Sussex.

Am bekanntesten ist die Schriftstellerin Virginia Woolf, Vanessas jüngere Schwester, und deren Ehemann Leonard, Verleger und Publizist. Beide wohnten und arbeiteten im Monk’s House, das in Fahrradfahrtdistanz zu Charleston lag.
Außerdem kommen die Malerin Dora Carrington und ihr Lebenspartner, der Biograf und Kritiker Lytton Strachey, und die Kunstmäzenin Ottoline Morrell vor.

Dazu hat Kromhout diverse Nebenfiguren erdacht, die exzellent zu der ebenso ungewöhnlichen wie liebenswerten Gemeinschaft passen: die patente, großherzige Köchin Grace, ein aufgeschlossener Pfarrer sowie eine anfangs gegenüber den zugezogenen Künstlern sehr skeptische Dorfgemeinschaft.

Kromhout bedient sich eines Kunstgriffs, um seiner Geschichte die gewünschte Perspektive zu geben. Er erzählt vom Erwachsen- und Bewusstwerden unter dem Eindruck des fortschreitenden Faschismus in Europa. Dazu macht er die realen Brüder Bell fast zehn Jahre jünger. 1925 zieht die bunte Familie in das Charleston Haus, da sind Quentin und Julian sechs und acht Jahre alt. Während Julian sich schon früh für Politik interessiert und sich als Jugendlicher den Kommunisten anschließt, ist der Erzähler Quentin ein aufmerksamer Beobachter. Unterstützt von seiner Tante Virginia Woolf beginnt er seine literarischen Ambitionen mit einer Hauszeitung, für die er kluge und witzige Geschichten und Szenen aus dem Alltag in Charleston notiert.

Es ist ebenso faszinierend wie erstaunlich, wie selbstverständlich die Bewohner absolut unkonventionell zusammenleben. Hier halten wahre Zuneigung, Liebe, gemeinsame Interessen, die Kunst und gegenseitiger Respekt die Menschen zusammen, nicht gesellschaftliche und sexuelle Konventionen. Diese Leute sind wirklich glücklich in ihrer selbst gewählten Wunschgemeinschaft, da können die meisten modernen Patchworkfamilien nur von träumen, wo doch immer einer den Kürzeren zieht oder verletzt wird.

Die Kinder verbringen eine Kindheit in ungeheurer Freiheit, mit Baumhaus, Kostümfesten, durch die Felder streifen und Staudämme bauen. Man traut ihnen Vieles zu, spricht mit ihnen offen und auf Augenhöhe, und sie danken dieses Vertrauen, indem sie zu freigeistigen, klugen, toleranten und offenherzigen Menschen heranwachsen.

Kromhout lässt Quentin von diesen zwölf Jahren, von der Ankunft in Charleston House bis zu Julians Tod im Spanischen Bürgerkrieg, in einer einfachen, klaren und unaufgeregten Sprache erzählen. Birgit Erdmann hat das erfrischend und flott zu lesen übersetzt.

Nebenbei gibt Quentins Tante Virginia Woolf Einblick in das Schreiben und was es bedeutet, Schriftsteller zu sein. Sie ist auch selbst eine kluge Beobachterin des Weltgeschehens und warnt vor gefährlichen Simplifizierungen: So war Benito Mussolini, Führer der italienischen Faschisten, kein „dummer Diktator“, wie Quentin ihn in einer Geschichte darstellen möchte: Mussolini idealisierte Bücher, etablierte einen jährlichen Feiertag des Buchs, schrieb sogar selbst, „ein Kollege“, wie Virginia erklärt. Natürlich wusste er genau, was er die Leute lesen ließ, aber anstatt Bücher zu verbrennen und zu verbieten, instrumentalisierte und unterminierte er geschickt ein Medium, das eigentlich für geistige Freiheit steht.

Brüder für immer ist ein differenzierter und klarer Blick auf Entstehung und Mechanismus von Faschismus und Diktatur, die ja nur die Oberhand und schließlich die Macht gewinnen, weil so viele Menschen bereitwillig mitmachen oder es zumindest zulassen. „Die meisten Menschen finden es großartig, wenn es jemanden gibt, der für sie nachdenkt. Dann brauchen sie sich um nichts zu kümmern. Sie brauchen nicht darüber nachzudenken, ob etwas sein muss. Nie müssen sie zweifeln oder unsicher sein“, erklärt Clive Bell seinen Söhnen, „das ist pure Bequemlichkeit. Werdet nicht bequem. Denkt immer darüber nach, was ihr selbst wollt und meint. Notfalls müsst ihr dafür kämpfen.“

In diesem Sinne: Bleibt unbequem! Lest unbequeme Bücher, besonders, wenn es so schöne, bewegende und gut erzählte wie „Brüder für immer“ sind.

Elke von Berkholz

Rindert Kromhout: Brüder für immer, Übersetzung: Birgit Erdmann, Mixtvison, 2016, 300 Seiten, ab 12, 14, 90 Euro,  Jahren

[Jugendrezension] Der dunkle Fluch

twigTwig aus Nachtvogel oder Die Geheimnisse von Sidwell von Alice Hoffman ist zwölf Jahre alt. Sie wohnt in Sidwell und klettert gern auf Bäume. Soweit hört sich das ja eigentlich alles ganz normal an.

Weniger normal hört sich aber an, wenn ich jetzt schreibe, dass der Bruder von Twig, James, Flügel hat. James ist deshalb in Gefahr und darf auch aus diesem Grund nicht gesehen werden. Er versteckt sich im Haus, doch abends fliegt er meistens noch ein Stück.
Ein paar Leute haben ihn hierbei gesehen. Sie halten ihn für ein Monster oder für einen Riesenvogel. Weil James im Haus ist, darf kein anderer das Haus betreten, damit das Geheimnis nicht entdeckt wird.

img-20160912-wa0001Doch das neue Nachbarmädchen bringt vieles durcheinander und das Schlimmste ist, dass sie sich von nichts aufhalten lässt, Twigs beste Freundin zu werden. Irgendwann findet sie heraus, dass es James gibt. Gemeinsam wollen sie und Twig nun „den Fluch“ brechen, der über James schwebt.
Ob sie das schaffen oder ob alles schief läuft, dass müsst ihr selbst herausfinden…

Ich empfehle dieses Buch Jungen und Mädchen, eher aber Mädchen, ab 9 Jahren.

Lese-Lotta, 9 Jahre

Alice Hoffman: Nachtvogel oder Die Geheimnisse von Sidwell, Übersetzung: Sibylle Schmidt, Sauerländer, 2016, 208 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

Alle für einen

alleEinschlafen ist eine schwierige Sache. Die fünf Brüder Martin, Pelle, Luigi, Bertil und Otto können ein Lied davon singen. In Stephanie Schneiders Bilderbuch Ich brauch euch alle! schlafen die Jungs in einem großen Bett. Zusammen mit Ottos riesiger Kuscheltiersammlung. So weit, so in Ordnung.

Doch als Otto auf dem Jahrmarkt das riesige Plüschschwein Elke gewinnt, wird es eng im Bett. Die Brüder wollen ausweichen, in den Schuppen, auf die Fernsehcouch, zum Kumpel. Otto ist entsetzt. Denn er braucht sie alle, um gut schlummern zu können. Eine Lösung entwickelt der erfindungsreiche Bertil …

Diese entzückende Einschlafgeschichte lebt von den Illustrationen von Astrid Henn. Sie hat aus den fünf Brüdern eine liebenswert internationale Combo gemacht: Bertil hat rote Locken, Pelle schwarze, Luigi ist strohblond, Martin und Otto haben glatte brauen Haare. Brüderlicher können diese Patchworkgeschwister also gar nicht sein. Jeder kleine Leser wird natürlich noch jede Menge andere Unterschiede entdecken – und es vermutlich völlig normal finden.

Diese fünf Helden zeichnen sich neben den körperlichen Merkmalen aber auch durch ihre unterschiedlichen Talente und Fähigkeiten aus: Der eine kann Knoten in Spaghetti machen, der andere regelt den Verkehr im Kinderzimmer, der dritte kann coole Zaubertrick. Gemeinsam gelingt es ihnen, Ottos großes Schlafproblem aus dem Weg zu räumen.

Die Lösung könnte in vielen Kinderzimmern zur Anwendung kommen, vor allem, wenn man nach dieser Lektüre all die knuffigen Kuscheltiere anschaffen muss, denn die sind neben den Brüdern die heimlichen Hauptdarsteller.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es blöd ist, dass hier keine Mädchen vorkommen und ob das nicht ausgrenzend ist. Doch es gibt Zeiten im Leben und in der Kindheit, in denen man lieber mit seinen Geschlechtsgenossen zusammen ist. Das sollte man respektieren. Und trotzdem können auch Mädchen hier ihren Spaß mit den Kuscheltierhelden haben und sich für ihre eigenen Schlafprobleme inspirieren lassen. Dazu brauchen kleine Leserinnen nur ein bisschen Phantasie, die hier auf jeden Fall neues Futter bekommt.

Stephanie Schneider: Ich brauch euch alle! Illustration: Astrid Henn, Sauerländer, 2015, 32 Seiten, 14,99 Euro

Eine Frage der Ehre

olgaSpätestens seit Erich Kästners Emil und die Detektive haben Detektivgeschichten einen festen Platz in deutschen Kinderzimmerregalen. Eine aktuelle Ermittlerin habe ich jetzt in Barbara van den Speulhofs Buch Olga & Co kennen- und lieben gelernt.

Olga, eine clevere 11-Jährige, ist in diesem Band ihrem zweiten Fall auf der Spur. In ihrer Klasse geschehen nämlich ein paar ganz blöde Dinge: ein Freundschaftsbuch wird geklaut, eine Jacke wird mit Farbe besprüht, ein Kaninchen verschwindet. Die Erwachsenen haben allerdings nichts besseres zu tun, als gleich von einem Kind (dem oder der Täter_in) auf alle zu schließen und die ganze Klasse, ja die ganze Schule schlecht zu machen. Und so etwas kann Olga überhaupt nicht ab, denn das geht gegen die Ehre der Kinder.
Also ermittelt sie, spricht mit ihren Mitschülern, trägt Beweise zusammen, geht aus Berufsgründen auf eine Geburtstagsparty und telefoniert in immer kürzeren Abständen mit ihrer Freundin Co, die in Schweden wohnt, Olga aber zu Weihnachten besuchen kommt. Gemeinsam ziehen sie den Kreis um die Verdächtigen immer enger …

Van den Speulhofs Olga-Reihe ist wunderbare Spannungsliteratur für Mädchen, die allem und jedem auf den Grund gehen. Dabei kann man auch sehr gut mit Band 2 in Olgas Welt einsteigen. Olga und ihr kleiner Bruder Juri, der sich immer augenblicklich in jede neue Frau in seinem Leben verknallt, sind liebevoll gezeichnet und überzeugen als Geschwisterpaar. Die Freundschaft zwischen Olga und Co besticht dadurch, dass sie auch über die Distanz funktioniert. Sie zeigt kleinen Leserinnen, dass gute Freunde nicht immer gleich um die Ecke wohnen müssen.
Über Juri steuert die Autorin lustige Wortverdreher und Wortneuschöpfungen bei, so dass die Lektüre auch auf sprachlicher Ebene immer wieder etwas unterhaltsam Neues zu bieten hat.

Auflösung und Hintergründe der inkriminierenden Taten passen übrigens perfekt in die Weihnachtszeit. Und das Buch macht sich im Nikolausstiefel ziemlich gut.

Barbara van den Speulhof: Olga & Co. Die Sache mit dem Glücksräuber, Fischer KJB, 2015, 224 Seiten, ab 8, 10,99 Euro

Indiebookday 2015

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Zum dritten Mal findet heute der Indiebookday statt. Erfunden hat’s der mairische Verlag, zur Unterstützung und Sichtbarmachung von unabhängigen Verlagen, die mit viel Liebe und Herzblut großartige Bücher machen und dann so oft nicht wahrgenommen werden. Das Prinzip ist denkbar einfach: Geh am Indiebookday – bis jetzt war’s immer der dritte Samstag im März – in deinen Lieblingsbuchladen, am besten einen unabhängigen, und kaufe mindestens ein Buch aus einem kleinen, unabhängigen Verlag (Infos, was einen Indie-Verlag auszeichnet, gibt’s hier). Mache ein Foto von Deinen Einkäufen und poste es unter dem Hashtag #indiebookday in den sozialen Netzwerken. Fertig.

IMG_20150321_121548Meine Wahl ist dieses Jahr auf die Graphic Novel Come Prima von Alfred aus dem Reprodukt Verlag gefallen. Erschienen im vergangenen Jahr und gleich ausgezeichnet als „Bestes Album“ auf dem Comicfestival von Angouléme stand es schon länger auf meiner Wunschliste und jetzt verbinde ich also das Schöne mit dem Coolen und freue mich auf einen vergnüglichen Lesenachmittag. Der erste Daumenkinoblick in das Buch verspricht Kunstgenuss, Road-Comic, eine intensive Brüder-Familien-Geschichte und Italien … Was will man mehr?

Gleichzeitig bin ich gespannt, was mir die Indiebookdays-Bildgalerie auf Twitter und Facebook heute noch alles so an Indie-Buch-Perlen vorsetzen wird. Also los, wer noch nicht im Buchladen war – der Tag ist noch lang. Macht Euch auf!

Alfred: Come Prima. Unterwegs nach Italien, Übersetzung: Volker Zimmermann,   Texter: Minou Zaribaf,  Reprodukt, 2014, 224 Seiten, 34 Euro
 

 

Dingens … äh … supa!

lüftnerRecherche ist ja oft sehr hilfreich und manchmal unumgänglich. Ich recherchiere ganz gern … aber heute hat es mir das erst mal so richtig ein Bein gestellt.
Da wollte ich ganz harmlos nachschauen, warum mir das Phänomen Kai Lüftner bis jetzt entgangen ist, was ich so alles verpasst habe, weil ich tausend andere Dinge auf dem Zettel hatte. Ich also recherchiert, gelesen, gekuckt und irgendwann bei Lüftners Auftritt bei Markus Lanz gelandet. Darin erzählt er nicht nur von seinen Büchern, sondern muss die ziemlich unbeholfenen Fragen von Herrn L. zu seiner sehr traurigen Familiengeschichte beantworten.
Daraufhin musste ich erst einmal Wäsche waschen und bügeln und nachdenken, wie ich meine Begeisterung für sein Buch Das Kaff der guten Hoffnung mit diesen Infos zusammenbringe. Wahrscheinlich bringt man so etwas nie zusammen, und ich sollte das gar nicht erst versuchen, weil das nur zum Scheitern verurteilt ist und das Buch ja für sich stehen muss.

Und das Buch steht sehr gut für sich. Als eine durchgeknallt liebenswerte Geschichte um vier Außenseiter, auch Makel-Kids genannt, die im Waisenhaus „Zur guten Hoffnung“ auf dem Berg Gigantokatepetel untergebracht sind und so gut wie keine Chance haben je adoptiert zu werden, zu sehr sind sie mit Unvollkommenheiten, wie Stottern, Hässlichkeit, psychischen Dämonen geschlagen. Gemeinsam jedoch nehmen Kalle, Röschen, Theobald und Magda es mit skurrilen Gegenspielern wie der Heimleiterin Griselde Galgenstrick und Graf Arg von Hinterlist auf. Letzterer will aus dem Waisenhaus und dem auf dem Berggipfel gelegenen Fulminantolaboratorium von Professorprofessor Gunnar Gabriel Gagga ein Luxus-Hotel machen. (Was ein Fulminantolaboratorium ist, erfährt man im Buch… also: lesen!)

Lüftner, versierter Gag-Schreiber für landesweit bekannte Comedians, spart bei der Rettung des überaus miesen Zuhauses der vier Makel-Kids nicht mit Späßen, Wortwitz und -neubildungen. Er erzählt schnodderig, frech und erhebend respektlos. Für kleine und im Herzen junggebliebene Leser genau der richtige Stoff für Kurzweil und Lachanfälle.
Bei all dem greift Lüftner auf den klassischen Erzähler zurück, der sich immer wieder in das Geschehen einmischt. Damit verbrüdert dieser sich zum einen mit den Lesern, schlägt eine Brücke zwischen ihnen und der Geschichte, nimmt gleichzeitig aber auch all dem Schrecken (ein Waisenhaus! eine doofe Heimleiterin! Gauner! Schläger! Verbrecher! Gefahr!) die Spitzen, so dass sich niemand wirklich schlimm gruseln muss.
Das etwas abrupte Ende in Teil 1 vom Kaff wird mit Sicherheit im zweiten Teil aufgegriffen. Man ist hier eh schon so angefixt von Lüftners Schreibe und seinen Figuren, dass man auf jeden Fall weiterlesen wird. Zum Glück erscheint Teil 2 bereits im September – und Teil 3 ist angeblich auch schon geschrieben …

War ich vor meiner Recherche von Das Kaff der guten Hoffnung schon ziemlich begeistert, so trage ich nun allerhöchste Achtung vor Kai Lüftner, seiner Kunst und seiner ungebrochenen Lebensfreude in mir.  Seine Berliner Schnauze bringt mich zusätzlich immer zum Grinsen, so dass ich am liebsten einfach nur sagen möchte: Dit is knorke! Aber ich bin nun mal Hamburgerin und da heißt das dann: Dascha stahk!

Kai Lüftner: Das Kaff der guten Hoffnung – Jetzt erst recht! Illustration: Dominik Rupp, Fischer Sauerländer, 2. Aufl. 2014, 208 Seiten, ab 8, 9,99 Euro