Das Kaputtsein und das Nichts

tippo„… denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Mephistos Motto beschreibt die Motivation der Entropiewichte sehr treffend. Der was? Entropiewichte, auch Entröpfe genannt, sind kleine Wesen, die im Verborgenen emsig alles, was gerade noch glänzend und neu war, in kürzester Zeit schäbig und abgenutzt aussehen lassen. Der fiese Riss mitten durchs Display, der scheußliche Fettfleck auf dem Lieblingshemd, der hässliche Knick im hübschen Bucheinband – alles Werk dieser Wichte! Von wegen geplante Obsolenz und Sollbruchstellen.

Das ebenso entzückende wie alles andere dem Untergang geweihte Kinderbuch Tippo und Fleck von Barbora Klárová und Tomás Končinský enthüllt endlich, warum alles unweigerlich kaputtgeht. Tippo geht in die dritte Klasse der GSAD, der Grundschule für das Altern der Dinge. Er stammt aus einer altehrwürdigen Familie von Buchzersetzern: Sein Vater leitet die Abteilung, die Bücher vergilbt und zerlöchtert, seine Mitarbeiter sind „Esseisten“, die dafür zuständig sind, dass auf jeder Seite eines Buches irgendein Essen seine Spur hinterlässt. Und seine Mutter leitet die Einheit der Düfte und gibt den Bänden ihr eigenes Odeur. Tippo möchte sich mehr den digitalen Medien als Bibliotheken widmen, klappernde Tastaturen und Programmierfehler werden sein Metier. Tippos bester Freund ist Fleck, ein dauerkakaoverklebter kleiner Kerl, unfreiwillig Lieblingsschüler der Lehrerin für Kleckskonstruktion.

„Fleck und ich sind schon ziemliche Chaosmagneten. Und Fleck und ich waren schon immer beste Freunde und werden es für immer bleiben. Na ja, mit Ausnahme der unglücklichen Begebenheit mit dem Zahn der Zeit, aber bis dahin muss ich mich erst noch durchbeißen.“ Tippo erzählt von der Schule, berühmten Entröpfen, kuriosen Preisverleihungen – und schließlich vom Tag, an dem sich sein Leben ändert. Es ist eine spannend und mitreißend erzählte Geschichte von Erkenntnis und Zweifel, von Enttäuschung, Sinnsuche und existenzialistischen Fragen. Ein bisschen Kafka ist dabei, ein Hauch Alice im Wunderland, eine Prise Atheismus und die uralte Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei. Das scheint nur ziemlich pompös philosophisch, kommt aber höchst charmant verpackt daher wie des Pudels Kern (womit wir schon wieder beim alten Faust sind) in einer komplexen Mistkäferkugel aus Hundedreck. Wobei keineswegs gemeint ist, dass letztlich alles Kacke ist! Ganz und gar nicht, es läuft eher hinaus auf das Kaputtsein und das Nichts.

„Vitat Entropia!“ lautet das tatsächliche Motto der Entropiewichte. Es springt einem auf dem Vorsatzpapier entgegen und steht in Stein gemeißelt auf der Bahnhofswand, durch die soeben eine Lok gerast ist (ein tatsächlicher historischer Unfall). „Entropie“ ist mir aus dem Studium als das Bestreben aller Teilchen, sich weitest möglich auszubreiten und zu vermischen, bekannt. Das Phänomen kann man auch bei Kleinfamilien, die kreuz und quer Gehwege blockieren, geplatzten Reistüten oder runtergefallenen und zerbrochenen Gläsern beobachten. Im Fremdwörterbuch steht eine andere Definition. Für die Entröpfe bedeutet es aber die Feier des totalen Chaos, des Herstellens von Unordnung, ihres obersten Sinn und Daseinszweck. Ist mir gleich sympathisch, habe ich auf LETTERATUREN doch auch schon mal bei einem anderen Buch das rettende Chaos gelobt.

Daniel Špaček setzt diese Lebenswelt auf wuseligen Panoramaseiten von Mülldeponien, Schimmelfleckfarmen, Buchbaustellen und schließlich dem absoluten, tiefschwarzen Nichts in Szene. Am schönsten sind aber seine vielen liebevollen Detailzeichnungen von Entropieapparaturen und –kreaturen wie dem Zweitaktdampfschokofleckator, dem riesigen Kettenstreuwagen für Verunreinigungen, „Krümel“, einem Teleskopschnellsplitterspinner, dem knuffigen Eselsohrer aus der Familie der Vandalibris und des hundsgemeinen Staubbüschels, einer „im Anbau relativ unkomplizierten Zierpflanze“. Nicht zuletzt hat sich Lena Dorn dem Überthema erfolgreich widersetzt und Tippo und Fleck aus dem Tschechischen quicklebendig und frisch, überhaupt nicht angestaubt oder altbacken übersetzt.

Dieses Kinderbuch ist ein geistreicher und optisch überbordender Genuss. Raffinierterweise ist es gleichzeitig Teil des großen Ganzen, des Laufs der Welt: „Mit dem Durchtrennen der Binde startest du feierlich das Altern dieses Buches!“ steht auf der Buchbinde, die man eigenhändig aufreißen oder schneiden und damit die Zerstörung in Gang setzen muss, sonst kann man es nicht lesen. Wenn einem Entropie, also der unaufhaltsame Zerfall und das Altern der Dinge so schmackhaft gemacht wird, dann kann auch ich mich damit arrangieren.

Obwohl … das Eselsohr im schönen Einband von Simone Buchholz’ neuem Roman Mexikoring ärgert mich doch so sehr, da muss fürs Buchregal noch ein neues her. Ich glaube, die Entropiewichte haben eine Abmachung mit den Buchhandlungen?!

Barbora Klárova, Tomás Končinský: Tippo und Fleck, Illustration: Daniel Špaček,  Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag, 2018, 128 Seiten, ab 6, 18 Euro

Kosmos für Kunst

MuseumSoeben hat Ulrike hier Bücher vorgestellt, die jungen Menschen nicht nur Kunst nahe bringen können, sondern auch selbst zu Stift und Pinsel greifen lassen  und – wer weiß – den einen oder anderen Künstler hervorbringen.
Was dann tatsächlich Kunst ist, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Und wo kann man das besser als im Museum? Wo sich ganz viele Bilder, Objekte und Installationen befinden, die als Kunst gelten, weil sie sich in einem besonderen Gebäude befinden, auf dem fett Museum steht. Und wo ganz viele Menschen die Werke betrachten können.

Aber was ist ein Museum? Und: Wie kommt die Kunst ins Museum? Diese Fragen beantworten die Kuratoren und Kunsthistoriker Ondřej Chrobák, Rostislav Koryčánek und Martin Vaněk unter anderem in ihrem erstaunlichen, gleichnamigen Wimmelsachbuch.

Dies ist kein klassisches Kunstbuch mit Künstlerbiografien oder Darstellung von Epochen und Richtungen. Hier wird die Institution Museum als besonderer Kosmos mit vielen Beteiligten gefeiert. Und man spürt auf jeder der von David Böhm mit viel subtilem Witz illustrierten, teils auf Panoramabreite aufklappbaren Seiten die Begeisterung der Autoren für ihre Arbeit und Museen an sich. Dabei haben sich die tschechischen Kunstkenner nicht auf ein tatsächliches Gebäude kapriziert, sondern vom Architekten Svatoplik Sládecek einen puristischen Kubus, eine kühne Spielfläche für die Kunst, entwerfen lassen.

Ob man etwas über Kultur und Geschichte lernen möchte, endlich die Originale zu hundertfach gesehenen Reproduktionen sehen oder einfach nur vor dem Regen und Lärm flüchten möchte – gute Gründe für einen Museumsbesuch gibt es diverse. Mindestens ebenso vielfältig sind die Leute, die in einem Museum arbeiten und es am Laufen halten: Von der Kuratoren über die Öffentlichkeitsarbeit bis zum Restaurator und zur Raumpflegerin – ihre Aufgaben werden anschaulich und pointiert erklärt. Die Autoren zeigen, wie sie alle zusammen arbeiten und und jede und jeder wichtig ist, um eine Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Denn es reicht noch lange nicht, dass ein Museum Kunstwerke sammelt und hortet, sei es durch Kauf, Schenkung, Leihgaben oder Nachlässe. Es geht vor allem darum, diese Werke lebendig zu präsentieren, sei es, indem man sie in einen klugen Kontext präsentiert oder sie in einem ungewöhnlichen Licht und neuen Blickwinkel ausstellt. Kunst entsteht im Auge des Betrachters: Für einige ist Kunst die täuschend echte Wiedergabe von Gesehenem und offensichtliche Kunstfertigkeit in der Pinselführung. Andere sind von in Formaldehyd eingelegten Tieren, riesigen Spinnenskulpturen oder kuriosen Kettenreaktionen fasziniert. Und hinter einem ungemachten, versifften Bett, wie es die englische Künstlerin Tracey Emin 1998 in eine Galerie stellte, kann sich eine dramatische und berührende Geschichte verbergen.

Museen sind vieles: bunt, streitbar, verstörend, unterhaltsam, spannend, erhellend – nur eins sind sie in den seltensten Fällen: langweilig.

Auf den letzten Seiten fordern die Autoren ihre Leser noch einmal heraus: In einem Glossar zeigen sie die Werke, die im Buch vorkommen. Bilder und Skulpturen aus allen Epochen, von einer Fruchtbarkeitsstatue über Meisterwerke wie Botticellis Venus, Caravaggios Rosenkranzmadonna oder van Goghs Sternennacht zu modernen Klassikern von David Hockney, Mark Rothko und Otto Dix bis zum Streetartkünstler Keith Haring und den witzigen Zeichner David Shrigley – alle bezaubernd und variationsreich wiedergegeben vom Illustrator David Böhm. Wo sich alle diese Kostbarkeiten befinden, das kann jeder Leser selbst herausfinden. Dabei spielt das Buch eine große Rolle: Es ist nämlich nicht nur ein raffiniertes Kunstwerk für sich, das spielerisch das schafft, was gute Kunst ausmacht: die Welt und in dem Fall insbesondere das Museum aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.
Vor allem aber gelingt ihm eins: Es nimmt die Schwellenangst. Denn es gibt soviel zu sehen und zu entdecken.

Ondřej Chrobák/Rostislav Koryčánek/Martin Vaněk: Wie kommt die Kunst ins Museum, Illustrationen: David Böhm, Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag 2017, 62 Seiten, ab 8, 20 Euro