Schnurren statt schlucken

Herr Ernst kauft eine Katze ist der vielversprechende Titel dieses Bilderbuchs. Nach den ersten Seiten fragt man sich aber selbst als Katzenliebhaberin, warum? Was soll jemand wie dieser Herr Ernst mit einer Katze? »Es war einmal ein vielbeschäftigter Herr, der sich immer nur damit befasste, was er für nützlich und notwendig hielt.«
Mit wenigen pointierten Worten charakterisiert die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Roksana Jędrzejewska-Wróbel diesen Herrn Ernst. Man beachte bereits in diesem ersten Satz das kleine, von Dorota Stroińska raffiniert aus dem weichen Polnischen ins nüchterne Deutsch übersetzte Wörtchen nur.

Was soll ein so rationaler Mann mit einer Katze?

»Er würde nie seine Zeit mit albernen Spielereien verschwenden, wie kitzeln, im Kreis drehen, auf einem Bein hüpfen, Grimassen schneiden, an frisch gemähtem Gras riechen oder anderen Dingen, die Spaß machen, aber völlig unnütz sind.«
Natürlich liebt dieser sehr ernste Herr Ernst Zahlen, Grafiken und Tabellen. Er plant mit dem größten Vergnügen seine Tage. Überraschungen dagegen mag er überhaupt nicht. Also, was soll so ein rationaler und dröger Mann mit einer Katze?
Vielleicht erinnert der von Adam Pękalski gestaltete Mann mit dem sprechenden Namen nicht von ungefähr an Friedrich Merz: Ein asketischer Typ in Pullunder und Krawatte, mit Hornbrille und wenig verbliebenem Haar über dem Scheitel; ein Mensch, dessen Lebensinhalt Effizienz, Ordnung, Routine und Leistung sind. Hauptsache alles ist nützlich und notwendig, was man tut oder auch isst, egal ob es schmeckt.

Außerordentlich nützlich und etwas nervös

Dass dieses Leben doch nicht ganz so toll ist, wie Herr Ernst glaubt, merkt man an den Medikamenten, die er nimmt, um sich zu beruhigen. »Denn Menschen, die sich wie unser vielbeschäftigter Herr ununterbrochen nur mit sehr wichtigen und außerordentlich nützlichen Sachen beschäftigen, sind oft etwas nervös.« Das ist sprachlich ebenso schön wie treffend auf den Punkt gebracht. Angesichts ihrer reizvollen Figur und spannender, erzählerischer Wendungen erkennt man, dass Roksana Jędrzejewska-Wróbel auch eine ausgezeichnete Theater- und Drehbuchautorin ist.

Bilder von Piet Mondrian an der Wand

Adam Pękalskis Illustrationen dazu sind auf den ersten Blick stilvollendet und klar. Doch verstecken sich etliche subtile und witzige Anspielungen darin, die sie auch für erwachsende Betrachterinnen und Betrachter zu einer Augenweide machen. Und das bereits ab dem Vorsatzpapier, einer Charakterstudie in wenigen Gegenständen. Auch die Bilder an den Wänden in Herrn Ernsts Wohnung sprechen Bände. Die sind nämlich im Stil Piet Mondrians: Klare, gerade Linien und Gitterstrukturen in den Komplementärfarben Rot, Blau, Gelb. Die geordneten Gemälde scheinen wie die Faust aufs Auge zu passen.

Billiger als rosarote Beruhigungstabletten

Dann kommt die Katze ins Spiel: Im Radio hört Herr Ernst, als er gerade seine Tabletten schlucken will, »dass es sehr gesund sei, eine Katze zu haben, denn ihr Schnurren wirke beruhigend und besänftigend auf den Menschen.« Also überlegt Herr Ernst aus rein pragmatischen Gründen – Medikamente kosten Geld und schlagen auf den Magen – sich eine Katze zuzulegen. Selbst als er zunächst schon für die Grundausstattung für das Entspannungsmittel auf vier Pfoten ziemlich viel ausgegeben hat, rechnet er sich aus, dass er langfristig spart, Geld und Magengeschwüre, »viel billiger als ein Jahresvorrat seiner rosaroten Beruhigungstabletten.«

Kater kaputt

Herr Ernst kauft einen eleganten Siamkater. Doch trotz genügend Futters, frischem Wasser, regelmäßig gesäubertem Klo, Vitaminen und Spielzeug schnurrt der Kater nicht. Der Kater ist offensichtlich kaputt. Empört bringt Herr Ernst das grimmig blickende Tier zum Arzt, wo sich ein absurd komischer Dialog entspinnt:
»Und wie oft streicheln Sie Ihren Kater?«
»Streicheln? Davon stand nichts im Ratgeberbuch«
»Mag sein, dass davon nichts im Ratgeber steht – aber es ist doch das Natürlichste der Welt, eine Katze zu streicheln!«
»Natürlich? Ich bin mir nicht sicher, ich habe noch nie jemanden gestreichelt.«

Wie Jazz

Ob es zu guter Letzt doch noch klappt mit Herrn Ernst und der Katze wird hier nicht verraten. Verraten sei aber, dass Piet Mondrian sich für seine vermeintlich so auf Rationalität, Ordnung und Minimalismus ausgerichteten Bilder vom Jazz und Bebop hat inspirieren lassen. Sie zeigen das harmonische Miteinander verschiedener Schwingungen, reduziert auf essenzielle Farben und Formen.

Es ist nett, nett zu sein

Er gibt wohl kaum ein Bilderbuch, das so virtuos auf so vielen Ebenen spielt, sowohl intellektuell als auch emotional, optisch wie sprachlich. Dabei aber überhaupt nicht verkopft daherkommt. Stattdessen sehr lustig und liebevoll und vor allem super nett ist. Wie singt Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen in ihrer hinreißenden Hommage dieses sträflich unterschätzten und gänzlich irrationalen Charakterzugs: »Es ist nett, nett zu sein / Ohne was zu wollen / Es ist nett, nett zu sein / Ohne Müssen, ohne Sollen / Einfach nur so, egal wann egal wo / … / Halt auf die Tür / Und streichel ein Tier«

Roksana Jędrzejewska-Wróbel: Herr Ernst kauft eine Katze, Illus: Adam Pękalski , Übersetzung: Dorota Stroińska, Kraus Verlag, 2025, 36 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Kunst gegen Krieg

mondrianManche Bücher kommen mit Titeln daher, die erstmal verwundern, doch dann öffnet sich beim Lesen eine ganz wunderbare Welt. Apfelsinen für Mister Orange von der Niederländerin Truus Matti ist so ein Buch.

Hinter dem aprikot-orangenen Cover verbirgt sich eine Geschichte aus dem New York Mitte der 1940er Jahre. Der Protagonist Linus übernimmt den Job seines älteren Bruders und liefert für seinen Vater die Obst- und Gemüsebestellungen aus. Linus‘ ältester Bruder Albert hat sich nämlich freiwillig zur Armee gemeldet und wird in den Krieg in Europa ziehen. Die jüngeren Brüder in der Familie rücken also alle eine Position auf. Linus bekommt daher ein neues Bett, neue Schuhe und eben auch eine neue Aufgabe im Familienbetrieb. Bei seiner Tour nördlich der 53. Straße zwischen Central Park und East River lernt der Junge einen Maler kennen, dessen merkwürdigen Namen er sich nicht merken kann. Kurzerhand nennt er den Mann Mister Orange, weil dieser alle zwei Wochen eine Kiste Orangen bestellt.

Mit der Zeit lernen sich der Maler und der Botenjunge näher kennen. Linus entdeckt ein weißgestrichenes Atelier, in dem sonderbar abstrakte Bilder stehen, auf denen nur rote, blaue und gelbe Vierecke zu sehen sind. Er ist fasziniert von der hellen, klaren Atmosphäre, die ganz anders ist als die dunklen Blümchentapeten und die vollgestellten Zimmer zu Hause. Nach und nach eröffnet der Maler, den der erwachsene Leser ganz schnell als Piet Mondrian erkennt, dem Jungen die Welt der Kunst. Er erzählt ihm, dass er vor den Nazis fliehen musste, weil denen seine Kunst nicht passte. Linus ist hin und hergerissen, zwischen dem Stolz auf seinen großen Bruder Albert, der einem Superhelden gleich für das Gute kämpft, und den neuen Gedanken, die ihm Mondrian näherbringt. Er begreift, dass man auch mit Kunst gegen den Krieg wirken kann. Denn die Kunst kämpft dafür, dass es eine Zukunft gibt, in der die Vorstellungskraft frei bleibt.
Linus ist fasziniert, zumal sein Alltag in dieser Zeit von der Angst um den kämpfenden Bruder geprägt ist. Die ganze Familie fiebert jedem Brief von ihm entgegen. Albert versucht, hoffnungsvoll zu klingen. Aber nicht immer gibt es gut Nachrichten und auch der Tod drängt sich in Linus‘ Leben.

Truus Mattis Roman Apfelsinen für Mister Orange ist ein stilles Buch. New York ist hier die Stadt der Freiheit, in der verfolgte Künstler ihre Visionen umsetzen können. Linus findet unter seinem Bett die Comic-Hefte von Albert und dessen eigene Supermann-Zeichnungen. „Mister Super“ wird zu Linus‘ mutmachenden Begleiter im Geiste, der ihn in der merkwürdigen Zeit begleitet, in der auf einem anderen Kontinent Krieg geführt wird, dessen Auswirkungen jedoch auch in den Straßen von New York hautnah zu spüren sind.
Während Linus Obst- und Gemüse ausfährt, wird er erwachsen. Nicht nur, dass er mit der Angst um den großen Bruder leben muss, er lernt zudem, dass vorhandene Zustände nicht immer so bleiben müssen und das die Kunst einen enormen Einfluss auf die Zukunft und die Freiheit der Gedanken hat. Manchmal muss man nur eine Wand dafür weiß anmalen.

Mondrian arbeitet während dieser Geschichte an seinem letzten, unvollendeten Bild „Victory Boogie Woogie“. Es wird im Buch nirgendwo gezeigt, doch wenn man es nach der Lektüre im Internet recherchiert, ist es, als ob man in Mondrians Atelier steht und die vielen kleinen Klebestreifen auf der Leinwand erkennt, die Straßen von New York vor sich sieht und am liebsten mit Linus Boogie Woogie tanzen möchte – so wie er es schließlich macht, als er das Bild nach Mondrians Tod im Museum sieht.

Apfelsinen für Mister Orange, einfühlsam übersetzt von Verena Kiefer, fällt als Mischung aus Kunst- und Antikriegsroman aus dem Rahmen und ist daher ein kleines Schmuckstück. Der Roman zeigt eindringlich, dass selbst wenn der Krieg auf einem anderen Kontinent stattfindet, die Auseinandersetzung auch vor Ort gewichtige Auswirkungen hat. Und dass man nicht nur als Soldat gegen den Krieg kämpfen kann, sondern auch die Kunst eine nicht zu unterschätzende Kraft für Frieden und Freiheit ist.

Truus Matti: Apfelsinen für Mister Orange, Übersetzung: Verena Kiefer, Gerstenberg Verlag, 2013, 176 Seiten, ab 10, 12,95 Euro