Frechheit siegt

hexenfeeGut, hier muss ich von vornherein zugeben, dass ich parteiisch bin. Denn seit ich vor anderthalb Jahren das Bilderbuch Der goldene Käfig von Anna Castagnoli mit den Illustrationen von Carll Cneut übersetzt habe, bin ich in die Bilderwelten des Belgiers verliebt.

Nun hat Cneut die Geschichte der Hexenfee, aus der Feder von Brigitte Minne und frech neuübersetzt von Rolf Erdorf, ein weiteres Mal illustriert. Eine erste Version ist in Belgien bereits 1999 erschienen, 2006 von Mirjam Pressler ins Deutsche übersetzt und hier mittlerweile vergriffen.

Die Hexenfee erzählt von dem Feenmädchen Rosmarinchen, die so gar keine Lust hat, lieb und ordentlich zu sein, wie es sich für ein Fee gehört. Den Zauberstab, den sie zum Geburtstag bekommt, findet sie doof. Rollschuhe hätte sie lieber und überhaupt wäre sie viel lieber eine Hexe. Die dürfen sich schmutzig machen und mit einem Boot über den Bach fahren.
Keine der Feen kann Rosmarinchen überzeugen, dass Hexen gemeine Biester sind. Die kleine Fee zieht in den Hexenwald, und dort erfüllen sich ihre Wünsche vom Rollschuhlaufen und Boot fahren. Und das Fliegen auf einem Besen lernt sie auch noch.
Doch Rosmarinchens Mama vermisst die Tochter und folgt ihr in den Hexenwald. Und lernt Erstaunliches.

Minne zeigt mit dem Märchen Hexenfee, dass man im Leben nicht immer das eine oder das andere sein muss, sondern mehreres in sich vereinen kann. Sie zeigt, dass Mädchen nicht immer die brave Fee sein müssen, sondern dass die Frechheit der Hexen Spaß machen, das Leben bereichern und auch Eltern zum Umdenken bringen kann. Hier wird den Mädchen, die auch heute noch viel zu oft in überkommene Rollenklischees gepresst werden, der Rücken gestärkt, sich gegen elterliche Vorgaben aufzulehnen, wenn sie in sich den Wunsch nach etwas anderem verspüren.

Der Illustrator Cneut zeigt die Feenmädchen zunächst in einem altrosa Luftschloss, mit den typischen cneutschen Spitzhüten, auch diese in diversen Rosa-Tönen. Im Kontrast dazu entwirft er einen tiefschwarzen Hexenwald und düstere Hexenhüte. Doch für Rosmarinchen geht genau zwischen den schwarzen Blättern ihr Traum in Erfüllung, in Form eines schier unendlich roten Blumenmeers.
Und mit jeder Seite wird der dunkle Wald auf den mysteriösen Bildern immer lichter, Rosmarinchens Mama gesellt sich zur rebellischen Tochter, die Hexen stellen sich als nette Gesellen heraus, und die Welten von Feen und Hexen vermischen sich. Als Hexenfee lebt Rosmarinchen nun in beiden und ist glücklich. Ihr Mut, ihre bekannte Welt zugunsten des unbekannten Waldes aufzugeben, wird zum großen Vorbild, dem die kleinen Leserinnen möglicherweise gern folgen.

Die Illustrationen von Carll Cneut sind – wie in Der goldene Käfig – großartige Kunstwerke, an denen man sich nicht satt sehen kann, deren Tiefe man sich erst nach wiederholtem Betrachten erschließt, über die man trotzdem rätseln kann: Was sollen die vielen spitznasigen und spitzhütigen Köpfe, die oftmals wie Männer aussehen, aber doch auch Frauen sein sollen, dem Betrachter sagen? Jede_r Betrachter_in wird ihre/seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Rosmarinchen in ihren roten Kniestrümpfen und dem altrosa Kleid, in dessen Farbe sich schon das Schwarz des Hexenwaldes mischt, denn es ist kein reines Rosa und erst recht kein Pink, reitet so selbstbewusst auf ihrem Besen, dass man trotz schwarzem Blättergewirr dennoch die Gewissheit hat, dass sie in beiden Welten unbeirrt ihren Weg  finden wird.
Genau dies wünscht man es sich für alle kleine Mädchen, die noch glauben, Fee zu sein wäre das Nonplusultra.

Brigitte Minne: Hexenfee, Illustrationen: Carll Cneut, Übersetzung: Rolf Erdorf, Bohem, 2017, 48 Seiten, ab 3, 24,95 Euro

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Variationen eines Kunstwerks

kaefigIn dieser Woche fand die Kinderbuchmesse in Bologna statt, und ich war nach langen Jahren der Abwesenheit mal wieder vor Ort.
Es gab dort für mich nicht nur wunderbaren Input in Sachen neue Jugendbücher aus Italien, sondern ich hatte die zudem die Gelegenheit die beiden großartigen Macher von Der goldene Käfig persönlich kennenzulernen: die italienische Autorin Anna Castagnoli und den flämischen Illustrator Carll Cneut. Wir haben natürlich auf die Nominierung des Goldenen Käfigs für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch angestoßen und uns für den 21. Oktober in Frankfurt verabredet. Aber bis dahin ist noch viel Zeit.

Beim Nach-Messe-Bummel durch das historische Zentrum von Bologna habe ich mir dann in der Kinderbuchhandlung an der Piazza Maggiore die italienische Variante des Goldenen Käfigs zugelegt – La voliera d’oro. Und wenn man nun denkt: Bilderbuch ist Bilderbuch, egal in welcher Sprache es herausgebracht wird – dem möchte ich hier ein paar Seiten zeigen, die die Unterschiede der beiden Ausgaben illustriert.

Ganz offensichtlich ist zunächst, wie das erste Bild oben zeigt, das kleinere Format des italienischen Buches. In Zahlen: 26,5 x 34,5 cm für die deutsche Version, 24 x 31 cm für die italienische. Gründe dafür kann ich nicht nennen (Verlagsstandards? Kosten?).
Auffällig ist die Anordnung des Titels – der italienische Golddruck geht zwischen den Papageien leider etwas unter. Dafür ist der blaue Papagei rechts unten nicht so sehr beschnitten und besser zu erkennen.

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Bei der Titelei im Buch zeigt sich, wie wichtig die richtige Skalierung von Bildern sein kann. Vogel und Blätter sind zwar bei beiden Büchern gleich groß, nur sind bei der italienischen Version, oben, Vogel und Blatt angeschnitten und wirken gedrängt. Auch der Stil des oberen Blattes geht fast verloren.

Eine Besonderheit zeigt sich hier bereits bei der Handschriftstypo des Titels: Beide in Schreibschrift, die deutsche Variante ist jedoch von Carll Cneut geschrieben worden. Das setzt sich im deutschen Buch fort.

An einigen Stellen gibt es in der deutschen Variante Sätze, die im italienischen Text fehlen. Dies liegt daran, dass mir beim Übersetzen zusätzlich zum Text von Anna Castagnoli das PDF der niederländischen Ausgabe vorlag, die bereits 2014 erschienen ist und in der diese zusätzlichen Sätze eingefügt worden waren. Sie geben der Geschichte der Blutprinzessin einen zusätzlich märchenhaften und poetischen Hauch. Auf dem rechten Bild, unten, wird durch die handschriftlichen Passagen der Inhalt noch ein weiteres Mal herausgehoben und betont.

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Eine größere Änderung sowohl beim Text, als auch beim Bild zeigt sich hier:

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Für diese ganz besondere Seite, die die grausame Neigung der Blutprinzessin illustriert, hat Cneut das „HACK“ der rechten Seite für die deutsche Variante noch einmal ganz neu gemalt – denn ohne das C von „HACK“ würde das flämische „HAK“ wie ein Schreibfehler aussehen und die Leser enorm irritieren.
Im italienischen Text lautet „HACK“ allerdings „ZAC“ – und ich frage mich, ob italienische Leser sich über die Text-Bild-Schere in ihrem Exemplar wundern oder das einfach so hinnehmen.

Dies sind jetzt nur einige wenige Beispiele – schließlich müsst Ihr Euch dieses wunderbare Bilderbuch im Original ansehen, um seine ganze Pracht zu begreifen – aber sie zeigen eindrücklich, wie unterschiedlich in den Ländern mit Bildern und Texten umgegangen wird.
Ich würde jetzt am liebsten auf die Jagd nach allen internationalen Ausgaben gehen und diese Vergleichsliste fortsetzen … je nachdem, in welches Land dieses Märchen noch verkauft wird. Ich hoffe, in sehr viele.

Anna Castagnoli/Carll Cneut: Der goldene Käfig, Übersetzung: Ulrike Schimming, Bohem, 2015, 48 Seiten, 28,95 Euro

Anna Castagnoli/Carll Cneut: La voliera d’oro, Topipittori, 2015, 48 Seiten, 24 Euro

Die Blutprinzessin und die Vogelpracht

cneutHerbst gleich Erntezeit. Irgendwie ist es auch in der Buchbranche so. Jedenfalls bei mir … ist doch grad ganz frisch eine meiner Übersetzungen eingetroffen, die ich in diesem Frühjahr angefertigt habe: Das Märchen Der goldene Käfig von Anna Castagnoli, prächtig illustriert vom Flamen Carll Cneut.

Erzählt wird die Geschichte der verwöhnten und widerspenstigen Prinzessin Valentina und ihrem Tick, Vögel zu sammeln. Wie in Märchen üblich geht es nicht zimperlich zur Sache, denn sobald das gute Kind nicht das bekommt, was es möchte, rollen Köpfe. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Interpretation dieser Vorgänge überlasse ich anderen Lesern, meine Vermutung, dass die Autorin sich unter anderem auch von Lewis Carrolls Alice im Wunderland hat inspirieren lassen, habe ich hier schon mal geäußert.

Was ich jetzt aber viel besser einschätzen kann, sind die Illustrationen, besser gesagt, die Gemälde von Carll Cneut. Für die Übersetzung hatte ich vor Monaten nur ein kümmerliches PDF auf dem Bildschirm und war mit dem Kopf eh viel mehr bei den einzelnen Worten und Begriffen als bei den Bildern. Doch nun, im fertigen Zustand, überwältigt mich die Vogelpracht, die Cneut hier geschaffen hat. Jeder Vogel ist eine Persönlichkeit. Jede Seite bietet Schauriges und Schönes. Mal meint man in einem japanischen Holzschnitt gelandet zu sein, dann wieder in der Sesamstraße. Groben Pinselstrich kombiniert er mit feinst ausgearbeiteten Federn, die die Tiere plastisch hervortreten lassen. Valentinas Hutschmuck ist so vielfältig wie ihre Vögel. Den Dienern ist die Überforderung und der Schrecken im Gesicht abzulesen. Die zarten Gewächse des Gartens verwandeln alles in einen Urwald, man hört das Gekreische der Papageien.
Und wenn man dann die Bilder immer wieder betrachtet, so wandelt sich das Gefühl, das man gegenüber der verzogenen, grausamen Blutprinzessin am Anfang hegt, in Mitleid. Denn das arme reiche Kind ist ziemlich einsam …

Ich kann mir zwar kaum vorstellen, dass Vierjährige mit dieser Geschichte viel anfangen können. Aber dafür ist nach oben hin keine Grenze für die Altersempfehlung gesetzt, denn über Valentinas Verhalten und das Ende der Geschichte kann man lange nachdenken und vorzüglich diskutieren.

Für mich ist es heute erneut ein hinreißendes Erlebnis, dass sich die Sätze aus meinem schlichten Word-Dokument nun in einem so wunderschönen Kleid wiederfinden.

Anna Castagnoli/Carll Cneut: Der goldene KäfigÜbersetzung: Ulrike Schimming, Bohem Press, 2015, 48 Seiten,  ab 4, 28,95 Euro