Kosmos für Kunst

MuseumSoeben hat Ulrike hier Bücher vorgestellt, die jungen Menschen nicht nur Kunst nahe bringen können, sondern auch selbst zu Stift und Pinsel greifen lassen  und – wer weiß – den einen oder anderen Künstler hervorbringen.
Was dann tatsächlich Kunst ist, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Und wo kann man das besser als im Museum? Wo sich ganz viele Bilder, Objekte und Installationen befinden, die als Kunst gelten, weil sie sich in einem besonderen Gebäude befinden, auf dem fett Museum steht. Und wo ganz viele Menschen die Werke betrachten können.

Aber was ist ein Museum? Und: Wie kommt die Kunst ins Museum? Diese Fragen beantworten die Kuratoren und Kunsthistoriker Ondřej Chrobák, Rostislav Koryčánek und Martin Vaněk unter anderem in ihrem erstaunlichen, gleichnamigen Wimmelsachbuch.

Dies ist kein klassisches Kunstbuch mit Künstlerbiografien oder Darstellung von Epochen und Richtungen. Hier wird die Institution Museum als besonderer Kosmos mit vielen Beteiligten gefeiert. Und man spürt auf jeder der von David Böhm mit viel subtilem Witz illustrierten, teils auf Panoramabreite aufklappbaren Seiten die Begeisterung der Autoren für ihre Arbeit und Museen an sich. Dabei haben sich die tschechischen Kunstkenner nicht auf ein tatsächliches Gebäude kapriziert, sondern vom Architekten Svatoplik Sládecek einen puristischen Kubus, eine kühne Spielfläche für die Kunst, entwerfen lassen.

Ob man etwas über Kultur und Geschichte lernen möchte, endlich die Originale zu hundertfach gesehenen Reproduktionen sehen oder einfach nur vor dem Regen und Lärm flüchten möchte – gute Gründe für einen Museumsbesuch gibt es diverse. Mindestens ebenso vielfältig sind die Leute, die in einem Museum arbeiten und es am Laufen halten: Von der Kuratoren über die Öffentlichkeitsarbeit bis zum Restaurator und zur Raumpflegerin – ihre Aufgaben werden anschaulich und pointiert erklärt. Die Autoren zeigen, wie sie alle zusammen arbeiten und und jede und jeder wichtig ist, um eine Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Denn es reicht noch lange nicht, dass ein Museum Kunstwerke sammelt und hortet, sei es durch Kauf, Schenkung, Leihgaben oder Nachlässe. Es geht vor allem darum, diese Werke lebendig zu präsentieren, sei es, indem man sie in einen klugen Kontext präsentiert oder sie in einem ungewöhnlichen Licht und neuen Blickwinkel ausstellt. Kunst entsteht im Auge des Betrachters: Für einige ist Kunst die täuschend echte Wiedergabe von Gesehenem und offensichtliche Kunstfertigkeit in der Pinselführung. Andere sind von in Formaldehyd eingelegten Tieren, riesigen Spinnenskulpturen oder kuriosen Kettenreaktionen fasziniert. Und hinter einem ungemachten, versifften Bett, wie es die englische Künstlerin Tracey Emin 1998 in eine Galerie stellte, kann sich eine dramatische und berührende Geschichte verbergen.

Museen sind vieles: bunt, streitbar, verstörend, unterhaltsam, spannend, erhellend – nur eins sind sie in den seltensten Fällen: langweilig.

Auf den letzten Seiten fordern die Autoren ihre Leser noch einmal heraus: In einem Glossar zeigen sie die Werke, die im Buch vorkommen. Bilder und Skulpturen aus allen Epochen, von einer Fruchtbarkeitsstatue über Meisterwerke wie Botticellis Venus, Caravaggios Rosenkranzmadonna oder van Goghs Sternennacht zu modernen Klassikern von David Hockney, Mark Rothko und Otto Dix bis zum Streetartkünstler Keith Haring und den witzigen Zeichner David Shrigley – alle bezaubernd und variationsreich wiedergegeben vom Illustrator David Böhm. Wo sich alle diese Kostbarkeiten befinden, das kann jeder Leser selbst herausfinden. Dabei spielt das Buch eine große Rolle: Es ist nämlich nicht nur ein raffiniertes Kunstwerk für sich, das spielerisch das schafft, was gute Kunst ausmacht: die Welt und in dem Fall insbesondere das Museum aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.
Vor allem aber gelingt ihm eins: Es nimmt die Schwellenangst. Denn es gibt soviel zu sehen und zu entdecken.

Ondřej Chrobák/Rostislav Koryčánek/Martin Vaněk: Wie kommt die Kunst ins Museum, Illustrationen: David Böhm, Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag 2017, 62 Seiten, ab 8, 20 Euro

Männersachen

paulDie Stiftung Lesen hat neulich die aktuelle Vorlesestudie 2015 veröffentlicht. Herunterzuladen ist sie hier. Nach dieser Lektüre sollte es eigentlich niemanden mehr geben, der seinen Kindern nicht täglich vorliest. Denn Vorlesen ist scheinbar ein Wundermittel für Glück, Kompetenz – soziale wie inhaltliche – und Fröhlichkeit. Also eine traumhafte Aussicht, was die Bildung und das spätere Zusammenleben der nächsten Generationen angeht. Heute ist Vorlesetag. Also ran an die Bücher!
Oft wird allerdings von Erwachsenen gejammert, dass Jungs so wenig lesen. Was ein Wunder, möchte man sagen, wenn den Jungs die Vorbilder fehlen, weil Väter anscheinend nicht so häufig vorlesen wie die Mütter.

Nun denn, liebe Väter, hier kommt ein Vorlesebuch, das Euch zu Helden Eurer Söhne macht: Paul & Papa. Autorin Susanne Weber vereint darin 20 Kurzgeschichten, die den Alltag von Vater und Sohn hochleben lassen. Die beiden machen beispielsweise einen Männertag, backen Geburtstagskuchen für Mama, räumen auf, wenn auch widerwillig, gehen Eisessen oder haben auch mal schlechte Laune. Ganz normale Sachen eben, einer ganz normalen Familie, denn die Mama gibt es auch, doch hält sie sich im Hintergrund. Denn hier stehen eben mal die Männer im Mittelpunkt. Das ist bei der Masse an Büchern, die es vor allem für Mädchen gibt, durchaus okay und wichtig.

Die unaufgeregten Geschichten sind rasch gelesen und verzaubern doch. Denn sie lenken den Blick auf die alltäglichen Dinge, die uns ständig umgeben und denen wir Erwachsene vielleicht gar keine Beachtung mehr schenken, oder von denen wir nur genervt sind.
Beim gemeinsamen Vorlesen jedoch werden Vater und Sohn vielleicht Gemeinsamkeiten herausfinden oder den jeweils anderen mit ihrer Sichtweise überraschen. Das Band, das sich so zwischen Sohn und Vater knüpft, kann in späteren Jahren vielleicht die ein oder andere Machtprobe aushalten.

Susanne Weber: Paul & Papa, Illustration: Susanne Göhlich, mixtvision, 2015, 72 Seiten, ab 4, 11,90 Euro