Gegen alle Widerstände

IMG_20160420_183251Heute ist Gratis-Comic-Tag, also auf in den nächsten Buchladen eures Vertrauens und nach Comics Ausschau halten. Ich habe bis jetzt noch nie einen von den Gratis-Comics erwischt, vielleicht klappt es heute.

Falls nicht, kann ich euch eine ganz wunderbare Geschichte ans Herz legen: Das neueste Werk von Pénélope Bagieu, die ich hier vor fast drei Jahren schon einmal vorgestellt habe, mit dem Titel California Dreamin‘, in der perfekten Übersetzung von Ulrich Pröfrock.
Den Älteren unter euch wird der Titel vielleicht etwas sagen und einen Song von The Mamas and the Papas ins Gedächtnis und ins Ohr holen, der für mich zu den ikonischen Liedern der Flower-Power-Bewegung gehört. Anhören könnt ihr euch das Stück hier:

Achtet auf die ausdrucksstarke Frau mit grünen Wallakleid und den weißen Stiefeln. Das ist Ellen Cohen, bekannt unter dem Namen Cass Elliot, deren Lebensgeschichte Pénélope Bagieu in ihrer Graphic Novel erzählt.

Ellen ist ein Gesangstalent, stammt aus einer jüdischen Familie, hat Angst vor dem Krieg, isst nichts, wie Kinder das in einem gewissen Alter einfach tun. Die Eltern flehen sie an, ihnen eine Freude zu machen und endlich etwas zu essen. Das tut Ellen schließlich doch und zwar mit Hingabe, als sie eine kleine Schwester bekommt und nicht mehr bei den Eltern an erster Stelle steht. Seitdem ist Ellen dick. Und wird gemobbt. Selbst von der eigenen Mutter.
Doch Ellen hat einen Traum: Sie will Sängerin werden. Und daran hält sie fest. Sie lässt sich von nichts und niemandem aufhalten – und reißt tatsächlich alle mit, sobald sie auf einer Bühne steht.

Bagieu lässt verschiedene Figuren von Cass erzählen – die jüngere Schwester, die Kommilitonen am College, die Fans, die Gesangslehrerin, den Radioproducer – und erzeugt so ein vielschichtiges Puzzle einer beeindruckenden Frau. Sie konzentriert sich dabei auf die professionelle Entwicklung von Cass, lässt ihre Tochter und ihren frühen Tod mit 32 Jahren außen vor. Und doch erhält man ein tiefgründiges Portrait der Sängerin, die gegen alle Widerstände und alle Aufforderungen abzunehmen ihren Weg ging und es so tatsächlich zum Star gebracht hat. Gleichzeitig vermittelt Bagieu einen Eindruck des Musikgeschäfts in den 1960er-Jahren, der Suche nach Originalität der Künstler und den doch oberflächlichen Taktiken, ein dünnes blondes Mädchen in die Band aufzunehmen, das hübsch anzusehen ist, aber leider nicht singen kann. Cass, wie gesagt, lässt sich von all dem nicht aufhalten.

Der Zeichenstil von Bagieu ist ein reduzierter Bleistiftstrich, der bei manchen Comic-Zeichnern gerade sehr beliebt ist, siehe hier und hier, und durch ihre Leichtigkeit punkten. Thematisch sind Comic-Biografien momentan ziemlich angesagt – man denke an die Werke von Reinhard Kleist (Cash, Castro, Der Boxer und Der Traum von Olympia), Jessie Hartland (Steve Jobs) und  Anais Depommier und Mathilde Ramadier (Sartre) und offenbaren sich als ein sehr cooles Mittel, um die Lebensläufe von mehr oder minder einflussreichen Menschen zu präsentieren. Umso schöner, dass Bagieu eine weniger bekannte Heldin würdigt. Cass Elliot hatte nämlich das Zeug zum Role Model, so wie heute Beth Ditto.
Bagieu macht mit ihrem Werk indirekt, aber durchaus deutlich klar, dass die Mainstreammedien und ihre Formate á la GNTM ziemlich kärgliche Veranstaltungen sind, wenn sie sich von Äußerlichkeiten blenden lassen und beispielsweise nur die extrem mageren Frauen ins Rampenlicht rücken.

Talent, Lebensfreude und ansteckende Begeisterung sind nämlich nie eine Frage des Gewichts oder vermeintlicher Schönheit. Insofern ist diese Graphic Novel ein ausgesprochenes Mutmachbuch – für alle.

Pénélope Bagieu: California Dreamin‘, Übersetzung: Ulrich Pröfrock, Carlsen, 2016, 272 Seiten, 19,99 Euro

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Alles auf Anfang

gedächtnisverlustVielleicht gibt es manchmal wirklich diese Tage, an denen man alles Alte über Bord werfen und wieder ganz von vorne anfangen möchte. Einfach mal die Reset-Taste drücken. Alles auf Anfang.

Die junge Französin Eloise bekommt in der Graphic Novel Wie ein leeres Blatt von Boulet und Pénélope Bagieu diese Gelegenheit. Allerdings auf eine sehr erschreckende Art: Sie sitzt in Paris auf einer Bank und weiß plötzlich nicht mehr, wer sie ist. Name, Adresse, Beruf – alles ist aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Was sie auf der Bank macht, ist ihr rätselhaft. Nicht mal an die Tasche neben sich kann sie sich erinnern. Immerhin findet sie darin einen Ausweis mit Name und Adresse sowie einen Haustürschlüssel. So macht sie sich auf, durch eine unbekannte Stadt, in ein unbekanntes Viertel, in ein unbekanntes Wohnhaus mit einem unbekannten Eingangscode. Nichts weckt die Erinnerung in ihr. Nicht mal das Stockwerk, in dem sie wohnt, fällt ihr wieder ein.
Als sie schließlich in einer kleinen Wohnung mit Katze steht, geht das Rätselraten weiter: Wer ist Eloise? Nach und nach durchforscht sie die Wohnräume, schaut sich Kleider, Bücher, DVDs und CDs an, forscht im Handy. Nichts weckt Erinnerungen, alles bleibt rätselhaft und unpersönlich.
Eloise weigert sich zunächst, zum Arzt zu gehen. Zu groß ist die Angst, für verrückt erklärt zu werden.
Ein Anruf einer Arbeitskollegin bringt sie immerhin zu ihrem Job. Doch auch dort, in einer großen Buchhandlung, kehrt die Erinnerung nicht zurück, und sie muss sich ihre Arbeit neu erschließen. Als das nicht besonders gut klappt, weiht sie eine Kollegin ein. Diese klärt sie peau à peau über ihr altes Leben auf. Eloise merkt, dass sie mit den Freunden von damals nichts mehr anfangen kann, zu oberflächlich und nichtssagend kommen ihr diese Menschen vor.

Wie ein leeres Blatt von Boulet und Pénélope Bagieu kommt zunächst wie eine etwas merkwürdige Krankengeschichte daher: Gedächtnisverlust auf der Bank. Als Leser rätselt man lange Zeit damit, was diese Amnesie wohl ausgelöst haben kann und leidet mit der Protagonistin mit, die sich plötzlich ganz neuen Herausforderungen stellen muss. Das was eigentlich selbstverständlich war und über das man nicht mehr im Geringsten nachdenkt, wird zu einem schier unüberwindbaren Hindernis.
Eloise‘ Versuche, die eigene Identität wiederzufinden, werden von ihrer Phantasie begleitet, was alles sein könnte: Sie probiert anhand der Sachen in ihrer Wohnung verschiedene Tätigkeiten aus – kann sie Musik machen, malen, stricken? Nichts davon scheint sie zu beherrschen. Sie bemalt eine Wand mit ihren „Forschungsergebnissen“ – und kommt schließlich zu einer fast erschreckenden Erkenntnis: Ihr Leben war so mainstreamig und durchschnittlich, dass es in seiner Belanglosigkeit einfach nicht existent war.

Diese Wendung von der scheinbaren Krankheitsgeschichte zu einer wahrlich philosophischen Grundfrage ist überraschend und herrlich. Wer bin ich? ist – neben Woher komme ich? und Wohin gehe ich? – wohl eine der dringendsten Fragen der Menschen. Diese in einem knallbunten Comic zu verpacken ist ein kühnes Unterfangen, aber, wie Boulet und Pénélope Bagieu zeigen, vortrefflich gelungen. Denn als Leser scannt man im Laufe von Eloise‘ Identitätssuche automatisch das eigene Leben, fragt sich nicht nur, was man im Fall eines Gedächtnisverlustes selbst getan hätte, sondern auch inwiefern man selbst zum gesichtslosen Mainstream gehört oder seine eigene Persönlichkeit hegt und pflegt.

Auch wenn der Comic bei Carlsen als „Graphic Novel für Frauen“ läuft, sollten sich Männer von der Lektüre nicht abschrecken lassen, den die Frage Wer bin ich? ist wahrlich nicht geschlechtergebunden. Und vielleicht traut sich manche/r ja nach der Lektüre den einen oder anderen Neuanfang.

Boulet/Pénélope Bagieu:Wie ein leeres Blatt, Übersetzung: Ulrich Pröfrock, Carlsen, 2013,208 Seiten, 17,90 Euro

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