Die langen Nachwirkungen der NS-Geschichte

NS-Geschichte

Zwei Graphic Novels beschäftigen sich derzeit mit den Einflüssen der NS-Vergangenheit auf das Leben von (jungen) Menschen der Gegenwart.

In Lebensborn schildert die Französin Isabelle Maroger (übersetzt von Silv Bannenberg), wie ihre Mutter Katherine die Geschichte ihrer Herkunft erforscht. Denn Katherine kam in Norwegen in einem Lebensborn-Heim auf die Welt. Lange schwieg Isas Mutter zu ihrer Vergangenheit, denn sie wusste selbst nicht viel. Auch die alte Großmutter erzählte nichts und starb, ohne Licht in das Dunkel zu bringen. Erst das Internet bot Anfang der 2000er Jahre die Möglichkeit zu recherchieren, was Isas Mutter schließlich tat und auf ihre Akte in einem norwegischen Archiv stieß. Die Tatsache, dass Katherine einen deutschen Vater hatte und von einer französischen Familie adoptiert wurde, ist für die Erzählerin lebensverändernd.

Plötzlich deutsch

Auf einmal ist Isa zu einem gewissen Anteil deutsch und wird von unbestimmten Schuldgefühlen überwältigt. Sie weiß erst einmal nicht, wie sie mit diesen Informationen umgehen soll. Ihre Mutter nimmt derweil Kontakt zu den norwegischen Verwandten auf, fährt zu ihnen, lernt ihre Geschwister und ihre alte Tante kennen. Die Familie wächst, und schließlich findet Katherine sogar ihren leiblichen Vater, einen ehemaligen deutschen Soldaten. Dieser gehörte in den 1940er zu den deutschen Besatzer Norwegens – und bandelte mit Gerda, Katherines Mutter an.

»Perfekte Babys«

Die Geschichte von Katherine und ihrer leiblichen Mutter erzählt in klaren Bildern und einem Wechsel aus Vierfarbdruck und schwarzweißen Sequenzen vom »Zuchtprogramm« der SS. Denn diese Terrororganisation war nicht nur für die Verfolgung und Vernichtung jüdischer Menschen verantwortlich, sondern wollte auf der anderen Seite perfekte, »arische« Deutsche züchten. Die Männer der SS wurden nach »arischen« Ansprüchen ausgewählt, die Frauen, die die »perfekten« Kinder austragen sollten, wurden vermessen und begutachtet und als »rassisch wertvoll« beurteilt. Ledige Frauen konnten die Schande einer ungewollten Schwangerschaft in so genannten Lebensborn-Heimen vor der Gesellschaft verstecken und dort entbinden.
Dass diese Kinder nicht zu Kanonenfutter wurden, ist dem Sieg der Alliierten über die Nazis zu verdanken. Über die Perversion der Nazi-Ideologie können sich die Leser:innen selbst ein Urteil bilden. Maroger zeigt jedoch eindrücklich, dass diese Geschichte in ihr und vielen anderen Nachkommen dieser Babys weiterlebt und somit nicht vergessen oder gar beendet ist.
Zu Recht ist diese Graphic Novel für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert.

NS-Geschichte

Ein anderes Erbe der Nazi-Vergangenheit findet sich in der Graphic Novel Baumschatten des Niederländers Joris Bas Backer, in der Übersetzung von Christoph Schuler. In schlammigen Farbtönen erzählt Backer eine vielschichtige Geschichte um eine Eiche, die auf einem Schulhof steht. Gepflanzt von den Nazis in den 1930er Jahren als Sinnbild für die »starken Deutschen« ist sie in der Gegenwart umkämpftes Objekt von verschiedenen Gruppen: Die einen wollen den Baum als wichtiges Naturdenkmal und klimaschützenden Schattenspender erhalten, die anderen arbeiten die Geschichte des Baumes auf und möchten das Nazi-Relikt fällen. Eine fiese Zwickmühle, denn die Beweggründe beider Seiten kann man sehr gut verstehen.

NS-Geschichte und das Private

Diese Zwickmühle greift in das Privatleben von Trans-Mann Sjonnie ein, dessen Tochter Joss sich für den Baum einsetzt, während Sjonnies Ex Kamil gegen die Nazi-Eiche kämpft. Das Leben des schüchternen Mannes wird dadurch nicht einfacher.
Daneben gibt es dann noch die dauer-kaugummikauende Schuldirektorin, deren Großvater die Eiche gepflanzt hat. In ihrer harten, lakonischen Art sinniert sie über die Historie sowie die Bedeutung und Deutung von Bäumen für und durch die Menschen.
Backer setzt der Nazi-Ideologie, die diese Eiche verkörpert, eine multikulturelle, queere Gesellschaft entgegen, die mit all ihren persönlichen Problemen, aufgrund von Herkunft oder sexueller Orientierung, zu kämpfen hat. Und auch wenn die aktuellen Probleme dieser Menschen schon Last und Inhalt genug wären für eine Graphic Novel, bricht zusätzlich die Historie in deren Privatleben ein. Und das ist perfekt. Denn niemand ist frei von Vergangenheit, mag sie auch mehr als acht Jahrzehnte zurückliegen.

Kampf um die Eiche

Der Kampf um die Eiche, um den öffentlichen Raum, um die Bedeutung von Geschichte ist heute aktueller und wichtiger denn je. Ich muss hier nicht auf aktuelle Diskurse verweisen, die uns allen nur zu offensichtlich vor Augen stehen. Umso schöner ist es, dass die Leser:innen in diesen beiden Graphic Novels Geschichten aus unserer Gegenwart erzählt bekommen, die mehr als deutlich machen, wie wenig man einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen kann und darf.
So liefern beide die Inspiration, in der eigenen Familiengeschichte zu recherchieren oder aber einen Ort zum Sprechen zu bringen, indem man sich mit seiner Historie befasst. Das wird im einen wie im anderen Fall nicht einfach sein und man wird vermutlich auf mehr Grauschattierungen als auf eindeutige Antworten treffen. Aber auch eine solche Erkenntnis trägt zum Verständnis des Gestern bei und macht unsere Gegenwart bunter, vielfältiger und menschlicher.

Isabelle Maroger: Lebensborn, Ü: Silv Bannenberg, Helvetiq, 2025, 224 Seiten, 22 Euro
Joris Bas Backer: Baumschatten, Ü: Christoph Schuler, Edition Moderne, 2026, 272 Seiten, 26 Euro

Unvermisst

marit kaldhol allein unter SchildkrötenDer Mensch ist im Grunde allein. Aber der Mensch ist auch ein soziales Wesen. Und wird er von den anderen nicht gesehen, so stürzt ihn dies in quälende Seelenpein.

Über so einen Menschen schreibt die Norwegerin Marit Kaldhol in ihrem Roman Allein unter Schildkröten. In kurzen Texten lässt sie den 19-jährigen Mikke in Tagebucheinträgen von sich erzählen. Soweit eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings beschleicht den Leser auf den ersten 65 Seiten immer stärker das dumpfe, ungute Gefühl, dass bei Mikke etwas ganz gewaltig schief läuft. Oberflächlich scheint alles in Ordnung: Er begeistert sich für Biologie, betreut einen behinderten Jungen und ist gerade zum ersten Mal richtig verliebt. Sein Vater hat die Familie zwar vor Jahren verlassen, die Mutter aber eine neue Liebe gefunden. Mit seinem Stiefvater steht sich der Junge richtig gut. Aber trotzdem fühlt Mikke sich einsam, rutscht langsam in eine Depression und setzt seinem Leben schließlich ein Ende.

Kaldhol schildert dieses Drama unaufgeregt und in keiner Weise voyeuristisch oder reißerisch. Nachdem Mikkes Tagebuchaufzeichnungen enden, erinnert sich zunächst seine Mutter an ihn und auch an ihr eigenes Leben. Im dritten Teil des Buches verabschieden sich die Väter und Freunde mit Briefen von dem Jungen. So fügen sich im Laufe der Lektüre diese Stimmen wie ein Puzzle zusammen und zeichnen das Bild eines im Grunde lebenslustigen, sportlichen, gutaussehenden Teenagers, der aber einem modernen Werther gleich an der Welt leidet.

Die kurzen Kapitel wirken poetisch, sind aber vor allem von Mikkes philosophischen Betrachtungen über das Leben, das Sterben und die eigene Identität geprägt. Neben der Frage nach den Gründen für seinen Freitod regt gerade Mikkes Suche nach einer eigenen Persönlichkeit, nach einem Platz in der Gesellschaft, in der er sich so verlassen vorkommt wie das Gelege einer Meeresschildkröte, zum intensiven Nachdenken an. Der Leser wird dabei auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine eigene Sicht der Dinge, ob er von anderen tatsächlich gesehen wird und ob er selbst die anderen wirklich sieht. Die Betrachtungen der Mutter und der anderen Figuren erweitern die Geschichte dann um die psychologische Dimension, die jedes Aufeinandertreffen von menschlichen Wesen zwangsläufig mit sich bringt. Man leidet mit den Menschen, die keine vorsätzlichen Fehler begangen haben, mit, weil man weiß, dass man einer von ihnen sein könnte.

So wird dieses schmale, stille Buch zu einer Lektüre mit Tiefe und Nachhall. In Zeiten von Krach, Oberflächlichkeit und Egozentrismus ein bewegender Kontrapunkt.

Marit Kaldhol: Allein unter Schildkröten, Übersetzung: Maike Dörries, mixtvision, 2012, 136 Seiten, ab 14, 12,90 Euro