Mein Sommer mit Rodari

mein sommer mit rodariNach meinem Urlaub fand ich in meiner Post die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Eselsohr. Normalerweise freue ich mich auch so schon immer über die neuesten Rezensionen und Hintergrundartikel zu Kinder- und Jugendbüchern, doch dieses Mal kommt noch etwas Besonderes hinzu. Ich durfte die Rubrik VdÜ-Spot füllen, wo Übersetzer aus ihrem Arbeitsalltag berichten.

Und so habe ich dort von der Entstehung meiner Neuübersetzung der Gutenachtgeschichten am Telefon von Gianni Rodari berichtet. Wer das Eselsohr nicht bezieht oder irgendwo anders lesen kann, hat hier die Gelegenheit, meinen Artikel Mein Sommer mit Rodari nachzulesen.

Gianni Rodari: Gutenachtgeschichten am Telefon, Übersetzung: Ulrike Schimming, Illustration: Anke Kuhl, S. Fischer Verlag, 2012, 207 Seiten, 14,99 Euro

Buntes Wiedersehen

2012 mausert sich zum Jahr der Jubiläen: 50 Jahre Gutenachtgeschichten am Telefon von Gianni Rodari, im Dezember jähren sich die Hausmärchen der Brüder Grimm zum 200sten Mal, und dieser Tage feiert Räuber Hotzenplotz  von Otfried Preußler seinen 50sten. Jetzt könnte man denken, dass der Räuber in die Jahre gekommen ist – doch mit der aktuellen Auflage der dreibändigen Kasperlgeschichte hat man viel mehr den Eindruck, er hätte sich einer Frischzellenkur unterzogen. In der Automobilbranche wird so etwas „Facelift“ genannt.

Was ist passiert? Die Geschichte um Großmutters gestohlene Kaffeemühle, Kasperls und Seppels Unternehmung, den Räuber zu fangen, ihre Begegnung mit dem großen und bösen Petrosilius Zwackelmann sowie die fabelhafte Befreiung der Fee Amaryllis hat sich natürlich nicht verändert. Einer Zeitreise gleich in die 1970er Jahre fieberte ich auch jetzt mit den beiden Freunden bei ihren gefährlichen Abenteuern mit, kicherte über Kasperls Namensverdrehungen von Zeprodilius Wackelzahn, Eprolisius Dackelschwanz und Spektrofilius Zaschelschwan, hatte kein Mitleid mit dem widerborstigen Zauberer, sondern war erneut ganz fasziniert von dem goldenen Kleid der Fee und ihrer wilden Haarmähne.

Letztere ist nur auf den Illustrationen von Franz Josef Tripp zu sehen. Diese gab es auch in meiner Uralt-Ausgabe schon, und sie waren damals schon einprägsam und emotional aufwühlend: die großen, nackten Käsemauken von Hotzenplotz als Verkörperung des Unholds schlechthin, die Warzen auf Zwackelmanns Nase auf den Punkt gebrachte Verschlagenheit, Seppel in kurzen Lederhosen für mich als Norddeutsche ein ganz klares Zeichen, dass ich zum Glück weit weg vom Einzugsgebiet des Räubers wohnte. Heute würde man all dies wohl ikonografisch nennen. Jedenfalls trugen diese Zeichnungen dazu bei, dass ich nie eine andere Darstellung des Hotzenplotz’ und seiner Mitstreiter ertragen konnte.

Und nun das: Alles ist bunt! Kunterbunt! Sehr liebevoll und anheimelnd hat Mathias Weber Tripps Illustrationen koloriert. Endlich ist Kasperls Zipfelmütze richtig rot, und das grüne Hemd des Räubers passt wie die Faust aufs Auge. Petrosilius in magisches Blau zu kleiden lag vielleicht auf der Hand, aber mit den grünen Nuancen scheint sein Zaubermantel schier seidig zu glänzen. Die Fee strahlt natürlich in blendendem Goldgelb. Und der Wald … der Wald wird zu einem sonnendurchschienen Traumort, in dem eigentlich gar kein böser Räuber hausen kann. Die Illus treten in ihrer neuen Plastizität förmlich aus dem Buch heraus. Die Farben unterstreichen die Charakterzüge der Figuren aufs treffliche. Ein schöneres Geschenk hätte man dem Räuber und seinem Schöpfer wohl nicht machen können.

Eine weitere Neuerung für mich sind passenderweise die Hörspiele zum Räuber Hotzenplotz, die jetzt in einer Hörspielbox noch einmal gesammelt bei Universal Music erschienen sind. Dietmar Bär leiht darin dem Titelhelden sein überzeugend gutmütig-böses Sprachorgan, Johanna von Koczian würde ich als Großmutter sofort adoptieren, und Ilja Richter macht Zwackelmann noch unsympathischer, als der eh schon ist. Die Erzählerstimme von Peter Striebeck beruhigt die aufgewühlten Gemüter jedoch sofort wieder. Und Kasperls Lachen – aus dem Mund von Oliver Reinhard – ist einfach nur ansteckend. Auch das ist zum 50. Jubeltag von Hotzenplotz eine fesselnde und gelungene Umsetzung von Preußlers Meisterwerk. Denn dieser Hörspaß verbindet sich mit den frisch eingefärbten Illustrationen der Bücher zu einem sehr sinnlichen (Lese-Hör-und-Seh-)Genuss und gehört einfach in jeden Haushalt mit Kindern!

Otfried Preußler: Der Räuber Hotzenplotz, Thienemann Verlag, 2012, 120 Seiten, ab 6, 12,95 Euro.

Otfried Preußler: Der Räuber Hotzenplotz – die große 6 CD-Hörspielbox, 6 Audio-CDs, Universal Music, 2012, 340 Minuten, Sprecher: Dietmar Bär; Ilja Richter; Johanna von Koczian; Peter Striebeck u. a. , ab 5, 19,99 Euro

Mohnschnecke ahoi!

die wilden PiroggenpiratenWenn man so darüber nachdenkt, wie die Helden und Protagonisten in Romanen beschaffen sind, so sind es doch in der Mehrzahl Menschen, die die unterschiedlichsten Abenteuer erleben. Manchmal gehören die Figuren zu fantastischen Spezies wie Feen, Vampiren, Hobbits oder Engeln. Treten Tiere als Akteure auf, sprach man früher von Fabeln. Doch spätestens seit Lewis Carrols Alice im Wunderland oder Rudyard Kiplings Dschungelbuch können Tiere auch jenseits von belehrender Absicht Geschichten erzählen.

Ganz selten findet man Gemüse und Obst als Romanhelden. Gianni Rodari brachte 1951 Le Avventure di cipollino (Zwiebelchen) heraus, in dem ein Zwiebeljunge seinen Zwiebelvater aus dem Gefängnis befreien will und sich gegen die Ungerechtigkeiten der Welt auflehnt.

Bei meiner Recherche stieß ich dann noch auf Philippe Bertrands Der Krieg der Gemüse, in dem sich das Grünzeug die Köpfe einschlägt. Falls es weitere Romane mit essbaren Helden gibt, bitte ich um Aufklärung, aber mir ist beim Grübeln über dieses Thema schließlich nur noch Bernd das Brot eingefallen. Aber der ist TV-Star und kein Romanheld.

Mit diesem Exkurs möchte ich auf ein wirklich einzigartiges Buch aufmerksam machen, deren Protagonisten zur Gattung des Backwerks gehören. Ja, richtig gelesen: Backwerk. Also Krapfen, Laib Brot, Mohnstrudel, Honigkuchen, Eclair, Empanada, Wan Tan, Piroggen, Pelmen, Pumpernickel, Zwieback und was die Backstube noch so hergibt. Der lettische Autor Maris Putnins muss eine große Leidenschaft für Gebäck hegen, denn er lässt diese Leckerbissen in einer absolut wahnwitzigen Abenteuergeschichte agieren, in: Die wilden Piroggenpiraten.

Mohnschnecke Eloise aus Murseille, Tochter von Mohnstrudel und einer Wiener Mohnpotitze, ist eine gute Partie. Der Angestellte des Vaters, Eclair, ist rettungslos in sie verliebt. Doch eines Tages funkt das arrogante Hörnchen in Eclairs Liebesbemühungen und lädt Mohnschnecke auf seine Yacht ein. Diese wird von Piroggenpiraten geentert, Mohnschnecke entführt, Hörnchen über die Planke geschickt. Glücklicherweise landet der Schnösel in Eclais Ruderboot und kommt noch mal davon.

Was nun folgt, ist eine verwickelt komische Rettungsaktion: Eclair macht sich umgehend auf die Suche nach der Geliebten, schließt sich dafür sogar den erfolglosen Pelmen an und lässt nichts unversucht. Hörnchen wird von seinem geschäftstüchtigen Vater ausgeschickt, um die Mohntochter, die vermutlich auf dem Sklavenmarkt von Djadida verkauft werden wird, einfach zurückzukaufen und einen ordentlichen Gewinn zu machen.

Und das arme Opfer? Frauen an Bord bringen Unglück, hieß es früher in Seefahrerkreisen. Die Piroggenpiraten würden das möglicherweise ähnlich sehen, denn Mohnschnecke ist alles andere als das fügsame Opfer. Auf der Brigg ‚Speckkugel’ findet sie Gefallen an dem wilden Piratenleben mit der fetten Beute, und so stellt sie im Laufe der Geschichte das Leben der ungehobelten Piroggen gehörig auf den Kopf: Mohnschnecke zieht in die Kapitänskajüte, führt an Bord die ‚Hügjene’ ein, legt die damenhaften Kleider ab und schlüpft in Piratenklamotten. Dann übernimmt sie das Kommando …

Die unzähligen Irrungen und Wirrungen dieser drei Erzählstränge kann ich hier jetzt natürlich nicht aufführen oder gar verraten. Nur so viel muss gesagt werden: Das Backwerk bleibt nicht unter sich, denn es tummeln sich in diesen über 600 Seiten auch noch stinkiges Käsegebäck in Tschiesburg, kriegerische Blutwürste, die viel zu schnell ihre Füllung verlieren, und der Große Konditor, der alles geschaffen hat. Am Himmel strahlen der Große und der Kleine Bäckerwagen. Auf der Erde zeigen Groß- und Kleingebäck, was für eine Füllung in ihnen steckt (mein Favorit: Hippopotamusspeck). Und die Piraten schießen mit unreifen Pfirsichen, Dörrpflaumen oder grünen Kartoffeln aus allen Rohren.

Wie gesagt, etwas Vergleichbares ist mir noch nicht untergekommen. Dieses Buch ist ein Riesenspaß, eine Explosion der Fantasie. Die Wortschöpfungen von Übersetzer Matthias Knoll sind die humoristischen Sahnehäubchen in diesem Back- und Piratenuniversum. Dabei wirken die Analogien zur realen Welt in all der Leichtigkeit trotzdem wie ein kritischer Spiegel unserer Gesellschaft – und bringen den Leser im nächsten Moment gleich wieder zum Grinsen. Und was Mohnschneckes Durchgreifen und Erfindungsgeist angeht: Jack Sparrow kann einpacken.

Maris Putnins: Die wilden Piroggenpiraten. Ein tollkühnes Abenteuer um eine entführte Mohnschnecke und ihre furchtlosen Retter, Übersetzung: Matthias Knoll, Illustrationen: Karsten Teich, Fischer Schatzinsel, 2012, 652 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

Purzelchen und Appetitis

gutenachtgeschichten am telefonHeute erreichte mich das erste Exemplar eines ganz entzückendes Buchs: Gutenachtgeschichten am Telefon. Dass ich mich bannig über dieses Buch freue, liegt an daran, dass ich im vergangenen Jahr die Favole al telefono von Gianni Rodari neu übersetzt habe. Und die Frucht dieser Arbeit liegt nun endlich vor mir.

Ausnahmsweise muss ich hier in eigener Sache schreiben und die Gelegenheit nutzen, mich zu bedanken. Die Arbeit an der Übersetzung hat richtig viel Spaß gemacht und war zugleich eine anspruchsvolle Herausforderung. Die Leichtigkeit von Rodaris Sprache, der charmante Humor, der Wortwitz, die italienischen Besonderheiten waren nicht immer leicht zu übertragen. Anfangs war ich sogar felsenfest davon überzeugt, dass zwei Geschichten nicht zu übersetzen sind. Zu speziell erschienen mir die Geschichten „Il paese con l’esse davanti“ und „Processo al nipote“. Vor allem letztere zeichnet sich durch ein Wortspiel aus, in dem ein vergessenes Apostroph die Bedeutung eines Wortes (l’ozio/der Müßiggang) in eine völlig andere verschiebt (lo zio/der Onkel). Was also tun, wenn das betreffende Sprichwort auf Deutsch lautet „Müßiggang ist aller Laster Anfang“? Wie soll man da einen Onkel unterbringen?

Wochenlang war ich ziemlich ratlos. Und habe schön um diese Geschichte herumübersetzt. Doch zum Glück war ich als Übersetzerin nicht allein und hatte zwei aufschlussreiche Begegnungen mit Kollegen, die ebenfalls aus dem Italienischen übersetzen.

Im Sommer 2011 durfte ich an der Übersetzer-Werkstatt ViceVersa in Settignano bei Florenz teilnehmen. Dort stellten zwölf italienisch-deutsch Übersetzer ihre aktuellen Texte vor. Stundenlang diskutierten wir über Wortbedeutungen, Intentionen von Autoren, Syntaxmonster, Reime und Poesie. Es war manchmal anstrengend, aber hauptsächlich anregend. Unglaublich anregend.

Fortgesetzt habe ich die Diskussion ein paar Wochen später in Berlin beim italienischen Übersetzertreffen. Und auch hier wurde wieder kein Blatt vor den Mund genommen, alles wurde auseinandergenommen, angeschaut, gewendet, gedreht, gelobt, geknickt, geklärt … und so hielten Alte Sprichwörter, Purzelchen und Appetits Einzug in die Texte.

Angeregt durch diese intensiven Arbeitsrunden konnten meine Hirnwindungen dann das Denken und Rumprobieren nicht mehr lassen, bis auch die Lösungen für die beiden scheinbar unübersetzbaren Geschichten plötzlich da waren. Und so finden sich jetzt in diesem Buch auch „Im Lande Frei“ und „Der Neffe vor Gericht“ …

Den Organisatoren von ViceVersa, den Kollegen, die in der Villa Morghen mitdiskutiert haben, und den Berliner Italienischübersetzern gilt mein allerherzlichster Dank!!

In dieser Ausgabe liegen nun also alle 70 Geschichten von Rodaris Favole al telefono in einer einheitlichen Übersetzung vor. Geadelt werden die fünfzig Jahre alte Geschichten durch die luftig-leichten, märchenhaft-schönen Illustrationen von Anke Kuhl. Sie machen dieses Buch zu einem Gesamtkunstwerk – wie ich finde.

Gianni Rodari: Gutenachtgeschichten am Telefon, Übersetzung: Ulrike Schimming, Illustration: Anke Kuhl, S. Fischer Verlag, 2012, 207 Seiten,  14,99 Euro