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Gerechtigkeit schaffen, Erinnerung bewahren

Klarsfeld

Man könnte sich fragen: Warum sollte man eine Graphic Novel über ein deutsch-französisches Paar lesen, das jüngeren Deutschen vermutlich nichts sagen wird? Der Titel Beate & Serge Klarsfeld, die Namen des Ehepaars, erinnert Älteren vielleicht reflexartig an diese eine Ohrfeige von damals. Erst der Untertitel könnte jüngere Lesende neugierig machen: Die Nazijäger. So wenig aufschlussreich ersterer ist, so reißerisch und neugierigmachend ist letzterer. Und Neugierde braucht man, um sich dieser komplexen Bildergeschichte zu widmen.
Autor Pascal Bresson und Illustrator Sylvain Dorange widmen sich ausführlich dem Ehepaar Klarsfeld, die in Frankreich eine Institution, hierzulande jedoch schon fast in Vergessenheit geraten sind.

Eine naive Deutsche in Paris

Anfang der 1960er Jahre lernen sich Beate, die als Au-pair-Mädchen in Paris arbeitet, und der Politikstudent Serge in Paris kennen – genau an dem Tag, als Adolf Eichmann in Argentinien aufgespürt wird. Beate ist etwas überfordert von den Geschichten, die Serge ihr daraufhin erzählt. Seine Familie wurde nach Auschwitz deportiert, sein Vater dort ermordet. Doch aus dieser anfänglichen Überforderung entsteht eine Haltung, die die beiden jungen Leute zusammenschweißt und zu den Aufklärenden der Nazi-Verbrechen in Frankreich werden lässt. Beate bleibt in Frankreich, heiratet Serge, sie gründen eine Familie. Als in Deutschland Kurt Kiesinger, ein ehemaliger Nazi, Bundeskanzler wird, brennen bei Beate quasi alle Lampen durch und sie fährt 1968 zum Parteitag der CDU – wo sie dem Kanzler vor aller Augen eine knallt.

Die Suche nach den Verbrechern

Ihre französische Staatsbürgerschaft rettet sie vor dem Gefängnis. Doch nun hat sich Beate festgebissen und fängt zusammen mit Serge an, nach den Nazi-Verbrechern zu suchen, die in Frankreich in Abwesenheit verurteilt worden und untergetaucht waren. Darunter Alois Brunner, Josef Mengele, Klaus Barbie …
In farbig abgesetzten Rückblicken schildern Bresson und Dorange die Verbrechen der Täter. So ließ Klaus Barbie im April 1944 ein Waisenhaus in Izieu räumen und 44 jüdische Kinder und sieben Erzieher nach Auschwitz deportieren, wo sie sofort in den Gaskammern ermordet wurden.

Mühsame Suche in Archiven

Beate agitiert nach außen, Serge recherchiert akribisch in Archiven. Ein Umstand, der heute durch das Internet kaum noch im Bewusstsein ist: Damals war es mühsame Fleißarbeit, alte Akten durchzuarbeiten und dann meist zufällig auf wichtige Unterlagen und Beweise zu stoßen. Nichts war mit einem Klick einsehbar.
Das Ehepaar Klarsfeld jedoch macht einfach immer weiter, die beiden machen Überlebende von damals ausfindig, knüpfen Kontakte zu einflussreichen Politikern und Staatsanwälten, können Zeugen zur Aussage überreden. Sie kommen Klaus Barbie auf die Spur, der sich wie so viele Nazis nach Südamerika abgesetzt hat, planen ihn zu kidnappen.

Von Feinden und Bedrohungen

Aber sie machen sich auch Feinde. Anonyme Anrufer bedrohen sie, Scheiben werden eingeschmissen, Briefbomben verschickt und schließlich fliegt ihr Auto in die Luft …
Am Ende jedoch, nach langen, unermüdlichen Jahren können sie Klaus Barbie verhaften und nach Frankreich ausliefern lassen. Diese Tatsache ist bekannt und daher besteht hier kein Spoileralarm.

Hommage an die Klarsfeld

Die Autoren haben in dieser Graphic Novel dem Ehepaar Klarsfeld und ihren herausragenden Verdiensten quasi ein Denkmal gesetzt. Die langen Jahre der Jagd lesen sich in dieser gekonnten Verflechtung von Szenen einer harmonischen Ehe, Aufklärungsarbeit und Geschichte des 2. Weltkriegs wie ein Krimi. Hier zeigt sich, dass die Bestrafung von Nazi-Tätern, die heute manchmal nur Randnotizen in den aktuellen Zeitungen sind, keine Selbstverständlichkeit war. Zu viele Widerstände gab es in Politik und Gesellschaft, das analoge Leben erlaubte kaum schnelle Reaktionen und Ergebnisse, zu geschickt hatten sich die Täter auf anderen Kontinenten in Sicherheit gebracht.

Aufklärungsarbeit – Erinnerungsarbeit

Die Klarsfeld haben zur Aufklärung der Verbrechen und der Bestrafung der Täter beigetragen und zudem erinnern sie an die deportierten Kinder aus Frankreich während der Shoah. Sie sind Vorbilder in der Unnachgiebigkeit und Zähigkeit, mit der sie diesen Kampf geführt haben, sie zeigen, wie wichtig das Aufarbeiten und Erinnern war und immer noch ist. Gerade auch in heutigen Zeiten, in denen die letzten Zeitzeugen gehen, die Täter kaum noch belangt werden können.
All dies sind die Gründe, warum man diese Graphic Novel lesen muss.

Pascal Bresson/Sylvain Dornage: Beate & Serge Klarsfeld. Die Nazijäger, Ü: Cristiane Bartelsen, Carlsen, 2021, 28 Euro

Bimmelbähnchen und Unsinnsreime

IMG_20160529_205129Am Wochenende bin ich mit meiner Nichte, 4, und meinem Neffen, 2,  in das Universum von James Krüss eingetaucht. Für die Lütten war es eine Premiere, für mich eine Reise in die Kindheit.

Wir haben es rumpeln, pumpeln, ruckeln, zuckeln, klappern und plappern lassen. Haben vierzehn Häschen gezählt und Klee gesammelt, echten und ausgedachten. Die Bimmelbahn, die nie nach einem Plan fährt, hatte bei all dem nichts an ihrer Faszination verloren. Immer und immer wieder musste sie die Tour raus auf die Wiesen hinter dem Wald machen. Meine Bimmelbahn-Ausgabe von 1971 geht somit in die nächste Generation über.

Neben Henriette Bimmelbahn haben wir dann noch in den Reimen von James‘ Tierleben geschwelgt. Zwar konnten meine beiden Kleinen mit Medusen und frechen Straußen noch nicht viel anfangen, aber die Hundekunde-Stunde fanden sie toll. Die entsprechenden Illustrationen von Sabine Wilharm haben sie ausgiebig unter die Lupe genommen, eigene Malversuche unternommen, allerdings mit noch nicht viel Wiedererkennungseffekt. Doch das ist erst mal wurscht, wenn es dann hieß: „Noch mal.“

Ich selbst konnte bei den tierischen Reimereien auch kaum aufhören, sie laut vorzulesen. Denn es entsteht zum Teil ein behaglicher Rhythmus – tief in meinem Inneren kamen Erinnerungen an Schnäpse trinkende Möpse und Gedichte ohne Sinn wieder hoch. Als Kind habe ich sicher nicht all diese Gedichte gelesen, doch sie waren irgendwie präsent.
Die Sprachspielereien und -fertigkeiten von Krüss habe ich damals natürlich nicht erkannt, umso mehr freue ich mich jetzt an dem Erkennen von Hintergründigem in Form von Blauen Blumen, Gedichten mit und ohne E.
Und so plätscherten und wallten Wortwellen durch die Räume, es war eine Wonne, auch ohne Sonne.
Man meint das Seemannsgarn des Helgoländers zu hören, wenn man diese schöne Unsinns-Zoologie auf sich wirken lässt. Und merkt dabei nicht eine Sekunde, dass diese Zeilen, Strophen, Verse bereits über 50 Jahre alt sind. Als universell und zeitlos absurd kann man James‘ Tierleben mit Fug und Recht bezeichnen, es sollte in keinem Haushalt fehlen, egal, ob es dort Kinder gibt oder nicht.
Und auch die getreuliche Henriette wird sicherlich weiter ihre leise Weise bimmeln und durch die Kinderzimmer ruckeln und zuckeln.

James Krüss wäre heute 90 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch und tausendfachen Dank für generationsübergreifende Lesefreude!

James Krüss: Henriette Bimmelbahn, Illustratorin: Lisl Stich, Boje Verlag, 28 Seiten, ab 4, 4,50 Euro

James Krüss: James‘ Tierleben, Illustratorin: Sabine Wilharm, Carlsen Verlag, 2009, 128 Seiten, ab 8, 19,99 Euro