Fantastisches aus Italien

Anfang dieses Jahres war ich eingeladen, an der Berliner FU über italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland zu sprechen. Das bot mir eine willkommene Gelegenheit, endlich einmal gründlich zu recherchieren, was es an KJL-Übersetzungen aus Italien im deutschsprachigen Raum überhaupt so gegeben hat – seit etwa 1900. Rasch stellte sich jedoch heraus, dass dies ein langwierigeres Unterfangen werden würde. Denn allein die online-Expertensuche in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) lieferte mir für den Zeitraum ab 1995 mehr als 1300 Fundstellen. Neuauflagen allerdings inklusive. Jetzt im Herbst sind es bereits mehr als 1400 Publikationen … und die habe ich bis jetzt natürlich nicht alle sichten und lesen können (falls das überhaupt je möglich sein soll).

Darüber hinaus gestaltet sich die Recherche nach den älteren Titeln noch schwieriger, da die Verschlagwortung in der DNB nach Originalsprache und/oder Übersetzer:innen-Namen vor 1995 nicht konsequent angelegt wurde. Sind einem die Namen der italienischen Autor:innen nicht bekannt, lassen sie sich folglich auch nur schwer finden. Aber ich nutze jede Gelegenheit, wenn mir in meiner täglichen Arbeit neue Namen und Titel unterkommen.
Daher führe ich eine eigene Liste der Übersetzungen, ohne Neuauflagen, allerdings mit den verschiedenen Übersetzungen von Pinocchio oder Gianni Rodari. Mittlerweile ist auch diese Liste auf knapp 1400 Publikationen zwischen 1894 und heute angewachsen – und ist noch lange nicht vollständig.

Aktuell habe ich wieder die Neuerscheinungen aus dem Italienischen, die ich ja seit ein paar Jahren intensiver beobachtet, zusammengetragen. Allerdings gelingt es mir auch dieses Mal nicht, einen vollständigen Überblick zu gewinnen. Zu vielfältig sind die Publikationen aus Italien, die manchmal gar nicht als solche zu erkennen sind, da die Autor:innen nur im Impressum genannt werden oder die Bücher nicht in Buchhandlungen, sondern in Discountern verkauft werden.

Universelle Geschichten aus Italien

Trotzdem habe ich wieder ziemlich viele Kinder- und Jugendbücher aus Italien gefunden – die erstaunlich wenig über Italien selbst erzählen. Es sind fantastische Geschichten oder Sachbücher, im überwiegenden Fall Bilderbücher für eine ganz junge Zielgruppe. Diese Bücher stehen über nationalen Eigenarten und sind universell gültig. Sie spielen in Wald und Feld, in New York, Paris, Nagasaki, Nürnberg oder Afghanistan. Sie erzählen von Walen und Lichtverschmutzung, suchen das Glück und animieren zum Reisen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es in Italien keine KJL über Italien gibt. Es gibt sie durchaus. Nur wird sie meist nicht ins Deutsche übersetzt, da sich die hiesige Zielgruppe nur schlecht mit italienischen Lebensumständen und Realia identifizieren kann. Solche Geschichten würden sich demnach hier nur mäßig verkaufen.

Doch genug der Vorrede, hier kommt der Blick auf 50 Publikationen aus Italien, erschienen bei 27 verschiedenen deutschen Verlagen.

Bilderbücher

Gleich das erste Buch ist editorisch eine Besonderheit, denn die Autorin Kim Crumrine ist … Amerikanerin. Dennoch ist dieses entzückende kleine Pappbilderbuch aus dem Italienischen übersetzt worden. Ergo zähle ich es hier mit dazu.
Wir habe es hier mit dem klassischen Setting des Bauernhofs zu tun. Es ist Abend und die Tiere gehen nacheinander schlafen und zwar in den kleinen roten Stall. Als erstes eine Maus, dann zwei Katzen, danach drei Hunde. Und so geht der Reigen weiter, die Tiere werden immer zahlreicher, sodass man schließlich bis zehn zählt. Links ist immer unverändert der Eingang des kleinen roten Stalls zu sehen. Der Himmel hingegen färbt sich langsam immer dunkler. Die Hühner bringen zwei Eier im Körbchen mit, die Alpakas – auch die gehören heute zu modernen Bauernhöfen – haben Kuschelteddy und Kuscheldecke dabei. Dass die vielen Tiere alle in den kleinen roten Stall passen, lässt einen staunen … und schließlich lachen. Die Auflösung wird natürlich nicht verraten. Der Spaß ist jedenfalls garantiert!

Ausgezeichnet wurde das Büchlein in Italien 2025 mit dem renommierten Premio Andersen und dem Premio Nati per Leggere.

Kim Crumrine: Der kleine rote Stall, Ü: Markus Weber, Moritz, 2026, 36 Seiten, ab 2, 14 Euro

Von Rot zu Orange. So präsentiert sich das Dingsbums. Es ist nach dem Urknall übrig geblieben, bei dem jedes Ding, ob groß oder klein, seinen Platz gefunden hat. Nur das Dingsbums eben nicht. Niemand weiß, wofür es gut ist, und was es überhaupt ist. Für alle möglichen Funktionen ist es entweder zu klein, zu leicht, zu groß, zu schwer, zu unpassend.
Erst als es auf ein Kind in einer Sandkiste stößt, wird das Dingsbums zu etwas. Es verwandelt seine Gestalt und seine Funktion, entdeckt die Freundschaft und die Vielfältigkeit im Sein.

Für kleine Schauende ist dieses Buch ein großer Spaß und zeigt in den reduzierten grau-orangenen Bildern von Marianna Coppo die ganze Bandbreite des Lebens … und dass wir alle nicht nur das Eine oder das Andere sind, sondern viele verschiedenen Seiten in uns stecken.

Marianna Coppo: Dingsbums, Ü: Tanja Raich, leykam, 2026, 40 Seiten, ab 3, 30 Euro

Ohne einen Erzähltext kommt das Bilderbuch von Fred Paronuzzi aus. Lediglich die Geräusche des Tages werden lautmalerisch wiedergegeben.
Eine Geschichte wird in den Bildern erzählt: Der Vater weckt morgens sein Kind, beim Frühstück läuft das Radio , es wird geschlürft und geschmatzt, beim anschließenden Zähneputzen wird geschrubbt und auf der Straße herrscht richtiger Radau.
Dann geht es weiter im Leben des Kindes: Kindergarten, basteln, spielen im Garten, im Schwimmbad und wieder nach Hause.

Auch ohne Worte eröffnen die Illustrationen eine ganze Welt, die sich gut in gemeinsamen Schauen und Erzählen zwischen Elternteil und Kind entdecken lässt.
Der einzige Hinweis, dass hier ein italienischer Autor am Start war, ist die achteckige Caffetiera in der Küche … ohne die können Italiener:innen einfach nicht leben.

Fred Paronuzzi: Psst, Krach, Bumm. Wie klingt ein Tag?, Illus: Mariana Ruiz Johnson, Ü: Stefanie Beck, Hanser, 2026, 24 Seiten, ab 4, 16 Euro

Ein Hauch von Italien liegt bei der folgenden Bilderbuchreihe zumindest im Titel: Pettirosso bezeichnet das Rotkehlchen, das hier die Hauptrolle spielt.
Der kleine Jungvogel erlebt zum ersten Mal die Jahreszeiten Herbst und Winter. Die Blätter fallen, die Tiere im Wald ziehen sich in ihren Höhlen zurück oder fliegen in den Süden, ins Warme. Die Felder sind abgeerntet, aber der Bauer, der Brot und Apfelmus zubereitet, gibt den kleinen Federknäulen gern etwas ab.

Den Winter verbringt Pettirosso mit seiner Mutter in einem Vogelhäuschen, sucht aber draußen weiter nach seinen Freunden. Dabei erfährt er, wie kalt, aber weich der Schnee ist, wie die Formen im Schnee verloren gehen, wie der See zufriert. Schnell hat Pettirosso beim Spielen mit seinen verbliebenen Freunden Hunger, doch in dem kahlen, verschneiten Wald ist nichts zu finden … Zurück bei Mama ist es wenigstens kuschlig warm.

Diese beiden Bücher leben von den Illustrationen von Giulia Dragone. Die Geschichten sind eher Beschreibungen von jahreszeitlichen Phänomenen, die in Reimform vermittelt werden. Allerdings packen mich die übersetzten Reime leider nicht, denn es holpert an manchen Stellen doch etwas zu sehr. Vielleicht hätte man lieber auf die Reime verzichten und stattdessen die Geschichten freier erzählen sollen. Aber auch das muss man sich erst einmal trauen …

Ester Tomè: Winter mit Pettirosso, Illus: Giulia Dragone, Ü: Sebastian Hoch, Freies Geistesleben, 2026, 32 Seiten, ab 4, 18 Euro

Das nächste Tierkind will es seinem Vater recht machen: Der kleine Löwe wird von Vater Löwe aufgefordert, nun endlich mal seine erste Gazelle zu fangen. Und zwar allein. »Babyleicht!«, denkt sich der Lütte und rennt los.
Doch so einfach ist das Unterfangen natürlich nicht. Gazellen sind schnell, können weit springen, sind schlau. Da hilft auch das beste Training und der gewiefteste Plan nichts. Selbst der Tipp von Tante Elefant vielleicht mal »Bitte« zu sagen, bringt nicht das gewünschte Ergebnis. Der kleine Löwe gibt eine ziemlich lächerliche Figur ab und ist frustriert.

Er zieht sich zurück. Doch das weckt die Neugierde der Gazelle, die ihren Spielpartner vermisst. Die Lösung wird natürlich nicht gespoilert, aber hier wird ganz nonchalant vermittelt, dass man auch als kleiner König der Savanne lernen und Erfahrung sammeln muss. Und dass Fehler auf jeden Fall dazugehören!

Die dick schwarz umrandeten Figuren auf den himmelblauen und orangeroten Flächen sehen lustig aus, vermitteln humorvoll ihre Botschaft und überfordern kleine Betrachter:innen nicht.

Camilla Pintonato: Jetzt fang ich dich!, Ü: Markus Weber, Moritz, 2025, 48 Seiten, ab 3, 15 Euro

Auch im Bilderbuch von Alessandro Montagnana ist der Held ein Löwe. Allerdings ein pupsender. Und das ist dem König der Tiere in der afrikanischen Savanne ganz schön peinlich. Also verzieht er sich bei jedem Bauchgrummeln hinter einen Baum, um nicht erwischt zu werden.

Als eines Tages unbemerkt eine kleine Maus hinter ihm weggeblasen wird, versteckt sich der Löwe und schämt sich. Doch seine Freunde, Giraffe, Nilpferd, Affe, Krokodil und Stachelschwein machen sich Sorgen und suchen ihn. Am Ende veranstalten sie ein tierisch-lustiges Pupskonzert und machen klar, dass Darmwinde etwas ganz Natürliches ist. Kleine Bücherwürmer haben hiermit ganz sicher ihren Spaß, wenn sie dieses Buch noch in die Finger bekommen. Denn leider hat sich der deutschsprachige Teil von minedition im vergangenen Sommer aufgelöst. Aber vielleicht hat die eine oder andere Bibliothek das Buch noch zum Ausleihen im Regal.

Alessandro Montagnana: Der pupsende Löwe, Ü: Igna Gantschev, minedition, Zürich, 2025, ab 3, vergriffen

Die Sache mit den Haustieren ist manchmal nicht ganz einfach. Die Heldin dieser Geschichte beneidet ihre Freunde um ihre Haustiere und will also auch eins. Sie plündert ihr Sparschwein und kann sich von dem Geld sogar zwei Zwerghamster kaufen. Denen macht sie es so richtig schön, mit selbstgebastelten Klamotten und einem richtigen Hamsterhaus.
Doch irgendwann bekommen die zwei Hamster Nachwuchs. Die Bande verschläft die Tage, feiert die Nächte durch und wird immer größer. Die Hamsterhäuser nehmen bald das ganze Zimmer ein und werden in den Garten verfrachtet. Doch auch der wird irgendwann zu klein und die grauen Fellknäule erobern die Stadt.
Diese Eskalation eines Haustierabenteuers ist knallbunt illustriert, sehr witzig und hat ein überraschendes Ende. Die unzähligen Hamster verwandeln die Seiten in Wimmelbilder, sodass man ganz genau hinschauen muss, wo sie sich überall herumtreiben. Ein toller Spaß!

Martina Tonello: Hamsterinvasion, Ü: Andrea Grill, Achse Verlag, 2026, 48 Seiten, ab 4, 22,50

Und plötzlich ist da ein roter Knopf. Der Hase weiß nicht, ob er schon immer da war oder erst seit Neuestem. Nach und nach kommen die anderen Tiere an – Fuchs, Bär, Auerhahn, Eichhörnchen und Regenwurm. Es entspinnt sich eine heftige Diskussion, ob man diesen Knopf drücken soll oder nicht. Und was er wohl auslöst … Was Schönes? Hitze? Kälte? Färbt er vielleicht alle Tiere bunt? Gibt es eine Katastrophe? Fragen über Fragen. Optimisten treffen hier auf Pessimisten. Der Uhu will eine Abstimmung, aber der Größte entscheidet, dass nicht abgestimmt wird. Demokratisch ist das zwar nicht, aber darum geht es hier auch nicht.

Die überaus lustige Auflösung bleibt hier geheim – der Lese- und Diskutierspaß ist garantiert. Der Fantasie werden Tür und Tor geöffnet, was dieser rote Knopf noch so alles bewirken könnte.

Matilde Tacchini: Pfoten weg vom roten Knopf!, Ü: Amelie Thoma, mixtvision, 2026, 48 Seiten, ab 4, 18 Euro

Marco Viale, von dem bereits Vorsicht, roter Wolf! und Ich bin König auf Deutsch erschienen sind, schickt nun die alte Hexe Irma in die Buchhandlungen.
Irma hat keine Lust mehr auf ihr Hexendasein, will nicht mehr auf dem unbequemen Besen fliegen und immer dieselben Geschichten von ihren schwefelstinkenden Kolleginnen hören. Auch ihre Monsterfreunde hat sie satt. Hexen sind zudem ziemlich out.
Aber am meisten hasst sie ungehobelte Halbstarke, Besserwisser und Rabauken. Die verwandelt sie im Handumdrehen in Kröten, Hühner oder Goldfische – und wird dafür abgefeiert.

Plötzlich ist Irma ein Star und ihr Leben ändert sich mit einem Schlag … Doch irgendetwas fehlt ihr bei all der Popularität.

Marco Viale nimmt in diesem charmanten Büchlein die Influencer- und Promiszene aufs Korn und feiert mit seinen schrägen Zeichnungen schließlich die Freundschaft und das gewohnte, vermeintlich langweilige und muffige Leben jenseits der Kameras.

Marco Viale: Irma hebt ab, Ü: Pia Jüngert, mixtvision, 2026, 56 Seiten, ab 5, 15 Euro

Wer kennt es nicht? Im Schwimmbad vom höchsten Sprungbrett ins Wasser hüpfen – nichts leichter als das. Doch der Held aus diesem Bilderbuch zögert und zaudert. Die anderen Kinder drängeln, doch er lässt sich nicht beeinflussen. Im Geiste sieht er sich schon ganz wunderbar springen und Salti schlagen, und doch … er zaudert und zögert.

Auch das kennen wir: In Gedanken malen wir uns die Dinge ganz leicht und wunderschön aus, ernten bereits Lorbeeren, noch bevor wir geliefert haben. Um diese Diskrepanz zwischen Innenleben und Außenwelt dreht sich Joaquin Camps Bilderbuch Der Sprung, das uns mit quietschbunten Filzstiftillus im Kinderstil in ein Schwimmbad entführt.

Die vermeintlich schlichte Geschichte um einen Sprung ins Becken öffnet ein Fenster zu unserer Fantasie, unseren Ängsten und unserem Umgang damit. Vielleicht hilft es den Betrachtenden beim nächsten Schwimmbadbesuch, einfach mutig zu springen, auf jeden Fall gibt es zu denken und fordert eine Übertragung auf andere Alltagsängste geradezu heraus. Um schließlich doch den Mut für Neues zu finden.

Joaquin Camp: Der Sprung, Ü: Stefanie Malleier, Katapult Verlag, 2025, 40 Seiten, ab 5, 16 Euro

Hoch hinauf geht es in Ein Tag, ein Aufzug von Cristina Petit. In dem hochformatigen Bilderbuch ist auf jeder Seite die Tür eines Aufzugs zu sehen, aus dem gerade Menschen herauskommen oder in den sie einsteigen. Sie haben unterschiedlichste Dinge dabei: Briefe & Päckchen, Bonbons, Strickzeug, Werkzeugkiste, Einkäufe, unsichtbare Schuhe. Die Texte zu den Aufzuggästen sind skurril und leicht verdreht. So führt der Hund das Herrchen in den Park, ein Babysitter hört den ganzen Tag Gedichte über Dschungeltiere, eine Pilotin-Mama landet den Hubschrauber auf dem Dach … So geht es rauf und runter und am Ende erwartet alle eine wunderbare Überraschung.

Für kleine Menschen mit Fahrstuhl im Haus ist das Buch ein Wiedererkennungsschatz. Für alle anderen eine Einladung zum Schauen, Rätseln und Geschichtenausdenken, was die Aufzugbenutzer:innen noch so alles machen könnten.

Cristina Petit: Ein Tag, ein Aufzug, Illus: Chiara Ficarelli, Ü: Anne Brauner, Achse Verlag, 2025, 28 Seiten, ab 4, 22,50 Euro

Mein Freund der Baum ist … nicht tot. Es ist nur ein Traum, der das namenlose Mädchen mit ihrem kleinen Schwanzäffchen am Anfang dieses poetischen Bilderbuches quält. Nach dem Erwachen findet sie den riesigen Mammutbaum unversehrt im Urwald aufragen. Sie klettert hinauf und erblickt von dort oben die Schönheit der Welt, hört aber auch das Getöse von Kriegen.

Man möchte mit diesem zarten Mädchen mit langen Haaren bis zu den Knien weiter durch den Urwald laufen, möchte die Natur beschützen und die Menschen, die »klein wie Ameisen auf den Straßen herumlaufen«, daran erinnern, dass die Natur die Grundlage für unser aller Überleben ist. Eine stille Ermahnung an uns alle.

Nadia Al Omari: Ich bin ein Waldmädchen, Illus: Richolly Rosazza, Ü: Cornelia Panzacchi, Gabriel, 2025, 32 Seiten, ab 4, 18 Euro

»Wer weiß, was Glück ist, sage es und behalte es nicht für sich.« Wie ein Mantra zieht sich dieser Satz durch das Bilderbuch von Luca Tortolini. In kurzen Texten geht er auf die Suche nach eben diesem Gefühl, das wir alle so gern empfinden, dem wir aber manchmal viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken.

Denn schnell ist das Glück wieder vergangen oder wir haben es gar nicht erst bemerkt. Tortolini stellt mehr Fragen, als dass er Antworten gibt. Und so macht man sich automatisch auf die Suche nach Glücksmomenten in den zarten Illus von Marco Soma. Hier bevölkern bekleidete Tierfiguren fantastische Szenerien, in denen schon mal ein Schiff fliegt, ein Turm mit Baum obendrauf auf einem Boot schwimmt, Schmetterlinge größer als Katzen sind, ein Hase auf einem Koffer im Meer reitet. Je länger man schaut, umso mehr Absurditäten und glücklich machende Kleinigkeiten entdeckt man.
Und am Ende weiß am ein kleines Bisschen mehr über Glück und kann es schätzen.

Ein echtes Glücksbuch!

Luca Tortolini: Wer weiß, was Glück ist?, Illus Marco Soma, Ü: Paola Sfilio und Celine Eßlinger, Carl-Auer-Kids, 2025, 30 Seiten, ab 4, 19,95 Euro

Das Glück einer Reise kann man danach in dem quadratischen Bilderbuch von Beatrice Masini erkunden. Hier sind die Illus von Gianni de Conno reduzierter, aber nicht minder geheimnisvoll: Eine Brücke im Nebel, eine Vollmondnacht, ein Heißluftballon über seltsamen Felsen im Meer. Man wird als Erwachsene:r unweigerlich an Denis Hopper oder Magritte erinnert. Auch etwas, das glücklich macht.

Die ebenfalls kurzen Texte befassen sich mit den Erwartungen und guten wie bösen Überraschungen, die einem auf einer Reise begegnen können. So sind die nicht geplanten Wege, die falschen Abkürzungen oder die blöden Hindernisse oftmals ein Garant für Glück, auch wenn wir das oftmals erst am Ende einer Reise erkennen.

Die philosophischen Sentenzen geben jedenfalls eine Menge Anregungen, zum Nachdenken, zum Diskutieren und machen vor allem Lust auf die nächste Reise und das damit verbundene Glück!

Beatrice Masini: Die Reise zum Glück, Illus: Gianni De Conno, Ü: Brigitte Korn-Wimmer, Dresslerillustro, 2025, 32 Seiten, ab 4, 20 Euro

Um die vielen Aspekte einer Reise geht es auch in Anna Benottos Bilderbuch Reisen. Ein namenloser Bär reist, mal schnell, mal mit dem Fahrrad, mal allein, mal in Gesellschaft, mal blind für das Offensichtliche, mal aufmerksam für die Kleinigkeiten am Wegesrand.

Aber auch Aspekte wie Kulinaria, Fluchtbewegungen, Heimweh und Selbstfindung lassen sich in den grau-beigen Schrafurzeichnungen finden. Orte wie Venedig, Hongkong oder Kathmandu werden angedeutet, ebenso wie Flusslandschaften oder Urwald.

Hier kann in den jüngsten Leser:innen eine große Reiselust geweckt werden, aber auch die Freude nach all den Abenteuern wieder in das gewohnte und geliebte Zuhause zurückzukehren.

Anna Benotto: Reisen, Ü: Christel Rech-Simon, Carl-Auer Verlag, 2026, 38 Seiten, ab 4, 20 Euro

Fast schon ein Sachbuch mit sehr philosophischem Ansatz ist Unsichtbar von Daniela Pareschi. Die Doppelseiten bringen einem jeweils eine Art zu sehen näher. Links findet sich eine graphische Erklärseite mit dem zweiteiligen Satz »WENN ich …, SEHE ich …«, so beispielsweise: »WENN ich auf Einzelheiten achte, SEHE ich das Kleine im Großen.« Rechts gibt es dazu dann wunderschöne Illus in ganz unterschiedlichen Techniken.

Nach und nach kommen Elemente wie die Zeit, die Zukunft, die Langsamkeit, das Passieren, die Veränderung und anderes mehr ins Spiel. Und so baut sich hier eine Schule des Sehens und der Perspektiven auf. Denn je nach dem wie aufmerksam wir sind, wie sehr wir uns für große und kleine Dinge öffnen, unsere Fantasie einsetzen und uns selbst verändern, wechselt auch unsere Sicht auf die Welt. Auch das genaue Hinsehen und Betrachten der Seiten dieses Buches öffnet einen für Neues und hilft mit Sicherheit, die ständigen Veränderungen beim Großwerden spielerisch zu ertragen.

Daniela Pareschi: Unsichtbar, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2026, 44 Seiten, ab 5, 18 Euro

Unsichtbar ist in dem Bilderbuch Jetzt und für immer wir drei die dritte Person. Denn hier lebt Olivo mit seinem Papa zusammen und das, was früher reibungslos lief, ist nun auf einmal etwas komplizierter. Nur die Umarmungen von Papa sind mehr geworden.

Vater und Sohn müssen ihre Trauer und Wut über den Tod der Mutter verarbeiten. Olivo macht zunächst einiges kaputt, bis der Vater ihm Holz zum Bearbeiten gibt. Und so schaffen die beiden nach und nach ein wunderschönes Baumhaus. In dem auch Mama ihren Platz hat und für immer bei den beiden sein wird.

Marco Somà stellt Vater und Sohn als langohrige und spitzmäulige Wesen mit Fuchsschwänzen dar, die sehr liebevoll miteinander umgehen. Die detaillierten braun-blau-gehaltenen Illus bieten viel Entdeckungspotential, so dass dieses Buch ein wertvoller Trauerbegleiter werden kann.

Chiara Lorenzoni: Jetzt und für immer wir drei, Illus: Marco Somà, Ü: Celine Eßlinger und Paola Sfilio, Car-Auer Verlag, 2025, o.S., ab 6, 20 Euro

Fantastisch, mit Bezug auf unsere heutige Social-Media-Welt, geht es bei Davide Calì zu. Auf einer kleinen Insel wohnt Der Mann, der keinen Namen hatte. Weil er so allein ist, gibt er allem auf der Insel einen Namen: Den Bäumen, den Bergen, den Steinen und den wenigen Tieren. Der namenlose Mann hat also in gewisser Weise Gesellschaft und fühlt sich wohl.

Doch eines Tages kommen Menschen von der anderen Seite des Meers auf die Insel, machen Fotos und bestaunen den kleinen Mann.

Die Besucher nehmen ihn mit auf einen Kreuzfahrtdampfer und in eine große Stadt. Er bekommt einen Namen, wird interviewt und berühmt … bis seine angeblichen neuen Freunde einen seltsamen Typen aus einem Wald finden.

Diese Parabel auf die angeblichen Freundschaften im Netz und die schnelllebigen Hypes, die heute durchs virtuelle Dorf getrieben werden, gibt auf jeden Fall zu denken. Denn sie erinnert daran, wie schön es ist, einfach ein paar stille, aber reale Freunde in der echten Welt zu haben.

Davide Calì: Der Mann, der keinen Namen hatte, Illus: Licia Carlini, Ü: Celine Eßlinger, Carl-Auer Verlag, 2026, 38 Seiten, ab 5, 20 Euro

Eigentlich aus dem Französischen, aber doch von der italienischen Illustratorin und Autorin Beatrice Alemagna stammt das künstlerische Bilderbuch über die Veränderungen: Dinge, die vorüber gehen.

In der Mitte einer jeden Doppelseite findet sich eine durchlässige Seite Transparentpapier, auf der sich ein Teil der Illu befindet. Bei jedem Umblättern einer solchen Seite verändert sich das Bild: Alles ist im Fluss, alles geht vorbei, fliegt davon, Träume lösen sich auf, Wunden verschwinden, Musik verklingt, Seifenblasen zerplatzen … nur der Staub kommt immer wieder.

Mit ihren charaktervollen Tuschebildern gelingt es Beatrice Alemagna auch schon kleinen Kindern die vielleicht größte Herausforderung des Lebens nahezubringen: die permanente Veränderung, das Unstete, der Wechsel, der selbst den Erwachsenen oft zu schaffen macht. Das, was am Ende als Einziges bleibt, ist die Liebe zwischen Elternteil und Kind … und das macht dieses Buch zu einem Schatz.

Beatrice Alemagna: Dinge, die vorübergehen, Ü: Sophie Zeitz (aus dem Französischen), Hatje Cantz, 3. Aufl. 2026, 48 Seiten, ab 4, 20 Euro

Auch Hugo erlebt ständig Veränderungen. Es geht eines Morgens los, da fühlt er sich nach dem Aufstehen plötzlich ganz krickelkrackelig. Innerlich wie äußerlich ist alles durcheinander. Hugo hofft, am nächsten Tag wieder normal zu sein. Doch nix da. Nun ist er gestrichelt. Dann gepunktet, geschnörkelt, vernebelt.

Jede Seite, die einen von Hugos Zuständen zeigt, wird zu einem eigenen Kunstwerk. Es gibt keine Erklärungen, warum Hugo plötzlich so verändert ist. Und auch die Reaktionen seiner Umwelt auf seine Veränderungen helfen ihm nicht wirklich weiter.

Allen Betrachter- und Leser:innen geben Hugos Wandlungen viel Raum für Wiedererkennung und eigene Überlegungen. Die philosophische Frage »Wer bin ich?« bekommt hier eine Erweiterung im Sinne von »Wie bin ich?« und es ist am Ende okay, so zu sein, wie man ist – und das muss nicht jeden Tag gleich sein. Ein großartiges Buch gegen die angebliche Normalität.

Sergio Olivotti: Hugo sein, Illus: Giulia Pastorino, Ü: Nicola von Velsen, Hatje Cantz, 2026, 40 Seiten, ab 5, 18 Euro

Etwas ratlos lässt mich das Bilderbuch Hunde in London zurück. Nicht dass es nicht schön ist. Die Illus von unzähligen Hunden an den berühmtesten Orten Londons – Buckingham Palace, Piccadilly Circus, Tower Bridge und viele mehr – sind entzückend. Doch ich frage mich, an wen sich das Buch richtet. Denn in den kurzen Texten, die die Orte erklären, werden die Lesenden gesiezt. Und das ist für ein Kinderbuch echt sonderbar bzw. für kleine Schauende und Suchende wohl eher verwirrend. Sicherlich haben auch Erwachsene Spaß an Wimmelbildern und suchen gern die Nadel bzw. den Hund im Gewühl, aber ganz schlüssig erscheint mir das hier nicht.
Hier würde ich gern einen Blick ins Original werfen, um die ursprünglichen Texte zu lesen. Möglicherweise gab es ein Missverständnis beim Übersetzen, was in diesem Fall der Verleger selbst besorgt hat.

Wer sich an dem Gesieze nicht stört, kann in amüsanten Hundwimmelbildern versinken, die die italienische Illustratorin Ilaria Mancini liebevoll komponiert hat.

Ilaria Mancini: Hunde in London, Ü: Gregory C. Zäch, midas, 2026, 64 Seiten, ab 5, 16 Euro

Ganz ohne Worte interpretiert Mariachiara Di Giorgio in faszinierend, aber auch ein bisschen unheimlichen Bildern die Geschichte von Hänsel und Gretel neu. Die Mutter verlässt abends das Haus, Bruder und Schwester bleiben mit der Oma allein zu Hause. Aber die Oma ist schon etwas merkwürdig und beängstigend. Als sie schläft, schleichen sich die Kinder aus dem Haus und in den Wald. Während des einsetzenden Regens flüchten sie in eine Höhle. Dort begegnet ihnen ein schönes Mädchen – allerdings hat sie behaarte Ziegenbeine und leuchtende Augen, die die Dunkelheit durchdringen. Die Kinder schließen sich ihr an, tanzen durch die Nacht, den Wald, sehen Nachtkreaturen, fangen Sternschnuppen, beobachten, wie der Mond über die Berggipfel wandert … und gelangen schließlich nach Hause zurück.

Poetisch, aber durchaus etwas gruselig geht es hier zu. Die Geschichte kann man sich beim Ansehen dann selbst ausdenken. Und später vielleicht mal eine Nachtwanderung durch einen Wald wagen.

Mariachiara Di Giorgio: Eines Nachts, NordSüd, 2026, 48 Seiten, ab 4, 20 Euro

Sachbücher

Mit feinem Strich illustriert Valentina Gottardi das Bildersachbuch über umgestürzte, tote Bäume. Das mag zunächst abschreckend klingen, doch wenn im Wald ein Baum umfällt und quasi sein Leben beendet, schenkt er gleichzeitig unzähligen Lebensformen ein neues Zuhause. Flechten und Moose können sich auf ihm ausbreiten, Käfer, Ameisen und andere Insekten finden Unterschlupf und Nahrung, Pilze und Schnecken machen sich breit. Dazu kommen natürlich Vögel und Säugetiere. Totholz ist also ein überaus wichtiger Teil im Wald, der die Artenvielfalt fördert und unser Klima schützt.

Die kurzen gutverständlichen Texten liefern einen detaillierten Einblick in das Biotop Wald. Die Illus gleichen manchmal einem Blick durchs Mikroskop und zeigen die kleinsten Wesen und Pflanzenbestandteile in Vergrößerung. Nach dieser Lektüre wird man beim nächsten Waldspaziergang sehr viel mehr sehen, entdecken und wertschätzen können.

Danio Miserocchi/Maciej Michno: Das zweite Leben der Bäume, Illus: Valentina Gottardi, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2025, 48 Seiten, ab 6, 18 Euro

Zwei schon etwas ältere Sachbücher widmen sich zwei ganz besonderen, sehr beliebten Vierbeinern: den Schafen und den Kaninchen. Ilaria Demonti erzählt in kurzen Texten alles Wissenswerte über die Wolllieferanten und die kuschligen Haustiere. Dabei gibt es nicht nur altbekannte Fakten – wie Kaninchen bekommen viele Nachkommen oder Schafe sind ängstlich – sondern auch Überraschendes: So können sich Schafe selbst nach zwei Jahren noch an menschliche Gesichter erinnern und finden sich in einem Labyrinth zurecht. Dass Schafe also dumm wären, ist damit schon mal widerlegt.

Beide Bücher zeigen neben der Biologie der Tiere auch die Kultur, die uns mit diesen Wesen verbindet: Schafe liefern seit Urzeiten Wolle und Milch, die Kaninchen hingegen sind eine große Inspirationsquelle für die Kunst in Form von Geschichten (»Peter Hase«) oder Gemälden. Das Kaninchenwörterbuch hilft darüberhinaus, den eigenen Hausgesellen besser zu verstehen, während die Schafskäse-Leckereien aus aller Welt Lust auf eine kulinarische Erkundungstour macht.

Camilla Pintonato hat beide Bücher liebevoll illustriert, so dass man ganz tief in die Schaf- und Kaninchenwelten eintauchen kann und wunderbar bereichert aus der Lektüre wieder auftaucht.

Ilaria Demonti: Einmal extra Schaf! Wissenswertes über unser liebstes Wollknäuel, Illu: Camillla Pinotnato, Ü: Christina Gauglitz, Kleine Gestalten, 2022, 76 Seiten, ab 8, 19,90 Euro
Ilaria Demonti: Nenn mich nicht Hase. Alles Wissenswerte über Kaninchen, Illu: Camillla Pinotnato, Ü: Christina Gauglitz, Kleine Gestalten, 2024, 76 Seiten, ab 8, 19,90 Euro

Ein absolut großartiges Buch befasst sich mit den größten Säugetieren auf unserem Planeten: den Walen. Rossana Bossù zeigt nicht nur die verschiedenen Walarten, sondern erklärt die evolutionäre Entwicklung dieser Riesen vom Land ins Wasser, zeigt die Unterschiede bei den Blas – dem Ausstoß von Luft durch das Atemloch –, und erläutert die Sprache von Walen und Delfinen. Hier sind so viele Besonderheiten und Neuigkeiten versammelt, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Der Wal ist Inspiration für Geschichtenerzählende und Teil unzähliger Mythen. Aber er wird auch von den Menschen gejagt und bis ins Kleinste verwertet. So hat man nicht nur sein Fleisch gegessen und sein Öl als Brennmittel für Lampen und Leuchttürme genutzt, sondern auch die Stäbchen der früheren Mieder aus Walbarten gefertigt.

Wal Timmy hatte in diesem Sommer die Gemüter erregt. Wer sich wirklich für Wale interessiert und sie schützen möchte, kann mit dieser Lektüre beginnen – und wird em Wunderwesen Wal dann auf ewig mit sehr viel Respekt begegnen.

Rossana Bossù: Geheimnisvolle Wale. Entdecke die Welt der Meeresgiganten, Ü: Cornelia Panzacchi, Rotfuchs, 2026, 80 Seiten, ab 9, 25 Euro

Meist denken wir nicht groß darüber nach, wenn wir zu Hause das Licht anknipsen oder wenn in den Straßen der Städten die Laternen angehen. Doch wird Lichtverschmutzung in unseren Städten zu einem immer größeren Problem.

Nicht nur, dass wir die Sterne kaum noch sehen können, sondern auch die Tiere und Pflanzen, die im Stadtraum mit uns leben, sind von der Rund-um-Dauerbeleuchtung irritiert und werden zusätzlichen Gefahren ausgesetzt. Damit beschäftigt sich das Autoren-Illustratoren-Trio. Sie erzählen von der Wirkung des künstlichen Lichts auf Sing- und Zugvögel, denn vor allem letztere werden durch das viele Licht von ihren gewohnten Routen abgelenkt – was einfach nicht gut sein kann. Aber auch Insekten, Fledermäuse und kleine Jäger wie Geckos und Kröten werden durch die Lichtverschmutzung gestört. An den Küsten mit ihren Metropolen beeinflusst das Licht sogar die Unterwasserfauna, beispielsweise die Schildkröten, die dem Mondlicht an den Strand folgen, um dort ihre Eier zu legen.

Eindrücklich macht dieses Sachbuch in kurzen Texten klar, dass uns und der Natur auch in Sachen Beleuchtung etwas Mäßigung nicht schaden könnte. Wer braucht bitte noch Leuchtreklame!

Valentina Gottardi/Maciej Michno/Danio Miserocchi: Licht. Wenn die Nacht nicht dunkel wird, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2026, 48 Seiten, ab 8, 18 Euro

Dunkel sollte es auch sein, wenn man träumen will. In dem stylisch illustrierten Sachbuch von Sara Beltrame erfährt man so einiges über den aufregendsten Teil unseres Schlafes.
Neben einer kurzen Geschichte des Traums, Aristoteles Traumdeutung und Traumbücher sowie den diversen mythologischen Traum-Göttern geht es um die richtigen Zutaten fürs Träumen: Dunkelheit, Stille, ein warmes, gemütliches Bett.
Nach einem verknappten Abriss über die verschiedenen Schlafphasen und den verschiedenen Arten von Träumen, finden sich Beispiele wie Träume berühmte Künstler und Erfinder zu ihren Meisterwerken inspiriert haben.

Eine wirkliche Erklärung, was in unserem Gehirn auf physiologischer und biochemischer Ebene abgeht, wenn wir Träumen gibt es leider nicht.

Sara Beltrame: Die Welt der Träume, Illus: Tommaso Vidus Rosin, Ü: Qontent, Whitestar Kids, 2025, 80 Seiten, ab 8, 16,95 Euro

Bei meiner aktuellen Recherche zu Literatur aus Italien sind mir dann noch die Quid+-Bücher von Barbara Franco untergekommen. Sie richten sich vor allem an die Eltern, die ihren Kindern bei der persönlichen und intellektuellen Entwicklung helfen wollen. Vor allem die Bände zu Kreativität und 50 Dinge, die du vor der Einschulung ausprobieren solltest bieten jede Menge Anregungen, wie man Kinder ab drei Jahren dazu bringen kann, sich und seine Umwelt genau zu beobachten.

Hier wird gemalt, gebastelt, gezählt, gerätselt. Franco geht dabei von dem Konzept Maria Montessoris aus, die den Kindern auf Augenhöhe begegnete und ihnen mehr zutraute, als damals – und heute manchmal auch noch – üblich war. Zudem war sie davon überzeugt, dass Denkprozesse und Bewegungen zusammenspielen sollten, weshalb hier alles von Hand gemacht wird. So lässt auch Franco die Kinder in der Küche mitarbeiten, gibt ihnen Schere und Stifte in die Hand, fordert sie auf, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen.
Bei den 50 Dingen geht es im Buch erst einmal auf dem Papier zur Sache. Doch die einzelnen Kapitel machen Laune, danach das Haus zu verlassen und tatsächlich eine Düne hinunterzurollen oder in ein Aquarium zu gehen.

Die Quid+-Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie sieben Kompetenzbereiche fördern: Emotionen und soziale Beziehungen; körperliche und praktische Fähigkeiten; kreativer Ausdruck; Sachkunde; räumliche und zeitliche Orientierung; sprachliche sowie mathematische und logische Fähigkeiten. Die Förderung dieser Grundlagen ist entscheidend für die Bewältigung des späteren Lebens und Zusammenlebens mit anderen.

In den Vorlesegeschichten zum Thema Wut versammelt die Autorin dann 14 Kurzgeschichten, die Kinder in verschiedenen Stadien von Wut zeigen. Hinter der offensichtlichen Wut können sich beispielsweise Angst, Eifersucht oder Enttäuschung verstecken. Auch drücken Kinder ihre Wut oft durch ein bestimmtes Verhalten aus – schreien, beißen oder sind aggressiv –, was andere Kinder erschreckt.

Die beispielhaften Geschichten können den Lütten in ruhigen Momenten vorgelesen werden. Quasi als Nachbereitung der durchlebten Gefühlsstürme. So kann möglicherweise eine Reflexion bei den Kindern ausgelöst werden. Für jede Geschichte sind gerade einmal fünf Minuten Zeit notwendig. Die Kinder können darin ihr Verhalten und ihre Gefühle wiedererkennen, die Erwachsenen bekommen Anregungen, wie sie mit ihren wütenden Kids verständnis- und liebevoll reden können. Zudem gibt es Tipps und Tricks, wie man das Aufflammen von Wut erkennen und wie man Kindern das Runterkommen erleichtern können (z.B. durch eine Ruheecke oder bewusstes Atmen).

Leider habe ich keine Angabe dazu gefunden, wer die Texte übersetzt hat. Eine Nachfrage beim Verlag ist bis jetzt unbeantwortet geblieben. Das sollte in Zeiten von KI allerdings nicht sein, da kommt bei mir als Übersetzerin so eine gewisse Ahnung auf, die ich allerdings nicht belegen kann … Sollte ich Antwort bekommen, werde ich das hier ergänzen.

Barbara Franco: 50 Dinge, die du vor der Einschulung ausprobieren solltest, o.Ü., Klett Lerntraining, 2026, 80 Seiten, ab 3, 8,95 Euro
Barbara Franco: Kreativität entdecken und entwickeln, o.Ü., Klett Lerntraining, 2026, 128 Seiten, ab 3, 12,95 Euro
Barbara Franco: Ich will aber! Vorlesegeschichten zum Thema Wut, o.Ü., Klett Lerntraining, 2025, 192 Seiten, ab 3, 15,95 Euro

Kinderbücher

Von der Autorin der Good Night Stories For Rebel Girls gibt es ein neues Werk. Darin vereint Francesca Cavallo zwölf märchenhafte Erzählungen, rund um zwischenmenschliche Beziehungen. In Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs geht es um familiäre Traditionen, die nicht angerührt werden dürfen, Piraten oder Frosch-Jungen, die weibliche Zeitgenossinnen beeindrucken oder retten wollen. Es geht um Freundschaft zwischen Ungleichen und den Mut, um Hilfe zu bitten. Alles an sich schöne Ansätze und eigentlich wichtige Ideen.

Trotzdem ich bin mit dem Buch nicht glücklich. Denn Cavallo macht in ihrem Vorwort an die Erwachsenen sofort deutlich, worum es ihr geht: Die aktuelle Jungsgeneration zu respektvollen Menschen gegenüber Frauen zu erziehen. Auch das ist an sich ganz und gar nicht verkehrt und durchaus angebracht. Aber ich bezweifle, ob die Zielgruppe – also Jungs so ab zehn Jahren – diese Geschichten überhaupt lesen werden. Sie kommen mir zu verkopft und gewollt daher. Zu offensichtlich ist, dass man Mädchen, die schlafen oder ohnmächtig sind, nicht küssen soll. Zu offensichtlich ist, dass man niemanden in Gefahr bringen soll, nur um als Held dazustehen. Und dieses Muster zieht sich durch alle Geschichten.

Dazu kommen Illus in traurigem Schwarz-Weiß. Die bunten Frösche bleiben farblos, da hilft auch die Fantasie nicht viel. Möglicherweise hätten farbige Illustrationen den Leseanreiz erhöht und neugieriger gemacht. So aber bleibt diese Geschichtensammlung für mich leider eine vertane Chance für ein wichtiges Thema.

Francesca Cavallo: Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs, Illus: Luis San Vicente, Ü: Knut Krüger, dtv, 2026, 192 Seiten, ab 10, 18 Euro

Eine schon etwas ältere, aber durchaus fantasievolle Geschichte ist der Erstleseroman Familie von Zitterstein und das Hotel ›Zum langen Schatten‹ von Annalisa Strada. In einem alten Schloss ist ein Grand Hotel untergebracht, das seit 72 Generationen im Familienbesitz ist. Bekannt ist es für seine hervorragende Köchin Frau Krötenbein, die den Gästen »fluffig-wurmiges Wanzen-Soufflé« und »Pocken-Pastete mit knuspriger Krätze-Karamell-Kruste«. Doch eines Tages ist die Köchin verschwunden und mit ihr die Kinder Keuch und Husten. Anscheinend steckt der Erzfeind der Familie Zitterstein, der kalte Karl Kaltenfels, dahinter. Das Schlossgespenst Orlandooo kann leider nicht weiterhelfen, dafür aber die Glaskugel der Wahrsagerin Sibylle Schattengelfüster …

Die harmlose Gruselgeschichte erinnert leicht an die Olchis (die Speisen) und an die Adamsfamily, allerdings ohne eine sich verselbständigende Hand. Übersetzerin Myriam Alfano hat sich vergnügliche Namen für die Figuren ausgedacht (Tilli Transuse), sodass der Spaß für Leseanfänger trotz des etwas dünnen Plots garantiert ist.

Annalisa Strada: Familie von Zitterstein und das Hotel ›Zum langen Schatten‹, Illus: Marilisa Cotroneo, Ü: Myriam Alfano, Ueberreuter, 2024, 64 Seiten, ab 8, 13 Euro

Wenn schon Italien in den Bilder- und Kinderbüchern kaum zu finden ist (Caffetieras mal abgesehen), so bringt dieses ernsthafte Kinderbuch die Leserschaft immerhin nach Japan.

Als Erzähler fungiert hier ein Kaki-Baum, der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Garten in Nagasaki gepflanzt wird und heranwächst. Dabei beobachtet der Baum die Familie von Tomio, seinem Sohn Masao und dessen Kindern. Kriege trennen die Männer immer wieder von ihren Familien und der Abwurf der Atombombe im Sommer 1945 auf die Stadt zerstört beinahe auch den Baum.

Den Kaki-Baum gibt es tatsächlich und er ist mit den Jahren zu einem Symbol gegen den Krieg geworden. Seine Ableger und Samen sind mittlerweile in der ganzen Welt verteilt worden, so dass er nicht nur in Nagasaki fortlebt, sondern auch in Italien und anderen Ländern.
Dies ist keine Lektüre für zwischendurch und bedarf meines Erachtens der erwachsenen Begleitung. Im Rahmen einer Projektarbeit gegen Krieg und zum Erhalt des Friedens ist es eine wunderbare Geschichte mit einem hoffnungsmachenden Ende. Und vielleicht wächst dann irgendwann ein Ableger des japanischen Kaki-Baums in Deutschland.

Chiara Bazzoli: Da ist ein Baum in Japan, Illus: AntonGionata Ferrari, Ü: Birgit Albrecht, Verlagshaus Hernals, 2025, 80 Seiten, ab 8, 25 Euro

Angehende Krimifans kommen bei den ersten beiden Bänden der Jahreszeiten-Detektive auf ihre Kosten. Im Wald der Tanzenden Birke ermitteln Bärlock Bär und Biene Agatha – erwachsene Lesende werden bei diesen Namen natürlich sofort an berühmte Krimipersönlichkeiten denken.
Im herbstlichen Auftaktband verschwinden Dinge: der Wintervorrat des Eichhörnchens, eine Decke der Eichelhärin, eine Teekanne der Füchsin. Gemeinsam mit den Waldtieren macht sich das Ermittlungsduo auf die Suche … und wird schließlich fündig.
Im Winterband verschwindet der kleine Willi Waschbär ausgerechnet an Heiligen Abend, als sich die Tiere zum Feiern versammeln. Auch hier geht eine gemeinsame Suche durch den verschneiten Wald los.

Liebevoll und knuffig von der Autorin illustriert sind diese Cosy-Krimis für Kinder ein harmloser und gelungener Einstieg ins Krimigenre. Große Schrifttype und einfache Sätze machen das Lesen für Anfänger leicht.
Am Ende erfährt man immer ein paar Fakten zum Wald und seinen Bewohnern in den verschiedenen Jahreszeiten.

Und die nächsten zwei Jahreszeiten sind wohl schon in Arbeit …

Sara Fandrey: Die Jahreszeiten-Detektive: Wer hat den Herbst gestohlen?, Spurensuche im Schnee, Ü: Cornelia Panzacchi, dtv, 2026, je 80 Seiten, ab 8, 12 Euro

Paris, Ende der 1880er Jahre: Der ehemalige Waisenjunge Lupin schlägt sich als Dieb in der Stadt der Liebe durch, doch sein Herz schlägt für die Kleinen, die Armen, die Schwachen. Als der unheimliche Doktor Moustache in der Stadt auftaucht und immer wieder Waisenkinder verschwinden, macht sich Ich-Erzähler Lupin zusammen mit seinen Zirkus-Freunden Cyrano und Clarisse sowie dem jungen Polizisten Ganimard auf die Suche nach ihnen. Unter ihnen ist auch Lupins Freund Leon, den Moustache ein paar Jahre zuvor entführt hat.

Palazzesi verpasst dem Meisterdieb Arsène Lupin, der eine Erfindung des französischen Autors Maurice Leblanc ist, eine abenteuerliche Jugend. Erzählerisch anschaulich geht es durch Paris, von Montmartre bis zu Notre Dame und dem Eiffelturm, sodass die Metropole vor den Augen der Leserschaft lebendig wird. Viele Dialoge machen den Text unterhaltsam und kurzweilig. Die Verbrecherjagd mit den vielen Wendungen ist bestes Lesefutter. Und in Italien sind bereits zwei weitere Bände erschienen…

Marta Palazzesi: Die Abenteuer des jungen Lupin, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2026, 256 Seiten, ab 10, 15 Euro

Musikalisch wird es in Maddalena Vaglio Tanets Buch Das Haus der Musik. Renatas Opa zieht in ein Altersheim für ehemalige Musiker. Doch von Ruhestand kann hier keine Rede sein, denn die alten Leute machen immer noch Musik: Opa spielt Oboe, Benn Schlagzeug, Ivan Kontrabass und Mirella singt Opern.
Renata, die in dem Haus ein und ausgeht, lernt so nach und nach die verschiedenen Instrumente und Akteure in einem Orchester kennen. Sie ist hin und hergerissen, ob und welches Instrument sie lernen soll.

In kurzen Kapiteln und flankiert von knallbunten Filzstift-Illustrationen erfahren junge Leser:innen hier die Grundlagen des Musikmachens – was vor allem heißt, Spaß zu haben und mit anderen ein funktionierendes Orchester zu bilden. Am Ende liefert eine Übersicht die wichtigsten Charakteristika der Instrumente, die in der Geschichte vorkommen.

Vaglio Tanet hat sich bei ihrer Kindergeschichte an der tatsächlich existierenden Casa Verdi in Mailand orientiert, ein von Giuseppe Verdi gegründetem Heim für mittellose Musiker:innen. Und vielleicht regt diese Lektüre an, selbst zu einem Instrument zu greifen – oder zumindest mehr Musik zu hören.

Maddalena Vaglio Tanet: Das Haus der Musik, Illus: Giovanni Colaneri, Ü: Annette Kopetzki, Hatje Cantz, 2023, 64 Seiten, ab 8, 10 Euro

Eine weitere wahre Geschichte findet sich in dem Roman von Tea Ranno, Die Straßenbahn ins Leben. Und hier geht es tatsächlich mal um ein historisches Ereignis in Italien. Ranno erzählt sie die Geschichte von Emanuele di Porto, der als Zwölfjähriger die Razzia im römischen Ghetto am 16. Oktober 1943 überlebt hat.

Damals verhafteten die deutschen Besatzer 1024 jüdische Menschen, darunter Emanueles Mutter, und deportierten sie nach Auschwitz. Der Junge, der die Geschehnisse aus dem Fenster seiner Wohnung beobachtete, rannte seiner Mutter hinterher, wollte sie vom Lastwagen retten und wurde selbst auf den Wagen gezerrt. Doch in einem günstigen Moment stieß die Mutter Emanuele vom Wagen und befahl ihm, wegzulaufen. In seiner Not stieg der Junge in eine Straßenbahn – und blieb dort zweieinhalb Tage. Schaffner und Zugführer versorgten ihn mit Wasser, Nahrung und einem wärmenden Schal. Als die Straßenbahn abends ins Depot fuhr, konnte er im Wagen übernachten. Erst als ein Freund zufällig die Straßenbahn betritt, erfährt Emanuele, dass sein Vater und seine Geschwister noch in Rom sind, und kehrt nach Hause. Seine Mutter jedoch kommt nicht wieder.

Trotz der traurigen Tatsache, dass Emanueles Mutter nicht überlebt hat, verströmt Tea Ranno in ihrem Buch einen Hauch von Hoffnung. Denn Emanuele, der ihr die Geschichte persönlich erzählt hat und den ich im vergangenen Herbst kennengelernt habe, hat seinen Weg ins Leben gefunden, ohne sich dem Hass auf die Nazi hinzugeben. Er hat viele Jahre in italienischen Schulen seine Geschichte erzählt. Diese nun in einer leicht fiktionalisierten Version in Buchform zu haben, macht ihn unglaublich stolz.

Jungen deutschen Leser:innen bringt Tea Ranno damit ein Kapitel des so komplexen Holocaust wieder, den die Deutschen auch nach Italien gebracht haben. Die behutsame Art ihres Erzählens verhindert jedoch, dass die Jugendlichen geschockt aus dieser Lektüre gehen. Viel mehr besteht bei mir, als Übersetzerin, die Hoffnung, dass damit vielleicht das Interesse an diesen historischen Ereignissen geweckt wird.

Im Oktober 2026 stand das Buch auf der Deutschlandfunk-Liste der besten 7 Bücher für junge Leserinnen und Leser.

Tea Ranno: Die Straßenbahn ins Leben, Ü: Ulrike Schimming, mixtvision, 2026, 160 Seiten, ab 10, 16 Euro

Inspiriert von wahren Begebenheiten hat auch Gabriele Clima einen Roman für junge Leser:innen verfasst – der nicht in Italien spielt, sondern in Afghanistan: Räder meiner Freiheit. Das Mädchen Maryam bekommt zum sechsten Geburtstag ein gebrauchtes Fahrrad geschenkt, doch ihr Vater, ein gläubiger Mann, verbietet ihr, es zu benutzen. Maryam aber will unbedingt Rad fahren. Als sie eines Tages, sie ist fast 14, von der Frauen-Radmannschaft in Kabul erfährt, setzt sie alles daran, ins Team aufgenommen zu werden.
Ihre Eltern dürfen jedoch nichts davon wissen. Der Vater entwickelt sich immer mehr zum Taliban, verdunkelt das Haus mit schwarzen Vorhängen, zwingt seiner Frau die Burka auf, will Maryam von der Schule nehmen und zwangsverheirateten. Die Mutter steht jedoch auf Maryams Seite.
Als jedoch eines Tages ein Bild der Rad fahrenden Mädchen in der Zeitung erscheint, erfährt der Vater alles. Und Maryam verlässt letztendlich die Familie.

Clima hat für diese Geschichte mit vielen afghanischen Frauen in Italien gesprochen und so ein wohl authentisches Bild vom Leben der Frauen und ihrem Kampf um Autonomie gezeichnet. Man leidet mit Maryam und ihrer Freundin mit, ist gefesselt von ihrem Mut und ihrer Kraft, sich ein freies, unabhängiges Leben aufzubauen. Folgerichtig endet dieser Roman mit einem Hoffnungsschimmer, doch die tatsächliche Lage der Mädchen und Frauen unter der Herrschaft der Taliban ist nach wie vor schrecklich. Ein gewisses Bewusstsein dafür wird mit dieser Lektüre auf jeden Fall geschaffen.

Gabriele Clima: Räder meiner Freiheit, Ü: Giovanni Caselotti, Weltentdecker, 2026,155 Seiten, ab 12, 16 Euro

Natürlich sollte auch eine Pinocchio-Ausgabe in dieser Aufstellung nicht fehlen. In der Vorschau von NordSüd fand sich dann dieses Exemplar, das pünktlich zu Carlo Collodis 200. Geburtstag am 24. November noch mal aufgelegt wurde. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Neuübersetzung oder Neuausgabe, sondern um eine bereits existierende Version von 2018. Dieser liegt die erste Übersetzung von 1905, angefertigt von Paul Artur Eugen Andrae, zugrunde, die gründlich überarbeitet wurde. So wurde vor allem Andraes kuriose Namengebung »Hippeltisch« in das heute übliche »Pinocchio« geändert. Der deutsche Text wurde ansonsten vorsichtig entstaubt, behält aber dennoch seinen leicht antiquierten Charakter. Der Rückgriff auf alte, gemeinfreie Übersetzungen ist mittlerweile üblich, auch wenn mein Übersetzerin-Herz dann immer etwas blutet, aber nach mehr als 50 Übersetzungen (s. hier) ist der Text wahrscheinlich auch ausübersetzt und eine richtige Neuübersetzung wäre teuer.

Diese Halbleinenausgabe lebt von den charmanten Aquarellen des Belgiers Quentin Gréban, der seinen Pinocchio den in der Toskana allgegenwärtigen Holzfiguren angepasst hat, mit entsprechender roter Kegelmütze. Die Häuser und Dörfer erinnern mit ihren roten Ziegeldächern an die typische Architektur der Toskana, die Zypressen dazwischen verstärken dieses Flair. Liebevoll sind die Details bei den Figuren: Pinocchios Hemd ist mit kleinen Erdbeeren verziert, die Kleider der blauen Fee sind mit Blumen geschmückt. Die Schnecke trägt einen Schal. Die Schlange windet sich um ein dreieckiges Straßenschild, das vor einer kurvigen Straße warnt. Das humoristische Augenzwinkern des Illustrators ist hier deutlich zu spüren und genaues Hinsehen lohnt sich.

Auflagentechnisch haben wir es hier zwar mit einer Mogelpackung zu tun, aber zum 200. Geburtstag des Autors ist es eine schöne Geste, dieses Buch noch mal in den Vordergrund zu holen.

Carlo Collodi: Pinocchio, Ü: Paul Artur Eugen Andrae, Illus: Quentin Gréban, NordSüd, 2018, 176 Seiten, ab 5, 24 Euro

Jugendbuch

Zeno wird gemobbt. Und zwar richtig schlimm. Inklusive Video im Internet und jeder Menge Hassnachrichten auf seinem Phone. Davon erzählt Alessandro Barbaglia in seinem Chat-Roman Sorry, aber ich bleibe.
Zeno, der an einem unbenannten Ort lebt, findet zwischen all dem Hass dann aber auch eine unbekannte Stimme, die ihm nette Sachen schreibt. Das kann und will der Junge zunächst gar nicht glauben und blockiert diese Nummer. Aber die Neugierde ist doch zu groß, und so kommt er mit einer gewissen Luna in ein Chatgespräch.

Rasant ist der Austausch zwischen den beiden – der ausschließlich als Chat-Nachrichten geliefert wird –, sodass man als Leser:in immer weiter und immer schneller in die Geschichte gezogen wird. Denn es bleibt bis zum Schluss spannend, wer Luna überhaupt ist.

Mobbing und Diskriminierung werden hier in jugendaffiner Art behandelt. Die kurzen Texte lassen sich quasi wie in Echtzeit lesen – und doch entfaltet sich dahinter der Kosmos einer ganz besonderen Freundschaft, die all jenen Mut macht, die sich ausgeschlossen fühlen.

Alessandro Barbaglia: Sorry, aber ich bleibe, Ü: Susanne Just, WooW Books, 2025, 160 Seiten, ab 12, 16 Euro

Eine schon fast klassische Fantasy-Reihe bilden die beiden Bände von Valdombra von Martina Folena.
Darin gehen die Geschwister Isa und Teo nach einem verheerenden Erdbeben auf eine Reise. Sie wollen den legendären Drachen, genannt das Kryptid, finden, der für die Erdbeben verantwortlich ist. Es entspinnt sich eine Quest mit finsteren Banditen, holden Prinzessinnen, verkappten Rittern, schlauen Bibliothekaren, einem unsympathischen Oheim.

Ergänzt wird die liebevoll-humorige Geschichte von Illus in einem Stilmix aus Manga- und 1970er-Jahre-Figuren, sodass es für junge Lesende immer wieder kleine Pausen zum Schauen gibt. In der Mitte des Buches findet sich ein vierfarbiges Reisetagebuch der Ich-Erzählerin Isa.

Wer nach dem ersten Drachenabenteuer nicht genug hat, findet in der Fortsetzung dann sofort weiteres Lesefutter.

Martina Folena: Valdombra. Das Geheimnis des Drachen und Die Lichter vom Dunkelberg, Ü: Barbara Neeb und Katharina Schmidt, Coppenrath, 2025, 288 Seiten, ab 12, 18 Euro

Vielschreiber Davide Morosinotto führt seine Leserschaft in Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten nach Nürnberg ins Jahr 1829. Greta kommt mit ihrem Vater in der Stadt an, sie beziehen zwei Zimmer im Hotel Bayerischer Hof. Der Vater wurde in die Stadt gerufen, da einer Person nach dem Leben getrachtet wird: Kasper Hauser ist in Gefahr.

Und damit entwickelt sich eine spannende Detektivgeschichte, die den Kaspar-Hauser-Mythos jugendgerecht und mit einer jungen weiblichen Ermittlerin erzählt. Greta erforscht nach und nach die Geschehnisse um Kaspar. Dabei verwebt Morosinotto geschickt Fiktion und Wahrheit, zieht alte Dokumente heran, macht aber im Nachwort klar, dass das Geheimnis um diesen jungen Menschen bis heute nicht gelöst werden konnte.

Morosinotto erzählt gewohnt rasant und mitreißend. Das Nürnberg des frühen 19. Jahrhunderts ersteht bei ihm zu einer sehr plastischen Stadt, durch die Greta die Leserschaft mitnimmt. Der nicht-deutsche Blick auf das Kasper-Hauser-Thema ist erfrischend und kurzweilig – die Neugierde auf Kaspar Hausers Schicksal bleibt nach der Lektüre bestehen und verleitet zu weiteren Nachforschungen.

Davide Morosinotto: Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2025, 272 Seiten, ab 12, 16 Euro

In seinem aktuellen Roman, Das verfluchte Gold von Hell Gate, kehrt Davide Morosinotto dann quasi zu seinen Anfängen zurück: in die USA. Dieses Mal ist es jedoch nicht der Mississippi wie in die Mississippi-Bande, sondern die Flussenge Hell Gate in New York, die die titelgebende Rolle spielt.
Fünf Freunde, die sogenannte Kakerlaken-Bande findet am Flussufer einen Toten. Das ist schon aufregend genug, doch hat dieser Mann drei seltsame Dinge bei sich: eine Streichholzschachtel mit einem Schlüssel und einer Zeichnung von einem Frachtschiff. Und schon steckt die Leserschaft in einer rasanten Schatzsuche in den 1920er Jahren. Die Protagonisten, die aus Italien, Puerto Rico, Korea und Afrika stammen, müssen sich gegen die Erwachsenen und die Mafia durchsetzen, sie erkunden New York auf eigene Faust, fahren illegalerweise selbst mit einem Automobil, »leihen« sich ein Boot aus und versuchen nachts in reißenden dunklen Gewässern ein gesunkenes Schiff zu finden.
Parallel dazu wird die Geschichte vom ehemaligen Sklavenjungen Bill Swann erzählt, der etwa 150 Jahre zuvor seinen versklavten Freund Cesar von eben jenem Schiff befreien will.

Herausragend ist hier die Ausstattung des Buches: Die Hardcover-Ausgabe steckt in einem Schuber, der wie das Äußere einer Streicholzschachtel aufgemacht ist und somit bereits auf den Inhalt verweist. Innen finden sich bei jedem Kapitel schwarz-weiße Illustrationen, die die Geschichte auf ihre Art weitererzählen und ergänzen. Man sollte sie also nicht einfach überlesen …

Das hier dargestellte New York der 1920er ist noch nicht der glitzernde Big Apple, sondern das New York der Prohibition, der Banden, der Einwanderer. Dies und die Geschichte der Sklaverei des 18. Jahrhunderts vermittelt Morosinotto in gewohnt lässiger Erzählweise und mit vielen Wendungen und Cliffhangern, sodass man den dicken Schinken so schnell nicht aus der Hand legt.

Davide Morosinotto: Das verfluchte Gold von Hell Gate, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2026, 512 Seiten, ab 12, 20 Euro

Ebenfalls in den USA sind die ersten beiden Teile der Love-me-love-me-Trilogie angesiedelt. Das romantisches Lesefutter von Stefania S. spielt in Kalifornien und erzählt in epischer Breite die Irrungen und Wirrungen junger Liebe.
June kommt neu an eine Elite-Highschool und lernt gleich am ersten Tag den unwiderstehlichen Badboy James Hunter kennen. Wir ahnen es: Hier werden Enemys irgendwann Lover. Doch davor müssen unzählige Wendungen, Hindernisse und Geheimnisse durchgestanden, überwunden und erkundet werden. Hier finden sich diverse Spice-Szenen, aber auch toxisches Verhalten der Hauptfiguren.

Erzählt wird multiperspektivisch in relativ kurzen Kapiteln. Ursprünglich ist diese Geschichte wohl auch auf der Schreibplattform Wattpad erschienen, einem Tummelplatz für Schreibende, die sofort Reaktionen auf ihre Texte haben möchten. Da die Plattform international zugänglich ist, werden als Location daher zumeist Orte außerhalb Italiens gewählt, mit denen sich mehr Leser:innen identifizieren können. Selbst wenn es über die Nennung der Ortsnamen und die Anglisierungen der Figurennamen meist kaum hinausgeht.

Stefania S. endet in diesen ersten beiden Bänden der Trilogie mit krassen Cliffhangern, sodass man mehr oder minder unfreiwillig zum nächsten Teil greifen muss, um es bis zum Happy End zu schaffen. Das wird vermutlich im dritten Band, der im Frühjahr 2027 auf den Markt kommen wird, erreicht werden. Die Spannung wird auf jeden Fall gehalten …

Stefania S.: love me love me. Unsere Herzen ziehen sich an / love me love me. Unsere Küsse sind magisch, Ü: Hanna Bäumker, Barbara Neeb, Katharina Schmidt, cbt, 2026, 685 und 544 Seiten, ab 14, 16 bzw. 17 Euro

Graphic Novel

In der mangaähnlichen Graphic Novel Heartbreak Hotel des Autorinnen-Duos Beltramini und Innocente geht es um fies gebrochene Herzen, Enttäuschungen, Verluste, Liebe und Tod. Das volle Paket Leben.

Vier Jugendliche finden sich im geheimnisvollen, total automatisierten Heartbreak Hotel wieder. Um diesen klaustrophobischen Ort, der überall sein könnte, verlassen zu können, müssen sie sich mit ihren gescheiterten Liebesbeziehungen auseinandersetzen.
Maya liebt Laura, aber die ist mit Finn zusammen. Laura stirbt bei einem Autounfall. Martin ist in den schönen Insta-Alex verknallt, aber der macht ihn bei einer Real-Begegnung runter. Fiona verpasst das Vortanzen, weil ihre beste Freundin Emma ihr den Freund wegschnappt.

Jugendlich-queeres Coming-of-Age ist hier in zarten Pastelltönen und einem manga-ähnlichen Stil verpackt. Die komplexe Geschichte bietet viel Raum zum Mitleiden, Mitfühlen, Identifizieren und zum Überwinden solch zutiefst menschlichen Krisen.

Micol Arianna Beltramini/Agnese Innocente: Heartbreak Hotel, Ü: Myriam Alfano, Ueberreuter, 2026, 224 Seiten, ab 13, 18 Euro

Die Vielfalt der italienischen Kinder- und Jugendliteratur

Nachdem 2024 Italien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war, habe ich mir mal wieder die Kinder- und Jugendliteratur angesehen, die seit 2021, als ich zuletzt hier darüber berichtet habe, im deutschsprachigen Raum erschienen ist. Es hat sich wider erwarten doch so Einiges getan, und ich bin erstaunt, was sich wieder alles finden ließ. Und vor allem, wie vielfältig die Publikationen sind, die aus Italien zu uns kommen.
Dieses Mal sind mir sogar Bücher für die ganz Kleinen untergekommen – inklusive einem Badebuch, das die Farben wechselt.
Erstaunlich ist die Vielzahl an Bilderbüchern, im Gegensatz zu recht wenigen erzählenden Kinder- und Jugendbüchern. Die Universalität von Bilderbuch-Geschichten spielt dabei sicherlich eine entscheidende Rolle, sind sie doch nicht an Italien und italienische Lebensverhältnisse gebunden, wie es in Kinderbüchern oftmals der Fall ist.
Erstaunlich finde ich zudem, dass so einige Bücher, deren Autor:innen oder Illustrator:innen zwar aus Italien kommen, nicht aus dem Italienischen, sondern aus dem Englischen oder Französischen übersetzt worden sind. In einem Fall dürfte es sich definitiv um Stille-Post handeln, was in Übersetzendenkreisen nicht gern gesehen ist. Manchmal sind die Titel jedoch tatsächlich ursprünglich in den anderen Ländern erschienen.

Die Reihenfolge, in der ich die Bücher hier vorstelle, ist rein zufällig und hat nichts mit Wertung oder meinen persönlichen Vorlieben zu tun. Auch ist dieser Beitrag sicherlich nicht vollständig.
Falls hier Verlage mitlesen: Ich freue mich über Hinweise und/oder Rezensionsexemplare von fehlenden Büchern aus Italien.
Im Laufe des nächsten Jahres werde ich die Neuerscheinungen aus Italien kontinuierlich sammeln und nehme Hinweise zu Erscheinungen sehr gern entgegen.

Und nun viel Spaß beim Entdecken!

Bilderbücher

Den Auftakt bei den Bilderbücher macht natürlich der Klassiker Pinocchio von Carlo Collodi. Eigentlich müsste ich diese beiden Versionen in meinen Pinocchio-Post einbauen, aber auch hier sollte die Langnase einfach nicht fehlen.

Dieses annähernd quadratische Pappbilderbuch bringt selbst den Allerkleinsten schon den italienischen Klassiker schlechthin näher. Der minimalistisch gezeichnete Pinocchio mit den dicken schwarzen Umrandungslinien und den knalligen Farben ist total knuffig. Trotz der extrem verkürzten Texte sind die wichtigsten Eckpunkt der Geschichte drin: Gepetto, die sprechende Grille, Fuchs & Wolf, Kerzendocht, der Wal. Designtechnisch ist das eine der tollsten Pinocchio-Ausgaben und erinnert mich an den Stil von Dick Bruna, z. B. Das Fischlein.

Attilio Cassinelli: Pinocchio, Ü: Vivien Danne, Insel Verlag Anton Kippenberg, 2022, 44 Seiten, 9,95, ab 1

Diese weitere Pinocchio-Pappe kommt hingegen extrem reduziert daher: Pinocchio läuft aus der Schule weg ins Spielzeugland, wird in einen Esel verwandelt und vom Wal verschluckt. Clou ist hier, dass bei diesem Mach-mit-Märchen auf jeder Seite kleine Finger einen Schieber betätigen können, die die Illus von Pinocchio verändern und ihm beispielsweise die lange Nase oder Eselsohren wachsen lassen. Als erste Annäherung an diesen Literaturklassiker durchaus akzeptabel.

Pinocchio, Illus: Tiago Americo, Ü: Susanne Schmidt-Wussow, Auzou, 2022, 12 Seiten, 12 Euro, ab 1

Eine der wohl produktivsten Illustratorinnen ist Agnese Baruzzi. Sie hat in diversen Verlagen veröffentlicht und tauchten unten bei den Sachbüchern auch noch mal auf. Nur ist ihr Name nicht so richtig bekannt – wie ich finde. Das mag vielleicht an diesen Gebrauchsbilderbüchern für die ganz Kleinen liegen.

Ein Badebuch hatte ich hier auf diesem Blog auch noch nie. Aber Agnese Baruzzi hat auch dafür etwas entworfen. Auf sechs gepolsterten Plastikseiten tummeln sich kleine Tier auf schwarzem Untergrund. Jeweils zwei gereimte Verse gibt es dazu: »Die Krabbe winkt, schickt einen Kuss/ und verwandelt sich in einen Oktokpus!« Ganz stimmt der Rhythmus zwar nicht, aber das ist wohl etwas pingelig von mir. Jedenfalls war ich zuerst etwas verwirrt, bis ich begriff, dass die schwarzen Seiten sich im warmen Wasser in weiße verwandeln und die größeren Tiere zum Vorschein kommen. Den Badespaß kann ich mir lebhaft vorstellen.
In der Produktbeschreibung heißt es zwar: » Hinweise zum Material: Das Produkt enthält keine Phthalate und Schadstoffe …« – aber ehrlich: das Plastik stinkt erbärmlich und nicht besonders gesund. Vielleicht dünstet das irgendwann aus, aber so lange würde ich das keinem Kind ins Bad tun. Sorry.

Agnese Baruzzi: Kleine Fische, ohne Übersetzernennung, minedition, o.J., 6 Seiten, 14 Euro, ab 1

Die Kleine Raupe Nimmersatt mal umgekehrt. Hier begleiten wir keine Raupe, sondern bekommen lauter angeknabbertes Gemüse und Obst präsentiert. Da sind Löcher im Mais und im Salat, der Käse ist angebissen und auch den Karotten fehlen Stücke. Hinter den entsprechend ausgeschnitten Seiten, finden sich die hungrigen Geschöpfe, Huhn, Hase, Maus und auch eine Raupe. Sie alle machen dem Kind auf der letzten Seite Lust, ebenfalls Karotten, Äpfel und gesunde Sachen zu essen. Schön, wenn das im echten Leben wirklich so einfach und spielerisch klappen würde …
Auch hier bleibt die Übersetzerin leider ungenannt.

Agnese Baruzzi: … und was isst du?, minedition, 2024, 26 Seiten, 14 Euro, ab 3

Die Pappbücher Mein Zahlenbuch und Mein Farbenbuch sind vom Prinzip identisch aufgemacht. Auf jeder Doppelseite werden zwei Zahlen (von 1-10) oder zwei Farben vorgestellt. Durch einen Schieberegler verändert sich in einem Kasten das Bild, gibt entweder die nächst höhere Zahl frei oder zeigt eine andere Farbe. Für die kleinsten Leser:innen ein Spaß, der die Motorik fördert und Lerneffekte garantiert.
Ich frage mich nur, warum überall im Netz Gabriele Clima als Autor angegeben ist, nur auf den Büchern findet sich kein Hinweis auf ihn. Dort wird nur die Illustratorin Agnese Baruzzi genannt.

Gabriele Clima: Mein Zahlenbuch, Illus: Angese Baruzzi, Ü: Igna Gantschev, minedition, 2024, 12 Seiten, 14 Euro, ab 3
Gabriele Clima: Mein Farbenbuch, Illus: Angese Baruzzi, Ü: Igna Gantschev, minedition, 2024, 12 Seiten, 14 Euro, ab 3

Eine weitere sehr produktive Illustratorin und Autorin ist Marianna Coppo, von der mindestens drei Bücher erschienen sind.

Eine Glühbirne als Hauptfigur gibt es vermutlich in keinem anderen Buch. Aber der großartigen Marianna Coppo gelingt es auch mit so einer Protagonistin, eine entzückende Geschichte zu erzählen. Ray, die Glühbirne, hängt eigentlich in einer Abstellkammer. Zuvor war sier schon mal im Wohnzimmer oder auch im Badezimmer, was nicht so toll war. In der Rumpelkammer kennt Ray alles, hat alles gezählt – auf 41 Dinge ist sier gekommen. Doch eines Tages geht es mit Vater und Kind hinaus in die Natur und auf den Campingplatz. Dort lernt Ray die größte Glühbirne der Welt kennen … und sieht, zurück in der Abstellkammer, siere Welt mit ganz anderen Augen. Ein absolutes Pladoyer, die Welt vor unserer Haustür zu erkunden und sich überraschen und bereichern zu lassen.
Das einzig Verwunderliche für mich als Übersetzerin ist jedoch, dass diese Geschichte aus dem Englischen übersetzt wurde und nicht aus dem Italienischen …

Auch einen Kieselstein zum knallharten Protagonisten zu machen ist ungewöhnlich. Titelfigur Steinchen jedenfalls ist unerschütterlich. Nichts bringt es von seinem angestammten Platz weg, weder Wind noch Zeit. Steinchen hält sich für ein furchtloses Riesengebirge. Doch das ändert sich, als eines Tages ein Hund auftaucht und Steinchen in die Welt hinausbefördert. Jetzt beginnt Steinchen zu überlegen, was es alles so sein könnte: ein feuerspuckender Drache, ein Smoking tragender Pinguin, auf jeden Fall etwas ganz Besonderes … und das findet die Leserschaft dann am Ende selbst heraus und wird mit Sicherheit anfangen Steinchen zu sammeln und sie in etwas ganz Eigenes verwandeln.

In …aber wo ist die Geschichte? bevölkern fünf Figuren eine weiße Doppelseite. Und warteten. Nur auf was? Irgendwann sagte eine, sie müssten auf die Geschichte warten. Doch das wird dann dem Häschen zu langweilig. Und während vier weiter warteten und sich über die Unpünktlichkeit und das Wetter aufregen, fängt Häschen an, auf den linken Seiten etwas zu zeichnen. Erst nur ganz klein, von Seite zu Seite dann immer größer und bunter. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf und erinnert die Betrachtenden daran, dass Jammern nichts nützt und man die Sache vielleicht besser selbst in die Hand nimmt.

Marianna Coppo: Ray. Die Abenteuer einer wissbegierigen Glühbirne, Ü aus dem Englischen: Katharina Naumann, Atrium, 2021, 48 Seiten, 13 Euro, ab 4
Marianna Coppo: Steinchen, Ü: Ulrike Schimming, Bohem, 2022, 48 Seiten, 15 Euro, ab 4
Marianna Coppo: … aber wo ist die Geschichte?, Ü: Ulrike Schimming, Bohem, 2022, 48 Seiten, 18 Euro, ab 4

In Zusammen können wir fliegen treffen die Erzfeinde Schaf und Wolf aufeinander. Doch von Feindschaft keine Spur. Das Schafmädchen beobachtet die Vögel am Himmel und träumt davon, die Welt von oben zu betrachten. Schon läuft sie zu ihrem Freund Wolf und überredet ihn, ein Fluggerät zu bauen. Gemeinsam planen, entwerfen und bauen sie. Doch sie benötigen drei Anläufe, bevor sie wirklich in den Himmel aufsteigen können.
Dieses kleine Buch von großen Träumen und großer Freundschaft kommt in einer Mischung aus Zeichnungen und Kollagen aus wunderschönen alten Buchseiten, geografischen Karten, Mustern, Handschriften daher. Das ist ein wirklicher Hinkucker. Und die Botschaft – gemeinsam ist alles zu schaffen, gerade auch, wenn angebliche Feinde dicke Freunde werden – ist universell.

Giulia Belloni: Zusammen können wir fliegen, Ü: Romy Bouché, Illus Marco Trevisan, Jumbo, 2024, 32 Seiten, 16 Euro, ab 4

In diesem quadratischen Pappbilderbuch stellt die Künstlerin Arianna Papini zehn Farben vor. Auf der linken Seite gibt es jedes Mal einen Sechszeiler darüber, was eine Farbe kann (»Grün kann sich schlingen. Grün kann springen.«) Die erste und sechste Zeile sind immer identisch: »Farbe XY ist nicht nur XY« und »XY kann noch so vieles mehr …« Reime geben den Versen einen dynamischen Rhythmus.
Die gegenüberliegende rechte Seite ist in der jeweiligen Farbe gestaltet und lässt sich nach außen aufklappen. Zum Vorschein kommen dort die unterschiedlichsten Tiere und Pflanzen in der jeweiligen Farbe (ein Flamingo für Rosa, ein Orang-Utan für Orange). Den Abschluss bildet ein Regenbogen und die Aufforderung an die Kids, mit all diesen Farben zu spielen. Die Mischung aus Spannung (was sich hinter den farbigen Seiten verbirgt), Poesie und Mitmach-Aufforderung ist eine super Anregung für Kinder, Kunst zu schaffen.
Nur schade, dass die Übersetzerin nirgendwo genannt wird.

Arianna Papini:  Spiel mit uns FARBEN, ohne Übersetzernennung, minedition, 22 Seiten, 16 Euro, ab 4

Wenn es um die Größe von Tieren geht, ist es im Alltag manchmal schwierig, diese richtig einzuschätzen. Eine erstaunliche Handreichung liefert Rossana Bossù mit Wie groß ist ein Elefant?
Da heißt es in einem wiederkehrenden Schema »1 Eisbär ist kleiner als ein Elefant. Du brauchst 7 Eisbären für die Größe eines Elefanten.« Danach wird der Eisbär mit Löwen verglichen, der Löwe mit dem Alligator. Und so geht es weiter bis zum Floh.
Und zurück zu einem Tier, das noch größer ist als ein Elefant.
Als Betrachter:in staunt man und die Lütten können ganz nebenbei noch das Zählen lernen und üben.

Rossana Bossù: Wie groß ist ein Elefant?, Ü: TextDoc Kiesel, 360 Grad Verlag, 2021, 18 Seiten, 12 Euro (vergriffen), ab 4

Ein kleines Mädchen in Kommst du mit? erzählt dem Nachbarjungen, dass es einen ganz tollen Ort kennt, und fragt, ob er mitkommt. Die zwei wandern los und immer mehr Kinder schließen sich an, gespannt auf den Ort, an dem es gut duftet, man trainieren kann, es sehr bunt zugeht, wo viele Leute sind. Aber dieser Ort ist weder die Bäckerei, noch die Schule, noch das Schwimmbad und auch nicht die Eisdiele. Dieser charmante Reigen führt durch eine italienische Kleinstadt und Italienkenner:innen werden die Straßen und Plätze mit bekannten Orten vergleichen können. Die Auflösung gibt es hier natürlich nicht.
Wunderbar ist es, dass der Achse Verlag die Übersetzerin Anne Brauner auf dem Cover nennt und sie am Ende des Buches selbst zu Wort kommen lässt. Dort erzählt Brauner ganz kurz, was es mit dem Übersetzen auf sich hat. An diesem Vorbild sollten sich die anderen Verlage ein Beispiel nehmen. Das Cover ist weder verunstaltet oder überladen durch die Übersetzerin-Nennung. Und der Text am Ende des Buches macht den Kindern deutlich, wie viel Teamarbeit in einem Bilderbuch steckt.

Cristina Petit: Kommst du mit?, Illus: Chiara Ficarelli, Ü: Anne Brauner, Achse, 2024, 48 Seiten, 22,50 Euro, ab 6

Eine entzückende Freundschaftsgeschichte erzählt Giorgio Volpe: Fux und Hörnchen sind beste Freunde, aber Hörnchen macht immer Winterschlaf. Fux freut sich jedes Mal bannig, wenn Hörnchen im Frühling wieder aufwacht. Bis er eines Tages Dax kennenlernt und auch mit ihm gern Zeit verbringt.
Aber wie soll er Hörnchen nur beibringen, dass er jetzt auch mit Dax befreundet ist? Fux sagt erst mal nix, aber Hörnchen merkt ganz schnell, dass etwas nicht mit ihm stimmt …
Das ist die perfekte Geschichte für kleine Leute, die ihre Freunde immer ganz für sich haben wollen. Über poetische Bilder und einfache Sätze lernen sie hier, dass es für einen selbst und auch für andere eine Bereicherung ist mehr Freunde im eigenen Leben zu haben.

Giorgio Volpe: Freundschaft zu dritt, Illus: Paolo Proietti, Ü: Maxime Pasker, Carl-Auer, 2023, 32 Seiten, 19,95, ab 3

Davide Calì, den ich 2024 auf der Frankfurter Buchmesse bei einer Veranstaltung erlebt habe, ist hierzulande für seine tiefgründigen und psychologischen Bilderbücher bekannt. Hier hatte ich bereits einige von ihm vorgestellt. Nun sind zwei neue bei mir gelandet: In Rhododendron erzählt er von Jakob, der eines Tages schrumpft. Zuerst kann er nicht mehr in den Spiegel schauen, im Auto braucht er Sitzkissen, um was zu sehen, und bei der Arbeit fliegt er raus, weil Kunden nur große Männer mögen. Irgendwann ist er so klein, dass er sich in einer Wiese verläuft und den Weg nach Hause nicht mehr findet. Auf einem Rhododendron jedoch trifft er auf Flora, die genauso klein ist wie er. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg …
In grün-gelben Illustrationen von Marco Paschetta finden Jakob und Flora schließlich eine Lösung für ihr Problem. Und die Leserschaft jede Menge Anregungen zum Nachdenken, über absonderliche Vorgänge im Leben, Ansprüche von anderen und den Umgang mit ungewohnten, neuen Situationen. Die Interpretationsebenen hier sind vielfältig, die kreativen Möglichkeiten, mit dieser Geschichte umzugehen, ebenso.

Und auch im Bilderbuch Ein köstliches Problem, das aus dem Französischen übersetzt wurde, finden sich jede Menge Momente zum Nachdenken und Reflektieren: Eines Tages fällt in einem Dorf etwas Gigantisches vom Himmel. Niemand weiß, was es ist, aber schnell machen sich die Dorfbewohner daran zu überlegen, wie man dieses offensichtlich große Problem wegbekommt. Man erwägt Maschinen zu bauen oder Bomben zu werfen, der Philosoph will den Grund wissen, warum das Problem überhaupt da ist, der Neugierige, woher es kommt, und der Pessimist sieht es als Zeichen für das Ende der Welt. Es wird demonstriert, aber nichts ändert sich. Bis ein Mädchen sich alles mal genauer ansieht…
Wer jetzt schon die Parallelen zu unserer Gegenwart sieht, ja, sie sind offensichtlich. Die Auflösung verrate ich hier aber nicht. Die Illustrationen zeigen die Figuren als Schmetterlinge in rostrot-brauen Naturszenarien, die etwas Fabel-haftes an sich haben. Wunderbar zum Anschauen und voller Details, die entdeckt werden wollen. Bis sich das Problem irgendwann gelöst hat.

Davide Calì: Rhododendron, Illus: Marco Paschetta, Ü: Paola Sfilio und Celine Eßlinger, Carl-Auer, 2023, 30 Seiten, 21,95, ab 4
Davide Calì: Ein köstliches Problem, Illus: Marco Somà, Ü aus dem Französischen: Maxime Pasker, Carl-Auer, 32 Seiten, 19,95, ab 4

Ameise Emilia will etwas Besonderes unter all den Ameisen aus ihrem Bau sein. Eines Tages zieht sie sich ein gelbes T-Shirt an. Das finden auch die anderen Ameisen schick und machen es ihr nach. Emilia wechselt zu rot, die anderen machen es ihr nach. So geht es ein paar Seiten weiter. Bis Emilia sich eine Krone aufsetzt. Das macht ihr keine andere Ameise nach, denn es gibt nur eine Königin im Bau. Und die ruft Emilia zu sich, schimpft und wirft mit der falschen Krone nach Emilia. Als Emilia sich ein Pflaster auf die Wunde klebt, machen die anderen Ameisen ihr auch das wieder nach.
Nach dieser Lektüre kann man trefflich über Gemeinschaft und Individualität diskutieren, warum wir alle so gern das haben, was die anderen auch haben, und warum manche Individuen wirklich einzigartig sind.

Tullio Corda: Emilia, eine Ameise wie keine andere, Ü: Igna Gantschev, minedition, 2024, 32 Seiten, 16 Euro, ab 4

Eines Tages steht eine Kiste mit zwei Löchern im Wald. Die Tiere sind erstaunt und neugierig. Wer da wohl drinsteckt? Sie versuchen alles, damit sich der neue Gast zeigt. Doch vergeblich. Selbst die reingesteckten Leckereien nützen nichts. Als ein Unwetter über dem Wald niedergeht, nehmen die Tiere die Kiste mit in ihren Unterschlupf und da zeigt sich endlich der neue Waldbewohner …
Bär, Fuchs, Kaninchen, Eichhörnchen und alle möglichen Vögel tun sich in dieser Geschichte, die die Freundschaft feiert, zusammen. Sie beweisen, dass man manchmal Ausdauer und Geduld haben muss und dass manche Geschöpfe sich nicht sofort zeigen, sondern erst einmal Vertrauen aufbauen müssen.

Isabella Paglia: Die Kiste, Illus: Paolo Proietti, Ü: Igna Gantschev und Annika Siems, minedition, 2024, 32 Seiten, 16 Euro, ab 4

Rufus ist ein Weihnachtsmannkater. Er entstammt einer langen Dynastie aus Katern, die beim Weihnachtsmann lebten. Dort geht es das Jahr über meist sehr geruhsam zu. Kater und Weihnachtsmann essen Süßigkeiten, machen ein Nickerchen und setzen Speck an. Rufus wird das jedoch zu langweilig und so schleicht er sich eines Weihnachtsabends auf den Schlitten und reist mit dem Weihnachtsmann zu den Häusern der Kinder, die an den Weihnachtsmann geschrieben haben. In einem der Häuser findet der Weihnachtsmann einen Brief eines Jungen, der seine ursprünglichen Wünsche nicht mehr will. Er wünscht sich statt Technikspielzeug viel lieber einen Freund zum Spielen, eine Katze. Und nun hat Rufus seinen Auftritt …
Eine ganz entzückende Weihnachtsgeschichte, die die Leserschaft ganz unaufgeregt an das wirklich Wichtige im Leben erinnert: die Freundschaft.

Fulvia Degl’Innocenti: Rufus, der Weihnachtskater, Illus: Daniela Costa, Ü: Igna Gantschev, minedition, 2024, 32 Seiten, 16 Euro, ab 4

Der kleine Bär Bruno streift mittlerweile in zwei Bilderbüchern durch den Lesewald. 2021 tauchte er zum ersten mal in Deutschland auf, kurz vor dem Winter. Mama Bär holt ihn da vom Spielen aus dem Wald zurück, denn Bruno soll endlich Winterschlaf halten. Aber das Einschlafen fällt ihm gar nicht so leicht. Daher greift Mama Bär auf einen altbewährten Trick zurück: Sie erzählt ihm kurze Geschichten von anderen Tieren, wie Antonello, dem popelnde Tapir, oder Fifo, dem kleinen Angsthasen.
Im zweiten Band nun, aus dem Jahr 2024, erwacht Bruno aus dem Winterschlaf und Mama Bär hat für ihn und seine Waldfreunde, die ihn schon sehnlichst erwarten eine Überraschung parat.
Sie hat viele Eier besorgt, die die Tierkinder anmalen sollen. Mama Bär versteckt diese kleine Kunstwerke anschließend und schickt die Lütten dann zum Eiersuchen.
Bei der Rückkehr mit den Eiern erzählt sie dann zu Belohnung wieder verschiedene Tiergeschichten. Dieses Mal tritt ein eitler Pfau auf, eine etwas unreinliche Rattenfamilie und ein kleiner Biber mit schlechten Zähnen.
Diese süßen kurzen Geschichten sind durchweg gereimt und halten alle möglichen Überraschungen für Bruno und die anderen kleinen Zuhörenden bereit. Für die Übersetzerin Daniela Papenberg dürfte das Reimen und Nachdichten sicherlich eine ganz schöne Mühe gewesen sein. Das Vorlesen macht dadurch aber noch mal mehr Spaß.

Serena Romanelli: Bruno. Kurze Geschichten für lange Nächte, Illus: Hans de Beer, Ü: Daniela Papenberg, Nordsüd, 2021, 32 Seiten, 15 Euro, ab 3
Serena Romanelli: Bruno. Bärige Ostern, Illus: Hans de Beer, Ü: Daniela Papenberg, Nordsüd, 2024, 32 Seiten, 17 Euro, ab 3

Gianni Rodari, der Meister der Kurzgeschichten, Gedichte und Reime und ein Klassiker in Italien, hat ein Gedicht über die Hoffnung verfasst, das diesem Bilderbuch zugrunde liegt. Dieses Gedicht, indem ein Ich-Erzähler in einem winzigen Laden Hoffnung an all die für ganz wenig Geld verkaufen würden, die sie dringend brauchen, wurde 2020 im EU-Parlament öffentlich verlesen. So sollte Italien, das damals als eines der ersten Länder schwer vom der Corona-Pandemie getroffen wurde, Hoffnung geschenkt werden. Francesca Ballarini hat quietschbunte, fröhliche Bilder für die wenigen Verse gefunden, in denen ein Kind ein Plakat mit der Aufschrift »Hoffnung« malt und es über einem Kiosk aufhängt. Die supergünstige Hoffnung macht Schlagzeilen und versteckt sich im Verkaufsregal. Armen Menschen würde der Erzähler die Hoffnung allerdings auch schenken. Einfach nur schön, dieses Buch!

Gianni Rodari: Hoffnung, Illus: Francesca Ballarini, Ü: Susanna und Johannes Rieder, Rieder Bilderbücher, 2021, 32 Seiten, 15 Euro, ab 4

Sachbilderbücher über Tiere sind immer wieder faszinierend. Eine ganz besondere Zusammenstellung hat Daniela Pareschi vorgelegt. 19 Tierarten präsentiert sie und zwar nicht sortiert nach den üblichen biologischen Kriterien, sondern nach überraschenden Merkmalen, die uns so vielleicht noch nie aufgefallen sind. Da lernen wir beispielsweise Tiere mit Kopfschmuck kennen. Wer jetzt an den Hirschen denkt, liegt völlig richtig, aber wer kennt schon den Kagu? Dieser Vogel besitzt am Schnabel kleine Klappen, mit denen er die Nasenlöcher verschließen kann und die wie kleine Hörner aussehen. Ähnliches entdeckt man bei Tieren mit Stacheln (Dornteufel und Dornenkronenseestern) oder mit langen Zähnen (Vampirfisch und Goliath-Vogelspinne). Dazu kommen leuchtende und unsichtbare Tiere; welche, die fliegen können, aber keine Vögel sind; welche, die sich aufblasen oder viel schlafen. Und natürlich Tiere, die es gar nicht gibt. Jeweils auf einer Doppelseite trifft man auf das entsprechende Sammelsurium, flankiert von jeweils einer ganzseitigen Illu in stimmungsvoll-atmosphärischen Farben. Das ist nicht nur ein Buch für naturbegeisterte Kids, die ihr Tierwissen erweitern wollen, sondern für alle.

Daniela Pareschi: Tierisch schön, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2024, 44 Seiten, 18 Euro, ab 4-99

Dieses Bilderbuch zu Dantes Göttliche Komödie habe ich schon eine Weile hier liegen und habe mich bis jetzt immer gefragt, welches Kind wohl dieses Buch anschaut oder liest. Eine Antwort habe ich noch nicht darauf gefunden.
Autor Daniele Aristarco erzählt in diesem Buch eigentlich seine eigene Geschichte, wie er mit neun Jahren zum ersten Mal von Dantes Komödie gehört und sie heimlich gelesen hat. Das passt in Italien natürlich ganz hervorragend, da dort niemand an Dante vorbeikommt, Zusammenfassungen und Umschreibungen von Klassikern gang und gäbe sind und die Lektüre in der Schule selbstverständlich Pflicht ist. Nur bei uns ist das nicht ganz so einfach. Dementsprechend unverständlich dürften die Erzähltexte Aristarcos für deutsche Lesende bleiben, die nicht italienische Literaturwissenschaft studiert haben. Die Anspielungen und einzelnen Erklärungen zum »Plot« der Göttlichen Komödie dürften nur die Experten wirklich erkennen. Die Originalzitate aus der deutschen Übersetzung der Komödie sind so kurz, dass kaum ein Zusammenhang erkennbar ist.
Die Illus von Marco Somà mögen in ihrer rostroten und petrolblauen Farbgebung durchaus faszinieren, zumal die Figuren mit Tierköpfen versehen sind und so eine Mischung aus Hieronymus Bosch und Michelangelos »Jüngstem Gericht« ergeben.
Der ganze Anspruch mittels der Göttlichen Komödie über das Leben und seine Irrungen und Wirrungen, über Hölle und Erkenntnis nachzudenken, mag ein hehrer sein, aber Kinder dürfte es ziemlich überfordern bzw. langweilen.

Daniele Aristarco: Die Göttliche Komödie, Die ersten Schritte in den dunklen Wald, Ü: Christel Rech-Simon und Hartmut Köhler (ex Reclam, 2014), Illus: Marco Somà, Carl-Auer, 2022, 46 Seiten, 19,95 Euro, ab 10

In diesem 42 cm großen Bilderbuch befasst sich die Iranerin Elham Asadi auf eine ganz berührende Weise mit der Geschichte vom persischen Neujahrsfest Newroz. Auslöser ist der erste Schnee, den ein Mädchen erlebt. Die Großmutter erzählt ihr daraufhin, dass einst im alten Persien eine Frau namens Naneh Sarma hoch über den Wolken lebte. Sie wartete auf einen Mann, der gefrorene Gewässer wieder zum Fließen bringen konnte. Sie wartete auf Nouruz. Und während sie wartete, putzte sie das Haus, fegte, wirbelte den Staub aus dem Haus, der als Schnee auf die Erde fiel. Nach dem Hausputz war sie so müde, dass sie einschlief …
Diese Frühlings- und Neujahrsgeschichte hat Sylvie Bello mit zarten poetischen Bildern illustriert, in denen man sich wahrlich verlieren kann. Das gesamte Buch ist ein poetischer Schatz und zeugt von der Universalität gewisser Geschichten.

Elham Asadi: Der erste Schnee, Ü: Ulrike Schimming, Illus: Sylvie Bello, Bohem, 2022, 32 Seiten, 29,95, ab 6

Kinderbücher

Bei den Kinderbüchern sind erstaunlich wenige neue Geschichten zu finden. Die, die es geschafft haben, sind im Reich der Fantasie angesiedelt – bis auf das Buch eines TikTokers…

Eine Neuauflage, die mich persönlich besonders freut, sind die Gutenachtgeschichten am Telefon von Gianni Rodari, einem DER Klassiker der italienischen Kinderbuchliteratur. Hier konnte ich nämlich meine Übersetzung von 2012 noch einmal neu unterbringen. Zwar sind im Vergleich zur Ausgabe von damals nur 60 der ursprünglich 70 Geschichten vertreten, aber das ist in Ordnung. Denn es gab durchaus ein paar, die heute nicht mehr gut vermittelbar sind, wie beispielsweise die vom Eisbären, der sich freut, dass der Nordpol abschmilzt und dort nun Veilchen wachsen. Das würde selbst ein Gianni Rodari verstehen und heute vermutlich ganz andere Geschichten in Sachen Klimakrise schreiben.
Aber es gibt immer noch genug kurze Geschichten, die Signor Bianchi seiner Tochter abends am Telefon erzählt: vom Kaputtmachhaus, der Straße aus Schokolade, dem Fahrstuhl zu den Sternen. Immer ist es etwas schräg und anarchisch. Die Kinder in den Geschichten dürfen sich ausleben und werden nie gemaßregelt. Das macht einfach Freude und Lust auf eigene wilde Ideen.

Der kleine Susanna Rieder Verlag hat die verbleibenden Geschichten von Anna Ring ganz wunderbar neu illustrieren lassen. Die knallbunten frisch-frechen Bilder sind toll anzuschauen und heizen die Fantasie noch mal zusätzlich an.

Gianni Rodari: Gutenachtgeschichten am Telefon, Illus: Anna Ring, Ü: Ulrike Schimming, Susanna Rieder Verlag, 2024, 208 Seiten, 24 Euro, ab 4

Kennt ihr Khaby Lame? Also ich kannte ihn nicht und habe sein aktuelles Buch, Das Leben kann so einfach sein, als ich es in der Hand hielt, zunächst einmal mit Verwunderung gelesen. Ein Comic-Roman à la Gregs Tagebuch. Darin steht Khaby dem 11-jährigen Marco bei, der auf eine höhere Schule wechselt und nun mit dem Leben hadert: Er hat die falschen Klamotten, das falsche Handy, keine Freunde, das verkehrte Hobby, gilt plötzlich als Streber, nur weil er einen englischen Satz korrekt formuliert hat. Die üblichen Dramen im Schulalltag.
Khaby steht Marco bei und hilft ihm aus diversen Patschen.

Soweit so mäßig spannend. Dann habe ich mal gegoogelt und musst feststellen, dass es sich bei Khaby Lame um einen der erfolgreichsten TikToker mit 162 Millionen Follower handelt, der in bester Manier Stummfilm-Comedy betreibt. Dabei nimmt er vor allem unnütze Life Hacks auf die Schippe und präsentiert die viel offensichtlicheren Alltagslösungen. Das ist schon ziemlich witzig.
Leider bekommt er diesen Witz nicht in seinen Büchern rüber. Aber vielleicht werden seine jüngsten TikTok-Fans so zum Lesen animiert, wer weiß.

Khaby Lame/Simmone Laudiero: Das Leben kann so einfach sein, Illus: Gabriele Bagnoli, Ü: Christina Neiske, dtv junior, 2023, 160 Seiten, 14 Euro, ab 10

Seit ein paar Jahren treibt das Vampirmädchen Mortina sich nun schon in der Buchwelt herum. In kurzen kindgerechten Gruselgeschichten kann man sie und ihre schräge Verwandtschaft – die Adam’s Family lässt grüßen – in ihrem Spukschloss begleiten. Auf meinem Schreibtisch sind jetzt Wer klopft da an die Tür und Das große Verschwinden gelandet.

Im ersten hilft Mortina einem Geisterjungen, sich an seinen Namen und seine Geschichte zu erinnern, um nicht völlig in der Vergessenheit zu geraten. Im zweiten verschwindet plötzlich Tante Dipartita. Und als Mortinas Menschenfreunde ihr bei der Suche nach der Tante helfen, ist plötzlich auch das Mädchen Teresa nicht mehr aufzufinden.
Der langweilige Dilbert mit dem Sprachfehler trägt schließlich zu Lösung dieser Gruselsuche bei …

Die Mortina-Reihe, die mittlerweile fünf Bände umfasst, lebt vor allem durch die Illustrationen der Autorin Barbara Cantini. Darin gibt es immer viel zu schauen und kleine comicartige Hinweise auf ungewöhnliches Inventar (Kekse von 1895) erweitern die Geschichten um atmosphärische Details. Zu Halloween sind diese Bücher die absolut passende Lektüre und für alle Grusel- und Spukfans.

Barbara Cantini: Mortina. Wer klopft da an die Tür?, Ü: Knut Krüger, dtv junior, 2020, 48 Seiten, 10,95, ab 8
Barbara Cantini: Mortina. Das große Verschwinden, Ü: Knut Krüger, dtv junior, 2020, 48 Seiten, 10,95, ab 8

Eine weitere Geschichte von Barbara Cantini erzählt von der Hexenschülerin Ophelia und dem kleinen schwarzen Kater Oskar. Dieser verfügt über eine besondere Begabung, denn er kann sich verwandeln – in eine Balletttänzerin, einen Bäcker, eine Fledermaus. Doch nichts scheint für ihn das Richtige zu sein. Das ändert sich, als Ophelia sich auf die Suche nach einem Hexenkater macht, den sie für ihren ersten Mitternachtsflug auf dem Hexenbesen braucht. Das Mädchen mit den roten Locken und der Kater legen zwar zunächst eine Bruchlandung hin, dennoch fühlen sie sich für den großen Tag gewappnet …
Auch hier hat Cantini wieder sowohl den Text als auch die Bilder geliefert und wieder finden sich lustige Details und Hinweise in den Illus. Für Katzenliebhaberinnen und Hexenfans ist das entzückend schräges Lesefutter, das Erstleser nicht überfordert, weil es neben den kurzen Texten sehr viel zu gucken gibt.
In Italien ist bereits ein zweiter Teil erschienen – dort heißen die Hauptfiguren lustigerweise Puffy und Brunhilde … wobei mir Brunhilde eigentlich viel besser gefällt als Ophelia, die für mich ja irgendwann bleich und ertrunken im Teich liegen müsste, während Brunhilde viel eher zum Walkürenritt durch die Wolken antreten kann. Aber das nur am Rande. Aus Erwachsenensicht.

Barbara Cantini: Oskar & Ophelia. Flugstunde mit Kater, Ü: Knut Krüger, dtv, 2022, 64 Seiten, 13 Euro, ab 8

Fast schon kein Kinderbuch mehr ist das sehr poetisch-philosophische Buch Osso von Michele Serra. Darin taucht eines Tages bei einem namenlosen alten Mann ein abgemagerter Hund im Garten auf. Der Mann erholt sich gerade von einer Krankheit und ist verunsichert, weil er noch nie einen Hund oder ein anderes Haustier hatte. Doch er stellte dem Tier einen Napf mit Futter hin. Und so entspinnt sich einen vorsichtige Annäherung zwischen Mensch und Tier, das die kleine Enkelin des Mannes »Osso« tauft, abgeleitet von italienischen Begriff für »Knochen«. Osso steht für die Natur, die vor dem Haus des Großvaters beginnt und in der er lange nicht mehr war. Doch langsam traut sich der alte Mann wieder hinaus, fängt an, sich um Osso zu kümmern und die Schönheit der Natur zu entdecken.
In diese anrührende Freundschaftsgeschichte hat der Journalist Serra seine Version der Domestizierung der Wölfe vor vielen Tausend Jahren eingebaut. Diese Geschichte für große und kleine Hundliebhaber:innen wird von zarten Aquarellen von Alessandro Sanna flankiert.

Michele Serra: Osso, Illus: Alessandro Sanna, Ü: Peter Klöss, Diogenes, 2024, 136 Seiten, 25 Euro, ab 10

Jugendromane

Auch die Ausbeute bei den Jugendbüchern ist dieses Mal nicht besonders umfangreich – bitte schreibt mir die Bücher, die ich übersehen habe!

Spannend fand ich die Lektüre von Der Geruch der Wut von Gabriele Clima: Alex ist von einem fixen Gedanken besessen: Er will den Mann finden, der den Unfall verursacht hat, bei dem sein Vater um Leben gekommen ist. Dafür wendet er sich an einen rechten Schlägertrupp und wird in eine Spirale aus Hass und Gewalt hineingezogen. Denn die Black Boys – das Schwarz steht hier für die Schwarzhemden aus dem faschistischen Italien der 1920er Jahre – machen Jagd auf Menschen mit dunkler Hautfarbe. Als Alex merkt, in was er da verwickelt wird, will er aussteigen, doch das ist schwieriger als gedacht.
Gabriele Clima liefert mit dieser Geschichte einen hochaktuellen Jugendroman. Es gibt einige überraschende Wendungen, die die Leserschaft aufrütteln und die eigenen Einstellungen und Vorurteile auf den Prüfstand stellen. Ich könnte mir hier lebhafte Diskussionen in den Schulen vorstellen, sollte dieses Buch mal Schullektüre werden.

Gabriele Clima: Der Geruch von Wut, Ü: Barbara Neeb, Katharina Schmidt, Hanser, 2022, 192 Seiten, 17 Euro, ab 15

Auch Antonella Sbuelz versucht sich an aktuellen Themen: Die beiden Teenager Mattia und Aziz leben an verschiedenen Orten. Mattia in Italien, Aziz in Afghanistan. Und doch erleben sie, wie ihre gewohnten Welten zusammenbrechen. Aziz wird durch den Krieg zur Flucht aus seiner Heimat gezwungen. Seine Mutter wird getötet, von seinem Vater und Onkel wird er getrennt.
Als Mattias Eltern sich trennen, verlässt der Junge sein Zuhause und versteckt sich in verschiedenen Kellern, streunt umher. Irgendwann trifft er Aziz und rettet ihn vor der Polizei. Später entdeckt er, dass Aziz gar nicht Aziz ist.
Antonella Sbuelz erzählt in Heute geh ich nicht nach Hause sehr poetisch von den zwei verschiedenen Lebenswegen, die sich schließlich überschneiden. Sie lässt ihre Figuren in Erinnerungen ihre Gefühlslagen erkunden und schürt die Hoffnung auf ein besseres Leben, trotz schwieriger Lebenslagen.
In wieweit die Gegenüberstellung von westlichem Scheidungskind-Drama mit echtem Kriegselend und der Verfolgung von Mädchen allerdings sinnvoll ist, wage ich etwas zu bezweifeln.

Antonella Sbuelz: Heute gehe ich nicht nach Hause, Ü: Michaela Heissenberger, Arctis, 2023, 288 Seiten, 18 Euro, ab 12

Fantastisch geht es in Marta Palazzesis Feder und Kralle zu. Im spanischen Valencia im Jahr 1914 treffen auf einem Jahrmarkt das Mädchen Amparo und der Junge Tomás aufeinander. Beide sind Gestaltwandler: Amparo verwandelt sich beim ersten Sonnenstrahl des Tages in einen Falken, Tomás wird bei Sonnenuntergang zu einem Panther. Zusammen mit Pepe, dem »König« des Hafenviertels, machen sie sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und den Gründen, warum sie so sind, wie sie sind.
Ergänzt wird die Geschichte von atmosphärischen Schwarzweißbildern von Ambra Garlaschelli. Hier wird die Geschichte auf visueller Ebene ergänzt und anschaulich gemacht. Manche Figuren wirken dabei wunderbar gruselig. Für Fantasy-Fans auf jeden Fall eine unterhaltsame Lektüre.

Marta Palazzesi: Feder und Kralle, Illus: Ambra Garlaschelli, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2024, 272 Seiten, 15 Euro, ab 10

Vom Dauerschreiber und Abenteuer-Autor Davide Morosinotto, siehe auch hier, sind in den vergangenen Jahren zwei weitere Bücher ins Deutsche übersetzt worden: In Time Shifters spielt er dieses Mal ein Sciencefiction-Szenario durch, das dem faszinierenden Gedanken »Was wäre wenn … wir durch die Zeit reisen könnten?« Rechnung träg. Micaela ist eine Agentin, die mithilfe einer neuen Technik in der Zeit zurück- und an andere Orte reisen kann. Sie überwindet dabei keine langen Zeiträume, sondern immer nur ein paar Stunden. So soll sie dieses Mal einen Bombenanschlag auf eine Schule in Bologna verhindern. Normalerweise muss sie nicht viel machen, um den Lauf der Geschichte zu verändern – es reicht, sich die Schuhe zu binden oder einen Zettel von einem Tisch zu nehmen. Sie ist wie ein kleiner Anstupser, der die Abläufe in eine andere Richtung lenkt. Doch dieses Mal funktioniert es nicht und Micaela muss die anstrengende Tour durch die Zeit ein paar Mal hinter sich bringen, denn sie wird von einem Kollegen sabotiert.
Morosinotto liefert hier wie gewohnt eine spannende Geschichte, die bis zum Schluss Überraschungen bereit hält.

In Sohn des Meeres versetzt Morosinotto die Leserschaft 1600 Jahre zurück in der Geschichte, ins zerfallende Römische Reich. Der 14-jährige Pietro erlebt, wie die Hunnen unter Attila im Land einfallen. Der Junge, der für sein Alter sehr groß und kräftig ist, wird als Soldat rekrutiert. Natürlich kann er nicht kämpfen und gerät stattdessen mit seinen Freunden Tito und Justina auf eine Wanderschaft durch Norditalien. Insgeheim hofft er, unter den Hunnen vielleicht seinen richtigen Vater zu finden. Dieser hatte seiner Mutter einst eine halbe Goldmünze dagelassen, als Erkennungszeichen.
Gewohnt spannend und voller Wendungen erzählt Morosinotto vom Leben in der damaligen Zeit, von der wir uns so gut wie keine Begriffe mehr machen. Er zeigt die Lebensumstände, die damalige Kleidung, das Essen, das zu jener Zeit noch ohne Pizza und Pommes auskam und eher aus Spanferkel und Hirsebrei bestand. Super Lesefutter für Abenteuer-Fans.

Davide Morosinotto: Time Shifters. Ohne uns gibt es kein Morgen, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2022, 416 Seiten, 17 Euro, ab 14
Davide Morosinotto: Sohn des Meeres, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2024, 368 Seiten, 18 Euro, ab 14

Sachbücher


Actionreich geht es in den Verrückt-nach-Sammelbänden zu. Hier wird nicht nur gelesen, sondern gemalt, ausgeschnitten, gebastelt, gerätselt und zwar zu so wichtigen Themen wie Geografie oder Wissenschaften. Im Geografie-Band bekommen die Kids einen Einblick, was für Karten es gibt, die wir heute auf unseren Smartphones und Tablets so selbstverständlich nutzen. Sie erfahren, wie man solche Karten liest, welche Informationen die Farben liefern, wie die Himmelsrichtungen zu erkennen sind und wie man solche Karten auch selbst anlegen kann. Ähnliches passiert in den Bänden über Flaggen, Städte und Naturlandschaften, die sich anschließen.
Im Sammelband über die Wissenschaften taucht man in die Welt der Insekten, der Geologie und des Wassers ein. Auch hier gibt es wieder Spiel- und Bastelspaß – mein inneres Kind ist ganz begeistert und würde am liebsten sofort losmalen und ausschneiden. Die Illus stammen wieder einmal von Agnese Baruzzi und kommen sehr klar und modern daher. Und neben dem ganzen Spielspaß bleiben unglaublich viele Infos und viel Wissen über unsere Umwelt hängen.

Paola Misesti (Hg.): Verrückt nach Geografie, Illus: Agnese Baruzzi, Ü aus dem Englischen: Ulrich Magin, impian, 2024, 288 Seiten, 16,95 Euro, ab 7
Tecnoscienza (Hg.): Verrückt nach Wissenschaften, Illus: Agnese Baruzzi, ohne Übersetzer-Angabe, impian, 2024, 216 Seiten, 14,95, ab 6

Braucht man eigentlich ein Buch über Bücher? Ja, wenn es so schön und sinnvoll gemacht ist, wie Das Buch der Bücher von Pierdomenico Baccalario. Darin stellt er 37 Klassiker der Weltliteratur vor – und darunter verstehe ich jetzt wirklich die gesamte Literatur von Kinderliteratur bis Belletristik. Denn Baccalario begrenzt sich nicht auf eine Altersgruppe, sondern liefert jungen Lesenden eine Orientierung in der Literatur. Beginnend bei Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen bis hin zu Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer lassen sich hier grundlegende Geschichten entdecken. Jedem Buch sind vier Seiten gewidmet. Darauf werden kurz und knapp die Hauptfiguren der Geschichte vorgestellt, der Inhalt umrissen, die Besonderheiten angedeutet, ein prägnanter Satz zitiert und eine Begründung geliefert, warum man dieses Buch lesen soll. Also im Grunde der Elevator-Pitch fürs Lesen.
Daneben gibt es aber zudem weitere Buchtipps, die zu der jeweilige Lektüre passen würden.
Wer also Orientierung sucht im Dschungel der Bücher, Bibliotheken und Bestseller, hat mit Baccalarios Buch einen ersten Leitfaden in der Hand, von dem aus man in die Weiten der Literatur aufbrechen kann und ein perfektes Fundament an Kulturwissen anlegen kann.

Pierdomenico Baccalario: Das Buch der Bücher. Von Grüffelo bis Sofies Welt. Alle Bücher, die du zum Großwerden brauchst, Ü: Anna Becchi, Illus: Andrea Ucini, Hanser, 2022, 160 Seiten, 22 Euro, ab 12

Leider vergriffen ist das Buch über das Weltall, das ich übersetzt habe und das ich sehr schätze, weil es von sechs Astrophysikerinnen geschrieben wurden. In einer unvergleichlichen Mischung liefern die sechs Erzähl- und Erklärtexte, Anleitungen zum Nachmachen, um das Weltall besser zu verstehen, und diverse Biografien von Frauen, die die Astrophysik geprägt haben. Daneben gibt es freie Gedichte von Silvia Vecchini, die den ganzen Zauber des Alls einfangen. In den Erzählpassagen erklärt eine große Schwester, die Astrophysik studiert, ihrem jüngeren Geschwisterkind – dessen Geschlecht nicht offenbart wird, was wohl sämtlichen Rezensenten entgangen ist – das All. So werden nicht nur die Mysterien der Sterne poetisch und gleichzeitig leicht verständlich gemacht, sondern auch die Mädchen darin empowert, sich für dieses Fach und den Kosmos um uns zu interessieren. Hätte ich so ein Buch von 30 Jahren in die Finger bekommen, würde ich heute vielleicht die Stern erforschen…

Simona Gallerani/Maria C. Orofino/Edwige Pezzulli/Raffaella Schneider/Rosa Valiante/Tullia Sbarrato: Das Weltall. Ein Spaziergang durch die Geheimnisse des Universums, Gedichte von Silvia Vecchini, Ü: Ulrike Schimming, Illus: Alice Beniero, Carlsen, 2021, 216 Seiten, 22 Euro, ab 10

Beim Autor Gianumberto Accinelli wurde ich hellhörig, habe ich doch 2017 von ihm Der Dominoeffekt übersetzt. Das Buch wurde 2018 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Doch was muss ich bei Hinab ins tiefe Blau und Hinauf ins Himmelblau feststellen? Übersetzt aus dem Englischen. Meines Wissens schreibt Accinelli jedoch nicht auf Englisch, die bibliografische Angabe verweist auf ein italienisches Original. Es wäre eigentlich für arsedition ein leichtes gewesen, eine:n Übersetzer:in aus dem Italienischen zu finden – mich oder eine:n Kolleg:in. Ich weiß, dass Accinelli und diese naturwissenschaftlichen Themen nicht leicht zu übersetzen sind, aber so über Bande bzw. stille Post zu spielen, sollte eigentlich nicht nötig sein. Das mal vorweg.
Accinelli erzählt hier kurze Geschichten über die Lebewesen der Meere. Dabei hält man das Buch senkrecht und blättert quasi nach oben um und bekommt so den Eindruck immer tiefer ins Meer abzutauchen. Aus dem hellen Türkisblau wird so mit jedem Blättern ein tieferes Meeresblau. Links läuft eine Meterangabe mit und je nach Lebensraum »schwimmen« die Fische und Wasserbewohner vorbei. Bis schließlich am tiefsten, schwärzestens Punkt im Mariannengraben nur noch der Meeresboden und darüber das U-Boot Trieste zu finden ist. Clever gemacht und für Kids mit Wissensdurst eine Fundgrube.

Bei Hinauf ins Himmelblau geht es nun hoch in Lüfte. Es beginnt zunächst einmal mit den Ameisen am und im Boden sowie den erdnahen Insekten und Vögeln. Känguru und Hochspringer Javier Sotomayer hopsen durchs Bild und beweisen, wie sie die Schwerkraft überwinden. Eine kleine Hummel schafft es bis in 5600 Meter Höhe (nur schade, dass sie auf der Skala bei 6400 eingezeichnet ist – das verwirrt doch etwas). Kraniche schaffen es als einzige Lebewesen wohl über die 10.000 Meter. Darüber, im All, sind dann nur noch Meteoriten und menschengeschaffene Raumsonden zu finden … Auch dies wieder eine interessante Idee und für wissensdurstige Jungleser:innen spannend. Nur hat mich hier das Hochblättern irritiert. Vielleicht hätte man dieses Buch von hinten aufziehen müssen, wie einen Manga, um die Bewegung nach oben zu simulieren. So muss man immer genau hinschauen, auf welcher Höhe man sich gerade befindet.

Nichtsdestotrotz wurde Hinauf ins Himmelblau von bild der Wissenschaft in der Sparte »Perspektive: Sachkundigste Kinderbuch« als Wissensbuch des Jahres 2024 ausgezeichnet.

Gianumberto Accinelli: Hinab ins tiefe Blau. Eine erstaunliche Reise von der Erde bis zum Meeresgrund, Illus: Giulia Zaffaroni, Ü aus dem Englischen: Andreas Jäger, arsedition, 2022, 80 Seiten, 18 Euro, ab 10
Gianumberto Accinelli: Hinauf ins Himmelblau. Eine erstaunliche Reise von der Erde bis ins Weltall, Illus: Giulia Zaffaroni, Ü aus dem Englischen: Andreas Jäger, arsedition, 2024, 96 Seiten, 18 Euro, ab 10



Vom Philosophen Umberto Galimberti sind mittlerweile drei Bücher für Jugendliche erschienen, zwei davon in meiner Übersetzung. ZIn Das große Buch der Gefühle befasst sich Galimberti mit 50 menschlichen Emotionen, angefangen beim Altruismus bis hin zur Zuversicht. Zusammen mit seiner Co-Autorin Anna Vivarelli erklärt er, um was für ein Gefühl es sich eigentlich handelt, wenn wir Liebe, Hass, Freude oder Wut empfinden, wie wir uns verhalten, wenn uns so eine Emotion überkommt, was wir dafür oder dagegen unternehmen können. Jedem Kapitel ist ein längeres Zitat aus der Weltliteratur vorangestellt (was beim Übersetzen enorm viel Arbeit gemacht hat, denn es galt die bereits übersetzten Stellen aus den deutschen Ausgaben herauszusuchen).

Das große Buch der Philosophie liefert dann 100 Kurzbiografien von philosophischen Denker:innen. Den Anfang macht Thales von Milet, den Abschluss bildet Judith Butler. Hier finden alle Philosophie-Interessierten einen ersten kurzen Abriss über die Denkmodelle der vergangenen 2000 Jahre. Anregende Fragen oder Hinweise zum Hinterfragen der großen Denker:innen fordern dann die Leserschaft auf, das eigene Hirn zu benutzen. Das war für mich als Übersetzerin eine wunderbare Arbeit, da ich an mein Studium der Philosophie anknüpfen konnte und neue Anregungen für philosophische Lektüren bekommen habe. Auch das ist eine Nebenwirkung des Übersetzerin-Lebens: Man könnte so unendlich viel lesen – wenn man denn die Zeit dafür finden würde …

Den dritten Band konnte ich leider aus Zeit- und andern Gründen nicht übersetzen, obwohl ich das Thema überaus interessant fand. Im großen Buch der Fragen stellt Galimberti 50 essenzielle Fragen des Lebens und lädt erneut zum Selberdenken ein. Das sind dann Fragen wie: »Gibt es Gott?«, »Was ist die Zeit?«, »Kennst du dich selbst?«, »Gibt es die Seele?« oder »Warum empfinden wir Mitleid?« Auf gerade mal zwei Seiten gibt es dann eher Anregungen als Antworten, aber gerade das macht den Reiz aus. Man kommt ins Grübeln und ist schon fast auf dem Weg, selbst Philosoph:in zu werden. Auf jeden Fall sieht man nach der Lektüre manches mit anderen Augen und kann sich im Nachrichten- und Meinungsdschungel souveräner bewegen.

Umberto Galimberti/Anna Vivarelli: Das große Buch der Gefühle. 50 Emotionen von Angst bis Zuversicht, Ü: Ulrike Schimming, midas, 2022, 232 Seiten, 22 Euro
Umberto Galimberti/ Irene, Merlini/Maria Luisa Petruccelli: Das große Buch der Philosophie. 100 Porträts für Neugierige, Ü: Ulrike Schimming, midas, 2022, 224 Seiten, 22 Euro
Umberto Galimberti: Das Buch der großen Fragen. Was wirklich zählt im Leben, Ü: Arianna Volpi, midas, 2024, 224 Seiten, 22 Euro

Ein sehr spezielles Buch ist das des Stararchitekten Renzo Piano. Geschrieben hat es sein Sohn Carlo. Darin gehen Carlos Tochter Elsa und ihr Großvater Renzo auf eine Seereise um die Welt – zu den Gebäuden, die der Großvater im Laufe seiner Karriere gebaut hat, wie das Centre Pompidou oder die Hochhäuser am Potsdamer Platz in Berlin. Immer wieder erzählt Renzo Piano wie in einem Interview darin von seiner Arbeit als Architekt, von den Dingen, die für den Bau von großen Gebäuden wichtig sind. So erfährt man etwas über die Herausforderungen, erdbebensicher zu bauen, oder wie man den Gesang des Windes durch die Nutzung von Holz einfangen kann.
Das sind per se interessante Infos, aber man muss schon einen Faible für Architektur haben, um diese Lektüre wirklich genießen zu können und nicht gelangweilt zu sein. Aber es gibt ja sicher Architekt:innen, deren Kinder sich von der Leidenschaft der Eltern anstecken lassen. Dies wäre dann die passende Lektüre …

Carlo & Renzo Piano: Auf der Suche nach Atlantis. Eine Reise durch die Architektur, Illus: Tommaso Vidus Rosin, Ü: Claudia Koch/Friederike Römhild, midas, 2021, 160 Seiten, 22 Euro

Atlanten

Der Schweizer midas Verlag hat nicht nur die Bücher von Galimberti und Renzo Piano im Programm, sondern ist auf für die großformatigen Atlanten bekannt, die allesamt wunderbar illustriert und aufgemacht sind. Die kleinteiligen Texte verlocken zum lesenden Herumspringen. Man kann einfach irgendwo aufschlagen und wird von den Details und den Bilder gefangen.

So auch im Atlas über eines faszinierendsten Themen im Kinder-Sachbuch-Bereich: das Weltall. Irgendwann mache ich vielleicht mal einen Post nur mit Weltallbüchern – zumal ich selbst bereits drei KJBs darüber übersetzt habe.
In diesem Altas des Weltalls finden sich die üblichen Kapitel über Sternbilder, Galaxien, die unterschiedlichen Planeten und alles rund um die Technik in Sachen Sternbeobachtung und Raumfahrt.
Besonders ist jedoch, dass bei den Sternbildern auf die kulturellen Unterschiede eingegangen wird. Neben den klassischen griechischen Sternbildern, die uns hier am bekanntesten sind, erfahren kleine Sternkundler:innen etwas über die Himmel der Chinesen, der Südafrikaner und der Navajos. Die Konstellationen haben bei diesen Menschen natürlich andere Namen und zeugen somit von den anderen Lebenswelten und Kulturen. So ehrt man in Südafrika Großmutter Canopus, während die Navajo den ersten Mann und die erste Frau am Himmel erkennen.

Lara Albanese: Atlas des Weltalls, Illus: Tommaso Vidus Rosin, Ü: Claudia Koch, midas, 2021, 88 Seiten, 25 Euro

Der Atlas der Wissenschaften beginnt mit einem Knall, dem Urknall, und führt von dort durch Physik und Chemie, die unser gesamtes Universum beherrschen. Hier sind die Texte länger und man wird mit ebenso vielen Fachbegriffen konfrontiert wie im Weltall-Atlas, wenn nicht sogar noch mehr. Das erfordert schon so einiges Vorwissen. Über die Astrophysik geht es weiter zur Geologie und dem Aufbau der Erde mit ihrer Atmosphäre, den tektonischen Platten, dem Wasser, aus dem das Leben stammt. Am Ende sind wir bei der Biologie mit ihren Zellen, Viren und Bakterien und der Entstehung der Arten.
Eingewoben in diesen naturwissenschaftlichen Rundumschlag sind die Namen von Wissenschaftler:innen und Entdecker:innen samt ihrer Ideen und Theorien. Das ist viel Stoff, zeigt aber sehr anschaulich, wie all dies miteinander in Verbindung steht und zusammenhängt. Vielleicht ist dieser Altas eine ganz gute Ergänzung zu monothematischen Schulbüchern.

Loris Stella: Atlas der Wissenschaften, Illus: Tommaso Vidus Rosin, Ü: Claudia Koch, midas, 2023, 88 Seiten, 25 Euro

Kleinformatiger und daher leider mit sehr viel kleiner Schrift kommt der Altas der Rohstoffe daher. Dennoch finden sich hier eine Vielzahl von Informationen über 24 verschiedene Rohstoffe wie Gold, Kaffee, Baumwolle, Lithium, Öl oder Soja. Diese werden auf Doppelseiten anhand einer Weltkarte vorstellt. Man erfährt so, wo die Rohstoffe ab- oder angebaut werden, wer sie verbraucht und wie sie die (Handels-)geschichte geprägt haben. Dazu gibt es Anekdoten, Historisches und seltsame Geschichten, Hintergrundinfos zu Welthandel und zu Verkehrswegen.
Allein die Auftakt-Illu eines Bleistiftes macht deutlich, wie viele verschiedene Rohstoffe in so einem kleinen, kaum beachteten Alltagsgegenstand stecken und wie sehr wir mit der Welt vernetzt sind, ohne es immer zu wissen. So wird dieser Atlas zu einem Lehrstück über die alltägliche Globalsierung, die zum einen schon seit Jahrhunderten praktiziert wird und die zum anderen auch nicht mehr aufzuheben ist. Wir sollten nur sehr viel bewusster mit all diesen wertvollen Rohstoffen umgehen.

Alessandro Giraudo: Atlas der Rohstoffe, Illus: Irene Rinaldi, Ü: Claudia Koch, midas, 2023, 88 Seiten, 25 Euro

Nicht ganz anfreunden konnte ich mich mit dem City Atlas von National Geographic. Hier geht es durch 32 Großstädte, zumeist auf einer Doppelseite, hin und wieder auf vier Seiten. Die Geschwister Erik und Iris erzählen in einer Bubble jeweils kurz etwas über ihren Aufenthalt in der jeweiligen Stadt. Danach gibt es im Schnitt zehn Tipps, was man in den Städten besichtigen und machen sollte. Diese Tipps sind auf der Illu mit Nummern verortet – und da liegt das Problem (für mich): Die Illus der Städte sind im Grunde ganz hübsch, aber so abstrahiert, dass für mich am Ende fast alles gleich aussah. Man muss schon sehr genau hinsehen und evt. ein paar Sehenswürdigkeiten bereits kennen, um sie in den Bildern zu entdecken. Ich wage ein bisschen zu bezweifeln, ob man damit Kids Lust auf eine Städtetour macht …

Federica Magrin: City Atlas, Illus: Giulia Lombardo, Ü: Anke Wellner-Kämpf, National Geographic/White Star, 2022, 96 Seiten, 16,95 Euro

Religiöse Kinderbücher

In Italien, dem ur-katholischen Land, sehr viel verbreiteter als hier, sind die Bücher zu religiösen Themen. Nur wenige werden ins Deutsche übersetzt.

Im Bilderbuch Der rote Faden stellt ein kleiner Junge fest, dass es einen roten Faden gibt, der alles mit allem verbindet. Ihn mit Mama und Papa, ihr Haus mit den anderen Häusern der Stadt, die Stadt und die Menschen mit der Natur. Der Junge fragt alle möglichen Menschen, was dieser rote Faden wohl ist. Mama meint, es ist die Liebe, Papa sagt, die Vernunft, die Lehrerin erklärt, die Wahrheit. Der beste Freund des Jungen sagt, für ihn ist Gott der rote Faden.
Und so feiert dieses Buch aus der christlichen Abteilung des österreichischen Tyrolia Verlags den Glauben an Gott und die Freundschaft. Denn jede:r sollte eine:n beste:n Freund:in haben.

Manuela Monari: Der rote Faden, Illus: Brunella Baldi, Ü:  Gottfried Kompatscher, Tyrolia, 4. Auflage 2024 (2012), 32 Seiten, 18 Euro, ab 4

Geschichten von Heiligen können manchmal ziemlich faszinierend sein, ganz gleich, ob mal gläubige:r Christ:in ist oder nicht. Alberto Benevelli hat in diesem kleinen Buch sechs Viten kindgerecht erzählt: Georg tötet den Drachen, Martin teilt seinen Mantel, Romedius – den ich bis jetzt noch nicht kannte – zähmt einen Bären, Franziskus wählt den Weg der Armut, Johanna kämpft für Gott im Krieg und Maximilian Kolbe opfert sich im KZ Auschwitz im Tausch gegen einen Familienvater. Der christliche Anspruch und die Intention sind offensichtlich. Es ist eines dieser typischen Bücher, die zur Erstkommunion verschenkt werden können. Nur schade, dass das Geschlechterverhältnis bei den Heiligen etwas unausgewogen ist.

Alberto Benevelli: Heilige Ritter. Große Heilige und ihre Geschichten, Illus: Loretta Serofilli, Ü: Gabriele Stein, Tyrolia, 2017, 60 Seiten, 14,95 Euro, ab 8

Ein etwas anderes Weihnachtsbuch liefert Beatrice Masini. Sie lässt die Heiligen Drei Könige eines Tages einem falschen Kometen folgen. Die drei verirren sich und verbringen den 24. Dezember in einer weit entfernten Oase. Dort erinnern sie sich an ihre bisher erlebten Abenteuer und erzählen. Insgesamt 24 ungewöhnliche Geschichten rund um die Könige und das Christkind lassen sich hier entdecken. Da geht es um Schnee in der Wüste, Parfum aus dem Suk oder warum einmal exotische Tiere vor der Krippe standen. Aber auch sehr italienische Themen und Bräuche fließen hier ein. So tritt Pulcinella auf und serviert neapolitanische Pizza. Die Befana, die Hexe, die in Italien den Kinder am 6. Januar Geschenke bringt, flirtet mit Balthasar.
Für die Adventszeit also ein charmantes Buch zum täglichen Vorlesen und Freuen auf Weihnachten.

Beatrice Masini: Die unglaublichen Abenteuer der Heiligen Drei Könige, Illus: Angela Marchetti, Ü: Gabriele Stein, Tyrolia, 2014, 112 Seiten, 14,95 Euro, ab 8

Ich muss tatsächlich zugeben, dass ich bis dato noch nie etwas von Khalil Gibran gehört, geschweige denn gelesen habe. Und jetzt bin ich auch nur auf ihn gekommen, weil es bei Patmos eine Version von Der Prophet gibt, die aus dem Italienischen übersetzt und für Kinder erzählt wird. Dass literarische Klassiker für Kinder in kondensierter Form herausgebracht werden, ist in Italien gang und gäbe. Alle großen Werke beispielsweise von Dante oder Manzoni gibt es immer auch in kindgerechter Form. Nun also Khalil Gibran. In diesem Buch sind zwölf seiner Reden in verkürzter Form versammelt. So erzählt der Prophet kurz vor seiner Abreise den Stadtmenschen von der Liebe, den Kindern, der Arbeit, der Freiheit, von Selbsterkenntnis und Freundschaft. Diese philosophischen Texte lesen sich wie biblische Gleichnisse. Natürlich kann sich jede*r ihren Teil dazu denken. Ob es Kindern wirklich gefällt, ist die Frage.
Die Illus von Alessandro Sanna schrammen zwischen Kitsch, Poesie und Esoterik. Für Fans von Gibran ist das hier sicherlich eine Publikation, um Kindern seine Weisheiten näher zu bringen.

Khalil Gibran: Der Prophet. Kindern erzählt, Hg: Anna Peiretti, Illus: Alessandro Sanna, Ü: Gabriele Stein, Patmos Verlag, 2023, 64 Seiten, 18 Euro, ab 8

Comics

Italien kann auf eine lange Comic-Tradition zurückblicken, selbst wenn das in Deutschland nicht so präsent ist wie die Bildergeschichten aus den USA, Belgien und Frankreich. Zu den neuesten Publikationen bei uns gehören die folgenden:

Timothy hat gerade eine nicht so gute Zeit: Seine Eltern streiten ständig, in der Schule läuft es mies, seine kleine Schwester plärrt nur rum und ein Fiesling will den Park mit dem schönen alten Baum in eine Zementhölle verwandeln. Halt findet Timothy nur bei seinen beiden Lieblingshelden aus dem TV. Doch eines Nachts bemerkt er, dass sein rechter Daumen grün leuchtet – wie das kommt, weiß niemand. Mit diesem Wunderdaumen kann Timothy Pflanzen heilen und findet den Mut, sich gegen den Fiesling zu stellen und den Park zu retten.

Dieser Heldencomic der anderen Art ist entzückend unlieblich von Gud gezeichnet, feiert den Mut der Jüngsten und appelliert an den Zusammenhalt der Gemeinschaft, die etwas gegen fiese Investoren und Umweltzerstörer unternehmen kann. Man kann nur hoffen, dass die nächsten Bände von Timothy Top ebenfalls übersetzt werden.

Gud: Timothy Top. Der magische grüne Daumen, Band 1, Ü: Henrieke Markert, Edition Helden, 2022, 144 Seiten, 18,90 Euro, ab 8

Der Römer Zerocalcare ist seit Kobane Calling in der Graphic-Novel-Szene ein bekanntes Gesicht. Zero verarbeitet in seinen Büchern immer seine eigene – mehr oder minder wahre – Geschichte und seine eigenen Erfahrungen. So auch in Die Krake im Nacken. Dieses Mal nimmt er uns mit in seine Kindheit in den 1990er Jahren an seine Schule und erzählt von den Beziehungen zu seinen Mitschüler:innen und Lehrer:innen. Es geht um den Druck dazuzugehören, die richtigen Serien gesehen zu haben, Mut zu beweisen und bei den Mädchen auf dicke Hose zu machen. Als er eines Tages, nach einem verbotenen Ausflug in den Wald, inklusive Auffindung eines menschlichen Schädels, eine Mitschülerin zu Unrecht der Lehrerin ausliefert, legt sich von nun an die Krake der Reue um seinen Hals. Und so entspinnt sich ein kurzweiliger Tripp durch pubertäre Schuljahre, samt rätselhaften Gestalten, einem Spukhaus und Minderwertigkeitskomplexen.
Zerocalcare liefert eine so dermaßen italienische Coming-of-Age-Geschichte, dass die Übersetzerin Myriam Alfano, die mal wieder hervorragend den Ton von Zeros Slang getroffen hat, ein Glossar zur italienischen Popkultur aus den 1980er und 1990er Jahren verfasst hat. Denn nicht alles, was damals in Italien bei der Jugend angesagt war, war auch in Deutschland populär. So gibt es neben Darth Vader, Curt Kobain und Che Guevara so einige Figuren aus japanischen Animes wie Jeegrobbó oder Yatterman, die nur echten Experten was sagen dürften. Im Lesefluss haben mich diese Unbekannten nicht gestört, denn ich hatte ja bei den italienischen Namen wie Alberto Sordi oder Gianni Rodari meine Wiedererkennungsmomente.
Für Fans von Zerocalcare ist das hier ein großer Spaß – und die Geschichte um den Schädel wird auch geklärt …

Zerocalcare: Die Krake im Nacken, Ü: Myriam Alfano, avant, 2024, 192 Seiten, 25 Euro

Manchmal gibt es merkwürdige Zufälle. Jetzt liegt hier der 1. Sammelband der W.i.t.c.h. vor mir, eine Comic-Reihe über fünf Mädchen mit Zauberkräften. Und ich stelle fest, dass ich im Jahr 2000 die erste Geschichte daraus übersetzt habe. Auf meinem Rechner findet sich noch die alte Datei. Die Texte im Band sind ordentlich überarbeitet worden, denn damals hatte ich noch längst nicht so viel Erfahrung im Übersetzen wie heute. Aber der Kern ist identisch. Mein Name taucht in dem Band nirgendwo auf. Damals wurde das Projekt auf Eis gelegt, zwei Jahre später waren auf einmal Hefte von W.i.t.c.h. im Handel – ohne dass ich weiter mit der Übersetzung beauftragt worden war. Ehapa ist damals von Leinfelden-Echterdingen nach Berlin umgezogen und mein Kontaktmensch ist nicht mitgegangen. So riss meine Verbindung zu Ehapa. Später habe ich dann andere Comics für Egmont-Ehapa übersetzt. Aber W.i.t.ch. habe ich immer ein bisschen hinterher getrauert. Denn es sind wirklich ganz liebenswerte Figuren, die dort agieren.

Die fünf Hauptfiguren sind Schulmädchen, die über magische Fähigkeiten entsprechend der Naturelemente Feuer, Wasser, Erde, Luft und Energie verfügen. Sie werden als Wächterinnen ausgewählt, um das Parallelreich Kandrakar zu schützen. Soweit so spannend, wie auch typisch Fantasy.
Diese Geschichten, die vom italienischen Walt-Disney-Team erfunden wurden, liefern eine Mischung aus Manga und Disney mit liebenswerten Figuren, natürlich bösen Gegenspieler:innen und heißen Jungs. Allerdings merkt man auch, dass diese Comics schon ein gewisses Alter haben, wenn man die Technik – Strippentelefone, Röhrenbildschirme, Speicher-Floppydisks – betrachtet, die bei uns Erwachsenen vielleicht nostalgische Gefühle aufkommen lassen, Jugendliche aber wohl eher verwundern dürften. Aber Fans dürften sich über die hochwertigen Sammelbände als Hardcoverausgaben freuen.
Wenn ich das richtig überblicke, sind bisher elf Sammelbände und zwei zusätzliche Bücher erschienen. Man kann sehr tief in den W.i.t.c.h.-Kosmos eintauchen.

Elisabetta Gnone/Francesco Artibani/Bruno Enna: W.i.t.c.h., Band 1, Ü: Sabine Schirmer, Egmont Comic Collection, 4. Auflage 2024, 384 Seiten, 29,99 Euro, ab 10

Und auch die Winx erleben gerade eine Neuauflage als dicke Sammelbände. Auch hier habe ich lange Jahre die Geschichten übersetzt. Winx Club 02, das im Frühjahr herauskommt, habe ich ebenfalls wieder übersetzt.
Hier sind es sechs Feen mit unterschiedlichen magischen Fähigkeiten aus Natur, Musik, Mode, Kunst, Technik, die Abenteuer aller Art auf dem Planeten Magix erleben. Sie kämpfen gegen die Hexen Trix und andere böse Wesen.
Viele Kids kennen möglicherweise die Zeichentrickserie. Die Realverfilmung ist meines Wissens eher gefloppt. Aktuell gibt es wohl Bestrebungen, die Winx dahingehend zu überarbeiten, dass das Körperbild und das Auftreten nicht mehr so sehr einem Männertraum entspricht, sondern kindgerechter wird. Hoffen wir mal, dass das klappt. Die Winx jedenfalls feiern in jeder ihrer Geschichten nämlich die Freundschaft und den Teamgeist.

Iginio Straffi: Winx Club 01, Das Geheimnis von Alfea, Ü: Matthias Wieland, Ehapa Comic Collection, 2024, 25 Euro

Worauf ich bisher noch nie eingegangen bin, und was vielen vielleicht gar nicht so klar ist: Die Geschichten in den Lustigen Taschenbüchern von Walt Disney werden seit vielen Jahren zum Teil in Italien produziert und daher aus dem Italienischen übersetzt.
Ich werde hier jetzt keine Zusammenfassung irgendeines neues Bandes liefern – das Cover ist daher eher als Symbolbild zu verstehen – vielmehr möchte ich auf das Video von Übersetzungskollegin Petra Müller verweisen und es hier einbinden, die für die Weltlesebühne e.V. von ihrer Arbeit an den Lustigen Taschenbüchern berichtet. Das ist überaus interessant und sagt alles …


Zum Schluss noch ein Pinocchio – diesmal einer für Erwachsene. Hierbei handelt es sich um eine SEHR freie Adaption der Lügenjungen-Geschichte, die nicht jugendfrei ist.
Geppetto ist in dieser Variante Diplom-Erfinder und mit einer ehemaligen Sexarbeiterin verheiratet. In seiner Werkstatt dengelt er einen metallenen Pinocchio zusammen, den er als Wunderwaffe ans Militär verkaufen will. In Pinocchios hohlen Kopf zieht die Wanze Jiminy ein und dieses Wesen ist quasi das einzige, das spricht, erzählt, schreibt. Die Story von Pinocchio selbst kommt ohne Worte auf. Braucht es auch nicht. Die krassen Bilder sprechen für sich. Sie sind nichts für schwache Nerven, denn es geht sehr blutrünstig und splattermäßig zu.
Dieser Pinocchio, der bereits 2009 zum ersten Mal auf Deutsch vorlag und jetzt neu aufgelegt wurde, ist also auch schon fast ein Klassiker und kommt eher als düstere, testosterongesteuerte Männerfantasie daher. Hinter Winshluss steckt der französische Comicautor und Regisseur Vincent Paronnaud, der 2007 zusammen mit der iranischen Comiczeichnerin Marjane Satrapi deren Graphic Novel Persepolis als Animationsfilm veröffentlichte.
Aber dieser Pinocchio ist auch mit unzähligen kulturellen Anspielungen gespickt, wie Disneys Schneewittchen, das allerdings von fiesen Zwergen missbraucht wird. Dazu kommt jede Menge Gesellschaftskritik, weshalb es mit einer schnellen Lektüre nicht getan ist. In jeder Runde entdeckt man neue Aspekte und Details. Für Literaturwissenschaftler:innen ist dieses Werk eine Fundgrube für Analysen, Interpretationen und Deutungsdiskussionen.
In meiner Pinocchio-Sammlung erweitert diese Graphic Novel nun die klassischen Textausgaben um den ganz freien Umgang mit dieser Geschichte und zeigt, was man aus alten Texten alles machen kann.

Winshluss: Pinocchio, Ü: Kai Wilksen, avant, 2024, 208 Seiten, 30 Euro

Soweit. Dank an alle, die bis hierher gelesen haben.
Im nächsten Jahr gibt es wieder ein Up-Date zur italienischen KJL in Deutschland. Ich freu mich drauf!