Bis ans Ende der Welt

FluchtIn diesen Wochen häufen sich in den seriösen Medien wieder einmal die Berichte über Flüchtlinge aus Afrika, die vor der italienischen Insel Lampedusa Schiffbruch erleiden. Die Glücklicheren unter ihnen schaffen es ans Ufer, viele, zu viele, sind dieser Tage im Mittelmeer ertrunken. Sie ermahnen uns, die wir wohlig, warm und behütet zu Hause sitzen, dass Flucht kein Spaß ist. Niemand flüchtet aus seiner Heimat aus Jux und Dollerei, sondern aus überlebenswichtiger Notwendigkeit.

Auch Deutschland kann auf eine – vielschichtige und komplizierte – Geschichte der Flucht zurückblicken. Erst zwei Generationen liegt es her, dass Juden von hier flüchteten, vertrieben von ihren eigenen Landsleuten. Ein Teil von ihnen nahm ebenfalls den Weg über das Mittelmeer, nur in umgekehrte Richtung, weiter nach Shanghai. Von diesen Menschen erzählt Anne Voorhoeve in ihrem neuen, eindrucksvollen Roman Nanking Road.
Wie schon in ihrem Buch Liverpool Street geht es um die Familie Mangold, die nun in einer anderen Variante des Lebens, die Möglichkeit bekommt auszuwandern.

Mit wenigen Dingen machen sich Ziska und ihre Eltern im Winter 1938 auf den Weg nach Genua, wo sie einen Dampfer besteigen wollen. Onkel Ernst mit Familie bleibt zurück, ebenso Ziskas beste Freundin Bekka. Obwohl die Mangolds gültige Ausreisepapiere haben müssen sie immer wieder mit den Schikanen der Nazis kämpfen, bis sie auf dem Schiff sind. Hatte die 11-jährige Zizka bis dahin geglaubt, dass das Klassendenken ein Ende hat, sobald Deutschland hinter ihnen liegt und sie sich auf dem Schiff befinden, so sieht sie sich auch an Bord mit dauerhaften Vorurteilen und Anfeindungen konfrontiert. Trost bietet da zumindest der zwei Jahre ältere Mischa Konitzer, ebenfalls Jude, der allerdings aus einer reichen Zahnarztfamilie stammt. Gemeinsam durchstehen die Jugendlichen die dreiwöchige Seereise, schmieden Pläne, wo sie sich im Notfall verstecken, und erleben die Ankunft in Shanghai.
In der von den Japanern besetzten Stadt fanden europäische Juden ohne Visum Aufnahme. In Sicherheit waren sie deshalb jedoch noch nicht. Zunächst kommen sie in einer überfüllten Flüchtlingsunterkunft unter, in der Privatsphäre nicht existiert. Ziska erlebt Hunger und Armut, sowohl bei den jüdischen Flüchtlingen, als auch  bei den chinesischen Einheimischen. Mühsam schlagen sich ihre Eltern mit körperlich anstrengenden Jobs durch. Der Vater, der eigentlich Anwalt ist, besserte Kleidungsstücke aus, die Mutter arbeitet als Abwäscherin. Die kleine Familie lebt in zwei winzigen Zimmern ohne Toilette und Küche.
Konitzers hingegen beziehen eine großzügige Altbauwohnung im französischen Sektor und scheinen ihr altes Leben fortführen zu können. Sie helfen den Mangolds, wo sie nur können.
Während all der Zeit versucht Ziska, brieflichen Kontakt zu ihrer besten Freundin Bekka und ihrem Onkel Ernst zu halten. Mit Hilfe eines Engländers, den sie auf dem Schiff kennengelernt hat, schafft sie es, Bekka auf die Liste für die Kinderverschickung nach England zu setzten. Ernst hingegen schlägt sich mit der Transsibirischen Eisenbahn und dem Schiff nach Shanghai durch. Monate später er will seine Frau Ruth, Ziskas Tante, und seine Tochter aus Berlin herausholen. Doch mittlerweile ist der Krieg ausgebrochen.

Anne Voorhoeve, die mich bereits mit Unterland begeisterte, erzählt in Nanking Road eine hochkomplexe Fluchtgeschichte, die enorm viele Aspekte des zweiten Weltkriegs und des Schicksals der Juden thematisiert. Sie verwebt die Plotstränge so geschickt, dass sich alles wie selbstverständlich ergibt und nachvollziehbar bleibt. Ziskas Sicht auf die Geschehnisse und Zustände macht die Absurdität von Judenhass, Klassengesellschaft, Arm und Reich deutlich. Ziska, die aus einer zum evangelischen Glauben konvertierten und eigentlich nicht sehr religiösen Familie stammt, erlebt, wie unterschiedlich jüdische Flüchtlinge auf der Suche nach ihrer Identität und Heimat sind. Für manche ist Shanghai nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Amerika, andere wollen unbedingt nach Palästina. Ziska hingegen fühlt sich auch am Ende der Welt immer noch deutsch.

Neben dem Flüchtlingsschicksal und der Coming-of-Age-Geschichte von Ziska, in der es auch um Freundschaft über Jahre und Entfernungen hinweg geht, schafft Anne Voorhoeve es, die weltweite Dimension des Krieges differenziert zu illustrieren. Sind die Mangolds auch dem Krieg in Europa und dem Holocaust entkommen, so müssen sie in Shanghai den Ausbruch des Pazifischen Krieges miterleben. Die Japaner greifen die USA an, in der Folge wird auch das japanisch besetzte Shanghai bombardiert. In Ziskas Bekanntenkreis gibt es Tote und Verletzte. Flucht wird hier also nicht gleichgesetzt mit Rettung.
In vielen Dingen hat mich Voorhoeves Roman an Judith Kerrs Flucht-Trilogie-Klassiker Als Hitler das rosa Kaninchen stahl erinnert. Voorhoeve führt das Flucht-Genre weiter, und dies auf eine moderne und packend zu lesende Art – und mit sehr viel Respekt und historischem Wissen. Emotional fiebert man mit Ziska und ihrer Familie mit, gleichzeitig lernt man unglaublich viel über eine Facette des zweiten Weltkriegs, die meines Wissens im Jugendbuchbereich noch nicht thematisiert wurde. Diese Erinnerung an die Shanghailänder ist ein wichtiger Beitrag, um jungen Lesern die globale Dimension dieser Katastrophe begreifbar zu machen.

In Bezug auf die Lampedusa-Flüchtlinge könnte sich die deutsche Gesellschaft von diesem Roman eine gehörige Scheibe abschneiden, wenn es um die Aufnahme von Menschen in Not geht. Denn im Gegensatz zum China der 30er und 40er Jahre ist Deutschland ein reiches Land, das durchaus mehr Flüchtlingen Schutz gewähren und ihnen eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben ermöglichen könnte.

Anne Voorhoeve: Nanking Road, Ravensburger Buchverlag,  2013, 480 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

I <3 Großstadttiere

tiereDie Großstadt ist ein Dschungel – altbekannt ist das allemal. Auch dass sich nicht nur Menschen, sondern jede Menge Tiere in der Stadt herumtreiben ist eigentlich nicht besonders neu. Skurrile Nachrichten über Vierbeiner schwirren spätestens im Sommerloch wieder durch die Medien.

Doch nun hat die Künstlerin Nadia Budde unsere tierischen Nachbarn auf eine ganz schräge Art gewürdigt und zwar im Buch Großstadttiere. Darin stellt sie 24 Tierarten vor, die die großen Städte wie New York, Zürich, Berlin, Neu Delhi, Bukarest bevölkern. Sei es Waschbär, Fuchs, Schabe, Regenwurm oder Wildschwein, zu jedem Tier erzählt sie eine kleine, zumeist sehr ungewöhnliche Geschichte. Außer bei den Schaben. Zu diesen Krabbeltieren, die in ihren I-love-Stadtname-T-Shirts die Metropolen der Welt stürmen, gibt es scheinbar nichts zu sagen. In allen anderen Geschichten steckt ein wahrer Kern, manches ist aber auch wunderbar gaga – beispielsweise die Therapiegruppe der Großstadtregenwürmer. Man bekommt sofort Mitleid mit den Sitzriesen und möchte ihren zu Hilfe eilen und gleich mal den Asphalt aufreißen. Auch das Schicksal der Pariser Ratten ist herzergreifend, doch zeigt sich hier vor allem der Sprachwitz, mit dem Budde ihre Texte würzt.

Nadia Budde verleiht den Tieren nicht nur ein persönliches Gesicht, sondern gleich einen ganzen Charakter. Die Eigenwilligkeit der Fledermäuse in Austin/Texas ist fast ein Symbol für die Eigenwilligkeit dieses Bilderschatzes. Dick schwarz umrandet kommen Tiere und auch Menschen daher. Vor zitronenfaltergelben, taubenblauen, eichhörnchenroten, regenwurmrosanen Hintergründen schauen sie lieb, treuherzig, fies, hinterhältig, harmlos, naiv, freundlich, verschlagen, böse, treudoof, traurig, genervt … und dem Leser und Betrachter geht das Herz auf. Man hat sie auf einen Schlag alle lieb – auch die Wölfe aus Moskau, die die Einkaufstüten plündern.

Ganz nebenbei hält Budde dann noch einen Kurs in gelingender Fotografie ab, indem sie einen Exkurs über das Phänomen „Turm auf dem Kopf“ als Folge des Fototourismus einbaut. Sie braucht nur ein paar wenige Sätze und fünf Illustrationen dazu – und mit Sicherheit wird keiner der Leser danach mehr Fotos mit solchen Auswüchsen schießen. Genialer geht’s kaum.

Großstadttiere ist ein herrlich schlauer Spaß, der mit viel Herz alle Bewohner der Städte würdigt und ihnen ihren Raum zugesteht. Die Menschen ermahnt die Autorin mit einem Augenzwinkern, ab und an das Auto stehen zu lassen und stattdessen das Fahrrad zu nehmen – und vielleicht doch mal auf fiese Taubenspikes zu verzichten. In diesem Sinne ist Großstadttiere ein grandioses Bilderbuch für jedes Alter.

Nadia Budde: Großstadttiere, Jacoby & Stuart,  2013, 140 Seiten,  ab 9, 18 Euro

Lehrreiche Leere

erdeBücher mit einem Loch sind definitiv etwas Besonderes. Das ist mir spätestens seit klar, seit ich als Kind vor einem gefühlten halben Jahrhundert Die kleine Raupe Nimmersatt von Eric Carle „gelesen“ habe. Jede Seite mindestens ein Loch, es war toll.

Jetzt gibt es wieder ein Buch mit Loch – und  das steht der kleinen Raupe in nichts nach. Zwar hat jede Seite immer nur ein Loch, doch das ist ein ganz besonderes. Es symbolisiert unsere Erde. Und auf der geht es hoch her. Aus einem kleinen Keim erwächst ein dichter Wald, dann kommt der gelbe Bagger und holzt alles wieder ab. Häuser entstehen, zunächst kleine, bescheidene. Doch die reichen ganz schnell nicht mehr und müssen Kran, Bagger, Zementmischer und Hochhäusern weichen. Mehr und mehr Hochhäuser drängen sich auf der Erde. Immer mehr Fabriken kommen hinzu, der Himmel verdunkelt sich durch grauen Rauch, Abfallberge schwellen an, Autos erdrücken alles. Dann schlägt die Natur zurück: Der Eisberg schmilzt, der Meeresspiegel steigt, Häuser, Autos, Müll, alles wird überflutet. Nur der Eisbär steht über allem.
Es folgt die Chance für einen Neuanfang: Ein Mädchen und ein Junge säen, und wieder wachsen Bäume heran, entstehen Häuser, auch Hochhäuser, doch alles in einem harmonischeren Maß, im Einklang mit der Natur. Und am Ende teilen sich Menschen, Tiere, Pflanzen unseren Planeten. Wale fliegen, Regenbögen bringen Farbe ins Leben, Windräder produzieren Energie, ohne die Luft zu verschmutzen.

Es ist zugegebenermaßen ein didaktisches Buch, jedoch eins, das ohne ein einziges Wort auskommt.  Die Illustrationen von Jimi Lee sind Symbole für unsere Maßlosigkeit und unsere Rücksichtslosigkeit. Und die führen dem Betrachter gnadenlos vor Augen, dass es so nicht weitergehen kann. Aber Jimi Lee macht auch Hoffnung, dass ein Wandel möglich ist – wenn wir endlich die Verantwortung für unsere Erde übernehmen.

Das Loch in der Mitte des viereckigen Buches ist Leerstelle und Mahnung zugleich. Man packt automatisch mit den Fingern hinein, hält die Erde also in Händen, und blickt man durch dieses Loch, sieht man immer einen Teil von ihr und wird sich ihr wieder ganz besonders bewusst. Die Leere füllt sich mit dem Idealbild des Globus‘ und wird zur Lehre. Eine schönere Liebeserklärung an die Erde ist mir schon lange nicht mehr untergekommen.

Jimi Lee: Unsere Erde, Minedition, 2013, ab 3, 14,95 Euro

Eine Seefahrt wie das Leben

Bär im BootEs gibt Bücher, die faszinieren bereits durch die Aufmachung. Bei Bär im Boot von Dave Shelton war ich sofort entbrannt. Dabei kommt das Buch eigentlich ziemlich heruntergekommen her: Abgestoßen, verblasst, ein Fliegenschiss rechts oben in der Ecke, der Abdruck einer Kaffeetasse links unten. Gebrauchsspuren, noch bevor man das Bücher überhaupt aufgeschlagen hat, deuten daraufhin, dass man dieses Buch sehr lieb haben und viel darin lesen wird. Großartig.

Innen drin illustrieren entzückende Schwarzweißbilder kurze Kapitel, im Laufe der Geschichte gibt es ein paar farbige Doppelseiten. Dave Shelton erzählt so die Geschichte eines Jungen, der das Boot des Bären besteigt. Er möchte einfach nur rüber auf die andere Seite. Was sich nach einer einfachen Übung anhört, entwickelt sich jedoch zu einer unendlichen Seefahrt. Das andere Ufer ist nicht zu sehen, aus einer kurzen Überfahrt werden lange Stunden im Ruderboot „Harriet“. Der Bär ist höflich, er versteht sein Handwerk, doch im Laufe der Zeit kommen bei dem Jungen Zweifel auf. Scheinbar haben sie sich verirrt. Der Bär wehrt sich vehement gegen die Anschuldigungen, trinkt pünktlich um vier Uhr nachmittags Tee und schaut noch mal auf die Seekarte. Die jedoch zeigt nur eine blaue Fläche mit Längen- und Breitengraden, ein Ufer ist auch hierauf nicht zu erkennen, nur ein Fleck in der Ecke. Der soll laut Bär ein Felsen sein.
Der Proviant geht zu Ende, lediglich ein schrecklich altes, gammeliges Sandwich ist noch übrig – das jedoch keiner der beiden essen möchte. Also bleibt nur der Fischfang. Die beiden Helden raufen sich zusammen und meistern die Herausforderungen eines Seemannsleben: Sie fangen Fisch, kämpfen mit einem Seeungeheuer, entern ein Geisterschiff, bauen ein Floß, überstehen einen schlimmen Sturm, verlieren die Harriet und schwimmen schließlich weiter dem Horizont entgegen. Sie sind fast da.

Selten habe ich bei einer Geschichte von der ersten Seite so mitgefiebert wie bei Bär im Boot. Im Grunde hat man zwar ständig das Gefühl, dass nicht viel passiert – die beiden sind ja die ganze Zeit auf dem kleinen Ruderboot – aber dennoch ist man von Anfang bis Ende bis zum Anschlag gespannt, wann der Bär denn nun endlich das andere Ufer erreicht. Dass es sich bei dem Bär um ein eher schlichtes Gemüt handelt, merkt man spätestens, als er mit dem Jungen „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielt. Aber dafür ist er ein Bär mit Prinzipien, dem seine Teestunde heilig ist. Er erinnert unweigerlich an Pu der Bär.
Als erwachsener Leser wird man bei der Lektüre an so einiges erinnert: Der alte Mann und das Meer, Fluch der Karibik, Schiffbruch mit Tiger … Wahrscheinlich ist noch wesentlich mehr in der Geschichte zu entdecken. Und das ist eine Wonne.

Denn diese Seefahrt ist wie das Leben, mal ruhig, mal langweilig, mal aufgewühlt, mal katastrophal, mal überraschend, mal unverständlich – und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Schlichtheit der Geschichte und ihre gleichzeitige Raffinesse sind wunderbar philosophisch, bieten jede Menge Raum für eigene Gedanken und Interpretationen und verlocken zu wiederholter Lektüre. Denn in jeder Lebenslage lässt sich sicherlich eine andere Erkenntnis aus Bär im Boot ziehen. Es eignet sich hervorragend zum Vorlesen, nicht zu letzt durch die geschmeidige Übersetzung von Ingo Herzke, und wird zwischen den Generationen garantiert Diskussionen aufwerfen. Denn oftmals benimmt sich der Bär wie ein nervendes Elternteil, während der Junge sich pubertierend gegen den unklaren Kurs auflehnt.

Die herrlich gefakten Gebrauchsspuren werden dann ganz rasch von echten Lesespuren ergänzt – und nicht nur dafür wird man dieses Buch lieben.

Dave Shelton: Bär im Boot, Übersetzung: Ingo Herzke, Carlsen, 2013, 304 Seiten, ab 9-99, 14,90 Euro

Entzückerstoff

zorgamazooEpen sind in unserer Zeit zu einer Seltenheit geworden. Außer man hegt eine Leidenschaft für die Klassiker und greift zur Ilias oder zur Odyssee. Doch es gibt Hoffnung für die Freunde von gereimten Geschichten: Robert Paul Weston hat mit Zorgamazoo ein modernes, frisch-freches Epos geschaffen, das Uwe-Michael Gutzschhahn in bewunderungswürdiger Weise ins Deutsche übertragen und nachgedichtet hat.

Zorgamazoo erzählt die Geschichte des Mädchens Katrina Katrell, die eines Tages auf den wuscheligen, aber liebenswürdigen Zorgel Mortimer Yorgel trifft. Ein Zorgel ist ein pelziges Fantasiewesen aus der Unterwelt. Morty arbeitet bei der Zorgel-Zeitung „Underwood Telegraph Rumor Review“ und soll das Verschwinden der Bewohner des Zorgel-Dorfes Zorgamazoo aufklären. Doch Morty ist alles andere als ein investigativer Reporter. Er hasst das Abenteuer und würde lieber nur  von den Zorgelball-Spielen berichten.

Katrina hingegen ist auf der Flucht vor ihrer fiesen Ziehmutter, die ihr am liebsten das Hirn herausoperieren lassen würde. Das Mädchen fasst Vertrauen zu dem netten Morty und macht sich mit ihm zusammen auf die Suche nach den verschwundenen Zorgeln. Schon nach kurzer Zeit finden die beiden heraus, dass alle fantastischen Wesen der Erde entführt wurden – und werden selbst auf den Mond verschleppt. Dahinter stecken die Bewohner des Planeten Grauballon-Vier. Auf diesem Planeten funktioniert alles mit Langweilerdampf. Doch der Rohstoff geht zu Ende und neue Quellen müssen her. Dafür soll die Langeweile auf der Erde erhöht und dann abgepumpt werden, also müssen dort erst mal alle Fantasiewesen verschwinden. Katrina jedoch gelingt es, die Wesen – Seejungfrauen, Trolle, Zorgel, Kobolde, Feen, Yetis und das Loch-Ness-Monster – zu befreien. Aus der Absaugermaschine für Langweilerdampf macht sie ein Gerät für die Produktion von kunterbunten Entzückerstoff-Gas und bringt alle wieder auf die Erde zurück.

Das Feuerwerk der Fantasie, das in diesem Epos abgebrannt wird, sucht seinesgleichen. Fantastische Welten und fantastische Wesen drängen in den grauen Alltag. Katrina als aufgeweckte, mutige Heldin nimmt ihrem schüchternen Zorgel-Freund die Ängste. Mit ihrer Liebe für alles Ungewöhnliche und Fantastische macht sie unmissverständlich klar, dass die Welt eine bessere und buntere ist, wenn auch andere Wesen in ihr leben dürfen.  Zorgamazoo ist ein klares Plädoyer für mehr Fantasie im Alltag. Daran mangelt es uns manchmal wirklich sehr, wenn man sich so umschaut. Gleichzeitig ist Zorgamazoo für mich in seinem Subtext ein Bekenntnis für Vielfalt und Diversity, quasi ein Appell für Multikulti und die Akzeptanz des Fremden. Auch daran mangelt es in diesem Land immer noch.

Verpackt ist diese an sich schon entzückende Geschichte in konsequent gereimte Verse. In seiner Nachdichtung bedient sich Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bei den unterschiedlichsten Sprachregistern. Da wird schon mal ganz antiquiert „gewamst“ (geprügelt), aber auch ziemlich derbe geflucht oder vom „Lotto-Boss“, „Superhelden“ oder „Job“ gesprochen. Alte Sprache trifft hier auf neue; und was in anderen Texten nicht funktionieren würde, passt hier perfekt zusammen. So zeigt sich die Vielfalt und Buntheit auch in der Sprache und führt zu knuffigen Reimen in einem mitreißenden Rhythmus.

Graphisch ist der Text eine Augenweide: Verschiedenste Schrifttypen unterstreichen die Charaktere der Figuren, hüpfende und mäandernde Worte und Zeilen ziehen den Leser auf einer rasanten Achterbahnfahrt durch das Buch und machen jede Seite zu einem neuen, spannenden Leseerlebnis. Die Illustrationen des Spaniers Victor Rivas an den Kapitelanfängen runden alles zu einem höchst amüsanten Gesamtkunstwerk ab.

Am Ende der Lektüre bleibt ein wunderschöner Effekt zurück: Der Singsang der Reime begleitet einen durch den ganzen Tag – und die Welt wird bunt von diesem Entzückerstoff.

Doch so ein Entzückerstoff entsteht nicht von selbst – hinter der deutschsprachigen Variante von Zorgamazoo steckt unglaublich viel Arbeit, das Herzblut und die Disziplin des Übersetzers. Damit sich jeder Leser ein etwas genaueres Bild von dieser Leistung machen kann, habe ich Uwe-Michael Gutzschhahn zur Entstehung seines Textes befragt.

Herr Gutzschhahn, wie ist Ihre Nachdichtung entstanden: Haben Sie zuerst eine Rohfassung ohne Reime angefertigt? Oder haben Sie gleich in Reimform gearbeitet?
Nein, ich habe von der ersten bis zur letzten Zeile sofort gereimt, anders geht es nicht. Wenn ich erst den Inhalt übersetzt und dann versucht hätte, die Form zu finden, wäre ich nicht mehr frei gewesen, eine deutsche Reimfassung herzustellen. Ich hätte den ganzen Wust an Dingen, den Robert Paul Weston im Englischen leicht in einer Zeile unterbringt, in einem komplizierten deutschen Satz gehabt, der sich nicht mehr hätte schrumpfen lassen. Das heißt, man muss von Zeile zu Zeile spielen, wo eine Reimmöglichkeit auftaucht, und dann den Inhalt hineinsortieren.

Haben Sie sich auf das epische Format irgendwie vorbereitet, z.B. durch die Lektüre von anderen Epen?
Es gibt ja nicht viele neuere gereimte Romane. Und die alten Epen haben einen ganz anderen Rhythmus, eine ganz andere Metrik. Ich bin mit Balladen und allen anderen Arten von Gedichten vertraut, insofern war das eher der Zugang, nicht irgendeine romanlange gereimte Form. Das muss man einfach probieren, und dann braucht es ein musikalisches Gespür, einen Sinn dafür, wie sich Sätze in eine Form geben, wie sie klingen, ein Tempo bekommen, einen Rhythmus.

Zorgamazoo ist – für mich – kein Text, den man stundenlang runterschreiben kann. Wie sind Ihre Verse entstanden? Nur am Schreibtisch? Oder auch im Park, im Auto, unter der Dusche …
Um ehrlich zu sein, indem ich Tag für Tag stundenlang am Schreibtisch gesessen und sozusagen runtergeschrieben habe. Ohne diese Disziplin wäre es nicht gegangen, wäre ich wahrscheinlich immer noch bei den ersten zwanzig Seiten.

Wie sehr ist der Originaltext mit Wortspielen durchsetzt, die nicht übertragbar waren?
Jeder – auch ganz prosaische – literarische Text ist mit unübersetzbaren Wortspielen gespickt. In einem Buch wie Zorgamazoo hat man durch die strenge metrische Form sowieso den Zwang, auswählen zu müssen, welches die unverzichtbaren Teile des Textes sind und welches die entbehrlicheren. Denn die deutsche Sprache läuft länger, es gibt anders als im Englischen wenig einsilbige Wörter. Sie brauchen für jede Aussage des Originaltextes in der Übersetzung mehr Platz, also müssen Sie umgekehrt reduzieren, denn die Form einschließlich der Zeilenzahl pro Seite war ja vorgegeben und unverrückbar. Dass für ein Erzählgedicht, eine Ballade am ehesten ein vierhebiger Takt in Frage kommt, ist schon für das Tempo der Geschichte wichtig. All das muss man im Kopf haben und dann dort ein Wortspiel nutzen, wo es sich ergibt. Das ist vielleicht ein paar Verse später oder ein paar Verse früher als im Original, aber es muss funktionieren, darf nicht erzwungen wirken. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, dass man mehr Wort- oder auch Reimspiele findet als im Original stehen, dann habe ich mir die Freiheit erlaubt, das Spiel weiterzutreiben.

Wie frei haben Sie sich vom Original machen müssen, machen können?
Inhaltlich ist die Übersetzung natürlich identisch mit der Originalversion von Robert Paul Weston. Wie ich aber einen Weg finde, die Geschichte auf Deutsch zu erzählen, sodass sie glaubhaft in die gereimte Form passt, das ist immer eine Frage der Abwägung. Mein Bestreben ist es, so nah wie möglich am Originaltext zu bleiben. Jeder noch so kleine Eingriff muss begründet sein, muss sich gegenüber der Geschichte rechtfertigen lassen. Nur weil etwas schön klingt oder rhythmisch gut passen würde, gehört es nicht in die Übersetzung hinein.

Im deutschen Text treffen die unterschiedlichsten Sprachregister aufeinander – alte Sprache trifft auf ganz aktuelle Ausdrücke, es wird derbe geflucht: War das im Original auch so oder ist das ein „Zugeständnis“ an die Reimform?
Nein, genau das meine ich, wenn ich sage, nur weil etwas schön klingt oder rhythmisch passt, gehört es nicht in die Übersetzung. Die verschiedenen Sprachebenen sind auch im Englischen da. Und im Englischen kann man noch viel variantenreicher derb sein als im Deutschen.

Gab es außer den Reimen weitere Schwierigkeiten?
Die ganz üblichen, die man immer als Übersetzer hat. Vor allem, dass man im Deutschen vieles nicht so einfach und knapp formulieren kann wie im Englischen.

Wie lange haben Sie an der Übersetzung gearbeitet?
Vier Monate.

Wie viele Durchgänge haben Sie gebraucht, bis die Endfassung stand?
Acht Durchgänge plus zwei mit meinen Lektoren.

Wie sind Sie für den Text honoriert worden: pro Zeile, pro Strophe, pro Seite?
Pauschal und mit Hilfe einer Übersetzungsförderung durch das Canada Council for the Arts.

Haben Sie irgendwann in Reimen geträumt?
Nein.

Robert Paul Weston: Zorgamazoo, Nachgedichtet von Uwe-Michael Gutzschhahn, Illustration: Victor Rivas, Jacoby & Stuart,  2012, 285 Seiten, ab 10, 16,95 Euro

Der Ernstfall

über uns stilleIm Oktober 1962 erreichte der Kalte Krieg seinen vermutlich bedrohlichsten Höhepunkt: die Kuba-Krise. 13 Tage lang schien ein Atomkrieg ganz nah. Der amerikanische Schriftsteller Morton Rhue war damals zwölf Jahre alt, und sein Vater hatte einen Bunker in den heimischen Garten bauen lassen. Welche Angst dahinter gesteckt haben muss, ist für uns heute kaum noch vorstellbar. Das Gefühl, wie es in so einem Bunker zugehen kann, eigentlich auch nicht – außer man bucht in Städten wie Hamburg oder Berlin so genannte Unterwelttouren, bei denen man solche baulichen Monster von innen besichtigen kann.

Wem diese Möglichkeit nicht zur Verfügung steht, kann jetzt im neuesten Roman von Morton Rhue in diese Welt aus Angst und Beklemmung eintauchen. In Über uns Stille spinnt er die Kuba-Krise weiter. Die Bomben sind abgeschossen und auf dem Weg in die USA. Scott wird des Nachts von seinem Vater aus dem Bett gerissen und in aller Hektik in den Bunker im Garten gejagt. Panik breitet sich aus. Nachbarn bedrängen die Familie, sie mit den Bunker zu nehmen. Doch der ist nur für vier Personen gebaut und ausgestattet. Beim Einsteigen rutscht Scotts Mutter von der Leiter und verletzt sich schwer am Kopf. Immer mehr Nachbarn drängen hinzu, Scotts Vater muss sich zur  Wehr setzten. Doch als er endlich die Luke schließen kann, sind sie zu zehnt im unterirdischen Sicherheitsraum. Und keiner weiß, wie lange sie dort unten ausharren müssen. Die Vorräte werden nicht lange reichen, als Toilette gibt es nur einen Eimer, die Belüftung muss mit Hand betrieben werden und auch die Wasserversorgung scheint nicht zu funktionieren. Die Stimmung ist angespannt, zumal Scotts Mutter immer noch bewusstlos ist.

Gegen diese Schilderung im Bunker setzt Rhue Kapitel, die von der Zeit vor dem Krieg erzählen. Vom Hass auf die Russen, von der anschwellenden Bedrohung, der unterschwelligen Angst, die sich auch auf die Kinder überträgt.

Rhue, der bekannt dafür ist, schonungslos über die Erlebnisse von Kindern und Jugendlichen in einer von Erwachsenen dominierten Welt zu berichten, wie in Die Welle oder in Asphalt Tribe (was Stefani Kampmann in einer ganz hervorragenden Graphic Novel adapiert hat), macht sich auch mit Über uns Stille wieder zum Anwalt der Kinder. Mit ihren Augen betrachtet er die Machtspiele der Politik, die Ressentiments der Erwachsenen und wirft dabei die fundamentale Frage auf, wie viel Solidarität und Hilfsbereitschaft ein Mensch aufbringen kann, wenn die eigene Existenz bedroht ist. Also, wie viele Menschen nimmt man in einem Bunker auf? Wo setzt man Grenzen? Wie viel Egoismus ist im Fall der Apokalypse überhaupt sinnvoll, wenn draußen alles verseucht ist?

Dies ist sicher kein unterhaltsamer Roman, aber dafür ein umso hellsichtiger und philosophischer, der den Leser zu einer Stellungnahmen zwingt. Und wenn man das Kräftemessen zwischen Israel und Iran momentan beobachtet, beschleicht einen das ungute Gefühl, dass Rhue trotz des 50 Jahre alten Themas den Nerv der Zeit getroffen und einen hochaktuellen Roman abgeliefert hat.

Morton Rhue: Über uns Stille, Übersetzung: Katarina Ganslandt, Ravensburger Buchverlag, 2012, 239 Seiten, ab 14, 14,99 Euro

Stefani Kampmann: Asphalt Tribe, Graphic Novel nach dem Roman von Morton Rhue, Ravensburger Buchverlag, 2011, 155 Seiten, ab 13, 16,95 Euro

Mauergeschichten

Berlin geteilte StadtSeit ich in Berlin wohne, üben Geschichten über diese Stadt einen fast unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Wenn sie dann noch in Comic-Form daherkommen, kann ich gar nicht anders und muss zugreifen. So habe ich nun auch das neueste Werk von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler aufgesogen: Berlin – Geteilte Stadt.

In fünf Geschichten, die allesamt auf wahren Begebenheiten beruhen, umreißen die Comic-Macher die Zeit vom Mauerbau im Sommer 1961 bis zum Mauerfall vor 23 Jahren. Sie erzählen Schicksale vom fast verpassten Abitur, von Mauertoten, Flucht per Seilwinde, Stasi-Opfer und einem ganz besonderen 18. Geburtstag.

In klaren, schnörkellosen Schwarzweiß-Zeichnungen führen Buddenberg und Henseler die Leser detailgenau durch die Stadt und greifen dabei auch auf Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis des Mauerbaus zurück. So zeigen sie das Gezerre an der alten Dame, die in der Bernauer Straße aus einem Haus in den Westen flüchten will. Oben die DDR-Grenzbeamten, unten hilfsbereite Westberliner. Ähnliches beim Mauerfall: Menschenmassen vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße, Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Älteren Lesern haben sich diese Bilder unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt und stellen dramatische oder erfreuliche Wiedererkennungseffekte bei der Lektüre da.

Die Episoden aus dem geteilten Berlin sind zwar kurz – und für Comic-Süchtige eher nur Appetithappen – doch zeigen sie essenzielle Momente der vergangenen 50 Jahre. Jugendliche Leser, die sich dem Thema deutsche Teilung jenseits der Schulbücher annähern möchten, finden hier die nötigen Eckdaten. Zwischen den Comic-Kapiteln haben die Autoren in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Berliner Mauer die historischen Fakten umrissen, so dass die Zusammenhänge und Hintergründe der Ereignisse perfekt eingeordnet werden können.

Susanne Buddenberg und Thomas Henseler, die mit Grenzfall bereits einen Comic über die SED-Diktatur gezeichnet haben, erzählen auch hier wieder sehr akkurat die kleinen, sehr persönlichen Geschichten, die man fast als unspektakulär bezeichnen möchte, wenn einem nicht im selben Moment einfällt, dass sie durch die Umstände und die politischen Entwicklungen alles andere das waren. Und es kann nicht oft genug an sie erinnert werden.

Berlin feiert dieser Tage seinen 775. Geburtstag. 28 Jahre davon werden in diesem Band gewürdigt, und es wird an das Jubiläums-Konzert vor dem Reichstag im Jahr 1987 im Zuge der 750-Jahr-Feier erinnert – so etwas ist für dieses Jahr nicht geplant, umso schöner, quasi als kleines Geburtstagsgeschenk, visuell noch einmal ansatzweise daran teilnehmen zu können.

Wenn ich mir etwas von dem Autoren-Duo wünschen könnte, wäre es ein weiterer Historien-Comic, sei es über die DDR oder über ein anderes Kapitel der deutschen Geschichte – dann aber bitte im XXL-Format und ohne didaktischen Anspruch, der der Lektüre dieses ansonsten total gelungenen Bandes einen etwas strengen Beigeschmack verleiht.

Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten, avant-verlag, 2012, 97 Seiten, 14,95 Euro

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Vor ein paar Tagen habe ich schon einmal über John Green und sein fulminantes Buch Das Schicksal ist ein mieser Verräter geschrieben. Jetzt hat mir John Green ein bisschen seiner wertvollen Zeit geschenkt und ein paar Fragen beantwortet.

Mr Green, woher stammen die Ideen für Ihre Geschichten?
Von Fragen. Im Fall von Das Schicksal ist ein mieser Verräter habe ich mich gefragt, wie man gleichzeitig optimistisch und intellektuell interessiert in einer Welt leben kann, die oftmals so grausam und launisch ist.

Warum sind Themen wie Krankheit und Tod für Sie so wichtig?
Bücher sind am interessantesten und nützlichsten, wenn sie unmittelbar von den Dingen erzählen, die wir fürchten und vor denen wir weglaufen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich ein Buch über Verlust, Trauer und Krankheit schreiben wollte. Gleichzeitig sollte es aber auch eine sehr lustige und sehr hoffnungsvolle Geschichte sein, denn das menschliche Leben ist im Grunde genommen lustig und verheißungsvoll.

Wie entwickeln Sie einen Plot?
An diesem Buch habe ich über zehn Jahre gearbeitet, also hatte ich viel Zeit, um über den Plot und die Struktur nachzudenken. Die Geschichte sollte eigentlich wie eine epische Liebesgeschichte angelegt sein – aber ich wollte, dass es – wenn so etwas überhaupt möglich ist – ein kleines und zärtliches Epos wird.

Haben Sie reguläre Arbeitszeiten, während Sie schreiben?
Ja, ich schreibe morgens von 8 Uhr bis mittags 12 oder 13 Uhr. An den Nachmittagen arbeite ich an meinen Videos und anderen Dingen.

Wie haben Sie das Roman-Schreiben gelernt? Oder war das ein Talent, das Sie schon in jungen Jahren besaßen?
Als ich jung war, habe ich mich fürs Schreiben interessiert, aber ich glaube nicht, dass ich besonders talentiert war. Das Schreiben habe ich hauptsächlich vom Lesen gelernt. Ich hatte viele hilfreiche und wichtige Lehrer, die mir das Schreiben beibrachten. Aber ich glaube, die beste Art, das Roman-Schreiben zu lernen, ist zu lesen.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter spielt zum Teil in Amsterdam: Haben Sie diese Stadt zufällig ausgewählt? Oder hat Ihr Stipendium dort dazu beigetragen?
Schon Jahre bevor ich das Stipendium für Amsterdam bekam, hatte ich die Geschichte dort angesiedelt. Ich habe Amsterdam genommen, weil die Erzählerin meiner Geschichte mit einer Krebsart lebt, bei der sich ihre Lungen immer wieder mit Wasser füllen. Sie ertrinkt sozusagen innerlich. Amsterdam ergeht es ähnlich: Die Stadt versinkt im Wasser, sie ist von Kanälen durchzogen, ist aber dennoch eine lebendige und blühende Stadt. Ich wollte eine Verbindung zwischen Hazel und dem Ort herstellen, den sie sich so liebevoll ausmalt.

Hatten Sie vorher auch über andere europäische Städte nachgedacht wie Paris, Rom oder Berlin?
Ich hatte kurz Venedig in Erwägung gezogen, auch das ist ja eine untergehende Stadt. Aber Venedig ist nicht so pulsierend und modern wie Amsterdam. Außerdem ist es viel kleiner.

Haben Sie mit dem Erfolg der amerikanischen Ausgabe von Das Schicksal ist ein mieser Verräter (im Original: The Fault in Our Stars) bei Amazon und Barnes & Nobels gerechnet?
Nein, ich hätte nie gedacht, dass das Buch so viele Leser ansprechen könnte und sie es so begeistert aufnehmen würden. Realistische Literatur für junge Erwachsene schafft es fast nie auf die Bestsellerlisten in den USA, aber 26 Wochen nach Erscheinen ist es immer noch auf Platz 3 der New York Times Bestsellerliste. Ich bin total überrascht.

Wie war es, 150 000 Exemplare des Buches zu signieren?
Das war anstrengend. Es hat fast drei Monate gedauert, und ich habe pro Tag zehn bis zwölf Stunden signiert. Aber gleichzeitig war ich so glücklich, dass so viele Menschen mein Buch vorbestellt hatten. Es war eine körperliche Herausforderung, aber ehrlich gesagt, habe ich das auch genossen. Romane zu schreiben ist sehr schwierig, es ist eine langsame Arbeit, für die man sehr viel Ausdauer und Konzentration braucht. Da ist es schon fast entspannend, seinen Namen immer und immer wieder zu schreiben.

Was hielt Ihre Frau von all den Kartons in Ihrem Haus?
Sie war nicht gerade sehr begeistert davon. Aber sie freut sich natürlich, dass so viele Leute das Buch lesen.

Haben Sie schon eine neue Idee für Ihr nächstes Buch?
Nein, ich habe keine Ahnung, was ich als nächstes schreiben werde.

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Übersetzung: Sophie Zeitz, Hanser Verlag, 2012, 287 Seiten, 16,90 Euro

 

Seepocken am Containerschiff des Bewusstseins

Dieser Tage erscheint endlich der neue Roman von John Green. In den USA steht er seit über einem halben Jahr auf der Bestsellerliste der New York Times. Zurecht. Denn mit Das Schicksal ist ein mieser Verräter ist Green ein ganz großartiges Buch gelungen. Darin erzählt er mit einer riesigen Portion an Humor und Liebe für seine Figuren die Geschichte von Hazel Grace.

Das Mädchen ist 16, liebt America’s Next Top Model, hasst die Selbsthilfegruppe, zu der ihre Mutter sie immer wieder fährt, und zieht eine Sauerstoffflasche hinter sich her. Denn Hazel Grace hat Krebs. Eigentlich Schilddrüsenkrebs, aber mittlerweile machen ihr die Metastasen in der Lunge viel mehr zu schaffen. Ein Buch, das so beginnt, scheint harter Tobak zu sein. Man vermutet zunächst eine dieser vielen Krebsleidensgeschichten, die den Leser immer ganz betroffen und geknickt zurücklassen. Doch John Green, amerikanischer Jugendbuchstar, entgeht diesem Klischee mit Bravour.

Hazel trifft in der Selbsthilfegruppe nämlich auf Augustus, dem ein Osteosarkom (Knochenkrebs) ein Bein genommen hat. Mit seiner schlagfertigen und frech-ironischen Art bricht der Junge nach und nach Hazels ruppigen Schutzpanzer auf. Die beiden diskutieren über Bücher, Musik, Leben und Sterben, Krankheit und Tod. Und das ohne Tabus. So entspinnt sich zwischen ihnen eine anfangs rüde und dann doch sehr romantische Love-Story. Gemeinsam philosophieren sie über das Dasein von pubertierenden Krebspatienten, bezeichnen sich als „Nebenwirkungen“ und als „Seepocken am Containerschiff des Bewusstseins“. Hört sich grausam an, und für jeden einzelnen Betroffenen ist es das selbstverständlich auch, aber Green erzählt entwaffnend offen und gnadenlos von Krankheit, Leid und Tod, dass es einfach nur bewunderungswürdig ist.

Hazels steckt Augustus mit ihrer Begeisterung für das Buch „Ein herrschaftliches Leiden“ von Peter Van Houten an. Es handelt von dem krebskranken Mädchen Anna, endet jedoch so abrupt, dass Hazel, die Krebsbücher eigentlich total doof findet, nicht davon lassen kann. Sie will unbedingt die Antworten auf eine Reihe von dringlichen Fragen haben (Was passiert mit dem Hamster Sisyphus? Ist der Tulpenholländer ein Betrüger? Was wird aus Annas Mutter?). Augustus, der mittlerweile bis über beide Ohren in Hazel verliebt ist, organisiert daraufhin eine gemeinsame Reise nach Amsterdam. Dort lebt Van Houten ganz zurückgezogen und hat sich von der Welt abgewandt.

Wie dieser Plot sich auflöst, darf ich hier natürlich nicht verraten – denn das würde die Spannung und die Faszination der Geschichte kaputtmachen. Und fasziniert ist man, von der ersten Seite bis zur letzten. Greens schnörkellose Erzählart – souverän übersetzt von Sophie Zeitz – zieht einen sofort in den Bann. Man ist unmittelbar bei den Protagonisten, nicht nur, weil er Hazel aus der Ich-Perspektive erzählen lässt, sondern weil Green ihr Innenleben mit so einer erfrischenden Selbstironie schildert, dass man sich am liebsten eine Scheibe davon abschneiden möchte.

Sähe Green nicht wie Schwiegermutters Liebling aus, könnte man ihn für den Punk der Jugendbuchbranche halten. Seit 2007 betreibt er mit seinem Bruder Hank einen Video-Blog und gebärdet sich darin wie ein durchgeknallter Nerd. Ein liebenswerter Nerd, der unglaublich schnell quasselt. Als er sein neues Buch mit dem englischen Titel The Fault in Our Stars im Netz ankündigte, hat seine Fan-Gemeinde ihm noch vor Erscheinen seines Buches in den USA mit den Vorbestellungen bei Amazon und Barnes & Nobel den ersten Platz auf der Bestsellerliste gesichert. Wahnwitzigerweise versprach Green in einem weiteren Video vor Freude, er werde all die bestellten Bücher der Erstausgabe handsignieren. Das hat er dann getan: 150 000 Exemplare in drei Monaten, zehn bis zwölf Stunden täglich. Respekt.

Mittlerweile ist in den USA so ein Hype um TFiOS ausgebrochen, dass Green auf einer Extra-Site Fragen zu dem Buch beantwortet. Mit der klaren Ansage, erst zu fragen, wenn man das Buch auch gelesen hat. Eine ganze Reihe von Fragen dreht sich dabei um das Buch im Buch. Und so verwundert es nicht, dass es auf Facebook bereits eine eigene Seite gibt, die sich nur um Peter Van Houtens An Imperial Affliction dreht. Die etw 450 Facebook-Anhänger bedauern zum großen Teil, dass es dieses Buch wirklich nicht gibt.

Eigentlich müsste man bei so viel Trubel misstrauisch werden. Aber dann schaut man wieder in das Buch, schlägt eine beliebige Seite auf und ist entzückt, gerührt und von den beiden tiefsinnigen, feinfühligen und rotzfrechen Protagonisten einfach nur überwältigt. Von John Green, der mit seinem Debütroman Eine wie Alaska 2008 in Deutschland für den Jugendliteraturpreis nominiert war, werden wir hierzulande sicherlich noch mehr zu lesen bekommen – und darauf freue ich mich schon.

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Übersetzung: Sophie Zeitz, Hanser Verlag, 2012, 287 Seiten, 16,90 Euro

Jüdische Aufklärung

Waldtraut Lewin: Der Wind trägt die Worte. Geschichte und Geschichten der JudenJüdisches Leben in unserer Gesellschaft gibt es – wieder, muss man wohl hinzufügen. Doch es findet zumeist hinter verschlossenen Türen in den Familien und Gemeinden, in gut bewachten Synagogen und jüdischen Einrichtungen statt. So jedenfalls ist meine ganz persönliche Beobachtung. Jüdisches Leben in der deutschen Öffentlichkeit ist immer noch keine Selbstverständlichkeit. Das Unwissen über die Kultur und die Geschichte der Juden setzt sich weiter fort. Würde man zur Geschichte der Juden befragt, wäre die Verfolgung der Juden im Dritten Reich wahrscheinlich das Erste, was einem einfällt. Doch neben diesem düsteren Kapitel der deutschen und jüdischen Geschichte – an das nicht oft genug erinnert werden kann – sollte sich der Blick jedoch auch auf die Jahrtausende alte Historie der Juden richten.

Die Autorin, Dramaturgin und Regisseurin Waltraut Lewin hat sich genau diesem monumentalen Thema gewidmet. Im ersten von zwei Teilen ihres Werkes Der Wind trägt die Worte stellt sie die Geschichte der Juden vom Jahr 1 der jüdischen Zeitrechnung – 3761 v. Christus – bis ins Jahr 1655 dar. In einem Dreiklang aus Fakten, Berichten und (zum Teil fiktiven) Erzählungen führt sie den Leser von Palästina, Ägyptenland, Babylon, Italien, Spanien, Portugal, Deutschland bis nach England. Sie erzählt von Königen, Rabbinern und Propheten. Von Salomo, David und Rabbi Löw. Von Verfolgung, Inquisition, Ghettoisierung. Anfangs stammen die Geschichten aus dem Alten Testament und stellen für christlich geprägte Leser einen Wiedererkennungseffekt dar. Später fügen sich mehr und mehr Episoden an, die man aus der europäischen Geschichte kennen könnte – aus der jüdischen Perspektive jedoch nicht unbedingt wahrgenommen hat.

Im Laufe der Lektüre begreift man, wie eng Judentum und Christentum miteinander verbunden sind. Dass das eine ohne das andere kaum denkbar ist. Wie schon Lessing in seinem Nathan versucht hat klarzumachen. Die Einbindung der Erlebnisse und Erfahrungen der Juden in einen großen europäischen Kontext ist nicht nur lehrreich, sondern überaus faszinierend und fesselnd. Die Autorin mixt Geschichten und Legenden mit wissenschaftlichen Fakten und neuesten Erkenntnissen. Die kurzen Kapitel und die unterschiedlichen Erzählstile erlauben es dem Leser, nach Lust und Laune zwischen den Abschnitten und Epochen zu springen. Waltraut Lewin macht Historie so überaus anschaulich und nachvollziehbar.

Für Jugendliche ab 12 mag manches vielleicht nicht immer sofort verständlich sein, doch ein Glossar am Ende des Buches erklärt die gängigsten Begriffe der jüdischen Kultur, erläutert die jüdischen Feste sowie den Unterschied zwischen Tora, Tanach und Talmud. Dieses Geschichtsbuch sei allen denjenigen ans Herz gelegt, die jenseits von religiösem Missionierungswahn (von welcher Religion auch immer) mehr über das Judentum erfahren wollen, denn Lewin erzählt ohne erhobenen Zeigefinger und vermeidet platte Schuldzuweisungen. Das ist für mich Aufklärung im besten Sinne – wie schon bei Gotthold Ephraim Lessing.

Waldtraut Lewin: Der Wind trägt die Worte. Geschichte und Geschichten der Juden, cbj, 2012, 765 Seiten, ab 12, 24,99 Euro

Wie es sich gehört

Deutschland ist ein Land im Krieg, doch dieser Krieg findet nicht in diesem Land statt, sondern weit weg in Afghanistan. Doch wie auf der Jugendbuch-Tagung in Tutzing Anfang Juni diskutiert wurde, brauchen auch Kinder und Jugendliche ohne solche Erfahrungen Literatur über den Krieg, selbst wenn er für uns weit weg ist. Die Wissenschaft unterteilt die Kriegsromane in ganz unterschiedliche Gattungen: Frontroman, Lazarettroman, Etappenroman, Heimkehrerroman, Kriegsopferroman, Fluchtroman oder Heimatfrontroman. Für jede Facette des Grauens ist also was dabei. Fragt sich nur, was man den Kindern und Jugendlich davon zumuten soll.

Eine fast schon poetische, dafür aber nicht minder bedrückende Variante hat die Holländerin Joke van Leeuwen geschrieben. In Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor erzählt sie die Geschichte des Mädchens Toda. In einem nicht genannten Land ist im Süden Krieg ausgebrochen – „die einen kämpfen gegen die anderen“. Todas Vater wird eingezogen und lernt sich zu tarnen. Kurzfristig passt die Großmutter auf das Mädchen auf, doch dann wird es auch Zuhause zu gefährlich. Toda soll über die Grenze ins Nachbarland, wo ihre Mutter schon seit vielen Jahren lebt.

Auf dem Weg in die Sicherheit erlebt Toda die unterschiedlichsten Abenteuer: geldgierige Schlepper, eitle Generäle, pseudohilfsbreite Mütter, Großmütter, die sich nach ihren Enkeln sehnen, Deserteure, Bürokratenirrsinn. Toda erzählt von ihren Ängsten während der Flucht, schlägt sich in einem fremden Land durch, in dem eine ihr unbekannte Sprache gesprochen wird, und entlarvt bei alldem das widersinnige Verhalten der Erwachsenen, ihren unnützen Anspruch an Mut, Kraft und Stolz. Am Ende schafft Toda es zu ihrer Mutter und kann auf eine Rückkehr zu Vater und Großmutter hoffen.

Dieses schmale Buch, eine Mischung aus Flucht- und Etappenroman, ist sicherlich keine leichte Unterhaltungslektüre, dafür aber eine großartige Reflexion über kriegerisches Verhalten – nicht nur im Krieg, sondern in unser aller Alltag.

Joke van Leeuwen: Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor, Übersetzung: Hanni Ehlers, Gerstenberg Verlag 2012, 128 Seiten, ab 10, 12,95 Euro

Von fremden Welten

Zugegeben, ich liebe Atlanten. In Momenten, in denen ich nicht durch unbekannte Gefilde fahren oder wandern kann, bieten mir die geografischen Karten unendliche Möglichkeiten, auf Reisen zu gehen. Dann durchstreife ich fremde Städte, erklimme Gebirgszüge, folge Küstenlinien und Flussläufen. Manche Orte, an denen ich schon mal war, erkenne ich wieder (es sind die wenigsten). Alle anderen befeuern meine Fantasie und die Sehnsucht, vielleicht einmal dorthin zu gelangen.

Ähnliches ist mir jetzt mit einem sehr ungewöhnlichen und sehr schönen Atlas passiert, dem Atlas der fiktiven Orte. Hier gibt es „Karten“ der anderen Art. Sie zeigen keine realen Orte, sondern – wie der Titel schon sagt – 30 erfundene Städte, Länder und Welten aus Literatur, Theater, Film und Fernsehen. Es handelt sich dabei um collageartige Illustrationen von Steffen Hendel, die den Leser nach Avalon, Xanadu, Springfield, aber auch Gondor und auf die Schatzinsel entführen. Die Illus setzen sich aus Fotos, Grundrissen, realen Flussläufen und grafischen Elementen zu Fantasiekarten zusammen. Viele kleine, überraschende Details entdeckt man erst bei genauem Studium.

Die Karten und die zugrundeliegenden Werke erläutert der Komparatist Werner Nell. In seinen literaturwissenschaftlichen Aufsätzen ordnet er die Bedeutung der Orte in der jeweiligen Geschichte ein, referiert kurz deren Inhalt und stellt Bezüge zu anderen Werken, Genres und gesellschaftlichen Phänomenen her. So regen nicht nur die Karten zum fiktiven Reisen an, sondern auch Nells Analysen und Interpretationen beinhalten jede Menge Entdeckungspotential. In seiner Kombination aus Text und Illustration führt dieser Atlas dem Leser eindringlich vor Augen, dass der Mensch mit seiner Fähigkeit, sich fiktive Geschichten auszudenken, auch seinem tiefen Bedürfnis Ausdruck verleiht, eigene Welten zu erschaffen. So kann er immerhin im literarischen Rahmen ein bisschen Gott spielen.

Genau diese einzigartigen Welten jenseits unserer Realität tragen neben den Handlungen und den Figuren maßgeblich zur Faszination der Bücher, Theaterstücke oder Comics bei, die wir täglich verschlingen. Wir träumen uns weg oder freuen uns diebisch, wenn wir unsere Alltäglichkeiten dort gespiegelt oder aufs Korn genommen vorfinden. So habe ich in diesem Atlas alte Bekannte aus der Kindheit getroffen wie Lummerland und Entenhausen, bin mal wieder auf den Zauberberg gestiegen, habe Metropolis von einer anderen Seite kennengelernt und bin dann in die unbekannten Sphären von Utopia und der Sonnenstadt vorgedrungen. So ein Buch hätte ich mir zu Studentenzeiten gewünscht, als mein strukturalismusfixierter Professor über Orte in der Literatur monologisierte, ohne das der Funke für Literatur übersprang. Anregend geht anders, wie dieses Kompendium zeigt.

Als Nebenwirkung der gerade erlebten Fantasiereisen muss ich jetzt mit dem dringenden Bedürfnis leben, so schnell wie möglich auch die Originaltexte zu lesen, die ich bis jetzt noch nicht kenne. All die fremden Welten muss ich jetzt unbedingt selbst erkunden. Für ein Buch, das so etwas in mir auslöst, bin ich den beiden Autoren sehr dankbar.

Werner Nell/Steffen Hendel: Atlas der fiktiven Orte. Utopia, Camelot und Mittelerde. Eine Entdeckungsreise zu erfundenen Schauplätzen, Meyers, 2011, 160 Seiten, 29,95 Euro

Unvermisst

marit kaldhol allein unter SchildkrötenDer Mensch ist im Grunde allein. Aber der Mensch ist auch ein soziales Wesen. Und wird er von den anderen nicht gesehen, so stürzt ihn dies in quälende Seelenpein.

Über so einen Menschen schreibt die Norwegerin Marit Kaldhol in ihrem Roman Allein unter Schildkröten. In kurzen Texten lässt sie den 19-jährigen Mikke in Tagebucheinträgen von sich erzählen. Soweit eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings beschleicht den Leser auf den ersten 65 Seiten immer stärker das dumpfe, ungute Gefühl, dass bei Mikke etwas ganz gewaltig schief läuft. Oberflächlich scheint alles in Ordnung: Er begeistert sich für Biologie, betreut einen behinderten Jungen und ist gerade zum ersten Mal richtig verliebt. Sein Vater hat die Familie zwar vor Jahren verlassen, die Mutter aber eine neue Liebe gefunden. Mit seinem Stiefvater steht sich der Junge richtig gut. Aber trotzdem fühlt Mikke sich einsam, rutscht langsam in eine Depression und setzt seinem Leben schließlich ein Ende.

Kaldhol schildert dieses Drama unaufgeregt und in keiner Weise voyeuristisch oder reißerisch. Nachdem Mikkes Tagebuchaufzeichnungen enden, erinnert sich zunächst seine Mutter an ihn und auch an ihr eigenes Leben. Im dritten Teil des Buches verabschieden sich die Väter und Freunde mit Briefen von dem Jungen. So fügen sich im Laufe der Lektüre diese Stimmen wie ein Puzzle zusammen und zeichnen das Bild eines im Grunde lebenslustigen, sportlichen, gutaussehenden Teenagers, der aber einem modernen Werther gleich an der Welt leidet.

Die kurzen Kapitel wirken poetisch, sind aber vor allem von Mikkes philosophischen Betrachtungen über das Leben, das Sterben und die eigene Identität geprägt. Neben der Frage nach den Gründen für seinen Freitod regt gerade Mikkes Suche nach einer eigenen Persönlichkeit, nach einem Platz in der Gesellschaft, in der er sich so verlassen vorkommt wie das Gelege einer Meeresschildkröte, zum intensiven Nachdenken an. Der Leser wird dabei auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine eigene Sicht der Dinge, ob er von anderen tatsächlich gesehen wird und ob er selbst die anderen wirklich sieht. Die Betrachtungen der Mutter und der anderen Figuren erweitern die Geschichte dann um die psychologische Dimension, die jedes Aufeinandertreffen von menschlichen Wesen zwangsläufig mit sich bringt. Man leidet mit den Menschen, die keine vorsätzlichen Fehler begangen haben, mit, weil man weiß, dass man einer von ihnen sein könnte.

So wird dieses schmale, stille Buch zu einer Lektüre mit Tiefe und Nachhall. In Zeiten von Krach, Oberflächlichkeit und Egozentrismus ein bewegender Kontrapunkt.

Marit Kaldhol: Allein unter Schildkröten, Übersetzung: Maike Dörries, mixtvision, 2012, 136 Seiten, ab 14, 12,90 Euro

Mohnschnecke ahoi!

die wilden PiroggenpiratenWenn man so darüber nachdenkt, wie die Helden und Protagonisten in Romanen beschaffen sind, so sind es doch in der Mehrzahl Menschen, die die unterschiedlichsten Abenteuer erleben. Manchmal gehören die Figuren zu fantastischen Spezies wie Feen, Vampiren, Hobbits oder Engeln. Treten Tiere als Akteure auf, sprach man früher von Fabeln. Doch spätestens seit Lewis Carrols Alice im Wunderland oder Rudyard Kiplings Dschungelbuch können Tiere auch jenseits von belehrender Absicht Geschichten erzählen.

Ganz selten findet man Gemüse und Obst als Romanhelden. Gianni Rodari brachte 1951 Le Avventure di cipollino (Zwiebelchen) heraus, in dem ein Zwiebeljunge seinen Zwiebelvater aus dem Gefängnis befreien will und sich gegen die Ungerechtigkeiten der Welt auflehnt.

Bei meiner Recherche stieß ich dann noch auf Philippe Bertrands Der Krieg der Gemüse, in dem sich das Grünzeug die Köpfe einschlägt. Falls es weitere Romane mit essbaren Helden gibt, bitte ich um Aufklärung, aber mir ist beim Grübeln über dieses Thema schließlich nur noch Bernd das Brot eingefallen. Aber der ist TV-Star und kein Romanheld.

Mit diesem Exkurs möchte ich auf ein wirklich einzigartiges Buch aufmerksam machen, deren Protagonisten zur Gattung des Backwerks gehören. Ja, richtig gelesen: Backwerk. Also Krapfen, Laib Brot, Mohnstrudel, Honigkuchen, Eclair, Empanada, Wan Tan, Piroggen, Pelmen, Pumpernickel, Zwieback und was die Backstube noch so hergibt. Der lettische Autor Maris Putnins muss eine große Leidenschaft für Gebäck hegen, denn er lässt diese Leckerbissen in einer absolut wahnwitzigen Abenteuergeschichte agieren, in: Die wilden Piroggenpiraten.

Mohnschnecke Eloise aus Murseille, Tochter von Mohnstrudel und einer Wiener Mohnpotitze, ist eine gute Partie. Der Angestellte des Vaters, Eclair, ist rettungslos in sie verliebt. Doch eines Tages funkt das arrogante Hörnchen in Eclairs Liebesbemühungen und lädt Mohnschnecke auf seine Yacht ein. Diese wird von Piroggenpiraten geentert, Mohnschnecke entführt, Hörnchen über die Planke geschickt. Glücklicherweise landet der Schnösel in Eclais Ruderboot und kommt noch mal davon.

Was nun folgt, ist eine verwickelt komische Rettungsaktion: Eclair macht sich umgehend auf die Suche nach der Geliebten, schließt sich dafür sogar den erfolglosen Pelmen an und lässt nichts unversucht. Hörnchen wird von seinem geschäftstüchtigen Vater ausgeschickt, um die Mohntochter, die vermutlich auf dem Sklavenmarkt von Djadida verkauft werden wird, einfach zurückzukaufen und einen ordentlichen Gewinn zu machen.

Und das arme Opfer? Frauen an Bord bringen Unglück, hieß es früher in Seefahrerkreisen. Die Piroggenpiraten würden das möglicherweise ähnlich sehen, denn Mohnschnecke ist alles andere als das fügsame Opfer. Auf der Brigg ‚Speckkugel’ findet sie Gefallen an dem wilden Piratenleben mit der fetten Beute, und so stellt sie im Laufe der Geschichte das Leben der ungehobelten Piroggen gehörig auf den Kopf: Mohnschnecke zieht in die Kapitänskajüte, führt an Bord die ‚Hügjene’ ein, legt die damenhaften Kleider ab und schlüpft in Piratenklamotten. Dann übernimmt sie das Kommando …

Die unzähligen Irrungen und Wirrungen dieser drei Erzählstränge kann ich hier jetzt natürlich nicht aufführen oder gar verraten. Nur so viel muss gesagt werden: Das Backwerk bleibt nicht unter sich, denn es tummeln sich in diesen über 600 Seiten auch noch stinkiges Käsegebäck in Tschiesburg, kriegerische Blutwürste, die viel zu schnell ihre Füllung verlieren, und der Große Konditor, der alles geschaffen hat. Am Himmel strahlen der Große und der Kleine Bäckerwagen. Auf der Erde zeigen Groß- und Kleingebäck, was für eine Füllung in ihnen steckt (mein Favorit: Hippopotamusspeck). Und die Piraten schießen mit unreifen Pfirsichen, Dörrpflaumen oder grünen Kartoffeln aus allen Rohren.

Wie gesagt, etwas Vergleichbares ist mir noch nicht untergekommen. Dieses Buch ist ein Riesenspaß, eine Explosion der Fantasie. Die Wortschöpfungen von Übersetzer Matthias Knoll sind die humoristischen Sahnehäubchen in diesem Back- und Piratenuniversum. Dabei wirken die Analogien zur realen Welt in all der Leichtigkeit trotzdem wie ein kritischer Spiegel unserer Gesellschaft – und bringen den Leser im nächsten Moment gleich wieder zum Grinsen. Und was Mohnschneckes Durchgreifen und Erfindungsgeist angeht: Jack Sparrow kann einpacken.

Maris Putnins: Die wilden Piroggenpiraten. Ein tollkühnes Abenteuer um eine entführte Mohnschnecke und ihre furchtlosen Retter, Übersetzung: Matthias Knoll, Illustrationen: Karsten Teich, Fischer Schatzinsel, 2012, 652 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

Facebook-Tod und Hausbesetzung

Edvard ist 14 einhalb und hätte gern Haare auf der Brust. Außerdem ist er immer noch nicht im Stimmbruch, und Constanze will absolut nichts von ihm wissen. Keine gute Ausgangssituation für ein gelungenes Leben. Um an Constanze heranzukommen, hat er einen Facebook-Account gefakt und gibt sich dort als Jason aus Chicago aus. Constanze ist mittlerweile total in Jason verknallt, bombardiert ihn mit Anfragen und will schließlich sogar seine Telefonnummer. Das geht so gar nicht.

Edvard lässt Jason auf Facebook sterben. Jasons fiktiver Bruder James überbringt die Nachricht im Netz. Edvard glaubt, nun wieder Ruhe zu haben. Doch dem ist nicht so. Stattdessen richtet Constanze eine Gedenkseite für Jason ein und in kürzester Zeit steigen die Gefällt-mir-Klicks in die Hunderttausende. Alle wollen der Familie des Toten helfen und den angeblichen Ärztepfusch vor Gericht bringen. Die Angelegenheit verselbständigt sich immer mehr: Krankenschwester und Sanitäter werden interviewt, ein privates Spendenkonto wird eingerichtet und die Facebook-Freunde wollen unbedingt auf die eine oder andere Art helfen. Edvard ist völlig überfordert und stürzt sich erst einmal in ein anderes Projekt.

Sein merkwürdiger Nachbar, der immer die Haufen seines Pudels auf dem Bürgersteig liegen lässt, in die Edvard mit schöner Regelmäßigkeit reinlatscht, stellt sich als Astrophysik-Professor Tannenbaum heraus. Er ist Edvards großes Idol. Die beiden freunden sich an, der Professor gibt dem Jungen Nachhilfe-Unterricht.

Als Tannenbaum eines Tages verkündet, dass seine Vermieterin Eigenbedarf angemeldet hat und er aus seinem Geburtshaus ausziehen müsse, entwickelt Edvard ungewohnten Kampfeswillen und weckt auch in der Mutter die alte Revoluzzerlust. Gemeinsam mit Freunden besetzten sie Tannenbaums Haus, malen Transparente und erregen die Aufmerksamkeit der Presse. Schließlich bietet die Besitzerin dem Professor an, das Haus zu kaufen. Doch woher soll er so viel Geld nehmen?

Am Mittwoch, 28.9., 04:03 Uhr kommt Edvard die rettende Idee. Noch einmal wendet er sich als James über Facebook an Constance, die das private Spendenkonto verwaltet …

In den Einträgen eines Blogs erzählt der Held offenherzig und strunz-ehrlich von seinen Missgeschicken, Wünschen, Höhen und Tiefen – inklusive Allergieschock, Alkoholvergiftung und Knutschübungen mit einem Mädchen, das er eigentlich gar nicht will, bei dem er aber ständig einen Ständer kriegt. Mit anderen Worten: Edvard nimmt kein Blatt vor den Mund. Und das macht er so charmant und witzig, dass ich aus dem Lachen nicht mehr herausgekommen bin. Dabei versinkt Autorin Zoë Beck nicht im platten Slapstick, sondern stattet ihren Protagonisten mit einer ordentlichen Portion Selbstironie aus. In all diesem Chaos sucht Edvard seinen eigenen Weg, jenseits der kulturell auf- und abgeklärten Bestrebungen von Dirigenten-Vater und Galeristen-Mutter, und bleibt dabei ganz beharrlich bei seiner Leidenschaft, der vermeintlich drögen Astrophysik. Sein Vorhaben, Tannenbaum zu helfen, führt schließlich dazu, dass in der Mutter das Rebellentum der eigenen Jugend wieder aufbricht.

Und dieser Seitenhieb richtet sich an die Eltern der jugendlichen Leser: Beck hält der Erziehergeneration den Spiegel der eigenen Angepasstheit und Saturiertheit vor und erinnert sie an ihre eigenen Träume und Weltverbesserungsbestrebungen.

So sehr hier auf der einen Seite das Facebook-Phänomen in wunderschönster Weise ad absurdum geführt wird, umso mehr steckt in der Geschichte auch die Sehnsucht nach dem leidenschaftlichen Kampf für eine wahre und gerechte Sache. Sie macht aus diesem urkomischen Jugendbuch eine All-Age-Lektüre mit Tiefgang.

Zoë Beck: Edvard. Mein Leben, meine Geheimnisse, Baumhaus Verlag, 2012, 190 Seiten, ab 14, 12,99 Euro