Entzückerstoff

zorgamazooEpen sind in unserer Zeit zu einer Seltenheit geworden. Außer man hegt eine Leidenschaft für die Klassiker und greift zur Ilias oder zur Odyssee. Doch es gibt Hoffnung für die Freunde von gereimten Geschichten: Robert Paul Weston hat mit Zorgamazoo ein modernes, frisch-freches Epos geschaffen, das Uwe-Michael Gutzschhahn in bewunderungswürdiger Weise ins Deutsche übertragen und nachgedichtet hat.

Zorgamazoo erzählt die Geschichte des Mädchens Katrina Katrell, die eines Tages auf den wuscheligen, aber liebenswürdigen Zorgel Mortimer Yorgel trifft. Ein Zorgel ist ein pelziges Fantasiewesen aus der Unterwelt. Morty arbeitet bei der Zorgel-Zeitung „Underwood Telegraph Rumor Review“ und soll das Verschwinden der Bewohner des Zorgel-Dorfes Zorgamazoo aufklären. Doch Morty ist alles andere als ein investigativer Reporter. Er hasst das Abenteuer und würde lieber nur  von den Zorgelball-Spielen berichten.

Katrina hingegen ist auf der Flucht vor ihrer fiesen Ziehmutter, die ihr am liebsten das Hirn herausoperieren lassen würde. Das Mädchen fasst Vertrauen zu dem netten Morty und macht sich mit ihm zusammen auf die Suche nach den verschwundenen Zorgeln. Schon nach kurzer Zeit finden die beiden heraus, dass alle fantastischen Wesen der Erde entführt wurden – und werden selbst auf den Mond verschleppt. Dahinter stecken die Bewohner des Planeten Grauballon-Vier. Auf diesem Planeten funktioniert alles mit Langweilerdampf. Doch der Rohstoff geht zu Ende und neue Quellen müssen her. Dafür soll die Langeweile auf der Erde erhöht und dann abgepumpt werden, also müssen dort erst mal alle Fantasiewesen verschwinden. Katrina jedoch gelingt es, die Wesen – Seejungfrauen, Trolle, Zorgel, Kobolde, Feen, Yetis und das Loch-Ness-Monster – zu befreien. Aus der Absaugermaschine für Langweilerdampf macht sie ein Gerät für die Produktion von kunterbunten Entzückerstoff-Gas und bringt alle wieder auf die Erde zurück.

Das Feuerwerk der Fantasie, das in diesem Epos abgebrannt wird, sucht seinesgleichen. Fantastische Welten und fantastische Wesen drängen in den grauen Alltag. Katrina als aufgeweckte, mutige Heldin nimmt ihrem schüchternen Zorgel-Freund die Ängste. Mit ihrer Liebe für alles Ungewöhnliche und Fantastische macht sie unmissverständlich klar, dass die Welt eine bessere und buntere ist, wenn auch andere Wesen in ihr leben dürfen.  Zorgamazoo ist ein klares Plädoyer für mehr Fantasie im Alltag. Daran mangelt es uns manchmal wirklich sehr, wenn man sich so umschaut. Gleichzeitig ist Zorgamazoo für mich in seinem Subtext ein Bekenntnis für Vielfalt und Diversity, quasi ein Appell für Multikulti und die Akzeptanz des Fremden. Auch daran mangelt es in diesem Land immer noch.

Verpackt ist diese an sich schon entzückende Geschichte in konsequent gereimte Verse. In seiner Nachdichtung bedient sich Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bei den unterschiedlichsten Sprachregistern. Da wird schon mal ganz antiquiert „gewamst“ (geprügelt), aber auch ziemlich derbe geflucht oder vom „Lotto-Boss“, „Superhelden“ oder „Job“ gesprochen. Alte Sprache trifft hier auf neue; und was in anderen Texten nicht funktionieren würde, passt hier perfekt zusammen. So zeigt sich die Vielfalt und Buntheit auch in der Sprache und führt zu knuffigen Reimen in einem mitreißenden Rhythmus.

Graphisch ist der Text eine Augenweide: Verschiedenste Schrifttypen unterstreichen die Charaktere der Figuren, hüpfende und mäandernde Worte und Zeilen ziehen den Leser auf einer rasanten Achterbahnfahrt durch das Buch und machen jede Seite zu einem neuen, spannenden Leseerlebnis. Die Illustrationen des Spaniers Victor Rivas an den Kapitelanfängen runden alles zu einem höchst amüsanten Gesamtkunstwerk ab.

Am Ende der Lektüre bleibt ein wunderschöner Effekt zurück: Der Singsang der Reime begleitet einen durch den ganzen Tag – und die Welt wird bunt von diesem Entzückerstoff.

Doch so ein Entzückerstoff entsteht nicht von selbst – hinter der deutschsprachigen Variante von Zorgamazoo steckt unglaublich viel Arbeit, das Herzblut und die Disziplin des Übersetzers. Damit sich jeder Leser ein etwas genaueres Bild von dieser Leistung machen kann, habe ich Uwe-Michael Gutzschhahn zur Entstehung seines Textes befragt.

Herr Gutzschhahn, wie ist Ihre Nachdichtung entstanden: Haben Sie zuerst eine Rohfassung ohne Reime angefertigt? Oder haben Sie gleich in Reimform gearbeitet?
Nein, ich habe von der ersten bis zur letzten Zeile sofort gereimt, anders geht es nicht. Wenn ich erst den Inhalt übersetzt und dann versucht hätte, die Form zu finden, wäre ich nicht mehr frei gewesen, eine deutsche Reimfassung herzustellen. Ich hätte den ganzen Wust an Dingen, den Robert Paul Weston im Englischen leicht in einer Zeile unterbringt, in einem komplizierten deutschen Satz gehabt, der sich nicht mehr hätte schrumpfen lassen. Das heißt, man muss von Zeile zu Zeile spielen, wo eine Reimmöglichkeit auftaucht, und dann den Inhalt hineinsortieren.

Haben Sie sich auf das epische Format irgendwie vorbereitet, z.B. durch die Lektüre von anderen Epen?
Es gibt ja nicht viele neuere gereimte Romane. Und die alten Epen haben einen ganz anderen Rhythmus, eine ganz andere Metrik. Ich bin mit Balladen und allen anderen Arten von Gedichten vertraut, insofern war das eher der Zugang, nicht irgendeine romanlange gereimte Form. Das muss man einfach probieren, und dann braucht es ein musikalisches Gespür, einen Sinn dafür, wie sich Sätze in eine Form geben, wie sie klingen, ein Tempo bekommen, einen Rhythmus.

Zorgamazoo ist – für mich – kein Text, den man stundenlang runterschreiben kann. Wie sind Ihre Verse entstanden? Nur am Schreibtisch? Oder auch im Park, im Auto, unter der Dusche …
Um ehrlich zu sein, indem ich Tag für Tag stundenlang am Schreibtisch gesessen und sozusagen runtergeschrieben habe. Ohne diese Disziplin wäre es nicht gegangen, wäre ich wahrscheinlich immer noch bei den ersten zwanzig Seiten.

Wie sehr ist der Originaltext mit Wortspielen durchsetzt, die nicht übertragbar waren?
Jeder – auch ganz prosaische – literarische Text ist mit unübersetzbaren Wortspielen gespickt. In einem Buch wie Zorgamazoo hat man durch die strenge metrische Form sowieso den Zwang, auswählen zu müssen, welches die unverzichtbaren Teile des Textes sind und welches die entbehrlicheren. Denn die deutsche Sprache läuft länger, es gibt anders als im Englischen wenig einsilbige Wörter. Sie brauchen für jede Aussage des Originaltextes in der Übersetzung mehr Platz, also müssen Sie umgekehrt reduzieren, denn die Form einschließlich der Zeilenzahl pro Seite war ja vorgegeben und unverrückbar. Dass für ein Erzählgedicht, eine Ballade am ehesten ein vierhebiger Takt in Frage kommt, ist schon für das Tempo der Geschichte wichtig. All das muss man im Kopf haben und dann dort ein Wortspiel nutzen, wo es sich ergibt. Das ist vielleicht ein paar Verse später oder ein paar Verse früher als im Original, aber es muss funktionieren, darf nicht erzwungen wirken. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, dass man mehr Wort- oder auch Reimspiele findet als im Original stehen, dann habe ich mir die Freiheit erlaubt, das Spiel weiterzutreiben.

Wie frei haben Sie sich vom Original machen müssen, machen können?
Inhaltlich ist die Übersetzung natürlich identisch mit der Originalversion von Robert Paul Weston. Wie ich aber einen Weg finde, die Geschichte auf Deutsch zu erzählen, sodass sie glaubhaft in die gereimte Form passt, das ist immer eine Frage der Abwägung. Mein Bestreben ist es, so nah wie möglich am Originaltext zu bleiben. Jeder noch so kleine Eingriff muss begründet sein, muss sich gegenüber der Geschichte rechtfertigen lassen. Nur weil etwas schön klingt oder rhythmisch gut passen würde, gehört es nicht in die Übersetzung hinein.

Im deutschen Text treffen die unterschiedlichsten Sprachregister aufeinander – alte Sprache trifft auf ganz aktuelle Ausdrücke, es wird derbe geflucht: War das im Original auch so oder ist das ein „Zugeständnis“ an die Reimform?
Nein, genau das meine ich, wenn ich sage, nur weil etwas schön klingt oder rhythmisch passt, gehört es nicht in die Übersetzung. Die verschiedenen Sprachebenen sind auch im Englischen da. Und im Englischen kann man noch viel variantenreicher derb sein als im Deutschen.

Gab es außer den Reimen weitere Schwierigkeiten?
Die ganz üblichen, die man immer als Übersetzer hat. Vor allem, dass man im Deutschen vieles nicht so einfach und knapp formulieren kann wie im Englischen.

Wie lange haben Sie an der Übersetzung gearbeitet?
Vier Monate.

Wie viele Durchgänge haben Sie gebraucht, bis die Endfassung stand?
Acht Durchgänge plus zwei mit meinen Lektoren.

Wie sind Sie für den Text honoriert worden: pro Zeile, pro Strophe, pro Seite?
Pauschal und mit Hilfe einer Übersetzungsförderung durch das Canada Council for the Arts.

Haben Sie irgendwann in Reimen geträumt?
Nein.

Robert Paul Weston: Zorgamazoo, Nachgedichtet von Uwe-Michael Gutzschhahn, Illustration: Victor Rivas, Jacoby & Stuart,  2012, 285 Seiten, ab 10, 16,95 Euro

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