Lecker Abenteuer

Das nennt man understatement: Einmal kurz nicht aufgepasst – und zack, schon treibt man in einem großen Kochtopf mit einem Löffel als Ruder auf dem Ozean. Wie die beiden Waschbären, das Kaninchen und die Hündin in diese Situation gekommen sind und wie sie sich geschickt wieder rausmanövrieren, erzählt die Illustratorin Regina Kehn in ihrem wundervollen Debüt als Comicautorin.
Regina Kehn hat schon zahlreiche Bücher exzellenter Autorinnen und Autoren wie unter anderen Anna Woltz, Kirsten Boie, Andreas Steinhöfel, Nikola Huppertz mit ihren prägnanten Titelbildern in Gesamtkunstwerke verwandelt. Saša Stanišićs von Kehn illustriertes Jugendbuchdebüt Wolf wurde 2024 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Außerdem ist sie auch vielen ganz jungen Lesern bekannt durch zwei von ihr gestaltete Pixi-Bücher. Kannst du das lesen? hat Kehn ebenfalls selbst geschrieben. Und jüngst hat sie ein weiteres Buch Stanišićs, als Autor für die Jubiläumsreihe der kleinen ikonischen Bücher, charakteristisch in Szene gesetzt.

Ligne Kehn

Und nun ist also Regina Kehns erstes Comic erschienen, logischerweise bei Kibitz, dem Verlag für Kindercomics. Kehn erzählt in klassischen Panels mit ihren unverwechselbaren Stilmitteln. Da sind zum einen die Farben: vor allem kräftiges, klares Ozeanschwimmbadkachelnblau, Schiffscontainerkarottenorange und Laternenbutterblumengelb. Und dann eine im Laufe der Jahre immer deutlichere ligne claire. Mittlerweile ist sie so zu ihrem Markenzeichen geworden, dass man von einer ligne Kehn sprechen könnte. Innerhalb dieser klaren, stabilen Umrandung erweckt Kehn unterschiedlichste und sehr liebenswerte Typen zum Leben, und gibt diesen Freigeistern verlässliche Struktur.

Verkettung kurzer Unaufmerksamkeiten

Da sind zum einen die beiden Waschbärenkumpels Juri und Walther: der eine ein hibbeliger, plietscher Draufgänger mit einem leichten Hygienefimmel, der andere eher gemütlich und etwas stoffelig. Was sie vereint, ist der Appetit auf Neues. Und so klettern sie in eine Mülltonne, naschen etwas zu viel Lifestyle-Zeug, werden in eine Recyclinganlage gekippt, kurz vor knapp rausgefischt und landen im Tierheim, entkommen von dort, verirren sich auf dem Nachhauseweg im Hamburger Hafen auf ein Containerschiff. Dort begegnen sie dem kämpferischen Kaninchen Dexter und Tony, der hübschen Hündin des Schiffskochs. Und diese verrückte Verkettung kurzer Unaufmerksamkeiten ist nichtmal die Hälfte dieses furiosen Abenteuers.

Unterschiedliche Typen geben Dynamik

Kehn erzählt mitreißend, mit lauter kuriosen Einfällen und Wendungen. Dabei kommen die unterschiedlichen Charaktere ihrer Figuren zum Tragen und geben der Geschichte eine besondere Dynamik. Es geht um Freundschaft, Solidarität und Toleranz für unterschiedliche Lebensentwürfe und Bedürfnisse. Ohne dass großes Gewese drum gemacht wird. Reibung erzeugt Wärme. Prägnant auf den Punkt gebracht werden die verschiedenen Perspektiven durch drei Motivationsreden, bei denen wahlweise von den Kandidaten für die Rolle eines Anführers John F. Kennedy, Martin Luther King oder Winston Churchill zitiert werden. Das ist schön schräge Politiksatire, wenn das Kaninchen mal eben aus dem Stehgreif auf »Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß« sowie »Monate des Kämpfens und Leidens« einstimmt. Einstimmig gewählt wird aber Walther, ohne Rede, wegen seiner guten Nase.

Appetit auf mehr

Ein Waschbär tauchte erstmals in Kehns selbst getexteter Pixi-Geschichte auf. Jetzt sind gleich zwei der forschen, knuffigen Einwanderer mit den Räubermasken Helden von Regina Kehns fantastischem Debüt als Kinderbuchautorin. Einmal kurz nicht aufgepasst macht großen Appetit auf mehr aus ihrer Feder.

Regina Kehn: Einmal kurz nicht aufgepasst!, Kibitz, 2025, 136 Seiten, 20 Euro, ab 6

Die Schönheit der Welt entdecken

45824_Guelich_Gaspards_Reise_US_DF.inddWas für ein wunderbares Bilderbuch! Die fabelhafte Reise des Gaspard Amundsen ist das Debüt der jungen Illustratorin Laura Fuchs, deren Textidee der erfahrene Autor Martin Gülich zu einer überzeugenden Geschichte ausgebaut hat. Ein BRAVO gleich vorweg!

Worum geht´s?
Gaspard Amundsen lebt allein, aber nicht unglücklich, umgeben von warmer Häuslichkeit inmitten eines Büchermeers. Er zählt 107 Jahre und hat sich prima gehalten. Auch dank seiner bevorzugten Teesorte: dem Brennnesseltee. Eigentlich ist er rundum zufrieden mit sich und seinem Leben in der großen Stadt. Und doch, etwas regt sich in ihm — eine seltsame Unruhe, das Gefühl, Neues wagen zu wollen. Gaspard fasst sich ein Herz, sammelt dies und das für die Reise zusammen. Gepäck ohne Ende, inklusive Lieblingstee.

Doch kaum aus dem Haus und auf dem Weg zum Bahnhof passiert Unglaubliches: Man raubt ihn aus! Eine freche Bande von Waschbären macht sich über sein Zeug her, nur ein kleiner Rucksack bleibt ihm. Soll er zurück ins eng gewordene Zuhause? Nein! Er muss raus in die Welt, die eigenen Grenzen sprengen.

Im Zug schnappt er das Gespräch zweier Flugenten auf. Vom Fliegen ist die Rede. Ach ja, genau das will er: Fliegen! Kurz darauf begegnet er dem ziemlich blinden, aber routinierten Flugprofi Maulwurf, und gemeinsam schrauben sie sich in ungeahnte Höhen. Wie riesig diese Wolkenberge, wie klitzeklein die Welt am Boden. Gaspard ist hin und weg. Und dann? Plötzlich knallt und rumpelt es in der altersschwachen Maschine. In letzter Minute gelingt eine Bruchlandung auf unbekanntem Eiland mitten im Ozean. Soll das etwa das Ende seines Abenteuers sein? Gaspard weiß: Ein Krokodil wie er muss keine Angst vorm Wasser haben. Und eh sich Pilot Maulwurf versieht, entert sein Fluggast ein Ruderboot und schippert auf und davon.

Wie weit ist das Meer, wie glatt, wie unsagbar schön! Gaspard genießt seine Reise, und als ihn ein Blauwal einlädt in seine Welt unter Wasser, gibt es kein Zögern. Geschmeidig gleitet er hinter ihm her und fühlt sich auf einmal so jung!

Als Gaspard zum Luftholen auftaucht, ist das Boot weg. Was nun? Bange machen gilt nicht mehr, dafür hat er bereits zu viel Neues gemeistert. Und tatsächlich, die Rettung ist nah. Ein prächtiger Dreimaster nähert sich, und Kapitän Albatros nimmt ihn an Bord bis an den Rand des Eismeers.

Hier beginnt die letzte Etappe seines Abenteuers: Über ihm funkeln die Sterne, neben ihm genießen ein Eisbär und ein Wolf das grandiose Lichterspiel. Und doch, es ist Zeit: Gaspard spürt, sein Zuhause wartet auf ihn. Leichtfüßig wandert er heim. Ab heute wird er sein Tässchen Tee hoch oben auf dem Dach seines Hauses genießen, neue Entdeckungen nicht ausgeschlossen …

In wenigen Worten eine ganze Welt: Martin Gülich beschreibt die wundersame Wandlung des Gaspard Amundsen sparsam und eindringlich zugleich. Sein Text lädt ein, mit zu träumen und zu reisen in ferne Welten, farbenfroh und höchst lebendig illustriert von Laura Fuchs. Der alte Gaspard, ein wenig weltfremd und naiv, ist so liebevoll und unverwechselbar gezeichnet, dass wir am liebsten an seiner Seite wären. Die Illustratorin hat ein Händchen für Charaktere, ob so kess wie die Waschbären, so verschroben wie der Maulwurf oder so in sich ruhend wie der Blauwal. Dazu die große Stadt, die Landschaften, das Meer, der Himmel, das All. Wir sind Teil des Ganzen, atmen die Weite, die Luft und entdecken die Schönheit dieser Welt — und uns selbst.

Und mein Lieblingsbild? Der Rochenschwarm im Grün-Ton-Konzert des Meeres. Da capo!

Heike Brillmann-Ede

Martin Gülich: Die fabelhafte Reise des Gaspard Amundsen, Idee und Illustration: Laura Fuchs, Thienemann, 2016, 32 Seiten mit Landkarte auf den Vorsätzen, ab 4 (und jedes Alter!), 14,99 Euro

I <3 Großstadttiere

tiereDie Großstadt ist ein Dschungel – altbekannt ist das allemal. Auch dass sich nicht nur Menschen, sondern jede Menge Tiere in der Stadt herumtreiben ist eigentlich nicht besonders neu. Skurrile Nachrichten über Vierbeiner schwirren spätestens im Sommerloch wieder durch die Medien.

Doch nun hat die Künstlerin Nadia Budde unsere tierischen Nachbarn auf eine ganz schräge Art gewürdigt und zwar im Buch Großstadttiere. Darin stellt sie 24 Tierarten vor, die die großen Städte wie New York, Zürich, Berlin, Neu Delhi, Bukarest bevölkern. Sei es Waschbär, Fuchs, Schabe, Regenwurm oder Wildschwein, zu jedem Tier erzählt sie eine kleine, zumeist sehr ungewöhnliche Geschichte. Außer bei den Schaben. Zu diesen Krabbeltieren, die in ihren I-love-Stadtname-T-Shirts die Metropolen der Welt stürmen, gibt es scheinbar nichts zu sagen. In allen anderen Geschichten steckt ein wahrer Kern, manches ist aber auch wunderbar gaga – beispielsweise die Therapiegruppe der Großstadtregenwürmer. Man bekommt sofort Mitleid mit den Sitzriesen und möchte ihren zu Hilfe eilen und gleich mal den Asphalt aufreißen. Auch das Schicksal der Pariser Ratten ist herzergreifend, doch zeigt sich hier vor allem der Sprachwitz, mit dem Budde ihre Texte würzt.

Nadia Budde verleiht den Tieren nicht nur ein persönliches Gesicht, sondern gleich einen ganzen Charakter. Die Eigenwilligkeit der Fledermäuse in Austin/Texas ist fast ein Symbol für die Eigenwilligkeit dieses Bilderschatzes. Dick schwarz umrandet kommen Tiere und auch Menschen daher. Vor zitronenfaltergelben, taubenblauen, eichhörnchenroten, regenwurmrosanen Hintergründen schauen sie lieb, treuherzig, fies, hinterhältig, harmlos, naiv, freundlich, verschlagen, böse, treudoof, traurig, genervt … und dem Leser und Betrachter geht das Herz auf. Man hat sie auf einen Schlag alle lieb – auch die Wölfe aus Moskau, die die Einkaufstüten plündern.

Ganz nebenbei hält Budde dann noch einen Kurs in gelingender Fotografie ab, indem sie einen Exkurs über das Phänomen „Turm auf dem Kopf“ als Folge des Fototourismus einbaut. Sie braucht nur ein paar wenige Sätze und fünf Illustrationen dazu – und mit Sicherheit wird keiner der Leser danach mehr Fotos mit solchen Auswüchsen schießen. Genialer geht’s kaum.

Großstadttiere ist ein herrlich schlauer Spaß, der mit viel Herz alle Bewohner der Städte würdigt und ihnen ihren Raum zugesteht. Die Menschen ermahnt die Autorin mit einem Augenzwinkern, ab und an das Auto stehen zu lassen und stattdessen das Fahrrad zu nehmen – und vielleicht doch mal auf fiese Taubenspikes zu verzichten. In diesem Sinne ist Großstadttiere ein grandioses Bilderbuch für jedes Alter.

Nadia Budde: Großstadttiere, Jacoby & Stuart,  2013, 140 Seiten,  ab 9, 18 Euro