Licht aus, Film ab!

lichternKurzfilme gelten nur als Fingerübung junger, angehender Regisseure, bevor diese den ersten „richtigen“, abendfüllenden Spielfilm drehen können. Kurzgeschichten werden ebenfalls gering geschätzt. Im Gegensatz zum angloamerikanischen Sprachraum genießt die knappe Erzählform hierzulande wenig Anerkennung als eigenständige, literarische Form; noch weniger, wenn sie „nur“ von Kinder- und Jugendbuchautoren geschrieben wurde, also Schriftstellern, die ohnehin belächelt werden.

Der Kurzgeschichtenband Hinter den Lichtern lässt das vernachlässigte Genre in neuem Glanz erstrahlen. 18 Autoren, darunter bekannte wie Frank Goosen, Antje Wagner und Nils Mohl haben Originalstories extra für die von Christian Walther herausgegebene Anthologie geschrieben.

18 Geschichten, 18 Parallelwelten, 18 mal Kopfkino, nicht nur in Elisabeth Steinkellners gleichnamiger Geschichte um Eifersucht, Betrug und das Erstarren einer Liebe.

Wir begeben uns auf eine spannende und skurrile Vatersuche, gleichzeitig eine Neuinterpretation des Schubladendenkens, wir erleben Selbstfindung in der Ferne und Entfremdung zu Hause. Eine in ungewöhnlichen Zeitsprüngen erzählte Liebesgeschichte entlarvt Geschlechterklischees. Ein getriezter Gymnasiast verstrickt sich in einen makabren Krimi. Eine neue Superheldin lässt nicht nur Herzen entflammen. Reisen durch Traum und Zeit. Nicht zuletzt geht es auch um die Zeit des Übergangs, um Orientierungslosigkeit und Sinnsuche, zum Beispiel der „Ex-Einserschülerin, der Ex-Person mit großer Zukunft“, die sagt: „Der Schulhof war meine Welt“, und die jetzt, verstoßen von dieser Welt, nicht weiß, wo sie hin soll.

Geschichten von Vertrauen und Verrat, von geträumten Heldentaten und albtraumhaften Verhältnissen, von der Lebendigkeit der Jugend gegen die sedierte Abgeklärtheit der Erwachsenen. Geschichten die neugierig machen, die rühren, verstören und nach Mehr schreien.

Diese Sammlung beinhaltet eine Fülle literarischer Rohdiamanten: Und während das Vorwort des prinzipiell lobenswerten Herausgebers und Germanisten Christian Walther etwas verwackelt und bildschief wirkt, sind viele der stories zu funkelnden Edelsteinen geschliffen, mit brillant entworfenen Charakteren und Figurenkonstellationen, raffiniert geschnittenen Szenen und besonderem Ton.

Hinter den Lichtern, das sind einerseits die im Dazwischen, in der Übergangszone, im Zwielicht – übrigens, soviel Zeit muss jetzt sein für einen kleinen Seitenhieb, das beste an der ganzen erzkonservativen, ansonsten überhaupt nicht ambivalenten Twilight-Saga ist der Titel. Die Geschichten blicken hinter das Vordergründige, Ausgeleuchtete, Eindeutige. Andererseits beschreibt das „dahinter“ auch die Perspektive derjenigen hinter dem Filmprojektor, auf deren innerer Leinwand die Erzählungen lebendig werden.

Hinter den Lichtern ist ein Buch für „eigentlich-Nicht-Leser“, für Bildermenschen.

Licht aus, story ab! Ganz großes Kino!

Elke von Berkholz

Hinter den Lichtern – 18 unglaubliche stories, Christian Walther (Hrsg.), Beltz & Gelberg 2016, 264 Seiten, ab 14, 13,95 Euro

Das x-te Geschlecht

georgeHeute Morgen hat im Rahmen des Harbourfront Literaturfestivals in Hamburg Alex Gino in der Zentralbibliothek Hamburg aus dem Roman „George“ gelesen. Etwa 100 Kinder zwischen zehn und 12 Jahren lauschten und stellten Fragen. Die deutsche Übersetzung von Alexandra Ernst hat die Schauspielerin Jodie Ahlborn einfühlsam vorgetragen. Perfekt moderiert wurde die Veranstaltung von Stefanie Ericke-Keidtel.

In „George“ geht es um ein Transgendermädchen, die irgendwann den Mut aufbringt, sich ihrer Familie anzuvertrauen. Berichtet habe ich von dem wichtigen Buch bereits hier. Nun Alex Gino live zu sehen, war ein wunderbares und aufschlussreiches Erlebnis, denn die Geschichte von George ist in gewissen Zügen Alex Ginos eigene Geschichte.
Vor 38 Jahren in Staten Island/New York geboren war Alex schon recht früh bewusst, anders zu sein. Nur gab es damals in den 80er Jahren keine Worte für dieses Anderssein. Im Gegensatz zu heute, wo auf die Frage, ob denn die Zuschauer schon mal von Transgender gehört hätte, fast alle Kinder die Finger hoben und wissend nickten, als ob das ein alter Hut wäre.

Alex jedoch kämpfte sich durch Kindheit und Pubertät und eröffnet mit 17 den Eltern, queer zu sein. Mit 20 sagte Alex ihnen dann, transgender queer zu sein. Ein doppeltes Coming-out quasi. Die Qualen, Unsicherheiten und Zweifel ahnt man. Alex hatte Glück, dass die Eltern rückhaltlos zu ihrem Kind standen, Alex auf dem schwierigen Weg also Beistand und Hilfe bekam und sich nicht verstecken musste – etwas, was die Romanfigur George als genauso schwierig bezeichnet.

Alex jedoch ist etwas anders als die Romanfigur George, die genau weiß, dass sie ein Mädchens ist. Alex bezeichnet sich als „gender queer“, was für Alex bedeutet, mal Mann, mal Frau sein zu wollen. Alex  legt sich nicht fest, will einfach Alex sein. Ein sehr nachvollziehbarer Wunsch, der jedoch auch Probleme mit sich bringt.
So stellte ein Mädchen aus dem Publikum umgehend eine der drängendsten Fragen: Wie soll man über Alex reden – als sie oder als er? Das Deutsche kennt ja wie das Englische kein x-tes Geschlecht. Und schon betritt man ein sprachliches Minenfeld, wenn man queeren Transmenschen gegenüber nicht unhöflich und unsensibel auftreten möchte.

alexAlex berichtete dann von der langen Suche nach dem richtigen Pronomen für sich – und der Entscheidung für das englischen Singular they, das auch schon Shakespeare benutzt hat, wie Alex mit einem Augenzwinkern hinzufügt.
Dafür eine Entsprechung im Deutschen zu finden ist nicht einfach. Seit Jahren wird über gender-neutrale Sprache gestritten. Einzelne Worte, wie „Studierende“ statt „Studenten“ und gewissen Neutralisierungen setzen sich langsam durch, haben diese aber auch den Vorteil, eine Gruppe von Menschen zu bezeichnen, bei der wir den Plural ganz entspannt benutzen können.
Beim Reden über Einzelpersonen jedoch wird es kompliziert, wenn diese sich keinem der beiden grammatikalischen Geschlechter zuordnen lassen wollen. Doch es gibt Versuche gender-neutrale zu Pronomen zu finden, z.B. hier und hier. Das Feld ist weit, ich kann es hier und jetzt nicht in aller Ausführlichkeit diskutieren (bin auch nicht die Expertin dafür, auch wenn ich mich mehr und mehr bemühe, darauf zu achten). Es wird auf jeden Fall spannend, was sich in den nächsten Jahren in unserem Sprachgebrauch durchsetzen wird. Im Englischen hat das gender-neutrale Mx. (statt Mr. oder Mrs.) bereits den Einzug ins Oxford Dictionary gehalten.
Im Deutschen wird es nicht bei den Pronomen bleiben: Alex hat zwei Nichten und prompt fragte ein Junge, wie diese denn Alex nennen würden, Onkel oder Tante? Etwas zögernd erzählte Alex, dass sie in „uncle Alex“ nennen, einfach weil es besser klingen würde … Fast sah es so aus, als hätte Alex diese Frage noch nie beantworten müssen.
Natürlich grübelt mensch dann automatisch über eine deutsche Alternative zu Onkel und Tante nach: Tankel? Onte? Glücklicherweise ist Sprache immer etwas, das sich entwickelt, Neues schöpfen kann und dieses auch in den Alltag integriert. Irgendwann wird es also einen solchen Begriff im Duden geben, da bin ich mir sicher.

Erfreulich an diesem heiteren Vormittag in der Zentralbibliothek waren – neben einex umwerfend charmanten und überzeugenden Alex Gino – die Offenheit und Neugierde der Kinder. Natürlich fanden es ein paar viel spannender, dass Alex das Computerspiel Mario Kart und die Figur Toad liebt, doch mir war, dass die meisten zumindest ein Gefühl für die Ängste und Nöte von Transmenschen mitbekommen haben. Für einen respektvollen Umgang in unserer Gesellschaft ist damit wieder jede Menge Saat ausgebracht, die hoffentlich reichlich Frucht tragen wird.
Gleichzeitig haben die Kids hautnah erlebt, wie mitreißend fröhlich mensch sein kann, wenn er/sie einfach zu sich steht und sein/ihr Ding macht. Und genau dafür ist das Buch von Alex Gino einfach enorm wichtig!

Alex Gino: George, Übersetzung: Alexandra Ernst, Fischer Verlag, 2016, 208 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

Abenteuer in Boschs Bestiarium

51hv2orrirl-_sx375_bo1204203200_Ich war zehn, als ich ihm das erste Mal begegnete. Es war in Madrid im Prado, und ich war sofort fasziniert von seiner Welt. Mit dem kindlichen Hang zum Makabren, der in Spanien reichlich mit den skurrilen Umzügen in der Karwoche und den Hunderten Darstellungen von Jesus am Kreuz allerorten bedient wird, entflammte ich sofort für die fantastischen und unheimlichen Bilder von Hieronymus Bosch. So sehr, dass ich mir den ersten Kunstbildband meines Lebens gekauft habe, im taschengeldkompatiblen Postkartenformat.

Jetzt kann jedes Kind in Boschs Welt verloren gehen – in den großformatigen, farbenprächtigen und schlicht überwältigenden Bildern des aus Indonesien stammenden Illustrators Thé Tjong-Khing in seinem Bilderbuch (komplett ohne Worte) Hieronymus.
Wie Alice ins Kaninchenloch so stürzt ein Junge beim Spiel mit seinem Hund von einer Klippe und landet in einem von merkwürdigen Fabelwesen bevölkerten Land. Beim Sturz verliert er seine Kappe, seinen Rucksack und den roten Ball samt Ballnetz. Sofort beginnen die drachenartigen, stacheligen, riesenohrigen oder vielbeinigen Schnabelmonster sich um die Sachen zu kloppen. Der Junge jagt ihnen hinterher und erobert nach und nach mit viel Mut und Raffinesse seine Dinge zurück. Dabei begegnet er mehreren menschlichen Wesen in mittelalterlicher Kleidung, die entsetzt vor einem leeren Bettchen stehen, über einem Kinderbild weinen oder mit zwei Kleinen in einer Trage auf dem Rücken vor Flugechsen fliehen. Sogar ein Engel kniet verzweifelt vor einer ärmlichen Bruchbude und vergießt bittere Tränen über drei ausgerupften Federn.

Was ist hier los? Was macht den Erwachsenen Angst? Wer terrorisiert sie? Und wo sind ihre Kinder? Unerschrocken nimmt der Junge den Kampf auf und hilft den Großen. Immer wieder taucht ein Wesen im gepunkteten Kleid auf. Hat es etwas mit den verschwundenen Kindern zu tun? Man blättert vor und zurück, entdeckt die Kappe, den Ball, den Rucksack im Wasser, in der Luft, im Maul eines Monsters. Man sieht Bestien wieder und entdeckt neue.

Dabei zitiert Thé Tjong-Khing den vor 500 Jahren gestorbenen Maler Hieronymus Bosch elegant und baut dessen Bestiarium klug in seine eigene Geschichte ein. So taucht mehrfach eines von Boschs berühmtesten Monstern auf: der buckelige Typ im roten Cape, mit langem, gekreuztem Schnabel, gepunkteten Schlappohren, auf Schlittschuhen und dem charakteristischem Trichter auf dem Kopf, aus dem auch noch so etwas wie ein verkrüppelter Weihnachtszweig mit einer Kugel ragt. Eine äußerst zwielichtige Figur, nicht nur, weil der umgedreht auf den Kopf gestülpte Trichter in der Bildsprache des Mittelalters für ein böses, weil sich gegen Gott abschirmendes Wesen steht. Modern gesagt, jemand der sich gegen intelligenten Input und Wissen verschließt. Es scheint eine der Schlüsselfiguren bei den schauerlichen Verbrechen in dieser Welt zu sein. Am Rand trinken und grasen Einhörner, ebenfalls von Bosch vertraut, eine Eule trägt das Ballnetz durch die Luft. Wir sehen Boschs bäuerliche Landschaften und seine fantastischen Behausungen, wie riesige Muscheln auf Stelzen, sehr organisch und extrem modern.

Auf jeder Seite gibt es Neues zu entdecken, Zusammenhänge werden klar, und es entspinnen sich mehrere Handlungen. Auch in Hieronymus Boschs Bildern gibt es zahlreiche, kleine Szenen, mal eine Rangelei, mal etwas Irritierendes am Rand. Es waren die ersten Wimmelbilder, wie 500 Jahre später die von Ali Mitgutsch, der so seine besonderen Sachbücher für Kinder gestaltete.

Warum allerdings der Moritz Verlag darauf besteht, dass der Junge gestelzt altmodisch Hieronymus heißen soll, bleibt sein Geheimnis. Im niederländischen Original heißt Thé Tjong-Khings Buch Bosch – het vreemde verhaal van Jeroen, zijn pet, zijn rugsak en de bal, also Bosch – die unheimliche Geschichte von Jeroen, seinem Hund, seinem Rucksack und dem Ball. Wobei Jeroen tatsächlich die moderne Namensadaption von Jheronimus ist, wie Hieronymus in den Niederlanden genannt und geschrieben wurde.

Thé Tjong-Khings brillantes Bilderbuch ist zwar auch eine Hommage an den fantastischen Maler. Vor allem ist es aber eine ganz eigene, schaurig-schöne Geschichte, erzählt in faszinierenden Bildern, die noch lang nachhallen und dazu einladen, immer wieder in diese Welt einzutauchen.

Elke von Berkholz

Thé Tjong-Khing: Hieronymus, Moritz Verlag, 2016, 48 Seiten, ab 6, 14,95 Euro

Die Psyche der Täter

attentäterSeit dem Anschlag im Zug bei Würzburg im Juli diesen Jahres dürfte auch der Letzte in unserem Land wissen, dass wir 15 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in Zeiten beständiger Bedrohung leben. Nun kann man vor lauter Angst absurde Maßnahmen ergreifen, wie Burkinis und Burkas verbieten lassen – oder man versucht zu ergründen, wie junge Menschen dazu kommen, zu Attentäter zu werden.

Für letztere Variante hat sich die Autorin Antonia Michaelis entschieden und hat ein Szenario erdacht, in dem Berlin zur Zielscheibe von islamistischen Attentäter wird. Dabei liefert sie jedoch keine reine Terror-Story, sondern baut eine komplexe psychologische Dreiecksgeschichte auf.
Ihre Helden sind der Halbfranzose Alain, der Halbtürke Cliff und das Mädchen Margarete. Gemeinsam wachsen sie in einem Wohnhaus im Prenzlauer Berg auf, sind Freunde von klein auf.
Alain und Cliff verbindet, dass beide begnadete Zeichner sind und gute Chancen hätten, auf der Kunsthochschule angenommen zu werden. Die Jungs fühlen sich aber auch emotional voneinander angezogen, ohne dass sie lange Zeit über ihre Liebe sprechen.
In dem Trio ist es Cliff, der mit den größten familiären Problemen zu kämpfen hat: Seine Mutter Cemre hat die Familie früh verlassen. Cliff glaubt lange, dass er die Schuld daran trägt. Er schwankt zwischen der Liebe zur Mutter und der Abgrenzung von ihr; er lehnt sich als keines Kind so sehr gegen seinen Vater auf, dass dieser ihn im Schuppen im Hinterhof in einer kalten Weihnachtsnacht einsperrt und vergisst. Alain und Margaret retten den Freund aus diesem eiskalten Gefängnis. Doch sie können Cliff nicht vor den Irrungen und Wirrungen des Heranwachsens bewahren. Cliff rebelliert, wo es nur geht. Er schließt sich rechten Schlägertrupps an, er will dazugehören – egal wo. Bis er bei einer Demo Alain, dem links Orientierten, direkt gegenübersteht.
Cliff lässt nach einer Weile die rechte Szene hinter sich. Sucht weiter, nach seinen Wurzeln, nach seinem Platz in der Gesellschaft und konvertiert zum Islam. Er geht in die Moschee und gerät mit der Zeit in den Einflussbereich der Islamisten. Trotz der Regeln und der vermeintlichen Klarheit des Islam kann Cliff jedoch nicht von Alain und Margarete lassen. Er ist zerrissen zwischen den verschiedenen Welten. Bis die dunkle Seite in ihm die Überhand gewinnt und er mit einem Kumpel nach Syrien ins Kalifat geht. Ein Jahr später kehrt er mit einem Auftrag nach Berlin zurück.

Der Roman von Antonia Michaelis ist auf mehreren Ebenen harte Kost. Sie erzählt die Geschichte der drei Helden nicht als chronologisches Kontinuum, sondern sie springt sowohl in den Zeitebenen, als auch in den Perspektiven ihrer Hauptfiguren. Alle drei lässt sie aus der Ich-Perspektive berichten, was sehr viel Aufmerksamkeit vom Leser erfordert, da nicht immer sofort erkennbar ist, wer spricht. Das ist zwar anstrengend, aber auch ziemlich genial, denn die drei Protagonisten bilden so eine Einheit, bei der es fast egal ist, wer erzählt.
Nach und nach setzt sich schließlich das Puzzle einer möglichen Attentäter-Psyche zusammen. Lange Zeit hält Michaelis den Leser im Unklaren, ob Cliff tatsächlich im Kalifat war – so wie er seine Freunde und seine Familie in Berlin im Unklaren lässt. Das ist extrem spannend und erzeugt im Laufe der Lektüre einen immer größeren Sog.

Gegen Ende war ich hin- und hergerissen. Man fiebert tatsächlich daraufhin, ob der „Tag des Blutes“, wie die Attentäter ihren Plan nennen, wirklich stattfindet, gleichzeitig will man das natürlich nicht. Stattdessen wünscht man sich für Alain und Cliff und auch Margarete endlich ein versöhnliches Ende. Das, was dann passiert, ist schockierend – aber gleichzeitig sind alle Figuren so tief gezeichnet, dass man sie ins Herz schließt. Selbst den Attentäter Cliff.
Natürlich wäre es einfach, ihn zu hassen. Er will Menschen und sich selbst töten. Das ist etwas zutiefst Unmenschliches und Abscheuliches. Doch das Wissen um seine vermurkste Kindheit und seine familiären Abgründe haben bei mir so viel Mitleid mit ihm aufgebaut, dass man ihm den Wunsch nach Erlösung wirklich abnimmt.

Darin liegt nun aber auch die Krux. Ich kann ja nicht mit jedem Attentäter Mitleid haben und alles mit einem verständnisvollen „Er-hatte-eine-schwere-Kindheit“ entschuldigen. Nein. Attentäter sind – entschuldigt den Ausdruck – Arschlöcher. Punkt.
Und nun tun sich jede Menge Fragen auf: Wie wird ein Mensch zum Attentäter? Sind also alle ausländischen Dschihadisten psychisch angeschlagen, zerrissen, nicht gut integriert? Könnte man Anschläge verhindern, wenn nur alle Menschen aus heilen Familien stammen? Oder die nötige Hilfe bekommen, wenn die familiären Verhältnisse nicht mehr zu retten sind?
Michaelis gibt darauf keine Antworten. Allgemein gültige Antworten kann es aber auch nicht geben. Wir sind alle gefordert, jungen Menschenkindern Halt, Wurzeln und Werte zu vermitteln, von Bildung mal ganz abgesehen, damit sie später Chancen auf gute Jobs und Anerkennung haben. Vielleicht könnte man dadurch eine offnere und tolerantere Gesellschaft schaffen und Anschläge verhindern.
Klar ist allerdings auch, dass das nicht immer klappen kann und wird. Zu tief sitzt die Verunsicherung des Menschen am Leben, zu stark sind die Einflüsse von Demagogen, zu tief sitzen bei vielen Menschen die Kränkungen und die Enttäuschung. Man kann beileibe nicht alle Menschen retten. Es ist schier zum Verzweifeln.

In dieser Hinsicht gibt einem der Roman von Antonia Michaelis jedenfalls sehr zu denken, wie man, jenseits des Kampfes gegen die Indoktrination durch Islamisten, jugendliche Seelen so stärken kann, dass sie diesen falschen Versprechungen nicht verfallen. Und das macht sie nebenbei auf äußerst fesselnde Art.

Antonia Michaelis: Die Attentäter, Oetinger Verlag, 2016, 432 Seiten, ab 16, 19,99 Euro

Die Schönheit der Welt entdecken

45824_Guelich_Gaspards_Reise_US_DF.inddWas für ein wunderbares Bilderbuch! Die fabelhafte Reise des Gaspard Amundsen ist das Debüt der jungen Illustratorin Laura Fuchs, deren Textidee der erfahrene Autor Martin Gülich zu einer überzeugenden Geschichte ausgebaut hat. Ein BRAVO gleich vorweg!

Worum geht´s?
Gaspard Amundsen lebt allein, aber nicht unglücklich, umgeben von warmer Häuslichkeit inmitten eines Büchermeers. Er zählt 107 Jahre und hat sich prima gehalten. Auch dank seiner bevorzugten Teesorte: dem Brennnesseltee. Eigentlich ist er rundum zufrieden mit sich und seinem Leben in der großen Stadt. Und doch, etwas regt sich in ihm — eine seltsame Unruhe, das Gefühl, Neues wagen zu wollen. Gaspard fasst sich ein Herz, sammelt dies und das für die Reise zusammen. Gepäck ohne Ende, inklusive Lieblingstee.

Doch kaum aus dem Haus und auf dem Weg zum Bahnhof passiert Unglaubliches: Man raubt ihn aus! Eine freche Bande von Waschbären macht sich über sein Zeug her, nur ein kleiner Rucksack bleibt ihm. Soll er zurück ins eng gewordene Zuhause? Nein! Er muss raus in die Welt, die eigenen Grenzen sprengen.

Im Zug schnappt er das Gespräch zweier Flugenten auf. Vom Fliegen ist die Rede. Ach ja, genau das will er: Fliegen! Kurz darauf begegnet er dem ziemlich blinden, aber routinierten Flugprofi Maulwurf, und gemeinsam schrauben sie sich in ungeahnte Höhen. Wie riesig diese Wolkenberge, wie klitzeklein die Welt am Boden. Gaspard ist hin und weg. Und dann? Plötzlich knallt und rumpelt es in der altersschwachen Maschine. In letzter Minute gelingt eine Bruchlandung auf unbekanntem Eiland mitten im Ozean. Soll das etwa das Ende seines Abenteuers sein? Gaspard weiß: Ein Krokodil wie er muss keine Angst vorm Wasser haben. Und eh sich Pilot Maulwurf versieht, entert sein Fluggast ein Ruderboot und schippert auf und davon.

Wie weit ist das Meer, wie glatt, wie unsagbar schön! Gaspard genießt seine Reise, und als ihn ein Blauwal einlädt in seine Welt unter Wasser, gibt es kein Zögern. Geschmeidig gleitet er hinter ihm her und fühlt sich auf einmal so jung!

Als Gaspard zum Luftholen auftaucht, ist das Boot weg. Was nun? Bange machen gilt nicht mehr, dafür hat er bereits zu viel Neues gemeistert. Und tatsächlich, die Rettung ist nah. Ein prächtiger Dreimaster nähert sich, und Kapitän Albatros nimmt ihn an Bord bis an den Rand des Eismeers.

Hier beginnt die letzte Etappe seines Abenteuers: Über ihm funkeln die Sterne, neben ihm genießen ein Eisbär und ein Wolf das grandiose Lichterspiel. Und doch, es ist Zeit: Gaspard spürt, sein Zuhause wartet auf ihn. Leichtfüßig wandert er heim. Ab heute wird er sein Tässchen Tee hoch oben auf dem Dach seines Hauses genießen, neue Entdeckungen nicht ausgeschlossen …

In wenigen Worten eine ganze Welt: Martin Gülich beschreibt die wundersame Wandlung des Gaspard Amundsen sparsam und eindringlich zugleich. Sein Text lädt ein, mit zu träumen und zu reisen in ferne Welten, farbenfroh und höchst lebendig illustriert von Laura Fuchs. Der alte Gaspard, ein wenig weltfremd und naiv, ist so liebevoll und unverwechselbar gezeichnet, dass wir am liebsten an seiner Seite wären. Die Illustratorin hat ein Händchen für Charaktere, ob so kess wie die Waschbären, so verschroben wie der Maulwurf oder so in sich ruhend wie der Blauwal. Dazu die große Stadt, die Landschaften, das Meer, der Himmel, das All. Wir sind Teil des Ganzen, atmen die Weite, die Luft und entdecken die Schönheit dieser Welt — und uns selbst.

Und mein Lieblingsbild? Der Rochenschwarm im Grün-Ton-Konzert des Meeres. Da capo!

Heike Brillmann-Ede

Martin Gülich: Die fabelhafte Reise des Gaspard Amundsen, Idee und Illustration: Laura Fuchs, Thienemann, 2016, 32 Seiten mit Landkarte auf den Vorsätzen, ab 4 (und jedes Alter!), 14,99 Euro

Kaputtes Kind

nichollsDieses Buch – Wünsche sind für Versager von Sally Nicholls – ist kaum auszuhalten. Es ist verstörend, es macht traurig, wütend, hilflos. Es lässt einen zweifeln und verzweifeln. Es nährt leise Hoffnung, um sie gleich auf den nächsten Seiten dröhnend zu zertrümmern.

Es geht um die systematische Zerstörung einer Kinderseele. Die 11-jährige Olivia erzählt von ihrer Odyssee durch Pflegestellen, Fürsorgeeinrichtungen, Kinderheime und Ersatzfamilien. Mittlerweile ist sie bei „Zuhause Nummer 16“ angelangt, bei Jim und den Kindern Daniel und Harriet sowie der fast erwachsenen Grace mit ihrem Baby Maisy. Sie leben auf dem Land in der Nähe von Bristol.

Olivia wünscht sich nichts mehr, als anzukommen, eine Familie zu haben und geliebt zu werden. Das ganze Buch ist ein Schrei nach Liebe (obwohl man das nach dem Song von den Ärzten über Neonazis kaum noch neutral schreiben kann, ist das Bild trotzdem sehr treffend). Doch nach den vielen Traumata und Verletzungen von frühester Kindheit an fasst Olivia nicht nur schwer Vertrauen, sie ist auch der festen Überzeugung, dass man ihr selbst nicht trauen darf: Weil sie böse ist, ein Monster, eine Hexe, ein abgrundtief schlechter Mensch.

Warum Olivias versoffene, alleinerziehende Mutter sie von Anfang an auf das Perfideste misshandelt hat, wird nicht erörtert und ist nicht das Thema. Es heißt zwar, dass die Misshandelnden selbst als Kinder misshandelt wurden. Eine Elfjährige kann diese Frage aber nicht beantworten und es würde ihr auch nicht weiterhelfen, geschweige denn, den Kreislauf aus Gewalt durchbrechen und beenden.

Perverserweise liebt Olivia ihre Mutter, obwohl sie auch schreckliche Angst vor ihr hat. Seit mittlerweile fünf Jahren hat sie sie gar nicht mehr gesehen. Das ist, wie man aus Erzählungen und Fallberichten von misshandelten und vernachlässigten Kinder weiß, nicht ungewöhnlich, eher normal. Genau darum geht es: Olivia sehnt sich nur nach etwas, das selbstverständlich sein sollte. Ein Kind sollte geliebt werden. Das ist nur natürlich. Sonst wäre die Menschheit längst ausgestorben, zu Recht. Auch Tiere kümmern sich um ihren frischgeborenen Nachwuchs, beschützen und ernähren ihn. Das ist laut unserer Definition keine Liebe, sondern nur Instinkt. Aber eine Grundvoraussetzung für das Überleben. Und wenn Tiermütter in Gefangenschaft ihren Nachwuchs verstoßen, wird er, wie beispielsweise beim Eisbären Knut vor ein paar Jahren, von Millionen Menschen adoptiert und umsorgt.

Olivias Mutter hat als erste dieses Urvertrauen zerstört. Sie hat so getan, als wolle sie Olivia umarmen, stattdessen hat sie ihr Brandwunden mit Zigaretten zugefügt. Aber weil sie ganz selten wirklich nett war, ist Olivia immer wieder darauf reingefallen. „Ich wusste gleich, du bist der Teufel“, hat Olivia schon als Kleinkind gehört. Als Baby hat sie so lange verzweifelt vor Hunger, Durst, Einsamkeit geschrien, bis sie verstanden hat, dass sie beim nächsten Mucks nur Schlimmeres erleiden muss oder gleich tot geschlagen wird. Für Olivia ging es instinktiv fortan nur noch ums bloße Überleben. Oder wie sie später schreibt: „Wünsche sind für Versager.“

Später hat sie ihre jüngeren Geschwister vor der Raserei der Mutter beschützt. Vor allem hat sie dafür gesorgt, dass die Kleinen nicht schreien, hat als Vier-, Fünfjährige ihren Babybruder stundenlang rumgetragen, gefüttert, obwohl oft nichts Essbares im Haus war. Und auch keiner etwas von den schrecklichen Zuständen „zu Hause“ mitbekommen durfte, auch nicht, wenn ihre Mutter auf tagelange Sauftouren ging und die Kinder eingeschlossen hat.

Als dann Jugendamt und Polizei endlich eingriffen, wurde Olivia nach einigen Interimslösungen und Trennung von ihren Geschwistern auch noch das Opfer einer sadistischen Pflegemutter, die sie im Keller einsperrte, und dem vernichtenden Gefühl aussetzte, dort vergessen zu werden und zu sterben. Manchmal stellte sie Olivia aus „disziplinarischen Gründen“ unter die eiskalte Dusche. Olivias Rettung hierbei war ihre Fähigkeit, ihren Körper zu verlassen und so den Schmerz nicht fühlen zu müssen. Dissoziation nennt man das in Psychologie und so nennt es auch ihre spätere Therapeutin.

Es gibt aber auch Menschen, die nett zu ihr sind, die sich um sie kümmern und ihr helfen wollen. Sie sind sogar in Mehrzahl, dieses Buch ist kein Buch gegen staatliche Fürsorge und Pflegeeltern. Aber Olivia hat solche Angst, erneut verletzt und enttäuscht zu werden, dass sie niemandem mehr traut und alle von sich stößt, mit wildem Geschrei, gemeinsten Beleidigungen, Kratzen, Beißen, Treten, Zerstörungsorgien und sogar Messern. Nur einer einzigen Betreuerin gelingt es, an sie ranzukommen. Aber diese ist nur für den Übergang da, das ist ihr Job. Und als sie Olivia einer neuen Familie anvertrauen will, schlägt Olivias zarte Zuneigung, Vertrauen und erster Respekt für einen Erwachsenen, vielleicht sogar Liebe, in Hass um.

Die englische Autorin Sally Nicholls beschreibt Olivias Gefühle so eindringlich, so furios und schmerzhaft, dass es kaum zu ertragen ist. Schon bei ihrem Debüt Wie man unsterblich wird von 2008 ist sie in die Seele eines Elfjährigen eingetaucht, eines krebskranken Jungen, der einerseits noch ganz Kind ist, mit seinem Sterben und dem baldigen Tod aber wesentlich reifer und reflektierter umgeht als manche Erwachsenen. Doch dieser Junge wurde geliebt. Und obwohl er zum Schluss stirbt, war dieses Buch auch lustig, lebendig, hoffnungsvoll und versöhnlich mit der totalen Ungerechtigkeit, dass Kinder sterben müssen. Es war sogar besser, als John Greens vier Jahre später erschienener Bestseller zum selben Thema Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Wünsche sind für Versager erzählt von einem seelisch fast toten Kind und endet mit einem vernichtend winzigen Hoffnungsschimmer auf Errettung. Ein einzigartiges Horrorbuch, eine nachhallende Zombiegeschichte. Trotzdem oder gerade deshalb muss man sie unbedingt lesen!

Elke von Berkholz

Sally Nicholls: Wünsche sind für Versager, Übersetzung: Beate Schäfer, Hanser Verlag 2016, 224 Seiten, ab 13, 15,90 Euro

Die Eleganz des Stinktiers

51jaiKqgejL„Als ich mein Haus verließ, saß ein Stinktier vor der Tür.“ Ebenso überrascht wie der Erzähler gerät man in die skurrile, zunehmend gruselige und doch ganz bezaubernde Geschichte einer grotesken Verfolgungsjagd. Gleichzeitig beginnt so eines der schönsten Bilderbücher dieses Jahres. Und das obwohl es überhaupt nicht kunstvoll, großspurig und auf den ersten Blick pädagogisch wertvoll daherkommt.

Das Stinktier heftet sich dem befrackten, mit seiner Brille und Frisur an den jungen Woody Allen erinnernden Helden an die Fersen; egal wo er langgeht, ob er rennt oder trödelt, es ist immer da, mal hinter oder auch neben ihm. Das ist anfangs noch spaßig, wird aber immer unheimlicher. Es hilft auch nicht, den Verfolger zur Rede zu stellen: „Ich drehte mich zu dem Stinktier um. Ich fragte: ,Was willst du von mir?’ Das Stinktier antwortete nicht. Das Stinktier war ein Stinktier.“

Natürlich ist das Stinktier viel kleiner als der Verfolgte, und es tut nichts, es stinkt auch gar nicht. Und doch kriecht die Paranoia in die Geschichte, Hitchcock lässt grüßen, bei den Vögeln fing auch alles ganz harmlos an. Schließlich treibt blanke Panik den Helden auf seiner surreal-slapstickhaften Flucht durch die Oper, über Friedhöfe und Rummelplätze, in Sackgassen und schließlich in die Kanalisation. Unter der Stadt hetzt er ohne Pause weiter, schüttelt den Verfolger ab, bezieht ein neues Haus, beginnt ein neues Leben …

Das ambivalente Ende der wunderbar absurden Geschichte, das der Anfang einer anderen sein könnte, sei hier nicht verraten. Der amerikanische Kinderbuchautor Mac Barnett ist keiner der definitiven happy endings. Wie zum Beispiel in seinem actiongeladenen Comic mit dem selbstredenden Titel Oh No! Or How My Science Project Destroyed The World: Darin erfindet ein nerdiges Mädchens einen tollen Roboter, der leider die ganze Welt in Schutt und Asche legt – das kann man nicht mehr heil machen. Mac Barnett erzählt in kurzen, präzisen Sätzen, seine Worte sind klar und auf den Punkt gebracht – und von Barbara Küper ebenso prägnant ins Deutsche übersetzt.

In Patrick McDonnell hat Barnett einen kongenialen Illustrator gefunden: Die größtenteils in schwarz-weiß gehaltenen Bilder, nur vereinzelt mit roten Farbtupfern versehen, wie zum Beispiel der Nase des Stinktiers und Fliege des Helden, wirken wie aus der Zeit gefallen und doch zeitlos schön. McDonnells Stil, den einige vielleicht von seinen Comicstrips Mutts kennen, erinnert an einen anderen, vor einigen Jahren vom Berlin Verlag wiederentdeckten Klassiker: Eloise in Paris. Mit leicht anarchistischem Charme erobert hier eine kleine New Yorkerin die Stadt der Lichter. Und in beiden Büchern spielt die Urbanität, das Großstadtleben eine wichtige Rolle.

McDonnells gibt vor allem dem ursprünglich nicht großstädtischen Stinktier wahre Eleganz. Von wegen die befrackten Pinguine, sein Stinktier hat wirklich Klasse: in stilvollem schwarz-weißen Streifenlook, den buschigen Schwanz wie eine lässig getragene Pelzstola hinter ihm herwehend. Blöd, dass es im Deutschen nur ein Wort gibt, das die unangenehme Seite des hübschen Tiers betont. Das englische „skunk“ klingt natürlich nicht besser,„Gestank“ schwingt auch hier mit. In Frankreich heißt das Buch lustigerweise „Das Stinktier, das mich liebte“. Nur „Stinktier“ als Titel verfängt im Land der Parfümeure wohl nicht; dann lieber ein scheinbares James-Bond-Zitat.

Die stilvoll schwarz-weißen Bilder kippen nur einmal ins grell Bunte. Und zwar während der vermeintlich besseren, weil wieder stinktierlosen Zeit. Instinktiv merkt man, dass in der schicken Wohnung, zwischen den aufgekratzt feiernden Partygästen in all ihrer Farbigkeit etwas – oder jemand – fehlt.

Was oder wer? Das kann jeder für sich interpretieren. Ist es das anhängliche, jüngere Geschwisterkind? Oder etwas Abstraktes wie Träume oder eine Sehnsucht, die man sich nicht traut auszuleben, die einen aber nicht loslässt, weil ohne sie das Leben hohl und sinnlos ist. Oder steht das Stinktier für den  Freund aus Kindertagen, der einem mittlerweile peinlich ist, weil er nicht zu den neuen coolen, hippen Freunden passt und sich nicht für die Modetrends und den nächsten heißen Scheiß interessiert. Stattdessen ist er verlässlich, treu und bodenständig, und nicht zuletzt von subtiler, erst auf den zweiten Blick erkennbarer Eleganz.

Das Stinktier von Mac Barnett und Patrick McDonnell ist für Leser jeden Alters eine Entdeckung und hat das Zeug zum modernen Klassiker, mit der Betonung auf Klasse!

Elke von Berkholz

Mac Barnett: Das Stinktier, Illustration: Patrick McDonnell, Übersetzung: Barbara Küper, Tulipan 2016, 44 Seiten, jedes Alter, 13 Euro