Coldcase herzerwärmend

Das muss man sich erstmal trauen: In einem Comic für junge Leser von einem Coldcase zu erzählen. Obwohl, wer wenn nicht Josephine Mark kann ein lange zurückliegendes, unaufgeklärtes Verbrechen zu einer ebenso spannenden wie berührenden Geschichte machen?!
Die Comickünstlerin Josephine Mark hat bereits die Erfahrung einer Chemotherapie in Trip mit Tropf in einen mitreißenden und entzückenden Road Trip verwandelt. Red heißt ihr neues Werk. Da denkt man natürlich gleich an Rot wie Blut. Tatsächlich wird nur ein kleiner Tropfen davon zur Initialzündung, um einen alten Fall wieder aufzurollen. Doch es beginnt zunächst in einer eiskalten, tiefverschneiten Winternacht. Mit einem jaulenden Sirenenton. Und einem Toten, nackt, schwer betrunken gestürzt und erfroren. Red ist der Name des kaltgestellten Mannes.

Blut, Menschenblut

30 Jahre später erschallt erneut ein schrilles Jaulen durch die Nacht: Ein kleiner, struppiger und dreibeiniger Hund wird von zwei fiesen Waschbären gejagt. Verzweifelt kratzt er an der Tür der alten Rosa. Die schlägt die Angreifer in die Flucht und gewährt dem Opfer Obdach, aber »Nur eine Nacht!« Und hätte ihn sicherlich auch hochkant am nächsten Morgen rausgeworfen, wenn Dreibein nicht Blut, Menschenblut erschnüffelt hätte. Hinter einer Tür in einer Kammer unter der Treppe, an einer alten, karierten Jacke von Red, Rosas Mann.

Augen zu Schlitzen verengt

Und so kann sich der kleine Hund mit dem kuscheligen Namen Friedwart Plüschmann doch noch nützlich machen. Gemeinsam gehen die grantige Rosa und der freundliche Friedwart dem Rätsel um Reds Tod auf den Grund, bis in die Tiefen seines Grabs. Rosa sieht bereits auf dem Titelbild des imposanten Comicbandes wie die ruppige Version von Miss Marple aus, in Gestalt der burschikosen Margaret Rutherford in den alten Schwarz-Weiß-Verfilmungen von Agatha Christies Krimiklassiker: knielanger Tweedrock, Wollcape um die Schultern, die Augen zu skeptischen schmalen Schlitzen in Form eines durchgehenden Strichs verengt.

Faible für Antihelden

Das ist ein Markenzeichen Josephiine Marks: Die verschlagen oder wütend und grollend oder skeptisch zu Schlitzen verengten Augen, nur ein Querstrich. Nur kleine, offenherzige Tiere haben Punkte oder längsovale Tupfer als erkennbare Augen. Ein weiteres Merkmal Marks ist ihr Faible für Antihelden. Angefangen mit dem gewissenlosen und kaltblütigen Banditen Murr, der alles und jeden abknallt und abzockt. Bis er den Tod, durch den die Liebe und den Schmerz, und schließlich sein Herz (und die Lyrik) entdeckt.
Oder der schnodderige, coole und einzelgängerische Wolf in Trip mit Tropf. Auch der wirklich seinem Namen alle Ehre machende Bärbeiß ist im zusammen mit Annette Pehnt neu erzähltem, gleichnamigen Kindercomic die interessanteste Figur. Und jetzt also die kaltschnäuzige Rosa, unverblümt, direkt, zupackend und auch mal zuschlagend.

Kuriose Kapriolen

Dazu die üblichen Verdächtigen, ein Gruselkabinett dunkler Machenschaften: ein von Mord und Totschlag leicht durchgeknallter Polizist, ein versoffener Arzt und Gerichtsmediziner, ein Varietébetreiber und Spelunkenwirt sowie eine abgebrühte Nachtclubkünstlerin. Ein ganzer Haufen Antihelden also, und alle mit einer interessanten Geschichte. Marks Erzählung sprüht nur so vor kuriosen Kapriolen, kühnen Wendungen und skurillen Einfällen.

Für Fans der Rechtsmedizin

Dieser Coldcase springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, bis zum hitzigen Showdown. Soviel sei verraten: Das eigentliche Verbrechen war es, eine junge, liebevolle und gutherzige Frau zu einer sarkastischen, bärbeißigen und desillusionierten Einzelgängerin zu machen. Aber das ist nicht das Ende … Josephine Mark erzählt in packenden Bildern, tiefsinnig, mit trockenem Humor und viel Herzblut. Es finden sich Leckerlis für Fans der Rechtsmedizin und lateinische Wortwitze. Es lohnt sich, Red gleich noch einmal zu lesen.

Nonchalante Selbstzitate

Nonchalant zitiert Mark auch mal sich selbst, sei es Murrs Erkenntnis über den Wert des Lebens angesichts des Todes. Oder das grandiose Schlussbild aus Trip mit Tropf: Ein Grummelkopf und ein kleines Tier von hinten, mit Blick auf ein weites Panorama und eine vielversprechende Zukunft.

So wird aus einem Coldcase ein herzerwärmender Comic.

Josephine Mark: Red, Kibitz, 2025, 248 Seiten, 26 Euro, ab 12 Jahre

Leben und leben lassen

Oar, Leute! Aber sonst geht’s euch gut, ja?!« Kaum im Waldkrankenhaus angekommen und die frische Schusswunde selbst (mit dekorativem Kreuzstich) vernäht, rettet durch verrückten Zufall ein Kaninchen dem Wolf das Leben. Und jetzt muss sich der coole Einzelgänger auf der Suche nach sichereren Jagdgründen um das kleine Beutetier kümmern. »Frag nicht, Wolfskodex«.

Furioses Road-Comic

Mit dem Kaninchen hat der Wolf gleich noch einen Infusionsständer, einen Koffer mit Medikamenten und einen langen Therapieplan im Schlepptau, das Kaninchen hat nämlich Krebs und fünf Monate Chemo vor sich. Und so macht sich das kuriose Duo auf einen Trip mit Tropf, wie Josephine Marks furioses Road-Comic heißt.

Stiernackige Motorradrocker und gutmütige Bärin

Stilecht bewegen sich die beiden erst im Pickup, zwischendurch auf Motorrad mit Beiwagen und schließlich zu Fuß auf Schleichwegen durch Wälder, an Flüssen entlang und über verschneite Bergketten. Sie begegnen üblen, stiernackigen Motorradrockern, gutmütigen Touristen, freundlichen Wolfkumpeln und einer gutmütigen Bärin – immer den fiesen Jäger und seinen ebenso unerfreulichen Hund im Nacken. Als wäre das nicht schon genug, verliert das kranke Kaninchen sein Fell, kotzt sich die Seele aus dem Leib und leidet unter Nasenbluten.

»Born to be wild«

Aber manchmal genießt das ungleiche Paar Verschnaufpausen in schäbigen Motels und einsamen Hütten. Sie futtern Chips und gucken Filme im Fernsehen. Oder singen laut und lustvoll die Hymne aller Abenteurer und Roadtrips »Born to be wild«. Josephine Marks Comic ist ein actionreiches, mitreißendes Feuerwerk an brenzligen Situationen, krassen Unfällen und wundersamen Wendungen. Es vibriert von Zitaten und Anspielungen.

Genervt, skeptisch, kaltschnäuzig

Am liebsten zeichnet Mark Wölfe – und das sieht man. Erstaunlich, wie dieses schmale, einfach konturierte, graue Wesen so viele Stimmungen, Launen und Gefühle zeigt. Also vor allem wirkt er genervt, ungeduldig, skeptisch, fassungslos, wütend, kaltschnäuzig. Auch mal wild und ausgelassen. Aber immer verbirgt sich dahinter unerschütterliches Verantwortungsgefühl und zupackende Hilfsbereitschaft für das Häuflein Elend, das der Wolf konsequent »Nager« nennt. Und ja: echte Zuneigung. Die Sache mit dem Wolfskodex hat wahrscheinlich eine sehr lange Geschichte, wie nicht nur die Bärin Beate vermutet.

Schönste und lebensbejahendste Antwort

Dazu passt auch die entzückende Schlussszene. Wolf und Kaninchen sitzen voll kitschig nebeneinander auf einem Findling auf einer Frühlingswiese und betrachten das gegenüberliegende Bergmassiv. Der Wolf macht einen vagen Vorschlag und stellt die Frage, die eigentlich in jeder Beziehung tabu ist und nur bei wirklicher Offenheit für jede Antwort gestellt werden sollte: »Was denkst du?«

Und das Kaninchen gibt die schönste, witzigste und absolut lebensbejahendste Antwort darauf, die man sich nur vorstellen kann. Aber die wird hier natürlich nicht verraten.

Josephine Mark: Trip mit Tropf, Kibitz, 192 Seiten, 20 Euro, ab 12