Von Liebe und Loslassen

Pferd

Kiki tut alles für ihr Pferd. Sie gibt ihm Wasser und füttert es. Sie hält es warm. Sie striegelt es, kratzt die Hufe aus und flechtet Zöpfe in Mähne und Schweif. Sie putzt den Stall. Und dann machen sie diese fantastischen Ausritte, an Strand und Steilküste entlang, zu Wasserfällen und im Sonnenuntergang die Hügel hinauf. Bei Wind und Wetter und zu jeder Jahreszeit. Die beiden sind unzertrennlich. Große Liebe.

Ein Pferdebuch, aber ein ganz besonderes

Kein Zweifel, Kiki & ich ist ein Pferdebuch. Ein grandioses und ganz besonderes. Denn Leo Timmers erzählt aus der Sicht des Pferdes. Es beginnt mit der ersten Begegnung, als die schwarze Stute zögernd aus dem Anhänger steigt. »Die Klappe ging auf. Da war sie: Kiki.« Liebe auf den ersten Aufstieg. Innig drückt sich das kleine Mädchen an den Hals des freundlichen Tieres. »Sie musste sich erst mal an mich gewöhnen.« Die kleine Reiterin purzelt und rutscht vom Rücken des geduldigen Pferdes, das mindestens ebenso ebenso verblüfft auf die heruntergerutschte Kiki zurückblickt. »Aber Kiki lernte schnell.«

Bewegungsstudien in Schwarz-Weiß

Leo Timmers lässt die schöne Stute in dynamischen Schwarz-Weiß-Bildern erzählen, manche erinnern an Bewegungsstudien, bewegte Bildern aus dem gemeinsamen Leben von Kind und Pferd. Kiki hat, typisch für Timmers Stil, etwas knuffiges an sich, mit relativ großem Kopf und Stupsnase, ein selbstbewusstes, quicklebendiges Wirbelwindmädchen.

Kulleraugen und umwerfende Mimik

Die Stute dagegen ist für die Verhältnissse des niederländischen Kinderbuchautors und Illustratoren sehr ausdiffernenziert und naturalistisch gezeichnet. Kräftige Muskeln zeichnen sich unter dem fein gestrichelten schwarzen Fell ab. Die Bewegungen sind dynamisch, lebendig und mitreißend. Dieses Pferd hat ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht. Freude. Überraschung, Interesse, Mitgefühl oder auch mal Unbehagen, die Mimik ist umwerfend. Nur die runden Kulleraugen sind typisch Leo Timmers, doch es ist erstaunlich, wie viel sich darin ablesen lässt.

Bilder, in die man eintauchen möchte

Absolut fantastisch sind die doppelseitigen farbigen Panoramabilder der gemeinsamen Ausritte: Diese Seiten sind wahre Kunstwerke in Breitband und Technicolor, wunderschöne Landschaftsgemälde, in die man eintauchen möchte. In wildem Galopp geht es durch hohes Gras, durch spritzende Gischt am Strand, vorbei an friedlich grasenden Schafen, unter farbenprächtig schwindendem Tageslicht. Mal entkommen die beiden nur knapp wilden Gewitterblitzen, mal beobachten sie bei Vollmond von den Klippen aus, wie ein Wal in den Ozean eintaucht. Gemeinsam rasten sie unter einer Brücke, ein berückende Idylle.

Eines Tages ist alles anders

Das könnte immer so weiter gehen. »Ich dachte, es würde immer so bleiben. Aber eines Tages änderte sich alles.« Kiki hat nur noch Augen für einen Jungen. Ihr Pferd ist lediglich das Transportmittel. Die jungen Leute rudern zu einem Leuchtturm. Das Pferd bleibt traurig und allein am Strand zurück. »Ich sah Kiki immer seltener. Wir waren nicht mehr zusammen unterwegs. Sie erzählte mir keine Geheimnisse mehr.« Es folgt ein Doppelseite mit vier schwarz-weißen Pferdeprofilen, die immer diffuser werden und sich zunehmend aufzulösen scheinen. »Ich hatte mich noch nie so einsam gefühlt.«

Doppelte Coming-of-Age-Geschichte

Leo Timmers erzählt in diesem Buch, das sein persönlichstes ist, von Liebe, Vertrauen und tiefer Verbundenheit. Und von Verlust und Loslassen. Es ist eine Coming-of-Age Geschichte in doppeltem Sinn. Mit einem liebevollem und zeitlos wahrem Ende. Denn die Stute bleibt nicht allein, sondern bekommt einen Gefährten, obwohl das nun nicht mehr kleine Kind den Kummer des Tieres nicht sieht oder sehen kann. Doch ihr Vater übernimmt Verantwortung und und der gescheckte Hengst Bruno kommt als Vertrauter dazu.

»Kiki hatte mich auch vermisst«

»Ich erzählte Bruno, was passiert war. Dass Kiki weg war und ich nicht wusste, ob sie je wiederkommen würde. Bruno sagte, bestimmt würde alles wieder gut.« Und tatsächlich: »Er hatte recht. Denn eines Tages stand Kiki plötzlich wieder vor mir. Ich war so froh, sie zu sehen. Kiki hatte mich auch vermisst.« Zum Schluss sieht man zwei Pferde und zwei junge Leute in den Sonnenuntergang galoppieren.

Kinder gehen eigene Wege. Und kommen irgendwann zurück

Timmers erzählt klar und berührend. Eva Schweikart, die als Übersetzerin auf der Titelseite steht, so soll es sein, hat die von Timmers dem Pferd in den Mund gelegten Worte zärtlich und schön aus dem Niederländischen übertragen. Denn hier geht es nicht nur um ein Mädchen und ein Pferd. So ist es auch mit Eltern und ihren erwachsen werdenden Kinder. Erst ist man unzertrennlich, doch dann gehen Kinder ihre eigenen Wege. Sie lernen andere Menschen kennen. Machen ihr Ding. Probieren sich aus. Eltern lernen loszulassen. Und irgendwann, wenn man es als Mutter oder Vater nicht völlig verbockt hat, kommen die Kinder zurück. Und man kann noch sehr viel Freude miteinander haben.

Leo Timmers: Kiki & ich, Übersetzung: Eva Schweikart, aracari Verlag, 2026, 68 Seiten, 20 Euro, ab 3 Jahre

Ansichtssache

Brille

Es gibt Leute, die haben Adleraugen. Andere lassen ihre Augen lasern, um besser  gucken zu können. Manche tragen Brillen mit Fensterglas, um schärfer auszusehen. Einige gehen ohne rosarote Brille nicht aus dem Haus. Und der Kleine Prinz sagt, nur mit dem Herzen sieht man gut.
Aber was heißt gut? Und ist gut auch schön? Leo Timmers ändert in seinem neuen Bilderbuch Bär und seine Brille die Sichtweise. Der Bär sucht seine Brille, vermutlich hat er sie bei der Giraffe verloren. Auf dem Weg zu ihr sieht er viele Lebewesen, die er noch nie zuvor in der Gegend getroffen hat. Einen Hirsch, einen Elefanten, ein Krokodil, einen Flamingo. Wie schön, freut sich der Bär. Da hat er seiner langhalsigen Freundin was Tolles zu erzählen.

Die Brille funktioniert wie gedacht

Doch mit Brille auf der Nase findet er die neuen Nachbarn nicht mehr. Nicht nur die Giraffe ist enttäuscht. »Ich verstehe das nicht. Vielleicht ist meine Brille kaputt …«, sagt der Bär entschuldigend. Doch die Brille funktioniert genauso, wie sie gedacht ist: Die Realität deutlich erkennbar zu machen und für Durchblick sorgen. Für fantasievolle Täuschungen taugt sie nicht.
Die meisten möchten die Wirklichkeit klar im Blick haben. Aber entgeht ihnen nicht etwas? Etwas Schöneres?
Man kommt schon etwas ins Philosophieren, über Ent-Täuschungen und Ansichten. Für Kinder ist dieses Bilderbuch vor allem ein großer Spaß. Der Bär ist aber auch ganz schön dusselig. Denn eigentlich hat er seine Brille gar nicht verloren. Die Giraffe übernimmt die kindliche Perspektive, augenrollend und leicht indigniert ob ihres liebenswert verpeilten Freundes.

Knuffige Figuren und lautmalerische Typografie

Timmers schafft knuffige, unproportionale Figuren, mit wuschelig gestricheltem Fell getuscht und stellt sie frei mit viel Weißraum drumherum. In dem verteilen sich wenige Worte in schnörkelloser Typographie (fast wie die nüchternen, scharf konturierten Buchstaben beim Sehtest). Hier wird nur mit der Größe gespielt, »Oh, Giraffe«, flüstert der Bär entschuldigend in kleiner Schrift. Um gleich aufgeregt (und deutlich größer gedruckt) zu rufen »Schau mal, da!« Und noch größer: »Siehst du das auch?«

Durch Täuschungen lebendiger und lustiger

Ein ebenso einfaches wie raffiniertes Spiel mit der Schrift, lautmalerisch könnte man sagen. Auch Kinder, die noch nicht lesen können, verstehen es instinktiv und wissen, wie man die Zeilen betont. Eva Schweikart hat es frisch und schwungvoll übersetzt. Nur der Titel hat im Deutschen verloren. Im Niederländischen lautet er De bril van Beer. Da drin steckt mehr, es könnte auch heißen: Bär und wie er die Welt sieht.
Die ist durch seine optischen Täuschungen lebendiger, lustiger und schöner. Ob man Bärs Vision und Version vorzieht oder die ent-täuschte Variante besser findet – das ist Ansichtssache.

Leo Timmers: Bär und seine Brille, Übersetzung: Eva Schweikart, aracari Verlag, 36 Seiten, 15 Euro, ab 4

Kunterbunte Subkultur

Nicht jedes Abenteuer beginnt mit einem aufregenden Szenario. Und die echten Abenteurerinnen sind nicht unbedingt die, die sich für besonders abenteuerlustig halten. Zum Bespiel im neuen Bilderbuch des belgischen Bilderbuchkünstlers Leo Timmers: Drei Enten dümpeln in einem Tümpel. »Kommt, wir gehen zum See«, schlägt die vierte vor. Also machen sich drei flugs auf den Weg in unbekannte Gewässer, Abwechslung ist das halbe Leben. Nur Erik ist unsicher: »Zum See? Aber man sagt, dort wohnt ein schreckliches Monster!«

Viele fiese Begriffe für zurückhaltende Leute

Ist Erik ein Feigling? Ein Angsthase? Eine Bangbüx? Ein Schisser? Die deutsche Sprache kennt viele fiese Begriffe für zurückhaltende Leute, die auch mal was in der Frage stellen. Dabei sind die wenigsten wirklich mutig, die meisten schwimmen einfach bequem mit der Mehrheit. Erik ist eher skeptisch. Trotzdem geht er mit zum titelgebenden Monstersee. Während die anderen drei stoisch und gleichförmig über die nun etwas größere Oberfläche paddeln, schwimmt Erik hinterher und hält die Augen offen.
Und tatsächlich, unter ihm gleitet ein riesiges Ungeheuer entlang, mit furchteinflößenden Hauern im Maul. Eindeutig ein »MONSTER!«, wie Erik panisch aufschreit. Von den vorausschwimmenden Wasservögeln wird das nur als schlechter Witz abgetan.

Mit Taschenuhr und verrücktem Zylinder

Bei genauerem Hinsehen – und das tut Erik – sieht dieses türkise Ungetüm aber ziemlich entspannt, sogar sehr freundlich aus. Ein bisschen wie das Yellow Submarine als Lebewesen. Nette Accessoires aus Alice im Wunderland baumeln an ihm, die Taschenuhr des hektischen Kaninchens und ein bunter Miniaturzylinder, direkt aus der Manufaktur des verrückten Hutmachers.

Aberwitzige Wesen im Breitbandpanorama

Als eben dieses Monster Erik wortlos einlädt, ihm zu folgen, überwiegt Eriks Neugier seine Angst. Er taucht ab unter die Oberfläche. Dort wird der Abenteurer wider Willen mehr als belohnt für seinen echten Mut. Über ein aufklappbares Breitbandpanorama erstreckt sich gleich über ganze vier Seiten eine fröhliche und kunterbunte Subkultur am Seegrund. Leo Timmers malt eine sehr lustige und kuriose Straßenverkehrsszene, in der sich die aberwitzigsten Wesen in allen Größen und Formen tummeln. Eine Kreuzung in New York wirkt dagegen wie ein lahmer Abklatsch. Erik hat einen Monsterspaß im fantastischen Schwarm.

Echte Abenteuer warten unter der Oberfläche

Bis die anderen drei Enten ihn vermissen. Also taucht Erik wieder auf und beweist, wie cool er wirklich ist: Er behält das wahre Geheimnis des Monstersees für sich. Man muss gar nicht so mutig sein, um ein Abenteurer zu sein. Aber offen und neugierig unter die Oberfläche sehen. Dann entdeckt man die tollsten Welten. Das zeigt Leo Timmers mit wenigen Worten (die von Eva Schweikart übersetzt wurden). Dafür mit umso vielsagenderen Bildern.

Leo Timmers: Monstersee, Übersetzung: Eva Schweikart, aracari Verlag, 2023, 44 Seiten, ab 6, 18 Euro

Am Tag sind alle Kater bunt

Kleine Kinder können ziemliche Spießer sein. Das Leben ist noch zu komplex für ihren unerfahrenen Verstand. Um nicht die Orientierung zu verlieren, beharren sie auf das möglichst immer Gleiche und Wiedererkennbare.
Man kann also gar nicht früh genug anfangen, den kindlichen Horizont zu erweitern. Da kommt Peter, Kater auf zwei Beinen genau richtig. Phil findet den schwarz-weißen Vierbeiner herzzerreißend miauend vor der Tür in einem kleinen Karton, auf dem ein Name steht: Peter.
Schnell öffnet er die Kiste. »Jetzt, wo er endlich frei war, stellte sich Peter, der Kater, gleich auf seine Hinterbeine. Phil hatte noch nie einen Kater auf zwei Beinen gesehen. Aber egal – er hatte schon immer davon geträumt, eine Katze zu haben! So kam es, dass er Peter gleich bei sich aufnahm.«

Mäusejagd auf dem Skateboard

Dieses »Aber egal« macht das Bilderbuch der Autorin Nadine Robert und des Illustrators Jean Jullien sofort absolut liebenswert.
Peter ist nämlich absolut kein typischer Kater und entspricht keinem Klischee, das Phils Schulfreundin Pam von Katzen hat. Anstatt Mäuse zu jagen, verfolgt der Kater sie lieber mit dem Skateboard. Statt mit Wollknäueln zu spielen, serviert er gelegentlich Tee.

Wollknäuel sind langweilig!

Grandios zeigt Jullien mit aufs Wesentliche reduzierten, farbigen Bildern, wie abwegig es dem Kater erscheint, eine freundliche, ebenfalls auf zwei Beinen stehende Maus zu jagen. Noch besser ist der höchst gelangweilte Gesichtsausdruck angesichts der Vorstellung, mit einem Wollknäuel rumzualbern.
Eher schenkt er schön blasiert wie die Karikatur eines altehrwürdigen Butlers Tee ein. Leicht irre und sehr witzig wird Peters Blick bei der Idee, nach seinem eigenen Schwanz zu schnappen. Wo er den doch viel geschickter nutzen kann, um damit ein Tässchen anzuheben.

Vielfalt des Lebens charmant gefeiert

Phil nimmt Peter so wie er ist. »Peter ist ein Kater auf zwei Beinen, und er ist sehr besonders. Aber am allerbesten finde ich …, dass er mein Freund ist.« Schöner und charmanter kann man die Vielfalt des Lebens und aller Lebewesen nicht zeigen und als absolute Bereicherung feiern. Was als Diversity gefordert wird, leben Phil, Peter und bald auch ihre jungen Leser ganz selbstverständlich.

Harry bleibt lieber drinnen – eigentlich

Seinen Horizont erweitert, wenn auch zunächst unfreiwillig, der gemütliche Siamkater Harry im Bilderbuch von Leo Timmers.
Harry hat zwar keine Schmetterlinge im Bauch. Aber einen vor der Nase. Und der fragt ihn, ob sie fangen spielen wollen. »Harry hatte noch nie draußen gespielt. Er bleibt lieber drinnen. Aber fangen spielen ist sicher sehr schön.«
Und so verlässt Harry ungewohnt mutig die bekannten vier Wände, folgt dem Schmetterling – und findet nicht mehr nach Hause. Er sieht, dass es ganz andere Häuser als seins gibt – kleine, hohe und niedrige. Traurig und ganz allein probiert er alles aus. Doch es gibt kein Haus für Harry bis er in einer stinkenden Mülltonne landet und dort andere, straßenschlaue und freundliche Katzen trifft.

Eine Art schnodderiger Aristocats

Der Niederländer Leo Timmers zeichnet den knuffigen Harry und die Katzenbande mit ihren großen Augen und knubbeligen Fellkörpern auf zarten Pfoten wie eine Art schnodderiger Aristocats. Dazu zitiert er fotorealistisch Elemente und Ausschnitte von verwirrenden Straßenschildern und Wegweisern. Gleich zu Anfang läuft Harry an einer Litfaßsäule vorbei, auf der gleichzeitig das Musical Cats und die Oper Madame Butterfly plakatiert sind.

Auf den Geschmack gekommen

Herrlich ist auch das bronzene Denkmal eines versonnen lächelnden Löwen, auf dessen Hinterteil selbstbewusst eine obligatorische Taube hockt. Timmers besonderer Stil macht Lust auf weitere Abenteuer.
Harry findet zwar schließlich nach Hause, wo er schon sehnsüchtig von einem Kind erwartet wird. Aber der Kater hat die Welt draußen entdeckt und ist auf den Geschmack gekommen: »Morgen komme ich wieder raus zum Spielen!«

Nadine Robert, Jean Jullien (Illustrationen): Peter, Kater auf zwei Beinen, Übersetzung: Daniel Beskos, mairisch, 2019, 56 Seiten, ab 3, 16 Euro

Leo Timmers: Ein Haus für Harry, Übersetzung: Rolf Erdorf, aracari 2019, 56 Seiten, ab 3, 14 Euro