Blutzoll an eine Stadt

BerlinIn diesem Herbst habe ich Berlin nach vier Jahren verlassen. Aus guten Gründen. Dennoch blutet mein Herz. Als Kur gegen Heimweh habe ich mich dieses Mal auf die Graphic Novel Berlinoir von Reinhard Kleist und Tobias Meissner gestürzt. Und wurde in ein kongeniales Spektakel hineingezogen.

Berlinoir wird von Vampiren beherrscht. Die Menschen liefern ihnen das Blut – freiwillig oder gezwungenermaßen. Es regt sich Widerstand, immer wieder werden wirtschaftliche und politische Stützen der Vampir-Gesellschaft von Menschen umgebracht. Die Menschen setzen ihre Hoffnung in den Vampirjäger Niall, der als kommender Anführer die Stadt von der Unterdrückung durch die Untoten befreien könnte. Doch Niall sieht sich nicht als Messias, viel mehr ist er von den Vampiren angewidert, gleichzeitig aber auch angezogen. Er verliebt sich in eine Vampirfrau.
Wenig später treibt dann auch noch ein Mörder sein Unwesen in der Megacity, der eigentlich auch nur ein Vampir sein kann. Um die Vampire zu besiegen bleibt Niall schließlich nur ein Weg – er muss selbst zum Vampir werden …

Die Geschichte von Berlinoir ist durchaus komplexer, als ich sie hier kurz anreiße. Doch den verzwickten Plot muss jeder Leser selbst erkunden. Das, was mich vielmehr fasziniert und letztendlich amüsiert hat, sind die nonchalanten Seitenhiebe auf Berlin-Hype und Gewurschtele in der Stadt. Da wird im Blutroten Rathaus in der Kabinetts-Versammlung über die drei Opern und zwei Tierparks der Stadt geschimpft, die Mahnmalkultur aufs Korn genommen und mit „ruhiger Hand“ regiert. Eingebettet wird diese Politik, die nicht einfach auf irgendeine real-existierende Partei zu übertragen ist, in ein überschäumendes Berlinoir, das die wilden, expressionistischen 20er-Jahre wieder aufleben lässt.
Die Stadtarchitektur gleicht einer Mischung aus Metropolis und Gotham City. Fernsehturm, Dom, Potsdamer Platz verschwinden zwischen Hochhäusern, die man eher in New York erwartet. Auf jeder Seite entdeckt man Berliner Sehenswürdigkeiten, meist gut versteckt, oftmals dem Verfall anheim gegeben. Das Leben findet hauptsächlich nachts statt, da das Sonnenlicht bekanntermaßen eine Bedrohung für Vampire darstellt. Fledermäusen sind so zahlreich wie Ratten. Verschiedene Glaubensgruppen agieren in der Stadt. Und selbst unter den Vampiren gibt es Grabenkämpfe, die zu einer Teilung der Stadt in einen Nord- und einen Südsektor führen.
Die Anspielungen an die Stadtgeschichte von Real-Berlin sind offensichtlich, machen in ihrer überraschenden Art aber immer wieder Laune, da man beständig nach einer Einordnung oder einem Wiedererkennungseffekt sucht. Wahrscheinlich lässt sich das nicht eindeutig machen – jedenfalls ist es mir bei dieser ersten Lektürerunde nicht gleich gelungen und ich habe mit Sicherheit noch eine ganze Menge übersehen. Das macht aber erstmal gar nichts, denn so bleibt für die nächsten Male ein riesiges Potential an Neuentdeckungen und -interpretationen.

Kleists Panels wechseln von kalt-blau-dunkeln Farben zu warm-rot-orange, spiegeln so die tote Welt der Vampire und die noch blutgefüllte der Menschen. Die Figuren, die Kleist in ihnen agieren lässt, gleich denen von George Grosz, erinnern an Nosferatu von Murnau – und sind streckenweise nichts für schwache Nerven. Verbranntes Fleisch auf Schädelknochen, spritzendes Blut, rollende Köpfe und Tod reihen sich in einem fiebrigen Tanz um die Macht aneinander. Eine Stadt sucht einen Mörder. Ein Schreckensregime löst das nächst ab. Die Interpretationsebenen in dieser Graphic Novel sind so zahlreich, dass man das schon eher im wissenschaftlichen Rahmen genauer untersuchen müsste. Für den Normalleser ist auf jeden Fall eine Wonne. Das können einem die fiesen Blutsauger von Berlinoir auf gar keinen Fall vermiesen.

Der Narbenstadt Berlin, die „moderat tribalistischen Provinznachwuchs“ mit „den Ausschweifungen der Großstadtnächte“ anzieht, haben Kleist und Meissner ein düsteres, aber überaus hintersinniges Denkmal gesetzt.

Reinhard Kleist/Tobias O. Meissner: Berlinoir, Carlsen, 2013, 150 Seiten, 24,90 Euro

Den Aufstand wagen

aufstandKaum eine Woche ohne Jahrestage. Heute jährt sich der Aufstand des 17. Juni zum 60. Mal. Jetzt könnte man sich fragen, was die aufwühlenden Tage im Sommer 1953 in der DDR mit Kinder- und Jugendbüchern zu tun hat. Eigentlich nicht viel, denn in diesem Bereich gibt es scheinbar keine aktuellen Publikationen zu diesem Thema. Zwei Bücher sind mir dennoch in die Hände gefallen: Tage wie Jahre von Klaus Kordon aus dem Jahr 1986 und die Graphic Novel für Erwachsene 17. Juni – Die Geschichte von Armin & Eva von Kitty Kahane, der in diesem Frühjahr erschienen ist.

In Tage wie Jahre befasst sich Klaus Kordon sich mit den Zuständen in der DDR von 1953. Es ist der zweiten Teil seiner Trilogie über den Jungen Frank.
Frank, der mit seiner Mutter und seinem Stiefvater „Onkel Willi“ im Prenzlauer Berg lebt, ist das, was man früher als „Lausbube“ bezeichnet hat. Er ist zwar schlau, aber faul in der Schule und wird daher sitzen bleiben. Mit seinem Freund Kalle heckt er zunächst jedoch aus, dass sich die Jungs alle einen „Igel“ schneiden lassen, damit der verhasste Klassenlehrer sie nicht mehr an den Haaren ziehen kann. Während dieses schulischen Mini-Aufstandes braut sich in der Stadt, in der Stalin-Allee, der richtige Aufstand zusammen. Die Bauarbeiter protestieren gegen die erhöhten Arbeitsnormen, gegen die Fehler der SED und die DDR-Regierung. Was zunächst nur ein Protest gegen überzogene sozialistische Ansprüche war, wandelt sich in den Tagen im Juni zu einer politischen Revolte gegen das System.

Frank erfährt davon zunächst nur über einen Bekannten, der in Friedrichshain auf dem Bau arbeitet. Als jedoch der Ausnahmezustand verhängt wird, abends die Sperrstunde erlassen wird und das Gerücht von einem neuen Krieg die Runde macht, hält es den Jungen nicht mehr in seinem Kiez. Zusammen mit Kalle macht er sich auf nach Mitte, zum Alexanderplatz, von dort laufen sie zum Potsdamer Platz – und erleben, wie sowjetische Panzer aufziehen und schließlich tatsächlich Schüsse fallen.

Tage wie Jahre ist ein schmales Büchlein, das im Handel leider nur noch antiquarisch zu bekommen ist, aber Klaus Kordon fängt dort die Stimmung und die Lebenszustände in der DDR acht Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges ein. Die wirtschaftliche Lage im sowjetischen Sektor der Stadt ist prekär, Menschen verschwinden – es heißt, sie sind in den Westen geflüchtet –, andere werden verhaftet, angeblich aus politischen Gründen. Doch noch ist die Grenze in den Westen offen, und auch Frank macht sich an einem Tag auf, um von dort Schmerzmittel für die Mutter zu besorgen.

Klaus Kordons Text ist fast 30 Jahre alt, und das merkt man ihm an der langsamen, betulichen Erzählweise durchaus an. Gleichzeitig spiegelt sich in seiner Sprache das Nachkriegsdeutschland, in dem man Loser noch als „Nulpe“ bezeichnete – ich gebe es zu, ich liebe dieses Wort. Ein bisschen hat mich das an Stups und Lange Latte von Kurt Friedrich erinnert, dasmein Vater als Junge gelesen hat und das ich Jahre später selbst verschlugen habe. Moderne Literatur ist das natürlich nicht, aber das wohlige Gefühl von damals ist geblieben. Ansatzweise habe ich das bei Klaus Kordon wiedergefunden – trotz der dramatischen Ereignisse, die er schildert.

Falls doch noch junge Leser dieses Buch in die Hand nehmen – vielleicht gibt es das noch in gut bestückten Bibliotheken oder Bücherhallen –, werden sie dort auf jeden Fall einen guten Eindruck, über die Zustände in der DDR der 1950er Jahre und die Unterschiede zwischen Ost und West bekommen.
Diese spannende Episode der deutschen Geschichte könnte aber durchaus eine aktuelle Neugestaltung für Kinder und Jugendliche vertragen.

17. juniEin gelungenes Beispiel dafür – allerdings für Erwachsene – ist der Comic 17. Juni – Die Geschichte von Armin & Eva. Er wurde von Kitty Kahane gezeichnet, die Historiker Lahn, Köhler und Mönch haben die Geschichte recherchiert, konzeptioniert und die Texte geschrieben.

Sie erzählen in einem etwas verschachtelten Plot, wie Eva kurz nach der Wende ein Päckchen von Armin bekommt. Der Bote war ein Mitgefangenen von Armin im russischen Arbeitslager Workuta. Er erzählt Eva von Armins Schicksal. Dieser war kurz nach dem Aufstand des 17. Juni verschwunden – verschleppt von der ostdeutschen Polizei, die ihn dann den Russen ausgeliefert hat.

Eva hatte damals ihren Cousin Eddie, einen Reporter aus Westberlin, um Hilfe gebeten und nach Armin suchen lassen. Die beiden wollten heiraten. Eddie macht sich im Stahlwerk Hennigsdorf, im Nordwesten von Berlin im sowjetischen Sektor gelegen, auf Spurensuche. Doch im Stahlwerk trifft er auf eine Mauer des Schweigens. Erst ein Informant, der die Geschichte vom 17. Juni veröffentlicht sehen will, erzählt Eddie, was an den Tagen des Aufstandes im Stahlwerk und in Berlin passiert ist.

Die Verschachtelung der Plot-Stränge hat mich zunächst etwas verwirrt, doch sobald man in die Erzählung von den Streiks im Stahlwerk eintaucht und den Marsch der Arbeiter nach Ostberlin miterlebt, ist man gefangen von den Ereignissen und den kriegsähnlichen Zuständen in Ostberlin.
Vier längere Textpassagen klären über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR auf – und sie erzählen, dass der Aufstand des 17. Juni bis in das russische Arbeitslager Workuta wirkte. Auch dort traten die Gefangenen in den Streik und verweigerten die Arbeit in den Kohlegruben. Doch dort schlug die Staatsmacht noch gnadenloser zu als in der DDR. Die Aufstände endeten blutig.

Kitty Kahanes stahlblaue Panels mit dem fast krickeligen Strich zeigen wenig bekannte Facetten vom 17. Juni und erweitern so den Horizont in Bezug auf dieses Geschichtskapitel auf eine schön gemachte Art.

Klaus Kordon: Tage wie Jahre, Beltz & Gelberg, 2001/1986, 123 Seiten, ab 10, nicht mehr lieferbar

Kitty Kahane/Alexander Lahl/Max Mönch/Tim Köhler: 17. Juni – Die Geschichte von Armin & Eva, Metrolit Verlag, 2013, 112 Seiten, 15,99 Euro

Flucht in eine neue Heimat

kerrManchmal stelle ich fest, dass ich Bücher gar nicht gelesen habe, obwohl ich der Überzeugung bin, das schon längst getan zu haben. Judith Kerrs Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ist so ein Fall. Bis vor kurzem war ich felsenfest davon überzeugt, es zu kennen. So genau erinnere ich mich an die Zeit in den 70er Jahren, als alle von diesem Buch gesprochen haben und ich ganz seltsame Gefühle dabei hatte, die ich gar nicht einordnen konnte.

Jetzt, aus Anlass von Judith Kerrs 90. Geburtstag, habe ich die Lektüre nachgeholt – und dafür auch gleich noch die beiden Nachfolgeromane Warten bis der Frieden kommt und Eine Art Familientreffen drangehängt. Es war schon bewegend, endlich die Flucht der Familie Kerr ganz bewusst miterleben zu dürfen.

Annas Sicht der Dinge bringt auch heute noch die Zeit von 1933 und die Schrecken, die schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis einsetzten, dem Leser eindringlich nah. Man ist unmittelbar dabei, wie die anfangs 9-Jährige die Flucht in die Schweiz und nach Frankreich erlebt, bis die Familie schließlich eine neue Heimat in London findet. Zu all den Neuanfängen kommt die Sorge, wie die Familie überleben soll. Denn Annas Vater, der berühmte Schriftsteller und Theaterkritiker Alfred Kerr, findet im Ausland kaum Möglichkeiten zu veröffentlichen. So muss sich vornehmlich die Mutter um den Unterhalt für die Familie kümmern.
In Warten bis der Frieden kommt schildert Anna die Kriegsjahre in London. Die Familie lebt immer noch in beengten Verhältnissen in einem kleinen Hotel. Anna ist zeitweise bei Bekannten untergebracht, ihr Bruder Michael studiert in Cambridge Jura und möchte zur Royal Air Force. Mittlerweile ist Anna alt genug, um ebenfalls eine Arbeit anzunehmen. Zwischen Bombenangriffen und ihrer Arbeit für einen Wohltätigkeitsverein lernt sie zudem das Zeichnen. Und verliebt sich in ihren Zeichenlehrer.
Eine Art Familientreffen schildert eine Woche im Jahr 1953. Annas Vater ist vor vier Jahren gestorben (auch hier folgt Judith Kerr ihrer eigenen Familiengeschichte), die Mutter lebt wieder in Berlin. Anna selbst ist mit einem TV-Redakteur verheiratet. Da erreicht sie ein Anruf, dass die Mutter in Berlin mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus liegt. Anna reist nach Berlin, trifft dort ihren Bruder und erfährt, dass die Lungenentzündung nur ein Vorwand war und die Mutter eigentlich einen Selbstmordversuch unternommen hat.

kerrVon den drei Bänden ist Eine Art Familientreffen sicherlich der schwächste Teil. Doch rundet er Annas Leben in dem Sinne ab, dass sie mit den Ereignissen der Nazizeit und des Zweiten Weltkrieges abschließen und eine eigene Familie gründen kann.
Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ist zweifellos immer noch eine wichtige Lektüre, um die Flucht vor den Nazis aus der Sicht eines Kindes mitzuerleben. Allerdings liest sich die Übersetzung von Annemarie Böll aus den 1970er Jahren heute an manchen Stellen etwas betulich. Hier könnte man durchaus mal über eine Neuübersetzung nachdenken.
Warten bis der Frieden kommt besticht durch die authentische Schilderung der Bombardierung Londons. Sie macht deutlich, wie sehr die britische Metropole unter den Angriffen der Deutschen gelitten hat.

Judith Kerr, die immer noch in London lebt, als Illustratorin arbeitet und sich mittlerweile als vollkommen britisch empfindet, verdanken wir eine der sensibelsten Darstellungen von Flucht. Sie zeigt, dass Kinder sehr viel vom Leid der Erwachsenen mitbekommen, aber auch durchaus in der Lage sind, sich in neue Situationen einfinden und ein glückliches Leben führen zu können. Davor verneige ich mich und gratuliere zum 90. Geburtstag.

Judith Kerr: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Eine jüdische Familie auf der Flucht, Übersetzung: Annemarie Böll, Ravensburger Buchverlag, 2013, 576 Seiten, ab 14, 9,99 Euro

Für Freiheit und Toleranz

bücherverbrennungIn Berlin erinnert das Deutsche Historische Museum in diesem Jahr mit der Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ an die Vertreibung von Künstlern und Intellektuellen von 1933 bis 1938. Dafür stehen in Mitte und in anderen Stadtteilen Litfaßsäulen mit den Biografien der Vertriebenen und Ermordeten. Schräg gegenüber vom Deutschen Historischen Museum liegt der Bebelplatz, auf dem vor genau 80 Jahren Goebbels die Bücherverbrennung inszeniert hat, ein weiteres Mosaiksteinchen bei der Zerstörung von geistiger Vielfalt.

Der Atrium Verlag hat nun vier Schriften von Erich Kästner, der bekanntermaßen am 10. Mai 1933 vor der Humboldt-Uni stand und von dort aus dem unsäglichen Treiben der Nazis zusah,  unter dem Titel Über das Verbrennen von Büchern neu herausgegeben. Kästner berichtet in den Texten, die von 1946, 1947, 1953 und 1965 stammen, wie er das Ereignis als 34-Jähriger erlebt hat. In seiner klaren, scharfsinnigen Sprache schildert er den Abend des 10. Mai, und die Ungeheuerlichkeiten des Spektakels erscheinen dem Leser bildhaft vor Augen. Man bewundert Kästner für seinen Mut, sich unter die Menge zu mischen und alles mit anzusehen. Er selbst entschuldigt sich in einem Artikel fast für seine Passivität, was er durchaus nicht müsste. Denn schon sein Bleiben in Nazideutschland, wo er „Chronist der Ereignisse“ sein wollte, verlangte jede Menge Mut und verdient höchsten Respekt.

Erschreckender ist dann umso mehr der Text von 1965, in dem Kästner von einer erneuten Bücherverbrennung in Düsseldorf berichtet. Dort hatte eine Jugendgruppe des „Bundes Entschiedener Christen“ mit Genehmigung des Ordnungsamtes am Rheinufer Bücher verbrannt – unter anderem auch die von Erich Kästner. Wieder einmal. Die Jung-Christen hatten sich dabei angeblich auf einen Brief des Apostel Paulus an die Epheser berufen, der die Verbrennung von heidnischen Zauberbüchern forderte. Von der Bücherverbrennung der Nazis hatten sie angeblich nichts gewusst. Man mag es nicht glauben, und es zeigt deutlich, dass wir auch heute noch nicht genug erinnern können.

Das schmale, aber wertvolle Büchlein liefert neben Kästners Texten einen kurzen chronologischen Abriss der Organisation der Bücherverbrennung, die von langer Hand und generalstabmäßig geplant wurde, sowie eine Liste mit den über 140 Autoren und Autorinnen, deren Bücher im Frühjahr 1933 öffentlich verbrannt wurden. Darunter u.a. Alfred Kerr, Joseph Roth, Maxim Gorki, Stefan Zweig, Nelly Sachs, Thomas, Heinrich und Klaus Mann, Carl Zuckmayer, Egon Erwin Kirsch, Schriftsteller, deren Bücher und Werke wir heute selbstverständlich aus dem Regal nehmen (eine erweiterte Liste mit den Namen findet sich auf der Website Bücherlesung). Über das Verbrennen von Büchern macht deutlich, dass es Zeiten gab, in denen das gar nicht selbstverständlich war. Diese Zeiten liegen zwar immer weiter zurück, doch das erlaubt uns nicht, sie zu vergessen.

Kästners vier kurze Texte in Über das Verbrennen von Büchern kommen in diesem Rahmen gerade recht, sind sie doch eine eindringliche Mahnung für Freiheit und Toleranz. Etwas das man nicht oft genug einfordern und verteidigen muss.

Und wer heute über den Bebelplatz in Berlin läuft, sollte den Blick auch nach unten lenken, denn im Boden ist ein Raum mit weißen Bücherregalen eingelassen. In ihnen steht kein einziges Buch.

Erich Kästner: Über das Verbrennen von Büchern, Atrium-Verlag, 2013, 56 Seiten, 10 Euro

Das Ende des Buches

scanner rob m. Sonntag„Findest du das Buch gut?“ Mit dieser Frage hatte wohl keiner gerechnet. Gestellt hat sie ein etwa 10-jähriger Junge bei der Lesung von Robert M. Sonntag an diesem Donnerstagabend im März 2013 auf dem Campus Rütli in Berlin. Der Autor, der vor Schülerpublikum aus seinem Roman Die Scanner liest, zögert kurz, dann erzählt er offen, dass, ja, er das Buch jetzt wieder gut findet. Vor drei Jahren hat er im Indien-Urlaub angefangen an dieser brandaktuellen Dystopie zu schreiben. Zwischendrin, bei all dem Überarbeiten, hatte er auch mal keine Lust mehr auf das Buch, etwas, was wohl jedem Autor während des Schreibens passiert. Doch nun sei genug Zeit vergangen – und „Bücher brauchen Zeit“, so Sonntag – dass er wieder richtig Lust hat, daraus vorzulesen.

Robert M. Sonntag liest von einer fremden Welt in einer gar nicht so ferner Zukunft, dem Jahr 2035, und doch ist vieles dort so, wie man es nicht haben möchte. Das Leben findet fast ausschließlich im digitalen Ultranetz statt. Die Menschen kommunizieren über die so genannte Mobril, eine Datenbrille, die alles aufzeichnet und sofort an die angeschlossenen Freunde verschickt. Unbeobachtet ist man nur noch auf den Toiletten. Finanziert wird das Ultranetz und die Accounts der Nutzer über omnipräsente Werbung. Die Nutzer werden regelmäßig abgefragt und bei falschen Antworten verwarnt. Die Natur ist in einer großen Vergnügungshalle aus Plastik nachgebaut und das Essen besteht nur noch aus einer einförmiger Masse, die mit künstlichen Aromen angereichert wird. Dafür macht die Alltagsdroge Nador angeblich „satt und glücklich“, im Grunde jedoch willenlos und träge. Die Stadt ist in Zonen eingeteilt, A für die vermögenden Leistungsträger, C für Rentner, Kranke und Außenseiter.

In dieser Welt lebt der 25-jährige Ich-Erzähler Rob und verdient sein Geld mit Scannen. Er arbeitet für die Scan-AG und ist mit seinem Freund Jojo ständig auf der Jagd nach bedruckten Papier. Denn die Scan-AG scannt alle Bücher und stellt sie im Ultranetz zur Verfügung. Propagiert wird das Ganze mit dem Slogan „Alles Wissen für alle! Jederzeit! Kostenlos!“ Zu diesem Zweck kaufen die Scanner den Menschen ihre letzten Bücher für viel Geld ab. Rob denkt sich nichts dabei. Er kennt es nicht anders, er ist mit dem Ultranetz groß geworden.

Eines Tages jedoch trifft er auf Mitglieder der Büchergilde, ehemalige Buchhändler, Autoren, Buchagenten, Übersetzer, die ihre Leidenschaft für Bücher nicht kampflos aufgeben wollen. Auf den Chef der Büchergilde ist ein enormes Kopfgeld ausgesetzt, und Rob will sich das nicht entgehen lassen. Als ein E-Bombenanschlag die elektronischen Geräte zerstört, wird zunächst die Büchergilde verdächtigt. Ultranetz verspricht großzügigen Ersatz von Mobrils, mit deren neuer Generation man sogar per Augenbewegung bezahlen kann. Die Überwachung nimmt weiter zu. Die Gildenmitglieder überzeugen ihn schließlich, dass Ultranetz selbst sein eigenes System sabotiert, um im Endeffekt noch mehr Kontrolle und Macht auszuüben.
Dann sterben kurz hinter einander Robs Gruppenleiter Nomos bei der Scan AG und Jojo. Rob hat Nomos am Abend vorher zufällig auf der Toilette belauscht. Nomos wollte aus der Scan AG aussteigen, am nächsten Tag stirbt er bei einem Unfall. Jojo hingegen nimmt sich das Leben, weil seine Freundin Melli, mit der er über das Ultranetz eine Fernbeziehung führt, ihn angeblich betrogen hat und ein Film davon im Netz kursiert. In Rob steigen Zweifel an dem ganzen System auf. Während er zur Büchergilde zurückkehrt, wird Rob von Ultranetz zum Top-Terroristen erklärt und muss untertauchen. Da explodiert die nächste E-Bombe und zerstört die kompletten Datenspeicher …

Die jungen Zuhörer des Campus Rütli lassen sich von den komplizierten Zuständen und technischen Gimmicks der Zukunftswelt nicht schrecken und fragen nach – woher die Idee zu der Dystopie stammt, welche Vorbilder es für die C-Zone gab, warum die Menschen in dieser Welt Glatzen tragen. Der Autor antwortet ausführlich, über die Lust an einem eigenen Zukunftsentwurf, indische Slums und eine „glatzig-gute Welt“, in der aber gleichzeitig auch seine Beschäftigung mit dem Rechtsextremismus steckt. Er erzählt von dem Erschrecken, als die eigene Vision einer Datenbrille tatsächlich von Google umgesetzt wird, und dass er immer noch lieber reale Bücher liest und keine E-Books.  So weckt er die Neugierde auf ein Buch, dessen ganze kulturpolitische Dimension den jungen Zuhörern in diesem Moment wahrscheinlich nicht bewusst sein dürfte.

Denn Robert M. Sonntag, ein Pseudonym von Nahostexperte Martin Schäuble, legt hier eine überaus düstere und gleichzeitig faszinierende Zukunftsvision vor. Das Ende des Buches. Dabei spielt er ganz bewusst mit Anklängen und Verweisen auf Ray Bradburys Fahrenheit 451, wo sich Guy Montag vom Büchervernichter zum Dissidenten entwickelt. Bradburys Roman ist vor genau 60 Jahren erschienen – und hat mit Die Scanner einen würdigen Nachfolger gefunden, der den aktuellen Gegebenheiten Rechnung trägt. Sonntag denkt konsequent das zu Ende, was wir momentan immer wieder erleben: Die Umsonstkultur des Internets ist einer der Gründe für das Verschwinden von Printprodukten. Sicher sind die Zusammenhänge heute extrem komplex und lassen sich  nicht einfach in Gut und Böse kategorisieren. Doch wird immer deutlicher, dass ein Umdenken stattfinden muss, und zwar hin zu einer Wertschätzung von Urhebern und Machern von Gedrucktem. Diese Wertschätzung darf jedoch nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss sich in angemessenen Honoraren, Beteiligungen und so genanntem Payed Content spiegeln. Denn nur so können auch in Zukunft qualitativ hochwertige Geschichten, Reportagen, unabhängig investigative Texte entstehen.

Was passieren könnte, wenn wir heute, jetzt, in diesen Tagen die Kurve nicht mehr kriegen und den großen Internetkonzernen dieser Welt das Netz und die Schriftkultur überlassen, zeigt Sonntag eindrücklich und in Form eines Pageturners allererster Güte. Bleibt zu wünschen, dass diese Geschichte das Bewusstsein der Leser für gut gemachte Bücher und die Gefahren durch die Gratis-Unkultur weiter schärft.

Von all dem ahnen die Rütli-Schüler vermutlich noch nichts, aber dieser Abend zeigt ganz klar, dass sie das Buch gut finden. Bei der abschließenden Verlosung von drei Exemplaren reißen sie begeistert die Arme in die Höhe. Die Gewinner können sich über eine coole, spannende Geschichte freuen, die sie vielleicht zu treuen Bücherlesern macht und ihnen einen Hauch von Kritik gegenüber dem Internet vermittelt.

Robert M. Sonntag: Die Scanner, Fischer Verlag, 2013, 180 Seiten, 12,99 Euro

John Green in Berlin

Eigentlich habe ich es ja nicht mit Autogrammen und dem Promi-Hinterherrennen, doch dieses Mal konnte ich einfach nicht anders. Und jetzt ist meine Presseausgabe von John Greens Roman Das Schicksal ist ein mieser Verräter mit der Unterschrift des Autors versehen. Irgendwie schön. Das Ganze passierte heute Abend auf dem 12. Internationalen Literaturfestival in Berlin, wo John Green seine Deutschland-Lesereise begann.

Ich war etwas zu früh im Haus der Berliner Festspiele, der Abend war noch lau und trocken. Als ich in den Garten schlenderte, saß er dort. In hellem Hemd, Jeans und Adidas-Turnschuhen. John Green himself. Ganz entspannt gab er ein Interview. Und anstatt die ersten Autogrammjäger fortzujagen, fing er an zu signieren und meinte: „Lieber jetzt schon, als später, wenn alle kommen.“ Ich nahm allen Mut zusammen, zumal ich mich für die Beantwortung meiner Fragen vor ein paar Wochen persönlich bedanken wollte. Er war so nett und erfreut, dass es mir regelrecht die Sprache verschlug, und ich irgendwas von „confused“ stotterte. Tzz. Er nahm es mit Humor und erzählte, dass er so jelaged sei und auch ganz confused … Nun, man sah es ihm nicht an. Auch nicht das Mammutprogramm, dass er einen Tag nach seiner Ankunft in Deutschland schon hinter sich hatte: Zwei Lesungen, Interview-Marathon, Aufnahmen mit einem Fernsehteam im Plänterwald. Das quietschende Riesenrad, das sich dort langsam gedreht hätte, würde so wunderbar zu der Vergänglichkeit in seinem Roman passen, wurde mir zugetragen.

Wenig später füllte sich der große Saal im Festspielhaus langsam. Etwa 250 Menschen drängten hinein, hauptsächlich junge Mädchen. Und als um 19.38 Uhr John Green auf die Bühne trat, brandete Jubel auf, als würde ein Popstar erscheinen. Doch er gebärdete sich ganz und gar nicht so, sondern setzte sich fast bescheiden auf seinen Stuhl. Einer launigen Vorstellung folgte die erste Lesung, zunächst John Green selbst auf Englisch, dann rezitierte Regina Gisbertz so mitreißend die deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz, dass der Autor ganz fasziniert an ihren Lippen hing und bekannte, dass er sich durch ihren Vortrag wieder genauso fühlte, wie in dem Moment als er das Buch geschrieben hatte.

Im Anschluss erzählte er von Empathie, die beim Schreiben wichtiger ist, als den richtigen Slang der Jugend zu treffen. Den hätte er selbst in jungen Jahren überhaupt nicht gesprochen und nie gewusst, worüber sich seine Altersgenossen so unterhielten. Doch das Mitgefühl für die Menschen, die an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden, für die sie nichts können, war ihm während des Schreibens wichtiger. Für ihn müssen die Emotionen der Figuren aus dem Bauch herauskommen, dann gelänge es auch, die Leser zu fesseln. So findet er es denn auch heroisch, wenn sich die Helden von der Stärke zur hin Schwäche entwickeln und nicht anders herum. In einer Welt, in der Stärke oder zumindest der Anschein von Stärke extrem weit oben rangiert, ist das eine ganz wunderbare Haltung, die er in seinem sechsten Roman perfekt umgesetzt hat.

Ansonsten hält er es mit dem ur-amerikanischen Konzept der Reise: Wenn etwas nicht richtig läuft, verreise. Die Reise als Problemlöser ist ihm wichtig. Nicht nur, weil er selbst gern verreist, sondern weil jede physische Reise auch immer eine emotionale Veränderung nach sich zieht, und so zumeist eine Reise zu sich selbst wird. Auch das spiegelt sich in Das Schicksal ist ein mieser Verräter ganz eindrücklich.

Die einzige Frage aus dem Publikum, die er mit einem kategorischen Nein beantwortete, war die, ob er je unter dem Pseudonym Peter Van Houten den Roman Ein herrschaftliches Leiden schreiben wird. Für diese große, intellektuelle Herausforderung sei er nicht gut genug, denn die Vorstellung von diesem Buch sei einfach unerreichbar. Das glaube ich ihm zwar nicht, aber auch er hat natürlich ein Recht, Fragen unbeantwortet zu lassen. Was ihn auf jeden Fall noch interessanter macht.

Fast ging es ein bisschen unter, dass es in seinem Buch auch um die Beziehung zwischen Autoren und Lesern geht. Und um die Dankbarkeit der Autoren gegenüber ihren Lesern. Diese Dankbarkeit könnten die Autoren nur sehr schwer äußern, behauptete er – doch John Green ist dies an diesem kurzweiligen Abend auf seine reizende, unaufgeregte, fast bescheidene Art perfekt gelungen!

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Übersetzung: Sophie Zeitz, Hanser Verlag, 2012, 287 Seiten, 16,90 Euro

Mauergeschichten

Berlin geteilte StadtSeit ich in Berlin wohne, üben Geschichten über diese Stadt einen fast unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Wenn sie dann noch in Comic-Form daherkommen, kann ich gar nicht anders und muss zugreifen. So habe ich nun auch das neueste Werk von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler aufgesogen: Berlin – Geteilte Stadt.

In fünf Geschichten, die allesamt auf wahren Begebenheiten beruhen, umreißen die Comic-Macher die Zeit vom Mauerbau im Sommer 1961 bis zum Mauerfall vor 23 Jahren. Sie erzählen Schicksale vom fast verpassten Abitur, von Mauertoten, Flucht per Seilwinde, Stasi-Opfer und einem ganz besonderen 18. Geburtstag.

In klaren, schnörkellosen Schwarzweiß-Zeichnungen führen Buddenberg und Henseler die Leser detailgenau durch die Stadt und greifen dabei auch auf Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis des Mauerbaus zurück. So zeigen sie das Gezerre an der alten Dame, die in der Bernauer Straße aus einem Haus in den Westen flüchten will. Oben die DDR-Grenzbeamten, unten hilfsbereite Westberliner. Ähnliches beim Mauerfall: Menschenmassen vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße, Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Älteren Lesern haben sich diese Bilder unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt und stellen dramatische oder erfreuliche Wiedererkennungseffekte bei der Lektüre da.

Die Episoden aus dem geteilten Berlin sind zwar kurz – und für Comic-Süchtige eher nur Appetithappen – doch zeigen sie essenzielle Momente der vergangenen 50 Jahre. Jugendliche Leser, die sich dem Thema deutsche Teilung jenseits der Schulbücher annähern möchten, finden hier die nötigen Eckdaten. Zwischen den Comic-Kapiteln haben die Autoren in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Berliner Mauer die historischen Fakten umrissen, so dass die Zusammenhänge und Hintergründe der Ereignisse perfekt eingeordnet werden können.

Susanne Buddenberg und Thomas Henseler, die mit Grenzfall bereits einen Comic über die SED-Diktatur gezeichnet haben, erzählen auch hier wieder sehr akkurat die kleinen, sehr persönlichen Geschichten, die man fast als unspektakulär bezeichnen möchte, wenn einem nicht im selben Moment einfällt, dass sie durch die Umstände und die politischen Entwicklungen alles andere das waren. Und es kann nicht oft genug an sie erinnert werden.

Berlin feiert dieser Tage seinen 775. Geburtstag. 28 Jahre davon werden in diesem Band gewürdigt, und es wird an das Jubiläums-Konzert vor dem Reichstag im Jahr 1987 im Zuge der 750-Jahr-Feier erinnert – so etwas ist für dieses Jahr nicht geplant, umso schöner, quasi als kleines Geburtstagsgeschenk, visuell noch einmal ansatzweise daran teilnehmen zu können.

Wenn ich mir etwas von dem Autoren-Duo wünschen könnte, wäre es ein weiterer Historien-Comic, sei es über die DDR oder über ein anderes Kapitel der deutschen Geschichte – dann aber bitte im XXL-Format und ohne didaktischen Anspruch, der der Lektüre dieses ansonsten total gelungenen Bandes einen etwas strengen Beigeschmack verleiht.

Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten, avant-verlag, 2012, 97 Seiten, 14,95 Euro

Das Hauptstadtlehrbuch

spazieren in BerlinMein Lieblingswanderbuch in diesem Jahr ist eindeutig Franz Hessels Spazieren in Berlin. Wobei der Untertitel der Originalausgabe von 1929 das eigentliche Anliegen dieses Buches verheißt: Ein Lehrbuch der Kunst in Berlin spazieren zu gehn ganz nah dem Zauber der Stadt von dem sie selbst kaum weiss. Das ist ein Versprechen, ein wunderschönes. Und das Buch löst es ein.

In Abständen greife ich immer wieder dazu und suche mir das Kapitel heraus, das gerade zu meinen eigenen Berlin-Erlebnissen passt. Und dann entdecke ich Schätze, die mir die vergangene Fülle dieser Stadt vor Augen führt. Heute zum Beispiel war es der folgende Satz: „Die ganze Seydelstraße entlang stehen gespensterhaft in den Schaufestern die Puppen der Büsten- und Wachskopffabriken, die Attrappen und ‚Stilfiguren’ der ‚Schaufensterkunst’, die in Tausenden von Exemplaren durch ganz Deutschland und weiter wandern, um Hemden, Kleider, Mäntel und Hüte zu tragen.“ (S. 35) Von Schaufenstern ist in der heutigen Seydelstraße nichts mehr zu sehen. Gespensterhaft sind vielmehr die Neubauten, die dort gerade auf den Brachen des ehemaligen Mauerstreifens aus dem Boden gestampft werden. Es kommt mir nicht so vor, als ob hier an die Geschäftigkeit von damals wieder angeknüpft werden soll. Die „Neue Mitte“ ist viel mehr das Schlachtfeld der Immobiliengeschäfte.

Zurück zu Hessel: Er läuft und fährt durch das „Gemisch von Großstadt und Gartenstadt“, erkundet den Kreuzberg, das Zeitungsviertel, flaniert von Neukölln nach Britz, durchkämmt die Hasenheide und die Friedrichstadt. Und stellt lakonisch fest, dass im Vergleich zu 100 Jahren vorher die Gegend um den Hackischen Markt „jetzt alles andre als märchenhaft“ ist (S. 190). Man wünschte sich sein Urteil zu dem heutigen Trubel dort …

Mit aller Selbstverständlichkeit eines Chronisten beschreibt Hessel das, was heute natürlich oft fehlt. Doch dann gibt es Passagen, in denen scheinbar das Berlin von heute durchschimmert, und man ist beruhigt, dass der Geist der Stadt und die Berliner Lebensart das Auf und Ab der Geschichte überstanden hat.

Franz Hessels Stimme aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stößt die Bewohner und Besucher der Hauptstadt auf ihre Schönheit, ihre Räudigkeit, ihr Können und ihr Versagen in der Gegenwart: „… wir wollen ein weinig Müßiggang und Genuß lernen und das Ding Berlin in seinem Neben- und Durcheinander von Kostbarem und Garstigem, Solidem und Unechtem, Komischem und Respektablem so lange anschauen, liebgewinnen und schön finden, bis es schön ist.“ (S. 221)

Franz Hessel: Spazieren in Berlin, Geleitwort: Stéphane Hessel, Nachwort: Bernd Witte, neu herausgegeben von Moritz Reininghaus, Berlin Verlag Taschenbuch, 2012, 240 Seiten, 9,99 Euro

Alles andere als verwahrlaust

Pünktchen und AntonImmer wenn ich mal eine Pause von all den Neuerscheinungen brauche, greife ich zu einem Klassiker. Momentan ist Erich Kästner mein liebster Autor. Daher habe ich neulich endlich mal Pünktchen und Anton gelesen. Gehört hatte ich die Geschichte als Kind auf einer Schallplatte bei Oma. Aber erinnern konnte ich mich eigentlich nur noch an das herzzerreißende „Streichhölzer, kaufen Sie Streichhölzer“.

Umso schöner und überraschender war jetzt die Lektüre. Kästners Kinderroman erschien bereits 1931, und trotz seiner 80 Jahre hat dieser Text nichts an Frische und Klarheit eingebüßt. Schnörkellos, ohne ein überflüssiges Wort, aber überaus warm und herzlich erzählt Kästner die Geschichte von Luise, genannt Pünktchen, aus gutem Hause und Anton, der sich bis zum Umfallen um seine kranke Mutter kümmert.

Die Kinder lernen sich beim Betteln auf der Weidendammbrücke in Berlin Mitte kennen – nur betteln sie aus völlig verschiedenen Gründen. Anton, um zu überleben, Pünktchen, weil ihr Kindermädchen Fräulein Andacht, sie zwingt. Gemeinsam mit Anton kommt das Mädchen dann den üblen Machenschaften von Fräulein Andachts Liebhaber Robert auf die Spur.

Kästner hat zwischen die Kapitel so genannte „Nachdenkereien“ eingeschoben, in denen er über Fragen der Moral, über Freundschaft, Mut, Neugierde, Armut und das Leben überhaupt schreibt. Solche erzieherischen Anliegen können verdammt schnell zu moralinsauren Predigten ausufern und einem den Spaß am Lesen verderben, doch nicht bei Kästner. Der schafft es, ohne erhobenen Zeigefinger, den Leser zum Nachdenken zu bringen – vor allem über die Vielschichtigkeit der Figuren, die nie nur gut oder nur böse sind, sondern sich durch ihre Zwischentöne auszeichnen und somit überaus menschlich sind.

Was mich dann restlos entzückt hat, war Pünktchens Spleen, sich neue Worte wie „Wärmometer“ oder „verwahrlaust“ auszudenken. Einfach großartig!

Erich Kästner: Pünktchen und Anton. Ein Roman für Kinder. Illustrationen: Walter Trier, Dressler Verlag, 129. Auflage 2011, 154 Seiten, ab 10, 12 Euro

Deutschstunde

Berlin ist für mich das ideale Pflaster, kultur-historische Wissenslücken zu schließen. So heute im Berliner Ensemble, wo sich Wolf Biermann mit seiner Gitarre auf die Bühne setzte, erzählte und sang. Auf den Tag 35 Jahre nach seinem Kölner Konzert, das zu seiner Ausbürgerung aus der DDR geführt hatte. Zwei Tage vor seinem 75. Geburtstag erinnerte er an seine Wut und Frechheit von damals, an den schmalen Grat, auf dem er die „Firma“ ärgern wollte und der ihm dennoch den Weg zurück in sein gelobtes Land frei halten sollte. Es hat bekanntermaßen nicht geklappt.

Die Wut ist geblieben, vor allem auf das „Pack“, von Verbitterung ist jedoch nichts zu spüren. Geradezu rührend erzählt der Wolf von der Lektüre seiner angeblich 50000-80000 Seiten dicken Stasi-Akte, in der sich eine Abschrift seiner „Stasiballade“ findet. Nur eine Zeile stimmt nicht. Statt „Die Stasi ist mein Eck… mein Eck… mein Eckermann“ steht dort nur „Die Stasi ist mein Henkersmann“. Goethes Sekretär schien dem diensthabenden Stasi-Mann nicht bekannt gewesen zu sein. Biermann kichert vor sich hin, ob der Amtsinterpretation und der Bildungslücke.

Anders dagegen in Schweden. Dort schätzt man Biermanns Liedgut mittlerweile so sehr, dass die evangelische Kirche seinen Song „Ermutigung“ in das Gesangbuch aufgenommen hat. Biermann gehört in Skandinavien zum Chorrepertoire.

Der Wolf erzählt, rezitiert Heine, fordert den Freiheitskampf der Menschheit und vergisst fast das Singen. Der Blick auf die Uhr und auf Ehefrau Pamela in der ersten Reihe bringt ihn wieder zum Vortragen. Doch dann doziert er weiter über den Webfehler der Demokratie und die wahren Schuldigen der Finanzkrise sowie den „dummen Lafontaine“.

Als das „Seminar für Wirtschaftswissenschaft“ nach zweieinhalb kurzweiligen Stunden zu Ende geht, ist die historische Figur des Wolf Biermann, die für mich immer irgendwie da, aber nie real war, auch in meinem Leben angekommen.

(Und hätte mir Freundin Ruth nicht vor einiger Zeit seine eindrucksvollsten Lieder vermacht, wäre mir dieses Erlebnis sicher entgangen… danke, Ruth!)

Zum Nachhören/Nachsehen: Das Kölner Konzert 13. November 1976 (das ungekürzte Original-Dokument), Doppel-DVD, 17,99 Euro

Zum Nachlesen: Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Nachdichtungen und Adaptionen, Hoffmann & Campe Verlag, 2011, 26 Euro.

Eine Frage der Haltung

grenzfallWas weiß man heute noch vom Grenzfall? Damit ist nicht der Mauerfall gemeint, sondern die Untergrundzeitschrift, die von 1986 bis 1987 in der DDR erschien. Nicht sehr viel, zumindest im Westen. Meine Bildungslücke zu diesem Thema hat vor einiger Zeit der Comic „Grenzfall“ von Thomas Henseler und Susanne Buddenberg wenigstens ansatzweise geschlossen.

In eindringlichen, klaren Bildern erzählen die Grafiker die Geschichte des Schülers Peter Grimm, der keine „sozialistische Persönlichkeit“ aus sich machen lassen will. Stattdessen schließt er sich dem Dissidentenkreis um Katja Havemann, der Witwe von Robert Havemann, an. Vergeblich versucht die Stasi, den jungen Mann anzuwerben. Im Gegenzug wird Grimm neun Tage vor dem schriftlichen Abi von der Schule verwiesen. In der „Initiative Frieden und Menschenrechte“, der er sich anschließt, entsteht später die Idee, eine eigene Zeitung jenseits der staatlichen Meinung herauszugeben. Der erste „Grenzfall“ erscheint in Kleinstauflage von 50 Stück – und die Stasi schreibt seitenlange Berichte … bis sie mit der Aktion „Falle“ zuschlägt.

Die schwarzweißen Panels dieser Graphic Novel schaffen es, die bedrückende Atmosphäre der späten 80er Jahre in der DDR wieder aufleben zu lassen. Originalzitate aus den Stasi-Unterlagen zeugen von dem Überwacherwahn der Herrschenden. Henseler und Buddenberg gelingt es durch die verdichtete Darstellung einer wahren Geschichte, der Aufarbeitung der SED-Diktatur ein fesselndes Puzzleteil hinzuzufügen. Und gelungen an eine wichtige Keimzelle der Wende von 1989 zu erinnern.

Thomas Henseler/Susanne Buddenberg: Grenzfall, avant-verlag, 101 Seiten, 14,95 Euro