KI – Kritische Innovation

KI

Ja, auch wir hier kommen an KI nicht vorbei. Vielleicht könnten wir sogar unsere Rezensionen von den Maschinen schreiben lassen. Machen wir aber nicht, weil selber lesen und selber schreiben immer noch unsere Leidenschaft ist, die wir uns nicht wegnehmen lassen. Dennoch müssen wir uns alle mit diesen neuen Befindlichkeiten befassen. Das tun Ella von Berkholz und ich dieses Mal in einem Gemeinschaftspost zu drei aktuellen Publikationen zu Künstlicher Intelligenz.

Und bei so einem komplexen Thema es zunächst einmal gut, sich bereits in jungen Jahren damit zu befassen. Daher gibt’s für junge Buchliebhaber:innen jetzt neuen menschengemachten Lesestoff, der noch nicht überholt ist (was man sich ja bei der Rasanz der Entwicklung gerade denken könnte). Los geht es mit Wie wird KI unsere Welt verändern? aus der Erstlese-Reihe »Gute Frage! Wissen für Kinder«. Kurze Texte in großer Schrifttype erklären darin einfach und verständlich die Grundlagen der Künstlichen Intelligenz und ihren vielfältigen Anwendungen.

KI im Alltag

Von Schachcomputer über den Staubsaugroboter, von medizinischen Geräten bis Überwachung im öffentlichen Leben, vom Einsatz in der Landwirtschaft bis zum Schulunterricht werden die wichtigsten Einsatzbereiche auf je einer Doppelseite angerissen. Was im Hintergrund der KI-Tools technisch abläuft, wird auf einfache Infos heruntergebrochen. Hier geht es noch nicht in die verwirrenden Tiefen.
Ob eine »Superintelligenz« wirklich so hilfreich ist, wird allerdings auch hier bereits angezweifelt. Die guten und die schlechten Seiten der KI stellt die Autorin kurz gegenüber und warnt vor den Gefahren, die diese Technologie mit sich bringt.
Am Ende gibt es einen QR-Code, mit dem sich von der Carlsen-Verlagssite Seiten mit kniffligen Spielen und Rätseln sowie Bildern zum Ausmalen herunterladen und ausdrucken lassen – das Thema KI zieht sich auch hier durch, regt aber zum Selberdenken an.

Lesehilfen

Interessierte Erstleser:innen finden hier die Basics in den Anwendungsbereichen, schwierige Wörter werden erklärt, lange Fremdwörter durch Silbentrennungen lesbar gemacht. Die bunten Illus laden zum Schauen und Entdecken ein. So kann ein Bewusstsein für diese komplexe Thematik bereits frühzeitig geweckt werden. (US)

Olivia Watson: Wie wird KI die Welt verändern?, Illus: Denis Alonso, Ü: Fabienne Pfeiffer, Carlsen, 2026, 40 Seiten, ab 6, 12 Euro

Für Leseexperten ab 10

Ausführlicher und für Kids ab zehn Jahren erklären Axel Täubert und Christine Paxmann die KI. Sie bedienen sich dafür einer Rahmenhandlung, in der Familie Strudel – Eltern mit drei Kindern, Großeltern und Onkel – in ihrem Alltag mit der KI konfrontiert werden und sich damit auseinandersetzen.

Flankiert werden die kurzen Familiengespräche mit jeder Menge Infos zur Entwicklung von Computern und Internet im Allgemeinen und den aktuellen sowie speziellen Trends der KI der Gegenwart.
Abkürzungen wie ASR oder NLP, die wir meist benutzen, ohne zu wissen, was sie eigentlich bedeuten, werden entschlüsselt (Automatic Speech Recogniton und Natural Language Processing), Zusammenhänge verdeutlicht.

Shit in, shit out

Und mit einem Schlag ist man mittendrin im maschinellen Lernen, den richtigen und den falschen Daten – nur wer die Maschinen mit ordentlichen Daten füttert, bekommt gute Ergebnisse und keinen Müll. Dazu werden Phänomen wie die Bias-Falle, Glitches und Halluzinationen erläutert.
Historisches und Kulturelles rund um KI – z.B. in Filmen und Büchern – ergänzen das Spezialwissen und schenken erwachsenen Lesern Wiedererkennungsmomente, wo man im Leben schon mit KI in Kontakt gekommen ist.

Praxisnahe Übungen

Doch es bleibt hier nicht nur bei der Theorie: Hinweise wie ein ordentlicher Prompt aussehen sollte oder wie man eine App programmiert, bringen die Kids ins Tun und fördern so das Verständnis, was im Hintergrund dieser manchmal hilfreichen Programme oder unterhaltsamen Spiele-Apps abläuft. Mit einem Quiz am Ende kann jeder sein neuerlerntes Wissen dann gleich noch mal überprüfen. Die Gefahr, dass die KI uns dumm macht, weil wir nicht mehr selber denken, ist durch die vielen Anregungen in diesem Buch jedenfalls nicht gegeben.

Kritische Innovation

Neben den positiven Aspekten von KI hat das Autoren-Duo natürlich auch die negativen Seiten der Technik im Blick. Jede KI-Anfrage verbraucht Unmengen an Energie und führt zu einem erhöhten CO2-Ausstoß, eine Tatsache, die wir heute leider immer noch all zu oft verdrängen. Auch die Fragen, ob die KI unsere Arbeitsplätze zerstört, uns einsamer macht oder mit unseren Gefühlen spielt, werden angesprochen.
Die jungen Lesenden bekommen in diesem erzählten Sachbuch auf relativ wenigen Seiten einen überaus fundierten und ausgewogenen Überblick über die Glanz- und die Schattenseiten der KI, deren Entwicklung wohl gerade an einem entscheidenden Punkt angelangt ist.
Hoffen wir, dass die apokalyptischen Voraussagen nicht eintreffen werden … Bis dahin hilft diese Lektüre, bewusst mit KI umzugehen. (US)

Axel Täubert/Christine Paxmann: Künstliche Intelligenz für Kids erklärt, DK, 2026, 72 Seiten, ab 10, 18 Euro

Interaktiv

Der bescheuertste Präsident und Autokrat der westlichen Welt hat jüngst verkündet, KI soll jetzt Super Intelligence heißen. Wenn der Vollpfosten im Weißen Haus tatsächlich intelligent wäre und nicht nur wieder eine seiner vielen ekelhaften Duftmarken hätte setzen wollen, dann hätte er das zweite Wort des Begriffs KI ersetzt.

Künstliche Intelligenz ist nämlich vieles, aber nicht intelligent. »Die Technik der KI wird in unterschiedlichen Formen in Computerprogrammen angewendet oder als Werkzeug eingesetzt. Werkzeug heißt auf Englisch Tool. Daher spricht man auch von KI-Anwendungen oder KI-Tools«, erklären die Autorinnen Diana Knodel und Hannah Lesch gleich zu Anfang ihres kompakten und schlauen Sachbuchs KI und du.

Maschinelles Lernen

Zwar schreiben sie in diesem Zusammenhang auch, dass »KI bedeutet, dass wir Computern beibringen selbstständig zu lernen.« Ein zumindest bedenkenswertes Verb, für das, wie KI tatsächlich funktioniert. Was es mit diesem Lernprozess auf sich hat und wie der auch gewaltig schief gehen kann, das entschlüsseln Knodel und Lesch klug und verständlich. Sie steigen im Alltag der jungen Leser ein, ob Sprachassistent, Navigationssystem, moderne Medizin und Diagnostik, Smart Home oder insbesondere Soziale Medien: »Computer treffen Entscheidungen, die dein tägliches Leben beeinflussen können. Sie wählen zum Beispiel aus, was dir angezeigt wird, wenn du etwas im Internet suchst oder durch lustige Videos aus Social Media scrollst.«

Die Wahrheit über Social Media

Dass YouTube, TikTok oder Spotify und Co das nicht tun, weil sie nett sind oder uns etwas Gutes tun wollen, schreiben die Autorinnen schon wenige Seiten später: »Sie wollen, dass du möglichst lange auf ihrer Plattform bleibst. Je länger du schaust, hörst und scrollst, desto mehr Werbung kannst du sehen. Mit dieser Werbung verdienen die Plattformen Geld.« Solche unverblümten Wahrheiten hören die gemeingefährlichen Männerbünde und Tech Bros natürlich gar nicht gern.
KI kann durchaus nützlich sein und das Leben verbessern, wie zum Beispiel bei Hausaufgaben, als kritischer Dialogpartner, für Feedback und Verbesserungsvorschläge.

Kehrseiten der KI

Sehr aufschlussreich ist das ausführliche und differenzierte Kapitel über die Kehrseiten der KI. Dort wird gefragt, »ob es in Ordnung ist, wenn KI … schlecht für die Umwelt ist? Unter schlechten Arbeitsbedingungen trainiert wird? Ist es in Ordnung, wenn KI … dein Freund wird?« Ganz zu schweigen von Fälschungen, Deepfakes, Lügen, einseitigen Informationen und Manipulationen sowie rassistischen oder sexistischen Stereotypen.

Gefahren erkennen

Wie man diese Gefahren erkennt, prinzipiell kritisch bleibt und Behauptungen hinterfragt, erklären die Autorinnen lebensnah und sehr gut nachvollziehbar. Hilfreich sind auch die eingestreuten Erklärvideos, Interviews mit verschiedenen KI-Expertinnen und diverse Übungen, die per QR-Code aufgerufen werden können. Allerdings landet man bei den Interviews auf YouTube, das wiederum weitere, teils fragwürdige Inhalte empfiehlt. Die Übungen sind unterhaltsame, interaktive Möglichkeiten, KI praktisch auszuprobieren. Zum Beispiel zu prompten, KI zu trainieren, gefälschte Bilder zu erkennen oder Gedichte zu schreiben.

Menschengemachte Gestaltung

KI und du lebt auch von der exzellenten Gestaltung und den ansprechenden Illustrationen. Manuel Kilger lenkt die jungen Leserinnen und Leser mühelos durch die anspruchsvolle Thematik, gibt der abstrakten KI ein sympathisches Gesicht als Comicwesen und lockert die Seiten mit überraschender Situationskomik auf. Man sieht und spürt, dass hier ein kluges und einfühlsames, menschliches Wesen am Werk war.

Bis auf die unglückliche YouTube-Verlinkung ist KI und du ein sehr gelungenes und superintelligentes Sachbuch. (EvB)

Diana Knodel/Hannah Lesch: KI und du. Künstliche Intelligenz interaktiv erleben und verstehen, Illus: Manuel Kilger, Ravensburger, 2025, 96 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

Körperbewusstsein

oben ohne

Amelie, 13, hadert mit ihrer Figur: Sie wäre so gern eine Sanduhr, ist aber eher eine Pyramide. Breite Hüften und noch keine Oberweite. Sie fühlt sich pummelig und sucht Rat in YouTube-Videos, wie sie ihre vermeintlichen Makel verstecken kann. Doch allein solche Tipps wie »die Taille hochanzusetzen, damit die Hüften nicht noch breiter wirken«, frustrieren sie unglaublich. Amelie versteckt sich lieber in den weiten Hemden ihres Vaters und anderen Schlabberklamotten und montiert geschickt in der Fotoapp ihren eigenen Kopf auf den Körper eines angesagten Top-Modells. Schöne, fiese Internetwelt!

Jutta Nymphius widmet sich in ihrem ersten Jugendbuch Oben ohne einem zunehmend problematischen Phänomen unserer Zeit: Der Vergleich mit anderen Menschen im Netz, die sich absolut perfekt und unangreifbar darstellen. Und so zu einer Verschiebung der Maßstäbe beitragen, wenn es um die Beurteilung von »normalen« Körpern geht. Schlank, sportlich, makellos schön, so haben junge Frauen heute auszusehen – und ich möchte nicht wissen, wie viele Mädchen da draußen sich tatsächlich diesem mediengemachten Druck beugen und mit sich selbst und ihrem Körper hadern.

Bekanntes Setting, überraschendes Ende

Amelie jedenfalls hadert und schwärmt gleichzeitig für den Schul-Beau Elias. Breite Schultern, Modelqualitäten, sicher ein cooles Six-Pack, »Elias ist ein Event«. Doch wie es mit solchen Typen eben ist: Er beachtet Amelie nicht, kennt sie gar nicht und ist einfach unerreichbar weit weg. Erst als Amelie sich mit der Neuen in der Klasse, Kira, anfreundet, ändert sich das. Kira ist der selbstbewusste Gegenpol zu Amelie, sie trägt knallenge Tops, die schon mal ihre Speckröllchen freilegen, hautenge Hosen, schminkt sich die Augen dunkel und schert sich nicht im Geringsten um die Meinung der anderen, die es nicht mal wagen, ihr gegenüber auch nur eine Bemerkung fallen zu lassen.
Aber Kira kennt Elias. Und stellt den Kontakt zwischen den beiden her, als sie merkt, dass Amelie für ihn schwärmt. Dass die Kombination Beau trifft auf Mäuschen selten gut ausgeht, ist bekannt, und so auch hier. Irgendwann bittet Elias Amelie um ein Foto von ihr – »oben ohne« – angeblich, um sie besser kennenzulernen. Als erwachsene Leserin schrillen natürlich alle Alarmglocken und man möchte die Heldin schütteln und sagen: Nein, lass das, das führt zu nichts, außer zu Tränen.

Gut verpackte Medienkritik

Aber Amelie ringt sich durch, schickt ein Foto, was natürlich prompt die Runde in der Schule macht … Doch so vorhersehbar wie man jetzt vermuten würde, machte es Jutta Nymphius den Leser:innen nicht, sondern sie hat einen ganz wunderbaren Kniff parat, der aber natürlich nicht offenbart wird.
Die Elbautorin zeigt mit dieser Geschichte all ihr Verständnis für die Sehnsüchte junger Mädchen, für ihre Kämpfe mit sich selbst, mit dem sich verändernden Körper in der Pubertät und für das Bedürfnis dazuzugehören. Die Kritik, die in dieser Geschichte an den Medien, dem Netz und unserem Umgang mit all dem mitschwingt, ist perfekt verpackt und kommt nicht moralisierend daher. Nymphius zeigt, wie es auf Schulhöfen zugehen kann und dass selbst gut Freunde und Freundinnen, die Amelie durchaus mit Kira und ihrem Sandkastenfreund Nicki hat, einen nicht unbedingt vor falschen Entscheidungen bewahren können.

Hohes Identifikationspotential

Der Identifikationsfaktor bei dieser Geschichte ist damit extrem hoch und gibt jungen Leserinnen hoffentlich genügend Stütze, sich den Verführungen im Netz und auf dem Schulhof eben nicht so einfach hinzugeben, sondern ein selbstbewusstes Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln und die wahren Freund:innen im Leben zu erkennen und wertzuschätzen.

Genau das richtige Cover

Als ich das Buch zum ersten Mal in der Hand hielt, fiel mir das Cover besonders auf. Themen wie Bodyshaming und Körperbilder von jungen Mädchen verführen oft dazu, auf Buchumschlägen diese Mädchen wieder als das oben genannte Ideal zu zeigen: eben gertenschlank. Hier jedoch ist ein völlig normales Mädchen zu sehen – das wir jedoch mit genau diesem medienverdorbenen Blick sofort als leicht übergewichtig bewerten würden, weil da ja die Jeans ein bisschen einschneidet, der Bauch nicht flach ist und die Taille nicht der einer Wespe entspricht. Schon hier sollten wir stutzig werden, wie sehr wir die angeblich heute normalen Sehgewohnheiten und angeblich normalen Maßeinheiten von Körpern bereits verinnerlicht haben. Ich nehme mich da gar nicht aus, ich kann Amelies Wünsche, diesem »Ideal« zu entsprechen, sehr gut verstehen. Aber das kann einfach nicht sein, dass wir junge Mädchen in diese absurden Muster pressen und damit für ihr Unglück mitverantwortlich sind.
Jutta Nymphius ist mit Oben ohne ein Roman gelungen, der mit dem Finger in einem Auswuchs der Medienwelt bohrt. Ob wir in gewissen Bereichen (Mode, Werbung, Film …) je zu einem menschlicheren Maß in der Darstellung von Frauen und Männern kommen, wage ich ja manchmal zu bezweifeln, aber je mehr Menschen ein Bewusstsein für die Überzogenheit in den Medien entwickeln, umso eher gibt es eine Chance, sich davon nicht mehr beeinflussen zu lassen. Dieses Buch ist so ein Bewusstseinsentwickler!

Jutta Nymphius: Oben ohne, Tulipan, 2020, 200 Seiten, ab 12, 13 Euro

Mal offline ist auch ganz nett

Kinderbücher über Smartphone, Internet und so können eine ziemlich öde und eindimensionale Angelegenheit werden. Wenn sie nämlich die modernen Medien pauschal verteufeln und stattdessen ein längst vergangenes, eigentlich nie wirklich existierendes Bullerbü-Kinderglück propagieren. Und damit in die Kerbe Manfred Spitzers schlagen, der polemisch polternde Prediger und Psychiater, der Computer plus Kinder und Jugendliche mit „Sucht“ gleichsetzt, von „Zivilisationskrankheit“ raunt und Volksverdummung sowie eine komplett depressive, vereinsamte und abgestumpfte Generation junger Menschen prophezeit.

Umso erfrischender sind Marc-Uwe Klings Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat und der neue Band aus der Sachbuchreihe Carlotta, Henri und das Leben: Mama ist offline und nix geht mehr. Beide Bücher kommen ohne mahnenden Zeigefinger aus, machen dafür einiges bewusst. Wobei auffällt, dass Frauen in diesen wirklich gelungenen Geschichten für die jüngsten Digital Natives anscheinend eine größere Internetaffinität haben.

Die Mama der Zwillinge Henri und Carlotta ist „echt cool. Sie hat über achthundert Freunde auf Facebook, ist in mindestens siebenunddreißig WhatsApp-Gruppen, schaut alle halbe Stunde, was auf Twitter passiert, skypt mit ihren Freundinnen und seit neuestem hat sie sogar Snapchat.“ Und natürlich hat sie immer das neueste Smartphone. In ihrem Job als Graphikerin läuft alles digital, sie ist auf permanenten Zugang zum Internet angewiesen. Nur Papa ist eher der analoge Typ. Jetzt sind Ferien, Papa „hat sich extra freigenommen, damit alle etwas unternehmen können“, also Wellenreiten statt im Netz surfen, draußen neue Eindrücke gewinnen statt Bilder posten, Konzerte besuchen statt Spotify-Listen anhören …

Dann spielt Henris Ungeschick Papa in die Hände: Henri fällt Mamas Smartphone ins Klo, das Teil ist kaputt, Reparatur dauert eine Woche, Mama ist offline und nix geht mehr. Katastrophe! Selbst Papa leidet und ist sauer, weil die Kaffee-App streikt und nicht wie gewohnt morgens frisch gebrühtes Wachmachergetränk kredenzt. Dann wettet er mit seiner Familie: Werden Mama, Carlotta und Henri es eine Woche offline aushalten? Ohne E-Mail, Videos, Onlinespiele, Messanger-Gruppe … arrgghh!

Unprätentiös und entspannt erzählt die Autorin und studierte Kommunikationsdesignerin Anette Beckmann von den kurzen, unfreiwilligen Ferien vom Internet. Da sieht man die Welt mit anderen Augen, die Familie entdeckt ein altes Schloss mit Flohmarkt statt des anvisierten Badesees, Musik kommt aus dem Autoradio oder vom Plattenspieler (gut, wenn man seine Schallplatten noch hat, obwohl, wichtiger Hinweis, „können schnell verkratzen“). Und merkt nebenbei, wie sehr mittlerweile Smartphones das Leben bestimmen, wenn zum Beispiel in der Pizzeria alle Gäste, egal welchen Alters, autistisch auf ihr Gerät starren, statt sich zu unterhalten. Oder die eigentlich coole, 15-jährige Cousine Ida zu Besuch kommt und total schlecht gelaunt ist, weil ein peinliches Foto von ihr gepostet worden ist. So lernt man, dass „Privates und Internet nicht zusammenpassen, weil alles auf ewig gespeichert wird und Dinge, die du heute lustig findest, in fünf Jahren vielleicht nicht mehr so lustig findest …“ Eine sehr charmante Geschichte mit absolut wissenswerten Erklärungen über ebenso selbstverständlich wie ahnungslos verwendete Begriffe, knappen Sachtexten sowie klugen Tipps zum gewinnbringenden Umgang mit digitalen Medien. Marion Goedelt hat sie cartoonesk mit vielen witzigen Details und lebhaften Einsprengseln illustriert, man hat fast einen richtigen Trickfilm vor Augen, soviel Bewegung ist in den Bildern.

Eine ganz unerwartete Dynamik bekommt auch der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat. Eine Doppelklick zu viel, und es hat sich was mit chatten, streamen und so. Die Großeltern sind da, weil Ferien sind und die Eltern arbeiten müssen. Jetzt hat aber Tiffany, die jüngste der drei Geschwister ein ganz schlechtes Gewissen, weil sie doch auf Oma aufpassen sollte und dann zerstört die das weltweite Netz. Die älteren Geschwister Max, der liegend chattet und ballert, und Luisa, Punkerin mit grünen Haaren, die sich laut ihres Vater in „einer politischen Phase“ befindet, können zwar kaum glauben, dass ausgerechnet ihre Großmutter alles lahm gelegt haben soll. Aber als der Pizzabote bei ihnen strandet, weil sein Navi nicht funktioniert, die Eltern früher, auf Umwegen, nach Hause kommen, weil arbeiten nicht mehr möglich ist, und sogar die alte E-Gitarre vom Dachboden wieder zur Geltung kommt, ist das auch egal.

Gewohnt ironisch und mit sanftem, politischem Witz inszeniert der Känguru-Chroniken-Autor ein freundliches, eintägiges, aber durchaus wiederholenswertes Chaos. Bei der Gelegenheit erklärt zum Beispiel Max der kleinen Schwester, was das Internet ist. „Kacknazis“, Kapitalismuskritik, Punkmusik und Teletext kommen auch kindgerecht zur Sprache, bunt und leicht karikaturesk bebildert von Astrid Henn. Und der mehrfach wiederholte Doppelklick ist wie eine augenzwinkernde Hommage an den Klassiker „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt: „klick, klick“. So ein Tag offline hat durchaus seinen Reiz.

Marc-Uwe Kling, Astrid Henn (Illustrationen): Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat, Carlsen 2018, 72 Seiten, ab 6, 12 Euro

Anette Beckmann, Marion Goedelt (Illustrationen): Carlotta, Henri und das Leben – Mama ist offline und nix geht mehr, Tulipan 2018, 64 Seiten, ab 7, 15 Euro

Das Ende des Buches

scanner rob m. Sonntag„Findest du das Buch gut?“ Mit dieser Frage hatte wohl keiner gerechnet. Gestellt hat sie ein etwa 10-jähriger Junge bei der Lesung von Robert M. Sonntag an diesem Donnerstagabend im März 2013 auf dem Campus Rütli in Berlin. Der Autor, der vor Schülerpublikum aus seinem Roman Die Scanner liest, zögert kurz, dann erzählt er offen, dass, ja, er das Buch jetzt wieder gut findet. Vor drei Jahren hat er im Indien-Urlaub angefangen an dieser brandaktuellen Dystopie zu schreiben. Zwischendrin, bei all dem Überarbeiten, hatte er auch mal keine Lust mehr auf das Buch, etwas, was wohl jedem Autor während des Schreibens passiert. Doch nun sei genug Zeit vergangen – und „Bücher brauchen Zeit“, so Sonntag – dass er wieder richtig Lust hat, daraus vorzulesen.

Robert M. Sonntag liest von einer fremden Welt in einer gar nicht so ferner Zukunft, dem Jahr 2035, und doch ist vieles dort so, wie man es nicht haben möchte. Das Leben findet fast ausschließlich im digitalen Ultranetz statt. Die Menschen kommunizieren über die so genannte Mobril, eine Datenbrille, die alles aufzeichnet und sofort an die angeschlossenen Freunde verschickt. Unbeobachtet ist man nur noch auf den Toiletten. Finanziert wird das Ultranetz und die Accounts der Nutzer über omnipräsente Werbung. Die Nutzer werden regelmäßig abgefragt und bei falschen Antworten verwarnt. Die Natur ist in einer großen Vergnügungshalle aus Plastik nachgebaut und das Essen besteht nur noch aus einer einförmiger Masse, die mit künstlichen Aromen angereichert wird. Dafür macht die Alltagsdroge Nador angeblich „satt und glücklich“, im Grunde jedoch willenlos und träge. Die Stadt ist in Zonen eingeteilt, A für die vermögenden Leistungsträger, C für Rentner, Kranke und Außenseiter.

In dieser Welt lebt der 25-jährige Ich-Erzähler Rob und verdient sein Geld mit Scannen. Er arbeitet für die Scan-AG und ist mit seinem Freund Jojo ständig auf der Jagd nach bedruckten Papier. Denn die Scan-AG scannt alle Bücher und stellt sie im Ultranetz zur Verfügung. Propagiert wird das Ganze mit dem Slogan „Alles Wissen für alle! Jederzeit! Kostenlos!“ Zu diesem Zweck kaufen die Scanner den Menschen ihre letzten Bücher für viel Geld ab. Rob denkt sich nichts dabei. Er kennt es nicht anders, er ist mit dem Ultranetz groß geworden.

Eines Tages jedoch trifft er auf Mitglieder der Büchergilde, ehemalige Buchhändler, Autoren, Buchagenten, Übersetzer, die ihre Leidenschaft für Bücher nicht kampflos aufgeben wollen. Auf den Chef der Büchergilde ist ein enormes Kopfgeld ausgesetzt, und Rob will sich das nicht entgehen lassen. Als ein E-Bombenanschlag die elektronischen Geräte zerstört, wird zunächst die Büchergilde verdächtigt. Ultranetz verspricht großzügigen Ersatz von Mobrils, mit deren neuer Generation man sogar per Augenbewegung bezahlen kann. Die Überwachung nimmt weiter zu. Die Gildenmitglieder überzeugen ihn schließlich, dass Ultranetz selbst sein eigenes System sabotiert, um im Endeffekt noch mehr Kontrolle und Macht auszuüben.
Dann sterben kurz hinter einander Robs Gruppenleiter Nomos bei der Scan AG und Jojo. Rob hat Nomos am Abend vorher zufällig auf der Toilette belauscht. Nomos wollte aus der Scan AG aussteigen, am nächsten Tag stirbt er bei einem Unfall. Jojo hingegen nimmt sich das Leben, weil seine Freundin Melli, mit der er über das Ultranetz eine Fernbeziehung führt, ihn angeblich betrogen hat und ein Film davon im Netz kursiert. In Rob steigen Zweifel an dem ganzen System auf. Während er zur Büchergilde zurückkehrt, wird Rob von Ultranetz zum Top-Terroristen erklärt und muss untertauchen. Da explodiert die nächste E-Bombe und zerstört die kompletten Datenspeicher …

Die jungen Zuhörer des Campus Rütli lassen sich von den komplizierten Zuständen und technischen Gimmicks der Zukunftswelt nicht schrecken und fragen nach – woher die Idee zu der Dystopie stammt, welche Vorbilder es für die C-Zone gab, warum die Menschen in dieser Welt Glatzen tragen. Der Autor antwortet ausführlich, über die Lust an einem eigenen Zukunftsentwurf, indische Slums und eine „glatzig-gute Welt“, in der aber gleichzeitig auch seine Beschäftigung mit dem Rechtsextremismus steckt. Er erzählt von dem Erschrecken, als die eigene Vision einer Datenbrille tatsächlich von Google umgesetzt wird, und dass er immer noch lieber reale Bücher liest und keine E-Books.  So weckt er die Neugierde auf ein Buch, dessen ganze kulturpolitische Dimension den jungen Zuhörern in diesem Moment wahrscheinlich nicht bewusst sein dürfte.

Denn Robert M. Sonntag, ein Pseudonym von Nahostexperte Martin Schäuble, legt hier eine überaus düstere und gleichzeitig faszinierende Zukunftsvision vor. Das Ende des Buches. Dabei spielt er ganz bewusst mit Anklängen und Verweisen auf Ray Bradburys Fahrenheit 451, wo sich Guy Montag vom Büchervernichter zum Dissidenten entwickelt. Bradburys Roman ist vor genau 60 Jahren erschienen – und hat mit Die Scanner einen würdigen Nachfolger gefunden, der den aktuellen Gegebenheiten Rechnung trägt. Sonntag denkt konsequent das zu Ende, was wir momentan immer wieder erleben: Die Umsonstkultur des Internets ist einer der Gründe für das Verschwinden von Printprodukten. Sicher sind die Zusammenhänge heute extrem komplex und lassen sich  nicht einfach in Gut und Böse kategorisieren. Doch wird immer deutlicher, dass ein Umdenken stattfinden muss, und zwar hin zu einer Wertschätzung von Urhebern und Machern von Gedrucktem. Diese Wertschätzung darf jedoch nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss sich in angemessenen Honoraren, Beteiligungen und so genanntem Payed Content spiegeln. Denn nur so können auch in Zukunft qualitativ hochwertige Geschichten, Reportagen, unabhängig investigative Texte entstehen.

Was passieren könnte, wenn wir heute, jetzt, in diesen Tagen die Kurve nicht mehr kriegen und den großen Internetkonzernen dieser Welt das Netz und die Schriftkultur überlassen, zeigt Sonntag eindrücklich und in Form eines Pageturners allererster Güte. Bleibt zu wünschen, dass diese Geschichte das Bewusstsein der Leser für gut gemachte Bücher und die Gefahren durch die Gratis-Unkultur weiter schärft.

Von all dem ahnen die Rütli-Schüler vermutlich noch nichts, aber dieser Abend zeigt ganz klar, dass sie das Buch gut finden. Bei der abschließenden Verlosung von drei Exemplaren reißen sie begeistert die Arme in die Höhe. Die Gewinner können sich über eine coole, spannende Geschichte freuen, die sie vielleicht zu treuen Bücherlesern macht und ihnen einen Hauch von Kritik gegenüber dem Internet vermittelt.

Robert M. Sonntag: Die Scanner, Fischer Verlag, 2013, 180 Seiten, 12,99 Euro