[Jugendrezension] Zwei Schwestern

vogelherzSummer und Bird aus dem Buch Vogelherz von Katherine Catmull sind Schwestern. Bird ist klein, hat viel Fantasie und liebt Geschichten. Summer verlässt sich eher auf Tatsachen und ist sehr schlau.

Als die beiden Mädchen eines Morgens aufwachen, sind ihre Eltern spurlos verschwunden. Nur einen rätselhaften Bilderbrief haben sie hinterlassen. Summer versucht, die Botschaft zu deuten. Sie kommt zum Entschluss, dass sie ihre Eltern suchen müssen und zwar dort, wo sich die Mutter meistens aufhält: im Wald.

Im Wald treffen sie auf einen Vogel mit einem seltsamen Gefieder. Er singt ein Lied, und Bird versteht dieses Lied. Sie prägt es sich ein, denn der Vogel verkündete ihr: Das Lied ist euer Weg. Der Weg nach unten. Aber Summer glaubt Bird nicht. Schließlich finden die beiden doch den Weg nach unten in eine andere magische Welt. Aber die Geschwister verlieren sich aus den Augen.

Summer lernt Ben, einen alten Mann kennen, und erfährt von der grausamen Puppenspielerin. Währenddessen entdeckt Bird eine große, graue Schwanenburg. Neugierig betritt sie die Burg. Es ist die Residenz der Puppenspielerin. Die Puppenspielerin verlangt von Bird, dass sie ihr die Vogelsprache beibringt. Sie erzählt ihr, dass Bird etwas Besonderes sei. Dass sie als Vogel geschaffen ist. Für Bird geht ein Traum in Erfüllung.

Sie hört, dass ihre Mutter die Vogelkönigin ist, aber ihr Volk im Stich gelassen hat. Dass sie das nur für ihren Mann und ihre Kinder Summer und Bird gemacht hat, weiß Bird nicht. Durch die Puppenspielerin verwandelt sich Bird in einen anderen Menschen. Sie tut grausame Dinge, weil es die Puppenspielerin auch tut. Sie lacht mit ihr, obwohl sie sich dafür schämt. Irgendwann beherrscht die Puppenspielerin Bird. Bird wird immer machthungriger, sie will die neue Vogelkönigin sein. Doch damit würde der Plan der Puppenspielerin in Erfüllung gehen: Bird würde sie sich von ihr leiten lassen, und die Puppenspielerin wäre die eigentliche Herrscherin.

Inzwischen trifft Summer ihre Vogelfreundin, ihr Seelentier. Von ihr erfährt Summer die wahre Geschichte ihrer Eltern. Plötzlich wird ihr klar, dass auch sie die neue Vogelkönigin werden könnte. Soll sie gegen die eigene Schwester antreten?
Bleiben die Geschwister nur Figuren im schändlichen Spiel der Puppenspielerin oder können sie ihre Pläne durchkreuzen?

Ich war als Erstes ein bisschen skeptisch, als ich Vogelherz von Katherine Catmull las. Mir kamen viele Ereignisse und Beschreibungen unlogisch vor. Aber nach und nach setzten sich alle Puzzleteile zusammen, bis selbst die merkwürdigste Sache einen logischen Sinn hatte.
Interessant fand ich die Entwicklung der beiden Schwestern, nachdem sie sich aus den Augen verloren hatten. Und wie sich Birds Charakter unter dem Einfluss der Puppenspielerin veränderte. Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Ich würde es für das Lesealter ab 10 Jahren empfehlen.

Katharina (12)

Katherine Catmull: Vogelherz, Übersetzung: Katja Behrens, FISCHER Sauerländer,  2014, 448 Seiten,  ab 10, 16,99 Euro

 

Die Facetten des Todes

1000TodeSeit ein paar Wochen tauchen in meinen sozialen Netzwerk-Accounts immer wieder Posts und Tweets zu einem E-Book-Projekt auf, das unter dem Namen Tausend Tode schreiben steht. Wochenlang habe ich die Hinweise immer wieder weggeklickt – was sollte ich mit so einem E-Book schon zu tun haben? – bis ich an einem freien Nachmittag mal genau nachgelesen und nachgedacht habe. Dann hat es Klick in meinem Hirn gemacht.

Hinter diesem Projekt von Verlegerin Christiane Frohmann steht die Idee, ein Bild vom Tod zu vermitteln, so wie er in unserer Gesellschaft in mannigfaltiger Art vorkommt und wahrgenommen wird. Tausend kurze Texte über persönliche Ansichten und Erlebnisse mit dem Tod sollen dafür gesammelt werden. In der aktuellen Ausgabe sind 350 zutiefst subjektive Geschichten, mal länger, mal kürzer, vereint.
Noch habe ich nicht alle gelesen. Man kann sie auch gar nicht alle in einem Rutsch lesen, zu anrührend und bewegend, zu traurig sind diese Texte oftmals. Da sterben Lebenspartner, Eltern, Verwandte, Freunde, am Alter, an schlimmen Krankheiten, gefallenen Kameraden wird die letzte Ehre erwiesen, man reist zu letzten Begegnungen, erlebt Unfälle und tödliche Zufälle, da kämpft man mit bürokratischem Wahnsinn beim Abmelden eines Telefonanschlusses, kämpft gegen Depressionen, macht sich auf den eigenen Tod gefasst.
Manchmal bleibt man als Leser sprachlos zurück, mit einem Kloß im Hals. Man kommt unwillkürlich ins Grübeln und ist doch irgendwie getröstet, weil diese Anthologie einem zwar mit aller Wucht das Unvermeidliche vor Augen führt, dabei aber zeigt, dass man nicht allein ist.

Tausend Tode schreiben gleicht einem anwachsenden Requiem. Es gibt den Zurückgebliebenen einen Raum, ihre Erinnerungen, ihren Schmerz zu teilen. Den Lesern liefert es ein facettenreiches Puzzle, das jenseits von theoretischem Philosophieren und religiösen Hilfskonstruktionen den Tod zeigt, wie er im Alltag vorkommt, wie er Teil unseres Leben ist.

Meine Geschichte habe ich nach einer schlaflosen Nacht schließlich auch hinzugefügt. Sie hat die Nummer 349.

Christiane Frohmann (Hg.): Tausend Tode schreiben, Frohmann Verlag, e-book, 2015, 4,99 Euro

Die Autoren- und Herausgeberanteile am Erlös gehen als Spende an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow.

[Gastrezension] Alles anders

andersAnders heißt Andreas Steinhöfels neuer Roman – und genau das ist er: anders. Steinhöfels Bücher – von Dirk und ich über Beschützer der Diebe bis zur Trilogie um den tiefbegabten Rico und seinen Freund Oskar – waren schon immer außergewöhnlich, sind alle exzellent geschrieben und haben meist liebenswerte und immer besonders lebendige, vielschichtige Charaktere. Jetzt zeigt der Autor, Übersetzer und Hörbuchsprecher mit seinem ersten Werk für den neuen Verlag Königskinder eine reizvolle Entwicklung. Das hängt auch mit der Rückkehr aus Berlin in seine mittelhessische Heimat zusammen. Kleinstädtisches Lokalkolorit an der Lahn und mythisch aufgeladene Orte wie das Erler Loch spielen eine wichtige Rolle für die Dynamik der Geschichte.

Anders nennt sich der elfjährige Felix, weil er sich genau so fühlt, seit er nach neun Monaten aus dem Koma erwacht ist und sich nicht mehr an sein altes Ich erinnern kann. Nicht dass dem Jungen der ihm ursprünglich von seiner enorm ehrgeizigen Mutter verpasste Name Glück gebracht hat – er war ein überbehütetes, schüchternes und gelangweiltes, sogar unglückliches Kind. Absurd, dass ausgerechnet seine Eltern mit groteskem Slapstick zusammen den Unfall verursacht hatten, der ihren Sohn ins Koma fallen ließ. Jetzt sieht Anders seine Mitmenschen neu, riecht Farben, sagt, was er denkt, ist kompromisslos direkt und entlarvt Lebenslügen. Seine düsteren Diagnosen und eigenwillige Art verstören nicht nur seine Umgebung, es macht einige extrem nervös. Denn seine Amnesie hat auch Schutzfunktion – für ihn und diejenigen, die ein dunkles Geheimnis mit ihm teilen. Langsam und leidvoll kommt Anders der Lösung näher. Auch seine Lehrerin, seine Eltern und sein Nachhilfelehrer, der allein als Witwer am Ortsrand lebt, verwandeln sich durch ihn.

Nebenbei zeichnet Steinhöfel von Spießern und anderweitig engstirnigen Erwachsenen ein paar schön ätzende Miniaturen, die wohl weniger für seine jugendlichen Leser gedacht sind. Diese können sich umso mehr am virtuosen Spiel mit Märchen und Mythen freuen und Motive entschlüsseln: Felix als Schneewittchen, seine Mutter mit einer bösen Stiefmutter in Personalunion, für die das Kind ein Statusobjekt ist, das funktionieren soll. Sein Vater ist der sanftmütige und lange verblendete König. Es gibt Eigenbrötler, Romantik und Grausamkeit, gute Feen und wütende Nixen.
Darüber hinaus wechselt Steinhöfel Perspektiven, variiert Stilelemente, setzt inneren Monolog und Zeitungsmeldung ein, ist manchmal poetisch, wozu besonders gut die reduzierten, lichtdurchfluteten Illustrationen von Peter Schössow an jedem Kapitelanfang passen. Da kann man es auch verschmerzen, dass die unterschwellige Krimihandlung ein eher blassroter Faden ist, die Spannung lässt nach, wenn man nach etwa der Hälfte ahnt, was passiert ist.

Was Steinhöfel als Kinderbuchautor auszeichnet, ist sein großer Respekt vor Kindern. Sie sind ihm eindeutig die lieberen Mitmenschen. Dabei idealisiert und verniedlicht er Kinder nicht, er nimmt sie ernst, schätzt ihre unverstellte Art und traut ihnen alles zu – in guter wie schlechter Hinsicht. Und er mutet seinen Figuren und seinen Lesern einiges zu. All das spürt man sofort beim Lesen, und das erklärt auch den Erfolg seiner Bücher.

Mit Anders hat der 53-Jährige einiges gewagt und viel gewonnen. Weil Anders aber nicht als Serienheld gedacht scheint, das Werk eher monolithisch daher kommt, darf man auf die nächste Neuerfindung des Bestsellerautors gespannt sein. Sie wird anders grandios.

Elke von Berkholz

Andreas Steinhöfel: Anders, Königskinder Verlag, 2014, 240 Seiten, ab 12, 16,90 Euro

 

Saturday-Night-Pussys

mogelDie Vorstadt kann die Hölle sein. Der Stadtrand auch. Beides spielt bei Nils Mohl nach Es war einmal Indianerland und Stradtrandritter erneut eine wichtige Rolle, wenn nicht sogar die Hauptrolle. Dieses Mal schickt er in seinem Roman Mogel den Jugendlichen Miguel Dos Santos in die Arena.

Der Leser begleitet ein pubertierendes Quartett aus 15-jährigen an einem Samstagabend. Miguel hat sturmfreie Bude und lädt seine Kumpels Flo, Silvester und Dimi in den Partykeller des Reihenhauses. Man spielt Bierpong, ein Trinkspiel mit Tischtennisbällen und gefüllten Polystyrolbechern. Nur dass das Bier alkoholfrei ist, zum Ärger von Flo.
Zur Strafe muss Miguel, den seine Kumpels gern auch „Pussy“ nennen, sich als ebendiese Pussy verkleiden und mit ins ChackaBum!, die Stadtrand-Disko. Mit gezupften Augenbrauen, in Netzstrümpfen und mit Ohrklipps mogelt er sich durch einen Abend voller Höhen und Tiefen, zwischen Tanke mit Mini-Discokugeln, Mädchenklo und Schrebergarten-Porno-Horror. Nein, den Jungs passiert nichts Schlimmes, soviel darf ich wohl verraten. Doch wie sie diesen Samstagabend und vor allem wie Miguel davon erzählt, ist … ist … mir fehlen hier die Worte, bzw. mein karger Wortschatz kann nicht ausdrücken, was Nils Mohl sprachlich vollbringt. Sein Begriff „erektionswürdig“ trifft es am besten, aber der ist jetzt eben doch geklaut … und nun für immer und ewig in meinem Kopf verankert und mit Mogel verbunden. Es gibt wahrscheinlich Schlimmeres.

Wer sich über solche Begriffe aufregt, der sollte Mogel nicht lesen. Denn gefühlt wimmelt es nur so davon. Aber eben nur gefühlt. Der Rest ist locker-umgangssprachlich-pubertierender Jugendsprech. Und den macht Mohl brillant. Man sieht die Jungs leibhaftig vor sich, keine Kinder mehr, aber auch noch nicht erwachsen, cool, aber noch nicht souverän, hormongesteuert und doch schon verantwortungsbewusst (die Eierbecher). Man könnte sich die ganze Zeit vor Lachen in die Ecke werfen, wenn einem nicht ständig das Lachen im Hals stecken bliebe, weil es in der Stadtrandhölle doch auch echt traurig zugeht.
Als Erwachsener ist man froh, diesen Höllenkreisen – Stadtrand, Vorstadt, Pubertät – entronnen zu sein. Man hat jetzt andere Höllen zu bereisen. Mohl erinnert auf extrem unterhaltsame Weise daran, was man einst so oder ähnlich durchgemacht hat oder haben könnte. Trotz aller Schnodderigkeit begleitet er dabei seine vier Jungs überaus liebevoll durch die Nacht und ins Leben der Erwachsenen.

Jugendliche Leser dürften ihren Spaß an dieser Saturday-Night-Variante haben, sich darin wiederfinden, sich erkennen, eventuell auch etwas über das Leben lernen. Aber das ist hierbei eigentlich egal. Es gibt viele Samstagabende im Leben, man sollte sie einfach genießen. So wie dieses Buch.

Nils MohlMogelRowohlt, 2014, 208 Seiten, ab 14, 9,99 Euro

Eine von vielen, eine wie viele, eine wie keine.

samiaDie Nachrichten dieser Wochen sind fürchterlich. Die Welt scheint ein horrender Ort zu sein. Und Abhilfe nirgends. Gefühlt zumindest. Man möchte sich verkriechen.

Und dann gibt es diese Lichtblicke, die erinnern, würdigen, aufklären, Verständnis befördern. Reinhard Kleists Graphic Novel Der Traum von Olympia ist so ein Lichtblick. In Fortsetzungen bereits im vergangenen Jahr in der FAZ erschienen, liegt die Geschichte jetzt als Buch vor.

Darin erzählt er von der Somalierin Samia Yusuf Omar, die 2008 in Peking bei den Olympischen Spielen im 200-m-Lauf ihr Land vertrat. Und Letzte wurde. Die Herzen der Zuschauer allerdings eroberte sie im Sturm, war sie doch das beste Beispiel des olympischen Gedankens „Dabeisein ist alles“. Für die damals 17-Jährige öffnete sich eine neue Welt, die nichts mit dem Krieg und den islamistischen Milizen in ihrer Heimat gemein hatte. In Samia wuchs der Wunsch, 2012 erneut bei Olympia, dieses Mal in London, anzutreten. Für diesen Traum war sie bereit alles zu tun. Sie trainierte im zerbombten Stadion von Mogadischu, versuchte, Anschluss an die Olympia-Mannschaft von Äthiopien zu bekommen. Vergeblich. Frauen waren dort im Sport nicht erwünscht.
So machte sie sich auf nach Europa. Zusammen mit ihrer Tante zahlte sie Schleppern viel Geld, die Frauen liefen zu Fuß durch die Wüste, wurden in stickigen Containern zusammengepfercht, verloren sich aus den Augen. Samia haderte, verzweifelte fast, doch der Wunsch bei Olympia anzutreten, trieb sie weiter, durch Äthiopien, den Sudan, durch Libyen, bis nach Tripolis. Dort landete sie im Gefängnis, zahlte noch mehr Geld, um schließlich auf einem viel zu kleinen Schlauchboot über das Meer zu tuckern. Samia überlebt diese Fahrt nicht.

Sie gehört zu den vielen Menschen, die seit Jahren im Mittelmeer ihr Leben lassen und die hierzulande ganz schnell in Vergessenheit geraten. Kleists Graphic Novel erzählt gegen dieses Vergessen und zeigt in eindrucksvollen handgefertigten Tuschezeichnungen, dass keiner der Menschen, die über das Meer flüchten, aus Vergnügen die körperlichen und seelischen Qualen auf sich nimmt. Das sollten wir, die wir trocken, sicher und bequem auf dem Sofa sitzen, nie vergessen.
Wir haben auf diesem Sofa zwar auch keine Lösung für diese Dramen und ihre komplexen Ursachen parat, aber wir werden nach der Lektüre von Kleists Der Traum von Olympia den Menschen, die zu uns kommen, anders begegnen. Respekt- und hoffentlich auch verständnisvoller.

Hatte ein Journalist Samia Yusuf Omar 2008 noch als „skurrile Fußnote in den Statistikbüchern“ bezeichnet, so würdigt Kleist sie nun als einen Menschen, eine junge Frau, die bereit war, für ihren Traum alles zu geben. So wird sie zu einer Stellvertreterin all derer, die sich ebenfalls auf den Weg machen, um ein sicheres, einträgliches Leben zu führen. Sie wird zur Mahnerin für die, die es nicht geschafft haben, und sie wird zum Vorbild, worum es bei Olympia einmal ging.
Reinhard Kleist kann man für diese Arbeit nicht genug danken.

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar, Carlsen, 2015, 152 Seiten,  ab 14, 17,90 Euro

[Jugendrezension] Jeden Tag eine gute Tat

hurwitzGute Taten vollbringen, wie Nina es in dem Buch Wie ich die Welt in 65 Tagen besser machte von Michele Weber Hurwitz tut, das sollte jeder einmal machen. Nina ist 13 Jahre alt, hat halblanges braunes Haar und trägt eine Brille, manchmal aber auch Kontaktlinsen. Ihr Bruder Matt ist meistens mit seinen Kumpels unterwegs und die Eltern der beiden sind Anwälte und insofern auch meistens beschäftigt oder unterwegs.

Ninas beste Freundin Jorie verändert sich seit einiger Zeit immer mehr, seit Neuestem trägt sie nur noch hautenge Jeans, kurze Tops und schminkt sich. Nina findet, es ist an der Zeit, auch in ihrem Leben etwas zu verändern.

Noch sind Sommerferien. Um genau zu sein, noch 65 lange Tage. Nina nimmt sich vor, für jeden dieser 65 Tage eine gute Tat zu vollbringen. Ob sie nun der Nachbarin hilft, die sich ein Bein gebrochen hat oder ob sie den kleinen Bruder des Nachbarn tröstet. Nur eine Sache will sie beim Vollbringen ihrer guten Taten beachten: Sie will unerkannt bleiben. Doch ob das klappt?

Nach ein paar Tagen ruft ihre merkwürdige Nachbarin Mrs. Millmann die Polizei und beschwert sich über die Geschehnisse. Und noch etwas ist merkwürdig: Jorie hat sich in Ninas Nachbarn und ehemaligen Kumpel Eli verliebt. Jorie will unbedingt mit Eli zum „Homecoming“, einer Abschlussparty der Schule. Sie hat Angst, dass er nicht mit ihr dahingehen möchte und versucht, ihn dazu zu bringen. Immer wieder verspürt Nina einen Stich, wenn sie über Jorie und Eli nachdenkt. Ob Nina Eli vielleicht auch mag? Nina weiß es selbst nicht so genau, doch dann…

Ich finde das Buch super! Es ist spannend, witzig und Ninas gute Taten regen zum Nachdenken an.
Ich empfehle das Buch allen Mädchen im Alter von 10-14 Jahren und ganz besonders denjenigen, die auch gern einmal eine gute Tat vollbringen würden.

Bücherwurm (12)

Michele Weber Hurwitz: Wie ich die Welt in 65 Tagen besser machte
Übersetzung: Angelika Eisold Viebig, Fischer, 2014, 304 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

Erinnere.

leysonGestern wurde auf allen Kanälen erinnert, an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren durch die Rote Armee.
Ich habe den ganzen Tag gegrübelt, wie ich mich diesem Chor anschließen könnte – und war schließlich etwas überfordert. Die vielen Bilder von damals lassen mich nicht so richtig los. Es ist schwierig und doch so wichtig, immer wieder zu erinnern. Gerade in diesen Tagen, an denen in dieser Welt schon wieder – oder immer noch – unglaublich viel Hass auf Menschen mit anderem Glauben geschürt wird.

Dann stellte sich mir im Laufe des Tages auch noch die Frage, wie man Jugendlichen das Grauen des Holocaust begreifbar machen kann, wenn es selbst die Erwachsenen schon überfordert. Auch das ist alles andere als leicht. Eine Möglichkeit, junge Leser mit dem Thema in Kontakt zu bringen, ist der Zeitzeugenbericht von Leon Leyson.

Leyson, polnischer Jude, Jahrgang 1929, war nicht in Auschwitz, hat aber die Judenverfolgung in allen fürchterlichen Details miterlebt und ebenso gelitten. Denn seine Familie wurde in Krakau zuerst aus der Wohnung vertrieben, ins Ghetto umgesiedelt, dann ins Lager Plaszów gebracht und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Immer mehr Juden verschwanden, der sadistische Lagerkommandant Amon Göth tötete willkürlich, Leysons Bruder Tsalig wurde verschleppt und vermutlich erschossen. Leyson selbst durfte da schon lange nicht mehr zur Schule gehen, sondern musste ebenfalls arbeiten.
Glück hatte Leyson, weil seinem Vater gelang, in der Emaillefabrik von Oskar Schindler Arbeit zu finden. Er konnte die Familie in das fabrikeigene Lager nachholen. Leyson musste als Zwölfjähriger Nachtschichten in der Fabrik schieben – und dabei auf einer Holzkiste stehen, um die Maschinen zu bedienen, weil er so klein war. Ausreichend Nahrung gab es nicht. Hunger, Entbehrung, Angst beherrschten das Leben.
Dennoch spürte Leyson, dass Schindler anders war als die „normalen“ Nazis. Die berühmte Liste, die Schindler zusammenstellen ließ, rettete Leyson und seiner restlichen Familie zusammen mit 1200 anderen das Leben.

Leyson, der nach Ende des Krieges nach Los Angeles zu Verwandten zog, hat wie viele Überlebende spät angefangen, von seinen Erlebnissen zu erzählen. So hat er dieses Buch erst vor wenigen Jahren geschrieben, die Veröffentlichung dann jedoch nicht mehr miterlebt.
Sein Bericht ist so lebendig und mitreißend erzählt, dass man von dem Buch nicht mehr lassen kann. Als Erwachsener zieht man rasch Vergleiche mit dem Film von Steven Spielberg, merkt jedoch genauso schnell, dass das nichts bringt. Denn hier erzählt eines der Opfer aus seiner ganz persönlichen Sicht. Leyson tut dies bei all dem Schrecklichen jedoch ohne Groll, dafür mit Respekt vor Oskar Schindler, ohne diese widersprüchliche Person komplett zu verherrlichen.

Gaskammern und Leichenberge kommen in Leysons Bericht nicht vor, doch sind seine Erlebnisse schon grauenhaft genug, um für die Verbrechen der Nazis zu sensibilisieren. Junge Leser sollten die Eltern dennoch noch nicht mit dieser Lektüre allein lassen, sondern mit ihnen gemeinsam das Gelesene einordnen und so eine Erinnerungskultur aufbauen. Denn diese Schrecken zu vergessen steht uns nicht zu und dürfen wir uns, vor allem im Angesicht von herrschendem Hass und grassierender Dummheit, nicht erlauben.

Leon Leyson: Der Junge auf der Holzkiste. Wie Schindlers Liste mein Leben rettete, Übersetzung: Mirjam Pressler, Fischer, 2015, 224 Seiten, ab 12, 8,99 Euro

rüm hart, klaar kiming*

felsNeulich verbrachte ich eine Woche an der Nordsee. Weiter Strand, immer wiederkehrende Wellen, klarer Horizont, frischer Wind. Herrlich.

Wenig später fiel mir das passende Buch dazu in die Hände: Der Fels und der Vogel der jungen Chinesin Chew Chia Shao Wei. 

Ein Fels liegt am Strand, seit Urzeiten bereits. Tagein, tagaus wird er von den Wellen umspült. Jedes Mal verliert er ein Körnchen, wird langsam, aber sicher zu Sand. Der Fels ist sich dieser Entwicklung bewusst und blickt seiner Zukunft gelassen entgegen.
Eines Tages lässt sich eine Möwe auf ihm nieder. Die beiden schließen Freundschaft. Der Vogel, mit seinem großen Herzen, ist entsetzt, als er erfährt, dass der Fels zu Sand wird. Er beschließt ihn zu retten …

Die Kombination aus Fels und Vogel als Protagonisten ist ungewöhnlich, und doch schafft es Chew Chia, die großen Themen wie Leben, Vergänglichkeit, Freundschaft und Hilfsbereitschaft anrührend zu verbinden. Sie erzählt keine fröhliche Geschichte, von Anfang ist klar, dass der Tod der ständige Begleiter im Leben ist. Es geht um die Haltung, mit der man dieser Erkenntnis begegnet und mit der man die Zeit, die einem bleibt, füllt.
Der Vogel, der bei weitem nicht so viel Zeit wie der Fels hat, gibt mit seinem großen Herzen alles, um dem Freund zu helfen. Auch wenn ihm kein Erfolg beschieden ist und er vor dem Fels stirbt, so zeigt er eindrücklich, dass Freundschaft das Leben bereichert, es mit Sinn füllt und Freude schenkt.
Der Fels hingegen bleibt unerschütterlich, auch im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit.
Diese Kombination hat etwas Tröstliches. Für große, wie für kleine Leser.
Die zarten türkisfarbenen, poetisch-reduzierten Illustrationen von Anngee Neo tragen zudem das Ihre dazu bei, dass man noch lange nach der Lektüre über diese kleine, aber feine Geschichte nachdenkt, in der die Essenz unserer Existenz steckt.

Chew Chia Shao Wei: Der Fels und der VogelIllustration: Anngee Neo, Übersetzung: Nicola T. Stuart, Jacoby & Stuart,2014, 48 Seiten, ab 5,  12,95 Euro

*rüm hart, klaar kiming – ist friesisch und bedeutet so viel wie „weites Herz, klarer Horizont“.

[Jugendrezension] Das Böse außerhalb der Mauern

gatedDer Weltuntergang steht bevor. Die Menschen der Gemeinde Mandrodage Meadows treffen eifrig Vorbereitungen, denn sie wurden von den Brüdern ausgewählt, zu überleben. Mitglied der Gemeinde ist die 17-jährige Lyla Hamilton. Wie die anderen gehorcht sie dem Anführer Pioneer bedingungslos, obwohl sie insgeheim hofft, dass er sich irrt. Sie fühlt sich nicht bereit für ihre Aufgabe. Deswegen macht sie sich Vorwürfe und schwört, sich zu bessern.

Dann trifft sie Cody, einen Jungen von außerhalb, und verliebt sich in ihn. Langsam gerät Lylas Weltbild ins Wanken. Was, wenn Pioneer gar nicht von den Brüdern auserwählt wurde? Was, wenn es keinen Weltuntergang gäbe?

„Ich dachte, das Böse lebe außerhalb unserer Mauern. Ich habe mich geirrt.“ Lyla erkennt, dass sie in einem Unterdrückungssystem gefangen ist. Sie versucht, den anderen Gemeindemitgliedern die Augen zu öffnen, bis es fast zu spät ist.
Doch Pioneer ist unberechenbar.

Mit Gated – Die letzten 12 Tage hat Amy Christine Parker ein tolles Debüt geschrieben. Es behandelt das Thema Sekten so, dass es für Jugendliche interessant ist. Lyla ist eine Protagonistin, mit der sich viele identifizieren können. Sie hat, wie viele Heranwachsende, eine Identitätskrise. Sie versucht herauszufinden, was für ein Mensch sie sein will. Das macht sie sympathisch. Lyla ist keine typische Heldin. Sie hadert mit sich und hat oft Angst, aber das macht sie bewundernswert. Denn sie überwindet sich und lehnt sich auf.
Auch die anderen Figuren sind gut ausgedacht und beschrieben. Eine der interessantesten Persönlichkeiten ist Lylas Mutter. An ihrem Beispiel versteht man, wie Menschen auf jemanden wie Pioneer hereinfallen.

Lyla kann sich schwach an ein Leben vor Mandrodage Meadows erinnern. Damals lebten sie in New York. Lyla, ihre große Schwester Karen und ihre Eltern. Ihre Mutter war immer fröhlich.
Dann verschwand Karen spurlos, direkt vor dem Haus. Nie wieder hörten die Hamiltons von ihr. Seitdem glaubte Lylas Mutter nicht mehr an das Gute. Es ist nachvollziehbar, dass den Hamiltons die Weltanschauung von Mandrodage Meadows gefällt.

Es ist nicht leicht, über das Thema Sekten zu schreiben, doch Amy Christine Parker hat es gut gemeistert. Das Buch bewertet nicht, es hilft, zu verstehen. Die Geschichte ist spannend, man fiebert bis zur letzten Seite mit und hofft sehr, dass es ein Happy End gibt.

Eine gute Idee fand ich es, am Anfang jedes Kapitels ein Zitat zu schreiben. Das sind teilweise fiktionale Aussagen von Pioneer, aber auch Zitate aus der Bibel oder von Jim Jones, Anführer des Peoples Temple. Überhaupt weist die Gemeinde Mandrodage Meadows Parallelen zum Peoples Temple auf, einer neureligiöse Gruppe, die 1978 durch die Massenselbsttötung in Jonestown, Guyana, bekannt wurde.

Auch wenn das Buch oft erschreckend ist, so schenkt es zugleich Hoffnung. Denn wie bemerkt Lyla so schön am Ende, als sie in den Sternenhimmel guckt: „Wenn ein Himmel, der so dunkel ist, so voller Licht sein kann, dann gilt das vielleicht auch für diese Welt.“

Juliane (15)

Amy Christine Parker: Gated – Die letzten 12 Tage, Übersetzung: Bettina Münch, dtv, 2014, 336 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

[Jugendrezension] Von normal zu chaotisch …

aliciaEin chaotischeres Leben als das von Alicia gibt es wahrscheinlich gar nicht. Das Buch Unverhofft nervt oft! von Ilona Einwohlt handelt von dem eigentlich ganz normalen Mädchen Alicia.
Mit ihren borstigen Haaren, der durchschnittlichen Figur und ihren „Normalo-Klamotten“ fällt sie überhaupt nicht auf. Auch in der Schule gehört sie zum Durchschnitt und schreibt zuverlässig Zweien, Dreien und Vieren. Außerdem schwänzt sie die Schule, im Gegensatz zu ihrer besten Freundin Bibi, überhaupt nie. Eigentlich also ein ziemlich normales Leben, bis die erste Fünf, die sie in Mathe schreibt, alles verändert …
Alicia versucht, ihrem Vater zu überreden, dass es ausreichend ist, sich von ihrem Nachbarn und Kumpel Daniel in Mathe helfen zu lassen und ein Gespräch zwischen ihrem Vater und ihrer Mathelehrerin Frau Froboese nicht notwendig ist.

Doch genau dieses Gespräch mit ihrer Mathelehrerin führt Alicias Vater. Leider muss der Vater dabei feststellen, dass Frau Froboese unglaublich gut aussieht. Da ihr Vater seit langem ohne Frau, dafür aber mit dauernd wechselnden Freundinnen zusammen ist, kommt es, wie es kommen muss…

Eines Nachts trifft Alicia ihre nun mittlerweile „Ex-Mathelehrerin“ nackt im Badezimmer an. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, zieht diese dann kurzfristig bei ihnen ein. Mit allen ihren Kindern kommt sie angerückt und nervt Alicia gewaltig. Zu allem Übel verliebt sich auch noch ihr Kumpel Daniel in die „Obertussi“ und Tochter Lynn von Frau Froboese.
Alicia versucht, sich zurückzuziehen, doch ihr Vater ist glücklich und „macht auf“ Familie. Und dann hat Frau Froboese auch noch so eine vollkommen unterirdische Idee …

Ich finde das Buch einerseits lustig und andererseits auch zum Nachdenken, da die Handlung sehr „verstrickt“ ist. Das nicht immer nur unkomplizierte Familienleben steht im Mittelpunkt und der Leser hofft auf ein „Happy End“ für alle.
Ich empfehle das Buch insbesondere allen Mädchen, die Familiengeschichten mögen oder vielleicht auch ein turbulentes Leben führen. Bestimmt gibt es auch Jungs, denen die Geschichte gefallen würde.

Bücherwurm (12)

Ilona Einwohlt: Alicia – Unverhofft nervt oftIllustration: Martina Badstuber, Arena, 2014, 176 Seiten, ab 11, 9,99 Euro

Historiengewimmel

gitteWenn Sie die Bilder von Pieter Breugel, dem Älteren kennen, dann denken Sie jetzt bitte an eins von denen – die Bauernhochzeit beispielsweise oder Der Kampf zwischen Karneval und Fasten – und schon sind Sie in dem historischen Roman Galgenmädchen der Flamen Jean-Claude van Rijckeghem und Pat van Beirs.

So wie es auf Breugels Gemälden von Personen und Szenen wimmelt, so pulsiert es auch im Galgenmädchen. Die Protagonisten ist das Mädchen Gitte, das von seiner Mutter mit fünf Jahren in das Mädchenhaus von Antwerpen abgeschoben wird. Dort bekommt sie zwar Essen und einen Schlafplatz, aber an Liebe mangelt es. Halt gibt Gitte eine Camee, die angeblich von ihrem Vater stammt, einem spanischen Herzog. Gitte ist fest entschlossen, eines Tages ihren Vater zu suchen. Zuvor wird sie jedoch von den Heimleitern an einen fahrenden Apotheker verkauft. Dieser reist mit Frau und drei Helfern von Markt zu Markt durch Flandern. Ihren Unterhalt verdient die Truppe mit Wahrsagen, dem Verkauf zweifelhafter Gesundheitsmittel, Betrug und Diebstahl. Karl der Kirchenpisser bringt Gitte alle Kniffe und Tricks bei, wie man auf den Märkten den Menschen ihre Beutel abschneidet und sie um ihre Wertsachen bringt.

Bis es eines Tages schief geht. Gitte wird gefasst, angeklagt, verurteilt und soll am Galgen sterben. Doch der Hilfsvogt Johannes verliebt sich in sie und rettet sie, die Tochter eines spanischen Adligen, vor dem Tod. Doch ungeschoren kommt Gitte nicht davon. Sie wird als Gaunerin gebrandmarkt und verpflichtet, als Spionin für die niederländische Krone nach Sevilla zu gehen.
Dort findet sie tatsächlich ihren Vater, gewinnt sein Vertrauen, wird als Tochter in dessen Haus aufgenommen. Gitte lernt das Leben als Edelfräulein kennen, trägt plötzlich sperrige Röcke, isst die exquisitesten Speisen. Aber sie muss sich regelmäßig mit Johannes treffen und Bericht erstatten. Denn die Niederländer wollen das Wertvollste, was die Spanier besitzen: die siebenteilige Weltkarte …

Das Gewimmel im Plot von Galgenmädchen kann ich hier nur mit dürren Worten wiedergeben. Jedes Kapitel strotzt vor atmosphärischen Beschreibungen vom Leben in Antwerpen und Sevilla im 16. Jahrhundert. Es wird klar, dass das Leben auf der Straße, das Gitte anfangs führt, kein Zuckerschlecken ist. Und selbst in Spanien, im Haus des Herzogs, ist es nicht nur angenehm, da niemand dort Gittes Brandzeichen sehen darf.

Die Autoren Jean-Claude van Rijckeghem und Pat van Beirs entführen die Leser gekonnt in die Zeit vor fast 500 Jahren. Jedes Detail ist akribisch recherchiert, von der Kleidung, über die Pistolen, bis hin zu den Nachttöpfen. Die Sprache von Gitte ist oftmals derbe und unverblümt. Die Mischung aus Gaunerleben, Liebe, Krieg und Spionage, kombiniert mit der Entwicklung eines jungen Mädchens zur selbstbewussten, in jeder Hinsicht schlagfertigen Frau, macht richtig Laune, in diese vergangene Welt einzutauchen. Sie lässt einen bis zum Ende des Buches nicht mehr los.

Jean-Claude van Rijckeghem/Pat van Beirs: Galgenmädchen, Übersetzung:Mirjam Pressler,  Gerstenberg Verlag, 2014,  496 Seiten,  ab 14, 19,95 Euro

[Jugendrezension] Wenn Realität und Fiktion verschmelzen

Manchmal wird Erfundenes wahr. Das zeigt das Buch Morlot – Detektive schlafen nie von Katharina Reschke, in dem es um eine Schriftstellerin, ihren Sohn Jonathan und einen erfundenen Detektiv namens Morlot geht.

Jonathans Mutter, Wanda Holms, ist Schriftstellerin. Sie hat schon viele Bücher über Morlot geschrieben und ist gerade dabei, das letzte Buch der Detektiv-Reihe zu verfassen. Aber irgendetwas stimmt nicht. Wanda schreibt, ohne es zu wissen, immer, dass Morlot nicht mehr ermitteln will. Immer wenn sie es bemerkt, regt sie sich sehr auf, weil sie für ihr Manuskript nur begrenzt Zeit hat und sie vor allem einen Text haben will, der so ist, wie sie es will. Aber sobald sie es noch einmal probiert, passiert wieder dasselbe. Es scheint, als hätte der Detektiv einen eigenen Kopf, könne selber denken und machen, was er will. Dabei ist er doch nur erfunden.
Da Wanda einfach nicht fertig wird, können sie und Jonathan nicht in den Urlaub fahren, was Jonathan sehr ärgert. Er hält gar nichts von Morlot. Doch eines Tages ist Wanda verschwunden. Jonathan sucht sie und sieht dabei auf dem Computerbildschirm die geöffnete Detektiv-Geschichte.
Als er sie liest, erschrickt er: Seine Mutter hat geschrieben, dass sie sich zu Morlot aufmachen würde, um ihn zu bitten, ein letztes Mal zu machen, was sie will. Aber sie konnte doch nicht ihre eigene Geschichte geschrieben haben, denkt Jonathan, doch dann sieht er Beweise …

Nach dem Vorfall ändert sich die Welt um ihn herum. Die Straßen tragen auf einmal die Namen aus der Geschichte, nicht die echten. Schließlich begegnet Jonathan dem Detektiv persönlich …

Mir hat das Buch Morlot – Detektive schlafen nie sehr gut gefallen, da unmögliche Dinge passieren. Es ist sehr gut erzählt, man fiebert mit den Personen mit. Das Buch ist spannend und bleibt nicht in der Realität, sondern spielt in der erfundenen Welt von Morlot. Ich würde es ab 9 oder 10 Jahren empfehlen, weil die Handlung teilweise ziemlich kompliziert ist.

Lector03 (11)

Katharina Reschke: Morlot – Detektive schlafen nieIllustration: Gerda Raidt, Boje Verlag, 2014,  224 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

[Jugendrezension] Familienspaß

lillyHallo, ich habe das Buch Ich, Lilly und der Rest der Welt von Alexandra Maxeiner gelesen. Es ist vom Kosmos-Verlag und hat 143 Seiten und viele schöne Bilder.

Ich habe die Geschichte in einer Woche durchgelesen, immer abends ein bisschen. Weil das Buch spannend und lustig ist, gehört es jetzt zu meinen Lieblingsbüchern.

Hannah ist die Hauptperson in diesem Buch. Lilly ist auch wichtig. Sie ist Hannahs Schwester und elf Monate älter. Dann gibt es noch Cora, die älteste Schwester, und Frida, die kleinste. Und natürlich die Eltern.
Es ist sehr lustig beschrieben, was die Mädchen erleben. Zum Beispiel, als Hannah und Lilli ihre Schwester Frida an Leonie, das ist das Nachbarskind, verkaufen. Sie brauchen Geld für Himbeerbonbons.
Das zweite Kapitel ist besonders witzig: Die Familie streitet über die Farbe, in der ihr neues Haus angestrichen werden soll. Der Vater meint, die Mehrheit soll entscheiden – wie in der Demokratie. Das klappt aber nicht so, wie der Vater möchte.
Oder die Mädchen spielen im Kaufhaus „Pferd“, und Lilly vergisst dort ihr unsichtbares Pferd. Dann tun sie so, als ob das Pferd zum Auto rennt, durch die Autoscheibe kracht und sich neben Lilly setzt.

Man vertieft sich in da Buch, weil es bei vielen Familien so ähnlich ist wie bei Hannah und ihrer Familie.
Auch Eltern mögen das Buch bestimmt, wenn sie Spaß verstehen.

Emilia2 (9 Jahre)

Alexandra Maxeiner:  Ich, Lilly und der Rest der WeltKosmos, 2013, 144 Seiten, ab 8, 9,99 Euro

 

Schauen, Besinnen, Konzentrieren

walWie gelingt es einem, sich zu konzentrieren? Sich nicht ständig ablenken zu lassen? Als Kind, genauso wie als Erwachsener. Es ist nicht einfach und doch eigentlich ganz leicht. Jedenfalls, wenn man das entzückende Bilderbuch Wenn du einen Wal sehen willst von Julie Fogliano genau studiert.

Eigentlich ist dieses Buch für Kinder ab vier Jahren gedacht, doch ich möchte behaupten, dass Menschen jeden Alters von dieser Geschichte angetan sein werden und profitieren können. Es zeigt einen kleinen rothaarigen Jungen im blau-weißen Ringel-Pulli zusammen mit seinem Hund. Sie schauen aufs Meer, in der Erwartung eines Wals. Solange der nicht kommt, schnuppern sie an Rosen, betrachten Wolken, Segelboote, einen Pelikan, winzige Raupen … während der Erzähler im Text sie auffordert genau dies nicht zu tun. Sie sollen sich nicht ablenken lassen, sondern die Augen auf das Meer richten und warten … warten … warten …

Beim Betrachten der zarten Zeichnungen von Erin A. Stead gerät man unweigerlich ins Träumen, geht auf Fantasiereise, entdeckt Lebewesen, Dinge, Details … und wird immer wieder sanft von dem Text, einfühlsam aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn übersetzt, auf das Wesentlich, das Ziel, das Wunschobjekt, den Wal, hingewiesen.
Man besinnt sich, konzentriert sich, fokussiert sich, man meditiert, man kontempliert, man ist ganz bei sich, wenn man die Bilder betrachtet und doch auch bei dem Jungen und den Ablenkungen der Welt.

Doch das Warten, das uns allen heutzutage scheinbar immer schwerer fällt, das wir nicht mehr wollen, für das wir keine Zeit mehr haben, dieses Warten jedoch führt zum Ziel, zum Wal.
Kleinen Lesern kann man so vielleicht ein bisschen die Ungeduld erleichtern, große Leser können sich wieder rückbesinnen, auf ihre Ziele, ihre Wünsche, ihre Träume. Es reicht der weite Horizont, das Meer, das Nichts. Keine Ablenkung. Man wird belohnt, vom Warten. Und von diesem kleinen, großen Buch.

Julie Fogliano: Wenn du einen Wal sehen willstÜbersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Illustration: Erin A. Stead, FISCHER Sauerländer, 2014,  32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Illustrierte Geschichtsstunde

trebisandBei manchen öffentlichen Veranstaltungen tut es mir in der Seele weh, dass nur ganz wenige Menschen den Weg dorthin finden. Gestern war so eine Veranstaltung: Die Comiclesung von Treibsand im hippen Nochtspeicher auf St. Pauli in Hamburg. Die beiden Autoren Max Mönch und Alexander Lahl stellten ihr Werk einem knappen Dutzend Zuhörern vor. Sie, und vor allem ihre Geschichte, hätten wahrlich mehr Publikum verdient.

Lahl und Mönch lasen in verteilten Rollen aus ihrer Graphic Novel, offenbarten sich als ein eingespieltes Team. Die Bilder wurden hinter ihnen an die Wand projiziert. Gezeichnet von Kitty Kahane, die zu meinem großen Bedauern leider nicht dabei sein konnte, erzählen sie von dem amerikanischen Journalisten Tom Sandman, der von seinem Zeitungschef im Sommer 1989 zunächst nach China, dann nach Deutschland geschickt wird – immer auf der Suche nach der Story, die den Fall des Kommunismus schildert. Sandman, gequält von Zahnschmerzen und Alpträumen, erlebt das Massaker auf dem Tianamen-Platz und dann die letzten Tage der DDR.
In Berlin wird ihm Ingrid zur Seite gestellt. Die junge Frau wurde nach einem missglückten Fluchtversuch von der BRD freigekauft. Sie kennt die Verhältnisse in der DDR und instruiert Sandman. Die beiden kommen sich näher, und plötzlich steckt der Amerikaner in den komplizierten Verhältnissen einer Ostfamilie, die durch Linientreue, Flucht und Verrat auseinander gerissen wurde.
Sandman tut seinen Job als Journalist und sitzt schließlich am 9. November 1989 in der stinklangweiligen Pressekonferenz von Schabowski. Als der italienische Kollege Ricardo Ehrmann die Frage nach dem Reisegesetzentwurf stellt, Schabowski sich an „den Zettel“ erinnert und mitteilt, dass die Reiseerleichterungen unverzüglich, ab sofort gelten, da wird Sandman von seinen Zahnschmerzen besiegt. Ohnmächtig wird er in die Charité gebracht und verpennt den Fall der Mauer.

Die Graphic Novel Treibsand ist in gerade einmal acht Monaten entstanden. Allein vier davon hatte Kitty Kahane für die Zeichnungen gebraucht. Eine Mammutleistung, die meinen höchsten Respekt hat. Kahanes grober, fast krakeliger Zeichenstil passt hervorragend zu den gezeigten Geschehnissen, denn dieser Stil überhöht nicht, verherrlicht nicht, sondern bringt eine Distanz und eine Kritik mit sich, die gegenüber dem DDR-Regime nötig ist.
Mönch und Lahl haben auf der faktischen Ebene der Geschichte saubere Arbeit geleistet. Von den Ereignissen in der Prager Botschaft – Genschers berühmter Halbsatz ist hier endlich mal ausgeschrieben – über die Protestbewegung in den Kirchen bis zur Pressekonferenz und der Öffnung des Schlagbaums an der Bornholmer Straße stimmt alles. Sie schildern zudem noch die Ereignisse vom 10. November, an dem Egon Krenz die NVA in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzte, eine militärische Eskalation wäre durchaus möglich gewesen – was im Jubel damals wie heute gern vergessen wird. Warum nichts damals nichts passierte, wird nicht aufgelöst.
Zudem reichern die Autoren die Geschehnisse mit verschiedenen Episoden aus der DDR-Zeit an: Grenzzwischenfälle, der Fluchtversuch Ingrids, der Verrat in der Familie. Auch das beruht auf realen Tatsachen. Man bekommt einen fast sachlichen Eindruck, wie die Stimmung in der DDR gewesen war.

Dennoch hadere ich ein bisschen mit Treibsand. Was für mich an der Figur von Tom Sandman liegt. Er kommt als Betrachter von außen, erzählt in der Rückschau mit 25 Jahren Abstand, als Journalist, der perfekt recherchieren und die Leute ausfragen kann. Und obwohl er sich damals in Ingrid verliebt und zeitweise Teil ihrer Familie wird, bleibt er ein Fremdkörper. So spult sich die Geschichte sehr korrekt, sehr gradlinig, sehr informativ, sehr detailliert vor dem Leser ab, doch für mich irgendwie emotionslos. Sandman bleibt mir fremd, da helfen auch seine Alpträume nicht, von den anderen Figuren erfahre ich nur das, was er erzählt, es bleibt eine Distanz – und das finde ich bei einem der emotionalsten Momente der deutschen Geschichte ein bisschen schade.

Max Mönch/Alexander Lahl/Kitty Kahane: Treibsand, Eine Graphic Novel aus den letzten Tagen der DDR, Walde und Graf bei Metrolit, 2014, 176 Seiten, 20 Euro