Rache ist …

antoinetteSchulzeit, schwere Zeit. Nicht nur, weil man von den Lehrern mit neuem Stoff gepiesackt wird und lernen muss, sondern auch, weil es Mitschüler gibt. Olivia Vieweg hat dieses bittere Kapitel im Leben in einen eindrucksvollen Comic gepackt: Antoinette kehrt zurück.

Antoinette lebt seit Jahren in Los Angeles, ist erfolgreich und mit einem berühmten Filmstar verheiratet. Was will man mehr? Doch die junge Frau wird von dem Gedanken an die alte Heimat in Deutschland gequält. Obwohl sie ihre Herkunft verschweigt, ja fast verleugnet, wirft sie täglich über eine Webcam einen Blick auf ihr altes Dorf.
Eines Tages taucht eine weibliche Figur vor der Kamera auf, die Antoinette verdammt ähnlich sieht. Der Protagonistin bleibt nichts anderes übrig als noch einmal nach Hause zurückzukehren.

Und während sie lange Stunden im Flugzeug sitzt, tauchen die ersten Erinnerung von ihrer Vergangenheit auf: die grausamen Mitschüler, die das schlaue Mädchen ausgrenzen, verhöhnen  und demütigen. Kaum setzt Antoinette einen Fuß ins Dorf, trifft sie auch schon eine von den verhassten Peinigerin von früher. Wie im falschen Film sieht sie auf einer Geburtstagsfeier auch die anderen verhassten Menschen wieder. Die sind nun erwachsen, „vernünftig“ und schmeißen sich an die „Berühmtheit“ aus LA ran. Ihren Neid können sie nur schlecht verbergen. Man weiß nicht, was schlimmer ist, Vergangenheit oder Gegenwart. Nur Jonathan fehlt. Der hatte Antoinette am schlimmsten von allen gequält …

In sonnengelb-grau-schwarzen Panels eröffnet Vieweg einen tiefen Blick in die Psyche eines Mobbing-Opfers. Das heitere kalifornische Gelb kontrastiert mit dem satten Schwarz der Seelenabgründe und aus der scheinbaren harmlosen Rückkehr in die Heimat wird langsam ein düsterer Rachefeldzug – für den man das vollste Verständnis entwickelt, wenn Antoinette mit ihrem Engelshaar sich nach und nach an alle schrecklichen Details ihrer Qual erinnert. Gleichzeitig fragt man sich beständig, wie weit Rache wirklich gehen darf, um die Geister der Vergangenheit wieder loszuwerden. Und ob man Antoinette daher noch nett und sympathisch finden darf. Das ist eine ziemlich harte Nuss, die Vieweg dem Leser hier zu knabbern gibt. Wie und ob dies alles irgendwie zu beurteilen und aufzuwiegen ist, diese Schlussfolgerungen muss jeder Leser selbst ziehen.

Antoinette kehrt zurück, für den Olivia Vieweg 2012 das Comic-Stipendium der Egmont Verlagsgesellschaften gewann, zeigt wieder einmal, dass sich das Medium Comic extrem gut für die visuelle Darstellung und somit für die Bewusstmachung von psychischen Abgründen eignet. Die leeren weißen Augen von Antoinettes Doppelgängerin sind so eindrucksvoll gruselig und erschreckend, dass die ganze Dimension von Mobbing für die Opfer mit einem Bild klar wird. Dafür brauchen andere Medien manchmal endlos lange Seiten oder Sequenzen. Vieweg schafft das mit ein paar klaren Strichen.

Olivia Vieweg: Antoinette kehrt zurück, Egmont Graphic Novel, 2014, 96 Seiten, 14,99 Euro

[Jugendrezension] Vom Opfer zum Täter

knvmmdb.dllWenn man über eine längere Zeit gehänselt wird, was macht man dann?
Diese Frage stellt man sich, wenn man das Buch Der Tag wird kommen von Nina Vogt-Østli liest.

Hans-Petter ist 15 Jahre alt und wird schon seit der Grundschule von Andreas und den anderen Schülern verprügelt und gemobbt. Selbst in der weiterführenden Schule ändert sich daran nichts.
Am liebsten würde Hans-Petter unsichtbar sein und versucht so gut, wie es geht, nicht aufzufallen.
Er zieht sich in sein Zimmer zurück und verbringt die meiste Zeit vor seinem Computer.

Als ihn dann ein Mädchen namens Fera anschreibt, denkt er zuerst, dass es Andreas und seine Gang sei. Doch nach und nach schreibt er immer mehr mit der unbekannten Fera, die behauptet, aus der Zukunft zu kommen – und die beiden werden Freunde. Fera ist Hans-Petters einziger Freund.
Zu den Mobbing-Problemen in der Schule kommen auch noch seine Probleme zu Hause hinzu: Seine Mutter verliebt sich in seinen Lehrer, und sein Vater interessiert sich scheinbar nicht für Hans-Petter. Der Junge fängt an, einen bitter-bösen Plan zu schmieden …

Das Buch liest sich schnell. Die Kapitel sind aus der Sicht von Hans-Petter geschrieben und  relativ kurz. Teilweise kommen kleine Chatprotokolle vor, die sich von dem restlichen Text abheben.

Hans-Petter ist ein Junge, der mir wirklich Leid getan hat, weil er schon seit der Grundschule in der Rolle des Opfers ist, obwohl er nichts macht. Ich habe selbst über so manche Sachen dabei nachgedacht, wie man sich zum Beispiel als Erwachsener entwickelt, wenn man als Kind leiden muss, und ob man auch mit einem bösen Mensch befreundet sein kann.

Das Buch von Nina Vogt-Østli ist an sich interessant und einfach mal was für Zwischendurch. Ich persönlich fand die Chatprotokolle mit am Besten, weil es einfach mal etwas anderes war und sie ab und zu auch lustig geschrieben waren. Das Buch war abrupt zu Ende, was ich nicht erwartet habe.

Ich würde Der Tag wird kommen schon weiterempfehlen, weil es einfach ein Buch der etwas anderen Art ist, was man als erstes nicht erwartet.

Laura (14)

Nina Vogt-Østli: Der Tag wird kommen, Übersetzung: Dagmar Lendt, Coppenrath, 2014, 240 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

Sichtbar machen


mobbing
Für den Menschen, der zur Spezies Homo Sociales gehört, ist eine der schlimmsten Pein vermutlich das Nicht-Gesehen-Werden. Mobbing-Opfer, die nirgendwo Hilfe finden gegen ihre Peiniger, werden im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar. So jedenfalls geschieht es im Debütroman Operation Unsichtbar von Helen Endemann.

Eines Tages bemerkt der 12-jährige Nikolas, dass er für seine Umwelt unsichtbar geworden ist. Niemand sieht ihn mehr. Nicht die Schulkameraden, die ihn sonst in der Pause immer quälen, noch die Eltern, die vor allem mit der kleinen Schwester beschäftigt sind. Nikolas kann sich nicht erklären, wie es dazu gekommen ist. Vor allem, dass seine Eltern nicht über ihn reden, ihn nicht vermissen, nicht nach ihm suchen, wundert und bedrückt ihn ganz besonders. Zu Hause sieht ihn nur die kleine Schwester, die aber noch nicht reden kann. Nikolas fühlt sich dort überhaupt nicht mehr wohl. Er kommt nur noch zum Schlafen nach Hause, die übrige Zeit verbringt er in der Schule. Dort ist wenigstens etwas los. Er besucht unterschiedliche Klassen und sucht sich die interessantesten Lehrer und Fächer heraus. Nachmittags geht er ins Kino – und genießt wenigstens für eine kurze Weile den Vorteil, nicht gesehen, also auch nicht kontrolliert zu werden.

Eines Tages stellt Nikolas fest, dass es noch mehr unsichtbare Kinder an der Schule gibt. Vier von ihnen wohnen sogar dort im Keller. Er freundet sich mit Alice an, die bereits seit zwei Jahren unsichtbar ist. Sie wird immer schwächer, isst immer weniger, hat Schwierigkeiten schwere Türen zu öffnen. Manchmal taucht um die Unsichtbaren ein bedrohliches kaltes blaues Licht auf, und sie scheinen endgültig zu verschwinden. Die Jugendlichen sind ratlos, ob und wie sie wieder sichtbar werden können. Einer der Jungen hält es schließlich nicht mehr aus und stürzt sich vom Schuldach. Seine Leiche ist dann plötzlich für die Umwelt wieder sichtbar. Der Schock sitzt tief, bei den Unsichtbaren wie bei den Sichtbaren.

Mit der Zeit stellt Nikolas fest, dass immer wenn er starke Gefühle empfindet, er für empfindsame, aufmerksame Lehrer sichtbar wird. So bemerkt ihn schließlich die Religionslehrerin – und organisiert Hilfe.

Helen Endemann hat in ihrem Debüt das schwierige Thema Mobbing durch die Kombination mit dem fantastischen Element der Unsichtbarkeit zu einem richtig gehenden Page-Turner gemacht. Diese Unsichtbarkeit ist natürlich ein offensichtliches Symbol für die Folgen von Mobbing, doch es ist eingängig und überzeugend dargestellt, so dass sich das Fantastische fast wie selbstverständlich in einen realen Schulalltag fügt. Als Leser nimmt man Endemann diese großartige Idee sofort ab und verfolgt mit wachsender Spannung die Entwicklung von Nikolas und den anderen unsichtbaren Kindern.

Den Ausweg, den die Autorin liefert, orientiert sich an realen Konflikt-Lösungsstrategien, die an manchen deutschen Schulen tatsächlich schon durchgeführt werden. Neben der pädagogischen Absicht, Jugendliche für das Thema Mobbing zu sensibilisieren, sie davor zu schützen und sie davon abzuhalten, kommt somit auch für erwachsene Leser ein Lerneffekt hinzu. Man erfährt in Grundzügen, wie man Mobber möglicherweise ausschalten und den Mobbing-Opfern helfen kann. Dass die Mobber selbst zum Teil aus problembelasteten Familien kommen und auf eine andere Art selber leiden, vergisst Endemann dabei auch nicht.

Ein wichtiger Aspekt in diesem Roman ist zudem der Glaube. Nikolas glaubt an Gott und zieht aus Bibelgeschichten Hoffnung. Ihm gegenüber steht Alice, die trotz atheistischem Zweifel dennoch auf einen guten Ausgang der Geschichte hofft und die Zeit bis dahin mit Unterricht nutzt. Endemann flicht hier das Thema Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit des Menschen in Krisensituationen, geschickt in die Geschichte ein. Sie zeigt, dass sowohl der Glaube, als auch ein starkes Selbstwertgefühl für Kinder und Jugendliche Wege sein können, Hindernisse im Leben zu meistern.

All diese vielen Schichten der Geschichte machen Operation Unsichtbar auch zu einer passenden Schullektüre, die den Lehrern eine spannende Geschichte an die Hand gibt, die die Schüler mit Sicherheit bis zur letzten Seite lesen werden. Diskussionsstoff gibt es danach jede Menge.
Der Höhepunkt des Romans ist zudem so anrührend und filmreif geschrieben, dass man heulen möchte … vor Glück.

Helen Endemann: Operation Unsichtbar, Brunnen-Verlag, 2013, 192 Seiten, ab 12, 9,99 Euro

Stille Stärke

augustBei diesem Buch muss ich zugeben, dass ich eine Weile gegrübelt habe, ob ich es hier vorstellen soll. Normalerweise bin ich von den Büchern, über die ich schreibe immer restlos begeistert. Wunder, der Debütroman von Raquel Palacio ist zweifellos ein berührendes Buch, in dem sie die Geschichte von August erzählt, doch für mich hat die deutsche Fassung ein paar Stolpersteine.

August kommt mit dem Treacher-Collins-Syndrom zur Welt, das heißt, dass sein Gesicht durch einen genetischen Fehler deformiert ist. Seit zehn Jahren lebt August nun schon mit einem Gesicht, das in keinster Weise der Norm entspricht und das alle Menschen zutiefst irritiert. August erkennt diese Irritationen mittlerweile an dem kleinsten Zucken der anderen. Bislang hat  seine Mutter ihn zu Hause unterrichtet, doch nun soll er in die fünfte Klasse der Mittelschule gehen – auch den Umgang mit seiner Umwelt weiter zu erlernen. Für August ist es natürlich eine ziemliche Überwindung, sich den fremden Kindern zu stellen.
Mutig lässt er sich darauf ein und erlebt alle Phasen des Angestarrt, Gemobbt, Geschnitten und Ausgeschlossen werdens. Halt geben ihm seine Eltern und die Schwester Via sowie das Mädchen Summer, das sich von seinem ungewöhnlichen Gesicht nicht abschrecken lässt.

August selbst erzählt in einem lakonischen Ton von seinem ersten Jahr an einer öffentlichen Schule. Daneben berichten Via, ihr Freund Justin, ihre beste Freundin Miranda sowie Augusts Schulkameraden Summer und Jack über ihre Erlebnisse mit dem Protagonisten. Sie zeigen, dass nicht nur August selbst an seiner Andersartigkeit leidet, sondern in gewissem Maße auch sein Umfeld. So möchte Via beispielsweise nicht immer nur als die Schwester des missgestalteten Jungen wahrgenommen werden.

Im Laufe des Schuljahres wandelt sich die Ablehnung der Schulkameraden zu echter Freundschaft, da die Kinder merken, dass auch August ein liebenswerter, kluger und witziger Junge ist. Auf der Jahrgangsfahrt verteidigen sie ihn gegenüber älteren Schülern, und am Ende des Schuljahrs wird August vom Schulleiter als der Junge ausgezeichnet, dessen „stille Stärke die meisten Herzen bewegt hat“. Diese letzten Seiten im Buch sind überaus rührend und treiben einem tatsächlich die Tränen in die Augen. Was aber auch ein wenig an dem amerikanischen Hang für Kitsch und große Gefühle liegen mag. Doch das sei diesem Buch durchaus gegönnt. Ist doch die ganze Geschichte von der ersten Seite an eine permanente Aufforderung an den Leser, über die Oberflächlichkeiten und Andersartigkeiten von fremden Leuten hinauszusehen, hinter die Fassade zu schauen und den wahren Menschen zu erkennen. Daran können wir alle eigentlich nicht oft genug erinnert werden, und das ist das große Verdienst dieses Buches.

Was mich jedoch von hymnischer Begeisterung abhält, ist in diesem Fall die B-Note, sprich, die deutsche Fassung. Der Texte hätte durchaus noch eine Überarbeitung gebrauchen können. Zu sehr schimmert der englische Originaltext durch. Anglizismen wie „ich meine“, „ich bin/es ist okay“ oder „definitiv“ tauchen immer wieder auf, mir manchmal eine Spur zu häufig. Zudem sind manche Ausdrücke unfreiwillig amüsant, aber leider nicht sehr deutsch. So wird im Text Augusts Mutter der Blutdruck „abgenommen“ (schön wär’s ja, wenn wir den loswerden könnten, geht nur leider nicht…) und nicht gemessen,  eine der Figuren bekommt „schlechte Schwingungen“, anstatt schlechter Laune, und irgendjemand „gibt eine Umarmung“, anstatt einfach nur zu umarmen. Das mag sich jetzt pingelig anhören, aber mich haben diese sprachlichen Merkwürdigkeiten immer wieder aus der Geschichte gekickt. Und das finde ich schade, denn so musste ich immer wieder ganz bewusst über diese sprachliche Ebene hinwegsehen, um den Inhalt der wirklich reizenden Geschichte genießen zu können.

Wer sich an diesen sprachlichen Hindernissen nicht stört, trifft in Raquel Palacios Wunder aber auf jeden Fall einen bewunderungswürdigen Helden, von dem wir uns alle eine große Scheibe abschneiden können.

Raquel J. Palacio: Wunder, Übersetzung: André Mumot,  Hanser, 2013, 381 Seiten, ab 10, 16,90 Euro

Romeo und Julia 2.0

Okay, zugegeben, der Titel dieses Blogeintrags könnte etwas in die Irre führen. Im Roman Herbstattacke stirbt niemand, weder durch Mord noch durch Selbstmord, auch Gift kommt nicht vor. Dennoch geht es in diesem Debüt von Nataly Savina heftig zur Sache.

Leo, fast 16, ist mit seiner Mutter Rosa in eine neue Stadt gezogen. Die Eltern haben sich getrennt, Rosa leidet darunter und kratzt sich ihre Neurodermitis-geschundenen Beine immer wieder auf. Leo versucht, in der neuen Schule Anschluss zu finden, wird aber erst einmal von der Gang um der persischstämmigen Jungen Malik abgezogen und auf die Probe gestellt.

In diesen Tagen des Neuanfangs begegnet Leo der schönen Farsaneh – und verliebt sich auf den ersten Blick in das Mädchen. Sie ist jedoch meistens mit ihrem kleinen Bruder Babak unterwegs oder mit ihrer Freundin Leila. Leo kommt nicht so recht an sie heran. Dann muss er auch noch feststellen, dass sie die Schwester von Malik ist. Und der achtet streng darauf, dass Farsaneh nicht mit Jungs rummacht. So wie es in seiner Kultur eben üblich ist. Dennoch gelingt es Leo, ein paar Worte mit ihr zu wechseln und ihr Interesse zu entfachen. Sie tauschen Blicke und finden schließlich die Gelegenheit sich auch mal allein zu sehen, für kurze Minuten in einer fremden Wohnung, in der Farsaneh die Katzen füttert.

Im Laufe der Zeit verschafft sich Leo in Maliks Gang den nötigen Respekt. Er macht bei den „Wettbewerben“ mit, die die Jungs veranstalten, um sich selbst zu beweisen. Sie jagen Briefkästen mit Böllern in die Luft, brechen Autoantennen ab, klauen Liegestühle aus einem Café. Rüpeln durch die Gegend. Leo hofft dabei immer, Farsaneh zu treffen, doch die Regeln der persischen Familie sind streng und scheinen unüberwindbar für einen Deutschen.

Irgendwann will Farsaneh die heimlichen Treffen mit Leo nicht mehr und macht Schluss. Doch da ist die Leidenschaft bei beiden füreinander bereits entbrannt. Nach ein paar Tagen treffen sie sich noch einmal in der Katzenwohnung, und dort fallen sie quasi übereinander her. Als Farsaneh nach dem ersten Sex wieder zur Besinnung kommt, breitet sich die Panik in ihr aus, und sie schickt Leo weg. Dieses Mal endgültig. Leo ist darüber so frustriert, dass er seine Wut in einer Kurzschlussreaktion an einem Studenten auslässt, den die Gang wenig später foppt, und ihn brutal zusammenschlägt.

Savina schildert das Leben der Jugendlichen schonungslos, und alle haben irgendwie ihr Päckchen zu tragen: Ich-Erzähler Leo muss in dem Gefühlschaos der ersten Liebe auch noch mit der Nachricht klarkommen, dass sein Vater mit seiner neuen Freundin ein zweites Kind bekommt. In Farsanehs und Maliks Familie fehlt die Mutter, die bei der Geburt Babaks gestorben ist. Einer der Jungs aus der Gang muss für seinen drogenabhängigen Bruder klauen. Das ist zum Teil harter Tobak, aber so klar und ohne Wertung erzählt, dass es der Geschichte Tiefe und Glaubwürdigkeit verleiht. In Herbstattacke können sich Jungs und Mädchen gleichermaßen mit ihren Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten wiederfinden. Dass es kein Happy End gibt, Farsaneh die Stadt verlassen muss und Leo sein Glück nicht findet, unterstreicht den realistischen Anspruch dieser Geschichte. Das Leben ist eben kein Ponyhof und so manche große Liebe hat in dieser Welt einfach keine Chance. Das war schon bei Romeo und Julia so. Diese Buch liefert also keine eskapistische Unterhaltung, sondern den Trost des Wiedererkennens. Und das ist seine große Stärke.

Nataly Savina: Herbstattacke, Chicken House, 2012, 135 Seiten, ab 14, 9,95 Euro