KI – Kritische Innovation

KI

Ja, auch wir hier kommen an KI nicht vorbei. Vielleicht könnten wir sogar unsere Rezensionen von den Maschinen schreiben lassen. Machen wir aber nicht, weil selber lesen und selber schreiben immer noch unsere Leidenschaft ist, die wir uns nicht wegnehmen lassen. Dennoch müssen wir uns alle mit diesen neuen Befindlichkeiten befassen. Das tun Ella von Berkholz und ich dieses Mal in einem Gemeinschaftspost zu drei aktuellen Publikationen zu Künstlicher Intelligenz.

Und bei so einem komplexen Thema ist es zunächst einmal gut, sich bereits in jungen Jahren damit zu befassen. Daher gibt’s für junge Buchliebhaber:innen jetzt neuen menschengemachten Lesestoff, der noch nicht überholt ist (was man sich ja bei der Rasanz der Entwicklung gerade denken könnte). Los geht es mit Wie wird KI unsere Welt verändern? aus der Erstlese-Reihe »Gute Frage! Wissen für Kinder«. Kurze Texte in großer Schrifttype erklären darin einfach und verständlich die Grundlagen der Künstlichen Intelligenz und ihren vielfältigen Anwendungen.

KI im Alltag

Von Schachcomputer über den Staubsaugroboter, von medizinischen Geräten bis Überwachung im öffentlichen Leben, vom Einsatz in der Landwirtschaft bis zum Schulunterricht werden die wichtigsten Einsatzbereiche auf je einer Doppelseite angerissen. Was im Hintergrund der KI-Tools technisch abläuft, wird auf einfache Infos heruntergebrochen. Hier geht es noch nicht in die verwirrenden Tiefen.
Ob eine »Superintelligenz« wirklich so hilfreich ist, wird allerdings auch hier bereits angezweifelt. Die guten und die schlechten Seiten der KI stellt die Autorin kurz gegenüber und warnt vor den Gefahren, die diese Technologie mit sich bringt.
Am Ende gibt es einen QR-Code, mit dem sich von der Carlsen-Verlagssite Seiten mit kniffligen Spielen und Rätseln sowie Bildern zum Ausmalen herunterladen und ausdrucken lassen – das Thema KI zieht sich auch hier durch, regt aber zum Selberdenken an.

Lesehilfen

Interessierte Erstleser:innen finden hier die Basics in den Anwendungsbereichen, schwierige Wörter werden erklärt, lange Fremdwörter durch Silbentrennungen lesbar gemacht. Die bunten Illus laden zum Schauen und Entdecken ein. So kann ein Bewusstsein für diese komplexe Thematik bereits frühzeitig geweckt werden. (US)

Olivia Watson: Wie wird KI die Welt verändern?, Illus: Denis Alonso, Ü: Fabienne Pfeiffer, Carlsen, 2026, 40 Seiten, ab 6, 12 Euro

Für Leseexperten ab 10

Ausführlicher und für Kids ab zehn Jahren erklären Axel Täubert und Christine Paxmann die KI. Sie bedienen sich dafür einer Rahmenhandlung, in der Familie Strudel – Eltern mit drei Kindern, Großeltern und Onkel – in ihrem Alltag mit der KI konfrontiert werden und sich damit auseinandersetzen.

Flankiert werden die kurzen Familiengespräche mit jeder Menge Infos zur Entwicklung von Computern und Internet im Allgemeinen und den aktuellen sowie speziellen Trends der KI der Gegenwart.
Abkürzungen wie ASR oder NLP, die wir meist benutzen, ohne zu wissen, was sie eigentlich bedeuten, werden entschlüsselt (Automatic Speech Recogniton und Natural Language Processing), Zusammenhänge verdeutlicht.

Shit in, shit out

Und mit einem Schlag ist man mittendrin im maschinellen Lernen, den richtigen und den falschen Daten – nur wer die Maschinen mit ordentlichen Daten füttert, bekommt gute Ergebnisse und keinen Müll. Dazu werden Phänomen wie die Bias-Falle, Glitches und Halluzinationen erläutert.
Historisches und Kulturelles rund um KI – z.B. in Filmen und Büchern – ergänzen das Spezialwissen und schenken erwachsenen Lesern Wiedererkennungsmomente, wo man im Leben schon mit KI in Kontakt gekommen ist.

Praxisnahe Übungen

Doch es bleibt hier nicht nur bei der Theorie: Hinweise wie ein ordentlicher Prompt aussehen sollte oder wie man eine App programmiert, bringen die Kids ins Tun und fördern so das Verständnis, was im Hintergrund dieser manchmal hilfreichen Programme oder unterhaltsamen Spiele-Apps abläuft. Mit einem Quiz am Ende kann jeder sein neuerlerntes Wissen dann gleich noch mal überprüfen. Die Gefahr, dass die KI uns dumm macht, weil wir nicht mehr selber denken, ist durch die vielen Anregungen in diesem Buch jedenfalls nicht gegeben.

Kritische Innovation

Neben den positiven Aspekten von KI hat das Autoren-Duo natürlich auch die negativen Seiten der Technik im Blick. Jede KI-Anfrage verbraucht Unmengen an Energie und führt zu einem erhöhten CO2-Ausstoß, eine Tatsache, die wir heute leider immer noch all zu oft verdrängen. Auch die Fragen, ob die KI unsere Arbeitsplätze zerstört, uns einsamer macht oder mit unseren Gefühlen spielt, werden angesprochen.
Die jungen Lesenden bekommen in diesem erzählten Sachbuch auf relativ wenigen Seiten einen überaus fundierten und ausgewogenen Überblick über die Glanz- und die Schattenseiten der KI, deren Entwicklung wohl gerade an einem entscheidenden Punkt angelangt ist.
Hoffen wir, dass die apokalyptischen Voraussagen nicht eintreffen werden … Bis dahin hilft diese Lektüre, bewusst mit KI umzugehen. (US)

Axel Täubert/Christine Paxmann: Künstliche Intelligenz für Kids erklärt, DK, 2026, 72 Seiten, ab 10, 18 Euro

Interaktiv

Der bescheuertste Präsident und Autokrat der westlichen Welt hat jüngst verkündet, KI soll jetzt Super Intelligence heißen. Wenn der Vollpfosten im Weißen Haus tatsächlich intelligent wäre und nicht nur wieder eine seiner vielen ekelhaften Duftmarken hätte setzen wollen, dann hätte er das zweite Wort des Begriffs KI ersetzt.

Künstliche Intelligenz ist nämlich vieles, aber nicht intelligent. »Die Technik der KI wird in unterschiedlichen Formen in Computerprogrammen angewendet oder als Werkzeug eingesetzt. Werkzeug heißt auf Englisch Tool. Daher spricht man auch von KI-Anwendungen oder KI-Tools«, erklären die Autorinnen Diana Knodel und Hannah Lesch gleich zu Anfang ihres kompakten und schlauen Sachbuchs KI und du.

Maschinelles Lernen

Zwar schreiben sie in diesem Zusammenhang auch, dass »KI bedeutet, dass wir Computern beibringen selbstständig zu lernen.« Ein zumindest bedenkenswertes Verb, für das, wie KI tatsächlich funktioniert. Was es mit diesem Lernprozess auf sich hat und wie der auch gewaltig schief gehen kann, das entschlüsseln Knodel und Lesch klug und verständlich. Sie steigen im Alltag der jungen Leser ein, ob Sprachassistent, Navigationssystem, moderne Medizin und Diagnostik, Smart Home oder insbesondere Soziale Medien: »Computer treffen Entscheidungen, die dein tägliches Leben beeinflussen können. Sie wählen zum Beispiel aus, was dir angezeigt wird, wenn du etwas im Internet suchst oder durch lustige Videos aus Social Media scrollst.«

Die Wahrheit über Social Media

Dass YouTube, TikTok oder Spotify und Co das nicht tun, weil sie nett sind oder uns etwas Gutes tun wollen, schreiben die Autorinnen schon wenige Seiten später: »Sie wollen, dass du möglichst lange auf ihrer Plattform bleibst. Je länger du schaust, hörst und scrollst, desto mehr Werbung kannst du sehen. Mit dieser Werbung verdienen die Plattformen Geld.« Solche unverblümten Wahrheiten hören die gemeingefährlichen Männerbünde und Tech Bros natürlich gar nicht gern.
KI kann durchaus nützlich sein und das Leben verbessern, wie zum Beispiel bei Hausaufgaben, als kritischer Dialogpartner, für Feedback und Verbesserungsvorschläge.

Kehrseiten der KI

Sehr aufschlussreich ist das ausführliche und differenzierte Kapitel über die Kehrseiten der KI. Dort wird gefragt, »ob es in Ordnung ist, wenn KI … schlecht für die Umwelt ist? Unter schlechten Arbeitsbedingungen trainiert wird? Ist es in Ordnung, wenn KI … dein Freund wird?« Ganz zu schweigen von Fälschungen, Deepfakes, Lügen, einseitigen Informationen und Manipulationen sowie rassistischen oder sexistischen Stereotypen.

Gefahren erkennen

Wie man diese Gefahren erkennt, prinzipiell kritisch bleibt und Behauptungen hinterfragt, erklären die Autorinnen lebensnah und sehr gut nachvollziehbar. Hilfreich sind auch die eingestreuten Erklärvideos, Interviews mit verschiedenen KI-Expertinnen und diverse Übungen, die per QR-Code aufgerufen werden können. Allerdings landet man bei den Interviews auf YouTube, das wiederum weitere, teils fragwürdige Inhalte empfiehlt. Die Übungen sind unterhaltsame, interaktive Möglichkeiten, KI praktisch auszuprobieren. Zum Beispiel zu prompten, KI zu trainieren, gefälschte Bilder zu erkennen oder Gedichte zu schreiben.

Menschengemachte Gestaltung

KI und du lebt auch von der exzellenten Gestaltung und den ansprechenden Illustrationen. Manuel Kilger lenkt die jungen Leserinnen und Leser mühelos durch die anspruchsvolle Thematik, gibt der abstrakten KI ein sympathisches Gesicht als Comicwesen und lockert die Seiten mit überraschender Situationskomik auf. Man sieht und spürt, dass hier ein kluges und einfühlsames, menschliches Wesen am Werk war.

Bis auf die unglückliche YouTube-Verlinkung ist KI und du ein sehr gelungenes und superintelligentes Sachbuch. (EvB)

Diana Knodel/Hannah Lesch: KI und du. Künstliche Intelligenz interaktiv erleben und verstehen, Illus: Manuel Kilger, Ravensburger, 2025, 96 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

Entfesselte Energie

Löwenmäulchen sind hübsche Blumen. Als Mädchenname taugt das von Hummeln sehr geschätzte Wegerichgewächs nicht so gut – im Deutschen. Snapdragon klingt dagegen super. Und passend für die mutige, eigenwillige Heldin in Kat Leyhs gleichnamigen Comic.

Hexen gibt’s nicht, oder?

Auf der Suche nach ihrem Hund fährt Snapdragon zum Haus der Hexe. Zumindest halten ihre Mitschüler sie für eine und erzählen gruselige Geschichten über die Einsiedlerin im langen schwarzen Mantel, mit großem Hut und dunkler Augenklappe. Aber Hexen gibt es doch nicht, oder?
Tatsächlich findet Snapdragon ihre kleine Bulldogge wohlbehalten bei der knurrigen, unheimlichen Frau. Und freundet sich nach und nach mit ihr an. Dabei spielen viele Tiere eine wichtige Rolle. Die meisten tot, überfahren auf der Straße. Jacks, so heißt die Alte, kümmert sich um sie, um ihre achtlos liegengelassenen Kadaver – und ihre Seelen. Den toten Tieren haucht sie wieder neues Leben ein, indem sie ihre Skelette minutiös rekonstruiert und an Sammler oder Museen im Internet verkauft. »Wow«, sagt Snapdragon beeindruckt. Jacks lächelt geschmeichelt. Bis das Mädchen gleich hinterherschiebt: »Jemand Altes, der das Internet benutzt.«

Respekt gegenüber allen

Das ist ein ganz kleiner Moment, drei Bilder kurz, in dem Kat Leyh, die bislang vor allem Superheldengeschichten illustriert hat, sehr geschickt und ganz beiläufig auch das Thema Altersdiskriminierung einflicht. Denn darum geht es in ihrem ersten Kindercomic: um Vielfalt und Respekt gegenüber allen. Allen Menschen und allen Lebewesen. Egal, ob Mädchen wild und draufgängerisch sind. Jungs lieber Mädchenkleider tragen und ein Faible für Lila haben. Frauen Motorradrennen fahren und Frauen lieben.
»Ich bin nicht so wie jeder andere auch«, sang schon Carsten Friedrichs von der Liga der Gewöhnlichen Gentlemen (dessen brillante Songtexte auch als Buch zu haben sind, Später kommen, früher gehen, Ventil Verlag, 216 Seiten, 17 Euro). Das zu erkennen, zu akzeptieren und auszuleben kostet viel Energie. Es kann aber auch fantastische und inspirierende Kräfte entfesseln.

Seiten mit dramaturgischem Kniff

Von Außenseitern mit starkem Willen und großen Herzen erzählt Kat Leyh in klaren Panels mit kräftigen Farben. Ihre Figuren sind höchst lebendig, mit hochemotionaler Mimik und dynamischen Bewegungen. Auf manchen Seiten verwendet Leyh mit dem letzten Bild unten rechts einen dramaturgischen Kniff: In Serien würde man vielleicht von Cliffhängern sprechen. Hier sind es eher Appetithäppchen oder Teaser, die einen sofort neugierig umblättern lassen und gleich in die nächste Szene hineinziehen.

… und ein Schuss Magie

Eine starke Nebenfigur ist auch Snapdragons alleinerziehende, hart arbeitende Mutter. Respekteinflößend und ebenso respektvoll und anerkennend. Als sie zum Beispiel von der Arbeit weg in die Schule zitiert wird, ist sie nicht wütend auf ihre Tochter. Sie lobt Snapdragon, weil diese ihren Freund Lu gegen gehässige, sexistische Mitschüler verteidigt hat. Was ihr blumiger Vorname für eine Bedeutung hat, das ergibt sich in der in der wunderbar verwoben Geschichte und wird hier natürlich nicht verraten.
Kat Leyhs Snapdragon ist ein mitreißender, ausdrucksstarker und famos gezeichneter Comic, ebenso bunt wie seine Heldenfiguren. Mit einer spannenden Geschichte, beeindruckenden Charakteren – und einem klugen Schuss Magie.

Kat Leyh: Snapdragon, Übersetzung: Matthias Wieland, Lettering: Kathrin Liehr, Reprodukt, 240 Seiten, 20 Euro, ab 10