Hund adoptiert Familie

Rosoff

Allem Anfang wohnt angeblich ein Zauber inne. Kann sein, aber auch etwas zu beenden kann magisch sein und wahre Wunder bewirken. So im Fall der Familie Peachey, bestehend aus Vater, Mutter und drei Kindern, zumindest in der ursprünglichen Formation, als Mama Peachey beschließt Schluss zu machen und »ihren Job als Mutter an den Nagel zu hängen«: »Ich gebe auf«, sagte sie. »Ich habe keine Lust mehr, zu kochen und sauberzumachen und verlorene Schlüssel zu suchen. Ich habe keine Lust mehr auf langweilige und undankbare Aufgaben. Ich höre auf.«
Anfangs sind fast alle noch ganz begeistert. »Schluss mit gesundem Essen! Schluss mit mütterlicher Unterdrückung!« Doch schon nach kurzer Zeit versinken Vater und Kinder in Durcheinander und Dreckwäsche. Es gibt nur noch scheußlich schmeckende Fertiggerichte, die noch mehr Müll produzieren. Und keiner kommt mehr pünktlich zu Schule und Arbeit, weil der menschliche Familienwecker streikt.

Faire Arbeitsteilung ist eine schöne Wunschvorstelliung

Ein absolut glaubwürdiges Szenario und schöner Schlamassel, in den sich Mister Tavish, toller Hund und psychologisches Superhirn, in Meg Rosoffs famoser Familiengeschichte Glück für alle Felle begibt.
Nur die sonst sehr kluge Kinderbuchexpertin Ute Wegmann hat in ihrer Radiosendung den ziemlich dummen Einwand vorgebracht, das sei ja ein Frauenbild wie aus den 50ern. Blödsinn, denn erstens hat Mama Peachey einen guten Job als Buchhalterin, dem sie unverändert nachgeht. Und zweitens ist es in jeder modernen Familie nachweislich so, dass die Mütter am meisten im Haushalt arbeiten, neben ihren bezahlten Jobs, in ihrer Freizeit. Weil es auch nach mindestens 50 Jahren Frauenbewegung, Gleichberechtigung und Emanzipation immer noch nicht klappt mit der fairen Arbeitsteilung. Meg Rosoffs vermeintlich harmlose Tiergeschichte hat es also in sich.

Keine pflegeleichte Familie

Der andere raffinierte Dreh ist, dass der Hund die Familie adoptiert: »Er spürte sofort, dass sie nicht zu den pflegeleichten Familien gehörte. Ob sie schon sehr früh traumatisiert worden waren oder von Natur aus schwierig, konnte Mister Tavish natürlich nicht wissen. Aber er wusste, sie zu adoptieren würde Geduld, Disziplin und harte Arbeit erfordern … Doch es war schon zu spät. Mister Tavish hatte sich in die Peacheys verliebt.«
Nach Eoin Colfers Der Hund, der sein Bellen verlor ist jetzt auch Meg Rosoff auf den Hund als besonderes Familienmitglied gekommen. Wobei sie bereits 2013 in Alles was ich weiß über dich der zwölfjährigen Mila auch ein paar bemerkenswerte Fähigkeiten verliehen hat.

Soziopathen sondieren herrenlose Hunde

Besondere Bilder, pointierte Dialoge und grandiose Situationskomik machen auch den Charme dieser Geschichte aus. Während Vater Peachey zunächst »unverbindlich die Lage im Tierheim sondieren will«, bekommt er von seiner 14-jährigen, existenzialistisch angehauchten Tochter Ava bescheinigt, er sei ein Soziopath. Im Geiste schreibt Ava das Buch »Erinnerungen an eine zerrüttete Kindheit«, während der zwölfjährige Ollie seinem Vater klar macht, wie alt er tatsächlich ist: »Zu deiner Zeit sind noch Dinosaurier über die Erde gewandert.«
Wirklich bei Verstand ist abgesehen von der streikenden Mutter nur die achtjährige Betty, neben dem smarten Hund die wahre Heldin der Geschichte.

Famoses Familienporträt, Fortsetzung folgt

Brigitte Jakobeit, seit So lebe ich jetzt von 2005 Meg Rosoffs zuverlässige Übersetzerin, überträgt diese Geschichte für jüngere Leser erfrischend witzig und wohltuend klar (so schreibt sie zum Beispiel »Unterhosen« statt des alberner Begriffs »Schlüpfer«).
Man hätte dem Buch nur einen weniger kalauernden Titel gewünscht, im Original heißt die Geschichte Good Dog, Mister Tavish. Good book, Mrs Rosoff, indeed. Ein entzückendes, wenn auch schmales Familienporträt, das im Frühjahr fortgesetzt wird unter dem Titel (man ahnt es) Ferien für alle Felle.

Meg Rosoff: Glück für alle Felle, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Illustrationen: Anke Faust, Fischer KJB 2019, 128 Seiten, ab 8, 10 Euro

Göttlich

oh mein Gott Meg RosoffSeit vergangenem Wochenende habe ich eine neue Lieblingsromanfigur: der Eck. Der Eck, das letzte Exemplar seiner Rasse, ist eine merkwürdige, nicht eindeutig zuordbare Mischung aus Pinguin „mit der langen Nase eines Ameisenbärs, Knopfaugen und weichem grauen Fell“. Eck ist ein Fass ohne Boden, was das Essen angeht, den einzigen Laut, den er von sich gibt ist „Eck“. Eck ist liebenswürdig, hilfsbereit – und das Haustier von Gott.

Gott hingegen heißt in dem neuen Roman von Meg Rosoff Bob. Und dieser Bob ist ein fauler, egoistischer, sexsüchtiger Nichtskönner. Er bekommt den Job als Gott nur, weil die Kommission der Stellenbesetzung, sich auf keinen Kandidaten einigen kann und die Stelle bei einem Pokerspiel als Gewinn aussetzt. Bobs spielsüchtige Mutter Mona gewinnt und gibt den Job umgehend an ihren 19-jährigen Sohn weiter.

So nimmt das Unheil seinen Lauf. An gerade mal sechs Tagen hudelt der junge Schnösel die Erde hin. Ab und zu gelingt im ein genialer Streich (Eck, manche Naturphänomene), doch im Ganzen ist alles eher Flickwerk und extrem katastrophenanfällig. Vor allem die Menschen, die Bob in seiner Eitelkeit nach seinem eigenen Bild geschaffen hat, stellen sich als ziemlich unvollkommen heraus. Sie werden krank, bekriegen sich ständig, zerstören die Umwelt und schicken ständig Gebete an Gott. Um diese kümmert sich jedoch nicht Bob, sondern Mr. B., der sich eigentlich auf die Stelle beworben hatte, allerdings zu langweilig und spießig war und nun quasi die Drecksarbeit erledigen muss. Diese endet nie, die Gebete stapeln sich in Massen auf Mr. Bs. Schreibtisch, und die nächste Katastrophe bahnt sich bereits an.

Denn ausnahmsweise hat Bob ein Gebet gelesen. Darin bittet die 21-jährige Tierpflegerin Lucy, sich endlich mal zu verlieben. Doch zunächst ist es Bob, der sich verliebt. Hals über Kopf und rettungslos, in Lucy. Denn die ist seine absolute Traumfrau. Mit ihr will er den Rest seines Lebens verbringen. Nur dass Bobs Leben ewig dauern, während Lucy bereits in wenigen Jahren Falten bekommen und nach alter Frau riechen wird. Aber Bob will sie. Unbedingt. Und so taucht Gott unvermittelt bei seiner Angebeteten auf, verdreht ihr den Kopf, weckt ihre Leidenschaft – kann aber leider ihre Fragen nach Herkunft, Beruf und Wohnsitz nicht sehr überzeugend beantworten. Auch dass er kein Telefon hat, macht Lucy trotz all der erotischen Spannung und Begierden doch stutzig. Sie hält Bob auf Abstand. Das wiederum passt ihm gar nicht. Und wenn er nicht bekommt, was er will, wird er sauer, und wenn er sauer wird, schlägt sich das im irdischen Wetter nieder. So überziehen unvorhersehbare Wetterkapriolen die Erde und Lucys Stadt versinkt im Wasser. Und natürlich kann sich niemand den Schnee im Sommer, die Eiseskälte im Wechsel mit aller kitschigstem Traumwetter erklären. Mr. B. versucht sein Bestes, Bob von Lucy fortzulocken und beauftragt ihn mit der Rettung der Wale.

Derweil bangt Eck um sein Leben, denn Mona hat mal wieder gepokert und Eck musste als Einsatz herhalten. Nur hat sie dieses Mal kein Glück, verliert Eck, und sein neuer Besitzer will ihn unbedingt verspeisen, da er als Delikatesse in allen 9000 Galaxien gilt …

Meg Rosoffs neuer Roman Oh. Mein. Gott. ist an Absurdität, Schrägheit und Skurrilität eigentlich nicht zu überbieten. Hemmungslos demontiert sie die Gottesfigur und hinterfragt Glaubenskonzepte. Manchen mag das vielleicht gotteslästerlich erscheinen, doch Rosoff tut das mit so viel Witz und Charme, dass man ihr auf keiner Seite böse sein kann, sondern sich an ihren gleichermaßen durchgeknallten wie genialen Ideen, Abstrusitäten und Wundern immer mehr erfreut. Und man einfach nicht umhin kommt, Lucy, Mr. B. und vor allem Eck zu lieben. Ergo: ein göttlicher Lesespaß, ganz wunderbar übersetzt von Brigitte Jakobeit.

Meg Rosoff: Oh. Mein. Gott. Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Fischer Verlag, 2012, 236 Seiten, 14,99 Euro