Über ulrike schimming

Ulrike Schimming übersetzt Literatur – von Kinder- und Jugendbüchern bis zu Graphic Novels und Comics – aus dem Italienischen und Englischen, arbeitet als freie Lektorin und rezensiert Bücher für die Zeitschrift stern Gesund Leben. Dieser Blog entstand aus ihrer Arbeit für die Jugendzeitschrift stern Yuno. Hier stellt sie Neuerscheinungen oder Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur vor, Graphic Novels oder Buch-Perlen, denen sie ein paar mehr Leser wünscht. Weitere Infos zu Ulrike Schimming finden Sie unter www.letterata.de

Der Kampf gegen die Grummelgrame

depressionDie Depression ist eine fiese Krankheit. Zunächst einmal für die Betroffenen, die oft ihr Leben nicht mehr bewältigen können. Doch auch für die Angehörigen ist die Depression eines geliebten Menschen eine Belastung. Für Kinder nun, die ein erkranktes Elternteil haben, ist es extrem schwierig zu verstehen, was eigentlich passiert.

So ergeht es dem fünfjährigen Jan, in dem Buch Als Mama nur noch traurig war von Anja Möbest.
Seit einiger Zeit ist seine Mama nur noch traurig, starrt auf den Boden, weint viel, vergisst, den Schokokuchen für das Kindergartenfest zu backen. Sie weiß selbst gar nicht, was eigentlich mit ihr los ist. Als sie eines Tages auch noch Papa anschreit, begreift sie, dass sie Hilfe braucht. Papa schlägt vor, dass sie zum Ritter geht.

Jan, der fürchtet, dass er schuld an Mamas Zustand ist, freut sich, dass es einen Ritter gibt, der Mama helfen kann. Natürlich ist der Ritter kein echter Ritter, sondern ein liebenswerter alter Herr mit Namen Ritter, der als Psychotherapeut arbeitet. Er erklärt Jan, dass Mamas Seele ein Loch hat, durch das die Grummelgrame von Mama Besitz ergreifen. Zusammen überlegen sie, mit welchen Zaubersprüchen sie die Grummelgrame vertreiben können …

Das ernste Thema der Depression fasst Anja Möbest in wunderbar klare, leicht verständliche Worte und Sätze. Illustratorin Barbara Korthues zeigt Jan, seine Familie, den Ritter und die Grummelgrame auf ebenso unaufgeregte und liebenswerte Art. Jans Enttäuschung und seine Wut, wenn Mama ihn nicht beachtet oder ihm nicht zuhört, ist vollkommen nachvollziehbar. Gleichzeitig vermittelt die Autorin die typischen Symptome einer Depression, also Trauer, Erschöpfung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, so dass die Kinder von Betroffenen das Verhalten ihrer Eltern hier konkret wiederfinden können.

Wichtig ist zudem, dass Jan seine Mama mindestens einmal zum Therapeuten begleitet. Dort erfährt er vom Experten dann genauer, was mit Mama los ist und wie er ihr helfen kann. Dieser offene Umgang mit der Krankheit Depression und die deutliche Ansage, dass es Hilfe gibt, sind die große Stärke dieses Bilderbuches. Auch mit Fünfjährigen kann man nämlich sehr wohl darüber reden. Genau dies macht auch das Nachwort der Kinderpsychotherapeutin Ina Knocks deutlich. Kinder brauchen in solchen Fällen die Wahrheit. Nicht über die Krankheit zu reden oder den Kindern zu verbieten, mit anderen darüber zu reden, hilft nicht, auch wenn man meint, die Kinder schützen zu müssen.

Das mag sich unglaublich schwierig und schier unmöglich anhören, doch mit der Lektüre von Anja Möbest und Barbara Korthues Bilderbuch ist der erste Schritt zu einem Dialog gemacht. Vielleicht fällt es danach Kind und Eltern leichter, den nächsten zu machen, und trotz der fiesen Krankheit bald wieder ein fröhliches Familienleben zu führen.

Anja Möbest: Als Mama nur noch traurig war. Wenn ein Elternteil an Depression erkrankt, Illustration: Barbara Korthues, Coppenrath, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

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Auf den Punkt gebracht

Zurzeit läuft im TV ein Werbespot der Initiative „Wir zusammen“, in der sich deutsche Unternehmen für die Integration von Flüchtlingen engagieren. Im Spot gehen, angefeuert von einem Ohrwurm-Song über die Freiheit, Menschen in Berlin in Massen auf die Straßen und treffen sich vor dem Dom. Aus der Vogelperspektive erkennt man, dass die pünktchenkleinen Menschen zwei Hände bilden, die aufeinander zugehen. Eine wichtige Willkommensgeste, die hoffentlich auch jenseits der glatten Werbewelt Wirkung zeigt.

Mich erinnert dieser Spot jedes Mal an das wunderschöne Bilderbuch Punkte von Giancarlo Macrì und Carolina Zanotti. Dort treffen die reichen, spaßhabenden schwarzen Punkte auf viele hungernde weiße Punkte. Die Weißen möchten zu den Schwarzen hinüber, doch die müssen erstmal nachdenken – die schwarzen Punkte finden sich zu einer schematischen Darstellung des Parlaments zusammen –, lassen dann ein paar Weiße zu sich, werden schließlich fast überrannt, so dass kein Platz mehr auf der Seite für alle ist. Eine Lösung muss her …

Diese offensichtliche Anspielung an die immer noch herrschende Flüchtlingskrise und die ausstehenden Lösungsansätze mag auf den ersten Blick naiv und zu schlicht erscheinen, doch beim genauen Nachdenken über den Lösungsansatz – die schwarzen Punkte gehen zu den weißen und helfen ihnen – entfaltet sich ein schier revolutionäres Potential.

Das liegt vor allem in dem Satz: „Zusammen schaffen wir so viele Dinge!“ Aus der Hilfe wird ein Gemeinschaftsprojekt, das niemanden übervorteilt oder bevormundet. Ein einzelner Punkt ist nichts. Man braucht Familie, Freund_innnen und Kolleg_innen, um nützliche, lebenswichtige und spaßmachende Dinge zu schaffen. Hier geht es nicht um Gewinnmaximierung und kapitalistische Ausbeutung, die in den Köpfen von erwachsenen Betrachter_innen schnell hochploppen mögen. Hier geht es um das Grundkonzept von Hilfe und Gemeinschaftlichkeit.

Würde uns gelingen, das in der Realität umzusetzen, ohne dass irgendeiner benachteiligt, unterdrückt, ausgebeutet oder mundtot gemacht würde, ohne dass profitgierige Manager, Banker oder machthungrige Politiker alles an sich reißen würden, es wäre ein Paradies. Und zwar weltweit.

Den Punkten geht es schließlich so gut, dass sie miteinander verschmelzen und am Ende zwei schwarz-weiße Punkte Hallo sagen. Und ohne viele Worte erzählen sie von der Utopie einer Welt ohne Grenzen, in der alle Menschen wirklich gleich sind, gleiche Rechte, gleiche Pflichten haben. Neid und Missgunst wären ausgerottet, ebenso der Fremdenhass, denn in jedem steckt ein Teil des anderen. Es könnte eigentlich so einfach sein …

Kleine Betrachter_innen, die im Kindergarten oder in der Schule mit geflüchteten Kindern in Kontakt kommen, können mit diesem eindrucksvollen Bilderbuch eine erste Erklärung für den fundamentalen Wandel finden, der in unserer Gesellschaft gerade abläuft. Vielleicht öffnen sich die nächsten Generationen dann viel selbstverständlicher den anderen Menschen, die so dringend unsere Hilfe brauchen. Und finden einen Weg, dass aus diese schöne Utopie Realität wird.

Giancarlo Macrì/Carolina Zanotti: Punkte, Übersetzung: Salah Naoura, Illustration: Clara Zanotti, Gabriel, 2017, 48 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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Kämpfen für Gott

Das Lutherjahr ist im vollen Gange, Ausstellungen werden eröffnet, der evangelische Kirchentag gefeiert, Bücher publiziert, es wird dem Reformator gedacht.

Dass es in der Zeit vor 500 Jahren jedoch nicht nur Luther gab, der sich gegen die römisch-katholische Kirche auflehnte, zeigt eine Graphic Novel, die sich mit einer wahren Begebenheit aus dem
16. Jahrhundert befasst. In Gotteskrieger erzählen Autor Alexander Hogh und Illustrator Lukas Kummer die Geschichte des Schreiner Heinrich Gresbeck, der sich der Täufer-Bewegung in der Stadt Münster anschließt.

Aus wenigen überlieferten Fakten haben die Macher eine Geschichte rekonstruiert, die sich so oder ähnlich zugetragen haben könnte. 1534 – Luther hat seine Thesen längst veröffentlicht – geht es in Sachen rechter Glauben quasi drunter und drüber. Katholiken gegen Protestanten, Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer, dazwischen breitet sich seit 1525 das Täufertum aus, eine fundamentale Bewegung, die wieder wie die christliche Urgemeinde leben will. Das passt weder Katholiken noch Protestanten. Dennoch findet die Bewegung überall in Europa immer mehr Anhänger.

1534 übernehmen die Täufer das westfälische Münster und rufen das Täuferreich aus. Münster wird zum „Neuen Jerusalem“ erklärt. 16 Monate lange belagert ein Söldnerheer aus Katholiken und Protestanten die Stadt.

Hogh und Kummer erzählen aus der Sicht von Heinrich Gresbeck, der sich den Täufern anschließt, im Laufe der Belagerung jedoch auch die Schrecken und den Terror durch den Anführer der Täufer, Jan van Leiden, mitbekommt. Schließlich läuft Heinrich zu den Belagerern über.

Abgesehen davon, dass Hogh und Kummer mit Gotteskrieger eine spannende Geschichte gelungen ist, die Aufschluss gibt über die Wirren, die vor 500 Jahren in diesen Landen herrschten, schoss mir beim Lesen ständig der IS durch den Kopf.
Das, was vor 500 Jahren hier passierte, findet gerade im Nahen Osten auf eine vermutlich noch viel grausamere Art wieder statt.
Fanatiker, die meinen, den rechten Glauben zu vertreten, dann aber doch nur ihre eigenen Machtgelüste befriedigen zu wollen, ist also ein Phänomen, was es schon öfter gegeben hat und vermutlich immer wieder geben wird, so lange keine wirkliche Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen existiert.

So weist diese Graphic Novel nicht nur in die Vergangenheit und erinnert uns an vergessene Kapitel in unserer Geschichte, sondern sensibilisiert dafür, dass auch heute noch Glaubenskämpfe geführt und fanatische Gotteskrieger immer noch ihr Unwesen treiben.

Einziger – grafischer – Kritikpunkt, den ich an dieser Graphic Novel habe, ist das Lettering. Eigentlich kann man hier nicht von Lettering sprechen, sind die Texte in den Sprechblasen doch in einem serifenlosen Maschinenfont gesetzt (vermutlich Helvetica oder Geneva) . Das nimmt diesem hervorragend recherchierten und dokumentierten Werk leider ein wenig von seinem Wert und wirkt in meinen Augen zu billig. Sicher wäre auch eine mittelalterliche Frakturschrift nicht passend, weil viel zu schwer zu lesen, gewesen, doch eine etwas liebevollere Schrifttype hätte ich mir schon gewünscht, die Inhalt und Zeit wenigstens ein bisschen spiegelt und würdigt.

Alexander Hogh: Gotteskrieger. Eine wahre Geschichte aus der Zeit der Reformation, Illustration: Lukas Kummer, Tintentrinker Verlag, 2017,156 Seiten, ab 12, 20 Euro

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Sei, was du willst

hannibalPrinz Hannibal ist anders: Er wünscht sich Reifröcke und Fächer, Lauten und Schalmeien, statt Kettenhemden, Säbeln, Pauken und Trompeten.

So beginnt das grafisch modern-minimalistisch aufgemachte Bilderbuch Prinzessin Hannibal von Melanie Laibl und Michael Roher zu einem der wichtigsten Themen im Leben: Wer bin ich? Und wer möchte ich sein?

Prinz Hannibal jedenfalls möchte Prinzessin sein und nicht Prinz. Seine Eltern haben für solchen Firlefanz keine Zeit. Also fragt Hannibal seine sieben Schwestern um Rat und bekommt die besten Tipps aus altbekannten Grimm’schen Märchen: Tellerchen schrubben, auf einer Erbse nächtigen, einen Frosch küssen, sich die Haare zum ellenlangen Zopf wachsen lassen, eben alles, was man als Märchenprinzessin so durchmachen muss.

Schließich kommt Hannibal darauf, dass in jedem Prinzen auch ein Fünkchen Prinzessin steckt, das nur entzündet werden muss. Hannibal leiht sich sieben Sachen …

Autorin Melanie Laibl und Illustrator Michael Roher bringen hier schon sehr jungen Lesern mit dem Wechsel der Geschlechterrollen in Kontakt, ohne ein großes Drama daraus zu machen oder mit Moralkeulen oder irgendwelchen Zeigefingern zu wedeln. Ihnen kommt es darauf an zu zeigen, dass, wenn man wirklich will, man nämlich genau das sein kann, was man tief im Herzen eigentlich ist. Dabei darf man sich nur nicht von gleichgültigen Eltern oder überkommenen Märchen und überholten Regeln, die die Gesellschaft einem auftischt, in die Irre führen bzw. entmutigen lassen.
Sicher brauchen Kinder Märchen. Hier finden sie die sieben Klassiker, was einen gewissen Wiedererkennungseffekt und Spaß an der Erinnerung an diese Geschichten erzeugt. Kinder brauchen die Märchen aber auch, um diese zu überwinden, sie hinter sich zu lassen, um zu erkennen, dass sie nichts mit dem eigenen Leben gemein haben. Sie können Anregung sein, um zum eigenen Ziel zu kommen. Doch das Umdenken, den Umbruch, den Wandel im echten Leben nehmen sie einem nicht ab.

Dieses edle Bilderbuch ist grafisch ein Hinkucker, eine Mischung aus Collage, Malerei und Zeichnung (wenn ich das recht erkenne, verbessert mich, wenn ich falsch liege…). Hier sollte man wirklich auf die Details achten, um auch den Batman zu entdecken.
Für kleine Kinder vielleicht eine künstlerische Überforderung, doch in Kombination mit der Geschichte ein guter Anstoß, sich schon früh über seine (geschlechtliche) Identität Gedanken zu machen.

Melanie Laibl/Michael Roher: Prinzessin Hannibal, luftschacht, 2017, 32 Seiten, 22 Euro

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Kinder brauchen Monster

monsterMein Neffe, 3, geht nirgendwohin ohne sein Monster. Das ist ein mittlerweile ziemlich verschlissenes Plüschgebilde, das wohl bald das Zeitliche segnet.

Neulich jedenfalls fand er bei mir das Pappbuch Monstermampf von Tobias Krejtschi. Keine Frage, dass es von vorn bis hinten gründlich unter die Lupe genommen wurde. Denn hier essen das Quadrat-Monster, das Kreis-Monster, das Dreieck-Monster und noch ein paar andere Monstergesellen nur speziell geformte Speisen. Auf dem Teller liegen jedoch verschiedenste Leckereien – der kleine Leser muss zuordnen, was das Monster wohl verdrückt.
Wie bei vielen Pappen heute üblich, lassen sich dann die Monsterbäuche aufklappen, sodass kontrolliert werden kann, ob man dem Monster auch das Richtige zu fressen angeboten hat. Das Erkennen von ganz einfachen Formen, bis hin zu etwas komplizierteren wie Halbmonden oder Herzen, funktioniert mit diesen roten Monstern ganz hervorragend.

Mein Herr Neffe jedenfalls war eifrig dabei und hatte nach ein paar Runden den Dreh raus. Und freute sich über die Wendung, die es beim Wurst-Monster zum Abschluss gab.

Dmonsterass Monster, oder auch T-Rex-Dinos, nicht immer das fressen wollen, was angeblich ihrer Natur entspricht, thematisiert hingegen das quietschbunte Bilderbuch T-Veg von Smriti Prasadam-Halls.
T-Rex Theobald hat keine Lust auf Fleisch, sondern steht viel eher auf Karotten-Torte, Blattspinat, Brokkoli, Mango, Pastinaken und Lauch. Theo ist mit anderen Worten ein ausgemachter Vegetarier. Das kommt bei der T-Rex-Sippe natürlich nicht gut an, die Eltern wundern sich, die anderen T-Rexe behaupten, Theo könne ja gar nicht mit ihnen mithalten, wenn er kein Fleisch esse. Irgendwann hat Theo die Schnauze voll und macht sich auf zu den Pflanzenfressern. Doch die rennen schreiend vor ihm weg… Ein echtes Dilemma, das aber schließlich ein harmonisches Ende findet.

Das Besondere an T-Veg ist der locker gereimte Text. Übersetzerin Kathrin Köller hat für Theos kulinarische Vorlieben ganz wunderbare Reime gefunden, die sich beschwingt vorlesen lassen und Theo zu einem überaus liebenswerten Helden machen.

Ob die Leser von Theobalds Geschichte nun zu Vegetarieren werden, wage ich zwar zu bezweifeln, aber auch über solch Essensvorlieben kann man kleine Menschen bereits für Toleranz gegenüber anderen sensibilisieren. Denn ob es später das Essen oder der Musikgeschmack ist, der bei anderen eben anders ist, ist eigentlich egal, Hauptsache, man hat sich lieb und akzeptiert den anderen, so wie er is(s)t.

monster

Ganz ohne Worte kommt schließlich Alice Hoogstad in ihrem Das kunterbunte Monsterbuch aus. Hier begleitet man ein kleines Mädchen, das in einer schwarzweißen Stadt anfängt, die Straße und die Häuser bunt zu bemalen.

Auf ein rotes Herz folgt ein feuriggelbroter Drache, dann ein sechsäugiger Lindwurm. Mit jeder Seite bringt die Künstlerin mehr Farbe in die Stadt – und die Monster erwachen zum Leben. Hand in Hand ziehen sie durch die Straßen, zum Erstaunen der Bewohner. Zwei weitere Kinder helfen dem Mädchen beim Malen.

Die Städter finden die bunten Gesellen so gar nicht passend und rüsten mit Wasserschlauch und Besen gegen sie. Doch die Monster greifen selbst zur Farbe, und plötzlich ist die ganze Stadt ein Farbenmeer.

Das passt den Spießern natürlich nicht, und so müssen die Kinder alles wieder sauber machen. Der Regen wäschst schließlich noch die letzten Farben davon…

Auf den wimmelartig gestalteten Doppelseiten gibt es in den Winkeln, Gassen und Häusern einiges zu entdecken. Die bunten Monster, die sich nicht in schwarze Umrandungen pressen lassen, übernehmen nach und nach das Geschehen und wirken dabei so anregend, dass vermutlich kein Kind die Finger wird still halten können. Die Seiten laden geradezu dazu ein, selbst zum Buntstift zu greifen und Farbe in die Stadt zu bringen.
Eine schönere Aufforderung, mit Farben zu arbeiten, sich nicht von irgendwelchen Spießern abhalten zu lassen, Kunst zu machen, gibt es, glaube ich, kaum. Und wenn das Monsterbuch am Ende dann wirklich kunterbunt ist, ist es vermutlich das schönste Kompliment für die Autorin.

Smriti Prasadam-Halls: T-Veg. Der fürchterliche Früchte-Fresser, Übersetzung: Kathrin Köller, Illustration: Katherina Manolessou, Prestel, 2017, 32 Seiten, ab 3, 12,99 Euro

Alice Hoogstad: Das kunterbunte Monsterbuch, Aracari, 2017, 32 Seiten, ab 3, 14,90 Euro

Tobias Krejtschi: Monstermampf, minedition, 2017, 22 Seiten, ab 2, 11,95 Euro

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Mehr Erna sein

ernaFast könnte die elfjährige Erna, die Heldin aus Anke Stellings erstem Kinderbuch, einem leid tun: Sie trägt einen altmodischen, total uncoolen Namen, wohnt mit Eltern und Bruder in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt und geht auf eine Gemeinschaftsschule.
Gemeinsamkeit ist wichtig, jedenfalls für die Elterngeneration in diesem Buch.

Erna hingegen findet, dass in diesem ganzen Gemeinsamkeitsdingens ziemlich viel ziemlich gemein ist. Meistens regt Erna sich dann auf und kann nicht ruhig bleiben, sondern mischt sich ein. Nur kommt das nicht immer gut an, weder bei den Erwachsenen noch bei den Freunden oder Mitschülern von Erna. Dann eckt Erna an.

Doch statt sich von Unverständnis oder fiesen Sprüchen abhalten zu lassen, zieht Erna stoisch ihr Ding durch: Sie schaut genau hin, sie überlegt, sie forscht nach, sie beschäftigt sich mit der Bedeutung von Wörtern. So wird das etymologische Lexikon zu ihrer liebsten Lektüre. Und zur Stütze, die ihr hilft, sich gegen die Scheinheiligkeit der Freundinnen zu wappnen oder die Widersprüchlichkeiten der Erwachsenen zu entlarven.

Erna tritt als schlaue Ich-Erzählerin auf, die ihre Umgebung genau analysiert, die aber dennoch mit sich und ihrem Körper hadert (angeblich ist der Umfang ihrer Oberschenkel zu groß). Sie durchschaut die Nachteile von Gemeinschaftsprojekten, sehnt sich manchmal nach einer konventionellen Schule und weigert sich dennoch, einen Mitschüler zu verpetzen, der Gemeinschaftseigentum beschädigt hat. Mit anderen Worten: Erna hat es nicht leicht, obwohl sie intelligent ist.

Und genau das macht Erna so unglaublich liebenswert. Sie könnte das Ebenbild vieler Mädchen sein, die sich kurz vor der Pubertät in einer höchst komplexen und widersprüchlichen Welt zurecht finden müssen. In einer Welt, wo gebildete Städter plötzlich ein alternatives Leben führen wollen, den Kindern in der Schule aber schon das Prinzip der Selbstoptimierung einzuhämmern versuchen. Sie erkennt, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern sich jeder seinen eigenen kleinen wahren Kosmos zusammenzimmert.

Anke Stelling, die mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, hat mit Erna einen wunderbar kritischen Geist geschaffen, den die heutige Jugend, die aktuelle Gesellschaft sehr gut gebrauchen kann. Wenn wir klagen, dass Politikverdrossenheit herrscht, dass die jungen Menschen gegen nichts mehr rebellieren, dass sie angepasst und eingespannt in das Leistungsprinzip sind, dann sollten wir uns alle eine Scheibe von Erna abschneiden. Wir sollten auf absurde Körpermaße pfeifen, kreativ und mitfühlend sein, und sehr viel mehr auf unsere Worte und deren eigentliche Bedeutung achten.

Vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn wir alle ein bisschen mehr wären wie Erna.

Anke Stelling: Erna und die drei Wahrheiten, cbt, 2017, 240 Seiten, ab 11, 12,99 Euro

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Kinder brauchen Tiere

schomburgKinder und Tiere gehen in den (sozialen) Medien ja bekanntlich immer. In Kombination sind sie eigentlich unschlagbar.

Drei wunderbare Kinder-Tier-Geschichten haben mich in den vergangenen Wochen bezaubert. Etwas länger harrt hier schon Chamäleon Ottilie. Es scheint fast, als habe sich das Bilderbuch von Andrea Schomburg so unsichtbar gemacht, wie deren Hauptdarstellerin … Nein, im Ernst: Andrea Schomburg erzählt von Paul und Anna Sausebier aus Bonn. Die beiden Geschwister wünschen sich sehnlichst ein Tier, aber es ist wie so oft, die Eltern sagen Nein: Tiere machen Dreck und alles kaputt, sind zu groß oder zu gefährlich. Kennt man ja, diese Bedenken.

Dabei hat sich bei Familie Sausebier schon seit einiger Zeit ganz unbemerkt das Chamäleon Ottilie eingenistet. Durch seine Mimikri-Funktion verschmilzt es mal mit dem Sofakissen, mal mit dem Teddybären, der Tapete oder dem Mantel der Tante. Bis es eines Tages zur Katastrophe kommt und das Karo-Muster von der Bettwäsche nicht mehr weggeht. Anna und Paul entdecken Ottilie sofort… Na, wenn das mal gutgeht!

Nicht nur die Wahl des Chamäleons als Haupt- und Haustier ist außergewöhnlich und eine Herausforderung für die kleinen Leser, denn sie müssen das Tierchen auf jeder Seite erst einmal ausfindig machen, auch die Reime von Andrea Schomburg sind ein weiteres Mal so famos und leicht fließend, dass es eine Freude ist, sie laut vorzulesen. Fast möchte man nach Ende der Lektüre ein Chamäleon als Haustier anschaffen!

Ein ganz anderes Haustier wird hingegen in Jan Bircks Buch Zarah & Zottel zur Rettung für die junge Heldin.
Zarah ist mit ihrer Mutter in eine neue Wohnung gezogen. Unten im Hof, wo die Kinder spielen, kennt sie noch niemanden – und niemand will mit ihr spielen.
Zarah wünscht sich dringend einen Freund, doch der ist hier erst mal nicht zu finden. Sie träumt von einem Pferd, denn sie steht auf Indianer, doch ein Pferd passt leider nicht in eine Etagenwohnung – aber vielleicht ein Pony, wenn es klein genug ist.

Am nächsten Tag macht sich Zarah zum „Laden für alles“ auf, und der patente Verkäufer weiß Rat bzw. hat ein zotteliges vierbeiniges Tier für sie. Zarah steigt auf und reitet auf Zottel nach Hause. Dass Zottel Pfoten statt Hufe hat, an der Ampel das Bein zum Pinkeln hebt und die Kinder im Hof über Zottel lachen, stört sie nicht. Zottel passt in den Aufzug und in die Wohnung. Nur leider hat Mama kein Geld, um Zottel zu bezahlen. Doch auch dieses Problem lässt sich lösen …

Mit dem Zottelponyhund zeigt Jan Birck jungen Lesenden, dass es in einer Freundschaft ganz und gar unwichtig ist, was man ist oder wo man herkommt. Zusammenhalt über die Grenzen von Anatomie oder Gattung ist wichtiger, als die genauen Definitionen von Herkunft und Abstammung. So kann ein Hund durchaus auch als Pony durchgehen, und was die Hautfarben von Menschen angeht, so sind die nicht der Rede wert, wie es Jan Birck hier ganz selbstverständlich macht. Dass ich das hier extra erwähnen muss, zeigt allerdings, dass es immer noch nicht normal und eben nicht selbstverständlich ist, dass eine Bilderbuchheldin eine dunklere Hautfarbe hat als ihre Mama und die Kinder im Hof. Von solchen Heldinnen sollte es viel mehr geben, so dass die Diversität unserer Gesellschaft in den Büchern tatsächlich ein Abbild findet.

So schön das Zusammenleben mit Tieren auch sein kann, irgendwann kommt unweigerlich der Tag, an dem die Hausgenossen sterben. Dann wird aus Freude plötzlich Trauer und man stolpert in die Trauerpfützen.

So erklärt es der Kinderarzt der kleinen Leni, deren Hund Frieda neulich gestorben ist, im Bilderbuch von Hannah-Marie Heine. Zuhause erinnert Leni vieles an Frieda, und schwupps laufen ihr schon wieder die Tränen aus den Augen und der Bauch zieht sich zusammen. Aber ganz schnell hopst Leni auch wieder aus der Trauerpfütze heraus, genießt ein Stück Zuckerkuchen von Oma und schaut in die Sterne. Von dort oben kuckt Frieda ihr vielleicht zu …

Einfühlsam zeigt Hannah-Marie Heine kleinen Tierfreundinnen, dass es ganz normal ist, dass man seinem vierbeinigen oder geflügelten Freund nachtrauert. Gefühlsschwankungen gehören zum Abschied dazu, aber nach der Trauer kommt auch die Freude wieder. Wenn man dann noch die Erinnerungen an das geliebte Tier in einen würdigen Rahmen kleidet, kann man sicher sein, dass es auch weiterhin bei einem ist.

Dass Verlust und Tod Teil unseres Lebens sind, erfahren Kinder hier durch ganz alltägliche Szenen – wunderbar lässig von Katharina Vöhringer gezeichnet –, und genau die können helfen, so schwierige Momente zu bewältigen, wenn die geliebten Tiere plötzlich nicht mehr da sind.

 

Andrea Schomburg: Neu in der Familie: Chamäleon Ottilie, Illustration: Barbara Scholz, Sauerländer, 2016, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Jan Birck: Zarah & Zottel – Ein Pony auf vier Pfoten, Sauerländer, 2017, 64 Seiten, ab 5, 9,99 Euro

Hannah-Marie Heine: Leni und die Trauerpfützen, Illustration: Katharina Vöhringer, Kids in Balance, 2017, 40 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

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