Über Ulrike Schimming

Ulrike Schimming übersetzt Literatur – von Kinder- und Jugendbüchern bis zu Graphic Novels und Comics – aus dem Italienischen und Englischen und arbeitet als freie Lektorin. Dieses E-Magazin entstand aus ihrer Arbeit für die Jugendzeitschrift stern Yuno. Hier stellt sie Neuerscheinungen oder Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur vor, Graphic Novels oder Buch-Perlen, denen sie ein paar mehr Leser wünscht. Weitere Infos zu Ulrike Schimming finden Sie unter www.letterata.de

Mädchen, werdet laut!

moxie

Vor wenigen Tagen hat die Süddeutsche Zeitung ein Projekt zu Geschlechterklischees in Kinderbüchern veröffentlicht. Allein die Auswertung der Meta-Daten von Tausenden von Büchern zeigt bereits, dass – anders als gefühlsmäßig angenommen – männliche Protagonisten immer noch in der Überzahl sind, die weiblichen Heldinnen nicht so komplexe Abenteuer erleben dürfen und die Verschlagwortung den Jungs mehr Begriffe zugesteht. Vermutlich lese ich nicht genug Kinderbücher und lasse mich von den Jugendbüchern blenden, unter denen es mittlerweile doch so einige Geschichten von Mädchen gibt, die gegen die Klischee angehen und feministische Töne anschlagen. Aber vermutlich müsste man auch hier mal eine Meta-Daten-Analyse durchführen, um ein genaueres Bild zu bekommen.

Machogehabe an der Highschool

Ein aktuelles Jugendbuch, das gegen die männliche Dominanz angeht, ist in jedem Fall Jennifer Mathieus Moxie – Zeit, zurückzuschlagen. Die Heldin Vivian hat es nämlich satt, sich in ihrer Highschool, in einem kleinen Seekaff in Texas, von den Jungs ständig dumme Sprüche anhören zu müssen, in denen die Mädchen auf ihre vermeintliche Rolle in der Küche reduziert werden. Die Jungs haben an ihrer Schule alle Freiheiten der Welt: Sie dürfen T-Shirts mit Machosprüchen tragen, während den Mädchen die Miniröcke und Tops verboten werden. Die Jungs können die Mädchen körperlich angehen, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Und das Football-Team steht als Inbegriff von Männlichkeit und Erfolg über allem und wird von allen Seiten finanziell unterstützt, während die Mädchen das Nachsehen haben.

Moxie ruft zum Widerstand auf

Viv nervt dieses Gesamtsituation ziemlich. Eines Tages stöbert sie in den alten Sachen ihrer Mutter, die Viv seit dem Tod ihres Vater allein großzieht. Dort findet sie Andenken an deren rebellische Jugend und Riot-Grrrl-Manifeste, die eine ganz andere Seite der Mutter offenbaren. Viv kommt die Idee, selbst ein Zine, also ein Magazin, für Mädchen zu gestalten und an der Schule zu verteilen. Im Alleingang und ohne, dass sie irgendjemandem davon erzählt, stellt sie vier Seiten zusammen, kopiert sie und verteilt sie schließlich auf den Mädchentoiletten. Sie tauft ihr Zine Moxie, was so viel wie Mut, Tatkraft und Selbstbewusstsein bedeutet – und bei ihr für all die Mädchen steht, die sich nichts gefallen lassen. Als erstes Erkennungszeichen fordert sie die Leserinnen auf, sich Sterne auf die Hand zu malen, falls sie ebenfalls ein Moxie-Girl sind.

Zunächst scheint Vivians Zine nicht viele Mädchen aufzurütteln, nur wenige kommen am verabredeten Tag mit Sternen auf der Hand in die Schule. Doch als die Kleiderkontrollen des Direktors immer absurder werden und immer mehr Schülerinnen beschämen, fordert Viv in der nächsten Ausgabe die Leserinnen auf, im Bademantel zum Unterricht zu kommen. Dieses Mal folgen dem Aufruf von Moxie bereits mehr Schülerinnen. Ein erstes Gefühl von Gemeinschaft macht sich breit.
Die gute Stimmung unter ihnen jedoch sinkt wieder, als neben einem „Mädchen-Vergleichs-Wettbewerb“ im Internet, bei dem Jungs über den Coolness/Schönheitsfaktor der Mädchen abstimmen, zusätzlich bei den Jungs ein übergriffiges Spiel angesagt ist, bei dem sie die Mädchen begrapschen. Schließlich geht einer noch weiter. Da ruft Moxie zum Streik auf – doch dieses Mal steckt nicht Vivian hinter der Veröffentlichung. Und Vivian gerät in einen schweren Gewissenskonflikt.

Gemeinsam stark

Mathieus Roman, von Alice Jakubeit souverän ins Deutsche übertragen, liest sich wie im Rausch runter. Mag sein, dass die Lage an der Schule etwas zugespitzt und übertrieben ist – normalerweise würde eine frauenfeindliche Aktion ja schon ausreichen, um auf die Barrikaden zu gehen. Doch als erzählerisches Mittel treibt es die Leserinnen vorwärts, sodass deren Wut proportional zu der Wut der Mädchen in der Geschichte steigen dürfte. So emotional mitgenommen wirkt eine Lektüre später sicherlich auch nach außen und in das hiesige Schulleben. Denn zum Glück solidarisieren sich die Mädchen im Buch, Viv lernt neue Mitschülerinnen kennen und überwindet eigene Vorurteile gegenüber anderen, die sie zunächst für arrogant gehalten hat. Mehr und mehr wird den Schülerinnen bewusst, dass sie nur gemeinsam gegen Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt kämpfen können. Und sensibilisieren damit auch gleichzeitig die Leserinnen, was sie, sollten sie Ähnliches erleben, machen könnten.

Die Sensibilisierung geschieht nicht nur durch die Aktionen der Mädchen, sondern auch durch die abgebildeten Moxie-Ausgaben, in denen Viv neben Bildern von 40er-Jahre Boxerinnen mit jeder Ausgabe mehr und mehr Infos zur weiblichen Selbstwahrnehmung, zu unsinnigen Kleiderordnungen sowie Zahlen zu sexueller Belästigung und den psychischen Folgen davon liefert. Sie zeigt aber auch, dass sexuelle Diskriminierung nicht erst mit einer Vergewaltigung zu einem Delikt wird, das frau anzeigen sollte, sondern oft schon viel früher beginnt –  in vermeintlich normalen Situationen zwischen Mädchen und Jungen.

Liebe inklusive

Jetzt könnte man denken, dass in diesem Roman alle Jungs doof sind. Zugegeben viele sind es, aber Mathieu hat natürlich – erzähltaktisch clever – auch ein gutes Exemplar in die Geschichte eingebaut. Seth, der gut aussehende Neuzugang an der Schule, findet die Moxie-Zines klasse, noch bevor herauskommt, von wem sie eigentlich stammen. Und er mag Viv und unterstützt sie. So wird der durchaus aufregende Kampf um Gleichbehandlung und Gleichberechtigung von diesem Liebes-Plot-Strang begleitet. Ganz im Sinne: Frau kann Feministin sein und trotzdem einen Mann lieben. Hier gleitet es vielleicht ein bisschen ins Klischee, doch wenn es jungen Mädchen die Angst nimmt, sie würden allein bleiben, wenn sie sich feministisch betätigen, hat das durchaus seine Berechtigung. Und es zeigt zudem, dass auch Jungs sich für den Feminismus und die Gleichberechtigung begeistert können. Auch das ein Thema, das noch viel zu wenig dargestellt wird.

Jennifer Mathieu: Moxie – Zeit, zurückzuschlagen, Übersetzung: Alice Jakubeit, Arctis Verlag, 2018, 352 Seiten, ab 14, 16 Euro

Vorbildhaft

Ich stelle hier ja in unregelmäßigen Abständen – also eigentlich immer, wenn mir eine entsprechende Publikation unterkommt –  Bücher über den Widerstand während der Nazi-Diktatur vor. Sei es über die Weiße Rose, die Edelweißpiraten oder die Meuten in Leipzig. Das kann anscheinend auch gar nicht oft genug geschehen, betrachtet man die virtuelle Aufregung, die dieser Tage um den Hashtag #nazisraus und die Morddrohungen an eine Journalistin durchs Netz lief. Die Selbstverständlichkeit von #nazisraus ist heute also keine Selbstverständlichkeit mehr – und das muss zu denken geben. Umso wichtiger ist es, die Fakten und Geschehnisse der Nazi-Diktatur zu kennen und auch die Formen des damaligen Widerstandes zu würdigen. Ein neues Puzzelteil in diesem immensen Geschichtsbild kommt nun also mit einem neuen Werk über eine noch ziemlich unbekannte Widerstandsgruppe hinzu, eine Gruppe Erfurter Jugendlicher. In der Graphic Novel Nieder mit Hitler oder Warum Karl kein Radfahrer sein wollte erzählen Jochen Voit und Hamed Eshrat die Geschichte von Karl Metzner und dessen Freunden.

Widerstand in Erfurt

Ausgelöst durch eine Kontrolle am Grenzübergang Friedrichstraße in Berlin, erinnert sich der erwachsene Karl an seine Jugend während der Nazizeit in Erfurt. War er anfangs noch ein begeisterter Pimpf und Fan von Radlegende Erich Metze, kommen dem Jungen jedoch bald schon Zweifel am System. Dachten er und seine Freunde zunächst noch, sie könnten die Welt verändern, bringt der Krieg die ersten schlechten Nachrichten: Der Bruder von Jochen wird vermisst, später kommt die Todesnachricht.
Langsam und stetig untergraben die wachsenden Zweifel die Loyalität der Jungen zum Staat. Sie reißen Witze über Hitler, zeichnen hochverräterische Bilder an die Schultafel und tuen sich im Sommer 1943 endgültig als Gruppe zusammen, die gegen den Krieg und den Führer kämpfen will. Die Jungs hören Radio Moskau, tippen Flugblätter einzeln ab, werfen sie aus der Straßenbahn. Jede Aktion für sich ist gefährlich und kann übelst bestraft werden. Doch alles geht gut, bis Joachim sich verplappert …

Niemand ist zu jung für den Widerstand

Auch wenn die fünf Erfurter Jungs nicht so spektakulär verurteilt wurden wie die Mitglieder der Weißen Rose, so ist es doch wichtig, an sie und ihre Aktionen zu erinnern. Denn sie machen deutlich, dass man nie zu jung ist, um sich zu wehren – die Jungs waren 17 als sie die Flugblätter verteilten. Und vor allem aber zeigt diese Geschichte, dass jeder seinen Beitrag zum Widerstand, und sei er noch so klein und örtlich beschränkt, leisten kann, damit das Unrecht nicht weiter regiert.

Karl Metzner hat später den Widerstand als evangelischer Pfarrer in der DDR weitergeführt, hat sich nicht einschüchtern lassen und sich geweigert, bei der Stasi mitzuarbeiten. Eine bewundernswerte Haltung, für die man Mut und Kraft braucht. Und an der wir alle uns ein Beispiel nehmen können.

Jugendliche Leser_innen finden hier ein diskussionsförderndes Beispiel eines deutschen Lebens ins zwei Diktaturen. Auch wenn die DDR-Zeit nur in den Rahmenhandlungspanels angedeutet wird, so sind diese Passagen überaus aussagekräftig. Das liegt auch an der Farbgebung der gesamten Graphic Novel. Comiczeichner Eshrat färbt nämlich die Panels, die in der Nazi-Zeit spielen in gedeckten bräunlichen Schlammfarben (die Symbolhaftigkeit ist offensichtlich). Die Passagen, die während der DDR-Zeit in einem Verhörraum spielen sind hingegen in ein trockenes Mausgrau getaucht, was die Bedrückung der zweiten Diktatur in Deutschland ohne Worte auf den Punkt bringt.
Mit diesem Werk ließe sich der Geschichtsunterricht in den Schulen sicherlich anschaulich und Augen öffnend gestalten.

Eine wahre Geschichte

Autor Jochen Voit hat der Graphic Novel dankenswerterweise einen Anhang mit dem historischen Hintergrund dieser wahren Geschichte beigefügt. So finden die Leser_innen hier Fotos, Texte und Dokumente von und über die fünf Jungen, die so nach langer Zeit wieder ins Bewusstsein rücken. Diesem Buch liegt ein dreijähriges Forschungsprojekt der Universität Erfurt zugrunde, in dessen Rahmen auch ein 25-minütiger Film und eine wissenschaftliche Publikation entstanden sind. Infos dazu finden sich auf der Website www.nieder-mit-hitler.de.

Und wenn heute #nazisraus keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sondern bereits zu einem Zeichen des Widerstandes wird, dann möge es bitte mehr davon geben – aber nicht nur virtuell im Netz.

Jochen Voit/Hamed Eshrat: Nieder mit Hitler! Oder Warum Karl kein Radfahrer sein wollte, avant-verlag, 2018, 152 Seiten, ab 14, 20 Euro

Vulvadialoge

girlsplainingMansplaining – dieser Begriff kursiert seit einiger Zeit in Diskussionen immer häufiger und kennzeichnet das unsägliche Verhalten mancher Männer, den Frauen von oben herab die Welt oder sonst etwas erklären zu wollen.

Seit diesem Herbst gibt es aber auch Girlsplaining – etwas, das wir dringend brauchen, als Begriff, aber auch in Form dieser Comic-Sammlung von Katja Klengel.

Comickünstlerin Klengel versammelt in diesem Band noch einmal ihre Kolumnen, die sie für das Online-Magazin Broadly gezeichnet hat. Und das ist hervorragend, denn an mir – und vielleicht auch anderen – ist Broadly bis jetzt vorbeigegangen (etwas das ich aber ändern werde). Nun also, können wir sieben Geschichten offline genießen und uns in ihnen wiederfinden.

Vom Alltagssexismus

Klengel erzählt darin von dem Alltagssexismus, den die meisten Frauen seit ihrer Kindheit erlebt haben dürften, beispielsweise die Anmache im Imbiss, aber auch von der Schamhaftigkeit der Eltern, wenn weibliche Geschlechtsmerkmale nicht benannt werden und alle einen sprachlichen Bogen um Ausdrücke wie Vulva, Scheide, Vagina, Schamlippen machen, so als handelt es sich dabei um den Namen Voldemort. Klengel veranschaulicht, wie Jungs auf weibliche Körperbehaarung reagieren, wie unsensibel Frauen auf das Thema Kinderkriegen angesprochen werden und welche Fallen in der Spielzeugabteilung lauern. Sie scheut nicht davor zurück eine vollgeblutete Binde abzubilden und das Vorsatzpapier des Buches mit Zeichnungen von unterschiedlichsten Schamlippen zu verzieren. Damit liegt sie voll im Trend, der sich in Büchern wie Ebbe und Blut von Luise Strömer, Sex von Chusita oder Der Ursprung der Welt von Liv Strömquist zeigt.

Bewusstsein für den eignen Körper

Ihre Geschichten, in ironisches Altrosa gefärbt, kommen an der Oberfläche witzig daher, erwischen die Leser_innen dennoch eiskalt, da jede diese Situationen so oder ähnlich schon mal erlebt hat. Klengel schärft damit auf großartige Weise das Bewusstsein der Mädchen und Frauen für ihren eigenen Körper, ihren Umgang damit, ihre Sprache und ihr Verhalten in der Öffentlichkeit.
Denn viel zu oft stehen wir da, hören einen sexistischen Spruch und wissen auf die Schnelle keine passende Antwort. Meist reagieren wir dann mit einem verschämtem Kichern und ärgern uns hinterher. Dass frau auf blöde Anmachen nicht mit einem coolen Spruch reagieren muss, sondern dass ein einfaches „Bitte lassen Sie solche Bemerkungen!“, wie Klengel vorschlägt, schon reicht, ist eine enorme Erleichterung. Keine von uns muss schlagfertig sein, wenn sie belästigt wird. Wir müssen uns nicht auf die witzige Tour revanchieren, und damit das Geschehen ins Lächerliche, also ins Unerhebliche ziehen. Es hilft auch nichts, den Männern über Witze klar machen zu wollen, dass ihr Benehmen inakzeptabel ist. Offenheit und direkte Botschaften sind da viel angebrachter – schließlich muss frau damit die vergurkte Erziehung der Herren ausgleichen. Auch in diesem Sinne ist Klengels Buch so wichtig: Je sensibler die Mädchen und Frauen in Bezug auf sich selbst und ihren Körper sind, umso besser können sie – hoffentlich – ihre Söhne erziehen, zukünftig respektvoller mit Frauen umzugehen.

Medienkritik

Fast wie nebenher gelingt Klengel zudem eine Kritik der Medien und unserer Sehgewohnheiten, indem sie ihre Überlegungen in Szenen aus TV-Serien einbaut, sie beispielsweise auf die Kommandobrücke von Raumschiff Enterprise verlegt, als Gespräch mit den Ladys aus Sex and the City erscheinen lässt, oder Anspielungen an Bridget Jones und Harry Potter einflechtet. Der Wiedererkennungseffekt ist hoch, und das heimelige Gefühl, den eigenen Serien- und Filmkonsum hier wiederzufinden, erfreut bei der Lektüre. Doch wieder wird das Bekannte gebrochen, Klengel legt den Zeichenstift in die offensichtlichen Schwachpunkte dieser Produktionen, sodass einem die Stereotypen aus den Serien und Filmen entgegenprallen und uns sensibilisieren, bei den nächsten Binge-Watching-Abenden die dargestellten Figuren genauer unter die Lupe zu nehmen.
Glücklicherweise liefert Klengel in einem Nachwort die Bücher, Serien und Filme, die sie bei ihrer Arbeit inspiriert haben, und die eingefleischte Sehgewohnheiten immer noch aufbrechen können.

Der edition f hat sie zudem ausführlich Fragen zu ihrer Arbeit und ihrer Haltung beantwortet. Nachzulesen ist das Interview hier. Bleibt zu hoffen, dass auf Broadly und später in gedruckter Form noch mehr dieser augenöffnenden Geschichten folgen.

Katja Klengel: Girlsplaining, Reprodukt, 2018, 160 Seiten, ab 14, 18 Euro

Bunt statt eintönig

Willkommen bei der Nummer 20 des Kinderbuchblogger-Adventskalender! Heute könnt Ihr zwei Exemplare des Bilderbuches Vorsicht, roter Wolf! des italienischen Autors und Illustrators Marco Viale gewinnen.

Unter Wölfen

In dem großen quadratischen Buch erzählt Viale von der Stadt der blauen Wölfe, in der alles sehr geordnet und geregelt zugeht. Die Blauen Wölfe hassen Überraschungen, benutzen nur blaue Stifte, pinkeln zu festgelegten Zeiten blauen Pipi und wissen montags schon, was sie sonntags essen werden. Alles ist geregelt, aber auch ziemlich langweilig. 
In diese blaue Gleichförmigkeit bricht eines Tages ein roter Wolf ein, auf einem Fahrrad. Das pfeifende Exemplar bringt Unordnung und zunächst Empörung, denn so viel Rot haben die blauen Wölfe noch nie gesehen. Ist so etwas überhaupt erlaubt? Die Blauen Wölfe fahren alles auf, was gegen diesen Eindringling hilft, Taucher, Panzer, Krankenwagen, sie konsultieren die Gesetze und Verkehrsverordnungen. Doch sie finden nichts, was das Rot und das Pfeifen und das Dasein des Roten Wolfes verbieten kann.
Und auf einmal merken die Blauen Wölfe, wie schön es sein kann, mal etwas Zeit zu verbummeln, nach Lust und Laune zu pfeifen, und auch mal zu lächeln. Auf einmal hat kaum noch ein Blauer Wolf Bauchschmerzen.

Ein Hoch auf die Lebenslust

Ich durfte dieses wunderbare Buch übersetzen und bin immer noch total hingerissen, mit wie wenigen Sätzen und Zeichnungen Viale es schafft, ganz jungen Bilderbuchschauenden zu verdeutlichen, wie schön Abwechslung und Diversität im Leben sind! Klar, mag es einfach sein, wenn alles geregelt ist und man immer weiß, was einen erwartet. Doch Spaß macht es zumeist nicht und Bauchschmerzen können sehr schmerzhaft sein. Die Erinnerung bzw. die offene Aufforderung an uns alle, dass es schöner, lustiger und lebenswerter ist, wenn wir nicht alle gleich sind und im Takt marschieren, kann man Kindern eigentlich nicht früh genug offenbaren.
Gerade in Zeiten, in denen Grenzen geschlossen, Anderes und Fremdes ausgeschlossen und mit hasserfüllten Worten abgelehnt wird, in Zeiten, in denen die verbale und die konkrete Gewalt wieder zunehmen, müssen wir uns dagegen stellen, dass Blaue Wölfe uns beherrschen. Da mag der Titel Vorsicht, roter Wolf! die Leser_innen zwar fast in die Irre leiten, denn nicht den roten Wolf sollten wir fürchten. Doch hinter dieser nur scheinbar schlichten Bilderbuchgeschichte lauert politisches Potential – alle weiteren Assoziationen dürft Ihr nun gern selbst ergänzen …

Klare Farben, tanzende Buchstaben

Viale jedenfalls schafft es, nur mit den Farben Blau, Rot und Gelb, mit zum Teil geschwungenen Zeilen, aus der Reihe tanzenden Buchstaben und kleinen Details bei den Betrachter_innen Welten zu eröffnen, die über die Seiten dieses Buches hinausgehen und die heutzutage wohl wichtiger sind denn je.

Falls Ihr mit diesem Buch noch mehr Vielfalt und Buntheit in die Regale Eurer Kinder bringen wollt, schreibt bis zum 21.12.2018, 24 Uhr, hier unten einen Kommentar, wie Ihr die Vielfalt feiert. 
Ich werde dann aus allen Kommentaren zwei Gewinner_innen auslosen.

Viel Glück!

Noch bis heute Abend 23.59 Uhr könnt Ihr bei Mint & Malve Mathilda und Herr Mond gewinnen, und morgen öffnet dann Kids & Cats das nächste Türchen.

Marco Viale: Vorsicht, roter Wolf!, Übersetzung: Ulrike Schimming, Sauerländer, 2018, 36 Seiten, ab 4, 16,99 Euro

Teilnahme an der Verlosung ab 18 Jahren. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner_innen werden per E-Mail informiert und hier und auf Facebook bekannt gegeben. Der Versand erfolgt nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. 

Update am 22.12.2018:

Liebe Teilnehmerinnen,

herzlichen Dank für Eure zahlreichen Kommentare! Es war mir ein Fest und es freut mich ungemein, dass Vielfalt hier so groß geschrieben wird. 
Der Zufallsgenerator hat nun die zwei Gewinnerinnen ausgewählt: Mary Lou und Karin bekommen in den Tagen nach Weihnachten dann je ein Exemplar von „Vorsicht, roter Wolf!“ zugeschickt. Die beiden haben gerade eine E-Mail von mir bekommen.

Euch allen wünsche ich nun entspannte Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Möge es für uns alle vielfältig, bunt und lebensfroh werden!

Liebe Grüße

ulrike

 

 

Eine behutsame Annäherung an den Holocaust

Vor ein paar Tagen veröffentlichte CNN eine Studie über die Kenntnis des Holocaust in Europa. Das Ergebnis ist schlichtweg erschreckend. Ein Drittel der jungen Befragten gab an, nichts oder wenig über die systematische Vernichtung der Juden während der Nazi-Zeit zu wissen. Ich frage mich, wie das sein kann, da dieses Kapitel der deutschen Geschichte eigentlich im Schulunterricht durchgenommen wird. Doch scheinbar reichen ein paar Stunden im stressigen Schulalltag nicht aus, um nachhaltig aufzuklären. Ich kann nur vermuten, dass man Kinder schon viel früher und kontinuierlicher für diese Geschehnissen sensibilisieren sollte. Doch wie bringt man Kindern den Holocaust näher, ohne sie zu traumatisieren? Wann kann man damit anfangen, sie mit dem dunkelsten Kapitel Deutscher Geschichte bekannt zu machen?

Bis jetzt hatte ich nie eine Antwort darauf – war aber auch noch nie in der Situation, es tun zu müssen. Doch meine Nichte wächst heran und bekommt von unserer Welt sehr viel mit, so wie es für Kinder eben üblich ist.
Dank Myriam Halberstam vom Ariella Verlag bin ich nun auf eine Geschichte zu diesem Thema gestoßen, die für Kinder ab 9 Jahren geeignet ist.

Marishas Leben während der Nazi-Besetzung

In dem Buch Marisha – Das Mädchen aus dem Fass erzählt Autorin Gabriele Hannemann einfühlsam die Kindheitserlebnisse von Malka Rosenthal nach.
Malka, die in den 1930er Jahren in Polen in einer bürgerlichen Familie behütet aufwuchs, ihren Hund und den großen Garten des Hauses liebte, muss nach dem Einmarsch der Deutschen ins Ghetto ziehen. Schlagartig verändert sich das Leben der damals Siebenjährigen. Sie erlebt die Enge und die Entbehrungen im Ghetto, den Hunger und wie die jüdischen Mitbürger gezwungen werden, den Davidstern an ihrer Kleidung zu tragen. Nicht alles versteht das Mädchen, doch sie bekommt mit, wie die deutschen Soldaten im Hof des Hauses auch Kinder, darunter ihren kleinen Bruder, erschießen.
Die Mutter trichtert Marisha immer wieder ein, dass sie sich die Adresse der Tante Leah in Israel merken soll. Und wie ein Mantra wiederholt das Mädchen diese immer wieder – was unter anderem auch zu ihrer späteren Rettung beiträgt.

Doch bis es so weit ist, flüchtet die kleine Familie aus dem Ghetto, versucht, sich zu verstecken. Doch erst opfert sich die Mutter für Mann und Tochter, dann muss auch der Vater sich von Marisha trennen. Er lässt sie bei Freunden zurück, die nur eine Person verstecken können. Im Kuhstall, in einem eingegrabenen Fass, findet Marisha eine dunkle, aber sichere Zuflucht und übersteht dort die Kriegsjahre, wächst zur Teenagerin heran.
Als schließlich ein Brief des Vaters sie erreicht, macht Marisha sich auf dem Schiff „Exodus“ auf einen langen Weg Richtung Israel.

Kindgerecht aufbereitet

Marishas Geschichte, in hautnah zu erlebender Ich-Perspektive geschrieben, berührt die Leser_innen ungemein. Sie zeigt eindrücklich, wie sehr Kinder im Krieg und auf langen Wegen in eine neue Heimat leiden. Nicht nur heute, sondern vermutlich seit Urzeiten, seit der Mensch Krieg führt und andere vertreibt. Hier jedoch bekommen kleine Leser_innen erstes Wissen über den Holocaust, ohne von seiner – selbst für Erwachsene kaum zu ertragenden – Grausamkeit überwältigt zu werden. Die Vernichtungslager werden nicht erwähnt, das Grauen schimmert dennoch durch, weshalb man die jungen Leser_innen mit dieser Lektüre nicht allein lassen sollte.
Marisha wird während des Lesens jedoch zu einer Kameradin, mit der man mitleidet und sich am Ende unglaublich mit ihr freut, dass sie den Weg zu ihrer Tante bewältigt und ein neues Leben in Israel beginnen kann.
Gleichzeitig wird deutlich, welche Schuld sich die Deutschen im zweiten Weltkrieg aufgeladen haben, die nicht vergessen werden darf.
Eindrucksvoll trotz all der Schrecken, die Marisha erleben musste, ist jedoch ihr unerschütterlicher Lebenswille und ihre Lebensfreude. Hätte sie die nicht gehabt, wer weiß, was dann geschehen wäre. So jedoch wird zu zu einem Vorbild für die heutigen Kinder und zu einer Mahnung, dass so etwas keinem Kind mehr passieren darf.

Authentische Erfahrungen

Die Geschichte ist mit zarten Illustrationen von Inbal Leitner versehen, aber auch mit Fotos aus dem Leben von Malka Rosenthal. Die schwarzweißen Aufnahmen stehen in einem angenehmen Kontrast zu den farbigen Bildern und verdeutlichen den Leser_innen einmal mehr, dass es sich hierbei nicht um eine erfundene Geschichte handelt, sondern um authentische Erfahrungen eines Mädchens, die heute über 80 Jahre alt ist, also die (Ur-)Großmutter der Leserschaft sein könnte.

Ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen des jüdischen Lebens rundet das Buch ab. Handreichungen für Lehrer sind in Planung, um mit Schülern der 4. oder 5. Klasse zu diesem Buch arbeiten zu können.
Ich habe die Hoffnung, dass Kinder, die mit solch einfühlsamen Geschichten an den Holocaust herangeführt werden, zum einen mehr darüber wissen wollen, zum anderen später nicht sagen werden, sie hätten nichts davon gewusst.

Gabriele Hannemann: Marisha. Das Mädchen aus dem Fass, Illustrationen: Inbal Leitner, Ariella Verlag, 2015, 80 Seiten, ab 9, 12,95 Euro

Der Adventskalender der Kinderbuchblogs 2018

AdventskalenderNach dem schönen Erfolg im vergangenen Jahr gibt es auch in dieser Vorweihnachtszeit wieder einen Adventskalender der Kinderbuchblogs!
Iniitiert von Anna Herrmann von Kinderbuch-Detektive und wundervoll illustriert von Constanze von Kitzing könnt Ihr vom 1. bis 24. Dezember jeden Tag ein virtuelles Türchen öffnen und mit etwas Glück ein Buch gewinnen.

Freut Euch auf ein rotes Paket, einen roten Wolf, einen Weihnachtsteufel, Wort-Akrobaten, süße Hasen, Back- und Bastelspaß, erfinderische Mäuse, einen Wunschbuchladen und viele andere herzerwärmende Geschichten.

Am einfachsten findet Ihr die jeweiligen Einträge, wenn Ihr dem Hashtag #kinderbuchadvent auf Facebook, Twitter und Instagram folgt.
Oder Ihr schaut hier nach, wann sich wo ein Türchen öffnet:
1.12. Kinderbuch-Detektive
2.12. Familienbücherei 
3.12. Papillionis liest
4.12. Kids & Cats
5.12. Bücherwelt von Corni Holmes
6.12. Buchverzückt
7.12. Favolina & Junior
8.12. Papillionis liest
9.12. Lütte Lotte
10.12. Geschichtenwolke
11.12. Mint & Malve
12.12. Kinderbuch-Fuchs
13.12. Buchwegweiser
14.12. Brigittes Kinderbuchblog
15.12. Juli liest
16.12. Buchverzückt
17.12. Lütte Lotte
18.12. Buchverzückt
19.12. Mint & Malve
20.12. Letteraturen – also hier an dieser Stelle …
21.12. Kids & Cats
22.12. Kinderbuch-Detektive
23.12. Favolina & Junior
24.12. Familienbücherei

Auf diesen Blogs findet Ihr in den kommenden Wochen Weihnachtliches, Lustiges, Besinnliches und viel zum Schauen und Staunen. Wir alle freuen uns auf Euch und Eure Kommentare! Macht mit, sagt es weiter, teilt es und habt Spaß!
Viel Glück und eine buchtastische Weihnachtszeit!

Coole Comics für Kids

Wenn Wünsche wahr werden … so träumen wir im Leben von möglichen und unmöglichen Dingen. Manchmal rühren wir keinen Finger, um bei der Wahrwerdung mitzuhelfen, manchmal setzen wir Himmel und Hölle in Bewegung – und genau das macht Toni in dem gleichnamigen Comic von Philip Wächter.

Denn Toni wünscht sich nichts sehnlicher als die coolen Blink-Funktion-Fußballtreter seines Idols Renato Flash, für schlappe 80 Euro. Die Diskussion mit Mama um neue Fußballschuhe läuft jedoch ins Leere, Opa ist mehr an seiner neuen Lesebrille interessiert und als Mama zu allem Überfluss auch noch beschließt, Weihnachten ohne Geschenke zu feiern, muss Toni aktiv werden. Und Geld verdienen. Voller Elan macht er sich ans Werk. Er verteilt Flyer, führt den Hund der Nachbarin aus, veranstaltet einen Flohmarkt und versucht es mit Straßenmusik.
Doch bei allem lauern die Tücken: Die Kumpels, die beim Flyerverteilen helfen, haben hinterher Hunger. So geht der Verdienst bei einer Runde Pommes drauf, das Strafgeld für den nicht-beseitigten Hundehaufen (weil Toni die Gassitüte zerplatzen ließ) reduziert den Stundenlohn, lustige Songs über Chinesen mit Kontrabässen bringen in der Weihnachtszeit auch nicht viel ein … Mit anderen Worten: Toni lernt eine Menge über Wünsche, Arbeiten und die Unvorhersehbarkeiten des Lebens – als er nämlich ein richtige nettes Mädchen kennenlernt.

Auch dass Betteln keine Alternative ist, um an Geld zu kommen, macht ihm Mama unmissverständlich klar. Stecken doch hinter jedem Menschen, der auf der Straße sitzt, dramatische und traurige Schicksale.

Charmant erzählt, luftig gezeichnet bringt Philip Wächter jungen Comic-Lesenden wichtige Lektionen des Lebens, des Konsums und des Miteinanders näher. Nicht alle Wünsche können einfach so erfüllt werden, schon gar nicht, wenn die Eltern es nicht so dicke habe, und selbst wenn – sobald man sich selbst für etwas ins Zeug legt, Hindernisse überwindet und sein Möglichstes tut, steigt die Wertschätzung für das Erlangte mächtig. Und das gilt dann nicht nur für neue Schuhe, sondern für alle Ziele, die man sich setzt, und auch für die Menschen, die sich für solche Ziele einsetzen.

Das darüberhinaus die menschlichen Begegnungen – das spontane Fußballspiel, die Suche nach der richtigen Mütze – der viel bereicherndere Aspekt im Leben ist, zeigt sehr eindrücklich, dass Geld allein eben doch nicht glücklich macht. Und für diese Botschaft ist kein Kind zu klein.

Um Geld geht es auch bei Akissi von Marguerite Abouet und Mathieu Sapin so gar nicht, um Wünsche hingegen schon.

Akissi lebt zusammen mit ihren Eltern und dem größeren Bruder Fofana in einem Dorf der Elfenbeinküste. Sie spielt gern Fußball und lässt sich dabei und ganz generell von den Jungs nicht einschüchtern. Zudem liebt sie Bonbons und Kino und hätte gern eine kleine Schwester oder wenigstens ein Haustier.

In neun Geschichten entfalten Abouet und Sapin ein alltägliches Kinderleben in Afrika – jenseits von Krieg, Gewalt und Hunger. Zwar gibt es durchaus Dinge, die natürlich anders sind als in Europa – die Lehrer züchtigen die Schüler, Mäuse huschen durchs Haus, fremde Erwachsene werden respektvoll Onkel und Tante genannt – aber die Kinder sind genauso frech, verspielt, lebhaft, übermütig und quirlig wie überall auf der Welt. Sie verehren Superhelden, glotzen heimlich Fernsehen, haben Läuse, ärgern sich gegenseitig und bringen die Erwachsenen manchmal zur Weißglut. Das ist liebenswert und lustig, und trotz aller Unterschiede auch sehr vertraut.

Muss ich hier darauf eingehen, dass bei Akissi natürlich alle Figuren dunkelhäutig sind? Die Geschichten spielen an der Elfenbeinküste, also ist das nur logisch. Hiesigen Kindern wird es hoffentlich egal sein – zumal mit diesem Buch endlich einmal die Kinder mit afrikanischen Wurzeln richtige Identifikationsmöglichkeiten bekommen, etwas, was in den rein weißen Produktionen für diese Zielgruppe immer noch viel zu selten vorkommt. Werden diese und Kinder aus anderen Regionen der Welt eigentlich als Zielgruppe mitgedacht? Es scheint nicht so … und sollte sich schleunigst ändern!

Denn neben der Erinnerung, dass Kinder überall auf der Welt ähnlich ticken, ist Akissi eine quietschbunte Aufforderung an alle Büchermachende noch mal genauer über kommende Leser_innen nachzudenken. Wir sind schon lange keine homogene Gesellschaft mehr – waren es vermutlich nie – und das sollte sich in den Büchern, die wir lesen noch sehr viel mehr spiegeln. Und im Bilder- und Kinderbuchbereich nicht immer über die Aushilfslösung unterschiedlichster Tierfiguren. Was im Genre der Tierbücher geht, sollte doch für die Produktion von Büchern mit menschlichen Heldinnen eigentlich selbstverständlich sein.

Philip Waechter: Toni und alles nur wegen Renato Flash, Beltz & Gelberg, 2018, 64 Seiten, ab 6, 14,95 Euro

Marguerite Abouet/Mathieu Sapin: Akissi – Auf die Katzen, fertig, los!, Übersetzung: Ulrich Pröfrock, Reprodukt, 2018, 96 Seiten, ab 8, 18 Euro

Packende Geschichtsstunde in Mogelpackung

ostpreußenEin Pferdebuch auf LETTERATUREN? Das gab’s in sieben Jahren noch nie. Ja, genau, klassische Pferdegeschichten kommen hier eigentlich nicht vor, aber bei Anne C. Voorhoeves neuem Roman darf man sich auf gar keinen Fall von Titel und Cover täuschen lassen.

Gefährten für immer erzählt zwar auch von Pferden, von den Trakehnern Ostpreußens, doch es ist nicht die klassische Kombination von ein Mädchen plus ein Pferd gleich Freunde für immer. Denn hier geht es um die 14-jährige Lotte, die im Sommer 1943 von ihrem blinden Vater nach schweren Bombenangriffen auf Hannover auf den Pferdehof Waldeck in Ostpreußen geschickt wird. Zur Sicherheit. Denn eigentlich will Lotte nicht weg, da ihr Vater nicht allein zurecht kommt und sie gerade erst in den Trümmern fast verschüttet worden war und nun weiß, wie hilflos ein Mensch sich im Krieg und im Dunkel fühlen kann. Doch der Vater bekommt Hilfe von einer Nachbarin, die seit dem Tod von Lottes Mutter ein Auge auf den Vater geworfen hat.
An ihrem letzten Tag in der Stadt, an dem Lotte sich von ihren Freunden verabschiedet, begegnet sie Georg, einem Klassenkameraden, dessen Vater als Kommunist im KZ in Dachau sitzt. Innerhalb von wenigen Stunden, die die beiden in den Trümmern Hannovers zusammen verbringen, entwickelt sich eine Freundschaft, die auch über die Entfernung halten soll.

Mit all diesem psychischen Gepäck kommt Lotte wenig später in Waldeck bei Antonia, einer Freundin ihrer verstorbenen Mutter an, die der Familie die Hilfe angeboten hat. Lotte mag Antonia, doch das hilft ihr nur bedingt, sich an das Leben auf dem Hof zu gewöhnen. Im Pferdeland Ostpreußen dreht sich nämlich alles um die geschätzten Trakehner, und das Reiten ist eine unabdingbare Voraussetzung. Lottes Reitkünste sind jedoch ziemlich beschränkt. Und so blamiert sie sich beim ersten Ausritt. Emilia, Antonias Nichte, ebenfalls 14, verspottet das Stadtkind – und es sieht nicht so aus, als könnten die beiden Mädchen Freundinnen werden, wie Antonia es sich gewünscht hat.
Stattdessen soll zunächst Harro, 17, Sohn des ehemaligen Verwalters, Lotte den Umgang mit den Pferden inklusive Reiten und Springen beibringen. Die beiden verbringen Zeit bei Ausritten in den Weiten Masurens, baden in den Seen – und Lotte verknallt sich in den gut aussehenden Jungen. Doch auch Emilia ist in Harro verliebt.
In dieser Konstellation verbringt Lotte ein Jahr auf Waldeck. Anfangs ist der Krieg scheinbar weit weg, zu schön, zu idyllisch ist die Landschaft, zu wichtig die Arbeit mit den Pferden. Doch rasch begreift Lotte, dass hier jede Familie bereits Angehörige im Krieg verloren hat, dass die Zwangsarbeiter nicht ohne Grund auf dem Hof sind, und alle Männer und Jungen fürchten, jederzeit eingezogen werden zu können.

Die Idylle zerfällt. Antonia hört alliierte Radiosender, um über die wirkliche Lage im Krieg besser unterrichtet zu sein. Den Durchhalteparolen und Falschinformationen der Nazis schenken immer weniger Menschen Glauben. Doch Kritik darf man nicht äußern, zu groß ist die Gefahr, verraten und drakonisch bestraft zu werden. Das Leben auf dem Hof wird immer schwieriger. Antonia beschließt, einen Teil ihrer Pferde nach Pommern zu evakuieren – und die Jugendlichen als Begleitung mitzuschicken.
So verlassen Lotte, Emilia und Harro im Herbst 1944 Ostpreußen und landen auf dem Lindenhof bei Stettin, wo Harros Vater und Emilias Mutter, die vor Jahren für einen Skandal auf Gut Waldeck gesorgt haben, zusammen leben. Hier hoffen die drei, dass Antonia mit den Bewohnern Waldecks, darunter Harros Mutter, und den restlichen Pferden zu ihnen stoßen wird. Doch Ostpreußens Gauleiter Koch hat unter Strafe verboten, die Provinz zu verlassen.
Ein eiskalter Winter bricht an, und Anfang 1945 greifen die Russen ultimativ an.
Endlose Flüchtlingstrecks machen sich auf den Weg in den Westen. Als auch Gräfin von Dobschütz, eine gute Freundin Antonias, den Lindenhof auf ihrem Hengst erreicht, erfahren die Jugendlichen, dass Ostpreußen unwiederbringlich verloren ist.

Mehr und mehr merkt Lotte zudem, dass sie – anders als auf Waldeck – nicht mehr zur Gemeinschaft von Lindenhof, der Familie von Harro und Emilia, dazugehört. Für sie wird es Zeit wieder nach Hannover zurückzukehren. Sie kann Gräfin von Dobschütz überzeugen, sie auf dem zweiten Pferd der Gräfin mit nach Westen reiten zu lassen. Entbehrungsreiche Wochen durch Schnee und Kälte beginnen.

Anne C. Voorhoeve, bekannt für die Romane Unterland und Nangking Road, führt auch hier wieder die jugendliche Leserschaft in die düsteren Kapitel deutscher Geschichte. In einem komplexem Plot verpackt sie die Schrecken von Bombenangriffen, Verlust der Heimat und die Verbrechen der Nationalsozialisten auf feinfühlige, aber dennoch eindrückliche Art. Sie erinnert an das alte Leben in Ostpreußen, an den Stolz der Trakehner-Züchter und räumt neben all der Trauer um Menschen und Orte auch den Tieren ihren Raum ein.
Da sie Lotte als Ich-Erzählerin agieren lässt, die sich entweder an Schreckliches erinnert (das Verschüttetsein) oder von anderen die Schrecknisse erzählt bekommt, mildert Voorhoeve das Grauen für die Leser_innen gekonnt ab. So bekommen sie zwar einen Eindruck, was vor allem im Winter 44/45 in Ostpreußen passiert ist, werden aber nicht durch die Gräueltaten traumatisiert. Diese erzählerische Gratwanderung ist hervorragend gelungen.

Die Figur der Gräfin Dobschütz ist zudem eine ganz wunderbare Hommage an Marion Gräfin von Dönhoff, deren eigene Flucht per Pferd nach Westdeutschland hier Pate stand. Realität und Fiktion verweben sich zu einer eindrucksvollen Erzählung, die die Geschichte lebendig werden lässt und die Erinnerung an Menschen und Orte bewahrt.

Das Einzige, was ich nicht gelungen finde, sind, wie schon angedeutet, der Titel und das Cover. Dass es dort nicht einen Hinweis auf den historischen Hintergrund der Geschichte gibt, grenzt für mich schon fast an Lesertäuschung und suggeriert, dass hier eine klassische Mädchen-Pferde-Geschichte erzählt wird. Ich möchte mir die Enttäuschung der Mädchen nicht ausmalen.
Wobei man sich dabei zudem fragen könnte, warum die Geschichte über diese Kombination so angelegt wurde, dass sie für Jungs nicht mehr interessant ist. Dabei besteht die Enkel- und Urenkelgeneration der aus Ostpreußen Geflüchteten ja nicht nur aus Mädchen. Umso mehr würde es mich freuen, wenn auch Jungs den Mut hätten, sich auf diese Geschichte einzulassen – denn das Erzählte geht sie genauso an.

Anne C. Voorhoeve: Gefährten für immer, Sauerländer, 2018, 480 Seiten, ab 13, 17 Euro

Zeitreise nach Ostberlin

krauseWir nähern uns ja schon wieder den Jahrestagen, und in gar nicht all zu langer Zeit „nullt“ der Mauerfall. Jaja. Dreißig Jahre ist es dann her, dass die DDR sich abschaffte und der Westen zugriff. Wir Älteren erinnern uns noch, so einigermaßen. Die Jüngeren, die nach der Jahrtausendwende Geborenen, kennen höchstens unsere Anekdoten und die „Damals-war-alles-anders“-Geschichten. Nicht immer können wir (ich als Westfrau schon mal gar nicht) das Gefühl, wie es denn in dieser DDR wirklich war, noch mitreißend vermitteln. Mag sein, dass es Ost-Groß-Eltern noch gelingt, aber allen anderen?

Eine spannende Version hat nun Ute Krause vorgelegt mit ihrem Kinder-Roman Im Labyrinth der Lügen. Darin versetzt sie junge Leser_innen in die Mitte der Achtziger Jahre nach Ostberlin. Paul, 12, wohnt bei seiner Großmutter und seinem Onkel Henri, nachdem seine Eltern versucht haben, über Ungarn das Land zu verlassen. Sie sind erwischt und eingesperrt worden. Nun bekommt Paul die Nachricht, dass seine Eltern von der Bundesrepublik freigekauft wurden.

Natürlich ist ihm nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass er seine Eltern vielleicht nie mehr wiedersehen wird. Doch seine Oma und Onkel Henri tun ihr Bestes, damit der Junge nicht verzweifelt. So darf Paul den Onkel abends im Pergamonmuseum besuchen, wenn Oma im Hotel Metropol als Klofrau arbeiten muss. Allein im Museum, nur mit Onkel Henri, das ist aufregend und gruselig zugleich. Paul meint ungewöhnliche Geräusche zu hören. Der Onkel jedoch beruhigt ihn – versucht er zumindest.

Das gelingt jedoch nur mäßig, vor allem seit Paul die neue Mitschülerin Millie kennengelernt hat, deren Vater im Berliner Ensemble arbeitet. Gemeinsam streifen die beiden durch das Ostberlin rund um die Museumsinsel, beobachten, wie Onkel Henri ein merkwürdiges Paket hin- und herträgt, und fangen an, sich Fragen zu stellen: Zu dem, was die Erwachsenen ihnen erzählen, was Henri wohl verbirgt, über was man reden und worüber man am besten schweigen sollte. Sie vertrauen einander, doch irgendwo ist ein „Leck“ und eines Tages ist die Wohnung von Oma durchwühlt und Onkel Henri verschwunden.

Man könnte nun annehmen, es hier mit einer aktuelleren Version von Emil und die Detektive oder Pünktchen und Anton zu tun zu haben. Doch dem ist nicht so – denn in dem System der DDR bleibt den Kindern nicht viel Spielraum, selbst zu ermitteln. Zu schnell stoßen sie im eigenen Land an Grenzen, und sei es, dass Paul sogar am heimischen Küchentisch nicht mehr laut und unbeschwert reden kann, weil die Wohnung verwanzt ist.
So lösen am Ende zwar nicht die Kinder das Rätsel um Henri – es wird ihnen dann doch von den Erwachsenen erzählt –, aber sie und mit ihnen die Leser_innen bekommen einen fesselnden Eindruck davon, wie sehr vor mehr als dreißig Jahren die Atmosphäre in Ost- und Westberlin durch Misstrauen und Überwachung vergiftet war: Nicht linientreue Mitbürger wurden abgestraft, indem sie ihre Jobs oder Studienplätze verloren, Privatsphäre selbst in der eigenen Wohnung existierte so gut wie nicht und wenn jemand das Land verlassen wollte, wurde die Familie quasi in Sippenhaft genommen. So musste Paul eine Zeit in einem Kinderheim verbringen, ohne dass seine Oma wusste, wo der Junge eigentlich war. Eine schreckliche Vorstellung, die jedoch die Härte des DDR-Systems noch einmal eindrücklich zeigt, da nicht einmal vor den Kindern Halt gemacht wurde.

Fast nebenbei gelingt es Ute Krause zudem den Fremdenhass, den es offiziell in der DDR nicht gab, der jedoch im Alltag spürbar gewesen ist, einzuflechten. Das Mädchen Millie hat nämlich eine kubanische Mutter und daher dunkle Haut und schwarze Haare, was sie auffällig macht und ihr den Spott der Mitschüler einbringt.

Diese Facetten des DDR-Alltags verwebt Krause in Kombination mit einem Rätsel um das Pergamonmuseum zu einer fesselnden Agentengeschichte, der – zumindest für mich als Westsozialisierte – die beklemmende Atmosphäre des Stasi-Staates durchaus anhängt. Vielleicht sehen die in der DDR aufgewachsenen Menschen das anders – es wäre eine interessante Diskussion.

Im Glossar finden sich schließlich die Erklärungen zu den wichtigsten Begriffen aus DDR-Zeiten, die erwachsene Leser im Text vermutlich überhaupt nicht stören, weil sie altbekannt sind, die Kinder von heute jedoch irritieren können.
Schön ist zudem, dass im Vorsatz vorn und hinten Karten von der Museumsinsel und von Osterberlin eingefügt sind. Eine Karte des geteilten Deutschlands ergänzt diesen geografischen Überblick, der noch einmal das veranschaulicht, was heute in der Landschaft des Grünen Bandes und auf dem Mauerstreifen in Berlin kaum noch zu erkennen ist und man nur noch sieht, wenn man etwas darüber weiß.

Eins darf man bei diesem Buch allerdings nicht: sich von dem Cover abschrecken lassen. Mir sagt die Fotomontage aus sommerlich gekleidetem Jungen der Gegenwart vor der Rykestraße aus DDR-Zeiten in einer Farbgebung aus den Siebzigern nicht zu, auch wenn ich die Rykestraße sehr schön finde.  Zumal – jetzt werde ich mal wieder pingelig: An den Bäumen in der Straße sind keine Blätter, sprich: Es ist also Winter. Und der Winter in Berlin ist eisig. Da läuft kein Mensch im T-Shirt rum… Wer das also entspannt sehen kann, wird mit einer atmosphärisch dichten Geschichte belohnt, die der jungen Leserschaft einen annähernd authentischen Einblick in die DDR-Zeit gibt.
Mit diesem Wissen kann das dreißigjährige Jubiläum des Mauerfalls im kommenden Jahr dann mit noch mehr Wissen begangen werden. Und der nächste Familienausflug nach Berlin wird auf jeden Fall noch erhellender!

Ute Krause: Im Labyrinth der Lügen, cbt, 2018, 288 Seiten, ab 10, 8,99 Euro

Die Sieger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2018

Und wieder ist eine Buchmesse vorbei. Doch was für eine! Ich habe den Überblick verloren, wie oft ich schon in Frankfurt auf der Buchmesse war – doch so wie diese war noch keine.
Denn zum ersten Mal im Leben habe ich einen Preis gewonnen: Den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch für meine Übersetzung Der Dominoeffekt von Gianumberto Accinelli und Serena Viola, die die wunderschönen Illustrationen beigetragen hat. Über den Inhalt des Buches habe ich schon einmal hier berichtet.

Als Übersetzerin war ich dieses Jahr zum zweiten Mal nominiert – nach 2016 für das Bilderbuch Der goldene Käfig von Anna Castagnoli und Carll Cneut – und konnte die Verleihung etwas gelassener angehen als beim ersten Mal. Schon allein die Nominierung ist ein großer Erfolg, kommen doch jedes Jahr etwa 9000 neue Kinder- und Jugendbücher auf den Markt. Und wie eine Jury entscheidet – das kann man nie, nie, nie vorhersehen. So ein Preis ist im Grunde die Sahnehaube auf der Nominierungstorte.

Als Bundesfamilienministerin Franziska Giffey dann jedoch den Umschlag öffnete – diese Veranstaltung hat schon ein bisschen etwas von einem Hollywood-Oscar-Anstrich – haben Serena Viola und ich uns an den Händen gepackt und gebangt. Eigentlich hatte ich immer gedacht, dass man völlig erleichtert ist, wenn dann der Name des eigenen Buches genannt wird – doch es war eher das Gegenteil: Schlagartig war ich so aufgeregt, dass ich total weiche Knie und hektische rote Flecken im Dekolleté bekam. OMG!!!
Serena Viola schien es ähnlich zu ergehen. Wir sind quasi Arm in Arm auf die Bühne, während Gianumberto Accinelli voller Energie vorstürmte. Wir haben dann dort oben ein paar Fragen beantwortet – und ich bewundere seitdem jeden, der in so einer Situation auf einer hell erleuchteten Bühne auch nur einen klaren Satz herausbringt. Ich jedenfalls stand eher ein bisschen neben mir und hielt mich quasi an der schweren Momo-Statue fest, die jede_r Gewinner_in bekam.
Der Rest des Abends war ein wunderbarer Reigen von Gratulationen, Umarmungen, Anstoßen, Durchatmen, Es-nicht-glauben-Können und einem herrlichen Essen mit dem Fischer Verlag. Mit anderen Worten: großartig und unvergesslich!

BruderDoch nicht nur Der Dominoeffekt ist ausgezeichnet worden, sondern auch vier weitere Bücher.
In der Sparte Bilderbuch ging der Preis an Oyvind Torseter und seine Übersetzerin Maike Dörries für Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas. Darüber habe ich hier berichtet.
In der Sparte Kinderbuch sind Megumi Iwasa (Text), Jörg Mühle (Illustrationen) und Ursula Gräfe (Übersetzung) für Viele Grüße, deine Giraffe ausgezeichnet worden. Dieses Buch habe ich noch nicht gelesen und muss es unbedingt nachholen.

 

Das Buch Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß von Manja Präkels hat in der Sparte Jugendbuch gewonnen und stellt gerade meine Frühstückslektüre dar.
Präkels erzählt darin von der Umbruchzeit 1989/1990 in der ostdeutschen Provinz, als in einem kleinen Havelstädtchen sich die ehemaligen Spielkameraden von Mimi zu Nazis wandeln und der westliche Kapitalismus die zuvor leeren Schaufenster überquellen lässt.
Präkels erinnert so daran, wie es vor fast dreißig Jahren in der zerfallenden DDR zuging, mit welchen Unsicherheiten und Veränderungen die Menschen dort zu kämpfen hatten, wie sie überrumpelt wurden und wie auf einmal Überzeugungen zu Tage traten, die man nicht für möglich gehalten hätte – und die leider auch heute wieder hochkochen. Das, was die Ostdeutschen damals erleben mussten, können wir heute nicht mehr rückgängig machen, doch Präkels Roman hilft dabei, deren Frust zu verstehen. Das ist zwar noch lange keine Lösung unserer jetzigen Probleme, doch Verständnis und das Miteinander-Reden ist ein Anfang, um die unsichtbare Mauer, die zwischen Ost und West immer noch besteht, endgültig niederzureißen. Es wird Zeit.

Die Jugendjury schließlich hat sich für den Roman The Hate U Give von Angie Thomas in der Übersetzung von Henriette Zeltner entschieden. Eine wunderbare Wahl, wie ich finde. Das Buch habe ich hier vorgestellt.

Zudem gab es zwei Sonderpreise, in diesem Jahr waren die Übersetzer_innen an der Reihe – im Drei-Jahres-Turnus werden Autor_innen, Illustrator_innen und Übersetzer_innen ausgezeichnet.
Der Preis für die Newcomerin ging an Gesa Kunter und ihre Übersetzung des Buches Schreib! Schreib! Schreib! der Schwedinnen Katarina Kuick und Ylva Karlsson.

Der Preis für das Gesamtwerk Übersetzung erhielt Uwe-Michael Gutzschhahn, dessen Werke ich auch hier schon das eine oder andere Mal vorgestellt habe – so sei hier an das umwerfende Buch Zorgamazoo von Robert P. Weston erinnert. Schon allein für dieses sprachliche Leistung hätte Gutzschhahn jeden möglichen Preis verdient.

Allen Siegern gratuliere ich ganz herzlich und freue mich sehr, in dieser wunderbaren Runde vertreten sein zu dürfen!

 

Die Schuldfrage

o'neillDas war hart. Gleich vorneweg: Die Lektüre von Louise O’Neills Roman Du wolltest es doch fordert den Leser_innen so Einiges ab. Aber genau das ist gut und wichtig und in heutigen Zeiten unverzichtbar.
Denn immer noch wird viel zu wenig über sexuelle Gewalt gesprochen – #metoo hin oder her – und wenn doch, erleben die Opfer viel zu oft und viel zu schnell eine verallgemeinernde Schuldzuweisung, eben im Sinne von: Du wolltest es doch.

O’Neills Roman, in der feinfühligen und gleichzeitig kraftvollen Übersetzung von Katarina Ganslandt, beginnt wie ein gängiger Teenie-Roman: Emma, 18, ist schön, beliebt, kommt aus gutem Haus, weiß um ihre Wirkung auf Jungs und kurvt mit ihrer Clique durch eine irische Kleinstadtstraßen auf der Suche nach Ablenkung und Nervenkitzel (Jungs). So weit, so unspektakulär, was mich fast am Weiterlesen und Durchhalten gehindert hätte.

Doch dann spitzt es sich auf einer Party zu. Emma, im schwarzen Minikleid mit tiefem Ausschnitt, gelingt es, die Aufmerksamkeit des angesagtesten Footballspielers der Stadt zu erobern, Paul O’Brien. Und schon hier beginnt eine unsägliche Spirale: Um nicht als uncool oder Spielverderberin dazustehen, nimmt sie die Pillen, die Paul ihr anbietet. Sie trinkt Alkohol, irgendwann tanzt sie völlig zugedröhnt durch den Raum, ihr Kleid verrutscht. Alle können es sehen.
Schließlich verschwindet sie mit Paul in einem Schlafzimmer. Sie haben Sex, obwohl Emma schon nicht mehr bei vollem Bewusstsein ist und es im Grunde nicht wirklich will. Irgendwann platzen andere Partygäste hinein. Schauen zu, feuern an. Emma schwinden die Sinne.
Am nächsten Morgen finden ihre Eltern sie schlafend auf der häuslichen Veranda, fortgeworfen wie Müll. Emma erinnert sich an nichts mehr.

Dafür erinnert das Internet sie schließlich an die Nacht: Es kursieren Bilder der bewusstlosen Emma, die von mehreren Jungs auf der Party vergewaltigt und gedemütigt wird.
Emma kann und will es zunächst nicht glauben. Versucht weiterzumachen, als wäre nichts geschehen. Doch die Kommentare unter den Bildern, die Reaktionen ihrer Freunde und Bekannten in der Kleinstadt und auch die Reaktionen ihrer Eltern zeigen ihr immer mehr, dass hier etwas Fürchterliches geschehen ist – an dem sie doch selbst schuld ist.

Mehr und mehr verstrickt sich Emma in die Vorstellung der eigenen Schuld – eindrucksvoll von O’Neill durch immer wiederkehrenden Sätzen („Ich bin schuld“) verdeutlicht, die zu Emmas Mantra werden. Sie kommt trotz einer Therapeutin nicht mehr aus dieser Spirale hinaus.
Es vergeht ein Jahr, Emma hat mittlerweile Anzeige erstattet – und nun trifft sie die Verachtung der Menschen immer stärker. Alles um sie herum verändert sich: Das einst so liebevoll gepflegte Haus der Familie verkommt immer mehr, die Mutter trinkt zu viel, der Vater sieht Emma kaum noch an, in der Stadt formiert sich eine Gegenseite, die von der Unschuld der angezeigten Jungs überzeugt ist und Emma immer wieder die Schuld gibt.

Das alles ist für Emma kaum zu ertragen – und auch für die Leser_innen ist das schwere Kost. Denn mann möchte Emma schütteln und ihr beständig sagen, dass sie eben nicht schuldig ist. Man möchte sie anschreien und ihr sagen, dass sie gefälligst mehr auf ihren Bruder Bryan und ihren alten Freund Connor hören soll, die uneingeschränkt hinter ihr stehen. Man möchte Emmas Eltern den Kopf waschen, damit sie endlich aufhören in ihrem eigenen Selbstmitleid zu ertrinken und sich endlich mal richtig zu ihrer Tochter bekennen und ihr nicht immer unterschwellig zu verstehen geben, dass sie von ihrem Verhalten enttäuscht sind.

O’Neill erzählt die Geschichte aus der Sicht Emmas, was dann Leerstellen zur Folge hat, wie die Jungs später eigentlich reagieren. Aber genau das ist gut. Man ist vollständig in Emmas Filterblase und bekommt ihre Ängste, ihre Scham und ihre Verzweiflung hautnah mit.
Man kann sie verstehen, wenn sie in Gedanken den möglichen Prozess mit all den unangenehmen Fragen durchgeht. Ihre Angst, die innersten Beweggründe für ihr Verhalten in aller Öffentlichkeit auszusprechen, wird so auch zur Angst der Leser_innen. Das ist manchmal schwer auszuhalten. Reflexartig möchte man immer sagen: Ich würde das aber ganz anders machen! Und gleichzeitig kann man am Ende – das kein Happy End ist – Emmas Entscheidung ein kleines bisschen auch verstehen, wenn auf einmal die Eltern wieder zugewandt sind, das Heim wieder schön wird und die Mutter Scones backt.

Aber dieses Verständnis dauert nur einen kurzen Moment, dann durchdringt einen die Bitterkeit dieser Entscheidung – und man weiß, dass es so nicht sein sollte. Dass diese ganze Geschichte eigentlich nicht sein sollte. Kein Mädchen sollte sich schuldig fühlen, wenn sie vergewaltigt wird – egal wie sie sich benommen hat. Sexuelle Gewalt ist nicht zu entschuldigen. Nie. Mit nichts.
Dass die Täter immer noch viel zu oft ungeschoren davon kommen, ist unverständlich. Dass immer nur den Mädchen eingetrichtert wird, dass sie sich anständig zu verhalten und nicht so aufreizende Kleider tragen sollten, kann nicht die Lösung sein. Es kann auch nicht sein, dass Mädchen und Frauen sich nicht trauen über solche traumatisierenden Erfahrungen zu sprechen. Genau dies ist das Anliegen von Louise O’Neill, das sie in ihrem Nachwort so zusammenfasst:

„Wir müssen über Victim Blaming und Slut Shaming sprechen – darüber, dass den Opfern von Straftaten oft selbst die Schuld an dem Vergehen gegeben wird – und wir müssen über die unterschiedlichen moralischen Standards sprechen, mit denen wir das Verhalten junger Frauen und das junger Männer bewerten.“

Genau so. Fangt damit an, indem ihr dieses Buch lest.

Louise O’Neill: Du wolltest es doch, Übersetzung: Katarina Ganslandt, carlsen, 2018, 368 Seiten, ab 16, 18 Euro

Ein Fest der Vielfalt

MenschIn Zeiten, in denen politisch rechte Bewegungen mit dem Wort „Identität“ Stimmung machen, in Zeiten, in denen Genderfragen zum Wahn erklärt und Menschen mit unterschiedlicher Geschlechtsidentität im Netz mit Hasskommentaren überzogen werden, ist es dringend nötig, Aufklärung zu betreiben, die über das rein biologische Geschlecht hinausgeht.

Genau dies macht Philosoph Jörg Bernardy in seinem aktuellen Buch Mann Frau Mensch – Was macht mich aus? Dabei stellt er nicht die bei Philosophen klassische Frage: Wer bin ich? – sondern wandelt sie ab in: Wer kann ich sein? Und damit holt er die Leserschaft auf das riesige Feld von Identitäten und Rollen, die man als Mensch so annehmen kann. Denn der Mensch ist ein wandelbares Wesen, was allein schon durch seine verschiedenen Lebensabschnitte deutlich wird – doch auch in der vermeintlich so eindeutigen Frage des Geschlechtes gibt es weit mehr als nur das biologische. So muss das biologische oder soziale Geschlecht nicht notwendigerweise mit der eigenen Geschlechtsidentität übereinstimmen. Bernardy legt – für meine Begriffe feinfühlig (dies sage ich hier, weil ich als Cis-Frau momentan jeden Tag in Sachen trans etwas dazulerne und nicht sicher bin, wie trans Menschen dieses Buch finden würden) – die Facetten der Transgeschlechtlichkeit dar und sensibilisiert dafür, wie schwierig es ist, wenn das biologische Geschlecht nicht mit der eigenen Geschlechtswahrnehmung übereinstimmt, und das dies dann noch lange nichts mit sexueller Orientierung zu tun hat.

Männlich und weiblich werden so zu fließenden Begriffen, manchmal auch zu Etiketten, die das Umfeld einem aufdrückt, und mit denen man/frau sich womöglich gar nicht identifiziert. Und doch braucht jeder Mensch eine Identität, zu der er/sie/xier stehen kann. Und die einem Zugang zu bestimmten Gruppen ermöglicht. Denn der Mensch ist ein Herdentier und nicht gern allein.
Allerdings ist der Mensch auch von Furcht geprägt und versucht, sich von dem abzugrenzen, was ihm Angst macht. Zur Recht oder zu Unrecht. Was dann wiederum zu so widerwärtigen Szenen wie in Chemnitz führt, wo Menschen anderen Aussehens gejagt werden. Bei Bernardy heißt es: „Wer andere stigmatisiert, bestätigt seine eigene Normalität.“ Nur was ist denn normal? Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, als Selbstbestätigung und Selbstliebe, zu glauben, dass das, was einen selbst ausmacht, „normal“ ist, also die Norm, und somit auf alle anderen zutreffen muss. Was für ein Irrtum.

Bernadys Buch, das neben seinen Texten auch künstlerische Innenansichten – Fotos, Comic, Poetry Slam, Überlegungen – von anderen Autor_innen und Künstler_innen liefert, ist eine Fundgrube für das Nachdenken über uns selbst und die Art, wie wir in dieser Gesellschaft mit anderen zusammenleben wollen. So erörtert er auch die Gleichberechtigung und die Unzulänglichkeit der deutschen Sprache, die – bislang – nur zwei Geschlechter kennt und die individuelle Geschlechtsidentität nicht kennt.

So ist Mann Frau Mensch ein Plädoyer für die menschliche Vielfalt, die uns wahrscheinlich alle extrem bereichern würde, wenn wir nur nicht so kleingeistig an überkommenen Kategorien hängen würden.

Damit das in den kommenden Generationen weniger passiert hat Beltz & Gelberg, bei dem auch Bernardys Buch erschienen ist, bereits vergangenes Jahr das Kindersachbuch Ich so Du so – Alles super normal des Labor Ateliergemeinschaft herausgebracht. Zehn Künstler_innen und Autor_innen haben darin in Wort und Bild ihre Ideen versammelt, was die Vielfalt des Lebens als Mensch ausmacht. Und was „normal“ eigentlich bedeuten soll.

Da werden Sitten und Gebräuche hinterfragt (Warum ein Osterhase und keine Osterziege? Warum geben wir uns die Hand zur Begrüßung und greifen uns nicht an die Nasen?), ein Normal-o-Meter hilft bei der Beurteilung des eigenen Lebens (Wie normal ist … mein Humor/meine Familie/mein Verhalten etc.). Unzählige Bildergeschichten u.a. von Philip Waechter und Anke Kuhl zeigen die Unterschiede zwischen Kindern, Freunden, Eltern, Großeltern, Menschen aus vergangenen Zeiten oder aus anderen Ländern. Sie offenbaren Stereotypen und Klischees (Jungenfarbe/Mädchenfarbe), lassen Märchen anders enden, erzählen von Menschen mit Behinderungen, von Kurzsichtigkeit und Körpergröße.

Zudem kommen Kinder aus der ganzen Welt zu Wort, die von ihrem Alltag berichten. So eröffnen sich den jungen Leser_innen andere Welten, in denen sie aber durchaus Ähnlichkeiten mit ihrem eigenen Leben finden können – nämlich wie wichtig Familie und Freunde überall auf der Welt sind, ganz egal, wie viel man hat oder was man so is(s)t.

In diesem quietschbunten Sammelsurium lässt es sich hervorragend blättern, immer bleibt man an irgendetwas Neuem und Interessanten hängen. Und sieht schließlich die eigene Umgebung und die Menschen darin mit ganz neuen Augen. Zu Recht ist dieses Buch daher für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 in der Sparte Sachbuch nominiert.
Die Vielfalt, die hier und bei Bernardy gefeiert wird, dürften hoffentlich so nachhaltig wirken, dass von denen, die diese Bücher lesen, niemand auf so seltsame Gedanken kommen wird, wie sie von rechten Populisten gerade viel zu laut verbreitet werden.

Jörg Bernardy: Mann Frau Mensch – Was macht mich aus?, Beltz & Gelberg, 2018, 160 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

Labor Ateliergemeinschaft: Ich so Du so – alles super normal, Beltz & Gelberg, 2017, 176 Seiten, ab 9, 16,95 Euro

 

Faszinierend

bergeWie Illustrator und Autor Dieter Braun wohne auch ich im Flachland, bin mit weitem Horizont und Sandstrand unter den Füßen aufgewachsen. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – faszinieren mich die Berge. Einmal im Jahr muss ich in die Berge fahren, um diese Sehnsucht zu stillen. Dann reicht es mir aber auch wieder.
Dieter Braun hingegen hat sich so lange und so intensiv mit den Bergen auseinandergesetzt, dass nun ein wunderschönes Sach-Bilderbuch dabei herausgekommen ist.

Dieter Braun ist bekannt für seine einzigartigen geometrisch geprägten Illustrationen – z.B. in den Büchern Die Welt der wilden Tiere – im Süden und im Norden. Aus Kreisen, Drei- und Vielecken, den Vektoren im Programm Illustrator, kreiert Braun Tiere, Landschaften, Gegenstände. Ausführlich hat er im Juni über seine Arbeit auf der Facebook-Seite „Was mit Kinderbüchern“ von Stefanie Leo berichtet und aus seinem Alltag als Illustrator berichtet, der hauptsächlich am Computer arbeitet.

Das mag im ersten Moment sehr unsinnlich klingen, doch das, was bei Braun dann herauskommt ist so betörend, dass man sich seinem Werk kaum noch entziehen kann.
In Die Welt der Berge streift er zusammen mit dem Betrachter durch die Alpen, erklärt die Höhenstufen der dortigen Vegetation, zeigt die Tiere, die in den verschiedenen Gebirgen der Welt leben, z.B. das Dallschaf in Alaska oder das Guanako in Südamerika. Er erklärt, wie die Gebirge entstanden sind und warum es keinen Berg höher als 9000 Meter auf der Erde geben kann.
Neben den ganz natürlichen Zuständen der Berge verweist Braun jedoch auch auf den Einfluss des Menschen und wie sehr dieser über die Jahrhunderte die Berge geformt und gestaltet hat.

Braun hält sich dabei thematisch nicht an ein vorgegebenes Schema oder eine Chronologie, von den Alpen geht es zu den Sandbergen der Wüste, vom Uluru in Australien blättert man um und landet bei Pinguinen und Eisbären. Kleine Leser_innen brauchen da vielleicht ein bisschen Unterstützung in der geografischen Einordnung, doch macht gerade diese Abwechslung das Buch zu einer wahren Wundertüte der Berggeschichten, sodass man automatisch anfängt vor- und zurückzublättern. Man liest sich an den kurzen Texten und den Info-Kästen fest und staunt.

Man staunt sowohl dabei über die Inhalte, als auch über die farblich so harmonisch abgestimmten und wohlkomponierten Illustrationen, die sich zumeist über die gesamte querformatigen Doppelseite erstrecken und quasi ein Cinema-Scope-Panoramabild liefern, in dem man schon fast meditativ versinken kann (okay, das ist jetzt die Erwachsenen-Begeisterung!).

Das junge Publikum bekommt auf jeden Fall ein aufschlussreiches Sammelsurium über Flora und Fauna der Bergwelten, lernt fremde Orte auf unserem Planeten kennen, erfährt aber auch Handfestes über die Skiausrüstung und das Alpinklettern. Denn auch wenn die Berge faszinieren, können sie zu einem gefährlichen Terrain werden – wenn man sich eben nicht auskennt und nicht den gehörigen Respekt gegenüber der Natur und ihren Gewalten aufbringt. Das steht in diesem Buch, das von der Stiftung Buchkunst zu einem der schönsten Bücher 2018 gekürt wurde, zwar nicht im Vordergrund, sickert aber mit jedem Lesen und Schauen weiter ins Bewusstsein.

Und abgesehen davon, dass man Die Welt der Berge nicht mehr aus der Hand legen möchte, weckt es die Reiselust – in die Berge.

Dieter Braun: Die Welt der Berge, Knesebeck, 2018, 94 Seiten, ab 8, 20 Euro

Italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland

Ein Überblick – ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Im Frühjahr hatte Laura von Lütte Lotte mich gefragt, ob ich einen Gastbeitrag über italienische Kinder- und Jugendliteratur schreiben möchte, während sie mit ihrer Familie in Italien urlaubte. Da ich seit zwanzig Jahren vor allem KJB aus dem Italienischen übersetze, habe ich die Gelegenheit genutzt und mal ein wenig die Veröffentlichungen in Deutschland rekapituliert.
Da vielleicht nicht alle Leser_innen von LETTERATUREN die drei Teile, die bei Lütte Lotte erschienen sind, verfolgt haben, werde ich meine Zusammenstellung hier noch einmal komplett, dafür aber leicht überarbeitet und ergänzt posten.

Für einen detaillierten Überblick über die italienischen KJB, die es in Übersetzung nach Deutschland geschafft hat, reichen jedoch selbst zwanzig Jahre Übersetzungstätigkeit nicht aus (von dem Platz hier mal ganz abgesehen – Achtung! Dieser Post wird lang!). Aber ich werde versuchen, euch ein paar Klassiker, Highlights und italienische Besonderheiten näherzubringen. Von den hier aufgeführten Titel habe ich jedoch (noch) nicht alle gelesen, Tendenzen lassen sich dennoch erkennen.

 

Die Klassiker

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Der italienische Klassiker schlechthin, den hierzulande vermutlich viele mit italienischer Kinderliteratur verbinden, ist immer noch Carlo Collodis Pinocchio. Die Geschichte von dem hölzernen Knaben, die zwischen 1881 und 1882 entstand, taucht laut den Einträgen der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) 1905 zum ersten Mal in deutscher Übersetzung auf, unter dem Titel Hippeltitsch’s Abenteuer. Geschichte eines Holzbuben. Übersetzer war Paul Artur Eugen Andrae, ein Name, der mir zwar nichts sagt, den ich aber trotzdem nenne.
Denn als Übersetzerin habe ich es mir angewöhnt, die anderen Übersetzer_innen immer zu nennen. Sie sind schließlich die Urheber der deutschen Texte (hier setze ich dann immer ein „Ü“ für „Übersetzer_in“; steht kein Ü hinter dem Titel, habe ich den Text übersetzt … 😉 ).
1913 folgte die erste „Neuübersetzung“ für Herder: Die Geschichte vom hölzernen Bengele lustig und lehrreich für kleine und große Kinder, deutsch bearbeitet von Anton Grumann.

Im selben Jahr wurde Pinocchio in Wien zu Hölzele, der Hampelmann, der schlimmer ist und nicht folgen kann. Eine viellehrreiche Böse-Buben-Geschichte, übertragen von Franz Latterer. Vermutlich 1929 spoilerte der Titel Kasperles Abenteuer: Die Geschichte eines Holzbuben, der schließlich ein wirklicher Knabe wird (Ü: Heinrich Siemer) bereits das Ende. 1938 heißt es dann nur noch Klötzlis lustige Abenteuer (Ü: Josef Kraft). Erst 1947 taucht der Name Pinocchio zum ersten Mal im deutschen Titel auf: Pinocchio, das hölzerne Bengele, eine Neuauflage der Übersetzung von Anton Grumann. 1948 versucht Ueberreuter in Wien es noch einmal mit Purzel, der Hampelmann (Ü: Alois Pischinger), danach wechseln die Titel beständig zwischen „hölzernem Bengele“, „Kasperle“, „Hampelchen“, „Purzel“ und „Pinocchio“. Der „hölzerne Bengele“ hält sich noch bis in die 70er Jahre, dann taucht in einer freien Nacherzählung von Otto Julius Bierbaum auf einmal „Zäpfel Kern“ als Name auf. Doch der setzt sich nicht durch. Viel mehr scheint mir, dass die zweite Synchronisation des Disney Zeichentrickfilms Pinocchio, die 1973 in die Kinos kam (der Film stammt ursprünglich von 1940), maßgebend wurde. Nun endlich hieß der namenstechnisch gebeutelte Holzjunge auch in Deutschland nur noch Pinocchio.

Dieser lange Auftakt zu nur einem Buch zeigt, dass hier eine italienische Geschichte über annähernd 115 Jahre auch in den deutschen Kinderzimmern zu finden gewesen ist – und immer noch zu finden ist. Denn seit Ende des zweiten Weltkrieges ist jedes Jahr mindestens eine Neuauflage oder Neuübersetzung erschienen. NordSüd und Coppenrath bringen dieser Tage ihre Neuauflagen auf den Markt. Pinocchio ist also dauerpräsent.

Von deutschen Kinderbüchern sind es gerade einmal die Werke von Erich Kästner, die zwar noch keine 100 Jahre alt sind, aber aus den Kinderzimmern ebenfalls nicht mehr wegzudenken sind.

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Ein weiterer Klassiker, auch in Italien, ist der Roman Cuore („Herz“) von Edmondo de Amicis (1846-1908) aus dem Jahr 1886. Die DNB verzeichnet Herz. Ein Buch für die Jugend in der Übersetzung von Raimund Wülser 1918 bereits mit einer Auflage von 57-58 Tausend in der Basler Buch- und Antiquariatshandlung. Enorm für die damalige Zeit, wenn man bedenkt, dass heute Kinderbücher oftmals nur mit einer Auflage von 3000 Exemplaren erscheinen, die oftmals nicht verkauft werden. Wann Cuore genau zum ersten Mal ins Deutsche übertragen wurde, lässt sich in der DNB jedoch nicht nachvollziehen.

Aus dem Band ist vor allem die Geschichte Von den Apenninen zu den Anden bekannt, auch unter dem Titel Marco sucht seine Mutter (1936). Aus diesem Auszug wurde in den 70er Jahren eine 52-teilige japanische Anime-Serie gemacht, die in Deutschland unter dem Namen Marco lief. 1981 wurde sogar der vollständige Roman als 26-teiliger Anime Ai no Gakkō: Cuore Monogatari umgesetzt. Zudem diente das Buch als Vorlage der 1990 entstandenen Weihnachtsserie Marco – Über Meere und Berge. Zu diesen filmischen Umsetzungen kann ich leider nichts sagen – es wäre aber eine gute Gelegenheit, dem mal nachzugehen.

Der Roman ist als Tagebuch angelegt, in dem der Junge Enrico Bottini von Erlebnissen und Mitschülern seiner Klasse, einer dritten Grundschulklasse, erzählt. Die Episoden berichten von den verschiedenen Landesteilen Italiens, das erst wenige Jahre zuvor zu einem Staat vereint worden war, und haben einen patriotischen Anstrich.
1986 hat Hans-Ludwig Freese Cuore neu übersetzt von und als gekürzte Version neu aufgelegt. Die letzte Auflage dieser Übersetzung ist von 1996, der Illustrationen der italienischen Prachtausgabe von 1892 beigefügt sind.
Cuore hat noch zwei, drei weitere Übersetzung erlebt, was jedoch nicht mit der beständigen Überarbeitung von Pinocchio vergleichbar ist. Hier lässt sich eine erste Vermutung, warum relativ wenige italienische Kinder- und Jugendbücher in Deutschland veröffentlicht werden, anbringen: Die extrem auf Italien zugeschnittenen Geschichten, die italienische Lebenswelten und italienische Heimatliebe spiegeln, bieten deutschen Leser_innen oftmals viel zu wenig Identifikationspotential. Ihnen fehlt somit die Allgemeingültigkeit, die Pinocchio in seiner fantastischen Märchenhaftigkeit für sich verbuchen kann.

italienischeAbenteuer hingegen sind universell. So sind auch die Romane von Emilio Salgari (1862-1911) – Sandokan (1907), Pharaonentöchter (1906), Der algerische Panther (1903), Der schwarze Korsar (1898) (alle Ü: Martha von Siegroth, 1929), Die Tiger von Mompracem (1900, Ü: Karl-Heinz Hellwig, 1930) – heute immer mal wieder zu haben. Die ersten Übersetzungen von Salgaris Büchern lagen bereits 1913 vor: Die Robbenjäger der Baffin-Bai und Die Schiffbrüchigen von Spitzbergen (beide Ü: Arthur Wihlfahrt).
2009 hatte der Schweizer Unionsverlag einige Neuübersetzungen herausgebracht (Sandokan, Ü: Jutta Wurm). Aktuell hat der Selfpublishing-Dienstleister Tredition vier lieferbare Titel im Programm, jedoch sind es alte Übersetzungen. Vielleicht kennt die eine oder andere von euch die Geschichten noch als Hörspielkassetten oder –platten.
In Deutschland galt Salgari, der einige Jahre für verschiedene Jugendzeitschriften gearbeitet hat, als der italienische Karl May. Insgesamt 80 Romane hat er geschrieben, die an den exotischsten Orten der Welt spielen, nur nicht in Italien. Dazu kamen noch unzählig Erzählungen. In den 50er und 60er Jahren entstanden zahlreiche Verfilmungen seiner Geschichten. Salgaris Werk ist folglich ein Zwitter zwischen Jugendbuch und Erwachsenenlektüre, ähnlich wie die Werke von Mark Twain oder Jules Verne, die eigentlich von allen Altersstufen gelesen werden können.

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Der nächste Autor, der sowohl in Italien als auch in Deutschland zu den italienischen Klassikern gehört, ist Gianni Rodari (1920-1980), der 1970 mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet wurde.
Vor allem sein Roman Zwiebelchen, der 1954 im ostdeutschen Kinderbuchverlag in der Übersetzung von Pan Rova herauskam, und die Gutenachtgeschichten am Telefon sind hier bekannt. Dazu ein paar von seinen Gedichten, die in den 70er Jahren von James Krüss ins Deutsche gebracht wurden: Kopfblumen. 7 x 7 Gedichte für Kinder  (Kinderbuchverlag Berlin 1972).

1964 wurden die Favole al telefono zum ersten Mal von Ruth Wright übersetzt. Doch die ursprünglich 70 Geschichten waren bis vor ein paar Jahren in Deutschland nie komplett zu haben. In den verschiedenen Ausgaben, darunter auch eine Wagenbach-Ausgabe für Erwachsene (Das fabelhafte Telefon, Ü: Marianne Schneider), fehlten immer einige Geschichten.
2012 durfte ich eine komplette Neuübersetzung anfertigen – und habe auch vermeintlich unübersetzbare Geschichten ins Deutsche gebracht. Die fantasievollen kurzen Geschichten mit ihrem kritischen Geist eignen sich gut zum Vorlesen. Leider geht auch so ein wunderbarer Klassiker wie dieser hierzulande den Weg aller Bücher, die nicht zu Longsellern werden: In diesem Sommer erreichte mich die Nachricht, dass das Buch vom Markt und aus der Backlist des Verlages genommen wird. Schon schade. Aber vielleicht findet ihr ja irgendwo noch ein Exemplar.

Zwiebelchen war wegen seiner sozialistischen Ideale in der DDR sehr beliebt. Und ist 2009 von Katharina Thalbach als Hörbuch eingelesen worden (die Übersetzernennung fehlt). Bei meinen Freunden aus dem Osten fangen meistens die Augen an zu leuchten, wenn wir auf Zwiebelchen zu sprechen kommen. Alle anderen kennen die Geschichte meist nicht.

 

Die Vergessenen

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Nun wird es mit den „großen“ Namen der italienischen KJB-Szene in Deutschland schon etwas dünner. Natürlich wurden immer mal wieder Bücher aus Italien übersetzt, doch sie haben sich nicht zu Longsellern entwickelt, sondern sind relativ schnell wieder in der Versenkung verschwunden.
Wer erinnert sich an Donatella Ziliotto (Mister Master, Ü: Marlis Ingenmey, 1972), Bianca Pitzorno (Polissena mit dem Schweinchen, Ü: Bettina Dürr, 1995), Teresa Buongiorno (366 Geschichten zur guten Nacht, Ü: Gabriele Fentzke/Marcus Würmli, 1991), Roberto Piumini (Matti und der Großvater, Ü: Maria Fehringer, 1994), Silvana Gandolfi (Der Katze auf der Spur, 1998) Angela Nanetti (Mein Großvater war ein Kirschbaum, Ü: Rosemarie Griebel-Kuip, 2001), Beatrice Masini (Ballerina in Spitzenschuhen, Ü: fehlt, 2004)? Vielleicht ein paar Eltern oder Großeltern, doch die Kinder sicherlich nicht. Im Handel sind sie allesamt vergriffen.
In Italien jedoch gehören diese Autorinnen zum Kanon der KJB-Literatur, schreiben immer noch, z.T. auch belletristisch für die Großen. So war Angela Nanetti für den Premio Strega 2018 nominiert (vergleichbar mit dem Deutschen Buchpreis).

2013 gab es dann kurz eine kleine Sachbuchreihe von Federico Taddia mit dem Obertitel Warum? Darum!. Vier Bücher habe ich zu Themen wie Evolution, Astrologie, Geographie und Mathematik übersetzt. Eigentlich sollte die Reihe noch weitere Bände umfassen, aber die hat man gestrichen. Und ich vermute, dass auch daher kaum jemand Warum? Darum! kennt. Zudem sie ist nicht mehr im Handel erhältlich.

italienischeUnd auch an die Fußball-Serie Tor! von Luigi Garlando (Ü: Boris Pfeiffer) erinnern sich vermutlich  nur noch wenige. Sie kam von 2009 bis 2012 im Kosmos-Verlag  heraus und umfasste immerhin zehn Bände.
Mir selbst ist die Reihe damals nicht aufgefallen – aber das liegt eher daran, dass Fußball nicht gerade zu meinem Lieblingsthemen gehört.

 

 

Die Aktuellen

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Die Kinder heute kennen vermutlich eher Gironimo Stilton – ohne diese bunten Mäuse-Geschichten um die Verleger-Maus als ursprünglich italienisch zu identifizieren (Ü: Gesine Rickers/Carsten Jung). Erfunden hat diese Figur die Autorin Elisabetta Maria Dami, entwickelt und geschrieben werden die vielen Geschichten und die Trickfilmserie von der Agentur Atlantyca in Mailand.

Bekannt dürfte deutschen Kindern und Jugendlichen auch die Reihen Ulysses Moore, Century oder Der Zauberladen von Applecross – auch hier ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen, dass dahinter der Autor Pierdomenico Baccalario steht (Ü: Cornelia Panzacchi, Barbara Neeb, Katharina Schmidt). Baccalario, der in London lebt, ist einer der umtriebigsten Autoren Italiens, hat unzählige Serien geschrieben (vermutlich mit Hilfe von unzähligen Ghostwritern) und ist in Deutschland bei verschiedenen Verlagen erschienen (Coppenrath, cbj, Fischer). Das war vielleicht nicht unbedingt hilfreich, denn so hat er hier verlagstechnisch kein wirkliches Zuhause gefunden.

Jugendliche haben jüngst möglicherweise auch Staubgeboren. Stadt der Vergänglichen (Ü: Christiane Burkhardt) von Fabio Geda und Marco Magnone gelesen. Dieser Auftakt einer dystopischen Reihe spielt jedoch in Berlin und verweist nicht auf Italien. Ob die Nachfolgebände auch übersetzt werden, ist mir momentan nicht bekannt. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass die Verlage Reihen eingehen lassen, wenn sich kein Erfolg einstellt (dazu später unten mehr). Von Fabio Geda mögen manche von euch vielleicht Im Meer schwimmen Krokodile (Ü: Christiane Burkhardt) kennen, in dem er die bewegende Fluchtgeschichte des afghanischen Jungen Enaiat erzählt. Geda gehört damit und seinen anderen Romanen auch zu den Belletristikautoren, die auch für ein junges Publikum schreiben.

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Wer von euch KJB-Begeisterten den Deutschen Jugendliteraturpreis verfolgt, dem dürfte momentan der Roman Die Mississippi-Bande von Davide Morosinotto (Ü: Cornelia Panzacchi) bekannt sein. Er spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und ist eine mitreißende Abenteuergeschichte um vier Kinder, die drei Dollar finden und sich davon etwas aus dem beliebten Versandhauskatalog von Walker & Dawn bestellen wollen – was sich dann zu einem Flussabenteuer entwickelt, das die Kinder bis nach Chicago führt.

Auf der Nominierungsliste steht in der Sparte Sachbuch dieses Jahr sogar noch ein zweites italienisches Buch: Der Dominoeffekt – oder die unsichtbaren Fäden der Natur. Darin erzählt der Insektenexperte Gianumberto Accinelli in 18 Geschichten, wie der Mensch die Natur tiefgreifend beeinflusst, wenn er sie bearbeitet, beackert, Tiere fängt, züchtet oder aussetzt. Und was für irreparable Folgen dieses Tun für die Natur hat. Folgen, mit denen wir heute immer noch leben müssen. Accinelli sensibilisiert damit für einen vorsichtigeren Umgang mit unserer Umwelt – ein Thema, das in Zeiten von Klimawandel und Umweltzerstörung wichtiger ist denn je. Illustriert hat dieses nachhaltige Buch Serena Viola.

All diese Titel haben neben den italienischen Urhebern gemein, dass sie nicht die italienische Realität spiegeln, sondern in Fantasywelten, historischen Zeiten oder dystopischen Szenarien spielen. Oder unsere tatsächliche Welt global betrachten. Damit werden sie für deutsche Leser_innen interessant, da hier die allgemeine Fantasie gefordert ist und keine Kenntnis italienischer Realien.

 

Die Bilderbücher

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In Sachen Bilderbüchern ist es für mich etwas schwieriger einen Rückblick zu liefern, denn von den unzähligen Bilderbüchern, die in Italien entstehen, werden die meisten nicht übersetzt. Und die, die übersetzt werden, halten sich meist nicht lange am Markt.
Ein Klassiker unter den Büchern für die kleinsten Italiener ist mit Sicherheit Pimpa von Comiczeichner Francesco Tullio Altan, der in den 80er Jahren den Kunden von Schreiber & Leser bekannt gewesen sein dürfte.
Pimpa ist eine rot gepunktete Hündin, die Altan ab 1974 für die Kinderbeilage der Tageszeitung Corriere della Sera zeichnete. Heute gibt es sie als Bücher, zum Teil sind es Comics, zum Teil Bildergeschichten. Übersetzt ist Pimpa nicht.

Einen Sonderfall „italienischer“ Bilderbücher stellen die Werke des Grafikers und Künstlers Leo Lionni dar. Denn wenn ich es recht verstanden habe, hat der in Amsterdam geborene Lionni seine Bilderbücher wie Frederick, Das kleine Blau und das kleine Gelb auf englisch herausgebracht, nicht auf italienische. Frederick beispielsweise hat sich seit 1967 zu einem Longseller entwickelt und ist mittlerweile in der 16. Auflage bei Beltz zu haben, nachdem er anfangs von Middelhauve herausgebracht worden war.

Einen gewissen Eindruck über die vielfältige Illustratoren-Szene Italiens habe ich im Laufe der vergangenen zwei Jahre gewonnen, seit ich die ersten Bilderbücher übersetzt habe.
Allerdings ist meine erste Bilderbuchübersetzung, Der goldene Käfig von Anna Castagnoli, vom Belgier Carll Cneut illustriert worden und daher mehr ein europäisches Buch. Cneuts opulente Vogel-Illustrationen haben dazu beigetragen, dass das Märchen 2016 für den Deutschen Jugendliteraturpreise in der Sparte Bilderbuch nominiert wurde.

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Als Folge der Nominierung habe ich dann die Bilderbücher Schlaft, Tierchen schlaft von Simona Mulazzani mit den Illus von Giovanna Zoboli – gereimte Gute-Nacht-Gedichte – für den Schaltzeit Verlag, Zusammen umarmen wir die ganze Welt von Manuela Monari mit den Illus von Evelyn Daviddi, für Coppenrath, und Vorsicht, roter Wolf! von Marco Viale, für Sauerländer, übersetzen dürfen.

italienischeSo unterschiedlich die Geschichten, so unterschiedlich sind auch die Illustrationsstile. Eine Bewertung dieser Bücher werde ich hier nicht abgeben, sondern kann nur sagen: Das Übersetzen von Bilderbüchern ist eine Gratwanderung zwischen Frust und Freude. Auf eingeschränktem Raum die wenigen richtigen Worte zu finden, die das Gefühl der Geschichte in kurzen Texten angemessen rüberbringen, ist trotz oder wegen der Kürze nicht mal eben getan. Bis die endgültige Fassung steht, ändere ich immer und immer wieder Worte und Satzstellung, streiche oder füge hinzu. Da können dann bis zu zehn Versionen entstehen. Manchmal hilft auch erst der distanzierte Blick der Lektorin zu einer endgültigen Lösung. Doch trotz der Arbeit ist es für mich auf jeden Fall immer ein Fest!

 

Die Buchcover

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Kurzer Exkurs zu den Buchcovern: Einer der momentan bekanntesten Illustratoren Italiens ist Iacopo Bruno, der in Deutschland momentan durch die neuen Harry-Potter-Cover noch präsenter sein wird. Zuvor hat er bereits Eoin Colfers Swarp, Soman Chainanis School of Good and Evil, Baccalarios Ulysses Moore, Das Volk von Tarkaan und Der Zauberladen von Applecross oder Alan Bradleys Flavia de Luce illustriert. Insgesamt hat er mehr als 300 internationale Buchcover gestaltet. Man könnte fast sagen, ohne dass es uns bewusst ist, hat ein Italiener unsere Sehgewohnheiten in Sachen Cover mitgeprägt. (Ich kenne mich ehrlich zu wenig mit Grafik und Cover-Tendenzen aus, finde die neue HP-Verpackung auch nicht besonders toll, aber es ist schon beeindruckend.)

 

Die ganz jungen Autorinnen

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Ein spezielles Phänomen, das mir beim Übersetzen begegnet ist, sind die ganz jungen Autorinnen Italiens, die schon als Teenager bei Publikumsverlagen Bücher veröffentlichen. Zumeist handelt es sich dabei um Teenie-Liebesgeschichten, die auch bei uns funktionieren. So ging es 2008 mit den Romanen von Valentina F. los. 15-jährig hat sie begonnen ihre vierbändige Liebesgeschichte um Vale und Marco niederzuschreiben, die auf Deutsch die Titel HDGDL (Ü: Katja Massury), ZDOZM – Zu dir oder zu mir (2009), SGUTS – Schlaf gut und träum süß (2010) tragen. Diese Mädchenträume wurden zu stillen Bestsellern, die mehrere Auflagen erlebt haben. Die Leserinnen waren so begeistert, dass sie über Jahre immer wieder nachgefragt haben (selbst bei mir), wann der vierte Teil der Reihe den käme. Schließlich hat Fischer 2015 auch 2L8 – Too late herausgebracht.

Dieses Vorbild hat den Verlag über die Jahre dann veranlasst nach anderen jungen Autorinnen Ausschau zu halten. Sie fanden Erica Bertelegni, die bereits mit 13 ihr Debüt vorlegte: 99 und (m)ein Wunsch. Darin hat die Schülerin Aurora 100 Wünsche frei, was zunächst zu Chaos, dann zu immer mehr Verantwortungsgefühl führt. 2017 hat Bertelegni ihr zweites Buch, La chiave dell’amicizia („Der Schlüssel der Freundschaft“) veröffentlicht, eine Fantasygeschichte, die noch nicht übersetzt ist.

Aktuell ist bei Fischer die Reihe Mein Dilemma bist du von Cristina Chiperi zu haben. Die ersten beiden Bänder der Trilogie sind bereits erschienen, Teil drei erscheint im Herbst. Chiperi hat, als sie 16 Jahre alt war, eine Fanfiktion zu der vor ein paar Jahren angesagten Influenzergruppe Magcon um den US-Amerikaner Cameron Dallas geschrieben. Kapitelweise hat sie das On-Off-Drama zwischen der Ich-Erzählerin Chris und Cameron auf Wattpad hochgeladen und jede Menge Klicks gesammelt. Angeblich haben sechs Millionen Italienerinnen ihre Geschichten gelesen – doch das scheint mir etwas übertrieben. Als ein italienischer Verlag dann Printbücher daraus gemacht hat, ist der Fischer Verlag aufgesprungen.
Dass das junge Alter von Autorinnen jedoch nicht immer zum Erfolg führt, merkt man momentan daran, dass die Dilemma-Reihe gerade komplett untergeht (was durchaus an der dünnen Geschichte liegt).

 

Die Belletristikautor_innen

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Eine Besonderheit in der italienischen Literaturlandschaft ist aber auch, dass Autoren, die normalerweise für ihre belletristischen Erwachsenentitel bekannt und hochgelobt sind, immer auch Bücher für Kinder und Jugendliche schreiben.

Das haben bereits Dino Buzzati (1906-1972) mit Wie die Bären einst Sizilien eroberten (Hanser, 2005, Ü: Heide Ringe) und Italo Calvino (1923-1985) getan, die zu den Klassikern der Weltliteratur gehören.
Momentan ist Calvinos Geschichte Das schwarze Schaf (Ü: Burkhart Kroeber) in einer eindrucksvollen Collage-Version von Lena Schall bei mixtvision zu haben.
Zu Calvino, einer der größten italienischen Nachkriegsautoren, und Buzzati, einem Vertreter des Surrealismus, kann ich hier nicht mehr sagen, einfach weil es den Rahmen sprengen und zu sehr von den KJB ablenken würde.

italienischeAber auch Krimi-Autoren wie Carlo Lucarelli haben Exkurse zu den KJB gemacht. So konnten Jugendliche im Jahr 2000 hier die Romane Das Mädchen Nikita und Schüsse aus dem Walkman (später noch mal aufgelegt als Mafia alla Chinese) lesen. Diese zwei Romane spielen nun allerdings sehr in der italienischen Gegenwart – sodass sie eigentlich meiner Vermutung von oben widersprechen. Doch in beiden Fällen handelt es sich um Krimis. Und Krimis wie Liebesgeschichten scheinen hin und wieder auch global zu funktionieren.

Auch Patrizia Rinaldi, eine in Italien sehr geschätzte und preisgekrönte Autorin aus Neapel, schreibt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Von ihr ist bis jetzt nur ein Krimi in Deutsche übersetzt worden (Die blinde Kommissarin, Ullstein, 2013). Ihre Kinderbücher Mare Giallo (2012), Federico il pazzo (2014) oder ll giardino di Lontan Town (2015) fehlen hierzulande, obwohl sie 2016 den Premio Andersen als beste Schriftstellerin bekommen hat. Ich werde mich bei Gelegenheit mit ihren Romanen befassen, um herauszufinden, warum sie für Deutschland nicht infrage kamen.

 

Die Fantasy-Autorinnen

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Im Bereich Fantasy ragen für Italien vor allem zwei Autorinnen heraus: Silvana De Mari und Licia Troisi.

De Mari ist seit 2010 mit Der letzte Elf (Ü: Barbara Kleiner) bekannt, einer entzückenden Geschichte um einen kleinen, verlassenen Elf, der eine Prophezeiung erfüllen und den Menschen die Freude und Fantasy wieder bringen muss. Es gibt zwar in ihrer Der-letzte-XX- Reihe noch drei Nachfolgebände (Der letzte Ork, Der letzte Zauberer, Die Rückkehr der Elfen), doch die bewegen sich so in Richtung High-Fantasy für Erwachsene, dass sie an den Erfolg vom letzten Elfen, der mittlerweile neun Auflagen erlebt hat, nicht mithalten können.

Licia Troisi hingegen ist hauptsächlich als Autorin von High-Fantasy für Erwachsene bekannt, mit Trilogien wie Die Schattenkämpferin, Die Feuerkämpferin, Die Eiskriegerin (Ü: Bruno Genzler). Diese Reihen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass hier die Heldinnen durch die Bank weg Frauen sind – und zwar kompromisslos. Was durchaus beachtenswert ist (allerdings reichen meine Fantasy-Kenntnisse nicht so weit, um das als absolutes Alleinstellungsmerkmal zu nennen – zum mal momentan die Amerikanerin Tomi Adeyemi mit Children of Blood and Bone (Ü: Andrea Fischer) ebenfalls eine weibliche und schwarze Heldin an den Start gebracht hat). Troisi hat jedoch auch eine Reihe für Jugendliche geschrieben: Drachenschwester (Ü: Bruno Genzler), in der das Waisenmädchen Sofia entdeckt, dass sie das Herz eines Drachen in sich trägt und gegen einen dunklen Feind antreten muss. Von dieser ursprünglich fünfteiligen Reihe sind hier jedoch nur zwei Bänder erschienen.

2012 ist dann die Nina-Fantastik-Reihe von Moony Witcher erschienen (Ü: Julia Süßbrich/Gehring). Hinter dem Pseudonym verbirgt sich die Journalistin Roberta Rizzo, die die Reihe in Italien zwischen 2002 und 2017 herausgebracht hat. 2005 habe ich den ersten Teil begutachtet und – wie ich eben wieder nachgelesen habe – abgelehnt, weil er mir zu platt, zu esoterisch und ohne Zwischentöne geschrieben war. Mit einer altklugen Protagonistin, die immer gewinnt. Thienemann hat es fast zehn Jahre später wohl doch gefallen. Von den sieben italienischen Bänden sind vier auf Deutsch erschienen, zwei davon bereits vergriffen. Die weiteren Serien, die Witcher veröffentlicht hat, sind bei uns nicht übersetzt.

italienischeDass angefangene Reihen von den Verlagen nicht zu Ende geführt werden, ist mir mehrmals passiert: Im KJB-Bereich mit Pierdomenico Baccalarios Reihe Will Moogleys Geisteragentur (2009), von der ich zwei Teile übersetzt habe, aber nur einer davon je veröffentlicht wurde.
Das habe ich allerdings nie richtig verstanden, denn es war eine sehr witzige Reihe für Jungs über eine Agentur für Geister und Spukgestalten in New York, die unterschiedlichste chaotische Aufträge ausführen müssen (auch hier war das Cover bereits von Iacopo Bruno gestaltet, was jedoch den comicartigen Witz der Geschichte nur so gar nicht traf). Dass Will Moogley keine Leser in Deutschland fand, lag vermutlich auch daran, dass von Verlagsseite kein Marketingbudget für diesen Titel zur Verfügung stand. LETTERATUREN gab es damals noch nicht, sonst hätte ich ordentlich die Werbetrommel für diese liebenswert witzigen Helden gerührt.

italienischeZudem gab es mal den Auftakt einer Trilogie von Miriam Dubini, Aria. Das Schicksal fährt Fahrrad (2014), eine niedliche fantastische Engel-Geschichte, die in Rom spielte – aber leider nicht genügend Publikum fand.
Auch hier habe ich den zweiten Teil leider für die Schublade übersetzt. Aber auch das gehört zum Übersetzerinnendasein dazu.

Die Stillen

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Dann gibt es noch Autor_innen, die ins Deutsche übersetzt werden, die jedoch kaum Beachtung finden. So beispielsweise Fabrizio Silei mit Abseits. 1938. Ein Fußballer sagt Nein (Ü Edmund Jacoby, 2014) oder Nonno und der rosa Hund (Ü: Kathrin Wolf, 2016). Lediglich sein Buch Der Bus von Rosa Parks (Ü: Sarah Pasquay, 2011) wurde ein paar Mal besprochen und stand auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012, Sparte Sachbuch.

Mein filmreifer Sommer (Ü: Karin Rother) von Simona Toma von 2014 ist auch bereits vergriffen – und hat nicht einmal eine Bewertung auf Amazon.

Ohne Amazon-Rezension muss auch Paola Zannoners Ausgewechselt (Ü: Ingrid Ickler, 2012) auskommen. Dieses Buch kenne ich nicht, doch ich habe andere von Zannoner angelesen und begutachtet. Sie kamen nicht für eine Übersetzung infrage, da sie mir vom Erzählton her nicht gefielen (laut meinem Gutachten, also meinem Leseeindruck von damals, hat sie einen moralischen Ton und erzählt eher distanziert von oben herab).

italienischeNeulich habe ich hier den Roman Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge von Matteo Corradini (Ü: Ingrid Ickler, 2017) über die Kinder im Ghetto von Theresienstadt vorgestellt und den Autor dafür zu seinem Buch befragt. Seine Antworten, wie er diese tatsächlich passierten Ereignisse im Ghetto in einen Roman umgearbeitet hat, sind auf jeden Fall sehr aufschlussreich. Denn die Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg und der Nazi-Zeit sind sicher nicht die Themen,  die Jugendliche aus eigenem Antrieb angehen.
Dennoch ist es wichtig, dass auch solche Bücher übersetzt werden, selbst wenn sie wenige Leser finden.

 

Die Comics und Graphic Novels

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Zum Schluss noch ein Mini-Abstecher noch zu den Comics. Italien hat eine langjährige Comic-Tradition, jedoch zumeist für Erwachsene. Da gibt es die Werke von Hugo Pratt (1927-1995, Ü: Harald Sachse/Resel Rebiersch), die spätestens seit den 80er Jahren hier bekannt wurden, Gipi (Ü: Giovanni Peduto) oder Zerocalcare (Ü: Carola Köhler), der vor zwei Jahren für den Premio Strega nominiert war. Doch auch Disneys Donald und Micky kommen zum Teil aus Italien (hier die Übersetzer_innen nachzuvollziehen sprengt für diese Format den Rahmen), ebenso wie die rosa Mädchen-Comics die Winx, die seit 2007 am Kiosk zu haben sind.

italienischeDiese Auflistung mag nun vielleicht nach sehr viel aussehen – ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass ich hier im Schnelldurchlauf mehr als 100 Jahre Literaturgeschichte abgehandelt habe. Sicherlich sind mir auch noch diverse Übersetzungen entgangen. Auf jeden Fall sind es natürlich längst nicht alle Publikationen oder Autor_innen, die in Italien selbst erschienen sind.
Es wäre ja aber auch absurd zu glauben, alle Bücher würden übersetzt werden. Zwar wundere ich mich manchmal, dass langjährige italienische Erfolgsautoren wie Roberto Piumini oder Bianca Pitzorno oder Premio-Andersen-Preisträger_innen nicht öfter ins Deutsche übersetzt werden, aber oft passen eben Inhalt, Erzählweise, pädagogischer Anspruch, italienische Lebens- und Erziehungswelten oder andere Fantasie- und Humor-Konzepte nicht zu deutschen Leser_innen.

2023 wird Italien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Bis dahin werden hoffentlich noch so einige italienische Bilder-, Kinder- und Jugendbücher übersetzt werden – auch wenn sie es anscheinend schwerer haben als Titel aus dem angloamerikanischen Raum.
Ich werde in der kommenden Zeit intensiver die Augen offenhalten, was es im Land noch an Geschichten und neuen Talenten zu entdecken gibt. Und dann liefere ich vielleicht ein Update zu Italiens KJB-Szene.
Bis dahin dürft ihr mir aber immer gern eure italienischen Lieblingsbücher nennen (unten im Kommentar oder direkt als Mail an mich), die ich hier vielleicht übersehen habe.

 

Schluss mit der Selbstverleugnung

spinsterDie Pubertät kann die Hölle sein. Alles am eigenen Körper verändert sich, Hormone verzerren den Blick auf die Welt, plötzlich werden Jungs/Mädchen auf sexuelle Art interessant. Das eigentlich reicht schon, um eine Leidensgeschichte erzählen zu können, doch Holly Bourne setzt im ersten Teil ihrer Spinster Girls-Reihe noch einen drauf.

Ihre 16-jährige Heldin Evie leidet nämlich zudem an einer Angst- und Zwangsstörung. Sie fürchtet sich vor Schmutz, Bakterien, Ausscheidungen, Essen, eigentlich vor allem, was sie ihrer Meinung nach krank machen und letztendlich umbringen kann. Sie ist deshalb in Behandlung und nun auf dem Weg der Besserung. Peu à peu darf sie ihre Medikamentendosis verringern. Evie ist erleichtert, fürchtet sich aber auch vor einem Rückfall. Doch vor allem möchte sie eigentlich nur eins: normal sein. Und dazu gehört in ihrem Alter bekanntlich auch ein Freund.

Allerdings gestaltet sich dieses Unterfangen etwas schwierig. Typ Nummer 1 kommt völlig betrunken zu ihrem ersten Date, Typ Nummer 2 bringt seine Eltern mit ins Kino, Typ Nummer 3 ist Kiffer und nicht an einer ernsthaften Beziehung interessiert. Zudem hat ihre beste Freundin, die einzige, die von ihrer Krankheit weiß, sie für einen Typen hängen lassen. Ein Elend, was Evie so durcheinanderbringt, dass sich ihre Angstsymptome wieder verstärken, sie zwanghafte Handlungen vornimmt und sich die Hände beim Waschen wund schrubbt.

Glücklicherweise begegnet Evie Amber und Lottie, die mit ähnlichen „Männerproblemen“ zu kämpfen haben, aber auch eine glasklare feministische Haltung propagieren. Die drei gründen den Club der „Spinster Girls“, um zum einen den Begriff „Spinster“ (alte Jungfrau) neu zu besetzen und zum anderen um sich gegenseitig zu stärken, sich Mut zu machen und gemeinsam dafür zu kämpfen, dass es völlig okay ist, wie sie als Mädchen sind, ohne sich für irgendeinen Jungen zum Affen zu machen.

Holly Bourne holt mit ihren Spinster Girls die Leserinnen genau in ihrem Gefühlschaos ab, das die Pubertät so mit sich bringt. Schon das allein ist zu begrüßen. Doch sie schafft es darüber hinaus eine grundsätzlich feministische Haltung einzuflechten, die heute vielleicht mehr denn je jedem Mädchen in Fleisch und Blut übergehen müsste. So klären Amber und Lottie die Heldin über benevolenten Sexismus, den Bechdel-Test und Maniac Pixie Dream Girls auf und diskutieren über das Tabuthema Menstruation – Themen, die man eher im Missy Magazin vermutet als in einem Jugendroman.

Doch genau in den Jugendroman gehören sie. Und Bourne verhandelt nicht weniger als das Selbstverständnis von jungen Frauen, die zwischen all den Ansprüchen der Gesellschaft – sei schön, sei schlank, sei schlau, sei charmant, sei nicht aufmüpfig, sei still, sei dankbar, sei lieb – nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind und wer sie sein wollen. Zu omnipräsent sind immer noch werbe- und modegeprägte Bilder von Frauen, die durchaus erfolgreich sind, aber dafür einen hohen Preis zahlen. Noch bestimmen viel zu viele Männer, wo der Platz der Frauen angeblich sein soll. Und das ist ein Unding.

Doch damit das nicht weiter passiert und die Mädchen es nicht mit sich machen lassen, brauchen sie früh – sehr früh – Vorbilder, die aus den gesellschaftlichen Korsetts ausbrechen und sich nicht von Jungs und Männern korrumpieren lassen. Dazu jedoch benötigt man Offenheit und Mut, mit anderen – in diesem Fall sind es die besten Freundinnen – über die eigenen Befindlichkeiten zu reden. Evie ist in diesem Buch nur bedingt ein Vorbild, da es in Bezug auf mentale Erkrankungen in unserer Gesellschaft immer noch unzählige Tabus gibt, weshalb Evie ihre Angstzustände und Zwänge verschweigt. Der Wunsch nach Normalität, die jedoch immer eine Illusion ist – denn: Was ist schon normal? –, treibt sie dazu ein Bild von sich in der Öffentlichkeit zu produzieren, das ihrem Wesen jedoch so gar nicht entspricht.

Diese Tragik, die Bourne in einem schmerzhaften Rückfall in die Krankheit fesselnd entwickelt, unterstreicht so doppelt und dreifach ihr Anliegen: Mädels, lasst euch nicht verbiegen. Von niemandem, selbst wenn der Typ den süßesten Blick der Welt drauf hat. Denn erst, wenn man sich selbst liebt, seine guten wie seine schlechten Seiten, wenn man aus eigenem Antrieb um seiner selbst willen etwas angehen oder verändern will, erst dann klappt’s vielleicht auch mit …  [hier bitte all das ergänzen, was frau gern erreichen würde].

Bücher wie die Spinster Girls sind jedoch nur eine Seite der Medaille, denn sie sprechen die Jungs (die in diesem Roman ziemlich stereotyp und mies wegkommen) nicht frei, einfach so weiterzumachen, wie sie es von Hause (?) aus gewöhnt sind. Ich kenne vermutlich viel zu wenige Jugendromane, denn ich kann mich grade nicht erinnern, dass es schon mal einen Roman mit Jungen als Protagonisten gab, die sich um feministische Belange gekümmert haben. Nennt mich naiv, aber wäre das nicht mal ein Romanstoff, der heranwachsende Jungs und Mädchen gleichermaßen neugierig machen sollte? Falls es so eine Geschichte bereits gibt, schreibt mir das bitte in den Kommentar – falls nicht … vielleicht findet sich ja eine_r, die das Thema mal klischeefrei umsetzt.

Auf jeden Fall aber ist Holly Bournes Serien-Auftakt Spinster Girls – Was ist schon normal? vielversprechend und macht Hoffnung, dass die jungen Leserinnen ihre feministische Botschaft so verinnerlichen, dass in Zukunft keine von ihnen je den Hashtag #metoo benutzen muss.

Holly Bourne: Spinster Girls – Was ist schon normal?, Übersetzung: Nina Frey, dtv, 2018, 416 Seiten, ab 14, 10,95 Euro