Über ulrike schimming

Ulrike Schimming übersetzt Literatur – von Kinder- und Jugendbüchern bis zu Graphic Novels und Comics – aus dem Italienischen und Englischen, arbeitet als freie Lektorin und rezensiert Bücher für die Zeitschrift stern Gesund Leben. Dieser Blog entstand aus ihrer Arbeit für die Jugendzeitschrift stern Yuno. Hier stellt sie Neuerscheinungen oder Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur vor, Graphic Novels oder Buch-Perlen, denen sie ein paar mehr Leser wünscht. Weitere Infos zu Ulrike Schimming finden Sie unter www.letterata.de

Das Leben ist eine Heldenreise

BruderFaszinierende Geschichten können manchmal ganz einfach sein: Ein Held macht sich auf den Weg, findet Dinge, die später mal wichtig werden, erledigt Aufgaben, überwindet die Angst, besiegt ein Monster, befreit die Gefangenen und findet die Liebe.

Genau dies wünschen sich die meisten von uns, und genau all dies geschieht in Øyvind Torseters Werk Der siebente Bruder – und das auf so eine charmante und kunstvolle Art, dass es eine Wonne ist, dem Helden, der hier den Namen Hans trägt, bei seinen Abenteuern zu folgen.

Hans ist der jüngste von sieben Prinzen-Brüdern. Sechs schickt der König in die weite Welt, damit sie je eine Prinzessin freien. Ihrem Bruder Hans sollen sie eine Gattin mitbringen. Doch wie es im Märchen so spielt, wird aus diesem Unterfangen nichts. Die Prinzen finden zwar ihre Prinzessinnen, doch auf dem Rückweg begegnen sie einem bösen Troll, der die sechs Liebespaare (die für mich eine verblüffende Ähnlichkeit mit Picassos Frauen und Minotauren haben) in Stein verwandelt. Der König ist untröstlich, dass seinen Söhne nicht zurückkommen, und so macht sich Hans auf, die Brüder zu retten.

Torseter entfaltet nun eine Graphic Novel, in der sein rundnasiger Held mit den zwei winzigen Hundeohren – auf Norwegisch „Mulegutten“ genannt – auf einem räudigen Klepper durch die Gegend reitet und die Brüder sucht. Er findet dabei ein Saxofon, einen Elefanten und trifft einen Wolf, der ihm das Versteck des Trolls verrät. In der Höhle eines Berges trifft er auf den riesigen Unhold, der ein Mädchen gefangen hält. Vor der Höhe stehen seine versteinerten Brüder. Doch nur wenn Hans das Herz des Trolls zerstört, kann er seine Brüder befreien. Zusammen mit dem Mädchen versucht er, den Troll zu überlisten.

In grafischen Bildern, die eine Mischung aus Zeichnung, Collage und monochromen Farbverläufen sind, schickt Torseter Hans auf eine klassische Heldenreise, die alle Elemente eines Märchens vereint. Gleichzeitig ist diese Reise eine Quest, bei der Hans ähnlich wie in einem Computerspiel, die richtigen Fragen stellen muss, um den korrekten Weg zu finden. Im rechten Moment muss er zu den richtigen Hilfsmitteln greifen und in der Höhle mit ihrem Labyrinth muss er alle möglichen Hindernisse überwinden.

In diese oberflächliche Lesart, mit der Kinder sehr gut etwas anfangen können, mischt sich jedoch für die Erwachsenen sehr rasch die tiefen-psychologische Ebene, auf der wir mit unseren Ängsten und unserem Anspruch ans tägliche Leben konfrontiert werden (die Hans mit dem Satz: „Ich brauch erst mal einen Kaffee“, ironisch konterkariert, als er nicht mehr weiter weiß).
Der Troll mit den Augen, die an Edvard Munchs Der Schrei erinnern, wird zur überwältigenden (Ur-)Angst, die alles lähmt. Und nur der, der sich diesem Monster stellt und dessen Herz zerquetscht, kann endgültig frei sein.
So erstaunt es dann auch nicht, dass das Herz des riesigen Trolls winzig klein ist – die Schwierigkeit liegt also kaum in der Aufgabe, das Herz zu vernichten, sondern viel mehr darin, dieses kleine Ding erst einmal zu finden.

Torseter bringt das psychologische Ringen und Suchen nach der Ursache für das eigene Leiden in dieser Geschichte so großartig und mit jeder Menge Witz – hier gilt das Lob auch der Übersetzerin Maike Dörries, die wunderbar knochentrockene Sätze gebaut hat – auf den Punkt, dass man sie fast als Arbeitsbuch für psychisch Erkrankte empfehlen möchte.
Doch auch ohne schwerwiegende Erkrankung kann jeder Mensch, ob groß oder klein, in Der siebente Bruder seine eigene Welt mit all den großen und kleinen Ängsten und Problemen wiederfinden – und dazu den Mut schöpfen, das Übel ein für alle Mal an der Wurzel zu packen. Man braucht nicht viel dafür: nur den Mut, sich auf die Heldenreise zu begeben.

Øyvind Torseter: Der siebente Bruder oder das Herz im Marmeladenglas, Übersetzung: Maike Dörries, Gerstenberg, 2017, 120 Seiten, 26 Euro

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Das beste Schlafmittel überhaupt

einschlafenWenn ich sehe, wie schwer es meinem Neffen, 3, fällt einzuschlafen, tut es mir immer irgendwie in der Seele weh. Diese unbändige Lust, den Tag auszudehnen, obwohl die Stimmung im Keller ist, die Kräfte erschöpft sind und die Augen kaum noch offen bleiben. Doch der kleine Herr will partout nicht ins Bett. Eltern kennen das.

Rituale sollen ja helfen. Ich werde meinem Neffen demnächst mal dieses Bilderbuch von Chris Haughton vorlesen – falls ich nicht dabei einschlafe. Denn hier wird viel gegähnt und das ist ja bekanntlich ansteckend. In diesem montessorisch-knallbunten Werk geht die Sonne über dem Wald unter und alle Tiere sind müde, die Mäuse, die Hasen, die Rehe und selbst der große Bär gähnt.
Nur der kleine Bär ist noch nicht müde. Gar nicht. Er will noch ne Runde spielen und fragt also mal bei seinen Freunden, den Mäusen, den Hasen, den Rehen. Nichts zu machen, alle sind zu müde. Und so eine Suche nach Spielkameraden macht ziemlich müde, stellt der kleine Bär fest und gähnt.

Die Pointe ist klar. Alles schläft. Und als Vorlesende hat man  – wie schon angedeutet – unglaublich Mühe, nicht selbst zu gähnen und sich zum Kind ins Bett zu kuscheln und eine Runde zu schlafen.
Dieses eigentlich einfach Konzept, gähnende und schlafende Tiere zu zeigen, funktioniert. Durch die beständige Wiederholung von Gähnen und Schlafen dürfte eigentlich kein Auge offen bleiben.

Farblich und künstlerisch ist Haughtons Gute Nacht allerseits ein Knaller. Pink, Fuchsia, Zitronengelb, Frühlingsgrün treffen mit dunkelblauen Tieren zusammen und sind ein Augenschmaus. Die etwas grob ausgeschnittenen Figuren mit den schlafenden Augen mag man sofort. Sie erinnern ein bisschen an Frederick von Leo Lionni, sind eine wunderbare Hommage an die schlaue Maus. Auch an Eric Carles Kleine Raupe Nimmersatt gibt es eine Andeutung, in Form von geviertelten Seiten, die mit jedem Umblättern breiter werden.

Ich jedenfalls habe mich bereits beim ersten Lesen in den kleinen Bären verliebt und werde diesen Schatz auf meinem Nachttisch deponieren – falls mein Neffe ihn wieder hergibt.

Chris Haughton: Gute Nacht allerseits, Übersetzung: Stephanie Menge, Sauerländer, 2017, 32 Seiten, ab 3, 14,99 Euro

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Die 17-Jährige in uns

schomburgVor ein paar Tagen stellte Jan Schomburg in Hamburg seinen ersten Roman vor und ließ dabei den Satz fallen, dass in uns allen doch ein 17-Jähriges Mädchen stecke. Der Mann ist 40.

Und trotzdem hat er mit dieser Behauptung nicht ganz Unrecht, wie ich in den Diskussionen nach der Lesung feststellen konnte. Irgendwie fühlen wir uns alle, egal wie alt wir eigentlich sind, drin doch immer noch jung. Mit allem, was dazu gehört.
Genau dieses Gefühl hat Schomburg in seiner Geschichte eingefangen. Darin lässt er die 17-jährige Johanna erzählen, die mit Boris befreundet ist, gut befreundet, aber nicht seine Freundin ist. Boris‘ Freundin heißt Ana-Clara und kommt aus Portugal.

Johanna und Boris machen ziemlich alltägliche Dinge zusammen, eine Radtour an die Nordsee, eine Studienreise nach Barcelona, sie gehen tanzen und Döner essen, in einem See schwimmen. Doch sie küssen sich nie. Johanna konstatiert das mit einem gewissen Befremden. Sie beobachtet die Dinge um sich herum sehr genau, hat Mitleid mit gewissen kläglichen Figuren, kann aber auch nicht alles durchblicken.

Warum hält der eine Mitschüler auf der Studienfahrt einen anderen wie einen Sklaven? Warum wird Boris in der Disco verprügelt und später stellt sich der Schläger im Döner-Laden als der größte Spießer heraus? Warum schaut Ana-Clara so stumpf vor sich hin?
Manchmal begibt sich Johanna ganz angstfrei und neugierig in neue Situationen, später wundert sie sich wieder über sich selbst. Ein Ahnung von Unheil liegt über allem. Dann verschwindet Boris.

Schomburg erzählt in vielen Szenen von vielen Dingen, die nicht passieren. Und liefert damit einen rätselhaften und gleichzeitig faszinierenden Coming-of-Age-Roman, in dem sich vieles um die Machtspielchen in unserem Alltag dreht, in der Familie zwischen dem eiskalten Vater und dem Sohn, in der Klasse zwischen den Mitschülern, auf den Tanzflächen von angesagten Clubs.
Johanna, die ja alles aus ihrer Sicht erzählt, erkennt vieles davon, doch sie urteilt nicht. Sie probiert aus. Sie ist noch nicht wie wir erwachsen und festgelegt, sondern offen für die Möglichkeiten des Lebens – und landet irgendwann mit Ana-Clara im Bett.

Vieles an der Geschichte von Johanna, Boris und Ana-Clara ist konstruiert. Manches kann ich gar nicht richtig einschätzen, beispielsweise die gewollt-verwirrende Anordnung der Szenen, die nicht chronologisch ist, sondern bunt durcheinander. Sicher, chronologisches kann langweilig wirken, durch dieses Hin und Her in den Zeiten und Abläufen baut Schomburg natürlich eine gehörige Portion Suspense auf. Trotzdem frage ich mich, ob  mehr dahinter stecken kann.
Schomburg ist Filmemacher und Drehbuchautor, und genau das merkt man auch seinem Text an: Mit relativ schnellen Schnitten erzählt er sehr bildlich von seinen drei Helden. Als Leser schaut man fast mehr, als das man liest. Das erzeugt einen Sog, der einen durch die Geschichte trägt, die dann aber auch viele Fragen offen lässt. Und das ist schon gut – und schreit schon förmlich nach einer Arthaus-Verfilmung.

Denn das Leben liefert uns nicht immer klare Antworten, sondern fordert uns immer wieder auf, uns selbst in Frage zu stellen, so wie Johanna es beständig macht. Sie erinnert uns, dass wir alle mal 17 waren und mit Neugierde und Hoffnung in diese Welt geschaut haben. Schomburg weckt diese 17-Jährige in uns tatsächlich wieder auf.

Seine Geschichte, die im Erwachsenenprogramm von dtv erscheint, ist trotz seiner jugendlichen Helden kein Jugendbuch in dem Sinne, wie wir sie hier auf dieser Plattform sonst immer vorstellen. Es ist für mich aber ein Roman, der Jugendlichen, die genug von reinen Jugendbüchern haben, den Weg in die deutsche Gegenwartsliteratur eben kann. Schomburgs Sprache ist jugendlich und rotzig genug, um zu fesseln, die Geschichte selbst so geheimnisvoll und vielschichtig, dass sie lange nachhallt und man über viele Aspekte diskutieren und nachdenken kann. Und das finde ich ja ganz fein.

Jan Schomburg: Das Licht und die Geräusche, dtv, 2017, 256 Seiten, 20 Euro

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Der Lebenssinn der Küchenschabe

EisnerHeute würde einer der größten Comic-Künstler und Schöpfer der Graphic Novel seinen 100. Geburtstag feiern: Will Eisner.
Das gebührend zu feiern, hat der Carlsen Verlag Eisners Meisterwerk Ein Vertrag mit Gott nun als brikettdickes Paperback neu herausgebracht.

Mir ist Eisner Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal begegnet, als ich über italienische Fotoromane meine Dissertation schrieb und irgendwann merkte, dass die Ähnlichkeit von gezeichneten und fotografierten Bildergeschichten einfach nicht zu leugnen war. So vertiefte ich mich in Eisners theoretisches Werk Mit Bildern erzählen, das dieser Tage unter dem Titel Comics als erzählende Kunst ebenfalls bei Carlsen neu herauskommt. Für das Verständnis, wie Comics und Graphic Novels funktionieren, wie mit Panels, Schriften und natürlich der Darstellung menschlicher Regung erzählt wird, ist dieses Grundlagenwerk immer noch unabdingbar und zeitlos.

Was mir bei meiner Forschung damals einfach durchgegangen ist, war allerdings Ein Vertrag mit Gott. Ein gute Gelegenheit, das Verpasste endlich mal nachzuholen. Auf über 500 Seiten entfaltet Eisner ein Panoptikum des Lebens in der Bronx in den 20er und 30er Jahren. Er erzählt von den Bewohnern in einem Mietshaus der fiktiven Dropsie Avenue, von ihren alltäglichen Sorgen, ihren Wandlungen, von verpassten Chancen, vom Ver- und Entlieben, von der Suche nach Sinn und dem großen Geld, das letztendlich doch nicht glücklich macht. Es sind die universellen Themen des menschlichen Daseins, die Eisner in dramatisch ausgeleuchtete Panels zeichnet. Die Figuren stellt er realistisch, fast schon brutal hässlich dar. Er beschönigt nichts, sondern macht deutlich, dass das Leben kein Ponyhof ist und vor allem das Zusammenleben zwischen Männern und Frauen, Jung und Alt, Arm und Reich von Konflikten aller Art geprägt ist.

EisnerIm letzten Teil der Graphic Novel macht Eisner die Dropsie Avenue selbst zur Hauptdarstellerin und porträtiert sie von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert, als in der Bronx noch Bauernhöfe standen und der nächste Nachbar weit entfernt auf der anderen Seite des Feldes lebte. Nach und nach werden jedoch immer mehr Häuser gebaut, Menschen aus anderen Ländern ziehen her, die Holländer legen sich mit den Engländern an, diese wiederum wollen von den Iren nichts wissen. Noch mehr Häuser entstehen, Katholiken wohnen neben Juden. Das Viertel erlebt den Aufschwung, eine U-Bahn soll gebaut werden, noch mehr Menschen ziehen her, noch mehr Nationalitäten. Die ersten fühlen sich nicht mehr wohl oder sicher, wittern den Abstieg und ziehen weg. Verfall ist die Folge. Erste Mietskasernen entstehen, Prostitution, Gewalt, Mafia breiten sich aus. Iren kämpfen gegen Italiener. Spekulanten bereichern sich. Noch mehr Mietshäuser wachsen aus dem Boden, das Gesicht der Dropsie Avenue verändert sich. Das Leben der Menschen kaum.

Dieses Porträt einer Straße – man könnte es auch Aufstieg und Fall der Dropsie Ave nennen – ist so faszinierend und zeitlos, dass man sich mit jeder Seite und mit jedem Panel an die Entwicklungen in der eigenen Stadt erinnert. Das Auf und Ab des Lebens, den Kreislauf von Geburt bis Tod bringt Eisner in so universell gültigen Bildern auf den Punkt, dass man trotz der Dramatik und den menschlichen Schicksalen sich geborgen fühlt. Denn man findet sich in diesen vielen kleinen Geschichten und Episoden wieder, fühlt sich ertappt bei seinen eigenen Vorurteilen, gerät ins Träumen, wenn man dem eigenen Elend entfliehen will, schöpft Hoffnung, dass das tatsächlich möglich ist. Man ist gerührt, wenn die Liebe sich ihren Weg durch die Backstein-Hinterhöfe bahnt, über Religions- und Nationalitätsgrenzen hinweg.

So ist Will Eisners Meisterwerk in doppelter Hinsicht eine Bereicherung: Er zeigt in seinem 1978 entstandenen Werk, was die Graphic Novel ausmacht, was sie kann, wie literarisch Bild und Text zusammenarbeiten und profunde Geschichten erzählen können. Bereit in den 30er Jahren hatte er, der Meister des Comic-Strips und des Superhelden-Comics, den Traum, das literarische Potential des Mediums unter Beweis zu stellen. Damals hat niemand auf ihn hören wollen. Erst 40 Jahr später gelang es ihm, seinen Traum zu verwirklichen.
Zudem bringt er die Condition humaine in all ihren Facetten so auf den Punkt, dass man sich auf das Abenteuer Leben noch mal so gern einlässt. Eisner zeigt wie absurd die Feindschaft zwischen den Nationen und den Religionen ist. Die menschliche Natur macht bekanntlich keine Unterschiede, wenn es um die Grundbedürfnisse des Lebens geht. Bequem eingerichtet in unseren Filterblasen vergessen wir das viel zu häufig.

Vor Will Eisner kann ich mich nach dieser großartigen Lektüre nur noch mit absoluter Hochachtung und Bewunderung verneigen!

Will Eisner: Ein Vertrag mit Gott. Mietshausgeschichten, Übersetzung: Carl Weissner, Carlsen, 2017, 528 Seiten, 19,99 Euro

Will Eisner: Comic als erzählende Kunst. Grundlagen und Prinzipien, Carlsen, 2017, 176 Seiten, 19,99 Euro

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Frechheit siegt

hexenfeeGut, hier muss ich von vornherein zugeben, dass ich parteiisch bin. Denn seit ich vor anderthalb Jahren das Bilderbuch Der goldene Käfig von Anna Castagnoli mit den Illustrationen von Carll Cneut übersetzt habe, bin ich in die Bilderwelten des Belgiers verliebt.

Nun hat Cneut die Geschichte der Hexenfee, aus der Feder von Brigitte Minne und frech neuübersetzt von Rolf Erdorf, ein weiteres Mal illustriert. Eine erste Version ist in Belgien bereits 1999 erschienen, 2006 von Mirjam Pressler ins Deutsche übersetzt und hier mittlerweile vergriffen.

Die Hexenfee erzählt von dem Feenmädchen Rosmarinchen, die so gar keine Lust hat, lieb und ordentlich zu sein, wie es sich für ein Fee gehört. Den Zauberstab, den sie zum Geburtstag bekommt, findet sie doof. Rollschuhe hätte sie lieber und überhaupt wäre sie viel lieber eine Hexe. Die dürfen sich schmutzig machen und mit einem Boot über den Bach fahren.
Keine der Feen kann Rosmarinchen überzeugen, dass Hexen gemeine Biester sind. Die kleine Fee zieht in den Hexenwald, und dort erfüllen sich ihre Wünsche vom Rollschuhlaufen und Boot fahren. Und das Fliegen auf einem Besen lernt sie auch noch.
Doch Rosmarinchens Mama vermisst die Tochter und folgt ihr in den Hexenwald. Und lernt Erstaunliches.

Minne zeigt mit dem Märchen Hexenfee, dass man im Leben nicht immer das eine oder das andere sein muss, sondern mehreres in sich vereinen kann. Sie zeigt, dass Mädchen nicht immer die brave Fee sein müssen, sondern dass die Frechheit der Hexen Spaß machen, das Leben bereichern und auch Eltern zum Umdenken bringen kann. Hier wird den Mädchen, die auch heute noch viel zu oft in überkommene Rollenklischees gepresst werden, der Rücken gestärkt, sich gegen elterliche Vorgaben aufzulehnen, wenn sie in sich den Wunsch nach etwas anderem verspüren.

Der Illustrator Cneut zeigt die Feenmädchen zunächst in einem altrosa Luftschloss, mit den typischen cneutschen Spitzhüten, auch diese in diversen Rosa-Tönen. Im Kontrast dazu entwirft er einen tiefschwarzen Hexenwald und düstere Hexenhüte. Doch für Rosmarinchen geht genau zwischen den schwarzen Blättern ihr Traum in Erfüllung, in Form eines schier unendlich roten Blumenmeers.
Und mit jeder Seite wird der dunkle Wald auf den mysteriösen Bildern immer lichter, Rosmarinchens Mama gesellt sich zur rebellischen Tochter, die Hexen stellen sich als nette Gesellen heraus, und die Welten von Feen und Hexen vermischen sich. Als Hexenfee lebt Rosmarinchen nun in beiden und ist glücklich. Ihr Mut, ihre bekannte Welt zugunsten des unbekannten Waldes aufzugeben, wird zum großen Vorbild, dem die kleinen Leserinnen möglicherweise gern folgen.

Die Illustrationen von Carll Cneut sind – wie in Der goldene Käfig – großartige Kunstwerke, an denen man sich nicht satt sehen kann, deren Tiefe man sich erst nach wiederholtem Betrachten erschließt, über die man trotzdem rätseln kann: Was sollen die vielen spitznasigen und spitzhütigen Köpfe, die oftmals wie Männer aussehen, aber doch auch Frauen sein sollen, dem Betrachter sagen? Jede_r Betrachter_in wird ihre/seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Rosmarinchen in ihren roten Kniestrümpfen und dem altrosa Kleid, in dessen Farbe sich schon das Schwarz des Hexenwaldes mischt, denn es ist kein reines Rosa und erst recht kein Pink, reitet so selbstbewusst auf ihrem Besen, dass man trotz schwarzem Blättergewirr dennoch die Gewissheit hat, dass sie in beiden Welten unbeirrt ihren Weg  finden wird.
Genau dies wünscht man es sich für alle kleine Mädchen, die noch glauben, Fee zu sein wäre das Nonplusultra.

Brigitte Minne: Hexenfee, Illustrationen: Carll Cneut, Übersetzung: Rolf Erdorf, Bohem, 2017, 48 Seiten, ab 3, 24,95 Euro

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Neugierde ist Trumpf

sammelsuriumVor Jahren gab es Bücher mit Namen Schotts Sammelsurium, ein Quell von wild durcheinander gewürfeltem Wissen, in denen man nach Belieben hin und her blättern und immer etwas Interessantes oder Unbekanntes entdecken konnte. Die eine oder der andere wird sich erinnern.

Nun gibt es eine grafisch ganz wunderbar aufgemachte Variation dieses Prinzips für junge Lesende. Autor Richard Platt hat zusammen mit Illustrator James Brown auf je einer großformatigen Doppelseite 30 Themen zusammengestellt. Und zwar querbeet. Da erfährt man, wie (Seemanns-)Knoten geschlagen werden, aus welchen Teilen ein Fahrrad besteht, was für Bleistifte und Pinsel es gibt. Die vermeintlich so einfachen, unwichtigen Dinge unseres Alltags werden hier zu faszinierenden Kunstwerken. Allein die Variationen von Schrauben und Nägeln, die man im normalen Leben so gar nicht beachtet, sind beeindruckend.

Doch die Themen streifen auch komplexere Bereiche unseres Lebens. Den Aufbau des menschlichen Körpers aus Knochen und Organen, bis hin zum menschlichen Auge. So geht es von unserer eigenen Haut nach draußen in die Welt, in der wir uns mithilfe von verschiedenen Alphabeten verständigen. Beispielsweise durch die Buchstabier-, Morse- und Winkeralphabete, das griechische Alphabet oder auch durch das internationale Signalbuch.

Egal, ob man vorn anfängt oder kreuz und quer blättert, in diesem Sammelsurium bleiben Wissensdurstige immer an etwas hängen. Seien es die stylischen Infografiken, die auf jeder Doppelseite immer nur in einer eleganten Farbe gestaltet sind, oder die kurzen Texte, die mit Fakten und erstaunlichem Wissen vollgestopft sind.
Nach und nach entsteht unsere Welt mit (fast) all ihren faszinierenden Facetten. Selbst Themen, die für mich als Jugendliche total unverständlich oder dröge waren wie Chemie oder Mineralienkunde, entfalten hier eine gewisse Sogwirkung. Man möchte weiter schauen, mehr wissen, anfangen zu forschen, Schriften selbst malen, ein Musikinstrument lernen, ein Konzert besuchen oder einfach nur die Wolken anschauen.

Platt und Brown, in der geschmeidigen Übersetzung von Christiane Manz, gelingen eine Art von Wissensvermittlung, die Spaß macht und deren ästhetische Aufmachung an Eleganz kaum zu überbieten ist. Das ist auch für große Lesende schön und genauso spannend, denn hier erfährt jeder etwas Neues und wird neugierig gemacht auf die Welt da draußen.

Richard Platt: Das große Wissens-Sammelsurium, Illustration: James Brown, Übersetzung: Christiane Manz, Gerstenberg Verlag, 2016, 64 Seiten, ab 10, 19,95 Euro

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Tierische Bilderbücher

tierSeit Ende Januar feiern die Chinesen das Jahr des Hahns. Es soll Glück bringen für kommende Projekte. Eigentlich ein gutes Omen.

Ein Projekt hat auch Die kleine rote Henne von Pilar Martinez. Sie lebt mit ihren Küken auf dem Bauernhof und will ein Brot backen. Beim Bestellen des Feldes, beim Aussäen des Weizens, bei der Ernte, dem Mahlen der Körner und beim Backen könnte sie eigentlich ziemlich gut Hilfe gebrauchen. Doch ihre Mitbewohner Hund, Katze und Ente sind zu faul, schläfrig und lärmend und lehnen die wiederkehrende Frage, wer hilft, mit einem „Ich nicht!“ ab.
Da es bekanntermaßen so aus dem Wald herausschallt, wie man hineinruft, reagiert die kleine rote Henne am Ende dementsprechend, was hier mal nicht verraten wird.

Dieses freche spanische Volksmärchen ist eine entzückende Lektion in Sachen Hilfsbereitschaft, die kleinen Lesern durchaus zu denken geben wird. Und nicht nur denen.

Was mich bei diesem Buch noch ganz besonders freut, ist, dass die wunderbare Übersetzerin Ilse Layer auf dem Cover neben der Autorin und dem Illustrator genannt wird (wenn auch unverständlicherweise kleiner gedruckt). Das kommt in der deutschen Verlagslandschaft noch viel zu selten vor und sollte doch eigentlich selbstverständlich sein. Diesem Vorbild dürften andere Verlage bitte folgen.

Eine ebenso entzückende Federviehgeschichte ist die von Fledereule Eulenmaus der irischen Illustratorin und Schriftstellerin Marie-Louise Fitzpatrick. Ganz ohne Worte schildert sie die liebenswerte Begegnung zweier nachtaktiver Spezies des Tierreichs.

Da sitzt zunächst eine vierköpfige Eulenfamilie selig schlafend nebeneinander auf einem Ast, als sich eine Fledermausfamilie unter ihnen an den selben Ast hängt. Zunächst beäugt man sich misstrauisch, rückt auseinander und verbietet seinen Kindern den Kontakt während der Schlafenszeit.
Als ein Windstoß den Baum schüttelt, fällt das Getier vom Baum, und nun sammeln die besorgten Mütter ihren Nachwuchs wieder ein, allerdings nicht nur den eigenen, sondern auch den der Astnachbarin. Mittlerweile ist der Vollmond rund hinter dem Baum aufgegangen, die Lütten sind hellwach und alle rücken dichter zusammen.

Solidarität, Hilfsbereitschaft und Freundschaft brauchen hier keine Worte. Mutterliebe ist universell, und gemeinsam mit seinen Freunden macht die Erkundung der Nacht gleich doppelten Spaß. Braucht man mehr, um Kindern Offenheit und Toleranz zu zeigen? Ich glaube nicht.

bilderbücherDicke Freunde sind auch die beiden Wollschweinferkel Krümel & Fussel von Judith Allert. Sie führen ein schweinotastisches und wunderborstiges Leben voller Gegrunze, Geknurpse, Gemampfe und Gebuddel auf dem Bauernhof. Es fehlt ihnen an nichts. Nachts kuschelt die Großfamilienwollschweinsippe sich zusammen und veranstaltet ein Schnarchkonzert.
Doch eines Abends entdeckt Krümel ein faszinierendes Funkellicht. Er will ihm folgen, wird jedoch vom Zaun gestoppt. Was aber so ein abenteuerlustiges Wollschwein ist, das lässt sich natürlich nicht von einem einfachen Lattenzaun aufhalten. Am nächsten Morgen ziehen die Freunde los, finden ein Loch im Zaun und weiter geht es, immer dem Rüssel nach. Der dunkle Wald bei Nacht, die unheimlichen Geräusche und die fremden Waldbewohner halten die beiden nicht auf, um näher zum Funkellicht zu kommen.

Dass manchmal ein Perspektivwechsel des Rätsels Lösung bringen kann, erkennen die Freunde schon bald. Dass so eine Erkenntnis auch noch weitere Folgen hat und man manchmal einfach seinem Rüssel folgen muss, auch. Die beiden knuffigen Wollschweine machen einfach Lust darauf, dem eigenen Forscherdrang nachzugeben und den eigenen Weg unbeirrt weiterzugehen.

bilderbücherSo könnte das Leben eigentlich ganz wunderbar sein, wenn da nicht der nervige Schluckauf wäre. Vor allem, wenn er im ungelegensten Moment auftaucht und dann nicht mehr verschwindet, wie in Christian Gutendorfs Bilderbuch Hicks!
Krokodil Egbert kann ein Lied so einem Schluckauf singen. Als er eines Tages nach der Fütterung selig schlummert, schlägt der Aushilfsunterpfleger Tim die Tür mit so einem Ka-Bumm zu, dass es Egbert von seiner Mama runterschmeißt. „Eine Weile nix. Dann … Hicks“, so heißt es fort an. Es schüttelt und rüttelt und schmeißt Egbert hin und her, es ist herzerweichend.

Was macht man bei Schluckauf? Klar, man fragt andere um Rat. Egbert konsultiert Walross Wally, Mick, die Maus, Giraffe Ruth und noch so einige andere Zoobewohner. Doch nichts hilft, Luftanhalten nicht, Käse essen nicht, trocken schlucken erst recht nicht. Es ist zum … Hicks!

Und wenn schließlich alles nichts mehr geht, dann, ja dann sucht man auch endlich mal den Arzt auf. Egbert ist da nicht anders und traut sich endlich zum Tierarzt …

Liebevoll gereimt und humorvoll gezeichnet widmet sich Christian Gutendorf einem alltäglichen Phänomen, das zwar lästig, aber nicht lebensbedrohlich ist – und für das jeder sein eigenes Rezept entwickeln muss. Bis dahin ist diese Lektüre so wunderbar unterhaltsam, dass jede_r Schluckauf habende Leser_in vermutlich vor Lachen das nervige Gehickse wieder los wird …

 

Pilar Martinez: Die kleine rote Henne, Übersetzung: Ilse Layer, Illustration: Maro Somà, Aracari, 2017, 36 Seiten, ab 4, 13,90 Euro
Marie-Louise Fitzpatrick: Fledereule Eulenmaus, Sauerländer, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro
Judith Allert: Krümel & Fussel immer dem Rüssel nach, Illustration: Joelle Tourlonias, Ravensburger, 2017, 32 Seiten, ab 4, 13 Euro
Christian Gutendorf: Hicks! Ein Krokodil hat Schluckauf, Lappan, 2017, 44 Seiten, ab 4, 12,99 Euro

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