Danke für Eure Stimmen!

Die Abstimmung zum ersten Buchblog-Award ist beendet, die Shortlist steht fest und ist hier einsehbar: http://www.buchblog-award.de/news/shortlist.

LETTERATUREN hat es nicht in die zweite Runde geschafft, aber das war abzusehen, ging es hier doch nur um die meisten Klickzahlen und nicht um die Inhalte. Dennoch sagen wir Danke für Eure Likes – und machen jetzt unverdrossen weiter!

Bleibt uns treu und schaut ab und an mal vorbei, es gibt so viel zu entdecken, dass auch wir gar nicht hinterher kommen, über alles zu berichten. Aber wir tun weiterhin unser Bestes!

Den Nominierten der Shortlist herzlichen Glückwunsch! Am 13. Oktober verkündet die Jury auf der Buchmesse die Gewinner_in – und vielleicht schaue ich mir dieses Spektakel dann live vor Ort an …

Herzliche Grüße

Ulrike Schimming, Elke von Berkholz und Heike Brillmann-Ede

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Ganz und gar nicht wurst

So schlagfertig wäre ich auch gern mal: Was die 15-jährige Mireille Laplanche in Clèmentine Beauvais‘ Roman Die Königinnen der Würstchen an Sprüchen raushaut, ist große Klasse und fast schon Screwball Comedy. Viel besser, als nur ein morbider, mit sich und der ganzen Welt hadernder Teenager zu sein. Und selten ist jemand so geistreich pubertär-trotzig und frech: „Hör nicht auf sie, Astrid“, warnt sie das schon bald zur engen Freundin werdende Mädchen, das trostsuchend in der Küche hockt und soeben von Mireilles Mutter geraten bekommen hat, sich an ihre nette und starke Tochter zu halten. „Sonst beklagt sich immer in einer Tour, dass sie an dem unseligen Abend meiner Empfängnis keine heftige Migräne vorgeschützt hat!“ Oder im frustrierenden Streit ihrer Maman hinterher brüllt: „Weißt du, was das Hässlichste ist, das dir Klaus hinterlassen hat? Das bin nicht ich, sondern diese völlig bescheuerte Idee, dass du bloß eine Lehrerin bist!“

Mireilles Mutter war mir, selbst Mutter eines Teenagers, aber auch gleich auf den ersten Seiten sehr sympathisch: „ ,Du gehst mir auf die Nerven, Mireille.‘ Meine Mutter schaut an die Decke und sagt zu der Lampe von Habitat: ,Ich hasse pubertierende Jugendliche.‘ “ Wie wahr!

Ihre kluge Kodderschnauze schützt Mireille ganz gut. Die Gymnasiastin hat nämlich ein paar Kilos zu viel auf den Rippen, einige üppige Rundungen mehr als das gängige Schönheitsideal erlaubt. Nicht, weil sie sich ein dickes Fell anfuttern musste, sondern weil sie gern und gut isst (ihre Großeltern haben ein Sterne-Restaurant). Sie kommt vom Aussehen her nicht nach ihrer schönen Mutter, sondern hat die weniger attraktiven Züge ihres deutsch-französischen Erzeugers geerbt, ein Philosoph und ehemaliger Doktorvater ihrer Mutter, der von der Existenz seiner Tochter nichts wissen will. Dumm ist der Mann, der mittlerweile der Ehemann der französichen Präsidentin (fiktional, nicht Marine Le Pen!) ist, anscheinend nicht, denn Mireille ist auf höchst attraktive Art doppelt intelligent. Und weil sie endlich den ihr bekannten Unschönen zur Rede stellen will, kommt Mireille auf die tollkühne Idee, per Fahrrad vom heimischen Bourg-en-Bresse in Ostfrankreich in die Hauptstadt zu fahren. Begleitet wird sie von ihren zwei Freundinnen Astrid und Hakima, mit denen zusammen sie in einem perfiden Wettbewerb als die „Würste des Jahres“ – die hässlichsten Mädchen der Schule – verspottet wurde. Denn auch ihre beiden Leidensgenossinnen haben im Élysée-Palast in Paris ein spezielles Hühnchen zu rupfen. Finanzieren wollen die drei ihre Mission impossible mit – logisch – Würstchenverkauf.

Beauvais’ Rad-Road-Roman hätte ein deprimierendes Buch über Mobbing und die ätzenden Auswüchse des Schönheits- und Optimierungswahns werden können. Das Thema spielt auch eine Rolle. Doch die zauberhafte Geschichte lässt sich genauso wenig wie Mireille davon unterkriegen und dominieren.

Und so ist diese furiose Tour de France eines tollen Trios ungewöhnlicher Mädchen und ihres ebenso besonderen Begleiters in seinem speziellen Streitwagen so viel mehr: grandioses Abenteuer, extreme Herausforderung, Suche nach Wahrheit und Klarheit, selbstbewusste Provokation und feministisches Plädoyer. Oder wie Mireille den schon bald auf die radelnden Würstchenverkäuferinnen anspringenden Reportern sagt: „Vielleicht macht Hässlichkeit uns reifer“. Nicht zuletzt auch solidarischer, empathischer und weniger Ich-bezogen.

Nebenbei wird französische Nachkriegsgeschichte und gesellschaftliche Gegenwart thematisiert, en passant, aber nie beliebig oder gewollt wirkend: So sind Franzosen mit Migrationshintergrund zwar in der Armee und beim Kampf für die Grande Nation willkommen, aber man begegnet den nicht typisch französisch aussehenden Landsleuten weiterhin misstrauisch – die alltägliche Fremdenfeindlichkeit.

Und natürlich ist es in Zeiten von Facebook und Twitter, wo jeder anonym unendlich Hass versprühen darf, und der tagtäglichen Bilderflut auf Instagram, Snapchat, der totalen Feier der absoluten Oberflächlichkeit, niemandem egal, wie er und insbesondere sie aussieht. Weder Mireille noch Astrid und Hakima, die von Mireilles einstigen besten Freund aus Kindertagen zu den unattraktivsten Schülerinnen in Gold, Silber und Bronze gekürt wurden. Aber sie drehen den Spieß um und touren selbstbewusst als die drei Würste.

Warum der deutsche Titel Die Königinnen der Würstchen lautet, von Annette von der Weppen ansonsten charmant und spritzig übersetzt, erschließt sich nur bedingt. Das Original heißt fast ebenso merkwürdig Die kleinen Königinnen. Königinnen im Sinne von Vorbild, von starken, lebenslustigen und gewitzten Frauen könnte aber funktionieren. Solche sollten wirklich viel mehr an die Macht kommen. Der Spruch „Die Klügere gibt nach“ ist sowieso blödsinnig. Warum sollen dummdreiste Schwachköpfe das Sagen haben?

Über missratene Titelbilder und Umschlaggestaltungen des ansonsten sehr geschätzten Carlsen Verlags, in diesem Fall ist es sogar leicht sexistisch, äußere ich mich nicht mehr. Nur die inneren Werte zählen.

Und die sind hochkarätig: Clementine Beauvais hat (mit gerade mal 25 Jahren, Respekt!) eine wahnsinnig witzige und kopf- und herzergreifende Geschichte geschrieben, mit einem überraschenden Ende. Oder auch nicht, denn eine weitere Erkenntnis ist eine Abwandlung des John-Lennon-Zitats: Leben ist das, was dir passiert, während du damit beschäftigt bist, Pläne zu machen.

Mireille hat nämlich die noch unveröffentlichte Streitschrift ihrer Mutter im Gepäck. Titel: „Das Sein und das Erstaunen. Für eine Philosophie des Unerwarteten.“ „Meine Mutter glaubt, das Wesen des Menschen bestehe darin, sich am Unvorhergesehenen, Neuen, Überraschenden zu erfreuen“, erkennt Mireille als Antithese zum Werk ihres biologischen Vaters, für den das menschliche Wesensmerkmal ist, zu planen und zu entwerfen. „Der Mensch ist vor allem deshalb Mensch, weil er das Neue, Unerwartete in all dieser Ordnung sucht. Die Kunst, die Gefühle, das Leben selbst – das alles ereignet sich immer dann, wenn Planungen, Prognosen und Prophezeiungen scheitern.“ Konkretes Beispiel: „Ein geplatztes Präservativ und das Unerwartete tritt ein: ein ungeplantes, kleines Würstchen – ich.“ Und das steht mal eben in einem Jugendbuch. Ganz großes Kino!

Elke von Berkholz

Clementine Beauvais: Die Königinnen der Würstchen, Übersetzung: Annette von der Weppen, Carlsen, 2017, 288 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

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Kein schöner Land

schäubleHerr Böhmermann twitterte in den vergangenen Tagen, kurz nach dem TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz, dass nach 60 Jahren nun bald wieder Nazis im Bundestag sitzen werden. Und wir haben es nicht verhindert.

Ein bitterer Tweet. Denn es geht schon nicht mehr darum, ob die AfD in den Bundestag einzieht, sondern nur noch die Frage bleibt, mit viel Prozent. Können wir wirklich nichts mehr dagegen tun? Ich weiß es nicht, ich hoffe, doch.

Was jedoch passieren könnte, wenn eine Partei wie die AfD tatsächlich die Macht in unserem Land übernehmen würde, hat Autor Martin Schäuble weiter gedacht und daraus einen packenden Roman gemacht.
Darin regiert in einer nicht allzu fernen Zukunft die Nationale Alternative, die EU ist abgeschafft, der Euro ebenso, man zahlt wieder mit Mark. Die Atomkraftwerke laufen weiter, erneuerbare Energien werden nicht mehr unterstützt. Die Rentenversicherung ist privatisiert worden, an den Grenzen wurden Mauern hochgezogen. Die Gesellschaft ist überaltert, aber in den Altenheimen fehlen die Pflegekräfte. In diesem düsteren Szenario leisten die Protagonisten Anton und Noah ihren Wehrdienst. Mitten in der Nacht sollen sie sogenannte Invasoren, also Flüchtlinge, an der Grenze abfangen.
Anton steht hinter der Politik der Nationalen Alternative, Noah ist kritisch und sabotiert eine dieser Abfangaktionen.

In einem weiteren Strang lässt Schäuble die jung Äthiopierin Fana von ihrem Leben in Addis Abeba erzählen. Dort ist sie auf eine deutsche Schule gegangen, arbeitet in einem Krankenhaus und muss ihre Eltern unterstützen. Im Land herrscht eine fürchterliche Hungersnot, sodass Fana von einer befreundeten Deutschen schließlich dazu überredet wird, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen.

Fana schafft es tatsächlich bis nach Deutschland, das Noah nur noch „Endland“ nennt, und im Flüchtlingsheim kreuzt sich ihr Weg mit dem von Anton. Der ist von seinem Offizier auf eine geheime Mission geschickt worden, deren ganze Dimension dem Jungen erst vor Ort wirklich aufgeht …

Schäuble schafft es, jugendlichen Leser_innen ein Gespür zu vermitteln, dass das, was heute von Politikern und Populisten diskutiert wird, ganz schnell bittere Wahrheit werden kann und unser aller Leben prägen würde. Die drei Protagonisten, die jeweils als Ich-Erzähler berichten, stehen für die verschiedenen Standpunkte, die man in Sachen Flüchtlingsproblematik einnehmen kann. Durch die rasanten Wendungen im Plot wird deutlich, wie schnell man zum Ausgestoßenen oder Helden, zum Spielball oder Macher der Geschichte werden kann.

Autor Martin Schäuble ist mit dieser Geschichte ganz dicht an den bewegenden Themen unserer Zeit und schärft den Blick für die Ungerechtigkeiten, die sich auf leisen Sohlen immer mehr in unsere Gesellschaft einschleichen. Zudem führt er noch einmal sehr drastisch vor Augen, wie grausam eine Flucht in ein vermeintlich sicheres Land wie Deutschland ist und welche Gefahren die Flüchtenden dafür auf sich nehmen. Das macht die Stärke dieses Buches aus.

Erzähltechnisch geht Schäuble dabei ziemlich zackig vor. In einer nüchternen, fast spröden Sprache treibt er den Plot so rasant voran, dass mir manche Sprünge fast zu schnell gehen. Da tauchen dann die ein oder anderen Fragen auf (wie kommt Fana von Libyen nach Polen?) und manche Nebenfiguren werden so flott eingeführt, dass man sie kaum registriert.
Schäuble zeigt viele Dinge nicht, sondern lässt sie die Figuren erzählen. Das mindert für mich ein wenig das eigene Erkunden und Nach-Denken der Geschichte und wirkt in manchen Momenten ziemlich moralisch (wenn Anton über gewisse Zustände nachdenkt, spürt man den erhobenen Zeigefinger). Das hätte man sicher so darstellen können, dass es die Leser_innen stärker fordert, dann wäre der Roman jedoch wohl doppelt so lang geworden.

So aber ist Schäuble ein rasanter Zeitgeist-Roman gelungen, der junge Leser_innen für Politik und Populismus sensibilisiert. Und ihnen klar macht, dass man von Anfang an wachsam sein muss, damit es nicht so weit kommt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Volljährigen unter ihnen auch ihr Wahlrecht wahrnehmen und auf diese doch so einfache Art ein Zeichen setzen!

Martin Schäuble: Endland, Hanser, 2017, 220 Seiten, ab 14, 15 Euro

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Jahreszeitenübergangsrituale

herbstIn diesen Tagen gehen in allen Bundesländern die Sommerferien zu Ende, die nächste Generation von Leser_innen betritt die Schulen, und meteorologisch hat auch der Herbst bereits Einzug gehalten. Da passt die Lektüre des reizenden Erstlesebuchs Finn und Frida halten den Herbst auf von Martin Klein und Kerstin Meyer bestens ins Programm.

An einem Sonntagmorgen stellen darin die beiden Helden erstaunt fest, dass es auf einmal richtig kalt geworden ist und die nackten Zehen plötzlich wehtun. Die Zähne klappern, und um warm zu werden müssen die beiden sich gegenseitig durch den Garten jagen. Und auch den Herbst wollen die Geschwister nicht einfach so hinnehmen. Sie veranstalten einen Sonnentanz mit Poolnudel und Taucherbrille um das Planschbecken herum.

Aber statt Sonnenschein schickt der Himmel Regen auf die Erde, und auch die Blätter hält es nicht mehr an den Bäumen. Aber Finn ist ein schlaues Kerlchen und überredet Frida, den Herbst wieder rückgängig zu machen.

Gerade nach den letzten warmen Sommertagen kann man Finn und Frida so richtig gut verstehen, man möchte all die schönen Dingen des Sommers, das Baden, die Sonnenstrahlen, das kühlende Eis, das Geplansche, die nackten Füße und die wenigen Kleidungsstücke am Leib nicht einfach so von einem Tag auf den anderen aufgeben. Der Übergang fällt schwer, Socken und Pulli engen ein, das Haus oder die Wohnung sind auf einmal viel zu klein. Jede Verlängerung des Sommers wäre also wirklich sehr willkommen!

Und so können Finn und Frida als sehr coole Vorbilder dienen, die sich auch von Unausweichlichem nicht so einfach unterkriegen lassen, die dieser neuen Situation mit kreativen Ideen begegnen und so spielerisch Übergangsrituale erfinden, die das Vergangene würdigen und das Neue wahrnehmen. Auch dies ist eine Art, wie man kann die kommende Jahreszeit schätzen und begrüßen kann.

Dieses Erstlesebuch macht es Leseanfängern zudem einfach, einen Übergang vom Bilderbuch zum längeren Roman zu finden. Die Illustrationen von Kerstin Meyer, die in einer Kombination aus bunten Sommerblumen und warmen Herbstfarben strahlen, bieten genügend Pausen im Text. Sie laden zum Schauen ein und kitzeln die eigenen Erinnerungen an den vergangenen Sommer hoch.
Der Text von Martin Klein wiederum besticht durch verständliche, nicht zu lange Sätzen, in denen aber durchaus ungewöhnliche Worte zu finden sind wie „Sommerregentropfen“ oder „Nordsee-Anfang-Juni-Temperatur“. Langweilig wird das sicher nicht.
Und ich bin ganz neidisch, dass die Schulanfänger von heute mit so coolen und kreativen Geschichten lesen lernen!

Martin Klein: Finn und Frieda halten den Herbst auf, Illustratorin: Kerstin Meyer, Tulipan, 2017, 48 Seiten, ab 7, 8,95 Euro

 

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Der Buchblog-Award 2017

Heute mal etwas in eigener Sache. Dieses Jahr wird auf der Frankfurter Buchmesse zum ersten Mal der Buchbog-Award vergeben. LETTERATUREN steht auf der Longlist, und ab heute könnt Ihr abstimmen, wer von den Nominierten auf die Shortlist soll – und zwar hier: http://www.buchblog-award.de/abstimmen/

Dort sind jede Menge andere Buchblogs aufgeführt – was kein Wunder ist, beschäftigen sich doch über 900 Menschen im Netz mit Büchern. Doch teilt sich diese Leidenschaft dort auch ganz wunderbar auf, wenn man sich die Spezialisierungen der Blogs anschaut: Manche befassen sich mit Fantasy oder Romance, Krimi & Thriller, andere mit Sachbüchern, wieder andere – so wie LETTERATUREN – mit Kinder- und Jugendbüchern.
In jeder dieser Kategorien werden die sieben beliebtesten ermittelt, aus denen dann eine Jury die Gewinner auswählt.

Die Aufstellung der nominierten Blogs mag im ersten Augenblick nicht sehr übersichtlich und eher abschreckend wirken. Doch durch die Suchfunktion kommt Ihr ganz schnell zu den Blogs, die Ihr mit Namen kennt und für die Ihr stimmen möchtet.
Falls Ihr die Namen nicht kennt oder Euch inspirierend lassen wollt, dann scrollt gemütlich nach unten und stöbert. Es gibt auf jeden Fall viel zu entdecken!
Bis zum 11. September habt Ihr Zeit abzustimmen.

Allen Nominierten des Buchblog-Award 2017 wünsche ich viel Glück!
Über Eure Stimmen würden Elke von Berkholz, Heike Brillmann-Ede und ich uns auf jeden Fall sehr freuen. Wir sind gespannt, was dabei herauskommt und ob wir es eine Runde weiterschaffen. Ich werde dann berichten …

Herzliche Grüße

Ulrike Schimming

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Süße Medizin

Erster Eindruck: Ein hübsches Buch, gewichtig, mit rotem Leinenrücken und pinkem Lesebändchen, auf dem Einband sind sechs kleine, bunte Kinderhelden abgebildet: Sandmännchen, die kleine Raupe Nimmersatt, Tigerente, Paddington Bär, der kleine Prinz und der bunte Elefant Elmar. Sehr interessanter Titel: Die Romantherapie für Kinder nennen die Literaturwissenschaftlerinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin ihr Kompendium, ein Ableger ihrer Romantherapie für Erwachsene. Kurz die Sorge, dass in diesem Buch vielleicht wirklich der richtige Roman für jede Malaise steht und Blogs wie LETTERATUREN überflüssig werden.

Das passiert natürlich nicht und ist von den Autorinnen auch nicht beabsichtigt: Berthoud und Elderkin haben nach dem Studium in Cambridge mein privates (Über-)Lebenselexier zur Geschäftsidee gemacht und bieten seit 2008 an der Londoner School of Life Bibliotherapie-Sitzungen an. Daraus entstand 2013 die Romantherapie und jetzt eben, unter Mithilfe der Programmdirektorin der lit.Cologne, Traudl Bünger, das Kompendium für Jüngere.

Die Idee eines umfassenden Ratgebers und einer soliden Hausapotheke gegen die unterschiedlichsten Probleme, Sorgen, Konflikte, Lebenslagen und Leiden ist bestechend und konsequent umgesetzt. Unter Stichworten von A wie Abenteuerlust, Akne oder Apokalypse; Angst haben vor ihr bis Z wie Zimmer teilen müssen, Zündeln und Zweiter Weltkrieg findet man jeweils mindestens zwei Bücher, die einem helfen, weil hier jemand mit denselben Widrigkeiten kämpft und eine Lösung findet. Diese Medizin für das jeweilige Problem ist zwar sperrig, manchmal bitter und überhaupt nicht zu schlucken. Die dazugehörigen Nebenwirkungen sind aber auf jeden Fall erwünscht: Anregung der Phantasie, erweiterter Horizont, gestärktes Selbstbewusstsein sowie Training der Lesefertigkeiten, Vergnügen und Glücksgefühle.

Dazwischen eingestreut sind 74 (falls ich mich nicht verzählt habe) Bestenlisten mit jeweils den zehn besten Büchern für zum Beispiel „heikle Esser“, über Werwölfe oder Vampire, zum Thema Selbstmord oder „um der eigenen Sexualität auf den Grund zu kommen“. Ersteren wird originellerweise mit Enid Blytons Fünf Freunden Appetit gemacht während kluge Gedanken zu Sex und Gender in Cornelia Funkes Die wilden Hühner und die Liebe, Andreas Steinhöfels Mitte der Welt oder neueren Romanen wie George von Alex Gino und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Willamson zu finden sind.

Hier zeigt sich aber auch ein Schwachpunkt der Romantherapie: Ob Klassiker oder Neuerscheinung, es werden fast nur Bücher von deutschen und anglo-amerikanischen Autorinnen und Autoren empfohlen sowie natürlich die üblichen Verdächtigen aus Skandinavien wie Astrid Lindgren oder Mumins-Schöpferin Tove Jansson. Da ist wenig wirklich Überraschendes dabei, man könnte es einen soliden Kanon nennen, bei dem manchmal ein moderner Klassiker in einen ungewöhnlichen, eigentlich merkwürdigen Kontext gestellt wird: So ist John Boynes Der Junge im gestreiften Pyjama unter dem Stichwort „Sinn, nach einem suchen“ einsortiert.

Dagegen fehlt fatalerweise unter E wie „Essstörung“ Mirjam Pressler brillantes Buch Bitterschokolade von 1980, das mich als Jugendliche noch lange beschäftigt hat.
Und zumindest auf die Liste der zehn besten Bücher über Hunde wenn schon nicht auf die, „die in einem Trauerfall helfen“ hätte das herzzerreißende koreanische Bilderbuch Abschied von Aika gehört.

Man findet kaum etwas wirklich bisher Unbekanntes und Neues, ein bisschen gemein gesagt vertraut die Romantherapie auf altbewährte Hausmittel.

Die Darreichungsform ist umso süßer und patientenfreundlicher: In der hübsch aufgemachten Verpackung stecken liebevoll geschriebene Buchbeschreibungen und Empfehlungen, durch die sich aufs Schönste in eigenen Leseerinnerungen und –erlebnissen schwelgen lässt. Allein die bloße Erwähnung des einen oder anderen Romantitels katapultiert Leser in die Kindheit und Jugend zurück und lässt lange Vergessenes neu erleben. Das funktioniert fast so intensiv wie Gerüche, die ja im ältesten Teil der Erinnerungen abgespeichert sind und zu ganz verwegenen Sinneseindrücken führen können. Das macht die Romantherapie auf jeden Fall sehr charmant. Und lässt den abgeklärten erwachsenen Leser, auf den auch die Version für Kinder letztlich zugeschnitten ist, die reichlich naive Sicht, man könnte mit einem Buch überzeugte Nichtleser für Bücher interessieren, verzeihen. Es kann keiner ernsthaft glauben, dass bei den gesondert aufgeführten Leseleiden von „Aufmerksamkeitsspanne, kurze“ bis „Vorgelesen bekommen, es nicht wollen“ Tipps wie „Spielen Sie mit der Buchgröße“, also wahlweise überdimensionierte und winzige Werke in die kleinen Hände zu geben, oder eine die Einführung einer „Vorlesestunde für die ganze Familie“ Abhilfe schaffen kann. Als Mutter eines gerade 16-Jährigen, der nach intensiven Vorlesejahren, unter anderem aller Harry-Potter-Bände, freiwillig nie wieder ein Buch in die Hand genommen hat, weiß ich das realistisch einzuschätzen. Es gibt Leser. Und es gibt hartnäckige Nichtleser, die selbst erzwungene Schullektüre weitestgehend durch Sekundärliteratur und Interpretationshilfen aus dem Internet zu umgehen wissen.

Die Romantherapie für Kinder ist in erster Linie ein Metalesevergnügen für erwachsene Leser. Für lesehungrige Kinder und Jugendliche kann sie in der einen oder anderen Situation sogar hilfreich und heilsam sein. Und obwohl das nun wirklich nicht mehr mein Thema ist, werde ich einer Empfehlung gern folgen und mitfiebern, wenn die Autoren Tom Ellen und Lucy Ivison aus wechselnder Perspektive Sannah & Ham umeinander herumtänzeln lassen, beim Versuch ihre Jungfräulichkeit zu verlieren (Carlsen, Chicken House). Der Roman ist mir 2014 entgangen und scheint ganz besonders sympathisch und bezaubernd mit dem Thema umzugehen. Sex bleibt wahrscheinlich ein Leben lang kompliziert, ein bisschen Medizin zur Entspannung kann nicht schaden.

Elke von Berkholz

Ella Berthoud & Susan Elderkin, mit Traudl Bünger: Die Romantherapie für Kinder, Übersetzung: Katja Bendele und Kirsten Riesselmann, Insel Verlag, 2017, 372 Seiten, 20 Euro

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Von der Verführbarkeit

Hin und wieder wird mir mit fast entschuldigenden Worten ein Buch angekündigt, das an einem Tabu rührt, das ganz sicher kontrovers diskutiert werden wird, bei dem man Vorbehalte verstehen könne. All das regt natürlich meine Neugierde an – und zeigt gleichzeitig, wie beeinflussbar und manipulierbar ich bin, und sei es nur bei der Bewertung eines Buches.

Genau um das Thema der Beeinflussung, Verführbarkeit und Manipulation geht es in John Boynes neuem Roman Der Junge auf dem Berg, in der vorzüglichen Übersetzung von Ilse Layer. Ich werde trotz der Ankündigungen versuchen, meine eigene Einschätzung der Geschichte hier abzugeben.

John Boyne, der seit seinem Roman Der Junge im gestreiften Pyjama bekannt dafür ist, die deutsche Historie um den Nationalsozialismus aufwühlend anders darzustellen, erzählt nun in drei Teilen von dem Jungen Pierrot, der in Frankreich geboren wurde. Seine Mutter ist Französin, sein Vater Deutscher, der im ersten Weltkrieg gekämpft und dort traumatisiert wurde.
Im ersten Teil verfolgen wir die frühe Kindheit Pierrots in Paris, seine Freundschaft zu dem tauben Nachbarsjungen Anshel, die häusliche Gewalt, die der trinkende Vater an der Mutter auslässt, das Verschwinden des Vater und den Tuberkulose-Tod der Mutter. Pierrot kommt in ein Waisenhaus, erlebt dort weitere Gewalt durch einen anderen Jungen. Schließlich findet sich die Schwester von Pierrots Vater, Tante Beatrix, die den Jungen bei sich aufnimmt.

Dieses „bei sich“ ist jedoch speziell, denn Tante Beatrix arbeitet als Hauswirtschafterin auf dem Berghof Adolf Hitlers in Berchtesgaden.
In den Teilen 2 und 3 des Romans, die die Jahre 1937 bis 1945 umfassen, schildert Boyne das Leben Pierrots auf dem Berghof und wie er sich von einem mitfühlenden Jungen in ein gefühlskaltes, karrieregeiles „Nazi-Spielzeug“ verwandelt.
Zunächst versteht Pierrot noch nicht viel von den Vorgängen auf dem Berghof, wundert sich, warum seine Tante und der Chauffeur ihm einen neuen Namen geben – Peter – und ihm einschärfen, dass er nie von seinem jüdischen Freund Anshel erzählen soll. Doch mit der Zeit, in der Pierrot immer öfter mit Hitler spricht, den Führer mit seinem zackigen Hitlergruß und seiner Ergebenheit beeindruckt, gerät er immer weiter in den Einflussbereich des Diktators.
Das geht so weit, dass er selbst den Chauffeur und damit auch seine Tante verrät, die vor den Augen des Jungen hingerichtet werden.

Mit anderen Worten, der Junge, dem man im ersten Teil alle Sympathien schenkt, wird zu einem echten Kotzbrocken und im Grunde zu einem Mittäter. Dies wird Pierrot am Ende des Krieges schließlich klar, doch seine Reue ist dann nur noch Teil des Epilogs.

Boyne, der konsequent aus der Sicht von Pierrot schreibt, ist ein Meister der Andeutung. Oft beschreibt er Dinge, die er nicht benennt, die er jedoch im Leser evoziert. Diese Art des Erzählens schätze ich sehr, lässt sie doch dem Leser genügend Spielraum, fordert ihn nachzudenken – und hält ihn somit bei der Stange. So leidet man anfangs mit Pierrot unglaublich mit, dessen Leben aus Verlust und Gewalt besteht. Man bekommt eine Ahnung, warum der Junge so von Uniformen begeistert ist, und erschrickt gleichzeitig, wenn der Chauffeur erklärt: „Uniformen erlauben es uns, unsere Grausamkeit auszuleben, ohne jemals Schuld zu empfinden.“
Und jeder, der in dieser Geschichte eine Uniform trägt, übt Gewalt aus.

Für mich sind es solche Sätze, die manchmal noch mehr als die Geschichte selbst, Messages transportieren, über die wir genauer nachdenken sollten.
Die Verführbarkeit die Boyne anhand von Pierrot schildert, ist ebenso wichtig, aber durch die Ausnahme-Kombination von „Junge trifft Führer und wird zum Nazi“, auch eher unrealistisch. Genau deshalb wird sein Roman schon als Parabel bezeichnet, aber Parabeln zeichnen sich auch durch den Abstand zum Leser aus. Man kann diese Geschichte dann wegschieben und sagen: „Ist ja nur Fiktion.“
Dass jeder Mensch verführbar ist, und Kinder ganz besonders, ist nicht unbedingt etwas Neues. Jedes Gespräch mit anderen, jeder Werbespot, jede Rede, jede Predigt, jedes Bild kann uns verführen. Die Frage ist, wie wir dem begegnen können. Vor allem, wenn es um die Manipulation durch Populisten geht. Die Wirkung solcher Geschichten wäre sicher nachhaltiger und fruchterregender als diese Parabel.

Zumal Boynes Geschichte im ersten Teil durch einen erzählerischen Kniff die deutsche Leserschaft etwas irritierend dürfte. Pierrot ist da bereits auf dem Berghof angekommen und für eine ganze Weile sprechen die Angestellten nur von dem „Herren“ und der „Herrin“, statt vom „Führer“ und von Eva Braun. Das ist so offensichtlich auf Spannung geschrieben, dass es mich immer wieder hat stolpern lassen und schon etwas genervt hat. In Teil 2 und 3, wo Boyne tatsächlich stattgefundene Begebenheiten auf dem Berghof verarbeitet hat (hier können sich Historiker über den Wahrheitsgehalt der Szenen auslassen), wechselt dann die Anrede, und es klingt sofort authentischer.

Sich darüber aufzuregen, dass Boyne Hitler fiktive Dialoge in den Mund legt, ist meines Erachtens unnütz. In diesem Sinne darf Fiktion einiges, was uns in genügend Filmen zu dieser Person bereits vorgeführt wurde. Das schockiert mich nicht. Pierrot sieht in Hitler zwar eine Vaterfigur, doch das macht den Diktator mitnichten sympathisch. Boyne gelingt es immer wieder, den Horror des Nazionalsozialismus‘ durchscheinen zu lassen, zudem konfrontiert er Pierrot immer wieder mit Menschen, die nicht für Hitler sind – was der Leser besser begreift als der verblendete Junge.

Man liest dieses Buch sehr schnell, durch die exzellente Erzählkunst Boynes und die geschmeidige Übersetzung von Ilse Layer, dennoch lässt es einen nicht so schnell wieder los. Auch wenn ich das eine oder andere anzumerken habe, habe ich lange gegrübelt. Anderen wird es womöglich ähnlich gehen.
Die Form der Parabel böte sich natürlich hervorragend an, diese Geschichte im Schulunterricht zu diskutieren. Allerdings nur mit der Einschränkung, dass umfassend über den Nationalsozialismus aufgeklärt wird, damit das gesamte Unrecht eingeordnet wird und die Schüler mit dem Schrecken nicht allein bleiben. So finden sie dann möglicherweise eine Haltung und einen Weg, sich gegen die allgegenwärtigen Verführer in unserer heutigen Gesellschaft zu wappnen.

John Boyne: Der Junge auf dem Berg, Übersetzung: Ilse Layer, Fischer, 2017, 304 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

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