Fridas Universum

 

 

 

 

 

 

 

Wie führt man junge Menschen an das Leben von großen Künstlerinnen heran? Wie kann man deren Neugierde auf das Werk von bereits verstorbene Berühmtheiten wecken?

Zum 110. Geburtstag der mexikanischen Malerin Frida Kahlo ist nun das farbenfrohe und fröhliche Bilderbuch Frida Kahlo und ihre Tiere erschienen, das ein Anfang sein kann. Die Autorin Monica Brown und Illustrator John Parra bringen über Fridas Beziehung zu ihren unzähligen Haustieren den jungen Betrachter_innen Leben und Werk dieser leidgeprüften Frau näher. Sie erzählen von Papagei, Rehkitz, Katze, Klammeraffen, aztekischen Nackthunden und Truthähnen. Sie begleiten die Künstlerin durch Kindheit, Jugend und die von Krankheit geprägten Jahre. Fridas Leiden wird hierbei nur dezent angedeutet, lediglich eine Abbildung zeigt einen Rollstuhl und eine Beinprothese, die erahnen lassen, wie schlimm es um Frida stand.

Die Lebensfreude und die scheinbar unverwüstbar gute Stimmung von Frida stehen hier im Mittelpunkt. Die Malerin wird zum leuchtenden Vorbild, sich von Schicksalsschlägen nicht unterkriegen zu lassen, und zeigt, dass man in guter tierischer Gesellschaft vieles ertragen und vieles erschaffen kann.

Die Bilder unterstreichen dies durch ihre kräftigen Farben: Das typische Blau der Casa Azul zieht sich durch alle Seiten. Begleitet wird es vom Rot von Fridas traditionellen Blusen und dem Grün der mexikanischen Natur, alle Farben sind jedoch etwas abgetönt, sodass Fridas Schmerz durchaus zu erahnen ist. Die Art der Illustrationen deuten aztekisch Kunst und deren Muster an – und macht auf jeden Fall Lust, entweder selbst zum Pinsel zu greifen oder sich noch weiter mit Frida Kahlo zu befassen.

Letzteres war dann bei mir der Fall, und so stieß ich auf die ebenfalls frisch erschienene Graphic Novel der Italienerin Vanna Vinci, Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe.
Hier geht es nun wahrlich an die grundlegenden Themen, die Fridas Leben geprägt haben – und die sind nicht unbedingt jugendfrei. Fridas schwerer Unfall mit 18 Jahren und die daraus resultierenden Schmerzen haben ihr Leben durch und durch geprägt. Was sie jedoch nicht davon abgehalten hat, exzessiv zu lieben. Diego Rivera, den berühmten Maler der Murales, wohl an erster Stelle, aber auch andere Männer und Frauen. Frida hat ihre sexuellen Bedürfnisse ausgelebt: zusammen mit anderen, an ihrer Leinwand oder auch nur mit sich selbst. Vinci macht auf jeder Seite deutlich, wie sehr Frida das Leben geliebt und in sich aufgesaugt hat.

Vinci greift dafür zu einem besonderen erzählerischen Kniff. Sie lässt Frida ein Gespräch mit dem Tod führen, in dem sie ihr eigenes Leben reflektiert. So ist auf jeder Seite Frida selbst in ihrer mexikanischen Tracht zu sehen, die ihre kulturelle Identität zeigt und doch auch zu einer Uniform geworden ist, wie sie selbst sagt. Mag man zwischendrin vermissen, dass bestimmte Erlebnisse und Begegnungen nur von Frida selbst erzählt und nicht im Bild gezeigt werden, so merkt man im Laufe der Lektüre, dass genau dies die Persönlichkeit von Frida perfekt spiegelt. Durch die langen Zeiten, die sie an Bett gefesselt war und in denen sie sich vor allem mit sich selbst, ihrem Körper, ihren Schmerzen und der Allgegenwart des Todes auseinandersetzen musste, hat sie zu einer Expertin in Sachen Selbstreferenzialität gemacht.

Und obwohl sich im Universum Frida Kahlos so gut wie alles um Frida Kahlo dreht, ist ihr Leben voll mit historisch wichtigen Lebensgefährten wie Leo Trotzki oder Tina Modotti. Man bekommt den Eindruck, dass Frida in den 47 Jahren ihres Lebens unzählige Leben gelebt hat, so viel ist ihr zugestoßen, so viel hat sie erlebt.
Vielleicht ist es die dauerhafte Präsenz des Todes in ihrem Leben, die sie zu so unbändiger Lebenslust getrieben hat. Auch der Tod, la Santa Muerte, ist in der Graphic Novel ständig präsent, entsprechend des mexikanischen Totenkultes. Er sitzt ihr gegenüber, raucht mit ihr oder zeigt sich in den Schädeln ihrer Haustiere.

Vinci erinnert auf großartige, packende Art an diese schillernde Frau, mit der man mitleidet, die man gleichzeitig für ihre Kunst verehrt und sie um ihren unverfrorenen, selbstbewussten Charakter beneidet. Auch bei Vanna Vinci sind die Farben gedeckt, Rot und Grün dominieren, umrahmt von dicken schwarzen Linien, die sich ausdrucksstark ins Gedächtnis prägen.
Und natürlich deutet Vinci die Kunstwerke Frida Kahlos an, sodass man sich nach Ende der Lektüre diese auf jeden Fall im Original ansehen will.
Besser kann man diese große Künstlerin kaum ehren.

Vanna Vinci: Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe, Übersetzung: Christine Schnappinger, Prestel, 2017, 160 Seiten, 22 Euro

Monica Brown: Frida Kahlo und ihre Tiere, Übersetzung: Elisa Martins, Illustration: John Parra, NordSüd, 2017, 40 Seiten, ab 4, 15 Euro

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Eine Liebeserklärung

Es gibt ja durchaus Autoren, da wartet man schon fast ungeduldig auf neue Geschichten. Finn-Ole Heinrich ist für mich so einer, für den ich alle anderen Bücher zur Seite schiebe und sofort wissen muss, was der Schöpfer von Maulina Schmitt nun wieder erdacht hat.

Dieses Mal hat er zusammen mit Dita Zipfel ein Bilderbuch herausgebracht, das kleine und große Traktoren-Fans entzücken dürfte.
In Trecker kommt mit unterhalten sich ein etwa 4-jähriges Ich mit einem erwachsenen Du über den kommenden Umzug am Wochenende vom Land in die Stadt. Dabei ist es völlig schnurzegal, welches Geschlecht Ich und Du haben. Sie liefern eine Diskussion, die es in sich hat.

Das Ich hat nämlich bereits gepackt, und zwar die einzige Sache, die es wirklich mitnehmen will: den Trecker. Sehr zum Unwillen des Du, das mit rationalen Argumenten kommt. Das Gefährt ist zu groß, zu langsam, in der Stadt zu nichts zu gebrauchen, benötigt viel zu viel Platz und überhaupt, man kann ja nicht alles haben.

Das Du hat die Rechnung allerdings ohne das Ich gemacht, dass mit liebenswert überzeugender Inbrunst alle Vorteile von Trecker aufzählt: Er kennt den Weg, beseitigt Probleme und ist der beste Kumpel überhaupt. Er ist der „Held mit Motor“ und kann natürlich noch vieles mehr.

Heinrich und Zipfel schaffen es mit wunderbar trockenem norddeutschen Humor die Vorzüge des Treckers herauszukehren, die jedem Stadtmenschen bis dato verborgen geblieben sind. Durch die rhythmisierte Sprache, die knattert und rattert, wie es nur ein Trecker kann, durch die poetischen, oft elliptisch-lakonischen Sätze wird das laute Vorlesen ganz automatisch zu einem Poetry-Slam, von dem man sich wünscht, er möge nie enden.

Die Illustrationen von Halina Kirschner flankieren dann den Text mit einem rostroten Traktor vor türkisgrünblauem Hintergrund. Dicke schwarze Linien umrahmen die Farbflächen, verleihen Trecker und seinen tierischen Freunden Charakter. Und erinnern an expressionistische Kunstwerke voller Strahlkraft.
Trecker kuckt den Betrachter dann also mit seinen großen Scheinwerfer-Augen an, als wollte er sagen: „Können diese Augen lügen?“ Nein, können sie nicht – und man ist schockverliebt in Trecker.

Und am Ende fragt sich die Stadtbewohnerin, was sie eigentlich noch in der Stadt hält, so ganz ohne Trecker. Spätestens da ahnt frau, dass hier nicht nur dem Trecker eine Liebeserklärung gemacht wird, sondern auch dem Landleben. Fast im Sinne von: Ein Leben ohne Trecker ist möglich, aber sinnlos.

Wie dieses Kunstwerk auf die lütte Zielgruppe wirkt, werde ich dann demnächst an meinem Neffen, 3, erklärtem Treckerfan, seinem Cousin, 2, einem Emsländer Bauernjungen, und deren beider Großvater, erfahrenem Treckerfahrer, ausprobieren.
Ich ahne, dass alle drei nur nicken werden und sagen: „Jau, so geiht dat.“

Finn-Ole Heinrich/Dita Zipfel: Trecker kommt mit, Illustration Halina Kirschner, mairisch verlag, 2017, 32 Seiten, ab 3, 15 Euro

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Danke für Eure Stimmen!

Die Abstimmung zum ersten Buchblog-Award ist beendet, die Shortlist steht fest und ist hier einsehbar: http://www.buchblog-award.de/news/shortlist.

LETTERATUREN hat es nicht in die zweite Runde geschafft, aber das war abzusehen, ging es hier doch nur um die meisten Klickzahlen und nicht um die Inhalte. Dennoch sagen wir Danke für Eure Likes – und machen jetzt unverdrossen weiter!

Bleibt uns treu und schaut ab und an mal vorbei, es gibt so viel zu entdecken, dass auch wir gar nicht hinterher kommen, über alles zu berichten. Aber wir tun weiterhin unser Bestes!

Den Nominierten der Shortlist herzlichen Glückwunsch! Am 13. Oktober verkündet die Jury auf der Buchmesse die Gewinner_in – und vielleicht schaue ich mir dieses Spektakel dann live vor Ort an …

Herzliche Grüße

Ulrike Schimming, Elke von Berkholz und Heike Brillmann-Ede

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Ganz und gar nicht wurst

So schlagfertig wäre ich auch gern mal: Was die 15-jährige Mireille Laplanche in Clèmentine Beauvais‘ Roman Die Königinnen der Würstchen an Sprüchen raushaut, ist große Klasse und fast schon Screwball Comedy. Viel besser, als nur ein morbider, mit sich und der ganzen Welt hadernder Teenager zu sein. Und selten ist jemand so geistreich pubertär-trotzig und frech: „Hör nicht auf sie, Astrid“, warnt sie das schon bald zur engen Freundin werdende Mädchen, das trostsuchend in der Küche hockt und soeben von Mireilles Mutter geraten bekommen hat, sich an ihre nette und starke Tochter zu halten. „Sonst beklagt sich immer in einer Tour, dass sie an dem unseligen Abend meiner Empfängnis keine heftige Migräne vorgeschützt hat!“ Oder im frustrierenden Streit ihrer Maman hinterher brüllt: „Weißt du, was das Hässlichste ist, das dir Klaus hinterlassen hat? Das bin nicht ich, sondern diese völlig bescheuerte Idee, dass du bloß eine Lehrerin bist!“

Mireilles Mutter war mir, selbst Mutter eines Teenagers, aber auch gleich auf den ersten Seiten sehr sympathisch: „ ,Du gehst mir auf die Nerven, Mireille.‘ Meine Mutter schaut an die Decke und sagt zu der Lampe von Habitat: ,Ich hasse pubertierende Jugendliche.‘ “ Wie wahr!

Ihre kluge Kodderschnauze schützt Mireille ganz gut. Die Gymnasiastin hat nämlich ein paar Kilos zu viel auf den Rippen, einige üppige Rundungen mehr als das gängige Schönheitsideal erlaubt. Nicht, weil sie sich ein dickes Fell anfuttern musste, sondern weil sie gern und gut isst (ihre Großeltern haben ein Sterne-Restaurant). Sie kommt vom Aussehen her nicht nach ihrer schönen Mutter, sondern hat die weniger attraktiven Züge ihres deutsch-französischen Erzeugers geerbt, ein Philosoph und ehemaliger Doktorvater ihrer Mutter, der von der Existenz seiner Tochter nichts wissen will. Dumm ist der Mann, der mittlerweile der Ehemann der französichen Präsidentin (fiktional, nicht Marine Le Pen!) ist, anscheinend nicht, denn Mireille ist auf höchst attraktive Art doppelt intelligent. Und weil sie endlich den ihr bekannten Unschönen zur Rede stellen will, kommt Mireille auf die tollkühne Idee, per Fahrrad vom heimischen Bourg-en-Bresse in Ostfrankreich in die Hauptstadt zu fahren. Begleitet wird sie von ihren zwei Freundinnen Astrid und Hakima, mit denen zusammen sie in einem perfiden Wettbewerb als die „Würste des Jahres“ – die hässlichsten Mädchen der Schule – verspottet wurde. Denn auch ihre beiden Leidensgenossinnen haben im Élysée-Palast in Paris ein spezielles Hühnchen zu rupfen. Finanzieren wollen die drei ihre Mission impossible mit – logisch – Würstchenverkauf.

Beauvais’ Rad-Road-Roman hätte ein deprimierendes Buch über Mobbing und die ätzenden Auswüchse des Schönheits- und Optimierungswahns werden können. Das Thema spielt auch eine Rolle. Doch die zauberhafte Geschichte lässt sich genauso wenig wie Mireille davon unterkriegen und dominieren.

Und so ist diese furiose Tour de France eines tollen Trios ungewöhnlicher Mädchen und ihres ebenso besonderen Begleiters in seinem speziellen Streitwagen so viel mehr: grandioses Abenteuer, extreme Herausforderung, Suche nach Wahrheit und Klarheit, selbstbewusste Provokation und feministisches Plädoyer. Oder wie Mireille den schon bald auf die radelnden Würstchenverkäuferinnen anspringenden Reportern sagt: „Vielleicht macht Hässlichkeit uns reifer“. Nicht zuletzt auch solidarischer, empathischer und weniger Ich-bezogen.

Nebenbei wird französische Nachkriegsgeschichte und gesellschaftliche Gegenwart thematisiert, en passant, aber nie beliebig oder gewollt wirkend: So sind Franzosen mit Migrationshintergrund zwar in der Armee und beim Kampf für die Grande Nation willkommen, aber man begegnet den nicht typisch französisch aussehenden Landsleuten weiterhin misstrauisch – die alltägliche Fremdenfeindlichkeit.

Und natürlich ist es in Zeiten von Facebook und Twitter, wo jeder anonym unendlich Hass versprühen darf, und der tagtäglichen Bilderflut auf Instagram, Snapchat, der totalen Feier der absoluten Oberflächlichkeit, niemandem egal, wie er und insbesondere sie aussieht. Weder Mireille noch Astrid und Hakima, die von Mireilles einstigen besten Freund aus Kindertagen zu den unattraktivsten Schülerinnen in Gold, Silber und Bronze gekürt wurden. Aber sie drehen den Spieß um und touren selbstbewusst als die drei Würste.

Warum der deutsche Titel Die Königinnen der Würstchen lautet, von Annette von der Weppen ansonsten charmant und spritzig übersetzt, erschließt sich nur bedingt. Das Original heißt fast ebenso merkwürdig Die kleinen Königinnen. Königinnen im Sinne von Vorbild, von starken, lebenslustigen und gewitzten Frauen könnte aber funktionieren. Solche sollten wirklich viel mehr an die Macht kommen. Der Spruch „Die Klügere gibt nach“ ist sowieso blödsinnig. Warum sollen dummdreiste Schwachköpfe das Sagen haben?

Über missratene Titelbilder und Umschlaggestaltungen des ansonsten sehr geschätzten Carlsen Verlags, in diesem Fall ist es sogar leicht sexistisch, äußere ich mich nicht mehr. Nur die inneren Werte zählen.

Und die sind hochkarätig: Clementine Beauvais hat (mit gerade mal 25 Jahren, Respekt!) eine wahnsinnig witzige und kopf- und herzergreifende Geschichte geschrieben, mit einem überraschenden Ende. Oder auch nicht, denn eine weitere Erkenntnis ist eine Abwandlung des John-Lennon-Zitats: Leben ist das, was dir passiert, während du damit beschäftigt bist, Pläne zu machen.

Mireille hat nämlich die noch unveröffentlichte Streitschrift ihrer Mutter im Gepäck. Titel: „Das Sein und das Erstaunen. Für eine Philosophie des Unerwarteten.“ „Meine Mutter glaubt, das Wesen des Menschen bestehe darin, sich am Unvorhergesehenen, Neuen, Überraschenden zu erfreuen“, erkennt Mireille als Antithese zum Werk ihres biologischen Vaters, für den das menschliche Wesensmerkmal ist, zu planen und zu entwerfen. „Der Mensch ist vor allem deshalb Mensch, weil er das Neue, Unerwartete in all dieser Ordnung sucht. Die Kunst, die Gefühle, das Leben selbst – das alles ereignet sich immer dann, wenn Planungen, Prognosen und Prophezeiungen scheitern.“ Konkretes Beispiel: „Ein geplatztes Präservativ und das Unerwartete tritt ein: ein ungeplantes, kleines Würstchen – ich.“ Und das steht mal eben in einem Jugendbuch. Ganz großes Kino!

Elke von Berkholz

Clementine Beauvais: Die Königinnen der Würstchen, Übersetzung: Annette von der Weppen, Carlsen, 2017, 288 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

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Kein schöner Land

schäubleHerr Böhmermann twitterte in den vergangenen Tagen, kurz nach dem TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz, dass nach 60 Jahren nun bald wieder Nazis im Bundestag sitzen werden. Und wir haben es nicht verhindert.

Ein bitterer Tweet. Denn es geht schon nicht mehr darum, ob die AfD in den Bundestag einzieht, sondern nur noch die Frage bleibt, mit viel Prozent. Können wir wirklich nichts mehr dagegen tun? Ich weiß es nicht, ich hoffe, doch.

Was jedoch passieren könnte, wenn eine Partei wie die AfD tatsächlich die Macht in unserem Land übernehmen würde, hat Autor Martin Schäuble weiter gedacht und daraus einen packenden Roman gemacht.
Darin regiert in einer nicht allzu fernen Zukunft die Nationale Alternative, die EU ist abgeschafft, der Euro ebenso, man zahlt wieder mit Mark. Die Atomkraftwerke laufen weiter, erneuerbare Energien werden nicht mehr unterstützt. Die Rentenversicherung ist privatisiert worden, an den Grenzen wurden Mauern hochgezogen. Die Gesellschaft ist überaltert, aber in den Altenheimen fehlen die Pflegekräfte. In diesem düsteren Szenario leisten die Protagonisten Anton und Noah ihren Wehrdienst. Mitten in der Nacht sollen sie sogenannte Invasoren, also Flüchtlinge, an der Grenze abfangen.
Anton steht hinter der Politik der Nationalen Alternative, Noah ist kritisch und sabotiert eine dieser Abfangaktionen.

In einem weiteren Strang lässt Schäuble die jung Äthiopierin Fana von ihrem Leben in Addis Abeba erzählen. Dort ist sie auf eine deutsche Schule gegangen, arbeitet in einem Krankenhaus und muss ihre Eltern unterstützen. Im Land herrscht eine fürchterliche Hungersnot, sodass Fana von einer befreundeten Deutschen schließlich dazu überredet wird, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen.

Fana schafft es tatsächlich bis nach Deutschland, das Noah nur noch „Endland“ nennt, und im Flüchtlingsheim kreuzt sich ihr Weg mit dem von Anton. Der ist von seinem Offizier auf eine geheime Mission geschickt worden, deren ganze Dimension dem Jungen erst vor Ort wirklich aufgeht …

Schäuble schafft es, jugendlichen Leser_innen ein Gespür zu vermitteln, dass das, was heute von Politikern und Populisten diskutiert wird, ganz schnell bittere Wahrheit werden kann und unser aller Leben prägen würde. Die drei Protagonisten, die jeweils als Ich-Erzähler berichten, stehen für die verschiedenen Standpunkte, die man in Sachen Flüchtlingsproblematik einnehmen kann. Durch die rasanten Wendungen im Plot wird deutlich, wie schnell man zum Ausgestoßenen oder Helden, zum Spielball oder Macher der Geschichte werden kann.

Autor Martin Schäuble ist mit dieser Geschichte ganz dicht an den bewegenden Themen unserer Zeit und schärft den Blick für die Ungerechtigkeiten, die sich auf leisen Sohlen immer mehr in unsere Gesellschaft einschleichen. Zudem führt er noch einmal sehr drastisch vor Augen, wie grausam eine Flucht in ein vermeintlich sicheres Land wie Deutschland ist und welche Gefahren die Flüchtenden dafür auf sich nehmen. Das macht die Stärke dieses Buches aus.

Erzähltechnisch geht Schäuble dabei ziemlich zackig vor. In einer nüchternen, fast spröden Sprache treibt er den Plot so rasant voran, dass mir manche Sprünge fast zu schnell gehen. Da tauchen dann die ein oder anderen Fragen auf (wie kommt Fana von Libyen nach Polen?) und manche Nebenfiguren werden so flott eingeführt, dass man sie kaum registriert.
Schäuble zeigt viele Dinge nicht, sondern lässt sie die Figuren erzählen. Das mindert für mich ein wenig das eigene Erkunden und Nach-Denken der Geschichte und wirkt in manchen Momenten ziemlich moralisch (wenn Anton über gewisse Zustände nachdenkt, spürt man den erhobenen Zeigefinger). Das hätte man sicher so darstellen können, dass es die Leser_innen stärker fordert, dann wäre der Roman jedoch wohl doppelt so lang geworden.

So aber ist Schäuble ein rasanter Zeitgeist-Roman gelungen, der junge Leser_innen für Politik und Populismus sensibilisiert. Und ihnen klar macht, dass man von Anfang an wachsam sein muss, damit es nicht so weit kommt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Volljährigen unter ihnen auch ihr Wahlrecht wahrnehmen und auf diese doch so einfache Art ein Zeichen setzen!

Martin Schäuble: Endland, Hanser, 2017, 220 Seiten, ab 14, 15 Euro

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Jahreszeitenübergangsrituale

herbstIn diesen Tagen gehen in allen Bundesländern die Sommerferien zu Ende, die nächste Generation von Leser_innen betritt die Schulen, und meteorologisch hat auch der Herbst bereits Einzug gehalten. Da passt die Lektüre des reizenden Erstlesebuchs Finn und Frida halten den Herbst auf von Martin Klein und Kerstin Meyer bestens ins Programm.

An einem Sonntagmorgen stellen darin die beiden Helden erstaunt fest, dass es auf einmal richtig kalt geworden ist und die nackten Zehen plötzlich wehtun. Die Zähne klappern, und um warm zu werden müssen die beiden sich gegenseitig durch den Garten jagen. Und auch den Herbst wollen die Geschwister nicht einfach so hinnehmen. Sie veranstalten einen Sonnentanz mit Poolnudel und Taucherbrille um das Planschbecken herum.

Aber statt Sonnenschein schickt der Himmel Regen auf die Erde, und auch die Blätter hält es nicht mehr an den Bäumen. Aber Finn ist ein schlaues Kerlchen und überredet Frida, den Herbst wieder rückgängig zu machen.

Gerade nach den letzten warmen Sommertagen kann man Finn und Frida so richtig gut verstehen, man möchte all die schönen Dingen des Sommers, das Baden, die Sonnenstrahlen, das kühlende Eis, das Geplansche, die nackten Füße und die wenigen Kleidungsstücke am Leib nicht einfach so von einem Tag auf den anderen aufgeben. Der Übergang fällt schwer, Socken und Pulli engen ein, das Haus oder die Wohnung sind auf einmal viel zu klein. Jede Verlängerung des Sommers wäre also wirklich sehr willkommen!

Und so können Finn und Frida als sehr coole Vorbilder dienen, die sich auch von Unausweichlichem nicht so einfach unterkriegen lassen, die dieser neuen Situation mit kreativen Ideen begegnen und so spielerisch Übergangsrituale erfinden, die das Vergangene würdigen und das Neue wahrnehmen. Auch dies ist eine Art, wie man kann die kommende Jahreszeit schätzen und begrüßen kann.

Dieses Erstlesebuch macht es Leseanfängern zudem einfach, einen Übergang vom Bilderbuch zum längeren Roman zu finden. Die Illustrationen von Kerstin Meyer, die in einer Kombination aus bunten Sommerblumen und warmen Herbstfarben strahlen, bieten genügend Pausen im Text. Sie laden zum Schauen ein und kitzeln die eigenen Erinnerungen an den vergangenen Sommer hoch.
Der Text von Martin Klein wiederum besticht durch verständliche, nicht zu lange Sätzen, in denen aber durchaus ungewöhnliche Worte zu finden sind wie „Sommerregentropfen“ oder „Nordsee-Anfang-Juni-Temperatur“. Langweilig wird das sicher nicht.
Und ich bin ganz neidisch, dass die Schulanfänger von heute mit so coolen und kreativen Geschichten lesen lernen!

Martin Klein: Finn und Frieda halten den Herbst auf, Illustratorin: Kerstin Meyer, Tulipan, 2017, 48 Seiten, ab 7, 8,95 Euro

 

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Der Buchblog-Award 2017

Heute mal etwas in eigener Sache. Dieses Jahr wird auf der Frankfurter Buchmesse zum ersten Mal der Buchbog-Award vergeben. LETTERATUREN steht auf der Longlist, und ab heute könnt Ihr abstimmen, wer von den Nominierten auf die Shortlist soll – und zwar hier: http://www.buchblog-award.de/abstimmen/

Dort sind jede Menge andere Buchblogs aufgeführt – was kein Wunder ist, beschäftigen sich doch über 900 Menschen im Netz mit Büchern. Doch teilt sich diese Leidenschaft dort auch ganz wunderbar auf, wenn man sich die Spezialisierungen der Blogs anschaut: Manche befassen sich mit Fantasy oder Romance, Krimi & Thriller, andere mit Sachbüchern, wieder andere – so wie LETTERATUREN – mit Kinder- und Jugendbüchern.
In jeder dieser Kategorien werden die sieben beliebtesten ermittelt, aus denen dann eine Jury die Gewinner auswählt.

Die Aufstellung der nominierten Blogs mag im ersten Augenblick nicht sehr übersichtlich und eher abschreckend wirken. Doch durch die Suchfunktion kommt Ihr ganz schnell zu den Blogs, die Ihr mit Namen kennt und für die Ihr stimmen möchtet.
Falls Ihr die Namen nicht kennt oder Euch inspirierend lassen wollt, dann scrollt gemütlich nach unten und stöbert. Es gibt auf jeden Fall viel zu entdecken!
Bis zum 11. September habt Ihr Zeit abzustimmen.

Allen Nominierten des Buchblog-Award 2017 wünsche ich viel Glück!
Über Eure Stimmen würden Elke von Berkholz, Heike Brillmann-Ede und ich uns auf jeden Fall sehr freuen. Wir sind gespannt, was dabei herauskommt und ob wir es eine Runde weiterschaffen. Ich werde dann berichten …

Herzliche Grüße

Ulrike Schimming

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