Frühjahrslesetage in Hamburg

lutherIn Hamburg gibt es ja so einige Lesefeste, das Harbour Front Literaturfestival, die Lange Nacht der Literatur und Lesefeste der Seiteneinsteiger, allesamt im Herbst. Nun versucht Rainer Moritz, der Chef des Hamburger Literaturhauses, ein neues Leseevent im Frühjahr zu platzieren. Vom 20. bis 26. April 2017 finden die „High Voltage“-Lesetage zum ersten Mal an verschiedenen Orten in der Hansestadt. Zwölf Veranstaltungen soll es insgesamt geben, unterstützt vom Stromnetz Hamburg.

Letzteres erinnert natürlich an die Vattenfall Lesetage, die nach heftiger Kritik wegen Greenwashing und Markenbranding 2013 zum letzten Mal stattfanden. Bereits 2011 gab es die 1. Anti-Vattenfall-Lesung, aus ihr entstanden die Lesetage „Lesen ohne Atomstrom“, die gerade zum 7. Mal stattgefunden haben – allerdings ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit (an mir sind sie komplett vorbei gegangen…). Das lag vielleicht daran, dass nur sieben Lesungen stattfanden, die keine Kinder- und Jugendliteratur beinhalteten.

Anders sieht es bei den High Voltage Lesetagen aus. Die zwölf Veranstaltungen sind zu gleichen Teilen Kinderbüchern und Erwachsenenlektüre gewidmet. Eine ganz wunderbare Aufteilung, wie ich finde. So lesen immer vormittags Maja Nielsen, Ute Wegmann, Joachim Hecker, Uticha Marmon, Arne Rautenberg und Jan von Holleben für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren. Abends kann man Jostein Gaarder, Clemens Meyer, Sarah Bakewell, Zsuzsa Bánk oder Eva Menasse lauschen.

Zwei Bücher aus dieser kleinen, aber feinen Kinderbuch-Auswahl haben es mir angetan – und wenn ich nicht anderweitig vergeben wäre, würde ich zu den beiden Lesungen gehen. Passend zum Lutherjahr darf der Reformator natürlich nicht fehlen. Maja Nielsen hat ihm in ihrer Reihe „Abenteuer! Maja Nielsen erzählt“ einen Band gewidmet. Sie schildert das Leben von Luther in klar verständlichen Sätzen, erzählt von dem Leben vor 500 Jahren und macht die Zweifel und Ängste Luthers anschaulich, die ihn schließlich dazu brachten, sich gegen die katholische Kirche aufzulehnen. Margot Käßmann, Lutherbotschafterin 2017, liefert in kurzen Statements die heutige Sicht der Evangelischen Kirche zu ihrem Gründungsvater. Auch dies macht ganz gut deutlich, wie sehr eine Kirche und der Glauben auch in heutiger Zeit immer im Wandel sind.
Fotos von Luthers Wirkungsorten, Illustrationen von Anne Bernhardi und die Abbildungen von vielen Gemälden und Stichen zeigen Luther auf vielfältige Art, so dass sich schon für junge Lesende ein differenziertes Bild des Reformators ergibt.

wegmannEinen Tag nach Maja Nielsen liest Ute Wegmann aus ihrem Kinderbuch Dunkelgrün wie das Meer, das mir vergangenes Jahr leider durch die Lappen gegangen ist. Mit umso mehr Freude habe ich die zarte Geschichte von Linn jetzt gelesen.
Die Sommerferien stehen vor der Tür. Linn fährt wie jedes Jahr mit den Eltern nach Holland in ein Schiffshaus am Meer. Doch dieses Mal ist es nicht so schön wie sonst. Papa muss noch mal zurück in die Stadt, wegen der Arbeit. Mama ist sauer. Und auch Linns Ferienfreundin Smilla will dieses Mal gar nichts von ihr wissen.

Linn erkennt, dass auch in den Ferien nicht immer alles schön und unbeschwert ist. Manche Probleme von zu Hause verfolgen einen bis an den Strand. Vor lauter Kummer macht Linn einen langen Spaziergang und wird schließlich von einem heftigen Gewitter überrascht.

Ute Wegmann paart in ihrem Text die sommerliche Ferienhitze mit dem Unbehagen Linns über all die Veränderungen und schafft trotz der Trauer, die Linn empfindet, eine poetische Stimmung. Diese wird von den zarten dunkelgrün und orangen Illustrationen von Birgit Schössow ganz zauberhaft eingefangen. Man ahnt, dass es für Linn noch ein glückliches Ende gibt, auch wenn diese Erfahrung sie ein Stück reifer hat werden lassen.

Zwei ganz unterschiedliche Bücher, die jedoch die wunderbare Bandbreite des neuen Lesefests spiegeln. Möge es für die Macher von High Voltage diesmal keinen Ärger wegen ihres Sponsors geben. Ich werde das jedenfalls verfolgen.

Am 20. April liest Maja Nielsen um 10 Uhr in der Bramfelder Chaussee 130 in Hamburg, im Haus 12 des Betriebshof Stromnetz Hamburg. Ute Wegmann liest am 21. April um 10 Uhr am selben Ort. Der Eintritt kostet jeweils 4 Euro.

Das gesamte Programm der High Voltage Frühjahrslesetage findet sich hier.

Maja Nielsen: Martin Luther. Glaube versetzt Berge, Gerstenberg, 2016, 62 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Ute Wegmann: Dunkelgrün wie das Meer, Illustration: Birgit Schössow, dtv, 2016, 80 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

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Fuchs, du zeigst ganz unverhohlen

Wolf Erlbruch ist wirklich ein Schöpfer wundervoller Kinderbücher mit einer einzigartigen, unverwechselbaren Bildsprache. Sein bekanntestes Werk, das mit dem Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, ist gar nicht repräsentativ für seinen Stil. Kunstwerke wie Nachts, Ente, Tod und Tulpe oder Die große Frage sind sowohl optisch als auch thematisch reizvoller und brillanter, besonders, wenn man sich weniger für den Kacka-Komplex und mehr für eben große Fragen interessiert.

Der Wuppertaler Illustrator Erlbruch dominiert hierzulande, neben dem in England lebenden Axel Scheffler, die Bilderbuchszene.
Und doch gibt es auch neue, exzellente Illustratoren, von denen man sich noch viele Bilderbücher mehr wünscht. Mit einiger Verspätung habe ich jetzt die Berlinerin Nele Brönner entdeckt. Ihr Debüt Affenfalle ist im österreichischen Luftschacht Verlag erschienen und wurde auch gleich mit dem Serafina Illustrationspreis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

Affenfalle kommt wie der Held des Buchs auf leisen, weichen Pfoten daher. Die Flächen gestrichelt, weit und in Fahlgelb wie die ausgetrocknete Steppe, in der die Geschichte spielt. Nur der schmale, junge Fuchs sticht mit seinem kräftig roten Fell hervor. Anfangs ist er nur ein kleiner Farbfleck, der sich durch ein großes Fast-Nichts bewegt, man fühlt die flirrende Hitze und seinen schrecklichen Durst.

Auf der Suche nach Wasser begegnet der Fuchs anderen Tieren, die auf unterschiedliche Art ihren Durst stillen: Erdferkel laben sich an stacheligen Nara-Melonen, die Gazelle wandert auf ihren langen Beinen zwei Tage bis in die Berge, Chamäleon und Käfer kommen mit einem Tropfen pro Tag aus. Zwischen Fuchs und anderen Steppenbewohnern entspinnen sich kurze, kuriose und interessante Dialoge, schön ist das wiederholte, abschließende „Hm“, das die beiderseitige Ratlosigkeit, wie der Fuchs seinen Durst stillen kann, elegant auf den Punkt bringt. So überzeugt Nele Brönners Affenfalle auch sprachlich.
Schließlich kommen wir zu den namensgebenden Affen und der Falle, in die die Tiere nur wegen ihrer Gier und ihres Geizes reinfallen.

Schlaue Füchse finden sich oft Fabeln und machen auf Missstände im Zusammenleben aufmerksam. Dieses faszinierende Bilderbuch nun führt eben diese zwei schlimmen Geißeln der Menschheit vor: Die Gier als den Motor des menschenverachtenden, grenzenlosen Kapitalismus. Und den Geiz, der noch nie geil war. Es sind Verbrechen der Menschheit gegen sich selbst, verantwortlich für Armut, Hunger, Krieg, Flucht und Klimakatastrophen.

Mit Grips und Geduld schlägt der fast schon dem Tode geweihte Fuchs die Affen mit ihren eigenen Waffen und triumphiert schließlich ebenso stilvoll wie spektakulär, ganz ohne Gedöns. Und das beschreibt dieses brillantes Buch sehr treffend.
Möge es nicht ein einzelnes Kleinod bleiben. Denn Nele Brönner ist eine würdige Nachfolgerin des großen Wolf Erlbruch.

Elke von Berkholz

Nele Brönner: Affenfalle, Luftschacht Verlag, 2015, 32 Seiten, ab 4, 21,30 Euro

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Vom preisgekrönten Sinn und Unsinn im Leben

erlbruchDiese Woche läuft in Bologna die Kinderbuchmesse – und jeder Buchmensch, der sich mit Kinder- und Jugendbüchern beschäftigt, ist entweder dort oder beobachtet aus der Ferne die Geschehnisse.

Dieses Jahr habe ich es leider nicht in dieses Geschichten- und Illustrationsparadies geschafft und bekomme die News also nur über die Medien. Eine schöne gab es gestern: Der Illustrator und Kinderbuchautor Wolf Erlbruch ist dieses Jahr mit dem hoch geschätzten und hoch dotierten Astrid Lindgren Memorial Award (ALMA) ausgezeichnet worden. Herzlichste Glückwünsche!

Die meisten werden Erlbruch sicherlich mit dem Maulwurf verbinden, der das Dilemma auf seinem Kopf klären will, ich hingegen habe ihn durch zwei andere kleine Bücher kennengelernt.
Seine visuelle Interpretation des Goeth’schen Hexen-Einmal-Eins fasziniert mich immer wieder. So kryptisch wie die Reime des Geheimrats, die einem so sanft von der Zunge gehen und doch keinen eigentlichen Sinn ergeben, so geheimnisvoll sind auch die Collagen, die Erbruch dazugestellt hat. Mechanische Figuren, ein rauchender Seemann mit einem überlangen Boot unter dem Arm, Boxer, eine schöne Frau, eine Gänse-Fünf, der Sensenmann … es ist herrlich. Auf wenigen Seiten gibt es viel zu entdecken, und seien es die Zahlenkolonnen und die französischen Worte in den Papierschnipseln.
Und ganz ohne Sinn füllt sich der Geist des Lesers und Betrachters mit Klang und Bildern. Man fängt an zu träumen und zu staunen. Ganz leicht, ganz schön.

erlbruchDer Gans und dem Sensenmann begegnet man dann in dem Büchlein Ente, Tot und Tulpe wieder, das Erlbruch sowohl als Autor wie als Illustrator geschaffen hat. Das Zwiegespräch, das die Ente (die für mich eher wie eine Gans aussieht) hier auf wenigen Seiten mit dem Gevatter Tod führt, ist so rührend und voller Essenz, dass ich bei jeder Lektüre wieder schlucken muss. Doch ist in dieser Begegnung der beiden auch so viel Tröstliches, dass der Tod am Ende wie ein guter Freund dasteht.

Die philosophische Tiefe, mit der Erlbruch hier über die Allgegenwart des Todes, seines Dazugehörens zum Leben und dem Verschwinden der Welt nach dem Tod hier erzählt, ist meiner Ansicht nach, so auf den Punkt gebracht, dass man sich lange Abhandlungen von Philosophen durchaus schenken kann. Die Seitenhiebe des Todes auf christliche Glaubensüberzeugungen, was den Tod angeht, sprechen mir persönlich aus der Seele. So stößt er im Vorbeigehen auch noch das Nachdenken über den Unterschied zwischen Glauben und Wissen an.

In diesem Meisterwerk verliert der Tod seinen Schrecken. Die Gans hat das große Glück, sanft einzuschlafen. Denn die Grausamkeit des Sterbens bleibt ein Teil des Lebens und kommt in Form von Unfall oder schlimmem Schnupfen. Das ist dann aber eine andere Geschichte. Der Tod hingegen, der der toten Ente eine Tulpe mit auf den letzten Weg gibt, ist ein gutmütiger Geselle.

Ein besseres Trostbuch für kleine und große Menschen ist mir bis jetzt noch nicht untergekommen. Dafür sage ich Danke, Wolf Erlbruch!

Wolf Erlbruch/Johann Wolfgang von Goethe: Das Hexen-Einmal-Eins, Hanser, 2016, 32 Seiten, ab 3, 7,90 Euro

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe, Kunstmann, 2007, ab 4, 32 Seiten, 14,90 Euro

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Wenn Worte heilen

krankKrank zu sein, das wünscht sich niemand. Die Stimme krächzt, der Kopf schmerzt, die Nase trieft, in den Ohren pocht es fürchterlich. Und manchmal ist es kein Schnupfen, der quält, sondern ein Stolperer, und, schwupps, ist die Beule da.

Aber halt, Hilfe wartet gleich um die Ecke. Da gibt es nämlich eine beeindruckende Schar eifriger Profis. Die Igelgroßfamilie ist in Sachen Gesundheit auf dem neuesten Stand.
Verbände und Massage, Hustensaft und heißer Tee, Wärmflasche und Eisbeutel. Der Erste-Hilfe-Koffer ist stets gepackt und los geht´s zu den Patienten über Stock und Stein. Kein Weg ist zu weit, ob über Land oder zu Wasser. Und auch wenn jeder Einzelne glaubt, ihn habe es am schwersten getroffen, die Igeldoktoren wissen es besser: „Es geht noch schlimmer!“ Treffen kann es jeden: Hund und Katz, Esel und Kuh, Maus und Maulwurf, Ziege und Schaf, Frosch und Ente. Ja, selbst das arme Schweinchen fühlt sich gebeutelt.

Sicher, Pflaster oder Gips nehmen den ersten Schmerz. Doch die Igelei weiß ganz genau: Nichts geht über ganzheitliche Medizin! Ein liebes Wort, ein leichtes Streicheln, das ist mindestens so wichtig. So werden aus lädierten Kranken fix fidele Zeitgenossen, die gemeinsam ein Riesenfest schmeißen.

Regina Schwarz und Michael Schober bereichern die Bilderbuchszene seit vielen Jahren, es ist ein Genuss, die beiden als Team zu erleben. Sollte jemand wider Erwarten Das verrückte Schimpfwörter-ABC noch nicht kennen (nur als Beispiel), dem sei es an dieser Stelle herzlich anempfohlen!

SIE dichtet quicklebendig und schöpft behände aus einem lautmalerischen Wortschatz, der schon die Jüngsten anspricht. Schnell ist der Reim erfasst, flugs sprechen alle die kurzen Texte im Chor. — ER, der Bildkünstler, trifft den richtigen Ton, ob beim Layout oder Heldenporträt. Wie im Text so lebt auch die Illustration von Konzentration und öffnet damit umso mehr Möglichkeiten zur Identifikation. Wir werden Teil der Geschichte.

Ach ja, am Ende dieses gelungenen Bilderbuchs erwartet uns alle noch ein wunderbares Extra. Ein Tröstometer! Auf seiner Skala kann sich der junge Patient (und bestimmt auch der etwas ältere) von ein bisschen Trost bis ganz viel wünschen. Seht selbst, wann ein Knuddeln, ein gemeinsames Lied oder eine Vorleseauszeit die größte Chance auf Gesundung verheißt!

Heike Brillmann-Ede

PS: Da bei aller Kunst die Lektorate oft ein wenig kurz kommen, sei an dieser Stelle und ganz ausdrücklich der kreativen Esslinger-Spezialfrau Sabine Frankholz ein großes Lob ausgesprochen!

Regina Schwarz: Schlimmer geht immer!, Illustration Michael Schober, Esslinger, 2017, 32 Seiten, ab 3, 13,99 Euro

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Das Leben ist eine Heldenreise

BruderFaszinierende Geschichten können manchmal ganz einfach sein: Ein Held macht sich auf den Weg, findet Dinge, die später mal wichtig werden, erledigt Aufgaben, überwindet die Angst, besiegt ein Monster, befreit die Gefangenen und findet die Liebe.

Genau dies wünschen sich die meisten von uns, und genau all dies geschieht in Øyvind Torseters Werk Der siebente Bruder – und das auf so eine charmante und kunstvolle Art, dass es eine Wonne ist, dem Helden, der hier den Namen Hans trägt, bei seinen Abenteuern zu folgen.

Hans ist der jüngste von sieben Prinzen-Brüdern. Sechs schickt der König in die weite Welt, damit sie je eine Prinzessin freien. Ihrem Bruder Hans sollen sie eine Gattin mitbringen. Doch wie es im Märchen so spielt, wird aus diesem Unterfangen nichts. Die Prinzen finden zwar ihre Prinzessinnen, doch auf dem Rückweg begegnen sie einem bösen Troll, der die sechs Liebespaare (die für mich eine verblüffende Ähnlichkeit mit Picassos Frauen und Minotauren haben) in Stein verwandelt. Der König ist untröstlich, dass seinen Söhne nicht zurückkommen, und so macht sich Hans auf, die Brüder zu retten.

Torseter entfaltet nun eine Graphic Novel, in der sein rundnasiger Held mit den zwei winzigen Hundeohren – auf Norwegisch „Mulegutten“ genannt – auf einem räudigen Klepper durch die Gegend reitet und die Brüder sucht. Er findet dabei ein Saxofon, einen Elefanten und trifft einen Wolf, der ihm das Versteck des Trolls verrät. In der Höhle eines Berges trifft er auf den riesigen Unhold, der ein Mädchen gefangen hält. Vor der Höhe stehen seine versteinerten Brüder. Doch nur wenn Hans das Herz des Trolls zerstört, kann er seine Brüder befreien. Zusammen mit dem Mädchen versucht er, den Troll zu überlisten.

In grafischen Bildern, die eine Mischung aus Zeichnung, Collage und monochromen Farbverläufen sind, schickt Torseter Hans auf eine klassische Heldenreise, die alle Elemente eines Märchens vereint. Gleichzeitig ist diese Reise eine Quest, bei der Hans ähnlich wie in einem Computerspiel, die richtigen Fragen stellen muss, um den korrekten Weg zu finden. Im rechten Moment muss er zu den richtigen Hilfsmitteln greifen und in der Höhle mit ihrem Labyrinth muss er alle möglichen Hindernisse überwinden.

In diese oberflächliche Lesart, mit der Kinder sehr gut etwas anfangen können, mischt sich jedoch für die Erwachsenen sehr rasch die tiefen-psychologische Ebene, auf der wir mit unseren Ängsten und unserem Anspruch ans tägliche Leben konfrontiert werden (die Hans mit dem Satz: „Ich brauch erst mal einen Kaffee“, ironisch konterkariert, als er nicht mehr weiter weiß).
Der Troll mit den Augen, die an Edvard Munchs Der Schrei erinnern, wird zur überwältigenden (Ur-)Angst, die alles lähmt. Und nur der, der sich diesem Monster stellt und dessen Herz zerquetscht, kann endgültig frei sein.
So erstaunt es dann auch nicht, dass das Herz des riesigen Trolls winzig klein ist – die Schwierigkeit liegt also kaum in der Aufgabe, das Herz zu vernichten, sondern viel mehr darin, dieses kleine Ding erst einmal zu finden.

Torseter bringt das psychologische Ringen und Suchen nach der Ursache für das eigene Leiden in dieser Geschichte so großartig und mit jeder Menge Witz – hier gilt das Lob auch der Übersetzerin Maike Dörries, die wunderbar knochentrockene Sätze gebaut hat – auf den Punkt, dass man sie fast als Arbeitsbuch für psychisch Erkrankte empfehlen möchte.
Doch auch ohne schwerwiegende Erkrankung kann jeder Mensch, ob groß oder klein, in Der siebente Bruder seine eigene Welt mit all den großen und kleinen Ängsten und Problemen wiederfinden – und dazu den Mut schöpfen, das Übel ein für alle Mal an der Wurzel zu packen. Man braucht nicht viel dafür: nur den Mut, sich auf die Heldenreise zu begeben.

Øyvind Torseter: Der siebente Bruder oder das Herz im Marmeladenglas, Übersetzung: Maike Dörries, Gerstenberg, 2017, 120 Seiten, 26 Euro

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Die helle Seite der Nacht

Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen. Dabei scheint Emilia de Wit ziemliches Glück gehabt zu haben, mit ihrem liebevollen Vater, der zwar auch Direktor ihrer Schule ist, aber der in ihrer Kindheit immer für sie da war und ihr die Sterne gezeigt hat. Und ihrer Mutter, der irischen Malerin Nora Quinn, deren Bilder in Museen auf der ganzen Welt hängen. Aber dann hat Emilias Vater etwas für sie Unverzeihliches getan, das irgendwie mit der blond gelockten Schulschönheit und 67 SMS zusammenhängt. Und damit Emilias Welt zerstört. Die 14-Jährige will nur noch so weit weg wie möglich von dem Sumpf aus abscheulichsten Hasstiraden und Gewaltdrohungen, in den Holland sich für sie verwandelt hat. Also schnappt sie sich Vaters Kreditkarte und flieht an den Ort, der schon für so viele Sehnsuchtsort, rettende Insel und Ausgangspunkt eines neuen Lebens war – nach New York.

Die niederländische Autorin Anna Woltz beginnt ihren ersten Jugendroman Hundert Stunden Nacht wie ein klassisches Abenteuer, der Aufbruch der Heldin wider Willen ins Ungewisse. Denn natürlich kommt vor Ort alles anders: Das online gebuchte und im Voraus bezahlte Apartment gibt es nicht. Stattdessen trifft Emilia auf den 15-jährigen Seth, dessen neunjährige Schwester Abby sowie den ebenso abgerissen wie filmstarmäßig aussehenden Jim. Der 17-Jährige hat einen Finger verloren, schimpft über Kapitalismus, Hypotheken und Banken – und verursacht bei Emilia erst weiche Knie, dann eine entsetzliche Panikattacke. Nach und nach, virtuos die Spannung haltend und konsequent aus Emilias Sicht erzählt, erfährt man nicht nur ihre Geschichte und den Grund für ihre Flucht. Auch die anderen drei haben ihre Dramen und dunklen Seiten und jeder geht anders damit um.

Es ist Ironie der Geschichte und ein besonders raffinierter Kunstgriff, dass Emilia auf der Flucht vor dem Shitstorm in einen äußerst realen, höchst gefährlichen Sturm gerät: Ende Oktober 2012 tobt Orkan Sandy über New York und New Jersey, die schlimmste Naturkatastrophe, die die Metropole je heimgesucht hat und nie zuvor erlebte Zerstörungen verursacht. Millionen Haushalte sind tage- und nächtelang ohne Strom, damit auch ohne Wasser und Internet. Die Stadt, die niemals schläft, wird über ganze Viertel hinweg zur City of Darkness. Die vier zufällig zusammengewürfelten jungen Helden bilden eine Notgemeinschaft. Und dieses Orkanasyl wird für Emilia Zufluchtsort im doppelten Sinn.

Das ist grandios geschrieben: Seien es Emilias Hass auf „ekelige Männer, ranzige, geile Böcke, die erst die Museen mit Bildern nackter Frauen vollgehängt, dann den Computer erfunden haben und seitdem das Internet mit Pornos vollstopfen“. Oder das Theater um Brüste, als ob die „wirklich die wichtigsten Ausstülpungen“ sind. Das ist polemisch, zugespitzt – und absolut zutreffend und feministisch frech. Woltz beschreibt toll Varianten von sichtbarer Entschlossenheit anhand der Geschwister: Abby, die aussieht, als könne sie die Welt retten. Und ihr älterer Bruder, der wirkt, „als wolle er eine jahrelange Gefangenschaft tapfer durchstehen.“ Später explodiert Emilia wie eine Supernova, schleudert ihre ganze aufgestaute Wut und Verzweiflung laut schreiend mitten in New York von sich, „als würde die Leuchtkraft von einer Milliarde Sonnen freigesetzt“. Und wandelt sich von einer, die „noch vor zwei Wochen beim kleinsten Zweifel es lieber nicht macht“. Zu einer, die jetzt denkt: „trotzdem machen, einfach versuchen.“

Nebenbei werden die Bedeutung von Religion und Schubladendenken, Bildungssysteme und Zukunftspläne, Gier, Ignoranz, Mitgefühl und Solidarität, Kunst als Seelenfutter versus Befriedigung der Grundbedürfnisse – also die großen Themen der Menschheit – reflektiert. Alles klug, mitreißend, offenherzig und freigeistig gesagt, gedacht, geflüstert, geschrien. Anna Woltz hat nach ihren ersten beiden, bereits sehr liebenswerten Büchern Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess und Gips oder wie ich die Welt an einem einzigen Tag reparierte als Romanautorin noch einen großen Sprung gemacht, sprachlich, inhaltlich und dramaturgisch. Und Andrea Kluitmann hat auch diesen Band erfrischend, ohne einen einzigen falschen Ton, ohne ein unglaubwürdiges Wort übersetzt.

Die Hundert Stunden Nacht enden mit dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft … ach, was, einer ersten, wahren Liebe. Weil nicht nur Emilia sich verändert hat. Auch Seth befreit sich aus seiner Kapsel. Denn er begreift, dass seine kleine, kluge Schwester instinktiv recht hat: Reden hilft. Und wie jede gute Liebesgeschichte fängt auch diese mit einem besonderen Kuss an – genauer: der Möglichkeit eines Kusses. Und das ist in diesem Fall sehr viel und sehr schön.

Elke von Berkholz

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht, Übersetzung: Andrea Kluitmann, Carlsen, 2017, 253 Seiten, ab 14, 15,99 Euro

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Vom Glück des Tüchtigen

schomburgPaul, der Held im neuesten Buch von Andrea Schomburg, ist ein wenig ängstlich, etwas dick und außerdem gerade erst umgezogen. In der neuen Schule findet er sich schwerlich zurecht, was vor allem an Matze Motzmann liegt. Der hat einen Pick auf Paul, führt ihn vor, wo immer er kann. Manchmal weiß sich Paul keinen anderen Rat, als sich auf dem Schulklo zu verstecken. Da wartet er dann einsam auf das Ende der großen Pause oder des Unterrichts.
Doch heute ist etwas anders. Heute spricht ihn eine fremde Stimme an! Nach einigem Herumblinzeln entdeckt Paul eine Winzlingsfrau in rotkarierter Schürze, mit Brille und Libellenflügeln — und jeder Menge Flüchen auf den Lippen. Ohne Punkt und Komma stellt sie sich als Elvira Meier vor und macht Paul unmissverständlich klar: So wird das nie was mit Matze! Dann entfleucht sie, und Paul schleicht gedankenverloren nach Hause. Nachmittags zeigt er beim Springen vom Drei-Meter-Brett große Klasse, trotzdem macht ihm Matze den Triumph streitig. In Paul wallt es gewaltig.

Nachts kommt es zu einem zweiten Treffen. Elvira Meier entpuppt sich als Fee und stellt in Aussicht, dass sich Grundlegendes verändern kann. Was Paul braucht, sei das Blaue Wunder, und das findet sich in Bielefeld, im Rathaus, dritter Stock, Zimmer 314. Bedingung: Er hat nur drei Tage Zeit, dafür wird ihm ein Gefährte zur Seite stehen. Mehr überrascht, als überzeugt, stimmt Paul zu. Als er merkt, dass sein Begleiter ein kleiner, dicker Elefant mit grauer Schrumpelhaut und ewig schlechter Laune ist, hat die Uhr bereits angefangen zu ticken.

Was dann passiert, ist eine wahre Heldenreise. Die beiden müssen miteinander klarkommen, Stärken und Schwächen tolerieren, Streit überwinden und die Köpfe zusammenstecken, um gemeinsam das Ziel zu erreichen. Denn das Blaue Wunder wird ihr Leben verbessern!

Unangenehmes, Überraschendes, zutiefst Trauriges erwartet sie: Ein Bus, der nur alle 13 Jahre fährt. Wegweiser, verwirrend und kaum entzifferbar. Eine alte Frau mit unsagbar traurigen Augen, verwünscht und zu ewig gleicher Tätigkeit verdammt. Ein zaubernder Prinz, der Angst und Schrecken verbreitet. Schließlich müssen sie noch an F. R. Runkelschwein vorbei, der so gewaltig stinkt, dass jeder in Ohnmacht fällt. Überdies sind die Pfade schlammig, die Schluchten tief, die Wälder dicht und die Nächte tieftiefschwarz.

Mut gegen Gefahr, Cleverness gegen Zauberkraft, Menthol gegen Gestank. Und dazwischen die wachsende Vertrautheit zweier halber Helden, die das atemberaubende Abenteuer als Ganzes bestehen.

Sie hat etwas Märchenhaftes, diese Geschichte der Autorin Andrea Schomburg. Die Stationen am Weg geben immer neue Rätsel auf, aber mit jeder gefundenen Lösung wird die nächste Aufgabe leichter. Kreise schließen sich, weil Paul und Elefant mit Verstand und Herz agieren. Das furchtbare Los der Alten lässt sie ebenso aktiv werden wie die anrührende Einsamkeit des Stinkeschweins, und im Kampf gegen wirkmächtige Gegner werden sie immer stärker.

Es ist ein Vergnügen, diese beiden sympathischen Helden auf ihrer kniffligen Reise zu begleiten und mitzuknobeln. Und es ist einmal mehr die quietschvergnügte Schomburg-Lust an Wort und Reim, die mitreißt. Allein die explodierenden Fluch-Salven von Fee und Elefant sind köstlich und regen nicht nur den zunehmend selbstbewussten Paul zu eigenen Kreationen an. Sprache und Fantasie, Helden, die zur Identifikation einladen, und ein gelungener Genremix voller Literaturzitate. Dazu ein Riesenlob an die zweifarbige Gestaltungskunst und augenzwinkernde Leichtigkeit von Betina Gotzen-Beek.

Das ist LeseAugenGenuss pur!

Heike Brillmann-Ede

Andrea Schomburg: Der halbste Held der ganzen Welt, Illustration: Betina Gotzen-Beek, Sauerländer, 2017, 256 Seiten, ab 8, 13,99 Euro

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