Monstermäßige Freundschaft

stichkopfSamstag Nachmittag in  Berlin, die Sonne scheint und doch drängen sich etwa 120 Menschen in der Clinker-Lounge der Backfabrik. Sie haben eine gute Wahl getroffen, denn Katharina Thalbach liest aus dem Roman  Stichkopf und der Scheusalfinder von Guy Bass.

In dieses Buch hatte ich mich verliebt, noch bevor ich es aufgeschlagen hatte, denn die Illustration der kleinen Hauptfigur auf dem Cover hat sofort mein Herz erobert. Nun gibt Katharina Thalbach Stichkopf und den anderen Figuren der Geschichte eine lebhafte Stimme. Sie sitzt vorne auf einem Stuhl, aber alles an ihr ist in Bewegung: Sie fuchtelt mit dem Armen, sie rollt mit den Augen, sie verzieht das Gesicht zu herrlichen Grimassen und grrrrooaaarrrhtt so unglaublich, dass alle gebannt sind. Die Kinder im Publikum bevölkern die Stufen zu ihren Füßen und rücken immer näher. Die Lacher kommen nicht nur von ihnen, sondern auch von den Erwachsenen. Denn die Geschichte ist monstermäßig komisch:

Stichkopf ist das erste Ungetüm, das Professor Erasmus in jungen Jahren auf Burg Grottenow geschaffen und zum Halbleben erweckt hat. Frankenstein gleich versucht der Professor seitdem, immer üblere, grausigere, furchterregendere, schrecklichere Monster zu kreieren: da ist die sechsarmige Nacktschnecke, der Riesenfisch mit Aufziehfüßen, der Totenkopf mit Dampfantrieb. Seinen Erstling, Stichkopf, hat der Professor schon lang vergessen, obwohl er ihm einst ewige Freundschaft geschworen hat. Stichkopf hingegen hat das nicht vergessen und assistiert dem Professor im Hintergrund unermüdlich, indem er die schlimmsten Eigenschaften der Monster durch Gegenmittel und Zaubertrünke unschädlich macht.
So kuriert er die jüngste Kreatur, das Ungetüm, mit einem Heiltrank vor „plötzlicher und/oder akuter Werwolferei“. Ungetüm mit den drei Armen wird zu einem lammfrommen Wesen, das Stichkopf nicht mehr von der Seite weicht. Sehr zum Leidwesen von Stichkopf, der keine Freunde mehr will, seit er vom Professor so fürchterlich enttäuscht worden ist.
Doch Ungetüm lässt sich nicht beirren und hilft Stichkopf gegen den machtgierigen Schadalbert Scheusalfinder, der auf Jahrmärkten angebliche Monsterwesen ohne großen Erfolg zur Schau stellt und sich nun auf der Burg Grottenow den Schöpfer der scheußlichsten aller Scheusale holen will. Doch Stichkopf, Ungetüm und das Mädchen Arabella werfen sich schützend vor den Professor.

Stichkopf ist in vielerlei Hinsicht ein total liebenswertes Buch: Die Geschichte um das kleine freundliche Monster geht ans Herz und beschwört die Macht der Freundschaft, auch unter ungleichen Gesellen. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die knuffigen Illustrationen von Pete Williamson, der die Seitenränder einschwärzt, als wären sie angekokelt, den Monstern ein gruselig-skurriles Aussehen verleiht und im Dunkel seiner Schwarzweißbilder jede Menge kleine Details versteckt, so dass man richtig viel schauen hat.
Übersetzer Salah Naoura, der auch Der unvergessene Mantel 
von Frank Cottrell Boyce (Deutschen Jugendliteraturpreis 2013, Kategorie Kinderbuch) übersetzt und Dilip und der Urknall  geschrieben hat,  hat hier kongeniale Arbeit geleistet. Er reimt und dichtet nach, schöpft neue Worte und verpasst der ganzen Geschichte eine sprachliche Leichtigkeit, dass man sie in einem Zug verschlingt. Schöner kann man eine kleine Geschichte um Andersartigkeit und Freundschaft nicht verpacken.

Katharina Thalbach nun hat das Hörbuch zu Stichkopf eingelesen und das ganz hinreißend! Sie nuschelt, lispelt, groaaarrt, leiht Angst, Verschlagenheit, Überraschung, Warmherzigkeit und Schusseligkeit ihre großartig wandelbare Stimme, erweckt die Figuren zu einem monstermäßigen Fastleben.
Begleitet wird die Lesung auf den CDs von ganz feiner Musik von Henrik Albrecht, die in der Backfabrik leider gefehlt hat.

Dort wurde Katharina Thalbach gefragt, warum sie keine Berührungsängste mit Kinderbuchliteratur hätte, worauf sie fast verwundert antwortete, dass sie eine Affinität zu guter Literatur hat, egal ob es sich um Kinderliteratur oder „große“ Literatur handele. Schöner kann man dem ewigen Schubladendenken in Sachen Literatur eigentlich keine Abfuhr erteilen. Der Spaß am Vorlesen ist Katharina Thalbach jedenfalls ins Gesicht geschrieben, genauso wie ihre Leidenschaft für Stichkopf und ihr junges Publikum. Sie liebt nämlich die Unbestechlichkeit der Kinder, die gute Geschichten ohne Umschweife würdigen – und dafür hat ihr ein Mädchen nach der Lesung erstmal Schokolade geschenkt.

Nachtrag am 22. Oktober 2014: Katharina Thalbachs Lesung von Stichkopf erhält den Preis der Kinderjury des BEO 2014. In der Pressemitteilung heißt es:

Katharina Thalbachs Lesung von Stichkopfs erstem Abenteuer konnte die Kinderjuroren der Herman-Nohl-Schule in Berlin-Neukölln restlos überzeugen. In ihrer Begründung schreiben die jungen Hörer und Literaturkritiker:
»Wir haben das Hörbuch Stichkopf und der Scheusalfinder zum BEO-Preisträger 2014 gewählt, weil es gruselig und sehr lustig zugleich ist – wir haben uns totgelacht. Das Schicksal von dem kleinen, traurigen Stichkopf, der von seinem Meister vergessen wurde und so einsam ist, ist eigentlich traurig und hat uns sehr berührt. Er weiß es selber nicht, aber er ist ein Held und alles geht gut aus. Und es geht auch um Freundschaft. Das hässliche Ungetüm ist so liebenswert und ein wirklich ›bestester‹ Freund.
Die Geschichte ist einfach toll und die Sprecherin liest sie spannend vor. Durch die gut verstellte Stimme werden die Monster richtig lebendig! Außerdem ist die Musik sehr passend und cool. Wenn wir Stichkopf gehört haben, waren wir nicht mehr in der Schule, sondern auf der Burg Grottenow.«

Die Preisverleihung findet am 12. November 2014 im Thalia Theater in Hamburg statt. Herzlichen Glückwunsch!

Guy Bass: Stichkopf und der Scheusalfinder, Übersetzung: Salah Naoura, Illustration: Pete Williamson, Fischer KJB,  2014,  192  Seiten, ab 8, 11,99 Euro

Guy Bass: Stichkopf und der Scheusalfinder, Übersetzung: Salah Naoura, gesprochen von Katharina Thalbach, Argon Hörbuch, 2014, 2 Audio-CDs, 14,95 Euro

[Jugendrezension] Ein Höllenjob

hölleWer Geld verdienen will, muss manchmal durch die Hölle gehen. Das zeigt der Comic-Roman Was zur Hölle?! von Patrick Wirbeleit.

Jonas braucht Geld, sehr viel Geld und sehr dringend. Er spart nämlich auf eine Vespa. Und die Vespa braucht er, um ein Mädchen zu beeindrucken. Jedenfalls – seine Eltern kann er nicht nach Geld fragen. Die haben keins, weil sie arbeitslos sind. Alle Nebenjobs in der Stadt, sofern es einmal einen gibt, sind sofort besetzt. Also geht Jonas zur Stellenangebotswand im Rathaus. Dort hängen zwar fast nie Zettel, doch Jonas hat Glück:  Eine Anzeige für einen Aschefeger hängt dort: „Aschefeger gesucht. Viel Dreck, viel Arbeit, wenig Bezahlung. Bitte wählen Sie bei Interesse …“ Wohl oder übel, Jonas muss den Job annehmen. Zum Glück bekommt er ihn auch. Am nächsten Tag um 6 Uhr kommt er zum ersten Mal zur Arbeit. Dort  erschrickt er, weil ihn gleich mehrere Teufel erwarten, die ihm sagen, was er tun muss: Die Öfen reinigen. Alles wäre gut gegangen, wenn nicht ein Teufel auf die Idee gekommen wäre, sich umzubringen … Wie aber wird Jonas aus seiner Situation wieder herauskommen? Und wird er am Ende sogar die Vespa kaufen können?

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil es voller witziger Einfälle steckt und streckenweise – vor allem zum Ende hin – spannend ist. Man fiebert mit Jonas in seiner gefährlichen Lage mit und hofft, dass alles ein gutes Ende nimmt.

Die Zeichnungen fand ich besonders schön, sie sind sehr witzig gezeichnet und machen die Geschichte lebendig. Das Buch ist empfehlenswert für Kinder ab 10 Jahren, die ihre Bücher sehr lustig mögen.

Lector03 (11)

Patrick Wirbeleit: Was zur Hölle?! FISCHER Sauerländer, 2014, 96 Seiten,  ab 10, 12,99 Euro

[Jugendrezension] Backzauber

magischeEngelshauch Biscuit, Krosse Croissants und Himmlische Hörnchen – die nahezu überirdischen Spezialitäten aus der Küche der 12-jährigen Rose Glyck – würde ich auch sehr gern probieren!

In der Glücksbäckerei  und auch in der ganzen Stadt, in der diese steht, ist nicht mehr viel passiert, seit das Zauberbackbuch der Familie Glyck verschwunden ist. Die ganze Stadt ist grau und nirgendwo sieht man mehr ein Lächeln. Roses  „Tante“ hat neben dem Zauberbackbuch auch das Lächeln der Menschen dieser Stadt geklaut.

Dagegen muss etwas unternommen werden. Dass findet auch Familie Glyck. Sie müssen ihr Backbuch zurückbekommen. Dafür lassen sie sich etwas einfallen. Rose fordert ihre diebische  „Tante“ zu einem Backduell heraus.

Sie und ihre „Tante“ nehmen an einer internationalen Backmeisterschaft teil. Doch für die beiden steht mehr auf dem Spiel als der Gewinn der Meisterschaft. Denn der Gewinner – Rose oder ihre „Tante“ – soll rechtmäßiger Besitzer des Zauberbackbuches sein.
Aber wie soll Rose ohne ihre Zauberrezepte gewinnen? So hat sie doch nicht den Hauch einer Chance. Oder? Doch! Und zwar nicht nur eine klitzekleine, sondern sie hat wahrhaftig eine riesengroße Aussicht auf Erfolg! Wie der Backwettbewerb ausgeht, ob das Zauberbackbuch nun doch wieder in die richtigen Hände gelangt und ob das Lächeln in die Stadt zurückkehren kann, musst du schon selber nachlesen!

Ich finde das Buch Die Glücksbäckerei – Die magische Prüfung von Kathryn Littlewood fantastisch, denn ich liebe Magie und Zauberei. Ich habe vorab allerdings den ersten Band gelesen und hätte nicht gedacht, dass die Geschichte so eine interessante Wendung nehmen wird. Tipp: Lies vorher den ersten Band!!!

Ich empfehle das Buch für Mädchen im Alter von 8-14 Jahren.

Bücherwurm (11)

Kathryn Littlewood: Die Glücksbäckerei – Die magische Prüfung, Übersetzung: Eva Riekert,  Fischer KJB, 2. Aufl. 2013, 336 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

 

Preiswürdig

Dieses Mal habe ich es nicht nach Leipzig auf die Buchmesse geschafft. Dennoch verfolge ich das Geschehen – so gut es eben geht aus der Ferne. Mit wehem Herzen. Denn die Atmosphäre in den Glashallen zwischen all den neuen Büchern, die verkleideten Cosplayern, die Lesegrüppchen an allen Ecken und Enden, die Gespräche mit Kollegen, ach ja, all das fehlt schon ein bisschen.

Um so schöner sind dann solche Nachrichten, dass nun die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 feststehen. Im dritten Jahr meines Blogs kann ich nun mit einem kleinen Grinsen feststellen, dass sich darunter doch einige „alte“ Bekannte finden, die ich hier im vergangenen Jahr vorgestellt habe. Gleichzeitig geht nun wieder das Nachhollesen los … Aber auch das ist eine Freude.

Allen Beteiligten an den Büchern gratuliere ich nun schon mal zur Nominierung – jetzt bleibt es spannend bis zum Oktober in Frankfurt!

Nominiert wurden:

Bilderbücher:

mne_HK_Ligne_Cov_z_Layout 1Jimi Lee (Illustration)
Überall Linien
Michael Neugebauer Edition
14,95 Euro
ab 3

Von Jimi Lee habe ich Unsere Erde vorgestellt.

3895Gus Gordon (Text, Illustration)
Gundula Müller-Wallraf (Übersetzung)
Herman und Rosie
Eine Geschichte über die Freundschaft
Knesebeck Verlag
14,95 Euro, ab 5

Bournay_24301_MR.inddDelphine Bournay (Text, Illustration)
Julia Süßbrich (Übersetzung)
Krümel und Pfefferminz
Wilde Tiere
Carl Hanser Verlag
7,90 Euro
ab 5

 

Moritz_VS_H_2013_17.04.inddClaude K. Dubois (Text, Illustration)
Tobias Scheffel (Übersetzung)
Akim rennt
Moritz Verlag
12,95 Euro, ab 7

3898Regina Kehn (Herausgeber, Illustration)
Das literarische Kaleidoskop
Fischer KJB
16,99 Euro
ab 8

Meine Rezension gibt’s hier.

 

3899Peter Sís (Text, Illustration)
Brigitte Jakobeit (Übersetzung)
Die Konferenz der Vögel
Aladin Verlag
24,90 Euro
ab 8

 

Kinderbücher:

Vorschau_F 2013_24.11.2012.inddChristian Oster (Text)
Katja Gehrmann (Illustration)
Tobias Scheffel (Übersetzung)
Besuch beim Hasen
Moritz Verlag
9,95 Euro
ab 5

3901Susan Kreller (Herausgeber)
Sabine Wilharm (Illustration)
Henning Ahrens (Übersetzung)
Claas Kazzer (Übersetzung)
Der beste Tag aller Zeiten
Weitgereiste Gedichte
Carlsen Verlag
24,90 Euro,  ab 6

3902Tamara Bos (Text)
Annemarie van Haeringen (Illustration)
Ita Maria Berger (Übersetzung)
Papa, hörst du mich?
Verlag Freies Geistesleben
13,90 Euro
ab 7

 

3903Polly Horvath (Text)
Sophie Blackall (Illustration)
Christiane Buchner (Übersetzung)
Herr und Frau Hase
Die Superdetektive
Aladin Verlag
12,90 Euro
ab 9

3904Martina Wildner (Text)
Königin des Sprungturms
Beltz & Gelberg
12,95 Euro
ab 11

 

 

3905Synne Lea (Text)
Maike Dörries (Übersetzung)
Leo und das ganze Glück
Verlag Friedrich Oetinger
12,95 Euro
ab 11

 

 

Jugendbuch:

3906Sarah Crossan (Text)
Cordula Setsman (Übersetzung)
Die Sprache des Wassers
mixtvision Verlag
13,90 Euro
ab 13

Sarah Crossans Buch habe ich hier besprochen.

3907James Proimos (Text)
Uwe-Michael Gutzschhahn (Übersetzung)
12 Things To Do Before You Crash and Burn
Gerstenberg Verlag
12,95 Euro
ab 14

 

3909Joanne Hornimann (Text)
Brigitte Jakobeit (Übersetzung)
Über ein Mädchen
Carlsen Verlag
15,90 Euro
ab 14

Meine Meinung dazu gibt es hier.

3908Inés Garland (Text)
Ilse Layer (Übersetzung)
Wie ein unsichtbares Band
Fischer KJB
14,99 Euro
ab 14

Inés Garland hat mir ein paar Fragen zu ihrem Buch beantwortet.

3910Rainer Merkel (Text)
Bo
S. Fischer Verlag
22,99 Euro
ab 15

 

 

cleverprinting 2009Stefanie de Velasco (Text)
Tigermilch
Verlag Kiepenheuer & Witsch
16,99 Euro
ab 16

 

 

Sachbuch:

CV_KARTOFFELKOENIG.inddChristoph Niemann (Text)
Der Kartoffelkönig
Verlagshaus Jacoby & Stuart
12,95 Euro
ab 5

CoverHeidi Trpak (Text)
Laura Momo Aufderhaar (Illustration)
Gerda Gelse
Allgemeine Weisheiten über Stechmücken
Wiener Dom-Verlag
14,90 Euro
ab 6

130412_OKLADA_lay2.inddAnna Czerwińska-Rydel (Text)
Marta Ignerska (Illustration)
Olaf Kühl (Übersetzung)
Die Ton-Angeber
mixtvision Verlag
14,90 Euro
ab 6

Vorschau_F 2013_24.11.2012.inddSebastian Cichocki (Text)
Aleksandra Mizielińska (Illustration)
Daniel Mizielińsky (Illustration)
Thomas Weiler (Übersetzung)
Sommerschnee und Wurstmaschine
Sehr moderne Kunst aus aller Welt
Moritz Verlag, 19,95 Euro

3919Adam Jaromir (Text)
Gabriela Cichowska (Illustration)
Fräulein Esthers letzte Vorstellung
Gimpel Verlag
29,90 Euro
ab 10

 

3920Nikolaus Nützel (Text)
Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg
Was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat
arsEdition
14,99 Euro
ab 12

 

Preis der Jugendjury:

3886John Boyne (Text)
Oliver Jeffers (Illustration)
Adelheid Zöfel (Übersetzung)
Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket
Fischer KJB
14,99 Euro
ab 12

Über Barnaby hat Lector3 eine Jugendrezension verfasst.

3887Raquel J. Palacio (Text)
André Mumot (Übersetzung)
Wunder
Carl Hanser Verlag
16,90 Euro
ab 12

Mein Eindruck zu diesem Buch hier.

3888Jostein Gaarder (Text)
Gabriele Haefs (Übersetzung)
2084 – Noras Welt
Carl Hanser Verlag
14,90 Euro
ab 12

 

3889Janne Teller (Text)
Sigrid C. Engeler (Übersetzung)
Birgitt Kollmann (Übersetzung)
Alles – worum es geht
Carl Hanser Verlag
12,90 Euro
ab 13

 

3890Alexia Casale (Text)
Henning Ahrens (Übersetzung)
Die Nacht gehört dem Drachen
Carlsen Verlag
14,90 Euro
ab 13

 

3892Boulet (Text)
Pénélope Bagieu (Illustration)
Ulrich Pröfrock (Übersetzung)
Wie ein leeres Blatt
Carlsen Verlag
18,40 Euro
ab 13

Diesen Comic habe ich hier vorgestellt.

Die menschliche Natur

fuchsVor einiger Zeit hatte die Presseabteilung von Carlsen in das Verlagshaus in Hamburg geladen und die Neuerscheinungen für das Frühjahr vorgestellt. Stapelweise lagen da die neuen Bücher, die es noch nicht im Laden gab. Für jede/n Bücherfreund/in eine Wonne.

Eine Wonne war auch die kurze Lesung des Berliner Theatermacher Ulrich Hub aus seinem neuen Buch Füchse lügen nicht. Hatte ich beim ersten Herumschauen bei dem Buchtitel nur mit den Schultern gezuckt und kurz gedacht: „Aha, ein Tierbuch. Interessiert mich nicht“, so wurde ich innerhalb von zehn überaus kurzweiligen Minuten eines besseren belehrt und gestehe nun: Es interessiert mich doch – und zwar sehr.

Hub las von einer Handvoll Tiere, die in der Animallounge eines Flughafens auf ihren Flieger warten. Die Gans sucht beständig ihren Reisepass, die Klon-Schafe reden im Chor, der Affe schmeißt beständig Pillen ein, der Tiger rühmt sich seiner Fernsehkarriere und der Panda ruht sich auf seinem Artenschutzpass aus. Der Wachhund versucht das Chaos, das sich langsam ausbreitet, einzugrenzen. Während die Tiere tagelang warten, reden und irgendwann die Duty-Free-Shops stürmen, taucht ein Fuchs auf und bringt das wohlige Stelldichein durcheinander. Nach und nach hält er den Individuen den Spiegel vor, bohrt in Seelenwunden, desillusioniert und kommt Lügengespinsten auf die Spur. Und rettet allesamt schließlich vor einer großen Katastrophe.

Einem erwachsenen Leser wird natürlich schnell klar, dass hier der Mensch und seine Schwächen in allerfeinster Manier dargestellt wird. Hub, der beim Lesen als erfahrener Theatermann die Figuren durch verschiedene Stimmlagen zusätzlich charakterisierte, greift dabei auf die Geschichte Reineke Fuchs zurück.
Angeregt davon habe ich versucht Goethes Fuchs-Version zu lesen, bin aber an dem Versepos vorerst gescheitert. Goethe ist leider nicht so unterhaltsam wie Hub. Denn von der Situationskomik der eingesperrten Tiere mal abgesehen, gibt es für Erwachsene doch so einige Anspielungen – auf aktuelle Flughafenproblematiken unserer Hauptstadt oder Wachholderhaltige Getränke –, die einen zwischen Schmunzeln und stimmendem Kopfnicken ob der menschlichen Abgründe gut amüsieren.
Man muss also mitnichten eine Vorbildung in Sachen Reineke Fuchs besitzen, um dieses Buch schätzen zu können.
Und junge Leser werden ihren Spaß an den Macken der Helden haben und viel über das moralische Spiel mit den großen und kleinen Lügen lernen, die sowohl die Tiere, als auch wir selbst täglich erzählen.

Eine Facette, die dieses Buch zusätzlich liebenswert macht, sind die Illustrationen von Heike Drewelow. Jedem Tier verpasst sie ein eigenes Gesicht. Hub bezeichnete diese Menagerie nach der Lesung als „liebenswert und grenzdebil“. Genauso könnte man das ganze Buch bezeichnen, wobei ich „grenzdebil“ durchaus als Kompliment verstehe, denn diesen schmalen Grat zwischen feinsinnigem Humor und Klamauk muss man entlanglaufen können. Und Ulrich Hub kann das meisterhaft.

Ulrich Hub: Füchse lügen nicht, Illustrationen: Heike Drewelow, Carlsen,  2014, 144 Seiten, ab 8, 12,90 Euro

[Jugendrezension] Wunscherfüllung

pixieKlug und mit einem großen Herzen – ganz genau – exakt mit diesen Worten würde ich Pixie Pinker, die Heldin aus dem gleichnamigen Buch von Jenny Alexander, beschreiben. Pixie Pinker ist ein liebenswürdiges Mädchen, die einen großen, streng geheimen Wunsch hat. Wie Wünsche wahr werden? Wenn Pixie das nur wüsste! Bisher ist sie leider nicht sehr erfolgreich bei der Verwirklichung ihrer Träume. Es gibt nichts, außer einer Vielzahl von Rückschlägen.

Das ist schlimm! Sehr schlimm! Und es soll noch schlimmer kommen…

Nun ist Pixie schon so traurig, und dann läuft auch noch ihr Lieblingshund, um den sie sich mittags in der Hundepension immer kümmert, weg…

Ohne eine gute Fee scheint die Situation aussichtslos, aber leider scheint die Fee keine Zeit für Pixie übrig zu haben. Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Oder taucht die Fee etwa in der Gestalt ihres Nachbarn auf? Denn dieser steht plötzlich vor ihrer Tür, mit einem guten Rat zur Wunscherfüllung.

Endlich hat Pixie den notwendigen Anstoß bekommen, um vielleicht doch noch ihren haarigen Freund wiederzufinden und sogar ihren geheimen Wunsch wahr werden zu lassen…

Ich finde das Buch Pixie Pinker oder Wie man kriegt, was man will  einfach nur Spitzenklasse und habe es direkt am Stück an einem regnerischen Nachmittag „verputzt“. Das Buch ist für Mädchen im Alter von 9-12 Jahren geeignet. Ich würde es uneingeschränkt mit bestem Gewissen an alle, die Familiengeschichten mögen oder vielleicht auch einen streng geheimen Wunsch haben, weiterempfehlen.

Bücherwurm (11)

Jenny Alexander: Pixie Pinker oder Wie man kriegt, was man will, Übersetzung: Katrin Weingran, Illustration: Elini Zabini, Fischer KJB, 2013, 176 Seiten, ab 8, 10,99 Euro

 

Trinkgeld fürs Leben

maulinaZweite Bände von Geschichten sind nicht zu beneiden. Noch bevor sie käuflich zu erwerben sind, ist die Erwartungshaltung bei den Lesern bereits gesetzt. Und die ist hoch, vor allem wenn Band eins ein Knaller war. Der Druck auf den Autor und sein Baby ist enorm, wahrscheinlich größer, als bei einer neuen, unabhängigen Geschichte. Finn-Ole Heinrich und seine Maulina Schmitt kann das jedoch nicht schrecken, erfüllen die beiden zusammen mit Rán Flygenrings Illustrationen doch in Warten auf ein Wunder alle Wünsche.

Maulina lebt weiterhin in Plastikhausen, redet immer noch nicht mit dem Mann und muss mit ansehen, wie es ihrer Mutter von Tag zu Tag schlechter geht. Bei den Dingen im Haushalt hilft Ludmilla mit und bekocht Mutter und Tochter mit köstlichen Suppen-Variationen. Im Laufe des Sommers zieht Rollstuhl Rolf in das winzige Haus ein. Er mag zwar angeblich die Mobilität der Mutter erleichtern, doch er ist ein sichtbares Zeichen eines behinderten Lebens. Maulina lässt sich davon aber immer noch nicht unterkriegen. Sie wartet mit dem General für Käse auf ein Wunder. Zur Überbrückung der Wartezeit hilft sie Paul bei einem Referat über die Berufe der Eltern, woraus sich ein Business für Brauseeis entwickelt.
Derweil hat der Mann eine neue Freundin, die Maulina von ihren Freunden bespitzeln lässt und so mit den neuesten Neuigkeiten versorgt wird. Wenn es wirklich unumgänglich ist, kommuniziert Maulina mit dem Mann über schriftliche Botschaften,  entführt kurzerhand das Zebra aus Mauldawien und nähert sich langsam dem Mann zwischen einer Maulplosion und der nächsten wieder an …

Das bis obenhin vollgepropfte Leben von Maulina lässt keine Zeit für Atempausen oder Langeweile – weder ihr noch dem Leser. An allen Ecken und Enden scheint es zu brennen: die MS-Krankheit der Mutter, der neu verliebte Vater, Pauls Eltern-Geheimnis, das Brauseeis-Unternehmen. Mit all dem jongliert Maulina auf bewundernswerte Weise, ohne dass ein Ball herunterfällt. Finn-Ole Heinrich verleiht ihr dabei – wie schon im ersten Band – eine Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Die übersprudelnden Ideen verpackt Heinrich wie gewohnt und geliebt in flockig-freche Sprache und zeigt dabei so viel Wärme und Menschlichkeit, dass man ganz ergriffen vor all dem Glück und Unglück zurück bleibt.
In genau so einem Augenblick, in dem Maulina total glücklich ist, möchte sie dem Leben ein Trinkgeld geben. Es ist zum Heulen. Und Lachen. Und Nachsinnen, wann man selbst mal dieses Trinkgeld  gegeben hat oder hätte geben sollen. Man nimmt sich sofort vor, nach diesem Moment im eigenen Leben zu suchen.
Und man möchte Maulina sofort, jetzt, hier in die Arme nehmen, sie schnuckeln und ihr die Auszeichnung in Gold für außerordentliche Tapferkeit und Maulhaftigkeit verleihen.
Der Autor bekommt zudem den Orden für das Wunder einer extrem hellsichtigen männlichen Selbstreflektiertheit, deren Sprachrohr natürlich Maulina ist.

Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Warten auf ein Wunder ist ein Hoffnungsbuch. Jungen Lesern zeigt Finn-Ole Heinrich, dass Krankheit kein Grund für absolute Verzweiflung sein muss. Das, was er im ersten Teil schon zum Niederknien angelegt hat, führt er in Band zwei weiter und erfüllt damit alle Erwartungen. Die Andeutungen zum nächsten Band lassen zwar schon Schlimmes erahnen, doch bei Maulinas sonniger Maulhaftigkeit ist man als Leser bereits guter Dinge, dass sie die ganz großen Herausforderungen des Lebens ebenfalls heldenhaft meistern wird.

Auch diesen zweiten Band hat Rán Flygenring wieder total liebevoll und detailreich illustriert und bereichert: das ist das nächste Wunder in diesem Wunderbuch. Einen herrlichen Eindruck von ihrem Strich und der gezeichneten Maulina gibt es hier:

Finn-Ole Heinrich/Rán Flygenring: Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Warten auf Wunder, Hanser, 2014, 208 Seiten, ab 10,  12,90 Euro

 

[Jugendrezension] Klein, aber richtig schlau

munkel 2Ein kleiner Mann in der großen Welt der Riesen, ja das ist Munkel Trogg. Er ist der kleinste Riese von allen, doch gleichzeitig auch der Schlauste. Der König der Riesen will ihn deshalb zum weisen Mann ernennen, doch Munkel Trogg hat Angst, dass die anderen Riesen finden, er könnte für eine solche Ehre zu klein sein. Warum sollte er zu klein hierfür sein, werdet ihr euch vielleicht fragen. Tja, er wird schon mal gemobbt wegen seiner Winzigkeit, nur sein kleiner Bruder, der ihn im Übrigen um einige Meter überragt, hält immer zu ihm.

Es gibt eine weitere Angelegenheit, die Munkel große Sorgen bereitet. Der Vulkan Rumpelberg, die Heimat der Riesen, scheint sich auf einen Ausbruch vorzubereiten, dass weiß er von seiner „Menschenfreundin“ Emily, die in ihrer eigenen Menschen-Welt im Rumpelbergtal lebt. Natürlich muss Munkel seine Freundschaft zu einem Menschenkind vor den anderen Riesen geheim halten.

Gemeinsam mit Emily versucht Munkel Trogg nun, eine gute Lösung für die beiden unterschiedlichen Probleme zu finden und das in großer Eile, denn mittlerweile herrscht Alarmstufe „rot“…

Alle Menschen aus dem Rumpelbergtal – außer Emily – sind bereits auf der Flucht vor den erwarteten Lavamassen…

Ich finde das Buch von Janet Foxley sehr interessant, denn in den meisten Büchern gibt es entweder Riesen oder Menschen. In diesem Buch funktioniert eine Kombination aus Menschen- und Riesenwelt.
Zu Beginn der Geschichte hatte ich ein paar Schwierigkeiten, mich in die Handlung einzufinden, was aber auch damit zusammenhängen kann, dass mir der erste Munkel-Trogg-Band unbekannt ist. Im Verlauf der Geschichte habe ich dann aber begonnen, sehr stark mitzufiebern, ob vielleicht ein gewisser „Esel“ bei der Rettung der Heimat von Riesen und Menschen helfen kann, und habe auch kräftig um das Schicksal des Riesen gebangt.

Kleiner Tipp am Rande: Ich würde empfehlen, zunächst den ersten Band von Munkel Trogg zu lesen. Meiner Meinung nach ist das Buch für Jungen – aber auch für Mädchen – im Alter von 9-12 Jahren geeignet. Ich kann es mit gutem Gewissen zum Lesen empfehlen.

Übrigens: Mein Bruder, der sonst eigentlich nur Bücher liest, auf denen an irgendeiner Stelle der Begriff „Star Wars“ aufgedruckt ist, hat jetzt Munkel Trogg neben seinen Bett liegen…

Bücherwurm (11)

Janet Foxley: Munkel Trogg – Der kleinste Riese der Welt und der fliegende Esel,
Übersetzung: Sigrid Ruschmeier, Illustration: Steve Wells, Fischer KJB, 2013, 256 Seiten,  ab 8, 12,99 Euro

[Jugendrezension] Über den Wolken

barnabyBei dem Buch Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket von John Boyne haben mir gleich das Titelbild und die Bilder sehr gefallen, weil sie sehr lustig gezeichnet sind.

In dem Buch geht es um den zehn Jahre alten Barnaby Brocket, der – wie man nach dem Titelbild schon vermuten kann – etwas ganz Besonderes ist: Er schwebt. Er kann seit seiner Geburt nicht aus eigener Kraft auf dem Boden bleiben. Um nicht fortzuschweben, muss er an ein Seil gebunden werden oder einen Rucksack mit Sandsäcken tragen. Das Erste  wird ihm fast zum Verhängnis, als seine Spezialschule abbrennt und er, während  alle anderen fliehen, an seinen Stuhl gebunden vergessen wird. Er muss jetzt auf eine normale Schule gehen und, damit er nicht unangenehm auffällt, den Rucksack mit Sandsäcken tragen. Das geht gut, bis eines Tages seine Mutter Eleanor Brocket mit ihm spazieren geht und ein Loch in Barnabys Sandsäcke schneidet. Der Sand läuft aus und als logische Konsequenz fliegt Barnaby los. Zum Glück sammeln ihn zwei Ballonfahrerinnen auf, die ihn zu ihrer Kaffeeplantage in Brasilien mitnehmen. Barnaby will zurück nach Sydney, ahnt aber noch nicht, dass das Beginn einer spannenden und teilweise auch gefährlichen Weltreise ist. Doch darüber schreibe ich nichts, weil es ansonsten die ganze Geschichte verrät und dem Leser die Spannung nimmt.

Im Ganzen sind Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket sehr schön, sehr spannend und immer wieder, auch wegen der Bilder von Oliver Jeffers, lustig.

Das Buch ist nur zu empfehlen. Es ist für Kinder ab 9 oder 10 Jahren sehr gut geeignet, für jüngere Kinder ist es wohl noch zu aufregend.

Lector03 (10)

John Boyne: Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket, Übersetzung: Adelheid Zöfel, Illustration: Oliver Jeffers,  Fischer KJB, 2013, 288 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

[Jugendrezension] Himmlische Hilfe

valentinaSo viel verrückten Unsinn kann nur Valentina aus dem Buch Schutzengel Valentina von Wolke 17  von Barbara van den Speulhof anstellen.

In dem Roman geht es um Schutzengel Valentina, die nur Unsinn im Kopf hat. Eines Tages wird es ihrer Lehrerin zu bunt, und sie ruft die Chefin des Himmels, um sie um Rat zu fragen. Damit die Lehrerin entlastet wird, schlägt die Chefin vor, Valentina könnte trotz der noch nicht bestandenen Schutzengelprüfung auf der Erde ihren ersten Schützling erhalten: Lucy. Ein Mädchen aus reichem Hause, wohlbehütet und beschützt, mit einem riesigen Bedürfnis nach Freiheit und Normalität.
Erst hat Valentina ein bisschen Bammel, ganz allein auf die Erde zu fliegen und dann auch noch so große Verantwortung zu übernehmen. Doch dann fliegt sie los. Auf der Erde trifft sie Lucy und merkt, dass man nicht nur kleinen Kindern über die Straße helfen und Kinderfahrräder festhalten muss, damit sie nicht umfallen, sondern dass es für Schutzengel auch noch viel schwierigere Dinge zu erledigen gibt. Und mit genau so einem komplizierten Problem bekommt sie es zu tun…

Schutzengel Valentina von Wolke 17 nimmt dich mit in eine andere Welt und zeigt dir, wie kompliziert das Kinderleben auf der Erde manchmal sein kann.

Das Buch ist für Mädchen in verschiedenen Altersklassen bis 13 Jahre geeignet, für alle, die es gerne mal lustig mögen oder für die, die sich auch auf einen Schutzengel wie Valentina verlassen wollen (immer frech, aber allzeit mit der rettenden Idee). Ich glaube, auch meiner kleinen Schwester, die ist sechs, könnte ich das Buch schon vorlesen.

Ich persönlich kann Schutzengel Valentina von Wolke 17 mit gutem Gewissen weiterempfehlen.

Bücherwurm (11)

Barbara van den Speulhof: Schutzengel Valentina von Wolke 17, Fischer KJB, 2013,
192 Seiten, ab 8, 10,99 Euro

Körperwissen

körperWenn ich nicht gerade Kinder- und Jugendbücher lese, darüber blogge oder selber welche aus dem Italienischen ins Deutsche übersetze, arbeite ich bei einer Gesundheitszeitschrift. Für die rezensiere ich unter anderem neue Ratgeber und Sachbücher. Bücher für Kinder passen da leider nicht rein – dabei gibt es auch für junge Leser ganz wunderbare Sachbücher, die sich mit dem menschlichen Körper beschäftigen.

Gerade ist das Buch Körper von Andrea Schwendemann in der Reihe „Wieso? Weshalb? Warum? Profiwissen“ erschienen, und das zeigt auf sehr kurzweilige und schlaue Art, was so alles in uns steckt. Da erfährt man Interessantes über Knochen, Muskeln, Gehirn, Blut und unsere Sinne. Aber auch, warum wir Sauerstoff und Nahrung brauchen. Oder was beim Verliebtsein im Körper passiert. Die körperlichen Unterschiede von Mädchen und Jungen werden genauso erklärt, wie Pubertät, Sex, Verhütung und Schwangerschaft.
Die kurzen, gut verständlichen Texte sind angereichert mit so genanntem Spezial-Wissen, Rezepten für Honig-Ei-Shampoo und Anti-Pickel-Paste oder auch amüsanten Quizfragen. Zudem gibt es kurze Interviews mit einem Sportmediziner, einer Schlafforscherin und dem Leichtathleten Heinrich Popow, der bei den Paralympics 2012 eine Goldmedaille im 100-Meter-Lauf holte. Gerade dieses Interview auf der letzten Seite finde ich besonders schön, da es den Kindern zeigt, dass man nicht körperlich vollkommen sein muss, um großartige Dinge zu machen. Popow macht betroffenen Kindern also jede Menge Mut.

Andrea Schwendemanns Körper-Buch lebt aber darüber hinaus von den vielen Bilder und Illustrationen von Rolf Bunse und Billa Spiegelhauer. Sie liefern einen klaren Eindruck in unser Innenleben und das Funktionieren der Organe, Gelenke, Zellen. Es gibt also jede Menge zu schauen und zu entdecken, langweilig wird hier mit Sicherheit niemandem. Und vielleicht hat nach dem vielen Blättern und Lesen der eine oder die andere ein wenig mehr Respekt vor dem eigenen Körper und geht liebevoller mit ihm um. Oder vielleicht wird die eine oder der andere angestachelt, später mal Medizin, Biologie oder Sport zu studieren. Lauter schöne Aussichten, die dieses Buch vermittelt.

Andrea Schwendemann: Körper, Illustration: Rolf Bunse und Billa Spiegelhauer,    Wieso? Weshalb? Warum? Profiwissen, Bd. 5, Ravensburger Buchverlag 2014, 56 Seiten,  ab 8, 14,99 Euro

Vier Figuren suchen einen Autor

wenzelWas passiert, wenn ein etwas eigenbrötlerischer Schriftsteller und ein Kind mit Hummeln im Hintern auf einander treffen? Das kann eigentlich niemand wissen, denn das Leben und Wirken eines Schriftstellers ist zumeist ein großes Mysterium, und quirlige Kinder sind ein Garant für jede Menge Unplanbarkeiten … eine unschlagbar clevere Kombination für einen Roman, wie Nikola Huppertz beweist: Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kawinski, Strupp und dem Suseldrusel heißt ihr Buch. Und so verwirrend wie der Titel ist auch der Inhalt. Aber das ist alles ganz wunderbar.

Wenzel muss eine Woche bei seinem schriftstellenden Onkel Nikolai (unverkennbar ein Alter-Ego der Autorin…) verbringen, weil seine Eltern eine Malediven-Reise für zwei gewonnen haben und nicht für drei. Der Junge, der mit Büchern so gar nichts am Hut hat, freut sich zwar überhaupt nicht, einfach so abgeschoben zu werden. Doch als er das Holzhaus des Onkels betritt und an der verschlossenen Ideenkammer vorbei kommt, ahnt er, dass sich dahinter ziemlich Interessantes verbirgt, das unbedingt erkundet werden muss. Denn Onkel Nikolai hat gerade mit einem neuen Roman angefangen …

Was nun beginnt, hat mich als Italianistin in gewissem Sinne an Luigi Pirandello und sein Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor erinnert: Hier sind es vier Figuren, der Hund Strupp, der Räuber Kawinski, die Prinzessin Melinda und das Suseldrusel, die sich vehement in das Leben von Nikolai hineindrängen. Denn so ist das beim Schreiben: Man hat eine Idee, man entwirft eine Figur und mit einem Mal entwickelt diese Figur ein Eigenleben und bestimmt, wo die Geschichte lang geht.
Nikola Huppertz illustriert dieses Phänomen mit ihrem Roman auf eine wundervoll turbulente Art und Weise. Wenzel geht mit Strupp auf Räuberjagd, erfindet eine coole Fußball-Prinzessin und stellt das ruhige Leben von Onkel Nikolai gehörig auf den Kopf.

Der Wechsel zwischen Nikolais Realität und seinen geschriebenen Texten markiert Huppertz durch wechselnde Schrifttypen, doch bald hat man als Leser die komplette Wirrnis im Kopf – die Erzählebenen verschränken sich so miteinander, dass man manchmal nicht mehr ganz durchblickt, was Wahrheit und was Dichtung ist. Aber genau das ist beabsichtigt, denn es zeigt, wie sehr Wirklichkeit und Fantasie verwoben sind – vor allen in den Köpfen von Schriftstellern. Wenn uns diese Autoren an ihren Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben lassen, springt dieser Funke auch auf die Leser über. Das wusste schon Pirandello, als er vor fast hundert Jahren seine sechs Personen geschaffen hat.

Nikola Huppertz‘ Roman jedenfalls legt man erst wieder aus der Hand, wann alle Figuren zu ihrem Recht gekommen sind, und man ganz köstlich verwirrt und unterhalten wurde, und endlich das Mysterium, wie ein Schriftsteller denn so arbeitet, gelüftet wurde.

Von Regina Kehn, die das Cover und die Vignetten über den Kapiteln überaus zärtlich illustriert und Wenzel die traumhaftesten Mandelaugen verpasst hat, die ich je gesehen habe, hätten allerdings durchaus noch größere und mehr Bilder in dem Text sein können … aber man kann leider nicht alles haben. Und auch so ist dieses Buch ein Hauptgewinn.

Nikola Huppertz: Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kawinski, Strupp und dem Suseldrusel, Illustration: Regina Kehn, mixtvision, 2014,  376 Seiten,  ab 10, 13,90 Euro

Kreaktive Abendteuer

roxy 2Wie schnell doch ein Jahr  wieder vergangen ist – dabei kommt es mir noch so vor als hätte ich erst gestern über  die vorwitzig coole Roxy Sauerteig geschrieben. Aber das war tatsächlich Ende 2012, nämlich hier. Und nun liegt schon seit ein paar Wochen Teil 2 von Katharina Reschke bei mir auf dem Tisch, und ich bin erst jetzt dazu gekommen, ihn zu lesen: Roxy Sauerteig – Alles löst sich in Luft auf.

Zweite Teile haben es ja nicht immer leicht, gerade wenn die Erwartungen hoch sind. Aber bei Roxy war ich gleich wieder eingefangen, begeistert, fasziniert und bestens unterhalten. Ich nehme gerade mein Urteil voraus – Roxy würde das jetzt eine „Vor-raus-sage“ nennen …
Womit ich schon wieder bei meiner Lieblingseigenschaft von Roxy bin: Wortschöpfungen. Immer wieder erfindet die Lütte neue Worte – wie „Kreaktion“, bei der man seine eigenen Ideen in eine Aktion mit einbringt. Herrlich. Möchte ich auch viel öfter machen.

Roxy ist auf jeden Fall extrem kreaktiv, muss sie doch zum einen ein Problem aus Teil 1 wieder beheben, zum anderen braucht die tüddelige Frau Feudel aus ihrem Haus Hilfe. Ihre Uhu-Eule ist verschwunden, und ohne die kann Frau Feudel einfach nicht leben. Gleichzeitig benimmt sich Frau Maschke vom Kiosk in der Straße merkwürdig, Herr Grindelmann kann immer noch nicht mit Kindern und schon gar nicht mit dem „roten Rettich“, wie er Roxy nennt.
Aber wie schon in Teil 1 lässt sich die kleine Heldin von nichts und niemanden ins Boxhorn jagen und geht mit Systematik und Mut an die Detektivarbeit.

Das Wiederlesen mit den wohlbekannten Figuren in Roxy Sauerteig – Alles löst sich in Luft auf vermittelt den Eindruck, als komme man nach Hause zur lieben, aber auch sehr schrägen Familie. Roxy trägt glücklicherweise immer noch Taucherbrille und Gummistiefel, ihre Frau Mutter übertrifft sich selbst mit ihrem überspannten Gehabe und Thusnelda, Roxys Fast-Freundin, schneidet sich endlich eine Scheibe von der Protagonistin ab. Die Kontinuität ist also hervorragend gewahrt, was den jungen Lesern mit Sicherheit ein Gefühl von Vertrautheit und Entspannung bei exzellenter Hochspannung gibt. Ein „Abendteuer“ eben.
Die feinen Illustrationen von Susanne Göhlich ergänzen die locker erzählte Geschichte ganz wunderbar, was sowohl das Selbstlesen als auch das Vorlesen zu einem echt kurzweiligen Vergnügen macht.

Katharina Reschke: Roxy Sauerteig – Alles löst sich in Luft auf,  Illustrationen: Susanne Göhlich, Baumhaus, 2013, 239 Seiten, ab 8, 12,99 Euro

Von Feldgrauen und Strickstrümpfen

Nesthäkchen2014 wird das Jahr der Weltkriege. Hundert Jahre ist der Ausbruch des ersten, 75 Jahre der des zweiten Weltkrieges her. Doppelter Grund, sich mit dem Thema Krieg ausführlich zu beschäftigen. Zudem ist es ja nicht so, dass unsere Welt im Frieden lebt.

Nachdem ich vor ein paar Monaten bereits über die Erst-Weltkriegs-Geschichte Feldpost für Pauline geschrieben habe, ist mir nun – mehr oder minder durch Zufall – Else Urys Band Nesthäkchen und der Weltkrieg in die Finger gekommen.
Mit den Nesthäkchen-Büchern bin ich groß geworden, als Kind habe ich sie geliebt, von diesem Band habe ich lange nichts gewusst, ist er auch nicht mehr im Buchhandel erhältlich.
Obwohl ich vor ein paar Jahren in Nesthäkchen wieder hineingelesen habe und mich mit der alten Erzählart und dem antiquierten Erziehungskonzept überhaupt nicht mehr anfreunden konnte, war meine Neugierde auf diesen zehnten Band ungebrochen.

Vielleicht liegt das an meiner Leidenschaft, Quellen, soweit es mir möglich ist, im Original zu lesen. So habe ich das Gefühl, unmittelbarer in die Zeit und die Geschehnisse eintauchen zu können. Bei Nesthäkchen und der Weltkrieg ist das eine Gratwanderung und ein zweifelhaftes Vergnügen, denn das Buch wird zu Recht nicht mehr aufgelegt, ist doch der Patriotismus, der aus jeder Seite tropft, für uns erwachsene Nachgeborene kaum zu ertragen. Da wehen beständig die Fahnen des Deutschen Reichs, die Siege der deutschen „Krieger“ werden bejubelt, feindliche Staaten – England, später Italien – verunglimpft, die polnische Mitschülerin Vera von Nesthäkchen als Feindin und Spionin gebrandmarkt. Das liest sich heute nicht schön und ist in keiner Zeile akzeptabel. Selbst wenn sie ihre Protagonisten wegen überzogenem Patriotismus auch immer mal wieder abmahnt und bestraft. Diese so leis geäußerte Kritik an dem ganzen Kriegsgerummel geht in dem Getöse jedoch fast unter, dass man sie leicht überlesen könnten.

Doch fand ich in der Geschichte um die Kriegsjahre 1914 bis 1916 in Berlin auch Details, die Aha-Momente bei mir auslösten. Das waren die Stellen, in denen Else Ury als getreue Zeitzeugin und Dokumentarin den Kriegsalltag der Frauen und Kinder schildert. Da wurden die Schulen zu Lazaretten umfunktioniert, Rohstoffe wie Kupfer und Wolle gesammelt, Lebensmittel rationiert. Nesthäkchen strickt Strümpfe für die Feldgrauen an der Front, sie steht für die eingeschränkte Butterration an, hilft ärmeren Menschen, erlebt den Tod von Bekannten und sieht sich mit dem Leid der Flüchtlinge aus Ostpreußen konfrontiert. Zudem muss sie 1916 erleben, dass die Sommerzeit eingeführt wird, um Ressourcen zu sparen.
Auch der Wandel in der arbeitenden Gesellschaft geht an dem Mädchen nicht unbemerkt vorbei: Auf einmal arbeiten Frauen als Briefträgerinnen, Schaffnerinnen und Taxichauffeurinnen. Das, was neulich die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen im Zuge einer Forschungsarbeit über die Darstellung des Krieges im Film festgestellt hat, dass die Kriege des 20. Jahrhunderts den Frauen „gut“ taten, im Sinne, dass sie Arbeit fanden, erkennt man auch bei Ury.
Die Autorin wertet diesen Wandel allerdings nicht, so kann man also nur vermuten, dass sie diesem Faktum durchaus auch etwas Positives abgewinnen konnte. Denn Else Ury, assimilierte Jüdin, die 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, war geprägt durch die wilhelminische Zeit, erlernte keinen Beruf, weil das damals für Mädchen nicht üblich war – und emanzipierte sich quasi durch ihre Arbeit als Schriftstellerin. So soll sie allein von diesem Nesthäkchen-Band angeblich 300.000 Exemplare verkauft haben. Durch ihre schriftstellerische Arbeit wurde Ury zu einer der erfolgreichsten und bekanntesten Frauen der Weimarer Republik.

Wie gesagt – ich bin hin und hergerissen, wie Nesthäkchen und der Weltkrieg heute gesehen und gewertet werden kann. Anders als historisch-dokumentarisch eigentlich nicht. Ury gibt trotz all ihrer Naivität und dem Patriotismus, der bei den Intellektuellen der damaligen Zeit ja durchaus nicht ungewöhnlich war, immerhin einen authentischen Einblick in die Zeit des ersten Weltkriegs. Dabei ist ihr Text von der eigenen Biografie als Kind einer gutbürgerlichen Familie durchzogen, das spürt man deutlich. Daneben zeigt sie jedoch auch durchaus menschlich und mitfühlend, wie die Kinder weit entfernt von der Front vom Krieg betroffen waren. Dem patriotischen Nesthäkchen stellt sie die Schicksale vom Flüchtlingskind Max, der armen Trude und der Deutsch-Polin Vera entgegen. Und im Laufe der Zeit und der Lektüre werden die Schrecken des Krieges unmittelbarer, sowohl für Nesthäkchen, die aus ihrer heilen Kinderwelt ein kleines Stück vertrieben wird, als auch für den Leser.

Sind die heute noch erhältlichen Nesthäkchen-Bände von jeglichen Hinweisen auf die Historie bereinigt, so lässt sich in diesem Band die Geschichte nicht herausstreichen, ist sie doch der eigentliche Protagonist. In diesem Sinne kann man diese Nesthäkchen-Episode folglich nur als eines lesen: als einen O-Ton aus dem Jahr 1917.

Else Ury: Nesthäkchen und der Weltkrieg, Hoch Verlag, 1917/1924.

Entronnen

kindertransportDie Zeitzeugen, die den zweiten Weltkrieg und vor allem die Judenverfolgung überlebt haben, werden immer weniger. Umso wichtiger ist es, die wenigen, die noch erzählen können, anzuhören. So kann man jetzt die Geschichte der Jüdin Marion Charles nachlesen und zwar in ihrem autobiografischen Roman Ich war ein Glückskind, den Anne Braun souverän ins Deutsche übersetzt hat.

Mit Hilfe von alten Briefen und ihrem Tagebuch erzählt Marion Charles der Schülerin Anna von ihrem Schicksal. Marion wächst in Berlin-Dahlem in einer wohlhabenden Fabrikanten-Familie auf. Die Familie empfindet sich nicht als jüdisch, sondern als durch und durch deutsch. Marions Vater hat im ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und ist schwer verletzt zurückgekehrt. Das Gebaren der Nazis scheint die Familie zunächst nicht zu betreffen.
Doch mit der Progromnacht vom 9. November 1938 ändert sich alles. Die Familie muss ihre Villa verlassen und in eine kleine Wohnung ziehen. Marion muss sich von Möbeln und Spielzeug trennen. Auch in ihrer alten Schule kann sie nicht mehr bleiben, sie wechselt auf eine rein jüdische Schule. Da die Situation immer bedrohlicher wird, beschließen Marions Eltern, ihre Tochter mit dem Kindertransport nach England in Sicherheit zu bringen.

Marion entkommt den Nazihäschern, bricht aber dennoch in eine ungewisse Zukunft auf. Denn in England wird sie nur scheinbar mit offenen Armen empfangen. Die 12-jährige muss feststellen, dass es den Menschen, die ihr helfen, nicht unbedingt nur um sie geht. So will die erste Frau ihr Image als Wohltäterin in der Gemeinde aufpolieren, die zweite Familie ist auf das Kostgeld angewiesen, das sie für Marions Unterbringung erhält, und in der dritten Station trifft Marion auf eine Antisemitin. Trotz all dieser Widrigkeiten verliert das Mädchen jedoch nie die Hoffnung, ihre Familie wiederzusehen, auch wenn es Jahre dauern soll …

Der Ton in dem Marion Charles ihre Geschichte erzählt ist überaus persönlich und dadurch zutiefst authentisch. Dabei ist sie nicht von Ressentiments oder Hass geprägt, sondern vom Wunsch durchdrungen, gegen das Vergessen zu erzählen. Gebannt verschlingt man dieses Schicksal und sieht so über ein paar strukturelle Schwächen hinweg. So zitiert Charles nämlich anfangs die Briefe der Eltern nicht, und der Leser erfährt nichts von dem bedrohten Leben in Deutschland. Dies ändert sich jedoch im hinteren Teil, so dass eine Ahnung von den Schrecken in Berlin entsteht, aber auch von dem Mut und der Gewitztheit von Marions Mutter, die den Nazis ebenfalls entkommt.

Marion Charles‘ Ich war ein Glückskind ist ein eindrucksvolles Zeugnis einer Facette der Judenverfolgung. Ihre Sehnsucht nach den Eltern berührt. Dafür, dass Marion der Vernichtung entgangen ist, hat sie also durchaus einen Preis gezahlt. Dennoch hält sie sich selbst für ein Glückskind und kehrt später sogar nach Deutschland zurück. An Judith Kerr und Anne Frank kommt Marion Charles zwar nicht heran, doch sie liefert jungen Lesern eine weitere Stimme, die die Geschichte einer jungen Jüdin erzählt, die glücklicherweise überlebt hat. Dass Marion Charles bei all dem nicht verbittert ist, ist wahrscheinlich das Beeindruckendste.

Marion Charles: Ich war ein Glückskind. Mein Weg aus Nazideutschland mit dem Kindertransport, Übersetzung: Anne Braun, cbj, 2013, 224 Seiten, ab 12, 9,99 Euro