Pinocchio faszinierend düster illustriert

Pinocchio

Auch mehr als 140 nach dem ersten Erscheinen der Geschichten von Pinocchio in Italien, regt die flunkernde Holzpuppe immer noch zu neuen Veröffentlichungen an. Die neueste auf dem deutschen Markt ist nun das opulente Bilderbuch aus dem Bohem Verlag, gestaltet von dem großartigen Carll Cneut.

Hier liegt allerdings keine Übersetzung des italienischen Originals von Carlo Collodi zugrunde, derer es in Deutschland seit 1905 ja bereits mehr als 50 Varianten gibt, siehe auch hier. Übersetzungstechnisch scheint Pinocchio auserzählt zu sein. Stattdessen liegt den Bildern die Nacherzählung der niederländischen Autorin Imme Dros, übersetzt von Rolf Erdorf, zugrunde.

Nacherzählung mit den wichtigsten Episoden

Dros hat die Abenteuer von Pinocchio auf die Kernepisoden zusammengedampft und leicht verändert. Der Holzjunge gehorcht immer noch nicht, geht Betrügern auf den Leim, trifft die Sprechende Grille und die Blaue Fee, landet im Bauch des Hais und wandelt sich zum braven Sohn. Soweit nichts Neues. Allen Veränderungen nachzuspüren, wäre eine rein akademische Aufgabe und langweilig. Denn hier liegt der Fokus woanders.

Bestiarium in den Illustrationen

Denn neu sind die Illustration von Carll Cneut. Hier gibt es keine niedlichen Figuren und hübschen Feen. Ganz in seinem unverwechselbaren Stil, der schon die Bilderbücher Der goldene Käfig und Hexenfee geprägt haben, versammelt Cneut hier ein wahres Bestiarium. Neben den Pinocchio-immanenten Tieren wie Grille, Katze, Fuchs, Hai, Kaninchen, Eule und Rabe finden sich in den dunkel gehaltenen Waldszenen zudem Frösche, Papageien, Elefanten, Seepferdchen und Clownsfische. Manchmal muss man sehr genau hinsehen, um sie zu entdecken.
Pinocchio selbst erinnert mit roter Jacke und spitzer roter Mütze an die typischen Holzfiguren, die man in Italien vor allem in der Toskana als Souvenir bekommt. Sein pausbackiges Gesicht mit langer Nase gleicht jedoch kaum einer Marionette, sondern hier sieht man eigentlich schon immer den menschlichen Jungen durchschimmern. Lediglich die Stricharme und -beine lassen die nichtmenschliche Natur des Protagonisten erahnen.
Neben den ganz- und doppelseitigen Gemälden in gedeckten Farben gibt es auf den Textseiten immer wieder schwarzweiße Strichzeichnungen von Pinocchio, Geppetto und den anderen Figuren.

Typische Cneut-Männerfiguren

Bei den menschlichen Figuren, die auf manchen Panels massenhaft die Szenen bevölkern, wechselt Cneut zwischen seinen Signature-Profilen von identischen Jungen mit Seitenscheitelfrisuren und ganz einfachen Punkt-Punkt-Komma-Strich-Gesichtern. Sogar die Blaue Fee wird nur im Profil dargestellt, was eher männlich wirkt. Mädchen und Frauen habe ich nicht entdecken können. Selbst die Marionette Gretel könnte als Mann durchgehen. Doch das passt zur Pinocchio-Geschichte, in dessen Original es bis auf die Blaue Fee keine Frauenfiguren gibt.

Herausforderndes Kunstwerk

Dieser Pinocchio also ist von den Illustrationen her ein absolutes Kunstwerk. Viele Details entdeckt man zum Teil erst auf den zweiten oder dritten Blick. Ob die dunklen Bilder Kindern gefallen oder ihnen womöglich Albträume bescheren, ist die große Frage. Ich werde das Buch bei Gelegenheit mal meiner jüngsten Nichte zeigen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Fantasie auf jeden Fall angeregt wird.
Einziger Wermutstropfen bei dieser wunderschönen Ausgabe mit rotem Leinenrücken ist, dass dem guten Carll auf dem Cover ein L seines Vornamens abhanden gekommen ist. Das ist gerade an dieser prominenten Stelle extrem ärgerlich, weil so eine teure Ausgabe nicht einfach eingestampft und neugedruckt werden kann. Aber solche Dinge sind auch zutiefst menschlich und kommen im stressigen Verlagsalltag eben vor.
Nichtsdestotrotz wurde das Pinocchio-Universum mit dieser großartigen Ausgabe um sehr beeindruckende und herausfordernde Illustrationen bereichert, die für jede:n Pinocchio-Liebhaber:in ein Muss ist.

Carlo Collodi: Pinocchio, nacherzählt von Imme Dros, Illus: Carll Cneut, Übersetzung: Rolf Erdorf, Bohem Verlag, 2025, 64 Seiten, ab 5, 28 Euro

Die Wut umarmen

Wut

Köstlich! Ich hätte nicht gedacht, dass Wut so gut schmeckt!«
»Hehe, die der anderen ist immer vorzüglich«, kichert sie hämisch.
Sie, das ist Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland, titelgebende Figur in Beatrice Alemagnas fantastischem Bilderbuch. Eigentlich ist sie nicht hämisch. Von eher unansehnlicher, wenig prinzessinhafter Gestalt – eine unförmige tropfende Masse mit Haaren wie ein verdorrter Busch und Wurzeln als Händen und Füßen – ist sie doch ein empfindsames und liebenswertes Wesen.
So wie Yuki, obwohl die gleich zu Beginn sagt: »Ich habe einen schlechten Charakter. Ich bin fies und ungezogen. Wenn ich wütend bin, schreie ich, haue mit den Fäusten auf den Boden und weine. Alles in mir verknotet sich.«

Deshalb kann ihr Bruder Sen sie auch nicht ausstehen und redet nie mit ihr, wenn er sie von der Schule abholt. Eines Tages wirft Yuki auf dem Heimweg absichtlich die Hausschlüssel in einen Gully. Sofort packt sie das schlechte Gewissen und sie klettert in den offenen Gully, ganz tief hinab. Dort trifft sie die Prinzessin. Die heißt sie willkommen und bittet Yuki freundlich, ihr zu folgen. Kein Schluss-jetzt-Beruhig-dich-Geh-in-dein-Zimmer.

Durch den Ärgerwald zu den Müffelinos

Gemeinsam gehen sie vorbei an riesigen Bäumen, verschlungen, in warmem Braun und frischem Türkis, die ein bisschen an die Unterwasserwelt bei Swimmy erinnern. »Das ist der Ärgerwald«, erklärt die Prinzessin. »Wenn du schon mal gemeine Dinge getan hast, bist du hier sicher.«
Sie begegnen niedlichen, übelriechenden kleinen Kopffüßlern, den Müffellinos. »Sie lieben es, dir Schuldgefühle zu machen.« Das machen sie mit einer gewissen Penetranz. Aber auch sie sind ambivalente Wesen, wollen etwas Zuneigung und eigentlich nichts Böses. So kurz und knapp die Dialoge sind, so vielsagend sind sie. Nach einer stilechten Unterwasserkutschfahrt gelangen Yuki und die Prinzessin zur Wutothek, wo es viele Sorten Wut als Pulver, Gelee, Saft oder Sirup gibt. Im Museum der Zornobjekte, »alles Dinge, die die Leute wegwerfen, wenn sie wütend sind«, findet Yuki etwas sehr Verblüffendes.

Beschützend, verbindend, tröstlich

Und das ist nur eine der vielen wundersamen Überraschungen und genialen Einfälle in Beatrice Alemagnas hinreißender Geschichte über Wut in all ihren Facetten und Ausdrucksformen. Die Prinzessin von Schlammland ist einerseits so etwas wie die Hohepriesterin dieses emotionalen Reiches. Sie verkörpert aber auch die Wut eines jeden Individuums. Durch sie zeigt Alemagna, dass Wut nicht nur schlecht ist. Oder nur böse. So unansehnlich sie sein mag, ist sie doch auch beschützend, verbindend und tröstlich. Sie wächst, wenn man gemein zu ihr ist. Und schmilzt dahin, wenn man sie umarmt. Nicht zufällig zeigt das Titelbild Yuki und die Prinzessin in einer Szene, die an King Kong erinnert. Auch der unheimliche und riesige Gorilla war nie ein böses Monster. Henrieke Markert hat die tiefgehende Geschichte sehr schön und warmherzig übersetzt.

Fein und ausdrucksstark in Buntstift

Die Idee, die Tiefen des kindlichen Unterbewusstseins so traurig und schaurig schön zu zeigen, ist sehr charmant und originell. Virtuos gestaltet Alemagna diese Welt. Die Prinzessin und Müffelinos oder kutschenziehenden Kaninchen kommen eher amorph und rundlich in Erdfarben und als ineinanderfließende Wasserfarbenflecken daher. Nur lustige Kulleraugen sehen daraus hervor. Die Kinder Yuki und Sen sind dafür umso feiner und ausdrucksstärker mit farbigen Buntstiften gezeichnet und konturiert. Mimik und Bewegung sind berührend und lebensecht und zeugen von hoher Kunst der italienischen Illustratorin und Autorin. Ihre zutiefst menschliche und faszinierend gestaltete Geschichte hat das Zeug zum modernen Klassiker.

Beatrice Alemagna: Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland, Übersetzung: Henrieke Markert, Rotopol, 2025, 56 Seiten, 24 Euro, ab 5

Der Kampf um die Demokratie

Vorneweg – ich war noch nie in einem Escape-Room und habe auch nicht vor, mich jemals in so eine Situation zu begeben. Dafür wird mir in abgeschlossenen Räumen zu schnell mulmig, auch ohne dass ich an Klaustrophobie leide.
Aber umso interessierter habe ich den neuen Roman von Manfred Theisen gelesen, Escape.

In diesem Pageturner werden sechs Jugendliche am Ende einer Schulprojektwoche in einen ebensolchen Raum geschickt, in dem sich zum Thema Demokratie ein wahres Labyrinth befindet. Durch dieses Wirrwarr müssen die sechs innerhalb von fünf Stunden hindurch. Die Räume sind thematisch ausgestattet, mal als Spiegelkabinett, mal als Barbie-World, als Studier- oder Arbeitszimmer oder als umgekrempelter Zauberwürfel.

Nur gemeinsam zu lösen

Wie es in Escape-Rooms üblich ist, kommt die Gruppe nur weiter, wenn sie jeweils ein Rätsel oder eine Aufgabe löst. Und da es sich thematisch um Demokratie dreht, werden die Teens, drei Jungs, drei Mädchen mit unterschiedlichen sozialen und geografischen Hintergründen, beispielsweise nach den den wichtigsten Grundsätzen für ein Zusammenleben in ihrem Traumland gefragt. Sie lernen die drei grundlegenden Pfeiler der Demokratie – Legislative, Judikative und Exekutive – kennen und müssen damit in einem virtuellen Computerspiel gegen einen drachenartigen Tyrannen kämpfen. Das alles geht nur gemeinsam – meistens jedenfalls.

Machtstreben und Machtspielchen

Die Gruppe wird aus einem Kontrollraum aus beobachtet, damit ihnen auch ja nichts passiert. Erzählerisch wechselt Theisen immer wieder zwischen den Spielenden und den Kontrollierenden und steigert so die Spannung. Nicht nur die wechselnden Räume führen zu beständigen Wendungen in den Plot, sondern Theisen bringt auch die Dynamiken in den Gruppen auf den Punkt und macht die Entwicklungen der verschiedenen Figuren deutlich. So wird aus dem nerdigen, aber superschlauen Josh, der im normalen Unterricht immer gemobbt wird, ein ziemlich unsympathischer Anführer mit diktatorischen Zügen. Der schöne Marc, der mit Ceylin zusammen ist, reagiert beleidigt. Die Mädchen versuchen auszugleichen, zwischen Ceylin und Sarah funkt jedoch die Eifersucht um Marc dazwischen.

Solidarität versus Egoismus versus Deepfake

Über eine App bekommen die Spielenden sowohl Anweisungen als auch monetäre Belohnungen, was die kapitalistischen Rahmenbedingungen spiegeln soll. Was draußen in der Welt also im Großen abläuft, findet sich so auch in diesem überschaubaren Kosmos wieder.
Dazu kommen die Intrigenspielchen der Überwachenden, die in einem Deepfake gipfeln, der die Stimmung auf einen dramatischen Höhepunkt treibt.

Rasante Geschichte, wichtiges Diskussionsmaterial

Auch wenn der auktoriale Stil Theisens mir nicht besonders gefällt – es gibt zu viel Headhopping und man muss sehr aufmerksam sein, um den Faden zwischen den Sprechenden und ihren Gedankengängen nicht zu verlieren –, bleibt Escape eine rasante Geschichte, die sich schnell liest und in keiner Sekunde langweilt. Mit den verschiedenen Räumen und ihren hochaktuellen Themen (bis hin zur Klimakatastrophe und KI-generierten Fake-News) bietet dieser Roman für Jugendliche viel Diskussionsmaterial. Die wichtigsten Punkte einer Demokratie werden erklärt, ohne dass es pädagogisch daherkommt. Dazu zeigen die Auseinandersetzungen und Verhaltensweisen der Figuren anschaulich, wo die Gefahren für dieses Herrschaftssystem liegen.

Potential als Schullektüre

Escape könnte ich mir als Schullektüre mit begleitenden Diskussionsrunden sehr gut vorstellen. Der Roman veranschaulicht, dass Demokratie keine einfachen Lösungen bereithält und dass für ihre Aufrechterhaltung sehr viel getan und hart darum gekämpft werden muss. Das mag abschrecken, das mag ermüden, das mögen viele Menschen vielleicht nicht gern hören, aber die Alternativen sind einfach nicht akzeptabel. Das den Jugendlichen so früh wie möglich zu vermitteln und ihnen die Gefahren von Manipulation durch die sozialen Medien und KI-Tools vor Augen zu führen, sollte mittlerweile eigentlich selbstverständlich sein. Scheint es aber leider immer noch nicht. Theisens neuer Roman könnte dabei helfen.

Manfred Theisen: Escape. Der Schlüssel sind wir, cbt, 2025, 240 Seiten, 10 Euro, ab 12

Sommersprossen auf der Zensur-Liste der Trump-Regierung

Streuselnase

Mitte Februar diesen Jahres postete die US-Schauspielerin Julianne Moore auf Instagram, dass die Trump-Administration ihr Bilderbuch Freckleface Strawberry aus den Schulen des Verteidigungsministerium (das sind die Schulen für die Kinder von Soldaten) verbannen will. Moore hatte die Geschichte bereits 2007 geschrieben, die Illustrationen dazu stammen von LeUyen Pham. Der Schock und das Entsetzen der Autorin ist berechtigt und nachvollziehbar, denn es ist völlig unverständlich, warum diese liebenswerte Geschichte nicht gelesen werden sollte.

Julianne Moore erzählt von einem siebenjährigen Mädchen, das hauptsächlich durch ihre vielen Sommersprossen auffällt. Die Punkte im Gesicht verleiten die anderen Kinder in der Schule dazu, Bemerkungen darüber zu machen. Sie halten die Sommersprossen für Schmutzflecken oder Sonnenbrand, vergleichen das Mädchen, dessen Name nicht genannt wird, mit einer Giraffe, oder wollen an ihr riechen. Alles sehr unangenehm. Vor allem, weil sie das Mädchen nur noch »Streuselnase-Erdbeekopf!« nennen, was ihr natürlich gar nicht gefällt.

Am liebsten verschwinden

Die Lütte tut alles, damit die unliebsamen Sommersprossen verschwinden: Sie schrubbt sich, behandelt die Haut mit Zitronensaft oder übermalt die Sprossen mit Filzstiften. Aber nichts hilft und Mama ist auch nicht begeistert.
Also beschließt das Mädchen, unsichtbar zu werden. Sie zieht eine Skimaske über – und weg sind die Sommersprossen. In der Schule hat sie fortan ihre Ruhe, niemand zieht sie mehr auf, niemand ärgert sie. Es ist, als wäre sie gar nicht mehr da. Die anderen Kinder fragen sich eher, wo Streuselnase-Erdbeerkopf denn abgeblieben ist.
So hatte die Protagonistin es sich nicht vorgestellt – außerdem ist es unter der Skimaske viel zu heiß und alles juckt.

Bereits 2009 in Deutschland

Diese Geschichte, deren Happy End ich hier nicht spoilere, war bereits 2009 in Deutschland, damals in der Übersetzung von Beatrice Howeg, unter dem Titel Sommersprossenfeuerkopf erschienen. Es gab einige Rezensionen in großen Medien wie DER SPIEGEL und Welt, was wohl dem Promi-Status von Julianne Moore zu verdanken war, werden doch Bilderbücher normalerweise in solchen Medien gar nicht erst erwähnt.

Heute kommen Promi-Status plus drohende US-Zensur dem Buch wahrscheinlich wieder zugute. Der Berliner Schaltzeit Verlag hat die in weiten Teilen autobiografische Geschichte Moores von Ruth Keen neu übersetzen lassen und wieder veröffentlicht. Das ist als Statement gegen staatliche Zensur natürlich per se begrüßenswert, denn Autokraten und ihrer disruptiven Politik sollten wir so wenig wie möglich durchgehen lassen bzw. versuchen, Gegengewichte zu schaffen und Hoffnung zu verbreiteten. Und sei es mit einer liebenswerten Geschichte über lustige Sommersprossen.
Den Aufkleber auf dem Cover, der verkündet: »Entfernt – gemäß einer Direktive der Regierung Trump«, hätte man sich allerdings sparen können. Er wirkt doch zu reißerisch und effektheischend.

Algorithmen und Zensur

In einem TV-Interview (ab Minute 6:00) vermutet Julianne Moore nämlich, dass u.a. auch Algorithmen an der Zensur mit Schuld sind, die nach Stichworten wie »different«/»anders« gesucht hätten und so auf diese sommersprossige Heldin gestoßen sind. Das macht den ganzen Vorgang mitnichten harmloser oder gar akzeptabel. Aber so kommt quasi noch ein weiteres Faktum dazu, das unsere heutige Zeit prägt: Das steigende Vertrauen in die KI. Auch hier sollten wir also vorsichtiger sein und nicht blind den Maschinen glauben.
Zudem ist der letzte Stand immer noch, dass die Bücher auf der entsprechenden Liste der Trump-Regierung »geprüft« werden sollten. Was das genau heißt und wie das für Julianne Moores Buch im Ende ausgegangen ist, scheint noch offen zu sein.

Das Schöne an dieser erschreckenden Episode ist jedoch, dass in den USA Julianne Moores Buch seit April nun wieder im Buchhandel erhältlich ist. Es gab so viele Vorbestellungen, dass Bloomsbury es wieder neu aufgelegt hat.
Und auch hierzulande können sich sommersprossige Kids freuen, wieder eine Identifikationsfigur zu haben, die nicht Pippi heißt …

Julianne Moore: Streuselnase Erdbeerkopf, Illus: LeUyen Pham, Schaltzeit Verlag, 2025, 40 Seiten, ab 4, 18 Euro

Plötzlich Familie

Es beginnt mit einem Brief. Auf dem Umschlag eine kopfüber aufgeklebte Marke, die neben dem Bild einer Kornelkirsche einen wenige Millimeter kleinen Totenschädel erahnen lässt, zumindest kommt es Edin Melitzky so vor.
Dieser Brief entlockt Edins Mutter Ann einen deutlich dramatischeren Flurschrei als angesichts der üblichen Rechnungen, Mahnungen und Anwaltsschreiben, die sonst ankommen. »Ganz unten, in der rechten Ecke des Papierbogens, stand in zittriger und trotzdem vornehmer Altherrenschrift:  

Zu spät.«

Kurze Zeit später findet Edin sich im Haus seines Großvaters in einem Kaff namens Kamp-Cornell wieder, mit einem Cousin und drei Cousinen sowie drei Tanten, von deren Existenz er vierzehn Jahre nichts geahnt hat. Plötzlich aus dem bisherigen Leben herausgerissen und in eine neue Familienkonstellation in ödester Provinz geworfen, das haben auch die Geschwister in Susan Kreller vorherigem emotionsgeladenem Roman Elektrische Fische erlebt.

Haus mit Eigenleben

Hier nun dämmert der Großvater, Vater von Edins Mutter und deren Schwestern, alt und krank im leergeräumten, ehemaligen Wohnzimmer vor sich hin. In der Küche gehen Leute aus der Nachbarschaft ein und aus, immer mit etwas zu Essen dabei, meist einem riesigen Auflauf. Der Garten ist ein undurchdringliches Gestrüpp aus Kornelkirschsträuchern, kein Obst, sondern ein Hartholzgewächs mit eher ungenießbaren Früchten, das im Frühjahr ginstergelb blüht.
Die Situation ist äußerst angespannt. Es gibt ein ungenutztes Zimmer, das die Mütter prinzipiell nicht betreten. Das Haus führt ein unheimliches Eigenleben. Es klopft und hämmert und sägt und seufzt in der Nacht. Für die Geräusche findet sich ebenso wenig eine Erklärung wie für die regelmäßigen Stromausfälle. Oder die überwiegend undurchsichtigen, aufdringlichen und schroffen Einwohner des Ortes.

Groteskes Verbrechen

Mit den fünf Cousins und Cousinen finden wir uns in bester Thrillerszenerie voll subtilem Grauen wieder. So unterschiedlich, wie die Jungen und Mädchen zwischen dreizehn und vierzehn sind, so unterschiedlich erleben sie das erzwungene Großfamilienleben, das sie aus wechselnden Perspektiven beschreiben. Nicht, dass ihr Leben vorher ein Zuckerschlecken war. Soll aber keiner glauben, dass sie angesichts des plötzlichen Familienzuwachsen in fröhlichem Kelly-Family-Feeling (wie Bernd Begemann es mit wohligem Schauer besingt) versinken, im Gegenteil.
Allmählich kommen die Jugendlichen einem grotesken Verbrechen auf die Spur. Ein Verbrechen, von dessen Ausmaß ihre Mütter nichts geahnt haben. Das aber deren Kindheit und Jugend überschattet hat, ihnen die Mutter nahm und zur Entfremdung der Schwestern führte.

Gefährliche Glücksversprechen

Das Herz von Kamp-Cornell ist eine einzigartige Mischung aus gruseliger Familiengeschichte, Thriller und Haus Horror – wenn es heutzutage sogenannten Body Horror gibt, dann gibt’s Haus Horror schon lange, als großen, alles umgebenden Körper. Susan Kreller hat das Genre auf den Spuren von Charlotte Brontës Jane Eyre oder Daphne du Mauriers Rebecca, legendär in Hitchcocks Verfilmung, neu belebt.

Gleich mehrere Coming-of-Age-Geschichten schwingen ebenfalls mit, treffend zusammengefasst aus der Sicht von Lu Winnefeld, einer der Cousinen: »Lu Winnefeld dachte nach, dachte daran, in den Ferien von hier wegzugehen, und weg hieß: nach Hause, auch wenn ihre Mutter das verboten hatte. Doch was kümmerten Lu Verbote von jemandem, der sowieso nie da war. Lu Winnefeld war immerhin vierzehn Jahre alt! Sie trug einen Hut und eine Lederjacke, trotz der Hitze. Aber Lu schwitzte nicht. Schwitzen war unter ihrer Würde. Wie vierzehn zu sein. Vierzehn zu sein war weit unter Lu Winnefelds Würde.« Kraftvoll, wütend und auf den Punkt beschreibt Susan Kreller hier das Innenleben einer autarken Teenagerin.
Nicht zuletzt geht es auch um gefährliche Glücksversprechen und verlogene Heilsbringer.

Achselzuckende Stille

Die Sprache wiederum spielt eine besondere Rolle in diesem Roman, eine Sprache, die versucht, Unbegreifliches begreifbar zu machen, Unsagbares benennt und diffuse Gefühle in all ihrer Vagheit nachempfinden lässt. Kreller beschreibt zum Beispiel verschiedene Sorten von Dunkelheit, die »der Nacht und die des ausbleibenden Gewitters« (das, so viel sei verraten, später doch noch ganz gewaltig niedergehen wird). Und »die dritte Sorte Dunkelheit, ein wollweißes, liniertes Blatt, das heftig zerknüllt und dann wieder, ebenfalls heftig, glatt gestrichen worden war.«
Oder der Stille: »Von allen Zurückgelassenen konnte einzig Gabriella das quälende Geräusch hören das mit dem Krankenwagen davongefahren war: jene achselzuckende Stille, die von einer Sirene ausging, wenn man sie gar nicht erst angestellt hat.«

Man merkt angesichts ihrer fantasievollen Bilder, vielsagender Wortkreationen und auch mal verwunderlichen Vergleichen, dass Kreller über deutsche Übersetzungen englischsprachiger Kinderlyrik promoviert hat. Wenn man sich auf Krellers kreativen Umgang mit Sprache einlässt, auch das manchmal zu viel davon zulässt, ist Das Herz von Kamp-Cornell ein packendes und unvergleichliches Leseabenteuer.

Susan Kreller: Das Herz von Kamp-Cornell, Carlsen, 2025, 288 Seiten, 15 Euro, ab 14

Die Königinnen als visuelles Feuerwerk

Königinnen

Normalerweise besprechen wir auf dieser Plattform keine Geschichte zwei Mal, doch nun muss es sein. Denn seit Kurzem liegt die Graphic Novel Die kleinen Königinnen von Magali Le Huche vor. Dabei handelt es sich um die graphische Visualisierung des Romans Die Königinnen der Würstchen von Clémentine Beauvais, der Mitte der 2010er Jahre erschienen ist und damals mit dem LUCHS ausgezeichnet wurde. Heute ist dieses Buch leider vergriffen. Umso schöner, dass diese fulminante Geschichte nun wieder zu lesen und zu bestaunen ist.

Gemeinsames Schicksal

Zur Erinnerung: Mireille, Astrid und Hakima teilen sich die zweifelhafte Ehre, in ihrer Schule von ihrem Mitschüler Malo zur »Wurst des Jahres« gekürt worden zu sein. Damit bezeichnet der Junge die hässlichsten Mädchen der Schule und postet das Ganze natürlich breitenwirksam im Internet. Es ist eine an Gehässigkeit kaum noch zu übertreffende Aktion, über die sogar die Presse berichtet, jedoch ohne die Mädchen selbst dazu zu befragen.

Doch die drei »Würste« tun sich zusammen, zunächst eigentlich nur, um sich gemeinsam auszuheulen und zu trösten. Doch schnell wird daraus ein Road-Trip der besonderen Art. Die drei radeln quer durch Frankreich nach Paris, wo am französischen Nationalpalast im Élysée-Palast das Sommerfest der Präsidentin stattfinden soll. Und jede der drei hat einen guten Grund, diese Party zu crashen. Mireille will ihren leiblichen Vater, den Ehemann der Landeschefin, kennenlernen, Astrid ihre Lieblingsband live erleben und Hakima den General zur Rede stellen, der dafür verantwortlich ist, dass ihr Bruder Kader im Krieg beide Beine verloren hat.

Ideenreichtum und Mut

Allerdings ist so eine Reise ohne Geld kaum zu machen. Die Mädels sind jedoch nicht auf den Kopf gefallen und so entwickeln sie einen Plan: Mit dem Fahrrad und einem Anhänger werden sie durchs Land radeln und während der Tour – ja, genau – Würstchen verkaufen. Hakimas Bruder wird sie als Aufsichtsperson im Rollstuhl begleiten. Ideenreichtum, Unternehmensgeist und Mut treffen hier aufeinander.
Was dann folgt, ist abgesehen von der anfänglichen Anstrengung des Radfahrens – die drei sind nicht gerade sportlich, was Mireilles Mutter ganz böse kommentiert: »Das strafft die Oberschenkel.« – ein Triumphzug. Denn das Unternehmen der Mädchen spricht sich im Netz und in den Medien herum.

Graphische Liebeserklärung an die Königinnen

In ihrer Graphic Novel hat Magali Le Huche diese drei Heldinnen in einem etwas schrägen, aber sehr passenden Stil in in Szene gesetzt. Geht es anfänglich und oberflächlich um Schönheit, so ist hier nichts wirklich schön dargestellt, sondern bunt und vielfältig wie das Leben eben so ist. Die Tiefe der Figuren findet sich in den knackigen und selbstbewussten Dialogen – aus der Übersetzung von Annette von der Weppen – wieder, ebenso wie die Dramen und Verletzungen, die bereits Kinder erleben müssen. Den Herausforderungen des Lebens, einschließlich der Loslösung von den Erziehungsberechtigten, stellen sich Mireille, Astrid und Hakima gemeinsam, was sie zu einer starken Gemeinschaft zusammenschweißt.
Die Freundschaft, die zwischen den drei Mädchen entsteht, wirkt empowernd auf junge Leserinnen, die sich in diesen harten Internet-Zeiten gegen Mobbing und Body-Shaming wehren müssen. Beauvais und Le Huche zeigen in dieser Kombination aus einer fesselnden Story und coolen Illus nonchalant, wie schnell sich die Dinge im Leben und im Netz drehen können, wie zweischneidig und vergänglich Ruhm sein kann und wie viel wichtiger wahre Freunde im Leben sind, mit denen man Höhen und Tiefen teilen kann.

Vielleicht wäre dies der richtige Moment für den Carlsen Verlag eine Neuauflage des Romans von Beauvais herauszubringen, denn diese Geschichte hat nichts an ihrem Biss und ihrer Message verloren, sondern ist aktueller denn je.

Magali Le Huche: Die kleinen Königinnen, nach dem gleichnamigen Buch von Clémentine Beauvais, Übersetzung: Annette von der Weppen, reprodukt, 2025, 156 Seiten, ab 13, 29 Euro

Leben und leben lassen

Sailor och Pekka gör ärenden på stan lautet der Titel im schwedischen Original. Sailor und Pekka erledigen was in der Stadt hat Hinrich Schmidt-Henkel es passend entspannt übersetzt. Schon der wunderbar unprätentiöse Titel sagt viel über Jockum Nordströms ebenso brillantes wie bodenständiges Bilderbuch.

Kinderbilder und korrekte Möbelskizzen

Es heißt bewusst nicht » … gehen in die Stadt«, was einen Land-Stadt-Kontrast assoziieren würde. Denn darum geht es nicht. Es passiert auch nichts Spektakuläres. »Eines Morgens als Sailor sich anziehen wollte, war sein Pullover weg. Er wusste absolut nicht, wo der geblieben sein konnte, Sailor durchsuchte das ganze Zimmer.« Ein Mann mit Schnurrbart, bloßem Oberkörper und Käppi auf dem kahlen Kopf sucht. Er sieht aus wie von einem Kind gemalt. Die Kommode, das Bett, die Hutablage und das Sideboard mit dem Globus drauf aber sind reduzierte, doch perspektivisch korrekte Zeichnungen. Drum herum ist anfangs viel Weißraum, der Sailor und auch Pekka, einem Hund in einem blauen Anzug Platz gibt.

»Er rief seinen kleinen Hund Pekka, der gerade Zeitung las.
Hej, Pekka! Hast Du meinen Pullover gesehen?
Nein, hab ich nicht.
Wir müssen in die Stadt fahren, einen neuen kaufen.
Gut, dann kann ich mir auch gleich die Haare schneiden lassen.«

Kein Drama, dann machen sie halt eine Spaziergang

Sie fahren mit dem Auto los, einem offensichtlich betagteren Modell aus den 1920er oder 1930er Jahren. »Der Motor machte seltsame Geräusche. Er hustete und spuckte. Plötzlich quoll schwarzer Rauch unter der Motorhaube hervor.« Das ist kein Drama, dann machen sie halt einen Spaziergang.
Und so sieht man Mann und Hund am Meer entlang in Richtung Stadt laufen. Unterwegs treffen sie einen traurigen Clown, der seine Trompete verloren hat. Und ihre Nachbarin Frau Jackson, die übrigens schwarz ist.

»Moinsen« grüßt der Biber im Vorbeigehen

Zunächst werden die Seiten kleinteiliger, erinnern ein wenig an Comic-Panels. Je näher die beiden dann der Stadt kommen, desto mehr verdichten sich die Bilder. Er gibt tolle, akkurate Architekturzeichnungen, unter anderem von an Le Corbusier erinnernde Hochhäuser mit farbigen Fassadendetails. Detailliert ausgestaltete Straßenkreuzer fahren im Hintergrund herum. Und immer mehr unterschiedlichste Wesen tauchen auf, winken, reden miteinander, tragen Möbel. Menschen und Tiere sind alle mehr oder weniger beschäftigt, auf dem Weg irgendwohin, ohne Hektik, man grüßt sich. »Moinsen«, sagt ein Biber im Vorbeigehen, eine lässig im Mundwinkel hängende Zigarette rauchend.
Sailor und Pekka finden einen Kleiderladen, daneben einen Frisör. Pekka bekommt einen neuen Haarschnitt. Sailor kauft einen neuen Pullover und ein weißes Hemd dazu. Anschließend lässt Sailor sich noch ein Tattoo stechen. Beim Tätowierer treffen sie einen Affen, der die Trompete gefunden hat.

Das Auto sieht wirklich erschöpft aus

Auf dem Rückweg lassen sie das Auto abschleppen. Der Abschleppdienst kommt schnurstracks, wie Hinrich Schmidt-Henkel schön übersetzt. Unterwegs geben sie dem Clown die Trompete zurück, »Juhuu! Tausend Dank! Der Clown freute sich riesig« und nehmen das Auto an den Haken. »Da steht unser Auto. Es sieht erschöpft und dreckig aus.« »Ja es sieht wirklich erschöpft aus«, bestätigt der Abschlepper.

Friedliches Miteinerander von Lebewesen und Stilen

Das friedliche Miteinander aller spiegelt sich auch in Jockum Nordströms lässigem Umgang mit verschiedensten Illustrationsstilen. Mal ein liebevoll ausgemaltes großes Hafenpanorama oder eine bunte Straßenszene oder das kleinteilige Ladensortiment. Dann setzt der Künstler wieder auf einen sehr kindlich wirkenden, für Kleine umso nahbareren Malstil, in denen er comicartige Seiten mit leisem Humor gestaltet. Sehr lustig ist die Szene, wenn Sailor mehrere Pullover anprobiert. Auf dem Vorsatzpapier arbeitet Nordström zur Abwechslung mit Fotos und Collagen.

Gut aufgehoben bei Péridot

Mit größter Selbstverständlichkeit erzählt der KInderbuchautor wunderbar unaufgeregt (wie schon beim Titel) von Vielfalt und Toleranz als gelebte Normalität. »Leben und leben lassen« hat mein Vater immer gesagt. Und es auch so gemeint, obwohl er ein konservativer und bestimmt nicht vorurteilsfreier Mann war. Jockum Nordström malt Bilderbücher unter diesem Lebensmotto. Der Kölner Péridot Verlag hat jetzt eine Geschichte von Sailor und Pekka veröffentlicht, hoffentlich folgen auch die fünf oder sechs weiteren. Wo wären sie hierzulande besser aufgehoben, als bei einem Verlag mit freundlichem Hund als Logo und übersetzt von Schmidt-Henkel. Die Welt von Sailor und Pekka wäre eine bessere, schöner und lebenswerter.

Jockum Nordström: Sailor und Pekka erledigen was in der Stadt, Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel, Péridot, 44 Seiten, 16 Euro, ab 6

Unumstößliche Wahrheiten

Ob es uns passt oder nicht, wir alle sind sterblich. Daran lässt sich nichts ändern, ganz gleich, was die Wissenschaft erfindet oder irgendwelche Longevity-Gurus uns einreden wollen. Und das wissen auch bereits Kinder. Es sind die Erwachsenen, die sich zumeist schwertun, über das Thema Tod zu sprechen. Sei es untereinander oder eben auch mit den Kids. Dabei sollte es völlig normal sein. Eine Art von Gesprächshilfe gibt es nun in dem wunderbaren Buch Hallo Tod, ich habe da mal ’ne Frage der Autorinnen Ellen Duthie und Anna Juan Cantavella.

Jede Menge Fragen zum Tod

Die beiden haben im Vorfeld in der ganzen Welt Kinder und Jugendliche gefragt, was diese über das Thema Tod wissen wollen. Und das war so eine Menge, dass sie eine gewisse Auswahl treffen mussten. Übrig geblieben sind 38 Fragen, die das Wichtigste in Sachen Sensenmann & Co. behandeln. Da geht es dann darum, wie unsere Haut vom Skelett verschwindet, ob man noch Gefühle hat, wenn man tot ist, was mit den persönlichen Sachen später passiert, warum Tote beerdigt werden oder warum in manchen Kulturen weiß als Farbe für den Tod steht.
Die Fragen, die es nicht in die engere Auswahl geschafft haben, finden sich ganz wunderbar auf den Innenseiten der Buchdeckel.

Philosophische Antworten

Als Antworten auf die ausgewählten Fragen liefern Duthie und Cantavella neben aufschlussreichen Fakten dann auch diverse amüsante Anekdoten über ungewöhnliche Todesfälle, aber vor allem weitere Fragen. Damit gelingt es ihnen zum einen, den Wissensdurst der Kinder zu befriedigen, ohne dass es traurig oder traumatisch wird. Der leichte Ton der Texte ist auch der feinen Übersetzung von Ilse Layer zu verdanken. Zum anderen regen sie die Zielgruppe gleichzeitig an, weiter über den Tod und vor allem über das Leben nachzudenken.
So wird dieses Buch quasi zu einem philosophischem Starter-Set, in dem die grundlegenden Fragen – wo kommen wir her, wo gehen wir hin, hat das Leben einen Sinn und wenn ja, welchen –vorgestellt und zur persönlichen Weiterverarbeitung vorgeschlagen werden.
Jüngeren Kindern kann man diese kurzen Kapitel gut vorlesen. Danach wird es sicherlich jede Menge Redebedarf geben, der aber auch für Erwachsene bereichernd sein wird.

Illustrationen mit Hintersinn

Illustriert sind die Kapitel mit blau-roten Bildern von Andrea Antinori, der 2023 mit dem International Award für Illustration ausgezeichnet wurde. Antinori fertigte sie nur anhand der Fragen der Kinder an. Die Antworten der Autorinnen gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht. So entstanden hintersinnige Bilder voller Witz und Charme, die der kindlichen Fantasie gutes Futter zum Schauen, Denken, Reden und Nachmachen liefern. Auch die Autorinnen haben sich von den Illus zu ihren Antworten inspirieren lassen und verweisen dann oftmals darauf.

Nach dieser Lektüre über den Tod wird der Blick auf das Leben vielleicht ein etwas anderer sein – möglicherweise bewusster und dankbarer. Und damit wäre schon sehr viel gewonnen.

Ellen Duthie/Anna Juan Cantavella: Hallo Tod, ich hab da mal ’ne Frage, Illus: Andrea Antinori, Ü: Ilse Layer, Gabriel, 2025, 144 Seiten, ab 6, 15 Euro

Von innerer Emigration und einem nie gedrehten Film

innere Emigration

Neulich hat Robert De Niro beim Fillmfestival in Cannes betont, dass Künstler:innen Faschisten und Autokraten Angst einjagten und daher unverzichtbar und wichtig seien. Diese Kritik an der aktuellen Regierung der USA kam gut an, der Applaus war immens.
Was für eine Gratwanderung die künstlerische Arbeit in Diktaturen ist, zeigt die Graphic-Novel-Künstlerin Isabel Kreitz in ihrem neuesten Werk, Die letzte Einstellung.

Sie erzählt darin die Geschichte von Autor Heinz Hoffmann, der 1933 als Filmkritiker bei der Zeitung arbeitet, doch anstatt den neuesten Charlie-Chaplin-Film rezensieren zu dürfen, muss er Nazi-Propaganda sehen – »Propaganda mit Leiche«, wie er seiner Begleitung, seiner Sekretärin Erika, erklärt. Während seine intellektuellen Freunde offen darüber nachdenken, ins Ausland zu gehen, will Hoffmann in Deutschland bleiben, denn er ist kein Jude und möchte die Entwicklungen im Land beobachten und darüber schreiben. Er sieht es als berufliche Pflicht an.

Die Intelligenzia geht in die Emigration

Zudem arbeitet er als Drehbuch-Autor für die UFA und soll eine winterliche Komödie schreiben. So etwas gibt man nicht so schnell auf. Zusammen mit Erika fährt er in die Berge für die Vorort-Recherche und das konzentrierte Arbeiten. Nur dass die Konzentration den zwischenmenschlichen Entwicklungen zum Opfer fällt – und der Reichstagsbrand in Berlin die Gäste schließlich völlig aufgeschreckt nach Hause holt. Danach geht es bergab. Die wichtigsten Autoren emigrieren, die Nazis verbrennen ihre Bücher, darunter auch die von Heinz Hoffmann. Aber er bleibt immer noch im Land.

Zehn Jahre später

Derweil lässt Erika eine Abtreibung vornehmen, wovon ihre Wirtin jedoch Wind bekommt und sie aus der Wohnung wirft. Heinz allerdings ist nicht für sie da, denn er ist mit einer anderen Frau zusammen. Kurz zieht Erika wieder zu ihren Eltern, doch sie schafft es, Produktionsassistentin in den Filmstudios Babelsberg zu werden. Zehn Jahre später ist das Filmemachen allerdings nicht mehr so einfach. Berlin ist von Bombenangriffen zerstört, Aufnahmen in den Studios werden vom Fliegeralarm immer wieder unterbrochen. Und plötzlich steht Hoffmann vor Erikas Tür. Seine Wohnung wurde ausgebombt, er braucht eine Unterkunft.

Umgekehrte Vorzeichen

Hatte anfangs Hoffmann Erika protegiert, so ist nun sie es, die ihm hilft, mit einer Schlafstatt. Jetzt nimmt sie ihn mit zu Kinopremieren und die alte Liebe lebt wieder auf. Hoffmann hat Arbeitsverbot, seine Bücher sind verboten, er hat sich in die innere Emigration zurückgezogen, lebt von seinen Ersparnissen, schreibt für die Schublade. Bis die Filmleute in Babelsberg ein ordentliches Drehbuch brauchen, und Erika einen Autor vorschlägt, der jedoch nicht genannt werden darf …

Erich Kästner als Vorbild

Wem jetzt schon all diese Geschehnisse bekannt vorkommen, ist auf der richtigen Spur. Kreitz hat sich frei am Leben von Erich Kästner bedient und Heinz Hoffmann auch ganz offensichtlich dessen Aussehen verpasst. Die Anspielungen und Referenzen sind vielfältig, von der Bücherverbrennung bis zu »Drei Männer im Schnee« oder »Die Feuerzangenbowle«, von den Werken von Veit Harlan zu den Schauspielern Heinz Rühmann und Gustav Knuth. Bis auf Kästner werden die anderen Künstler:innen mit Klarnamen erwähnt und machen deutlich, dass hier auch die wahre Geschichte um den letzten Propagandafilm der Nazis erzählt wird. Manche Szenen der sepiafarbenen Kohle-Bleistiftzeichnungen erinnern an »Babylon Berlin« und damit an die fiktive Ebene um Heinz und Erika.

Ein gezeichneter Film

In einem Anhang erklärt Kreitz die wahren Gegebenheit, um eben diesen letzten Propagandafilm, der jedoch nie gedreht werden sollte, und führt die realen Personen in der Geschichte noch mal gesondert auf. Ihr gelingt es, ein Stück Filmgeschichte ins allgemeine Bewusstsein zu holen und daraus quasi einen komplexen gezeichneten Film zu schaffen, der aufs Allerbeste fesselt. So wird neben geschichtlichem Wissen auch gezeigt, dass künstlerisches Schaffen in diktatorischen und kriegerischen Zeiten alles andere als eine Selbstverständlichkeit und natürlich mitnichten einfach ist – selbst in der inneren Emigration, die von manchen in vergangenen Zeiten vielleicht als feige und nicht als »richtige« Emigration angesehen wurde.
So wird diese Graphic Novel zu einem beredeten bzw. bebilderten Beispiel für das, was wir verlieren würden, wenn die Rechten weiter an Einfluss gewinnen würden. Auch dies eine Aufforderung an uns alle, es nicht wieder zu solchen Verhältnissen kommen zu lassen.

Isabel Kreitz: Die letzte Einstellung, Reprodukt, 2025, 304 Seiten, 29 Euro

Eintauchen

Klassiker sind literarische Werke, Dramen, Romane von zeitlosem Wert. Nicht nur wegen ihrer sprachlichen Schönheit und vielschichtigen Charaktere werden sie über Generationen gelesen. Klassiker berühren vor allem wegen ihrer zutiefst menschlichen Themen: Liebe und Hass, Rache, das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung, der Kampf von Gut und Böse, Mut, Angst, Neugier, Abenteuer, Erwachsen werden.
Also ist es naheliegend, schon die Kleinsten für Klassiker zu begeistern. Der Verlag Coppenrath versucht das jetzt aufs Schönste. Logischerweise fängt man bei sehr jungen Kindern mit Bildern an. Tatsächlich sind die sechs bereits erschienenen Klassiker für Kleine visuell eine Wucht. Jedes Buch ist von einer anderen Illustratorin oder einem Illustrator ganz individuell bebildert und bekommt jeweils optisch einen besonderen Charakter.

Im Sarg mit Vampirteddy

Zum Beispiel Bram Stokers Dracula: Anfangs wirkt der berühmteste Vampir fast niedlich mit seinem riesigen Kopf und den prominenten Zähnchen. Zwar schläft er tagsüber im Sarg, aber mit Katze und kleinem Vampirteddy. Blut schlürft er durch einen Strohhalm aus dem Glas. Und nachts verwandelt sich der lichtscheue Graf in eine Fledermaus und flattert aus dem Fenster seines Schlosses.

Zeitlos moderne Vampirsaga

Doch irgendwo muss das Blut ja herkommen. Und hier sind wir bei einem der Urthemen der Menschheit: Böse Mächte, die einem nach Freiheit und Leben trachten. Schlimmer noch, ihre Opfer zu willenlosen Untoten machen, die vom Biss infiziert selbst zu blutdürstigen Monstern werden. Für weibliche Wesen schwingt noch eine weitere Gefahr mit und das begründet auch den Erfolg moderner Vampirsagas, allen voran der von Stephenie Meyers Twilight-Saga: Der Biss des Vampirs als Synonym für ersten Sex, die Entjungferung und damit die Verwandlung in ein sexuelles Wesen, das spätestens mit einer Schwangerschaft in Abhängigkeit gerät.
Das erkennt man natürlich nicht so explizit im Bilderbuch, im Kopfkino spielen sich aber gleich mehrere Filmversionen ab, auch das macht eine starke klassische Vorlage aus.

Architektur gibt Struktur

Für Mina, der Verlobten des erzählenden Anwalts, wird es im Bilderbuch ziemlich knapp, nachdem Dracula seine Zähne in ihren Hals geschlagen hat. Nur ein Trank des herbeigerufenen Arztes und Vampirjägers van Helsing haucht der sehr blutarmen und totenblassen jungen Frau wieder Leben ein. Jacobo Muñiz erzählt das sehr spannend und geschickt angelehnt am literarischen Original mit seinen Illustrationen: Karikaturesk und kindlich großkopferte Personen, elegant historisches Setting. Architektur strukturiert die Bilder, Räume sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet: Hohe, gotische Fensterbögen, bunte Dachschindeln, Backsteinwände und Straßenpflaster, gemaserte Holzböden.

Ein freundliches und schlaues Wesen

Anders nähert sich Mariona Cabassa Moby Dick. Bei ihren wie kindliche Buntstiftbilder wirkenden Illustrationen dominieren die Farben. Vielfarbig gemusterte Kleidung, rote Erdbeerwangen, knallbunt lackierte Boote. Vor allem aber die Unterwasserwelt ist ein Farbspektakel. Der berühmte weiße Wal ist ein freundliches und schlaues Wesen, stets begleitet von einem Schwarm bunter Fische. Auch ein weiteres vermeintliches Ungeheuer, ein Riesenkrake, kommt ungeheuer sympathisch und praktisch daher. Walfang ist kein zeitgemäßer Broterwerb mehr. Und hier lässt Moby Dick den von Rachegelüsten zerfressenen Käpten Ahab entspannt lächelnd abblitzen und schwimmt seiner Wege.

Psychedelische Pilze und Wildblumenwiesen

Angemessen psychedelisch wiederum setzt Zuriñe Aguirre Lewis Carolls Alice im Wunderland in Szene. Auch sehr bunt, jedoch gespickt mit vielen Details und Anspielungen an das Original – der hohe Hut des Hutmachers, die Taschenuhr des weißen Kaninchens, Schachbrettmuster, Spielkarten und etliche riesige Pilze – gestaltet die spanische Malerin Alices Abenteuer als wunderlichen Trip. Toll sind naturalistischen Hintergründe: Wildblumenwiesen, Getreidefelder, Waldboden und Rasen, dichtes Laub und exotische Pflanzen.  Auf der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen stellt das selbstbewusste und dickköpfige Mädchen die verquere Erwachsenenwelt in Frage, absurde Rituale, die überkandidelte und rücksichtslose Regentin.

Es bleibt: Das Lächeln der Grinsekatze

Zum hübschen Bilderrausch gehört auch eine kiffende (oder sogar Opium rauchende?) Raupe, dafür ist der Hutmacher diesmal nicht nutty und hat auch nichts von Johnny Depp. Schon der Umschlag der Pappe (wie die dickseitigen Bücher für Kleinkinder in der Branche genannt werden) fasst die Geschichte treffend zusammen. Vorne geringelte Strumpfbeime und ein bauschiger Tüllrock auf einem Pilz, auf dem Alice nach ihrem Sturz ins Kaninchenloch gelandet sein könnte. Und auf der Rückseite ist das was bleibt: Das Lächeln der Grinzekatze.

Starke Klassiker in Bildern erzählt

Diese Klassiker für Kleine sind optisch eine Klasse für sich. Nur Cornelia Boeses putzige Reime dazu hätte es nicht gebraucht, hoffentlich wird die Co-Autorin angesichts dieser Kritik nicht ihrem Nachnamen gerecht. Ein paar Stichworte und Namen hätten gereicht, um die Vorlesenden die Geschichten frei erzählen zu lassen. Und wären auch für Erwachsene eine gute Anregung, sich mit den Klassikern wieder zu beschäftigen.

Einen Klassiker zitiert auch Sophie Blackall in ihrem Bilderbuch Ahoi! Alle an Bord und Leinen los!. Die Rückseite umspielt eine Variante der berühmtesten Welle aller Zeiten, der japanische Holzschnitt von Hokusai, den Klappentext. Und wie beim Original, das auch ein ausgewachsener Tsunami werden könnte, geht aber nichts Bedrohliches davon aus. Die aufeinander geschichteten, ineinander fließenden und einander umspielenden Wassermassen sind einfach nur schön. Man möchte darin eintauchen.
Genau das gelingt dem kleinen Helden hier: seinen Vater mitzunehmen ins Spiel. Der muss eigentlich Aufräumen, Staubsaugen, Erwachsenenkram erledigen. Stühle, ein Korb und ein paar Blätter Papier werden zum Segelboot, der Teppich ist das Meer, ein Sturm zieht auf. Los geht’s …

Unkonzentrierte Erwachsene

Aber als sein Telefon klingelt, lässt der Vater sich schnell wieder rausreißen. Totale Flaute im Spiel, das Kind liegt gestrandet und frustriert bäuchlings auf dem Boden.  Abgesehen von der derzeit inflationär gestellten Selbstdiagnose ADS/ADHS sind hier eindeutig die Erwachsene diejenigen, die sich nicht konzentrieren können, von Anrufen ablenken lassen, alles gleichzeitig machen wollen und nichts richtig können.
Im zweiten Anlauf kommt die fantastische Seereise richtig in Fahrt. Über mehrere in intensiven Farben und wunderbar ausgestalteten Doppelseiten und Bildsequenzen entkommen sie einem Oktopus, gleiten mit Walen dahin, werden von wilden Wellen durch die Luft geschleudert, laufen auf Grund, erleiden Schiffbruch und erreichen umkreist von hungrigen Haien in letzter Sekunde den Leuchtturm.

Heimliche Heldin

Als nach wildem, intensivem Spiel doch noch mal kurz überlegt wird, den Teppich zu saugen, kommt es unisono aus zwei Mündern: »Welchen Teppich?«. Das bringt die Kraft der Fantasie anschaulich zum Ausdruck. Und die Fähigkeit, völlig einzutauchen in eine mitreißende Geschichte. Die durch ihre stille Heldin noch entzückender wird: eine kleine schwarze Katze, die in allen Szenen und auf allen Seiten auftaucht und in die wunderbare Reise eintaucht.

Klassiker für Kleine, nacherzählt in Reimen von Cornelia Boese, Coppenrath, jeweils 24 Seiten, 14 Euro, ab 3
Bram Stoker: Dracula, illustriert von Jacobo Muñiz
Hermann Melville: Moby Dick, illustriert von Mariona Cabassa
Lewis Caroll: Alice im Wunderland, illustriert von Zuriñe Aguirre

Sophie Blackall: Ahoi! Alle an Bord und Leinen los!, Übersetzung; Bettina Obrecht, Penguin, 48 Seiten, 16 Euro, ab 4

Lasst Blumen sprechen

Pflanzen

Meister – bei dem Begriff denkt man zunächst an Weltmeister oder, schon seltener, an Weltmeisterinnen, zum Beispiel im Fußball oder einer anderen sportlichen Disziplin. Dann vielleicht an Alte Meister, also Meisterwerke der Kunst und ihre Maler. Oder an Handwerksmeister. Also an Menschen, meist Männer.
Wer kommt da auf Pflanzen? Genau mit diesem Überraschungsmoment lockt Riz Reyes in den Garten und die wunderbare Welt der Pflanzen. Pflanzen können alle etwas, das alle anderen Wesen nicht können. Sie leben tatsächlich von Luft und Liebe sozusagen, genauer von Kohlendioxid, für uns Menschen verbrauchte Luft und Licht. Durch Kohlenstoff wachsen sie und bilden Blätter und Früchte. Und als Abfallprodukt setzen sie den für uns lebensnotwendigen Sauerstoff frei.

Meisterinnen der Erneurung

Zusätzlich sind aber alle Pflanzen noch Meisterinnen und Meister ihrer Klasse und können jeweils etwas ganz Besonderes und Einzigartiges. So sind Narzissen Meisterinnen der Erneuerung, wie der von den Philippinen stammende Riz Reyes erklärt. Die Zwiebeln ruhen im Winter in der Erde. »Wenn es wärmer wird und die Tage länger, begrüßen sie mit ihren leuchtend bunten Blüten den Frühling«, schreibt der Gärtner und Pädagoge. Osterglocken heißen nicht so, weil sie eben meist um Ostern herum blühen. Wegen ihrer Fähigkeit, wiederaufzublühen, sind sie im Christentum ein Symbol für Auferstehung und ewiges Leben.

Geniale Partnerschaft

Oder Pilze, die eine eigene Art für sich sind. Sie sind Meister der Kommunikation und Vernetzung. »Anders als Pflanzen können Pilze sich nicht mithilfe der Photosynthese von Sonnenenergie ernähren, da sie kein Chlorophyll haben. Stattdessen lassen sie sich von Pflanzen, mit denen sie durch ihr Mycel, ein dichtes, fadenartiges Geflecht, verbunden sind, mit Nährstoffen wie Zucker versorgen. Im Gegenzug liefert der Pilz der Pflanze Wasser und und andere Nährstoffe, die er aus der Erde aufnimmt.« Was für eine geniale Partnerschaft! Dagegen sind sogenannte win-win-Situationen aus der Wirtschaft ein lascher Witz.

Pflanzen hinreißend in Szene gesetzt

Jede Pflanze und auch die Pilze bekommen jeweils zwei ähnlich aufgebaute Doppelseiten, auf denen unter anderem Herkunft, Verwandte und Besonderheiten kurz und prägnant erklärt werden. Auch, wie junge Leserinnen und Leser die Pflanzen selbst ziehen können. Die Illustratorin Sara Boccaccini Meadows hat die faszinierenden Pflanzen hinreißend, lebendig und vielfarbig mit Aquarell und Tusche in Szene gesetzt. Ihre Illustrationen sind absolut meisterhaft und Grund genug, dieses Sachbuch lieben.

Leckere und duftende Verwandte

Auch die Familien gehören immer zum großen Ganzen. Da kommen ganz erstaunliche Verbindungen zu Tage. Oder zur Nacht, denn dass die Tomaten zu den Nachtschattengewächsen gehören und ursprünglich aus Süd- und Mittelamerika stammen, wie auch Kartoffeln, Paprika und Auberginen hat man schon mal gehört. Nicht nur leckeres und gesundes Gemüse gehört dazu, sondern auch einige giftige Pflanzen. Aber wer hätte gedacht, dass Apfel, Erdbeeren und Wildrosen eine wohlschmeckende und duftende Familie bilden, die Rosengewächse nämlich.

Kürbis wiederum gedeiht besonders gut zusammen mit Mais und Bohnen, die zwar nicht zur selben Familie gehören, sondern eine weitere kluge Partnerschaft eingehen, was bereits die indigenen Völker Nord- und Südamerikas entdeckt haben. Wie die funktioniert oder warum Orchideen Meisterinnen der Eleganz und der Raffinesse sind … unbedingt selbst lesen und entdecken in diesem absolut faszinierendem Pflanzenbuch, das weit über den Garten hinausgeht.

Pflanzen

Anders, aber mit mindestens ebenso großem Respekt, taucht Alva und das Rätsel der flüsternden Pflanzen in das Reich der Plantae ein. Das Setting von Yarrow Townsends Abenteuerroman wirkt dystopisch: karg, arm, düster, raues Leben, immer feucht.
Die Titelheldin Alva ist spröde und stur, seit dem Tod ihrer Mutter vier Jahre zuvor voller Wut und Misstrauen. Ihr Zuhause ist eine kleine Holzhütte mit einem Garten voller Nutz- und Heilpflanzen, die leise mit ihr sprechen und sie zum Beispiel beraten, wie sie den kranken Huf ihres Pferdes behandeln soll. Captain ist ihr einziger Gefährte, ihre ganze Familie. Diese wird bedroht durch den neuen Ausbruch einer rätselhaften, tödlichen Krankheit, an der auch Alvas Mutter gestorben ist. Sie war eine anerkannte und geschätzte Expertin für Heilpflanzen, die mit ihrem Wissen vielen Menschen geholfen hat. Doch nach ihrem Tod hat der Ortsvorsteher sie als Scharlatanin dargestellt, ihre Fähigkeiten wurden in Zweifel gezogen.

Rettung der flüsternden Freundinnen

Angeblich sind die Pflanzen, nicht nur die in Alvas Garten, die Wurzel allen Übels und sollen alle vernichtet werden, einschließlich dem Getreide. Um das Gegenteil zu beweisen und ihr Zuhause, ihr konfisziertes Pferd und ihre flüsternden Freundinnen zu retten, begibt sich Alva auf eine gefährliche Reise ins Ungewisse. Unterwegs bildet Alva, wider Willen eine Not- und Zweckreisegesellschaft mit dem Jungen Idris, dessen Bruder im Sterben liegt, und der vermeintlich verwöhnten, aus reichem Hause stammenden Ariana.

Bewusste Außenseiterin

Alva ist eine interessante Heldin, gerade weil sie so schroff und misstrauisch ist, und wirklich alle vor den Kopf und von sich stößt. Sie traut niemandem, kann auch erschreckend gemein sein und beharrt auf ihrer Unabhängigkeit. Sie ist bewusst Außenseiterin, man spürt ihre Verletzung und ihre Trauer. Nur in der Welt der Pflanzen fühlt sie sich wohl, weil sie deren Sprache versteht. Getragen von dieser Antiheldin entwickelt sich die Geschichte zu einem vielschichtigen Krimi, der zeigt, was passieren kann, wenn Geldgier auf die Spitze getrieben und Gesundheit zur unerschwinglichen Ware wird.

Auch für Veganer ein Vergnügen

Natürlich bleibt ihre abenteuerliche Reise mit zahlreichen halsbrecherischen Situationen und dramatischen Stunts nicht ohne Folgen auf Alvas weitere Weltsicht. Apropos sehen, den Anfang jedes Kapitels hat Torben Kuhlmann, der Meister famoser und tollkühner Mäusegeschichten, mit einer ausgewählten Heilpflanze illustriert, versehen mit ein paar Information zur Verwendung.
Dies ist beileibe kein rein pflanzlicher Schauerroman. Aber auch für Veganer ein spannendes Vergnügen.

Riz Reyes: Im Garten – Die wunderbare Welt der Pflanzen, Illus: Sara Boccaccini Meadows, Übersetzung: Andreas Jäger, ars Edition 2023, 64 Seiten, 20 Euro, ab 8

Yarrow Townsend: Alva und das Rätsel der flüsternden Pflanzen, Illus: Torben Kuhlmann, Übersetzung: Cornelia Panzacchi, Carlsen, 320 Seiten, 9 Euro, ab 10

Selbstbestimmt leben

Philosophin

Frauen in der Philosophie sind leider immer noch eher selten anzutreffen – selbst heute noch wird diese Domäne von Männern dominiert. Höchste Zeit also, das Bild zu wandeln. Das kann man nun mit dem wunderbaren Comic der Niederländerin Barbara Stok. In Die Philosophin, der Hund und die Hochzeit widmet sie sich der antiken Denkerin Hipparchia, von der die wenigsten von uns je etwas gehört haben dürften.

Die Philosophin Hipparchia lebte um 300 v. Christus und kam aus einer wohlhabenden Familie. Viele Informationen über diese Frau gibt es allerdings nicht, doch Barbara Stok hat alle erdenklichen Infos zusammengetragen und eine Geschichte daraus entwickelt.

Die Lauscherin an der Tür

Ausgangspunkt ist, dass Hipparchia endlich verheiratet werden soll und daher zu ihrem Bruder nach Athen reist, um mit dem möglichen Ehemann Kallios (dies ist eine fiktive Figur) Gespräche zu führen. Doch Hipparchia hat eigentlich keine Lust auf Ehe, sondern möchte viel lieber philosophische Schriften lesen, an Diskussionen teilnehmen und ein gutes Leben führen. Heimlich lauscht sie an den Türen, hinter denen sich ihr Bruder mit Studenten aus Platons Schule trifft und die jungen Männer über die Natur oder das Leben philosophieren.

Gegen die Konventionen

In Athen begegnet sie dann zufällig dem Kyniker Krates, der ohne Besitz auf der Straße lebt und gegen die Konventionen der Gesellschaft andiskutiert. Er ruft zu einem einfachen Leben auf, um nicht von Besitz und Zwängen belastet zu werden. Hipparchia ist angetan. Doch als Frau darf sie nicht allein auf die Straße und ihm einfach so zuhören. Daher verkleidet sie sich als Mann und freundet sich mit Krates an. Dieser nennt sich »Kyniker«, vom griechischen Begriff »kyon« für »Hund«, weil er anspruchslos wie ein Hund lebt.

Eine Hochzeit wird arrangiert

Derweil gehen jedoch die langwierigen Verhandlungen und Treffen mit der Familie des zukünftigen Ehemanns von Hipparchia weiter. Man wird sich einig, Hipparcha ist der neuen Familie würdig, die Hochzeit wird geplant und angekündigt. Nur eine ist nicht glücklich damit: Hipparchia.
Es ist in diesem Rahmen durchaus okay zu spoilern, dass Hipparchia sich auf den Deal nicht einlässt, sondern ihre Familie verlässt und sich für Krates entscheidet. Sie zieht das einfache, aber erfüllende Leben dem leeren Luxusleben vor.

Anstoß zu Verzicht

Die Geschichte der Philosophin Hipparchia, die Barbara Stock in knallbunten einfachen Bildern schildert, regt ungemein zum Nachdenken über das Leben, den Konsum und unsere Ansprüche an. Wie in allen guten philosophischen Büchern werden mehr Fragen gestellt, als Antworten gegeben. Man erfährt darüber hinaus viel über das Leben von Frauen in der Antike, über die untergeordnete Rolle, die ihnen zugewiesen wurde. Sie zählten nicht als Bürger, waren kaum als Menschen anerkannt.
Auch die damals üblichen Sklaven und deren Lebensbedingungen werden thematisiert. Hipparchia beobachtet das alles, spricht mit ihrer persönlichen Sklavin darüber und bildet sich eine eigene Meinung, die nicht mit den herrschenden Konventionen übereinstimmt. Daraus erwächst ihr Drang selbstbestimmt zu leben, sich zu bilden und sich nicht weiter unterzuordnen.

Moderne Sprache

Wer nun glaubt, eine Geschichte aus der griechischen Antike kommt in angestaubter alter Sprache daher, wird hier überrascht. Die Sprache, wunderbar von Sylke Hachmeister ins Deutsche übersetzt, ist frisch und heutig. Da ist vom »Look« die Rede, von »Markwert« oder »Abgang machen«. All das trägt dazu bei, dass dieses alte Geschichte unglaublich gegenwärtig erscheint und wir uns in philosophischer Hinsicht und in Bezug auf unsere Lebensführung so manche Scheibe abschneiden können. Konsumverzicht wäre beispielsweise eine …

Barbara Stok: Die Philosophin, der Hund und die Hochzeit, Ü: Sylke Hachmeister, Carlsen, 2025, 295 Seiten, ab 12, 26 Euro

Größter Unfall, schönster Glücksfall

Super-Gau

Unsere explosive gesellschaftliche Erregung hängt auch mit überschießenden Sprache zusammen. Selbst reflektierte Medien und bedächtigere Menschen benutzen Begriffe, die die Stimmung weiter aufheizen, teils, weil sie „nur“ zititeren, teils, weil ihnen selbst mittlerweile die nötige Distanz zu fehlen scheint. Man sei „entsetzt“ und „fassungslos“ heißt es, nur weil zum Beispiel entgegen der Wahlversprechen der Preis für das Schulessen nicht wieder um ein paar Cent gesenkt wird.
„Super-Gau“ ist auch so ein sprachlicher Granatwerfer. Kaffeedose morgens leer – Super-Gau. Lieblingsporridge ausverkauft – Super-Gau. Deshalb ist man erstmal vorsichtig, wenn eine Graphic Novel mit dem Titel Super-Gau daherkommt. Doch an dem Tag, an dem Bea Davies‘ Geschichte spielt, der 11. März 2011, passierte genau das: Der Schlimmste Größte anzunehmende Unfall, die höchste Eskalationsstufe der alten Weisheit: Schlimmer geht immer.

Schlimmste Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl

Am Nachmittag bebte östlich der japanischen Küstenstadt Sendai, 400 Kilometer nordöstlich Tokios, die Erde. Das löste einen Tsunami mit stellenweise gigantischen, bis zu vierzig Meter hohen Wellen aus. Mit 800 Stundenkilometern drangen die Wassermassen ins Land. Dadurch kollabierten im örtlichen Kernkraftwerk Fukushima mehrere Kühlsysteme, es kam zur Kernschmelze. Wasserexplosionen verteilten die austretende Radioaktivität über die Luft weit über Japan. Die Reaktorkatastrophe in Japan war die schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl im Jahr 1986.
Im Prolog zeigt Bea Davies den Beginn der Katastrophe, bei der 18.500 Menschen ihr Leben und eine halbe Million zumindest für lange Zeit ihr Zuhause und ihre Heimat verloren, anhand eines Mannes. Statt sich sofort in Sicherheit zu bringen, versucht er verzweifelt aus einer Telefonzelle jemanden in Deutschland (angedeutet durch die +49 auf dem Display) zu erreichen.

Immer wieder Wasser, vieles verschwimmt

Und hier beginnt die Geschichte: Eine junge Frau gleitet durch die Luft über ein überflutetes Berlin. Plötzlich greift aus dem Wasser eine Hand nach ihrem Knöchel und unter sich sieht sie Menschen wie im Moment eingefroren aufrecht im Wasser treiben. Ein Traum, den Lea einem Freund beschreibt.
Bea Davies erzählt mit klassischen Panels, immer wieder durchbrochen von großformatigen Panoramen. Die Affinität zum Manga ist deutlich, nur ist das Buch an an die westliche Leserichtung angepasst. Auch sind ihre minimalistisch und fein gezeichneten Bilder nicht einfach schwarz-weiß. Nicht nur in der Traumsequenz verschwimmen Konturen in Grauschattierungen, selten gibt es scharfe Kontraste. Und immer wieder taucht Wasser auf, Menschen sitzen am Ufer, träumen von Wasser, schwimmen im Wellenbad, sehen Bilder des Tsunamis.

Menschen begegnen und verlieren sich

Weitere Personen tauchen auf, ein eigenbrötlerischer Autor, eine nervöse, elegante  Frau, eine freundliche Säuferin, ein traumatisiserter Junge mit erfrorenen Fingern, eine blinde Alte, ein zugewandter Kreuzberger Bohemien. Sie begegnen sich und verlieren sich, laufen aneinander vorbei, wechseln mal ein paar Worte, mal nehmen sie einander überhaupt nicht wahr.
Der Regisseur Robert Altman verknüpfte in seinem Film Short Cuts von 1993 verschiedene Handlungsstränge innerhalb eines Tages locker miteinander. Bea Davies hat jetzt mit Super-Gau dieses episodische Erzählen, konzentriert auf einen erschütternden Tag, perfektioniert. Ihr gelingen hervorragend vielschichtige Figurenzeichnungen komplexer, sperriger Charaktere. Das meiste wird nur angedeutet, mal ist es das Foto eines kleinen Mädchens im Badeanzug mit Brille und spitzem Hut, eine doppelt gekaufte Zeitung, ein Familienbild auf einem Nachttisch, Berge von ungespültem Geschirr, ein dreckiger Verband, eine überschießende Reaktion, ein Gewaltausbruch oder eine  liebevolle Geste, die so viel mehr vom Leben dieser Menschen erahnen lassen.

Episodisches Erzählen perfektioniert

Super-Gau ist Bea Davies‘ Debüt als Autorin. Man kennt Graphic Novels als Memoir, als Biografie von Musikern, Sportlern, Zeitzeugen oder auch als Sachbuch (Wölfe). Diese Graphic Novel ist tatsächlich und wortwörtlich ein Roman – ein großer, ein globaler Gesellschaftsroman. Angelegt als ein eng geknüpftes Netz aus spannenden Einzelschicksalen, als eine Momentaufnahme eines Tages, der nicht nur bezüglich der Energieerzeugung viel geändert hat. Er endet in einem Epilog, wiederum in einer Telefonzelle in der Jetztzeit im fernen Japan, wo man mit den von der Katastrophe aus dem Leben gerissenen Menschen reden kann, Unausgesprochenes in einen Hörer sagen kann.

Viel Raum für imaginierte Leben

Super-Gau ist ein Roman, erzählt in bezaubernden und minimalistischen, auf das Wesentliche reduzierten Bildern. Berührend und mit viel Raum für Imagination.Und das verheißungsvolle und raffinierte Cover, in haptischem Prägedruck mit schäumender Gischt und einem Schriftzug gestaltet, der alle Protagonisten beinhaltet, ist ein wahres Kunstwerk für sich.
Bea Davies ist für das Genre der Graphic Novel ein Super-Gag – ein großartiger Glücksfall.

Bea Davies: Super-Gau, Carlsen, 208 Seiten, 26 Euro, ab 12

Kick-off für Football-Fans

Football

Vor einiger Zeit lief im TV der Super Bowl, das NFL-Endspiel im American Football, das größte Einzelsport-Ereignis der Welt – wie ich beim Rumzappen so nebenbei lernte. Eigentlich habe ich es weder mit Fußball noch mit Football, aber letzteres breitet sich seit ein paar Jahren auch hierzulande immer weiter aus.

Nun gibt es die erste Football-Buchreihe für Fans ab acht Jahren und das finde ich erwähnenswert. Denn Autor Andreas Hüging schafft es, diesen schnellen und intensiven Sport in eine fesselnde Geschichte zu verpacken.
Dabei geht es um Jimmy King, der von einer Karriere im American Football träumt. Doch leider hat seine alleinerziehende Mutter ihm quasi ein Ultimatum gestellt: Entweder er besteht den Mathe-Test oder es ist aus mit dem Football, auch wenn Jimmy ein begnadeter Quarterback ist.

Mathe und andere Misslichkeiten

Jimmy tut also alles, um den Mathe-Test zu bestehen – und gerät so leider in eine Spirale aus Lügen, Erpressung und scheinbar aussichtslosen Situationen. Da hilft es auch nichts, dass er zufällig das Playbook, also den Strategieplan, der gegnerischen Mannschaft findet und seine Mannschaft, die Rebels, perfekt coachen kann.
Neben den persönlichen Problemen von Jimmy kämpft der Trainer der Rebels mit einer Hundeallergie, was hinderlich ist, wenn das Maskottchen ein Hund namens Stinker ist. Zudem hat der Neuzugang Artem einen teuren Helm geklaut. Doch den Ärger mit dem Privatdetektiv und dem Besitzer des Sportladens können die Rebels gemeinsam abwenden.

Einführung in die Football-Spielregeln

In diesen actionreichen Plot hat Hüging sehr geschickt die Begriffe und Regeln des American Football eingewebt. Alle, die sich in dieser Welt noch nicht auskennen, finden hier sowohl im Text, als auch in einem Glossar quasi eine Einführung in diese Sportart. So bekommt man ganz rasch und wie nebenbei die Erklärungen zu Begriffen wie Huddle, Interception oder Scrimmage, die mir im Alltag zwar noch nie untergekommen, aber für kleine und große Football-Fans unerlässlich sind.
Dieser Band, Touchdown für die Grasdorf Rebels, ist der Kick-off für eine ganze Serie. Zwei weitere Folgen sind bereits angekündigt. Und vielleicht hat dieses neue Genre zwei Wirkungen auf die Kids: Lesen und Bewegung. Denn die Geschichte ist spannend bis zum Schluss und der Inhalt macht Lust darauf, Bälle zu werfen und sich in einer Mannschaft auf dem Sportplatz zu treffen.

Andreas Hüging: Die Football-Freunde. Touchdwon für die Grasdorf Rebels, Illus Dominik Rupp, cbj, 2025, 144 Seiten, ab 8, 12 Euro

Die Stärken der Frauen

Das Bild der Frau an sich ist seit etwas 2000 Jahren ein ziemlich stereotypisches und unterwürfiges. Ein Bild, das von Männern in die Welt gesetzt wurde. Dies stellt Ulli Lust in ihrem neuen Sachcomic Die Frau als Mensch gleich zu Anfang fest. Und macht sich auf, die Ursprünge der Frauen-Darstellung zu erkunden.

Denn mehr als 30.000 Jahre kursierten auf der Erde kleine Statuetten, die ein ganz anderes Bild der Frau zeigten: breite Hüften, große Brüste, keine Zeichen von Scham oder Unterwerfung. Während der Eiszeit gab es diese kleinen Figuren, die meist nur wenige Zentimeter groß waren, von Südfrankreich bis nach Sibirien und die Wissenschaft – vornehmlich die männlichen Archäologen – rätselten, was es mit diesen Figurinen auf sich hatte.

Als Göttinnen verehrt

In diesen Zeiten, vor Erfindung der Schrift, fehlten ikonische Männerfiguren bzw. -bilder. So ging man davon aus, dass des sich bei den Statuetten um Darstellungen von Göttinnen handelt. Dennoch drehten die Wissenschaftler es so, als zeigten gerade diese Figuren die Unterlegenheit und Schwäche der Frauen. Denn angeblich konnten Frauen nicht jagen. Die Darstellungen wurden als schamlos und unzüchtig angesehen. Frauenfeindliche und antisemitische Vergleiche waren an der Tagesordnung.

Überholtes Denken richtig stellen

Ulli Lust räumt nun mit diesen überholten Argumentationen auf und geht dabei in der Geschichte sehr weit zurück. Sie rekapituliert die Urgeschichte der Menschen, schildert die neuesten Erkenntnisse aus Grabfunden und die einstigen Fehlinterpretationen. Dies führt sie zur Betrachtung des menschlichen Sozialverhaltens und den Ursprüngen unseres Zusammenlebens vor Tausenden vor Jahren.
So wird aus einem vermeintlichen kunsthistorischen Sachcomic ein Werk über die Wurzeln der Menschen und unseren Gesellschaften.

Die Frau – mehr als Mann denkt

Ulli Lust erzählt dabei auch von den überlieferten Mythen verschiedener Gesellschaften, dem Einsatz von roter Ockerfarbe und ihrer Funktion, den vermutlichen Anfängen von Kunst, der Notwendigkeit, Kleidung zu erfinden und dem Wandel des Klimas über die Jahrtausende. Dazu kommt das Bedürfnis der Menschen am Erzählen und Klatschen, was der Vermeidung von gewalttätigen Auseinandersetzungen diente, und die Neugierde auf Fremde, die in der Gemeinschaft aufgenommen wurden und denen man auf jeden Fall half.
Diese Fülle an Informationen fügt sich zu einer spannenden Lektüre, die nicht nur das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zurechtrückt. So wird die Menstruation als etwas Verehrungswürdiges gezeigt, Frauen gingen durchaus jagen und haben vermutlich auch die Statuetten geschaffen. Zudem gab es schon damals trans Menschen, die als Schamanen verehrt wurden. Ohne die Frauen und ihre vielfältigen Beiträge zum Alltag hätte die Menschheit nicht überlebt.

Lektion für die Gegenwart

Dieser Blick in die fernste Vergangenheit der Menschen ist überaus erhellend und hat so viel mit unserer Gegenwart zu tun, dass man sich wünscht, eine Rückbesinnung auf unsere weltweit gemeinsamen Wurzeln würde heute viel öfter stattfinden. Es gibt so viel, dass wir in der Behandlung und Betrachtung von Frauen ändern müssen – wahrscheinlich ist es utopisch zu glauben, dass das jemals geschehen wird. Aber Ulli Lusts Sachcomic Die Frau als Mensch, von dem es demnächst einen zweiten Teil geben wird, erinnert uns eindringlich daran, dass das herrschende Ungleichgewicht nicht natürlich ist – und schon gar nicht sinnvoll.

Ulli Lust: Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte, Reprodukt, 2025, 254 Seiten, 29 Euro