Eine behutsame Annäherung an den Holocaust

Vor ein paar Tagen veröffentlichte CNN eine Studie über die Kenntnis des Holocaust in Europa. Das Ergebnis ist schlichtweg erschreckend. Ein Drittel der jungen Befragten gab an, nichts oder wenig über die systematische Vernichtung der Juden während der Nazi-Zeit zu wissen. Ich frage mich, wie das sein kann, da dieses Kapitel der deutschen Geschichte eigentlich im Schulunterricht durchgenommen wird. Doch scheinbar reichen ein paar Stunden im stressigen Schulalltag nicht aus, um nachhaltig aufzuklären. Ich kann nur vermuten, dass man Kinder schon viel früher und kontinuierlicher für diese Geschehnissen sensibilisieren sollte. Doch wie bringt man Kindern den Holocaust näher, ohne sie zu traumatisieren? Wann kann man damit anfangen, sie mit dem dunkelsten Kapitel Deutscher Geschichte bekannt zu machen?

Bis jetzt hatte ich nie eine Antwort darauf – war aber auch noch nie in der Situation, es tun zu müssen. Doch meine Nichte wächst heran und bekommt von unserer Welt sehr viel mit, so wie es für Kinder eben üblich ist.
Dank Myriam Halberstam vom Ariella Verlag bin ich nun auf eine Geschichte zu diesem Thema gestoßen, die für Kinder ab 9 Jahren geeignet ist.

Marishas Leben während der Nazi-Besetzung

In dem Buch Marisha – Das Mädchen aus dem Fass erzählt Autorin Gabriele Hannemann einfühlsam die Kindheitserlebnisse von Malka Rosenthal nach.
Malka, die in den 1930er Jahren in Polen in einer bürgerlichen Familie behütet aufwuchs, ihren Hund und den großen Garten des Hauses liebte, muss nach dem Einmarsch der Deutschen ins Ghetto ziehen. Schlagartig verändert sich das Leben der damals Siebenjährigen. Sie erlebt die Enge und die Entbehrungen im Ghetto, den Hunger und wie die jüdischen Mitbürger gezwungen werden, den Davidstern an ihrer Kleidung zu tragen. Nicht alles versteht das Mädchen, doch sie bekommt mit, wie die deutschen Soldaten im Hof des Hauses auch Kinder, darunter ihren kleinen Bruder, erschießen.
Die Mutter trichtert Marisha immer wieder ein, dass sie sich die Adresse der Tante Leah in Israel merken soll. Und wie ein Mantra wiederholt das Mädchen diese immer wieder – was unter anderem auch zu ihrer späteren Rettung beiträgt.

Doch bis es so weit ist, flüchtet die kleine Familie aus dem Ghetto, versucht, sich zu verstecken. Doch erst opfert sich die Mutter für Mann und Tochter, dann muss auch der Vater sich von Marisha trennen. Er lässt sie bei Freunden zurück, die nur eine Person verstecken können. Im Kuhstall, in einem eingegrabenen Fass, findet Marisha eine dunkle, aber sichere Zuflucht und übersteht dort die Kriegsjahre, wächst zur Teenagerin heran.
Als schließlich ein Brief des Vaters sie erreicht, macht Marisha sich auf dem Schiff „Exodus“ auf einen langen Weg Richtung Israel.

Kindgerecht aufbereitet

Marishas Geschichte, in hautnah zu erlebender Ich-Perspektive geschrieben, berührt die Leser_innen ungemein. Sie zeigt eindrücklich, wie sehr Kinder im Krieg und auf langen Wegen in eine neue Heimat leiden. Nicht nur heute, sondern vermutlich seit Urzeiten, seit der Mensch Krieg führt und andere vertreibt. Hier jedoch bekommen kleine Leser_innen erstes Wissen über den Holocaust, ohne von seiner – selbst für Erwachsene kaum zu ertragenden – Grausamkeit überwältigt zu werden. Die Vernichtungslager werden nicht erwähnt, das Grauen schimmert dennoch durch, weshalb man die jungen Leser_innen mit dieser Lektüre nicht allein lassen sollte.
Marisha wird während des Lesens jedoch zu einer Kameradin, mit der man mitleidet und sich am Ende unglaublich mit ihr freut, dass sie den Weg zu ihrer Tante bewältigt und ein neues Leben in Israel beginnen kann.
Gleichzeitig wird deutlich, welche Schuld sich die Deutschen im zweiten Weltkrieg aufgeladen haben, die nicht vergessen werden darf.
Eindrucksvoll trotz all der Schrecken, die Marisha erleben musste, ist jedoch ihr unerschütterlicher Lebenswille und ihre Lebensfreude. Hätte sie die nicht gehabt, wer weiß, was dann geschehen wäre. So jedoch wird zu zu einem Vorbild für die heutigen Kinder und zu einer Mahnung, dass so etwas keinem Kind mehr passieren darf.

Authentische Erfahrungen

Die Geschichte ist mit zarten Illustrationen von Inbal Leitner versehen, aber auch mit Fotos aus dem Leben von Malka Rosenthal. Die schwarzweißen Aufnahmen stehen in einem angenehmen Kontrast zu den farbigen Bildern und verdeutlichen den Leser_innen einmal mehr, dass es sich hierbei nicht um eine erfundene Geschichte handelt, sondern um authentische Erfahrungen eines Mädchens, die heute über 80 Jahre alt ist, also die (Ur-)Großmutter der Leserschaft sein könnte.

Ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen des jüdischen Lebens rundet das Buch ab. Handreichungen für Lehrer sind in Planung, um mit Schülern der 4. oder 5. Klasse zu diesem Buch arbeiten zu können.
Ich habe die Hoffnung, dass Kinder, die mit solch einfühlsamen Geschichten an den Holocaust herangeführt werden, zum einen mehr darüber wissen wollen, zum anderen später nicht sagen werden, sie hätten nichts davon gewusst.

Gabriele Hannemann: Marisha. Das Mädchen aus dem Fass, Illustrationen: Inbal Leitner, Ariella Verlag, 2015, 80 Seiten, ab 9, 12,95 Euro

Die Wunden der Vergangenheit

familieVor vielen Jahren war eine italienische Freundin von mir mit einem Israeli zusammen. Nichts Ungewöhnliches. Nur immer wenn ich die beiden in Italien traf, überkam mich eine seltsame Befangenheit. Der junge Mann war immer nett zu mir, aber auch merkwürdig distanziert. Es war offensichtlich, dass die deutsche Schuld an der Shoah unser Verhältnis trübte. Wir haben es bei unseren Treffen nicht geschafft, über die Geschehnisse von damals, den Wandel der jungen deutschen Generationen, diese Distanz und diese Beklemmung im gegenseitigen Umgang miteinander zu reden. Die Schatten der Vergangenheit reichten bis zu uns, ohne dass wir sie wirklich fassen konnten.

Von einer ähnlichen Sprachlosigkeit, allerdings in wesentlich dramatischer und zugespitzterer Art, erzählt der israelische Autor Avram Kantor in seiner ergreifenden Familiengeschichte Schalom.
Die greise Nechama trauert ihrem vor Jahren verstorbenen Mann Menachem nach und führt ein ziemlich einsames Leben in Haifa, denn ihre beiden Söhne wohnen nicht in der Stadt. Avri, der Älteste, ist mit seiner Frau nach Eilat gezogen, Jaki ist vor über zwanzig Jahren einer Deutschen nach München gefolgt. Seitdem hat Nechama keinen richtigen Kontakt mehr zu ihrem Jüngsten. Ihr Mann hatte einst das Gebot ausgegeben, dass kein Deutscher je ihr Haus betreten dürfe. Und daran hält sich Nechama auch nach seinem Tod. Die Schwiegertochter nennt sie nur „die da“, ohne sie überhaupt zu kennen. Der Hass auf die Deutschen hat sich tief in ihre Seele gebrannt, nachdem sie die Shoah überlebt und Menachem sie damals gerettet hat.

Doch nun kündigt sich ihr deutscher Enkel Gil an. Er will seinen Zivildienst in Israel in einem Altersheim ableisten – und auch bei der Großmutter vorbeischauen, die er nicht kennt. Nechama ist hin- und hergerissen, ob sie den jungen Mann einlassen soll oder nicht. Noch während sie hadert, steht Gil plötzlich vor der Tür – und Nechama trifft fast der Schlag, als sie meint, ihren Menachem wieder vor sich zu haben. Sie „verliebt“ sich stante pede in den Jungen, der seinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Nechama hofft, dass Gil sie nun öfter besuchen kommt. Ihre sicher geglaubte Überzeugung wird auf eine harte Probe gestellt.

Dann macht Gil mit einem deutschen Freund einen Ausflug, sagt aber niemandem, wohin er fährt. Als ein Bus verunglückt und ein toter Tourist nicht identifiziert werden kann, breitet sich Sorge in Nechamas Familie aus. Avri telefoniert seinem Neffen hinterher, redet mit dem Altersheim und der Polizei, Jaki reist mit seiner Frau aus Deutschland an, um der Polizei Genmaterial von Gil zu bringen. Nechama, die in ihrem greisen Alter nicht alle Zusammenhänge versteht, stürzt sie in die nächste Unsicherheit, denn „die da“ ist dabei, und Nechama wird sie treffen. Die Sorge um Gil führt die Familie in Eilat zusammen.

Avram Kantor erzählt diese Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven (von Nechama, Avri, Jaki und einem alten Nachbarn Nechamas). Er bleibt dabei sehr eng bei der jeweiligen Figur, so dass man als Leser immer nur das Wissen und die Gefühlslage der gerade erzählenden Person erfährt. Großartig schildert er Nechamas Denken als greise Frau, die in ihrer eigenen Welt lebt, wo Fantasie und Realität schon mal verschwimmen, mit Menachem Gespräche führt und der modernen Welt nicht mehr ganz folgen kann (dass beispielsweise die Telefonverbindung zwischen Israel und Deutschland glasklar ist, verwundert sie sehr).
Kantor fügt die verschiedenen Stimmen nach und nach zu einem Plot zusammen, der nicht alles verrät und durchaus Leerstellen zulässt. Das Trauma, das Nechama und Menachem während der Shoah erlebt haben, wird nur angedeutet und nicht auserzählt. Denn die beiden hatten beschlossen, nie über ihre Erlebnisse zu sprechen. Und ihre Söhne hatten nie das Bedürfnis, danach zu fragen – wie das eben so ist zwischen den Generationen, wo sich die Jungen nicht zwangsläufig für das Schicksal der Eltern interessieren. So erfährt der Leser nicht, was sich damals konkret zugetragen hat.
Zu drängend sind aber auch die aktuellen Probleme in Israel, die durch Avris Sorgen um den eigenen Sohn Guy thematisiert werden. Guy dient in der israelischen Armee und ist in den besetzten Palestinänser-Gebieten ständiger Gefahr ausgesetzt. So trägt jede Generation der Familie ihr Paket an Angst mit sich und ist nicht in der Lage, offen darüber zu sprechen. Die Beklemmung, die sich über Nechamas Familie legt, erzählt Kantor meisterhaft. In Kombination mit der feinfühligen Übersetzung der Grand Dame der Hebräisch-Übersetzungen, Mirjam Pressler, überträgt sich diese unmittelbar auf den Leser, der mit Gils Großmutter, Eltern und Verwandten mitleidet. Die Sorgen um Kind, Enkel, Neffe werden real.

Neben diesem Familiendrama wird zudem deutlich, wie die deutsche Geschichte und die Shoah immer noch nachwirken und sich wie ein Riss durch die Familie ziehen. Der Schrecken von damals war so immens, dass es keine Wort dafür zu geben und der Hass unüberwindlich scheint. Dennoch fordert Kantor zum Dialog auf. Vor allem zum Dialog zwischen den Generationen: Die Opfer sollen erzählen, denn diese Generation stirbt nun immer schneller aus; die Kinder sollen fragen, was passiert ist, damit sie auch ihren Kindern bzw. den Enkeln berichten können. Denn so ein Dialog erklärt mit unter Familienkonstellationen und -konflikte, bewahrt die Erinnerung und trägt zum Verständnis bei, nicht nur der Generationen, sondern auch der Nationen. Womit einer Wiederholung der Geschichte ein Riegel vorgeschoben werden könnte.

Avram Kantors Schalom erzählt den jungen Lesern nicht, was in der Shoah passiert ist, er zeigt jedoch eindringlich, wie sich die Schrecken von vor über 70 Jahren bis in die heutige Zeit fortsetzen. Gerade auch durch diesen Bezug zur Gegenwart lässt sich über dieses herausragende Buch intensiv diskutieren und den nachkommenden Generationen die aktuelle deutsch-israelische Beziehung erklären.

Avram Kantor: Schalom, Übersetzung: Mirjam Pressler, Hanser, 2012, 237 Seiten, ab 12, 15,90 Euro