Das Leben ist eine Heldenreise

BruderFaszinierende Geschichten können manchmal ganz einfach sein: Ein Held macht sich auf den Weg, findet Dinge, die später mal wichtig werden, erledigt Aufgaben, überwindet die Angst, besiegt ein Monster, befreit die Gefangenen und findet die Liebe.

Genau dies wünschen sich die meisten von uns, und genau all dies geschieht in Øyvind Torseters Werk Der siebente Bruder – und das auf so eine charmante und kunstvolle Art, dass es eine Wonne ist, dem Helden, der hier den Namen Hans trägt, bei seinen Abenteuern zu folgen.

Hans ist der jüngste von sieben Prinzen-Brüdern. Sechs schickt der König in die weite Welt, damit sie je eine Prinzessin freien. Ihrem Bruder Hans sollen sie eine Gattin mitbringen. Doch wie es im Märchen so spielt, wird aus diesem Unterfangen nichts. Die Prinzen finden zwar ihre Prinzessinnen, doch auf dem Rückweg begegnen sie einem bösen Troll, der die sechs Liebespaare (die für mich eine verblüffende Ähnlichkeit mit Picassos Frauen und Minotauren haben) in Stein verwandelt. Der König ist untröstlich, dass seinen Söhne nicht zurückkommen, und so macht sich Hans auf, die Brüder zu retten.

Torseter entfaltet nun eine Graphic Novel, in der sein rundnasiger Held mit den zwei winzigen Hundeohren – auf Norwegisch „Mulegutten“ genannt – auf einem räudigen Klepper durch die Gegend reitet und die Brüder sucht. Er findet dabei ein Saxofon, einen Elefanten und trifft einen Wolf, der ihm das Versteck des Trolls verrät. In der Höhle eines Berges trifft er auf den riesigen Unhold, der ein Mädchen gefangen hält. Vor der Höhe stehen seine versteinerten Brüder. Doch nur wenn Hans das Herz des Trolls zerstört, kann er seine Brüder befreien. Zusammen mit dem Mädchen versucht er, den Troll zu überlisten.

In grafischen Bildern, die eine Mischung aus Zeichnung, Collage und monochromen Farbverläufen sind, schickt Torseter Hans auf eine klassische Heldenreise, die alle Elemente eines Märchens vereint. Gleichzeitig ist diese Reise eine Quest, bei der Hans ähnlich wie in einem Computerspiel, die richtigen Fragen stellen muss, um den korrekten Weg zu finden. Im rechten Moment muss er zu den richtigen Hilfsmitteln greifen und in der Höhle mit ihrem Labyrinth muss er alle möglichen Hindernisse überwinden.

In diese oberflächliche Lesart, mit der Kinder sehr gut etwas anfangen können, mischt sich jedoch für die Erwachsenen sehr rasch die tiefen-psychologische Ebene, auf der wir mit unseren Ängsten und unserem Anspruch ans tägliche Leben konfrontiert werden (die Hans mit dem Satz: „Ich brauch erst mal einen Kaffee“, ironisch konterkariert, als er nicht mehr weiter weiß).
Der Troll mit den Augen, die an Edvard Munchs Der Schrei erinnern, wird zur überwältigenden (Ur-)Angst, die alles lähmt. Und nur der, der sich diesem Monster stellt und dessen Herz zerquetscht, kann endgültig frei sein.
So erstaunt es dann auch nicht, dass das Herz des riesigen Trolls winzig klein ist – die Schwierigkeit liegt also kaum in der Aufgabe, das Herz zu vernichten, sondern viel mehr darin, dieses kleine Ding erst einmal zu finden.

Torseter bringt das psychologische Ringen und Suchen nach der Ursache für das eigene Leiden in dieser Geschichte so großartig und mit jeder Menge Witz – hier gilt das Lob auch der Übersetzerin Maike Dörries, die wunderbar knochentrockene Sätze gebaut hat – auf den Punkt, dass man sie fast als Arbeitsbuch für psychisch Erkrankte empfehlen möchte.
Doch auch ohne schwerwiegende Erkrankung kann jeder Mensch, ob groß oder klein, in Der siebente Bruder seine eigene Welt mit all den großen und kleinen Ängsten und Problemen wiederfinden – und dazu den Mut schöpfen, das Übel ein für alle Mal an der Wurzel zu packen. Man braucht nicht viel dafür: nur den Mut, sich auf die Heldenreise zu begeben.

Øyvind Torseter: Der siebente Bruder oder das Herz im Marmeladenglas, Übersetzung: Maike Dörries, Gerstenberg, 2017, 120 Seiten, 26 Euro

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Vom Glück des Tüchtigen

schomburgPaul, der Held im neuesten Buch von Andrea Schomburg, ist ein wenig ängstlich, etwas dick und außerdem gerade erst umgezogen. In der neuen Schule findet er sich schwerlich zurecht, was vor allem an Matze Motzmann liegt. Der hat einen Pick auf Paul, führt ihn vor, wo immer er kann. Manchmal weiß sich Paul keinen anderen Rat, als sich auf dem Schulklo zu verstecken. Da wartet er dann einsam auf das Ende der großen Pause oder des Unterrichts.
Doch heute ist etwas anders. Heute spricht ihn eine fremde Stimme an! Nach einigem Herumblinzeln entdeckt Paul eine Winzlingsfrau in rotkarierter Schürze, mit Brille und Libellenflügeln — und jeder Menge Flüchen auf den Lippen. Ohne Punkt und Komma stellt sie sich als Elvira Meier vor und macht Paul unmissverständlich klar: So wird das nie was mit Matze! Dann entfleucht sie, und Paul schleicht gedankenverloren nach Hause. Nachmittags zeigt er beim Springen vom Drei-Meter-Brett große Klasse, trotzdem macht ihm Matze den Triumph streitig. In Paul wallt es gewaltig.

Nachts kommt es zu einem zweiten Treffen. Elvira Meier entpuppt sich als Fee und stellt in Aussicht, dass sich Grundlegendes verändern kann. Was Paul braucht, sei das Blaue Wunder, und das findet sich in Bielefeld, im Rathaus, dritter Stock, Zimmer 314. Bedingung: Er hat nur drei Tage Zeit, dafür wird ihm ein Gefährte zur Seite stehen. Mehr überrascht, als überzeugt, stimmt Paul zu. Als er merkt, dass sein Begleiter ein kleiner, dicker Elefant mit grauer Schrumpelhaut und ewig schlechter Laune ist, hat die Uhr bereits angefangen zu ticken.

Was dann passiert, ist eine wahre Heldenreise. Die beiden müssen miteinander klarkommen, Stärken und Schwächen tolerieren, Streit überwinden und die Köpfe zusammenstecken, um gemeinsam das Ziel zu erreichen. Denn das Blaue Wunder wird ihr Leben verbessern!

Unangenehmes, Überraschendes, zutiefst Trauriges erwartet sie: Ein Bus, der nur alle 13 Jahre fährt. Wegweiser, verwirrend und kaum entzifferbar. Eine alte Frau mit unsagbar traurigen Augen, verwünscht und zu ewig gleicher Tätigkeit verdammt. Ein zaubernder Prinz, der Angst und Schrecken verbreitet. Schließlich müssen sie noch an F. R. Runkelschwein vorbei, der so gewaltig stinkt, dass jeder in Ohnmacht fällt. Überdies sind die Pfade schlammig, die Schluchten tief, die Wälder dicht und die Nächte tieftiefschwarz.

Mut gegen Gefahr, Cleverness gegen Zauberkraft, Menthol gegen Gestank. Und dazwischen die wachsende Vertrautheit zweier halber Helden, die das atemberaubende Abenteuer als Ganzes bestehen.

Sie hat etwas Märchenhaftes, diese Geschichte der Autorin Andrea Schomburg. Die Stationen am Weg geben immer neue Rätsel auf, aber mit jeder gefundenen Lösung wird die nächste Aufgabe leichter. Kreise schließen sich, weil Paul und Elefant mit Verstand und Herz agieren. Das furchtbare Los der Alten lässt sie ebenso aktiv werden wie die anrührende Einsamkeit des Stinkeschweins, und im Kampf gegen wirkmächtige Gegner werden sie immer stärker.

Es ist ein Vergnügen, diese beiden sympathischen Helden auf ihrer kniffligen Reise zu begleiten und mitzuknobeln. Und es ist einmal mehr die quietschvergnügte Schomburg-Lust an Wort und Reim, die mitreißt. Allein die explodierenden Fluch-Salven von Fee und Elefant sind köstlich und regen nicht nur den zunehmend selbstbewussten Paul zu eigenen Kreationen an. Sprache und Fantasie, Helden, die zur Identifikation einladen, und ein gelungener Genremix voller Literaturzitate. Dazu ein Riesenlob an die zweifarbige Gestaltungskunst und augenzwinkernde Leichtigkeit von Betina Gotzen-Beek.

Das ist LeseAugenGenuss pur!

Heike Brillmann-Ede

Andrea Schomburg: Der halbste Held der ganzen Welt, Illustration: Betina Gotzen-Beek, Sauerländer, 2017, 256 Seiten, ab 8, 13,99 Euro

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