Mit Tampons jonglieren

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Okay, ich gehöre definitiv nicht mehr zu der Generation, die noch mal ganz unverblümt über ihre Menstruation sprechen wird. Zu sehr habe ich die verschämte Sprachlosigkeit über das ganz natürliche Vorgehen im weiblichen Körper in den vergangenen Jahrzehnten verinnerlicht. Ich tue mich also schwer.

Umso mehr beneide ich jetzt die jungen Mädchen, die mit dem Buch Ja, ich habe meine Tage! So what? der schwedischen Bloggerin Clara Henry ein Manual an die Hand bekommen, das mal Klartext redet.

Clara Henry nimmt kein Blatt vor den Mund. Locker und wunderbar schnodderig – hier gilt der Dank der Übersetzerin Kerstin Schöps – erklärt sie die Vorgänge in der Vagina, die Auswirkungen auf Körper und Psyche, wenn ein Mädchen seine Tage hat, wenn sie blutet, menstruiert, ihre Regel hat. In persönlichen Anekdoten erzählt sie von ihrem eigenen Umgang mit Schmerz, durchgebluteten Unterhosen und Schokoladengelüsten, weil Schokolade einfach gut tut. Sie erörtert die Unterschiede zwischen Binden, Slipeinlagen, Tampons und Menstruationstassen. Das macht sie mit Witz und Selbstbewusstsein. Ich hätte dieses Buch gern als Teenagerin gehabt, dann hätte ich vielleicht nicht Jahre gebraucht, um einen entspannten Umgang mit diesen roten Tagen zu erlangen. Allein dafür ist Henrys Buch schon eine wichtige Lektüre.

Was jedoch fast noch wichtiger ist, als die rein hygienischen Maßnahmen, die frau treffen sollte, ist die Haltung, die Henry vermittelt. Sie liefert den Mädchen beispielsweise selbstbewusste Antworten und Entgegnungen, die frau all denen liefern kann, die sexistische, verachtende, frauenfeindliche, herabwürdigende oder lächerlich-machende Bemerkungen fallen lassen. Dabei zieht sie gleichzeitig gegen herrschende frauenverachtende Körperbilder ins Feld. Sie macht klar, dass es durchaus okay ist, sich nicht zu rasieren. Egal wo. Der Körper eines Mädchens, einer Frau ist vollkommen in Ordnung, so wie er ist, groß, klein, dick, dünn, kurvig, flach. Jedes Körperteil an einem weiblichen Körper ist in Ordnung, so wie es ist. Hört sich banal an, kann aber in diesen Zeiten des schönen Scheins gar nicht oft genug wiederholt werden. Kein Mädchen sollte sich angeblichen Schönheitsidealen unterwerfen müssen, keine sollte sich von Versprechungen der Werbung beeinflussen lassen, alle sollten selbstbewusst sagen können: Ja, ich habe meine Tage!

Clara Henry macht den Mädchen Mut, die Herrschaft über ihren Körper zu behalten. Sie allein bestimmen, wann sie Sex haben wollen, ob sie ihn überhaupt haben wollen. Sie entscheiden, ob sie sich einem Ideal unterwerfen wollen. Und so sollten sie sich nicht im Geringsten dafür schämen, wenn sie ihre Tage haben, einen Tampon oder eine Binde wechseln müssen. Viel mehr schlägt Henry vor, mit den Tampons auf dem Weg zur Toilette gut sichtbar zu jonglieren, die frischen Binden offen in der Hand zu halten und in Lokalen, in denen man nichts konsumieren will, ganz locker zu sagen: „Entschuldige. Mein Tampon läuft aus. Kann ich bei euch auf die Toilette gehen? Vielen Dank.“ Ich finde das herzerfrischend.

Bei all diesen Tipps und Hinweisen macht Henry aber auch klar, dass die Menstruation nicht unbedingt als Ausrede herhalten kann. Es geht nicht darum, sich hängen zu lassen, sondern einen bewussten und entspannten Umgang mit dem Zyklus zu finden, die Rote-Bete-Woche mit Freuden zu begrüßen und sich über dieses Zeichen der eigenen Fruchtbarkeit zu freuen.

Ich hätte all dies so gern viel früher gelesen.

Clara Henry: Ja, ich habe meine Tage! So what?, Übersetzung: Kerstin Schöps, Beltz, 2016, 196 Seiten, ab 13, 16,95 Euro

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Gemeinsame Wurzeln, gemeinsame Verantwortung

evolutionDas Leben der Menschen ist ein merkwürdiges Konstrukt, wenn man es mal versucht neutral zu betrachten (falls so etwas überhaupt möglich sein sollte). Wir in der westlichen Welt fordern die gleichen Rechte für alle, beharren jedoch auf unseren persönlichen Eigentümlichkeiten, die wir Menschen aus anderen Ländern dann jedoch wiederum nicht zugestehen wollen, weil sie angeblich nicht in unsere Gesellschaft passen. Wir glauben oder glauben nicht an einen oder mehrere Götter, und viel zu oft werden in den vergangenen Jahren aus eben diesen Glaubensgründen wieder vermehrt Kriege angezettelt. Trotz allen Fortschritts und allen Wissens wächst das Elend auf der Welt und die nationale Abschottung und Einigelung, das Aussperren des Anderen ist auf unserem Kontinent schon fast wieder salonfähig. Es ist kompliziert, anstrengend, irgendwie absurd und dann doch beinahe fast wieder logisch. Vor allem, wenn man Josef Reichholfs Abhandlung über die Evolution gelesen hat.

Der Biologe geht dabei umgekehrt chronologisch vor. Er beginnt nicht beim Urknall und den Einzellern, sondern bei uns, den Menschen, und zeigt uns in allen natürlichen, menschlichen und größenwahnsinningen Facetten, die uns eigen sind. So unterschiedlich und einzigartig jeder von uns ist, so macht Reichholf unmissverständlich klar, dass wir alle aus einer Wurzel stammen –evolutionär gesehen. Das ist an sich keine Neuigkeit, doch man kann es in diesen Zeiten nicht oft genug sagen, in denen die Menschen sich gegenseitig die Solidarität aufkündigen.
Reichholf betont die Besonderheiten des Menschen gegenüber den anderen Bewohnern der Erde, den Tieren, – unser aufrechter Gang, unser großes Gehirn, unsere Sprachfähigkeit, die Kultur und die Religion – aber er macht auch klar, dass wir es sind, die unsere eigenen Lebensgrundlagen zugrunde richten, wenn wir so weiter machen, wie bisher. Indem er immer weiter in der Natur- und Erdgeschichte zurückgeht, aufzeigt, wie die verschiedenen Spezies entstanden und zum Teil wieder verschwunden sind, welche Symbiosen wir mit Hunden und Katzen eingegangen sind, unterstreicht er, wie sensibel das Gleichgewicht auf unserem Planeten ist. Intelligenten Wesen wie den Menschen sollte man eigentlich zutrauen, mit so einem zerbrechlichen Gut sorgsam umzugehen.

Doch wir wissen nur zu gut, dass das leider ein Wunschtraum ist, so sehr beherrschen Gier und Egoismus unser Handeln. Das alles sind Gründe genug, die kurzweilige Lektüre von Reichholfs Werk – meiner Meinung nach – zur Pflichtlektüre in den Schulen zu machen, denn es öffnet die Augen für die geologischen, genetischen und biologischen Zusammenhänge, wie sie seit Jahrmillionen bestehen. Zu begreifen, dass wir unser Verhalten fundamental ändern müssen, weil wir einfach nicht allein auf der Welt sind, und dass wir Menschen alle miteinander verwandt sind, egal woher wir kommen, ist für mich so ein grundsätzliches Wissen, das viel intensiver vermittelt werden sollte. Nennt mich naiv, aber ich hätte die Hoffnung, dass die Menschheit sich weniger kriegerisch und umweltzerstörerisch verhalten würde. Den nachkommenden Generationen wäre es zu wünschen.

evolutionWer das Buch nicht selbst lesen möchte, dem sei das Hörbuch ans Herz gelegt. Peter Kaempfe liest mit so wunderbarem Nachdruck, dass man dieses Werk noch ein Stück mehr liebt. Das gedruckte Exemplar braucht man allerdings trotzdem, da man sonst die zarten Illustrationen von Johann Brandstetter verpasst.

Josef H. Reichholf: Evolution – Eine kurze Geschichte von Mensch und Natur, Hanser Verlag, 2016, 240 Seiten, ab 12, 22,90 Euro

Audio-CD, gelesen von Peter Kaempfe, Hörcompany, 6 CDs ungekürzt, 19,95 Euro

Meer erleben

meerMein Vater hat früher immer gesagt, dass das Meer viel toller sei als die Berge – denn die könnten darin versenkt werden, einschließlich des Mount Everest. Das ist zwar mehr ein Witz zum Schenkelklopfen, doch irgendwie muss ich immer daran denken, wenn ich am Strand stehe und über die Weite des Wassers schaue. Meine Liebe zum Meer hat dieser Spruch keinen Abbruch getan.

Wie vielschichtig und wichtig das Meer und die Ozeane für uns alle ist, zeigen die Autorinnen Anke Leitzgen und Anna Bockelmann in dem liebevoll gemachten Sachbuch Erforsche das Meer. Sie haben ihr Werk in drei große Bereiche unterteilt: Im ersten – Was ist los im Meer? – erfahren Wasserliebhaber die wichtigsten Fakten über das Meer, seine Entstehung, seine Bewohner und seine Veränderungen. Dieser Teil ist ganz wunderbar illustriert von Signe Kjaer.

Im zweiten Teil – Wie erforsche ich das Meer? – gibt es über ein Dutzend Experimente zum Nachmachen. Aus Salzwasser wird Trinkwasser gewonnen, das Salatblatt mit Salzwasser gegossen und Algen zum Wachsen gebracht. Diese einfachen, ohne großen Aufwand nachzumachenden Experimente liefern nicht nur Spaß, sondern schärfen das Bewusstsein für umweltschützende Zusammenhänge. Denn, dass das Meer nicht mehr ganz gesund und sauber ist, darauf weisen die Autorinnen durchgängig hin: Die Fischarten verringern sich, es gibt mehr Quallen im Wasser, der Plastikmüll landet durch die Fische auch bei uns auf dem Teller – was nur der letzte Schritt an unappetitlichen Folgen der Umweltverschmutzung ist..

Im dritten Teil schließlich – Was kann ich an den Küsten entdecken? – präsentieren Leitzgen und Bockelmann die verschiedenen Küstenarten Europas, vom Watt bis zur Steilküste, vom Mittelmeer bis zur Buchtenküste an der Ostsee. Sie befragen Experten und Meeresanwohner und liefern jede Menge Anregungen, was man in den Sommerferien am Meer – ganz egal, ob Nordsee oder norwegische Steilküste – am Wasser unternehmen kann. Segeln und angeln sind davon sicher die bekanntesten, aber vielleicht nicht die spannendsten. Die Gezeitentümpel und die Spuren im Schlick kommen mir da viel interessanter vor. Aber am Meer hat alles seine Berechtigung.

Eins ist nach dem Studium dieses Buches auf jeden Fall klar: Wer hier richtig gelesen hat, wird nie wieder ein Stück Plastik, sei es auch noch so klein, einfach achtlos am Strand liegen lassen. Auch nach der Rückkehr aus dem Urlaub wird vielleicht manch ein Kind achtsamer mit unserer Umwelt umgehen. Denn in sauberem Meerwasser geht man natürlich viel lieber baden als in einer dreckigen Brühe. Dieses Buch sei also allen Strandurlaubern dringend ans Herz gelegt.

Anke Leitzgen/Anna Bockelmann: Erforsche das Meer, Illustration: Signe Kjaer, Beltz & Gelberg, 2016, 156 Seiten, ab 8, 16,95 Euro

Tierisch gut kochen

essenKochbücher sind nicht so mein Ding. Zum einen lasse ich mich lieber bekochen. Zum anderen ist in den meisten Rezepten Fleisch drin, wobei Speckwürfel oft nur als Gewürz gelten und Risotto scheinbar am besten in Geflügelbrühe gelingt. Auch für eine in vieler Hinsicht konsequente, aber nicht hundertprozentige Vegetarierin (Fisch mag ich gelegentlich zu gern) ist die gängige Auswahl schlecht. Sofern man nicht gleich zur vegetarisch/veganen Sektion greift, die immer mit diesem angestrengten „fleischloses Essen kann auch sehr lecker sein“-Gusto daherkommt, was heute kaum jemand mehr ernsthaft bezweifelt. Außerdem machen fast alle Rezepte, egal ob Pasta, Salat oder Suppe, jahrzehntelange fade deutsche Küche wett, indem gefühlt jede Zutatenliste mit mindestens drei Knoblauchzehen beginnt. Ich habe durch die Küche meiner Eltern aber genug Knoblauch für den Rest meines Lebens und ziehe Chilischärfe vor. Und wie als Kind will ich an manchen Tagen nur Nachtisch essen.

Genau deshalb mache ich für Tanja Kirschners Essen wie die Tiere eine Ausnahme von meiner Kochbuch-Ignoranz. Nicht, weil ich mit dem fehlenden Knoblauch auch gleich alle Tischmanieren fahren und mich schmatzend und grunzend über rohe Nahrung hermachen will. Nein, dies ist schon ein echtes Kochbuch in dem Sinn, dass eine der wenigen menschlichen Errungenschaften, nämlich die Nutzung des Feuers zur Zubereitung von Speisen, auch zur Geltung kommt. Diese Sammlung von 27, überwiegend fleischfreien, leicht zuzubereitenden und oft süßen Gerichten orientiert sich am überraschend ausgewogenen Speiseplan von 13 Tieren.

Über die erfährt man auf der jeweils linken Seite dieses praktischen Ringbuchs ganz Erstaunliches: Zum Beispiel, dass Kaninchen vorkosten und mit einem Probebiss testen, ob etwas essbar oder giftig ist. So erweitert man den Speiseplan, und der Rat „Probier doch erst mal“ bekommt eine ganz neue Bedeutung.
Ziegen sind wahre Gourmets, käuen am liebsten nur feine Kräuter wieder und klettern für besonders leckere Blätter sogar auf Bäume. Trennungsschmerz aber verdirbt ihnen tagelang den Appetit.
Elefanten dagegen sind Gourmands: 400 Kilogramm müssen die Vielfraße täglich in sich reinhauen, 17 Stunden brauchen sie dafür. Das spricht ein wenig gegen kalorienarme, rein vegetarische Ernährung, denn für Schlaf bleibt da kaum Zeit.
Löwen und andere große Raubkatzen ziehen die umgekehrte Variante vor: Maximal einmal am Tag eine richtige Fleischorgie und dann ganz viel pennen. Und meist lassen Löwenmännchen die Weibchen jagen, weil die besser und geschickter sind, also lassen sie sich quasi „bekochen“. Eigentlich super, wenn das mit dem Fleisch nicht wär …
Füchse können ihre Lebensmittel hören und baldige Mahlzeiten austricksen. Haie haben einen echten siebten Sinn für die Nahrungsbeschaffung. Und von wegen Schweinefraß: Schweine haben eine sehr guten Geschmack und einen noch besseren Geruchssinn, was ja zusammen gehört, wie man merkt, wenn mit Schnupfennase alles wie Pappe schmeckt. Mit ihren Rüsseln können Schweine auch fühlen, tasten, wühlen und saugen.

Tanja Kirschners Zeichnungen sind witzig und lustig und geben jedem Tier Charakter. Ihre Rezepte wie Erdnuss-Kartoffel-Topf (Erdnüsse mögen Elefanten am liebsten), schnelle Thunfisch-Spaghetti (für kleine Haie) oder Penne Allerlei (für Allesesser) sind einfach zuzubereiten. Froschquark, Krake im Dip und sogar Termiten am Stil (Grissini mit Schokoladensoße und Streuseln für schlaue Affen) sind explizit „ganz einfach“. Anspruchsvoller sind Blutige Rote-Bete-Gnocchi und Kräuterknödelchen. Es sollten sich aber sowieso alle ambitionierten Jungköche helfen lassen, nie unbeaufsichtigt den Kochlöffel schwingen und sich mit Erwachsenen absprechen. Doch schon die Kleinsten können zum Beispiel Gemüse abwaschen oder Teig kneten. Alle Zutaten sind leicht erhältlich, kein exotisches Zeug, das nach einmaligem Gebrauch vor sich hin gammelt – auch so ein typisches Problem von Kochbüchern für Erwachsene. Jetzt muss ich nur noch einen Juniorküchenchef im Grundschulalter finden, Teenager lassen sich leider auch lieber bekochen. Ein Buch zum Anbeißen!

Elke von Berkholz

Tanja Kirschner (Text und Illustrationen): Essen wie die Tiere, aracari, 2016, 34 Seiten, ab 6, 16,90 Euro

AusLese 2016

cneutNach fünf Jahren Abwesenheit hat es mich dieses Jahr mal wieder auf die Leipziger Buchmesse getrieben. Pressekollegen und Auftraggeber treffen, Hallenluft schnuppern, Cosplayer bewundern, Bücher bestaunen und auf Inspirationssuche gehen. Zusätzlich stand die Nominierungsveranstaltung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 auf dem Programm. Die Verleihung habe ich in Frankfurt bereits mal erlebt, aber noch nie die Nominierung.

Das Schöne an der Sache war dann, dass diese Nominierungen für mich zu einer ganz persönlichen Freude wurde. Denn in der Kategorie Bilderbuch ist „Der goldene Käfig“ von Anna Castagnoli und Carll Cneut der Bohem Press ausgewählt worden – in meiner Übersetzung. Ein absolutes Glücksgefühl! Dieses opulente Bilderbuch habe ich hier auch schon mal vorgestellt.

Die Nominierungen waren jedoch nicht nur deshalb für mich interessant, denn ich nehme sie, seit ich diesen Blog betreibe, als Anlass noch einmal zurückzudenken und zu vergleichen, welche Bücher ich gelesen und hier rezensiert habe. Bei etwas 8000 Neuerscheinungen im Jahr im Bereich von Kinder- und Jugendbuch kann ich natürlich neben meinem normalen Job nicht alles lesen, und auch mit Hilfe von meinen Gastrezensentinnen kommen wir lange nicht auf alle preiswürdigen Titel. Doch im vergangenen Jahr haben wir ein ganz gutes Näschen gehabt, wie ich finde. Dazu trägt aber auch die Wahl der Jugendjury bei, die erstaunlich harte und politische Bücher ausgewählt hat – für die ich ein Faible habe. So waren da die Überschneidungen am höchsten.

Ein paar der noch nicht gelesenen Bücher werde ich in den nächsten Monaten bis zur Preisverleihung noch nachholen, und eventuell darüber berichten.

Hier kommen jetzt aber erst einmal alle Nominierten – samt der Links zu den Rezensionen auf letteraturen.

Bilderbuch

Pimentelbus fahren

 

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kako

 

 

 

 

 

 

nino

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Marcelo Pimentel (Illustration): Eine Geschichte ohne Ende. Ein Bilderbuch aus Brasilien, Baobab Books, 2015, 20 Seiten,  ab 2, 14,90 Euro

Marianne Dubuc (Text, Illustration): Bus fahren, Übersetzung: Julia Süßbrich, Beltz & Gelberg, 2015, 40 Seiten, ab 3, 13,95

Anja Mikolajetz (Text, Illustration): Das Herz des Affen, Aladin, 2015, 32 Seiten, 16,95 Euro

Emmanuelle Polack (Text)/Barroux (Illustration): Kako, der Schreckliche, Übersetzung: Babette Blume, mixtvision, 32 Seiten, ab 5, 14,90 Euro

Edward van de Vendel (Text)/Anton van Hertbruggen (Illustration): Der Hund, den Nino nicht hatte, Übersetzung: Rolf Erdorf, Bohem Press, 2015, 40 Seiten, ab 5, 14,95 Euro

Anna Castagnoli (Text)/Carll Cneut (Illustration): Der goldene Käfig oder Die wahre Geschichte der Blutprinzessin, Übersetzung: Ulrike Schimming, Bohem Press, 2015, 48 Seiten, ab 6, 28, 95 Euro

 

Kinderbuch 

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Uwe-Michael Gutzschhahn (Herausgeber)/Sabine Wilharm (Illustration): Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her. Das dicke Buch vom Nonsens-Reim, cbj Verlag, 2015, ab 6, 19,99 Euro

Frida Nilsson (Text)/Anke Kuhl (Illustration): Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!  Übersetzung: Friederike Buchinger, Gerstenberg Verlag, 2015, 128 Seiten, ab 6, 12,95 Euro

Hayfa Al Mansour: Das Mädchen Wadjda, Übersetzung: Catrin Frischer, cbt Verlag, 2015, 304 Seiten, ab 11, 12,99 Euro

Stefanie Höfler (Text)/Franziska Walther (Illustration): Mein Sommer mit Mucks, Beltz & Gelberg, 2015, 140 Seiten,  ab 11, 12,95 Euro

Ann M. Martin: Die wahre Geschichte von Regen und Sturm, Übersetzung: Gabriele Haefs, Königskinder, 2015, 240 Seiten, ab 11, 14,99 Euro

Ross Montgomery: Alex, Martha und die Reise ins Verbotene Land, Übersetzung: André Mumot, Carl Hanser Verlag, 2015, 336 Seiten,  ab 11, 14,90 Euro

 

Jugendbuch

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Erin Jade Lange: Halbe Helden, Übersetzung: Jessika Komina und Sandra Knuffinke, Magellan Verlag, 2015,  ab 12, 16,95 Euro

Makiia Lucier: Das Fieber, Übersetzung: Katharina Diestelmeier, Königskinder, 2015, 368 Seiten, ab 12, 17,99 Euro, besprochen hier.

Mariko Tamaki (Text)/Jillian Tamaki (Illustration): Ein Sommer am See, Übersetzung: Tina Hohl, Reprodukt, 2015, 320 Seiten, ab 12, 29,00 Euro

Kirsten Fuchs: Mädchenmeute, Rowohlt Rotfuchs, 2015, 464 Seiten, ab 14, 9,99 Euro

Rainbow Rowell: Eleanor & Park, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Carl Hanser Verlag, 2015, 368 Seiten, ab 14, 16,90 Euro

Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch, Übersetzung: Rolf Erdorf, Verlag Freies Geistesleben, 2015, 183 Seiten, ab 14, 17,90 Euro

 

Sachbuch

abc.de ShackletonwetterleibnizEislandsamia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Iwona Chmielewska (Text, Illustration): abc.de, Gimpel Verlag / Verlag Warstwy 2015, 96 Seiten, ab 6, 19,90 Euro

William Grill (Text, Illustration): Shackletons Reise, Übersetzung: Harald Stadler, NordSüd Verlag, 2015,  80 Seiten, ab 8, 19,99 Euro, besprochen hier.

Britta Teckentrup (Text, Illustration): Alle Wetter, Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2015, 168 Seiten, ab 9, 24,95 Euro

Jean Paul Mongin (Text)/Julia Wauters (Illustration): Leibniz oder die beste der möglichen Welten, Übersetzung: Heinz Jatho, Diaphanes Verlag, 2015, 64 Seiten, ab 10, 14,95 Euro

Kristina Gehrmann (Text, Illustration): Im Eisland, Hinstorff Verlag, 2015, 224 Seiten, ab 12, 16,99 Euro

Reinhard Kleist (Text, Illustration): Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar, Carlsen Verlag, 2015, 152 Seiten, ab 14, 17,90 Euro, besprochen hier.

 

Preis der Jugendjury

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nuri

 

bellmont
tagebuch
khmer

 

 

Nicola Yoon: Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt, Übersetzung: Simone Wiemken, Dressler Verlag, 2015, 336 Seiten, ab 12, 16,99 Euro

Dirk Reinhardt: Train Kids,  Gerstenberg Verlag, 2015, 320 Seiten, ab 13, 14,95 Euro, besprochen hier.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger Verlag, 2015, 528 Seiten, ab 14, 19,99 Euro, besprochen hier.

Matthew Quick: Goodbye Bellmont, Übersetzung: Knut Krüger, dtv, 2015, 256 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch, Übersetzung: Rolf Erdorf, Verlag Freies Geistesleben, 2015, 183 Seiten, ab 14, 17,90 Euro

Patricia McCormick: Der Tiger in meinem Herzen, Übersetzung: Maren Illinger, Fischer KJB, 2015, Seiten, ab 16, 14,99 Euro, besprochen hier.

Herzlichen Glückwunsch allen Nominierten!

Die Gewinner werden am 21. Oktober 2016 auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben. Ich bin sehr gespannt – in doppeltem Sinne …

 

[Gastrezension] Die ganze Welt des Whodunit

krimiKrimis sind aus unserem Alltag und unserer Kultur nicht mehr wegzudenken. Gemeinsam Tatort gucken ist Kult; und zu Beginn dieses Jahres waren, bevor die echten Verbrechen der Silvesternacht bekannt wurden, die gewaltgeladenen Til-Schweiger-Episoden und die anschließende wilde, verbale Ballerei in den sozialen Medien das Thema. Thriller, vorwiegend skandinavischen Ursprungs, verkaufen sich wie geschnitten Brot beziehungsweise smørebrød. Deren Auflagen potenzieren sich mit der Anzahl der Leichen, die von den im Genre höchstbeliebten, in Wirklichkeit total unrealistischen, Serienkillern produziert werden. Und selbst in Jugendbüchern gibt es echte Morde, nicht nur an unschuldigen Haustieren, die von den abgebrühten Nachfolgern Emils und den Detektiven aufgeklärt werden.

Dabei fing alles relativ harmlos an, mit zwei Opfern, einem tierischen Täter, aber keinesfalls bestialischem Verbrechen: 1841 veröffentlichte Edgar Allan Poe seine Erzählung „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ – Ursprung aller Krimis und gleichzeitig Beginn der Spielart der „Locked Room Mystery“, einer rätselhaften Tat, die sich in einem verschlossenen Raum ereignet hat.

Genau damit beginnt auch das famose Kompendium Krimi! von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi, der neueste Band ihrer außergewöhnlichen Sachbuchreihe.
Die Chronologie als Zeitstrahl ist seit dem 2012 erschienenen Auftaktband Literatur! der rote Faden, der unten über sämtliche Seiten läuft. Und daran reiht die Kulturwissenschaftlerin und Radiojournalistin Mahrenholtz Meilensteine und Klassiker des Genres neben Kuriositäten und skurrilen Randbemerkungen auf. Und zeigt, wie historische Ereignisse und Entwicklungen sich in der Krimiliteratur niederschlagen. Dawn Parisi illustriert auch das neue Werk der gemeinsam konzipierten Edition geistreich und charmant. Mit nur wenigen Strichen und sparsam verwendeten Farben schafft sie unverwechselbare Charakterporträts von berühmten Ermittlern und ihren Schöpfern.

In diesem Krimi-Band sind sie nun alle vereint: Von Poe und Doyles Sherlock Holmes geht es über die englischen Krimiladies Agatha Christie und Dorothy L. Sayers zu den abgeklärt-desillusionierten hard boiled stories aus den Remington Schreibmaschinen eines Raymond Chandler oder Dashiell Hammett. Die englischen Ex-Spione und Bestsellerautoren Ian Fleming und John le Carré sind natürlich ebenso vertreten wie die mittlerweile mehr aus Fernsehfilmen bekannte Figuren wie Henning Mankells depressiver Eigenbrötler Wallander oder Donna Leons venezianischer Lebemann Commissario Brunetti. Krimis aus Schottland, Deutschland, der Schweiz, Niederlande, Israel, Südafrika, den USA und Dänemark, selbst den Färöer Inseln – überall blüht zumindest in der Literatur das Verbrechen. Längst ist aus den einst belächelten, trivialen Fortsetzungsgeschichten in Heftchenformat ein milliardenstarker Absatzmarkt geworden.

Wirklich exzellent sind in Krimi! die übergreifenden Doppelseiten: Da werden, von Dawn Parisi witzig bebildert, ungewöhnliche Mordwaffen und berühmte Krimiheldinnen und Ermittlerinnen unter die Lupe genommen.
Auch die ursprünglichen Berufe der Autoren sind höchst interessant: Jo Nesbø war vor Harry Hole erfolgreicher Börsenmakler und Popsänger. Léo Malet, Autor wunderbarer Paris-Krimis, versuchte sich als Chansonnier, und Raymond Chandler hat seinen gut bezahlten Job als Direktor einer Ölgesellschaft versoffen.

Krimi! ist eine prickelnde Perle dieser Sachbuchreihe, aus der aktuell auch die Monographie Shakespeare! zum 400. Todesjahr des Theatermeisters zu empfehlen ist.

Elke von Berkholz

Kathatrina Mahrenholtz, Dawn Parisi (Illustrationen): Krimi! Mord und Totschlag in der Literatur, Hoffmann und Campe, 77 Seiten, ab 14, 15 Euro

[Gastrezension] Altersgerechte Aufklärung

aufgeklärtReden wir über Aufklärung, und damit meine ich nicht den klassischen philosophisch-politischen Begriff, sondern Sex und Kinderkriegen. Ab welchem Alter sollte man mit Kindern darüber reden? Und wie? Schwer zu sagen, wenn schon Kindergartenkids Sexpraktiken diskutieren oder gang-bang spielen. Dass Babys nicht aus einem Sechserkarton handelsüblicher Eier, vermischt mit einer Packung Samen entstehen und dann per Express vom Storch gebracht werden, das wissen schon die Kleinsten. Auch Bienchen und Blümchen dürften schon vor einiger Zeit ausgedient haben.

Bei der Gelegenheit habe ich überlegt, wann ich aufgeklärt wurde? Auf jeden Fall nicht von meinen Eltern. Jahre später, schon als Jugendliche, haben mein Bruder und ich zu unserer großen Erheiterung, gar nicht mal versteckt, im Buchregal bei den Bildbänden Will McBrides Aufklärungsklassiker Zeig mal! gefunden, ein Geschenk eines damals noch kinderlosen, pseudoprogressiven Onkels, der wohl vor allem unsere Eltern provozieren wollte. Das vielfach ausgezeichnete und von der evangelischen Kirche abgesegnete, sogar verlegte Buch mit den stilvollen schwarz-weiß-Aufnahmen in der Anfang der 70er-Jahre angesagten, fotorealistischen „Mein-Esel-Benjamin“-Ästhetik gilt heute als nicht mehr kindergerecht und ist auch nicht mehr erhältlich. Aber wann und wie klärt man heute auf?

Zum Beispiel mit diesem ebenso klugen wie charmantem und ganz und gar unpeinlichem Buch Tante Uli ist verliebt und vermehrt sich – Aufgeklärt!?, dem ersten Band der neuen Sachbuchreihe Carlotta, Henri und das Leben von Anette Beckmann und Marion Goedelt, konzipiert für junge Leser ab sieben Jahren.

Erzählerin ist, sehr realistisch, die redegewandte vier Minuten ältere Zwillingsschwester Carlotta. Sie schwärmt von der coolen Tante Uli, die sie mit ihrem Zwillingsbruder Henri einmal in der Woche besucht, weil ihre Eltern beruflich viel unterwegs sind. Mit Uli toben sie herum und genießen viele Freiheiten. Seit neuestem ist Uli total verknallt, in Mario, den Chef der Trattoria Fussili unten im Haus. Erst benehmen sich die beiden ziemlich peinlich, was auszuhalten ist, weil Mario die besten Spaghetti der Welt macht und den Geschwistern Eis schenkt. Aber dann: „Uli ist komisch und wird immer merkwürdiger: Sie ist ständig müde, verpeilt, isst komische Dinge und schläft beim Spielen ein“. Diagnose: Tante Uli ist schwanger. Aber wie kommt das? Und wie geht es jetzt weiter mit Uli, ihrem wachsenden Bauch und dem Baby darin?

Die Texte der studierten Kommunikationsdesignerin Anette Beckmann gehen mit den witzigen Illustrationen Marion Goedelts eine kongeniale Mischung ein, die auch beim Vorlesen ein großer Spaß ist: „Damit das mit dem Ei und dem Samen klappt, muss man Sex haben. Dabei entsteht ein ganz schönes Gefühl. Das ist aufregend und kribbelig und dann wird der Penis …
NICHT lachen, habe ich gesagt!!!
… ganz groß und hart.“

Es wird mit Typographien und Schriftsetzung gespielt, freundliche Figuren, die Zwillinge, ihre Eltern und natürlich die immer runder werdende Uli, toben zwischen collageartig arrangierten Schautafeln, Ultraschallbildern und schrägen Witzbildchen über die Seiten. Spermien liefern sich Wettrennen, es gibt einen tierischen Vergleich über Schwangerschaftsdauer und ein Hund karikiert auch mal die Hochschwangere in typischer Pose: „Puh.“

In diesem Buch wird davon ausgegangen, dass beim Sex Liebe und Zuneigung im Spiel sind. Es geht hier nicht darum, das ganze Spektrum sexueller Spielarten darzustellen. Das ist für jedes Kind eine schöne Vorstellung und trifft wahrscheinlich zumindest beim Zeugungsakt meistens zu, was allerdings die spätere Trennung der Eltern leider nicht ausschließt.

Die Schreibweise mit „!?“ im Titel ist Programm, denn was erst klar wie Kloßbrühe erscheinen mag, kann einen bei näherer Betrachtung ins Grübeln bringen. Manche Frau, die wie es so schön heißt, „spontan entbunden“ hat, sprich, auf dem natürlichen Geburtsweg, fragt sich auch, wie das Neugeborene durch den engen Geburtskanal gepasst hat. Solche Fragen und Begriffe wie Befruchtung, Mutterkuchen (Henri fragt berechtigterweise: „Warum nicht Mutterpizza?“), intrauterines Wachstum, Kaiserschnitt, platzende Fruchtblasen und Wehen werden ebenso anschaulich wie sympathisch und witzig beantwortet. Und wie gesagt, absolut unpeinlich!

So schafft das Sachbuch aus dem manchmal sogar gefährlichen (Stichwort: Teenagerschwangerschaften, sexuell übertragbare Krankheiten) „oblatendünnen Eis des halben Zweidrittelwissens“ (wie TV-Moderatorin Sarah Kuttner mal sehr schön schrieb) eine solide, altersgerechte und ausbaufähige Grundlage.

Elke von Berkholz

Anette Beckmann, Marion Goedelt (Illustrationen): Carlotta, Henri und das Leben, Band 1 „Tante Uli ist verliebt und vermehrt sich – Aufgeklärt!?“, Tulipan, 2016, 60 Seiten, ab 7, 15 Euro