Fragen machen schlau

warum darumKurzer Einschub in eigener Sache. Neulich kam ein dickes Buchpaket bei mir im Büro an. Darin endlich die vier Bände der Sachbuchreihe Warum? Darum! von Federico Taddia. Ich freue mich ja immer über Bücher, aber dieses Mal war die Freude doch eine Besondere, weil ich die vier Büchlein aus dem Italienischen übersetzt habe, und es doch immer wieder schön ist, nach all der Arbeit, dem Grübeln, dem Recherchieren, dem Überarbeiten und Korrigieren das fertige Buch auf dem Tisch zu haben. Und dieses Mal waren es gleich vier!

warum darum

Bei der Reihe Warum? Darum! handelt es sich um eine etwas andere Sachbuchreihe. Der italienische Journalist Federico Taddia hat eine sehr ungewöhnliche und witzige Herangehensweise entwickelt, Kindern Naturwissenschaften näher zu bringen. Er interviewt Experten in den Sachgebieten Astronomie, Mathematik, Geologie und Evolution. Dabei nimmt Taddia die Sichtweise der Kinder ein und erleichtert so den Zugang zu komplizierten Wissensgebieten. Die Experten erzählen von den Anfängen der Welt, Dinos, Dodos, der Entstehung von Bergen und Vulkanen, Lava und Magma, wie es mit dem Zählen und den Zahlen überhaupt angefangen hat, was Darwin so getrieben hat und was man unter Lichtjahren zu verstehen hat und schwarzen Löchern. Und sie berichten, wie sie selbst zu ihrem Fachgebiet gekommen sind und was sie damit verbindet.

warum darumDie Fragen gliedern sich in kurzen Kapitel, die unabhängig von einander gelesen werden können. Man kann also wunderbar hin und her blättern und einfach irgendwo anfangen zu  lesen – hinten, vorne oder da wo man gerade hängen bleibt.

Jeder Band ist liebevoll illustriert, so dass die manchmal wirklich schwierigen Fakten ganz leicht erscheinen und mögliche Schwellenangst vor großen Themen sofort verschwindet. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie Warum? Darum! aufgenommen wird. Das Übersetzen hat jedenfalls viel Spaß gemacht und war durch die

warum darum

vielen Recherchen auch für mich eine Erweiterung meines Horizonts – denn normalerweise habe ich mit Zahlen oder astronomischen Maßeinheiten nicht so viel zu tun.  Über Rückmeldungen, ob die Kids mit dieser Art der Wissensvermittlung etwas anfangen können, würde ich mich auf jeden Fall freuen.

Taddia, Federico:
Warum? Darum! Astronomie
Warum? Darum! Mathematik
Warum? Darum! Evolution
Warum? Darum! Geologie
Übersetzung: Ulrike Schimming, Oetinger Verlag, 2013, je 96 Seiten, ab 8, je 7,95 Euro

Art Spiegelman packt aus…

metamaus art spiegelmanLange ist es her, dass ich den Comic Maus  von Art Spiegelman in den Händen hatte. Doch jetzt musste ich die beiden Bände (ich habe noch die „Originalausgaben“ aus den 90er Jahren) aus dem Regal ziehen und mich erneut in diese schreckliche Geschichte versenken. Wieder war ich gebannt und erschüttert, genau wie vor 20 Jahren, als ich zum ersten Mal von den Erlebnissen von Spiegelmans Eltern in Auschwitz  gelesen habe. Auslöser für die Neulektüre ist das Buch MetaMaus, ebenfalls von Spiegelman, das jüngst auf Deutsch (in der Übersetzung von Andreas Heckmann) erschienen ist.

Hierin gibt Spiegelman Einblicke in die Entstehung von Maus und seine Arbeitsweise, denn mittlerweile hat er es wohl satt, die immergleichen Fragen zu seinem Opus Magnum zu beantworten. Daher hat er Hillary Chute, Professorin an der Universität von Chicago, in langen Gesprächen die die drei wichtigsten Fragen beantwortet: Warum der Holocaust? Warum Mäuse? Warum Comics?

Spiegelman holt dafür ausführlichst aus – man wird dabei ständig auf die Parallele zu den Gesprächen mit seinem Vater Wladek gestoßen, die er für Maus geführt hat. Zugleich hat er sein Archiv mit Familienfotos, ersten Maus-Skizzen, Entwürfen, Bildern, Büchern und Zeichnungen geöffnet, die ihn selbst bei seiner Arbeit inspirierten. So hat man mit MetaMaus nun beides vor sich: ein Bilderbuch, zum Blättern und Schauen, mit z.T. in Deutschland unveröffentlichten Comic-Strips von Spiegelman, und eine Dokumentation, wie Maus in 13 Jahren Arbeit aus einer kleinen dreiseitigen Urfassung zu einem der wichtigsten Bücher über die Judenverfolgung und den Holocaust geworden ist.

maus art spiegelmanDer Comiczeichner, der weiterhin von Maus als Comic spricht und sich nicht der Umetikettierung auf Graphic Novel anschließt, ja diese Begrifflichkeit eher verabscheut, berichtet von seinem Hadern, nicht nur mit dem Vater, sondern viel mehr auch mit den zeitgeschichtlichen Widrigkeiten der 70er- und 80er-Jahre, als die Aufarbeitung des Holocaust noch keine Selbstverständlichkeit war. Er fürchtete sich vor der Banalisierung des eigentlich Unaussprechlichen und vor der Verkitschung des Genozids. Dass er diesen Fallstricken gekonnt ausgewichen ist, erkennt man nun beim dem wissenden Neu-Lesen noch deutlicher.

Aber MetaMaus ist mehr als ein Werkstattbericht. Es ist eine Hommage an die amerikanische Comic-Geschichte, in der Spiegelman Krazy Kat, Little Nemo und Disneys Kreaturen seine Aufwartung macht. Zudem zeigt sich im Laufe von Spiegelmans Berichten und Erklärungen, dass sich ein Werk irgendwann von seinem Schöpfer emanzipiert und Deutung anderer Leser und Kritiker zulässt und sogar bestätigt. Hat Scott McCloud 1993 mit Comics richtig lesen die formale Entstehung eines Comics genauesten erklärt und analysiert, so entwickelt Art Spiegelman hier quasi ein Lehrbuch, wie man einen Comic inhaltlich erarbeitet und daraus formale Entscheidungen fällt.

MetaMaus liegt eine DVD, die neben der digitalisierten Form von Maus mit weiterem umfangreichen Material ausgestattet ist. Beeindruckend sind die englischen Tonbandaufnahmen von Spiegelmans Gesprächen mit seinem Vater (im Buch sind die übersetzten Transkripte abgedruckt). Wladeks Stimme bringt dem Hörer sein Schicksal und die Schrecken des Holocaust ganz nah. Man ist geschockt und berührt: Geschockt von dem Horror, den Spiegelmans Eltern überlebt haben; berührt von Art Spiegelmans Leistung, sich über lange Jahre mit seinem Vater so intensiv auseinandergesetzt zu haben. Man fragt sich, was heldenhafter war – seinen Vater auszufragen, zum Reden zu bringen, sich seine Geschichte in aller Ausführlichkeit anzuhören – oder die anschließende Auseinander- und Umsetzung in zutiefst bewegende Bilder. Eins ist ohne das andere nicht denkbar, so wie ab jetzt Maus ohne MetaMaus nicht mehr lesbar ist.

Mit MetaMaus hat Art Spiegelman ein Grundlagenwerk geschaffen – und das nicht nur für die Comic-Forschung, sondern auch für den Umgang mit dem Holocaust und seine Aufarbeitung. Ein Muss also nicht nur für Maus-Fans …

Art Spiegelman: MetaMaus. Einblicke in Maus, ein moderner Klassiker. Übersetzung: Andreas Heckmann, Fischer Verlag, 2012, 298 Seiten mit DVD, 34,00 Euro

Art Spiegelman: Die vollständige Maus. Die Geschichte eines Überlebenden. Mein Vater kotzt Geschichte aus; Und hier begann mein Unglück. Ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize 1992, Fischer Verlag, 2010, 293 Seiten, 14,95 Euro

Ausgezeichnet!

patrick Ness sieben minuten nach MitternachtZurück von der Buchmesse 2012 – ich bin noch ganz berauscht von den Buch- und Menschenmassen. Viele Termine, viele Gespräche, viele Ideen und Anregungen haben die vergangenen Tage bestimmt, und die muss ich jetzt erst einmal verarbeiten. Außerdem muss ich unbedingt noch ein paar Bücher lesen: Denn gestern Abend wurden der Deutsche Jugendliteraturpreis 2012 verliehen – und ich habe von den Gewinnern erst zwei gelesen (auch das passiert, wenn man vor lauter fesselnder Neuerscheinungen überhaupt nicht hinterher kommt mit der Lektüre …).

Die Verleihung im Saal Harmonie des Frankfurter Congress Centrums war mit 1200 Gästen proppenvoll, und die Spannung war förmlich zu spüren. Zurecht bezeichnete Nils Mohl die Veranstaltung als „Folter“. Für seinen Jugendbuchroman Es war einmal Indianerland und vier weitere Titel ging das etwa ein einhalbstündige Martyrium dann aber mit einem Preis, der Momo, aus. Ganz besonders hat mich die Wahl der Jugendjury gefreut, die sich für Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness entschieden hat.

Diesen berührenden Roman habe ich vor genau einem Jahr nach der Buchmesse 2011 gelesen. Und daraufhin diesen Blog eingerichtet, um meine Begeisterung darüber unmittelbar teilen zu können. So hat sich gestern für mich nach einem Jahr Bloggen ein Kreis geschlossen. Was ich nun als gutes Omen für dieses Unternehmen hier deute und das mich anspornt, weiter über wundervolle Bücher zu schreiben. So stapeln sich auf meinem Schreibtisch auch schon die nächsten Romane und Bilderbücher, die ich demnächst in diesem Rahmen vorstellen werde. Zudem haben sich in den vergangenen Tagen schon die nächsten spannenden und vielversprechenden Titel angekündigt. Schöner kann eine Buchmesse eigentlich nicht laufen!

Die Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises 2012 möchte ich, auch wenn ich nicht alle bis jetzt gelesen habe, hier dennoch nennen:

deutscher jugendliteraturpreis 2012

In der Sparte Bilderbuch: Pija Lindenbaum: Mia schläft woanders, Übersetzung: Kerstin Behnken, Oetinger Verlag, 2011, 40 Seiten, ab 4, 12,95 Euro.

Die Jury meint: „Eine ganz alltägliche Kindererfahrung wird […] gegen den Strich gebürstet und in beeindruckende Bilder un einen klugen Text gefasst.“

 

deutscher jugendliteraturpreis 2012In der Sparte Kinderbuch: Finn-OleHeinrich/Ran Flygenring,: Frerk, du Zwerg! Bloomsbury Verlag, 2011, 96 Seiten,  ab 7, 16 Euro.

„Der sprachgewandte, fabulierlustige und semantisch kreative Text Heinrichs mit den frech-versponnenen Krakelbildern Flygenrings ist Quatsch in seinem allerbesten und feinsten Sinne“,  sagt die Kritikerjury.

deutscher jugendliteraturpreis 2012In der Sparte Sachbuch: Oscar Brenifier: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? Illustrationen: Jacques Després, Übersetzung: Norbert Bolz, Gabriel Verlag, 2011, 96 Seiten, ab 10, 14,95 Euro

Dieses ungewöhnliche Philosophie-Buch „plädiert für eine Denkkultur, die in einer an Informationen und Fakten überreichen Welt auf eine Tiefe setzt, die nur aus der ‚Langsamkeit‘ analogen Denkens heraus entstehen kann“ – so die Jury.

deutscher jugendliteraturpreis 2012In der Sparte Jugendbuch: Nils Mohl: Es war einmal Indianerland, Rowohlt Verlag, 2011, 345 Seiten, 12,99 Euro.

Die Jury hält diesen Roman für kunstvoll gebaut, „der mit seinen zahlreichen Neologismen auch sprachlich innovativ und überzeugend ist. Er bietet dem Leser eine neue und aufregende Variante aus Bildungsroman und Liebesgeschichte.“

Und schließlich der Preis der Jugendjury: Patrick Ness/Siobhan Dowd: Sieben Minuten nach Mitternacht, Übersetzung: Bettina Abarbanell, cbj Verlag, 2011,   213 Seiten,  ab 12,  16,99 Euro.

Die Jugendlichen meinen, dass „die mächtigen sprachlichen Bilder und die Illustrationen eine perfekte Atmosphäre für die diese traurige, berührende, teilweise aber auch unterhaltsame Geschichte liefern.“

Der Sonderpreis für das Gesamtwerk ging dieses Jahr an den Illustrator Norman Junge, der spätestens seit Fünfter sein von Ernst Jandl in fast allen Haushalten präsent sein dürfte…

Herzlichen Glückwunsch allen Autoren, Übersetzern, Illustratoren und Verlagen!

Verratene Kindheit

Gerade habe ich ein „Kinderbuch“ der anderen Art zu Ende gelesen und bin noch ganz berührt. Das Sachbuch Stasi-Kinder von Ruth Hoffmann befasst sich mit einem der dunklen Kapitel der DDR-Geschichte.

23 Jahre nach dem Fall der Mauer hat die Autorin die Familiengeschichten von 13 Menschen aufgezeichnet, deren Eltern hauptamtlich bei der Stasi tätig waren. Was sich im ersten Moment vielleicht völlig unspektakulär anhört, entpuppt sich beim Lesen als reinster psychologischer Horror. Denn die Zugehörigkeit der Väter zum Überwachungsapparat der Deutschen Demokratischen Republik wirkte sich auch unmittelbar auf das Klima in den Familien aus. Gehorsam war oberste Pflicht, systemkonformes Benehmen eine Grundvoraussetzung. Kritik an den bestehenden Verhältnissen durfte auf gar keinen Fall geübt und unbequeme Fragen schon gar nicht gestellt werden. Taten die Kinder und Heranwachsenden dann doch, was in ihrem Alter nur natürlich ist und zu einer selbstbewussten Entwicklung gehört – also kritisch hinterfragen, sich auflehnen, den eigenen Weg suchen – konnte es sein, dass die Väter ihren Dienstherren davon berichteten und Sohn und Tochter verrieten. Was sich heute ungeheuerlich anhört, war bei den hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit anscheinend üblich, hatten sie sich doch eidesstattlich zu absoluter Treue verpflichtet. Die leidtragenden waren zumeist die Kinder, die sich nicht gegen das wehren konnten, was nicht zu durchblicken und zu verstehen war. Und die im schlimmsten Fall ins Gefängnis gesteckt wurden.

Die Geschichten von Frank, Vera, Pierre, Edina oder Martin gehen ans Herz, lösen Unbehagen und gleichzeitig ein immenses Mitgefühl aus. Denn die heute Erwachsenen kämpfen zum Teil immer noch mit den Folgen dieser überwachten und schockierenden Kindheit. Manche konnten Vergangenes aufarbeiten, die Eltern befragen, sich im besten Fall mit ihnen aussöhnen, anderen ist dieser Trost verwehrt geblieben, sei es, weil die Eltern sich von den Kindern losgesagt haben, weil sie beharrlich schweigen oder weil sie verstorben sind, bevor es zur klärenden Aussprache kommen konnte.

Ruth Hoffmann gelingt es fabelhaft die Gefühlslagen der Kinder in den 70er und 80er Jahren in Worte zu fassen. Der Leser spürt förmlich am eigenen Leib die Eiseskälte, die Härte und das Misstrauen, die in diesen Familien geherrscht haben. Gleichzeitig schafft die Autorin so plastische Bilder, dass auch die Orte, hauptsächlich die trostlosen grauen Plattenbau-Viertel Ost-Berlins, vor dem inneren Auge des Lesers sichtbar werden, in denen aber Häkeldeckchen Heimeligkeit verbreiten und die man auf einem knallroten Dreirad ziemlich gut erkunden kann. So fern die DDR mittlerweile ist, so gegenwärtig ersteht sie auf diesen Seiten wieder auf.

Die Berichte der Kinder wechseln mit Exkursen, in denen die Autorin die Struktur des MfS, das Selbstverständnis der Mitarbeiter, die Disziplin und das Funktionieren dieses Überwachungsungetüm umreißt und erklärt. So fügen sich die Texte zu einer Facette eines Psychogramms zusammen, dem Psychogramm eines ganzen Staates. Manches des untergegangenen sozialistischen Staates versteht man als Westdeutscher nach der Lektüre besser, anderes bleibt einfach nur unfassbar.

Der Aufarbeitung der DDR-Geschichte fügt die Hamburger Journalistin mit ihrem bewegenden Buch ein wichtiges Puzzleteil hinzu, in dem die schwächsten Bürger der DDR endlich ein Forum bekommen und gehört werden. Man kann nur hoffen und wünschen, dass weitere Stasi-Kinder dadurch den Mut finden, sich zu öffnen und zu erzählen – damit weder sie noch ihre Familien und Kinder weiter an Unausgesprochenem leiden müssen.

Ruth Hoffmann: Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat, Propyläen, 2012, 317 Seiten, 19,99 Euro

Worte zu Bildern

tipp tappLernen in Verbindung mit Technik übt eigentlich auf alle Altersklassen immer wieder eine gesteigerte Faszination aus. Das ist jedenfalls meine ganz persönliche, sicherlich nicht repräsentative Beobachtung. Gerade am Anfang kann man die Finger nicht von dem neuen Spielzeug lassen, meint, vermeintlich besser und schneller zu lernen, als antiquiert mit Büchern, Stift und Papier. Meist verfliegt der Reiz des Neuen ganz schnell, und der Computer wird wieder für angeblich vergnüglichere Dinge benutzt.

Ein interaktives Lernspiel aus diesem Frühjahr hat jedoch gute Chance zu einem Dauerbrenner zu werden: Das interaktive Bildwörterbuch tipp tapp der französischen Illustratoren und Grafiker Boisrobert und Rigaud. Schiebt man die mitgelieferte CD in einen Computer (PC oder Mac), öffnet sich ein Programm, mit dem der Nutzer/die Nutzerin Worte tippen kann. Hört sich erstmal langweilig an. Doch bei jedem Wort, das richtig eingetippt wird, ploppt auf dem Bildschirm die entsprechende Figur oder der jeweilige Gegenstand auf. Und wie von Zauberhand entsteht nach und nach ein Bild. Das Bilderbuch zeigt, welche Dinge auf dem Bildschirm auftauchen können: Mädchen, Junge, Berge, Kühe, Schafe, Bäume, Grashalme, Kleingetier und vieles mehr.

Doch dabei bleibt es nicht, denn das Getier bewegt sich: Schnecken kriechen durchs Bild, Mücken sausen herum, alles ist irgendwie in Bewegung. So entstehen Landschaften, Flüsse, Bauernhöfe, Picknick-Partys, Fantasiewelten. Tippt man „Winter“ oder „Herbst“ ein, verlieren die Bäume beispielsweise die Blätter oder verändern ihre Farbe. Lässt man es regnen, schneien oder stürmen, weht es schon mal die Figuren um. Herrlich! tipp tapp ist wie eine Wundertüte, die unzählige Überraschungen bereithält.

Der Stil der Illustrationen, sowohl im Buch als auch der Figuren auf dem Bildschirm, erinnern mich an Bilder, die man in früheren Zeiten aus Pergamentpapier gebastelt hat. Leicht und durchscheinend sehen die Figuren aus. Überlagern sich zwei Farben, entsteht eine dritte. Die reduzierten Formen aus Kreis, Dreieck und Viereck, verleihen den Figuren abstrakte Klarheit. Überflüssig zu sagen, dass man auch die Farben verändern kann, indem man „rot“ oder „blau“ usw. eingibt.

Die Ergebnisse einer Session kann der Künstler, Schüler, Spieler abspeichern und ausdrucken. So geht nichts von dem Lern- und Spielspaß verloren. Das Bildwörterbuch selbst kann natürlich unabhängig vom Computer als Bilderbuch angeschaut und durchgeblättert werden. Die Geschichten dazu muss man sich dann eben selbst ausdenken …

Manche Worte scheinen mir für die kleinen Computerfreaks fast ein wenig zu lang zu sein, wie beispielsweise „3 FEUERWERKSRAKETEN“, doch hat man sich durch diese Bandwurmworte getippt, wird man mit einem ganz entzückenden Feuerwerk belohnt. Aber wahrscheinlich ist der Lerneffekt so groß, dass gerade auch solche Wortmonster so anregend sind und solch eine Herausforderung darstellen, dass man eben immer weiter mit tipp tapp macht, bis man alle Varianten durchprobiert hat. Mit so einem Programm macht Lernen also nicht nur Laune, sondern auch noch Kunst.

Anouck Boisrobert/Louis Rigaud: tipp tapp. Mein interaktives Bildwörterbuch, Jacoby & Stuart 2012, 48 Seiten mit CD-ROM, ab 4, 19,95 Euro

Von fremden Welten

Zugegeben, ich liebe Atlanten. In Momenten, in denen ich nicht durch unbekannte Gefilde fahren oder wandern kann, bieten mir die geografischen Karten unendliche Möglichkeiten, auf Reisen zu gehen. Dann durchstreife ich fremde Städte, erklimme Gebirgszüge, folge Küstenlinien und Flussläufen. Manche Orte, an denen ich schon mal war, erkenne ich wieder (es sind die wenigsten). Alle anderen befeuern meine Fantasie und die Sehnsucht, vielleicht einmal dorthin zu gelangen.

Ähnliches ist mir jetzt mit einem sehr ungewöhnlichen und sehr schönen Atlas passiert, dem Atlas der fiktiven Orte. Hier gibt es „Karten“ der anderen Art. Sie zeigen keine realen Orte, sondern – wie der Titel schon sagt – 30 erfundene Städte, Länder und Welten aus Literatur, Theater, Film und Fernsehen. Es handelt sich dabei um collageartige Illustrationen von Steffen Hendel, die den Leser nach Avalon, Xanadu, Springfield, aber auch Gondor und auf die Schatzinsel entführen. Die Illus setzen sich aus Fotos, Grundrissen, realen Flussläufen und grafischen Elementen zu Fantasiekarten zusammen. Viele kleine, überraschende Details entdeckt man erst bei genauem Studium.

Die Karten und die zugrundeliegenden Werke erläutert der Komparatist Werner Nell. In seinen literaturwissenschaftlichen Aufsätzen ordnet er die Bedeutung der Orte in der jeweiligen Geschichte ein, referiert kurz deren Inhalt und stellt Bezüge zu anderen Werken, Genres und gesellschaftlichen Phänomenen her. So regen nicht nur die Karten zum fiktiven Reisen an, sondern auch Nells Analysen und Interpretationen beinhalten jede Menge Entdeckungspotential. In seiner Kombination aus Text und Illustration führt dieser Atlas dem Leser eindringlich vor Augen, dass der Mensch mit seiner Fähigkeit, sich fiktive Geschichten auszudenken, auch seinem tiefen Bedürfnis Ausdruck verleiht, eigene Welten zu erschaffen. So kann er immerhin im literarischen Rahmen ein bisschen Gott spielen.

Genau diese einzigartigen Welten jenseits unserer Realität tragen neben den Handlungen und den Figuren maßgeblich zur Faszination der Bücher, Theaterstücke oder Comics bei, die wir täglich verschlingen. Wir träumen uns weg oder freuen uns diebisch, wenn wir unsere Alltäglichkeiten dort gespiegelt oder aufs Korn genommen vorfinden. So habe ich in diesem Atlas alte Bekannte aus der Kindheit getroffen wie Lummerland und Entenhausen, bin mal wieder auf den Zauberberg gestiegen, habe Metropolis von einer anderen Seite kennengelernt und bin dann in die unbekannten Sphären von Utopia und der Sonnenstadt vorgedrungen. So ein Buch hätte ich mir zu Studentenzeiten gewünscht, als mein strukturalismusfixierter Professor über Orte in der Literatur monologisierte, ohne das der Funke für Literatur übersprang. Anregend geht anders, wie dieses Kompendium zeigt.

Als Nebenwirkung der gerade erlebten Fantasiereisen muss ich jetzt mit dem dringenden Bedürfnis leben, so schnell wie möglich auch die Originaltexte zu lesen, die ich bis jetzt noch nicht kenne. All die fremden Welten muss ich jetzt unbedingt selbst erkunden. Für ein Buch, das so etwas in mir auslöst, bin ich den beiden Autoren sehr dankbar.

Werner Nell/Steffen Hendel: Atlas der fiktiven Orte. Utopia, Camelot und Mittelerde. Eine Entdeckungsreise zu erfundenen Schauplätzen, Meyers, 2011, 160 Seiten, 29,95 Euro

Mitten ins Schwarze

Mit Bogenschießen habe ich bis jetzt eigentlich nicht so richtig etwas anfangen können. Ich weiß, dass es das gibt, dass es auch die östliche Variante des Zen-Bogenschießens gibt, aber das war’s auch schon. Doch dann landete das Sachbuch Mein Pfeil- und Bogenbuch von Wulf Hein bei mir, und ich wurde darauf gestoßen, wie sehr Pfeil und Bogen Teil des menschlichen Zivilisationsprozesses waren und heute beispielsweise auch noch Teil der Literatur sind. Kaum ein Fantasyroman kommt ohne Bogenschützen aus, man denke an Legolas im Herr der Ringe. Robin Hood wäre ohne Pfeil und Bogen nicht vorstellbar und erst damit rettet sich Katniss durch Die Tribute von Panem. Und googelt man den Begriff „Bogenschießen“ erhält man rund drei Millionen Treffer. Zudem ist Bogenschießen seit 1972 zudem eine olympische Disziplin. Da ist ganz gehörig etwas an mir vorbeigegangen …

Aufklärung bringt also nun Wulf Hein, Experte für experimentelle Archäologie und Archäo-Technik. In seinem Buch leitet er an, wie man sich Pfeil und Bogen selber bauen kann. Das richtige Werkzeug, das geeignete Holz, die besten Federn, das nötige Zubehör: Alles, was man für eine ordentliche Ausrüstung braucht, erklärt er ausführlich und leicht verständlich. Klassische Illustrationen – ebenfalls von Wulf Hein – veranschaulichen die Arbeitsschritte. Für handwerklich begabte Kinder beginnt der Spaß am Bogenschießen damit schon vor dem ersten Schuss.

Neben den praktischen Anleitungen macht der Blick auf die Geschichte und Entwicklung des Bogenschießens das Buch zu einer runden Sache. Die zehn goldenen Regeln mahnen zum richtigen Einsatz der potentiell gefährlichen Sportgeräte.

Dieses Buch ist so liebevoll gemacht, dass man sofort in den Wald laufen und die richtigen Stöcke suchen möchte. Bei all diesen sinnlichen Betätigungen – wie schnitzen, schneiden, schmirgeln, spannen, stecken, kleben – und anschließend beim konzentrierten Schießen mit den selbstgebauten Geräten bleiben Playstation, Wii oder Xboxen ganz bestimmt in der Ecke liegen.

Wulf Hein: Mein Pfeil- und Bogenbuch. Bogenbau für Kinder und Jugendliche, Verlag Angelika Hörnig, 2011, 207 Seiten, ab 8, 29,80 Euro