Die Vertreibung aus dem Paradies

finn-ole HeinrichEigentlich glaube ich ja nicht an Liebe auf den ersten Blick. Doch jetzt ist es mir passiert. Und zwar mit einem Buch. Das auserwählte trägt den unglaublich langen Titel Die erstaunlichen Abenteuer der einzigartigen, ungewöhnlich spektakulären, grenzenlos mirakulösen Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich. Der Einfachheit halber werde ich hier aber nur von Maulina sprechen. Entsprungen ist die etwa zehnjährige Heldin dem fantastischen Genius von Finn-Ole Heinrich.

Um mich war es geschehen, als ich das Buch aufschlug und die Aufforderung im Innendeckel fand, mit wachen Augen 84 Topfpflanzen in der Geschichte auszumachen und hier anzukreuzen. Bei den vielen großen und kleinen, geraden und krummen, üppigen und kümmerlichen Gewächsen ging mir einfach das Herz auf. Beim Lesen habe ich an die Topfpflanzen dann zwar erst wieder gedacht, als ich das Buch zugeschlagen wollte und im hinteren Innendeckel die restlichen Ankreuz-Blumentöpfe sah. Doch das war gar nicht schlimm, denn in der Zwischenzeit war ich aufs Großartigste zum Lachen und Weinen gebracht worden.

Denn Maulina, die ein großes Talent zum Maulen hat, erzählt von den Unbill in ihrem jungen Leben. Sie wurde aus ihrem Paradies Mauldawien, in dem sie die Prinzessin ist, vertrieben, nachdem die Eltern sich getrennt haben. Statt im Altbau mit allesfressenden Holzdielenfugen, einem blau-weißen Turnsofa und großem Garten mit Maulhöhle muss sie nun mit der Mutter in einer winzigen Wohnung namens Plastikhausen leben. Dort sind überall Plastikgriffe angebracht, Fenster und Boden sind aus Plastik, der Garten vor der Tür ist so winzig, dass Maulina fast alle vier Ecken berührt, wenn sie sich auf den Rasen legt. Platz für die beiden Schildkröten gibt es kaum. Es ist einfach nur schrecklich. Da helfen auch der Super-Zimt-Kakao von Mama oder der Bienenstich-Kaffee-Klatsch mit dem Großvater nichts. Maulina will zurück nach Mauldawien, obwohl sie mit „dem Mann“, wie sie ihren Vater nur noch nennt, kein Wort mehr redet.
Glücklicherweise lernt sie in der neuen Schule Paul kennen. Auch bei Paul ist die Familie zerrüttet, jedoch auf eine ganz andere Art, die in ihren Einzelheiten jedoch noch im Dunkeln bleiben. Er erzählt Maulina, dass vor ihnen eine Frau im Rollstuhl in Plastikhausen gewohnt hat. Und dieses Wissen wird für Maulina ein paar Tage später plötzlich sehr wichtig.

Aha, Trennungsgeschichte, könnte man jetzt denken. Doch Maulina ist viel mehr. Maulina ist ein Wirbelwind, der einen von der ersten Seite an mitreißt und nicht mehr loslässt. Finn-Ole Heinrich gelingt das zusammen mit der Illustratorin Rán Flygenring in einer kongenialen Mischung aus Poesie und Schnodderigkeit, Drama und Tragödie kombiniert mit Witz und Humor. Bilder und Texte verweben zu einer Einheit, in der Comic-Elemente und „Lexikalische Einschübe“ die Geschichte auf der visuellen Ebene anreichern.
Die Heldin Maulina nimmt den Leser mit ihrer unnachahmlichen Art über sich selbst zu reflektieren, die zwischen Größenwahn und echter Selbsterkenntnis changiert, sofort gefangen. In Momenten der größten Not bekommt sie meist einen Maulanfall, der zu Stimmverlust und Erschöpfung führt. Daneben backt Maulina den besten Maulwurfskuchen und schenkt der Mutter all ihre Liebe und Wärme. Und regt zum Nachdenken über Beziehungen, Krankheit und das Leben in seiner ganzen Wucht an. Bei alldem kann man, muss man Maulina einfach nur lieb haben, etwas anderes geht gar nicht. Zumal sie sich mit einer ungeheueren Kraft und einem ungebrochenen Optimismus gegen die Schicksalsschläge des Lebens stellt, die da auf sie niedergehen.

Und als ob Maulina an sich nicht schon Geschenk genug wäre, schafft es Finn-Ole Heinrich mit seinem Sprachkönnen, dass man endgültig vor Verehrung auf die Knie fällt. Zwischen die locker leichte Umgangssprache mit Dialogen, die den Ton auf den Punkt  treffen, mischen sich zutiefst poetische Wendungen und Wortneuschöpfungen. Da „brummeln und grummeln die Hummeln“, Paul ist aufgeregt wie ein „Kolibri auf Koffein“, da gibt es die „Fleischwurststrumpfhose“. Es ist eine Wonne, auf allen Ebenen: inhaltlich, erzählerisch, sprachlich, bildlich – ein ebenso großes Kompliment gebührt Rán Flygenring, die eine liebenswert-lockige Maulina von großer Ausdruckskraft erschaffen hat, samt dieser 84 Topfpflanzen.

Mag Maulina auch aus ihrem Paradies Mauldawien vertrieben worden sein, für große und kleine Leser ist dieses Buch trotz all der traurigen Ereignisse das Paradies. Was für ein Glück, dass zwei bis drei paradiesische Fortsetzungen geplant sind…

Finn-Ole Heinrich/Rán Flygenring: Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich, Hanser, 2013, 176 Seiten,  ab 10, 12,90 Euro

Abschied auf Raten

AlzheimerHeute einmal ein Abstecher in eine erwachsene Eltern-Kind-Problematik, mit der sich immer mehr „Kinder“ wohl demnächst auseinandersetzen müssen. Denn glaubt man den neuesten Prognosen amerikanischer Forscher, wird sich in nicht allzu weiter Zukunft die Zahl der Demenz- und Alzheimerkranken verdreifachen. Das sind ziemlich düstere Aussichten, zumal es noch keine Heilung geht und auch die Auslöser noch nicht eindeutig geklärt sind. Was passiert, wenn ein Elternteil an Alzheimer erkrankt, kann man jetzt in der eindrucksvollen Graphic Novel Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich von Sarah Leavitt nachlesen und anschauen.

Alles fängt mit kleinen Merkwürdigkeiten an: Mutter ist verwirrt, bekommt die Schiebetür nicht mehr auf, vergisst den Weg zum Fluss. Noch denkt sich niemand in der Familie etwas dabei. Die Schwestern Sarah und Hannah wundern sich nur. Es soll zwei Jahre dauern, bis die Mutter die Diagnose Alzheimer bekommt. Mutter ist am Boden zerstört, doch noch ist sie sich selbst bewusst und kommt einigermaßen zurecht.
Nach und nach jedoch gehen ihr immer mehr Fähigkeiten verloren. Sie hat kein Hungergefühl mehr, der Geruchssinn funktioniert nicht mehr. Gleichzeitig ist sie jähzornig und aufbrausend. Zunehmend wird der Alltag schwieriger. Sie kommt immer weniger ohne fremde Hilfe aus. Ihr Ehemann und die beiden Töchter versuchen, die Aufgaben so gut es geht aufzuteilen. Die Belastungen werden für alle Beteiligte immer größer.
Mutter vergisst immer mehr, sie wird inkontinent, verändert sich auch charakterlich. Langsam, aber stetig verschwindet sie immer weiter aus dem alltäglichen Leben. Nach anfänglicher Trauer bei der Kranken, gerät sie irgendwann in eine Phase kindlicher Fröhlichkeit und vergisst so auch den eigenen Zustand. Für die Angehörigen hingegen wird es immer belastender. Mutter kann nichts mehr allein machen. Jeder Gang zur Toilette, jede Mahlzeit, jede Nachtruhe – alles muss von den Angehörigen und dem schließlich engagierten Pflegepersonal begleitet werden.
Für die Familie ist es ein Abschied auf Raten. Mutter erkennt schließlich weder den Ehemann noch die Töchter, und auch das Enkelkind bleibt ihr unbekannt. Gleichzeitig gibt es fröhliche und poetische Momente, in denen Mutter und Tochter den Schnee betrachten oder durch den Platzregen laufen. Sechs Jahre dauert das große Durcheinander, bis Mutter schließlich nicht mehr laufen kann, in ein Heim kommt und dort verstirbt.

Mit zarten schwarz-weißen Panels gelingt es Sarah Leavitt, einfühlsam und gleichzeitig tabulos die Krankheit der Mutter zu beschreiben. Sie spart nichts aus, nicht die unangenehmen Folgen der Inkontinenz, nicht die blauen Flecken, wenn die Mutter aus dem Bett fällt, nicht die Hilflosigkeit, die sich bei den Angehörigen immer mehr ausbreitet. Das einst unabhängige Leben der erwachsenen Töchter dreht sich immer mehr um das Wohlbefinden der Mutter. Alzheimer trifft folglich nicht nur den Erkrankten, sondern immer auch die Familien. Das zeigt Leavitts autobiografische Graphic Novel ganz eindrücklich. Sie illustriert nicht nur das Einzelschicksal ihrer Mutter, sondern informiert dabei auch über alle Facetten der Krankheit und die Folgen für die Familien. Die Lektüre ist daher nicht unbedingt eine unterhaltsame Sache, doch hat diese Geschichte etwas sehr Tröstendes für alle Beteiligten. Sie erzählt von tiefen Gefühlen, von Liebe und Zusammenhalt. Und das ist einfach schön.

Sarah Leavitt: Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich, Übersetzung: Andreas Nohl, Beltz,  2013, 128 Seiten, 19,95 Euro

Stille Stärke

augustBei diesem Buch muss ich zugeben, dass ich eine Weile gegrübelt habe, ob ich es hier vorstellen soll. Normalerweise bin ich von den Büchern, über die ich schreibe immer restlos begeistert. Wunder, der Debütroman von Raquel Palacio ist zweifellos ein berührendes Buch, in dem sie die Geschichte von August erzählt, doch für mich hat die deutsche Fassung ein paar Stolpersteine.

August kommt mit dem Treacher-Collins-Syndrom zur Welt, das heißt, dass sein Gesicht durch einen genetischen Fehler deformiert ist. Seit zehn Jahren lebt August nun schon mit einem Gesicht, das in keinster Weise der Norm entspricht und das alle Menschen zutiefst irritiert. August erkennt diese Irritationen mittlerweile an dem kleinsten Zucken der anderen. Bislang hat  seine Mutter ihn zu Hause unterrichtet, doch nun soll er in die fünfte Klasse der Mittelschule gehen – auch den Umgang mit seiner Umwelt weiter zu erlernen. Für August ist es natürlich eine ziemliche Überwindung, sich den fremden Kindern zu stellen.
Mutig lässt er sich darauf ein und erlebt alle Phasen des Angestarrt, Gemobbt, Geschnitten und Ausgeschlossen werdens. Halt geben ihm seine Eltern und die Schwester Via sowie das Mädchen Summer, das sich von seinem ungewöhnlichen Gesicht nicht abschrecken lässt.

August selbst erzählt in einem lakonischen Ton von seinem ersten Jahr an einer öffentlichen Schule. Daneben berichten Via, ihr Freund Justin, ihre beste Freundin Miranda sowie Augusts Schulkameraden Summer und Jack über ihre Erlebnisse mit dem Protagonisten. Sie zeigen, dass nicht nur August selbst an seiner Andersartigkeit leidet, sondern in gewissem Maße auch sein Umfeld. So möchte Via beispielsweise nicht immer nur als die Schwester des missgestalteten Jungen wahrgenommen werden.

Im Laufe des Schuljahres wandelt sich die Ablehnung der Schulkameraden zu echter Freundschaft, da die Kinder merken, dass auch August ein liebenswerter, kluger und witziger Junge ist. Auf der Jahrgangsfahrt verteidigen sie ihn gegenüber älteren Schülern, und am Ende des Schuljahrs wird August vom Schulleiter als der Junge ausgezeichnet, dessen „stille Stärke die meisten Herzen bewegt hat“. Diese letzten Seiten im Buch sind überaus rührend und treiben einem tatsächlich die Tränen in die Augen. Was aber auch ein wenig an dem amerikanischen Hang für Kitsch und große Gefühle liegen mag. Doch das sei diesem Buch durchaus gegönnt. Ist doch die ganze Geschichte von der ersten Seite an eine permanente Aufforderung an den Leser, über die Oberflächlichkeiten und Andersartigkeiten von fremden Leuten hinauszusehen, hinter die Fassade zu schauen und den wahren Menschen zu erkennen. Daran können wir alle eigentlich nicht oft genug erinnert werden, und das ist das große Verdienst dieses Buches.

Was mich jedoch von hymnischer Begeisterung abhält, ist in diesem Fall die B-Note, sprich, die deutsche Fassung. Der Texte hätte durchaus noch eine Überarbeitung gebrauchen können. Zu sehr schimmert der englische Originaltext durch. Anglizismen wie „ich meine“, „ich bin/es ist okay“ oder „definitiv“ tauchen immer wieder auf, mir manchmal eine Spur zu häufig. Zudem sind manche Ausdrücke unfreiwillig amüsant, aber leider nicht sehr deutsch. So wird im Text Augusts Mutter der Blutdruck „abgenommen“ (schön wär’s ja, wenn wir den loswerden könnten, geht nur leider nicht…) und nicht gemessen,  eine der Figuren bekommt „schlechte Schwingungen“, anstatt schlechter Laune, und irgendjemand „gibt eine Umarmung“, anstatt einfach nur zu umarmen. Das mag sich jetzt pingelig anhören, aber mich haben diese sprachlichen Merkwürdigkeiten immer wieder aus der Geschichte gekickt. Und das finde ich schade, denn so musste ich immer wieder ganz bewusst über diese sprachliche Ebene hinwegsehen, um den Inhalt der wirklich reizenden Geschichte genießen zu können.

Wer sich an diesen sprachlichen Hindernissen nicht stört, trifft in Raquel Palacios Wunder aber auf jeden Fall einen bewunderungswürdigen Helden, von dem wir uns alle eine große Scheibe abschneiden können.

Raquel J. Palacio: Wunder, Übersetzung: André Mumot,  Hanser, 2013, 381 Seiten, ab 10, 16,90 Euro

Leben, Leiden, Lieben

gleitflug Wie viel Leid passt in einen Roman, ohne dass man sich als Leser völlig niedergeschmettert und deprimiert fühlt? Ziemlich viel, wie ich gerade nach der Lektüre von Anne-Gine Goemans Gleitflug feststellen konnte, den Andreas Ecke mit perfekter Leichtigkeit aus dem Niederländischen übersetzt hat.

Der 14-jährige Gieles leidet an der Abwesenheit seiner Mutter, die lieber in Afrika als Entwicklungshelferin unterwegs ist, als bei Mann und Sohn in Holland zu bleiben. Mehr und mehr bekommt der Junge über die lautstarken Telefonate von Vater und Mutter mit, dass es zwischen seinen Eltern nicht mehr so gut läuft. Daher ersinnt er das Geheimprojekt „Geniale Rettungsaktion 3032“. Die Nummer steht für den Flug mit dem die Mutter wieder nach Hause zurückkommen will. Gieles, der mit Vater und Onkel Fred gleich neben der Startbahn des Flughafens wohnt, will mit seinen zahmen Gänsen ein Manöver durchführen, mit dem er die Aufmerksamkeit der Mutter zurückerobert und schließlich als glänzender Held dasteht. Danach, so sein Wunschtraum, wird die Mutter ihn nie wieder verlassen.

Doch bis es soweit ist, muss der Junge die beiden Gänse noch ordentlich trainieren, damit sie auf der Piste genau seinen Anweisungen folgen und im rechten Augenblick vor dem landenden Flugzeug davonfliegen. Gieles schreibt daher einem französischen Gänseforscher, um dessen Expertenmeinung einzuholen. Nebenher surft er im Internet, chattet und verliebt sich dabei in ein gepierctes Mädchen, das sich im Netz „Gravitation“ nennt. Gieles ist dort als „Captain Sully“ unterwegs, nach seinem bewunderten Held, dem Piloten Sullenberger, der 2009 seine Maschine auf dem Hudson-River in New York notgelandet hatte.

Damit nicht genug, passt er auf die Kinder der griesgrämigen Nachbarin Dolly auf, bekommt zwei weitere Gänse, von der die größere verfressen und aggressiv, die kleinere jedoch ein Talent zum Tischtennisspielen hat, und lernt eines Tages den megadicken Lokalreporter Super Waling kennen. Der ist mit seinem Elektromobil in einem Feld steckengeblieben, und der Junge hilft ihm aus der Patsche. Zunächst ist es Gieles peinlich mit dem fetten Mann gesehen zu werden. Doch der ehemalige Geschichtslehrer kann zuhören, interessiert sich für Gieles‘ Gänse und versorgt den Jungen mit der spannenden Geschichte, der Trockenlegung des Polders auf dem sich jetzt der Flughafen erstreckt. Zwischen den beiden so ungleichen Menschen entsteht eine tiefe Freundschaft.

Eines Tages steht Gravitation, die eigentlich Meike heißt, vor der Tür. Sie ist von Zuhause abgehauen – und überhaupt nicht so alt, wie sie sich im Netz ausgegeben hat. Sie bleibt die Sommerferien über in dem Männerhaushalt. Gieles ist von der 14-Jährigen mit den Dreadlocks, der tätowierten Träne am Auge und ihrer Wut auf die Eltern total fasziniert. Egal, was Meike macht, sagt oder anhat, er kann kaum seine Erregung verbergen und träumt immer mehr davon, das Mädchen zu küssen und mit ihr zu schlafen. So gerät er mit seinem Geheimprojekt in Verzug. Und eines Tages verkündet seine Mutter auch noch, drei Wochen früher als geplant nach Hause zu kommen. Gieles Plan droht zu scheitern.

Eigentlich wäre die Geschichte um Gieles und seinen fast verzweifelten Versuch, die Familie wieder zu vereinen, schon Stoff genug für einen Coming-of-age-Roman, doch Anne-Gine Goemans versammelt hier eine ganze Reihe skurriler und liebenswerter Figuren, die alle ihr Päckchen zu tragen haben: Onkel Fred leidet an Kinderlähmung und kümmert sich rührend um den Haushalt; Dolly ist Witwe und mit ihren drei Kindern und dem Friseursalon völlig überfordert; Gieles Freund Toon spielt sich grad als Sexmacker auf, während dessen Mutter eine Brustkrebsbehandlung über sich ergehen lassen muss; Ellen, Gieles Mutter, berichtet ihm in Mails und am Telefon ständig vom Leid in Afrika; und Super Waling ist mit seinem extremen Übergewicht eine Figur zwischen Lächerlichkeit und Mitleid, die jedoch eine ungemeine Faszination ausübt. Diese Anhäufung von Leid auf engstem Raum, das zudem vom Fluglärm quasi übertönt wird, versprüht einen ganz speziellen Reiz. „Unter jedem Dach ein Ach“, könnte man sagen und es in diesem Fall alles als völlig übertrieben und zu dick aufgetragen empfinden. Doch dem ist nicht so. Mit ihren Sorgen und Wünschen spiegeln diese Figuren das pralle Leben in all seinen Facetten. Darin als pubertierender Jugendlicher seinen eigenen Weg zu finden, ist alles anderes als leicht, wie man an Gieles und auch an Meike ganz wunderbar miterleben kann. So entwickelt der Roman trotz – oder vielleicht gerade wegen – all diesem Leid eine Leichtigkeit, die den Leser quasi im Gleitflug durch diese liebenswerte Geschichte segeln lässt.

Anne-Gine Goemans: Gleitflug, Übersetzung: Andreas Ecke, Insel Verlag, 2012, 448 Seiten, 21,95 Euro

Lob der Freundschaft

die besten Freunde der WeltNeulich hörte ich einen für mich neuen Begriff: Helikopter-Eltern. Damit sind Väter und Mütter gemeint, die sich überführsorglich um das Wohl der Sprösslinge sorgen und ständig über sie wachen, damit ihnen ja kein Leid zustoße. Dass das auf die Dauer nicht immer hilfreich ist, kann man sich fast denken.

Nun ist mir zu diesem Begriff das entsprechende Kinderbuch unter die Nase gekommen: Die besten Freunde der Welt von Ute Wegmann. Darin erzählt die Autorin von Fritz und Ben. Ich-Erzähler Fritz hat ständig was um die Ohren, jeden Nachmittag Termine, Termine, Termine: Tennis, Fußball, Schlagzeugunterricht, Nachmittage im Park oder bei den Großeltern. Nur sonntags verbringt er ganz entspannt mit seinen Eltern und fragt sie Löcher in den Bauch. Ganz anders ist das bei Ben: Der hat gar keine Termine, geht nirgendwohin, liest dafür jede Menge Bücher und kann sich alles merken. Ben hatte als Baby einen Herzklappenfehler, und seine Mutter hat sich auch Jahre später noch nicht davon erholt und hält den Jungen von allem ab, was auch nur im Geringsten anstrengend sein könnte, obwohl er mittlerweile kerngesund ist. Dabei würde Ben gern Fußballspielen, Tennis lernen, mit der Schulklasse am Schwimmunterricht teilnehmen, das Seepferdchen machen und nicht immer am Rand sitzen und der ewige Außenseiter sein. Doch die Mutter verbietet es. Zum Glück gibt es Fritz, der seinen besten Freund dabei unterstützt, dem Radar dieser Helikopter-Mutter wenigstens ab und zu zu entfliehen. Und so versucht er, in der wenigen Zeit, die er zwischen seinen Terminen hat, Ben das Schwimmen beizubringen. Das ist nicht ganz einfach, denn Ben hat Angst vor Wasser. Doch ganz behutsam führt Fritz ihn an das nasse Element heran, von der Badewanne über das Babybecken im Schwimmbad bis zum großen Becken. Und auch wenn Ben seine Angst nur sehr langsam überwindet und immer wieder Rückschläge erlebt, verliert Fritz nie die Geduld und hält unerschütterlich zu ihm.  Alles passiert heimlich, ohne dass die Eltern der Jungen etwas mitbekommen. Und gerade das schweißt die beiden noch fester zusammen.

Ute Wegmann ist eine entzückende Hymne auf die Freundschaft gelungen, in der sie zwei völlig unterschiedliche Charaktere zusammenbringt, die sich durch nichts unterkriegen lassen. Sie zeigt, dass gute Freunde sich manchmal besser kennen und die Bedürfnisse und Wünsche des anderen viel nachhaltiger befriedigen können als Eltern. Dabei handelt es sich hier keinesfalls um Rabeneltern, sondern Wegmann porträtiert einen Eltern-Typus, der scheinbar gerade immer mehr in Mode kommt. Erwachsenen Lesern hält sie damit einen Spiegel vor, ihrer Zielgruppe, 8-jährigen Jungs, zeigt sie hingegen, dass man sich dem elterlichen Überwachungssystem mit Mut, Cleverness und Spaß auch mal entziehen kann und sollte. Denn das stärkt ganz klar das Selbstbewusstsein und macht stolz –schlussendlich auch die Eltern.

Sehr charmant finde ich in der Geschichte zudem noch die Mutter von Fritz. Ruby ist Britin, spricht ständig Englisch und ein nicht ganz korrektes, aber überaus apartes Deutsch. Ihre englischen Sätze bleiben zum Teil einfach so stehen, werden nicht sklavisch übersetzt, sondern erklären sich durch die Zusammenhänge der Szenen von selbst. Das grammatisch nicht korrekte Deutsch verpasst ihr einen authentischen Anstrich und macht sie zu einer total coolen Mutter-Figur.

Ergänzt wird der Roman von den zarten Illustrationen von Sabine Wilharm, die schon die deutsche Harry-Potter-Ausgaben gestaltet hat. Sie verleihen der Geschichte ein ganz muckeliges Gefühl – wie die Schlafanzüge der Jungs nach dem Baden …

Ute Wegmann: Die besten Freunde der Welt,  Illustrationen: Sabine Wilharm, dtv, Reihe Hanser, 2012, 205 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

 

John Green in Berlin

Eigentlich habe ich es ja nicht mit Autogrammen und dem Promi-Hinterherrennen, doch dieses Mal konnte ich einfach nicht anders. Und jetzt ist meine Presseausgabe von John Greens Roman Das Schicksal ist ein mieser Verräter mit der Unterschrift des Autors versehen. Irgendwie schön. Das Ganze passierte heute Abend auf dem 12. Internationalen Literaturfestival in Berlin, wo John Green seine Deutschland-Lesereise begann.

Ich war etwas zu früh im Haus der Berliner Festspiele, der Abend war noch lau und trocken. Als ich in den Garten schlenderte, saß er dort. In hellem Hemd, Jeans und Adidas-Turnschuhen. John Green himself. Ganz entspannt gab er ein Interview. Und anstatt die ersten Autogrammjäger fortzujagen, fing er an zu signieren und meinte: „Lieber jetzt schon, als später, wenn alle kommen.“ Ich nahm allen Mut zusammen, zumal ich mich für die Beantwortung meiner Fragen vor ein paar Wochen persönlich bedanken wollte. Er war so nett und erfreut, dass es mir regelrecht die Sprache verschlug, und ich irgendwas von „confused“ stotterte. Tzz. Er nahm es mit Humor und erzählte, dass er so jelaged sei und auch ganz confused … Nun, man sah es ihm nicht an. Auch nicht das Mammutprogramm, dass er einen Tag nach seiner Ankunft in Deutschland schon hinter sich hatte: Zwei Lesungen, Interview-Marathon, Aufnahmen mit einem Fernsehteam im Plänterwald. Das quietschende Riesenrad, das sich dort langsam gedreht hätte, würde so wunderbar zu der Vergänglichkeit in seinem Roman passen, wurde mir zugetragen.

Wenig später füllte sich der große Saal im Festspielhaus langsam. Etwa 250 Menschen drängten hinein, hauptsächlich junge Mädchen. Und als um 19.38 Uhr John Green auf die Bühne trat, brandete Jubel auf, als würde ein Popstar erscheinen. Doch er gebärdete sich ganz und gar nicht so, sondern setzte sich fast bescheiden auf seinen Stuhl. Einer launigen Vorstellung folgte die erste Lesung, zunächst John Green selbst auf Englisch, dann rezitierte Regina Gisbertz so mitreißend die deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz, dass der Autor ganz fasziniert an ihren Lippen hing und bekannte, dass er sich durch ihren Vortrag wieder genauso fühlte, wie in dem Moment als er das Buch geschrieben hatte.

Im Anschluss erzählte er von Empathie, die beim Schreiben wichtiger ist, als den richtigen Slang der Jugend zu treffen. Den hätte er selbst in jungen Jahren überhaupt nicht gesprochen und nie gewusst, worüber sich seine Altersgenossen so unterhielten. Doch das Mitgefühl für die Menschen, die an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden, für die sie nichts können, war ihm während des Schreibens wichtiger. Für ihn müssen die Emotionen der Figuren aus dem Bauch herauskommen, dann gelänge es auch, die Leser zu fesseln. So findet er es denn auch heroisch, wenn sich die Helden von der Stärke zur hin Schwäche entwickeln und nicht anders herum. In einer Welt, in der Stärke oder zumindest der Anschein von Stärke extrem weit oben rangiert, ist das eine ganz wunderbare Haltung, die er in seinem sechsten Roman perfekt umgesetzt hat.

Ansonsten hält er es mit dem ur-amerikanischen Konzept der Reise: Wenn etwas nicht richtig läuft, verreise. Die Reise als Problemlöser ist ihm wichtig. Nicht nur, weil er selbst gern verreist, sondern weil jede physische Reise auch immer eine emotionale Veränderung nach sich zieht, und so zumeist eine Reise zu sich selbst wird. Auch das spiegelt sich in Das Schicksal ist ein mieser Verräter ganz eindrücklich.

Die einzige Frage aus dem Publikum, die er mit einem kategorischen Nein beantwortete, war die, ob er je unter dem Pseudonym Peter Van Houten den Roman Ein herrschaftliches Leiden schreiben wird. Für diese große, intellektuelle Herausforderung sei er nicht gut genug, denn die Vorstellung von diesem Buch sei einfach unerreichbar. Das glaube ich ihm zwar nicht, aber auch er hat natürlich ein Recht, Fragen unbeantwortet zu lassen. Was ihn auf jeden Fall noch interessanter macht.

Fast ging es ein bisschen unter, dass es in seinem Buch auch um die Beziehung zwischen Autoren und Lesern geht. Und um die Dankbarkeit der Autoren gegenüber ihren Lesern. Diese Dankbarkeit könnten die Autoren nur sehr schwer äußern, behauptete er – doch John Green ist dies an diesem kurzweiligen Abend auf seine reizende, unaufgeregte, fast bescheidene Art perfekt gelungen!

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Übersetzung: Sophie Zeitz, Hanser Verlag, 2012, 287 Seiten, 16,90 Euro