Abschied auf Raten

AlzheimerHeute einmal ein Abstecher in eine erwachsene Eltern-Kind-Problematik, mit der sich immer mehr „Kinder“ wohl demnächst auseinandersetzen müssen. Denn glaubt man den neuesten Prognosen amerikanischer Forscher, wird sich in nicht allzu weiter Zukunft die Zahl der Demenz- und Alzheimerkranken verdreifachen. Das sind ziemlich düstere Aussichten, zumal es noch keine Heilung geht und auch die Auslöser noch nicht eindeutig geklärt sind. Was passiert, wenn ein Elternteil an Alzheimer erkrankt, kann man jetzt in der eindrucksvollen Graphic Novel Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich von Sarah Leavitt nachlesen und anschauen.

Alles fängt mit kleinen Merkwürdigkeiten an: Mutter ist verwirrt, bekommt die Schiebetür nicht mehr auf, vergisst den Weg zum Fluss. Noch denkt sich niemand in der Familie etwas dabei. Die Schwestern Sarah und Hannah wundern sich nur. Es soll zwei Jahre dauern, bis die Mutter die Diagnose Alzheimer bekommt. Mutter ist am Boden zerstört, doch noch ist sie sich selbst bewusst und kommt einigermaßen zurecht.
Nach und nach jedoch gehen ihr immer mehr Fähigkeiten verloren. Sie hat kein Hungergefühl mehr, der Geruchssinn funktioniert nicht mehr. Gleichzeitig ist sie jähzornig und aufbrausend. Zunehmend wird der Alltag schwieriger. Sie kommt immer weniger ohne fremde Hilfe aus. Ihr Ehemann und die beiden Töchter versuchen, die Aufgaben so gut es geht aufzuteilen. Die Belastungen werden für alle Beteiligte immer größer.
Mutter vergisst immer mehr, sie wird inkontinent, verändert sich auch charakterlich. Langsam, aber stetig verschwindet sie immer weiter aus dem alltäglichen Leben. Nach anfänglicher Trauer bei der Kranken, gerät sie irgendwann in eine Phase kindlicher Fröhlichkeit und vergisst so auch den eigenen Zustand. Für die Angehörigen hingegen wird es immer belastender. Mutter kann nichts mehr allein machen. Jeder Gang zur Toilette, jede Mahlzeit, jede Nachtruhe – alles muss von den Angehörigen und dem schließlich engagierten Pflegepersonal begleitet werden.
Für die Familie ist es ein Abschied auf Raten. Mutter erkennt schließlich weder den Ehemann noch die Töchter, und auch das Enkelkind bleibt ihr unbekannt. Gleichzeitig gibt es fröhliche und poetische Momente, in denen Mutter und Tochter den Schnee betrachten oder durch den Platzregen laufen. Sechs Jahre dauert das große Durcheinander, bis Mutter schließlich nicht mehr laufen kann, in ein Heim kommt und dort verstirbt.

Mit zarten schwarz-weißen Panels gelingt es Sarah Leavitt, einfühlsam und gleichzeitig tabulos die Krankheit der Mutter zu beschreiben. Sie spart nichts aus, nicht die unangenehmen Folgen der Inkontinenz, nicht die blauen Flecken, wenn die Mutter aus dem Bett fällt, nicht die Hilflosigkeit, die sich bei den Angehörigen immer mehr ausbreitet. Das einst unabhängige Leben der erwachsenen Töchter dreht sich immer mehr um das Wohlbefinden der Mutter. Alzheimer trifft folglich nicht nur den Erkrankten, sondern immer auch die Familien. Das zeigt Leavitts autobiografische Graphic Novel ganz eindrücklich. Sie illustriert nicht nur das Einzelschicksal ihrer Mutter, sondern informiert dabei auch über alle Facetten der Krankheit und die Folgen für die Familien. Die Lektüre ist daher nicht unbedingt eine unterhaltsame Sache, doch hat diese Geschichte etwas sehr Tröstendes für alle Beteiligten. Sie erzählt von tiefen Gefühlen, von Liebe und Zusammenhalt. Und das ist einfach schön.

Sarah Leavitt: Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich, Übersetzung: Andreas Nohl, Beltz,  2013, 128 Seiten, 19,95 Euro

Der coolste Comic der Welt

Jimmy CorriganVor einer Woche stand ich im Gropiusbau in Berlin und wollte mir Scott McCloud und Chris Ware anhören. Ich war naiv. Ich hatte zu spät von dem Comic-Gipfeltreffen erfahren und keine Karten reserviert. Ich hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass die beiden Meister der Comic-Szene so dermaßen beliebt sind. Da stand ich also und kam nicht rein. Ich hätte es besser wissen können. Scott McCloud kannte ich seit meiner Dissertation und das ist mittlerweile gute zehn Jahre her.

Von Chris Ware, der von Art Spiegelman entdeckt worden war, und Jimmy Corrigan hatte mir vor Jahren ein Freund erzählt, in andächtiger Verehrung. Das ging bei mir damals in das eine Ohr rein, ins andere raus. Jaja, dachte ich, red du nur, du und deine merkwürdigen Alternativ-Comics. Was war ich für eine Ignorantin. Damals gab es Jimmy Corrigan nur auf Englisch, und ich war schlichtweg zu faul, mich damit zu beschäftigen. Mir ist Großes entgangen. Ich streue Asche auf mein Haupt und gelobe Besserung. Und damit fange ich heute, am Indiebookday an.

jimmy corrigan

Jimmy Corrigan ist nun im Berliner Reprodukt Verlag erschienen, der sich langsam zu meinem Lieblings-Comic-Verlag entwickelt, nachdem vor kurzem dort Lukas Jüligers beeindruckender Comic Vakuum herausgekommen ist.

Seit vergangenem Freitag, als ich unverrichteter Dinge den Gropiusbau wieder verlassen habe, ist Jimmy Corrigan in so gut wie allen Zeitungen hymnisch rezensiert worden. Zunächst dachte ich noch, dass ich da nicht noch etwas zu beitragen müsste. Aber ich will es nun doch tun, denn die Gesichte von Jimmy Corrigan ist ergreifend bis ins Mark. Heute habe ich es natürlich nicht geschafft, die über 380 Seiten bis zur letzten zu lesen. Doch schon das erste Drittel macht klar, worum es hier geht: Jimmy, der so merkwürdig alt aussehende Erwachsene, ist ein armer, verlassener Tropf. Zwischen einer nervenden Übermutter und einem Vater, den er jetzt erst kennenlernt und der sensibel wie ein Bulldozer ist, versucht der absolute Anti-Held, das Leben zu meistern, vielleicht doch eine Frau zu erobern. Seltsame Träume und Erinnerungen an unschöne, zum Teil auch traumatisierende Kindheitserinnerungen verweben sich mit seiner Gegenwart. Irgendwie mag man ihn in seiner trantütigen Art nicht und gleichzeitig tut er einem unglaublich leid, wenn der Vater ihn als Fehler bezeichnet und Jimmy in seinem eigenen Kosmos versteht, er wäre der einzige Fehler des Vaters gewesen. Er hört immer das, was er hören will. Als Leser befindet man sich in einer beständigen Ambivalenz zwischen Faszination, Voyeurismus und Entsetzen. Die psychologische Dimension und Tiefe dieses „Rührstücks in anschaulichen Piktogrammen“ ist tatsächlich verehrungswürdig. Die Warnung: „Die Lektüre des vorliegenden Werks ist nicht sonderlich aufschlussreich – trotz aller Bemühungen“ ist eine glatte Untertreibung. Denn selten habe ich über das Leben, über Eltern-Kind-Beziehungen und kindliche Prägungen so kompakt und so kompetent etwas erfahren wie hier (und das nach nur einem Drittel des Werks).

Die geschickte Verwebung des Plots von Jimmys Gegenwart und der Vergangenheit seiner Vorfahren ist eine Herausforderung, die mich in den nächsten Tagen noch beschäftigen wird.
Eine Herausforderung ist auch das Entziffern der Sprechblasen. Die dick schwarz umrandeten Panels sind teilweise nur briefmarkengroß – ich muss mich ernsthaft mit dem Gedanken anfreunden, dass für mich die Zeit für eine Lesebrille gekommen ist -, aber sie sind so klar gezeichnet und koloriert, dass man nicht mehr davon lassen kann. Diese Panels fordern ein genaues Lesen, so kann innerhalb von vier Bildern ein altes Haus verlassen werden, verfallen und abgerissen werden. Ist man hier zu schnell, überliest man die wortlosen Feinheiten. Bestechend sind die Farben. Jede Seite präsentiert sich in einem neuen harmonischen Ton. Egal ob quietschbunt oder gedeckt monochrom, es ist immer irgendwie schön.

Die Übersetzung von Heinrich Anders und Tina Hohl wird diesem Meisterwerk in jedem Satz gerecht. Das trockene Verlegenheitshusten – öchö – der Corrigans ist genial. Das hätte mir das Original vielleicht nicht geschenkt. Das versöhnt mich ein kleines bisschen mit meiner eigenen Trantütigkeit gegenüber Chris Wares Arbeit. Jedenfalls bin ich total glücklich, den Indiebookday mit Jimmy Corrigan zu feiern – denn jede Seite ist ein wunderbares Fest!

Chris Ware: Jimmy Corrigan – Der Klügste Junge der Welt, Übersetzung: Heinrich Anders und Tina Hohl, Reprodukt, 2013, 384 Seiten, 39 Euro

 

Die Leere in uns

lukas jüligerIch habe ein neues Lieblingswort: Mitnehmbrote. Es steht im ersten Satz der Graphic Novel Vakuum von Lukas Jüliger. Damit hatte er mich. Anfangs dachte ich allerdings, ich würde mir den Abend mit einer netten Teenager-Liebesromanze versüßen. Ich hätte mich nicht mehr täuschen können und hätte nicht mehr überrascht und beeindruckt werden können als von dieser Story.

In melancholisch-gedämpten Pastelltönen und zarten Schraffuren erzählt Lukas Jüliger die Geschichte von drei Jugendlichen auf der Schwelle zum Erwachsenenwerden. Der Protagonist, ein namenloser Ich-Erzähler mit Paul-Weller-Gedächtnisfrisur, hält sich für den langweiligsten Menschen der Welt. Er hängt die meisten Zeit mit seinem Freund Sho herum. Der jedoch ist nach dem Rauchen einer Psycho-Pflanze in tiefste Depressionen verfallen. Er spricht kaum noch, liegt nur in der Gegend herum oder zerstört und verbrennt seine Sachen. Der Protagonist schaffte es nicht, ihn aus seiner Erstarrung zu holen.
Eines Tages spricht Sie, eine namenlose Mitschülerin, den Jungen an, und im Laufe einer Woche, in der der Sommer zu Höchstform aufläuft, verliebt er sich rettungslos in ihren Duft, erlebt die Liebe und schöpft Hoffnung, das langweilige Leben in der Kleinstadt hinter sich lassen zu können.
Doch dann passieren schreckliche Dinge: Das angesagteste Hip-Mädchen der Stadt wird von einem Mitschüler vergewaltigt. Der begeht hinterher in einem Getreidefeld Selbstmord. Der Protagonist und Sie gehen zusammen mit anderen Jugendlichen heimlich ins Leichenschauhaus, machen Handy-Fotos von dem obduzierten Jungen, besichtigen den Tatort und treffen dort auf den geschockten und ideologisierten Bruder des Selbstmörders, der den beiden den Weltuntergang prophezeit.
Während all dieser an sich schon deprimierenden Geschehnisse, stellt Sie den Protagonisten immer wieder auf eine harte Probe. Nach gemeinsam verbrachten Stunden am Abend verschwindet Sie immer wieder. Zunächst sagt Sie ihm nicht, wohin Sie geht. Irgendwann folgt er ihr. Sie zeigt ihm ihr Geheimnis, das sich unter einem alten Wohnwagen in einer Erdhöhle befindet: eine mysteriöse, surreale Körperöffnung von einem nicht näher erkennbaren Wesen. Dort legt Sie sich zwei Mal am Tag hin und verspürt tiefstes Glück. Ein Glück, das abhängig macht. Er probiert es aus und verfällt ihm ebenfalls.
Der Protagonist schöpft Hoffnung, dass dieses beglückende Etwas Sho aus seiner Depression holen kann. Doch statt der Heilung, überkommt Sho eine brutale Aggressivität, und er meuchelt das Wesen. Danach fällt er im Haus des Protagonisten wieder in katatonische Starre. Eine Erlösung gibt es für ihn nicht. Und auch nicht für die beiden Verliebten, die sich in dieser merkwürdigen Nacht leidenschaftlichem Sex hingeben. Denn am nächsten Morgen taucht der Bruder des toten Mitschülers mit einer Pistole in der Schule auf.

Das ist, zugegebenermaßen, alles sehr harter Stoff und sicher nicht für jeden geeignet. So eine düstere und hoffnungslose Darstellung der aktuellen Gefühlswelt der Jugend habe ich eigentlich noch nie gelesen. Die Lage der drei Hauptfiguren ist aussichtslos, selbst die Liebe spendet keinen Trost mehr. Als Leser gerät man in einen Sog aus Mitgefühl für die Jugendlichen, die in spießigen Normalo-Familien groß werden, Hoffnung, sie mögen gemeinsam einen Ausweg aus der Leere finden, und Faszination für dieses mysteriöse Etwas im Erdloch.
Dieses Etwas, das einem Anus gleicht, wirft jede Menge Fragen auf, die nicht zu lösen sind. Ketzerisch könnte man vermuten, dass hier eine bildliche Umsetzung des Ausdrucks von „voll am A**** sein“ auf eine skurrile Spitze getrieben werden sollte. Denn diese Etwas ist der Ort, wo sich der Protagonist und Sie am glücklichsten fühlen. Die Welt draußen kann da nicht mithalten. Und das ist eine verdammt bittere Absage an die Realität.

In Vakuum erzählt Jüliger von der Leere in uns und in der Gesellschaft. Die dick schwarz umrandeten Panels tragen Trauer und übertragen das Gefühl der Leere direkt auf den Leser. Man fragt sich unweigerlich: Was ist das Leben? Eine Antwort darauf erhält man hier nicht, die muss sich eh jeder selbst suchen. Aber man bekommt quasi einen Tritt in den Allerwertesten, den nachfolgenden Generationen mehr „Mitnehmbrote“ zu machen, die für Aufmerksamkeit, Zugewandheit, Fürsorge und ein erfülltes Leben stehen.

Was neben der heftigen Story richtig Freude macht, ist die grafische Umsetzung: Jüliger versteht es vorzüglich, die Gesten und den Habitus der Jugendlichen darzustellen. Köstlich, wie die Girlies Handys und Handtaschen umkrallen. Die zarte Annäherung der beiden Liebenden ist wunderschön anzusehen und geht richtig ans Herz. Die Schraffuren entwickeln einen Sog und eine schräge Dynamik, die in manchen Panels an Edvard Munch erinnern. Dann möchte man schreien – gegen all diese Leere.

Die surreale Verwirrung in dieser Geschichte ist grandios, aber genau darin liegt die Grandezza dieses fantastischen Comic-Debüts von Lukas Jüliger. Bleibt nur, sich mehr von solchen im Besten Sinne anstößigen und aufrüttelnden Geschichten zu wünschen.

Lukas Jüliger: Vakuum, Reprodukt, 2013, 112 Seiten, ab 18, 20,00 Euro

Art Spiegelman packt aus…

metamaus art spiegelmanLange ist es her, dass ich den Comic Maus  von Art Spiegelman in den Händen hatte. Doch jetzt musste ich die beiden Bände (ich habe noch die „Originalausgaben“ aus den 90er Jahren) aus dem Regal ziehen und mich erneut in diese schreckliche Geschichte versenken. Wieder war ich gebannt und erschüttert, genau wie vor 20 Jahren, als ich zum ersten Mal von den Erlebnissen von Spiegelmans Eltern in Auschwitz  gelesen habe. Auslöser für die Neulektüre ist das Buch MetaMaus, ebenfalls von Spiegelman, das jüngst auf Deutsch (in der Übersetzung von Andreas Heckmann) erschienen ist.

Hierin gibt Spiegelman Einblicke in die Entstehung von Maus und seine Arbeitsweise, denn mittlerweile hat er es wohl satt, die immergleichen Fragen zu seinem Opus Magnum zu beantworten. Daher hat er Hillary Chute, Professorin an der Universität von Chicago, in langen Gesprächen die die drei wichtigsten Fragen beantwortet: Warum der Holocaust? Warum Mäuse? Warum Comics?

Spiegelman holt dafür ausführlichst aus – man wird dabei ständig auf die Parallele zu den Gesprächen mit seinem Vater Wladek gestoßen, die er für Maus geführt hat. Zugleich hat er sein Archiv mit Familienfotos, ersten Maus-Skizzen, Entwürfen, Bildern, Büchern und Zeichnungen geöffnet, die ihn selbst bei seiner Arbeit inspirierten. So hat man mit MetaMaus nun beides vor sich: ein Bilderbuch, zum Blättern und Schauen, mit z.T. in Deutschland unveröffentlichten Comic-Strips von Spiegelman, und eine Dokumentation, wie Maus in 13 Jahren Arbeit aus einer kleinen dreiseitigen Urfassung zu einem der wichtigsten Bücher über die Judenverfolgung und den Holocaust geworden ist.

maus art spiegelmanDer Comiczeichner, der weiterhin von Maus als Comic spricht und sich nicht der Umetikettierung auf Graphic Novel anschließt, ja diese Begrifflichkeit eher verabscheut, berichtet von seinem Hadern, nicht nur mit dem Vater, sondern viel mehr auch mit den zeitgeschichtlichen Widrigkeiten der 70er- und 80er-Jahre, als die Aufarbeitung des Holocaust noch keine Selbstverständlichkeit war. Er fürchtete sich vor der Banalisierung des eigentlich Unaussprechlichen und vor der Verkitschung des Genozids. Dass er diesen Fallstricken gekonnt ausgewichen ist, erkennt man nun beim dem wissenden Neu-Lesen noch deutlicher.

Aber MetaMaus ist mehr als ein Werkstattbericht. Es ist eine Hommage an die amerikanische Comic-Geschichte, in der Spiegelman Krazy Kat, Little Nemo und Disneys Kreaturen seine Aufwartung macht. Zudem zeigt sich im Laufe von Spiegelmans Berichten und Erklärungen, dass sich ein Werk irgendwann von seinem Schöpfer emanzipiert und Deutung anderer Leser und Kritiker zulässt und sogar bestätigt. Hat Scott McCloud 1993 mit Comics richtig lesen die formale Entstehung eines Comics genauesten erklärt und analysiert, so entwickelt Art Spiegelman hier quasi ein Lehrbuch, wie man einen Comic inhaltlich erarbeitet und daraus formale Entscheidungen fällt.

MetaMaus liegt eine DVD, die neben der digitalisierten Form von Maus mit weiterem umfangreichen Material ausgestattet ist. Beeindruckend sind die englischen Tonbandaufnahmen von Spiegelmans Gesprächen mit seinem Vater (im Buch sind die übersetzten Transkripte abgedruckt). Wladeks Stimme bringt dem Hörer sein Schicksal und die Schrecken des Holocaust ganz nah. Man ist geschockt und berührt: Geschockt von dem Horror, den Spiegelmans Eltern überlebt haben; berührt von Art Spiegelmans Leistung, sich über lange Jahre mit seinem Vater so intensiv auseinandergesetzt zu haben. Man fragt sich, was heldenhafter war – seinen Vater auszufragen, zum Reden zu bringen, sich seine Geschichte in aller Ausführlichkeit anzuhören – oder die anschließende Auseinander- und Umsetzung in zutiefst bewegende Bilder. Eins ist ohne das andere nicht denkbar, so wie ab jetzt Maus ohne MetaMaus nicht mehr lesbar ist.

Mit MetaMaus hat Art Spiegelman ein Grundlagenwerk geschaffen – und das nicht nur für die Comic-Forschung, sondern auch für den Umgang mit dem Holocaust und seine Aufarbeitung. Ein Muss also nicht nur für Maus-Fans …

Art Spiegelman: MetaMaus. Einblicke in Maus, ein moderner Klassiker. Übersetzung: Andreas Heckmann, Fischer Verlag, 2012, 298 Seiten mit DVD, 34,00 Euro

Art Spiegelman: Die vollständige Maus. Die Geschichte eines Überlebenden. Mein Vater kotzt Geschichte aus; Und hier begann mein Unglück. Ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize 1992, Fischer Verlag, 2010, 293 Seiten, 14,95 Euro

Mauergeschichten

Berlin geteilte StadtSeit ich in Berlin wohne, üben Geschichten über diese Stadt einen fast unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Wenn sie dann noch in Comic-Form daherkommen, kann ich gar nicht anders und muss zugreifen. So habe ich nun auch das neueste Werk von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler aufgesogen: Berlin – Geteilte Stadt.

In fünf Geschichten, die allesamt auf wahren Begebenheiten beruhen, umreißen die Comic-Macher die Zeit vom Mauerbau im Sommer 1961 bis zum Mauerfall vor 23 Jahren. Sie erzählen Schicksale vom fast verpassten Abitur, von Mauertoten, Flucht per Seilwinde, Stasi-Opfer und einem ganz besonderen 18. Geburtstag.

In klaren, schnörkellosen Schwarzweiß-Zeichnungen führen Buddenberg und Henseler die Leser detailgenau durch die Stadt und greifen dabei auch auf Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis des Mauerbaus zurück. So zeigen sie das Gezerre an der alten Dame, die in der Bernauer Straße aus einem Haus in den Westen flüchten will. Oben die DDR-Grenzbeamten, unten hilfsbereite Westberliner. Ähnliches beim Mauerfall: Menschenmassen vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße, Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Älteren Lesern haben sich diese Bilder unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt und stellen dramatische oder erfreuliche Wiedererkennungseffekte bei der Lektüre da.

Die Episoden aus dem geteilten Berlin sind zwar kurz – und für Comic-Süchtige eher nur Appetithappen – doch zeigen sie essenzielle Momente der vergangenen 50 Jahre. Jugendliche Leser, die sich dem Thema deutsche Teilung jenseits der Schulbücher annähern möchten, finden hier die nötigen Eckdaten. Zwischen den Comic-Kapiteln haben die Autoren in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Berliner Mauer die historischen Fakten umrissen, so dass die Zusammenhänge und Hintergründe der Ereignisse perfekt eingeordnet werden können.

Susanne Buddenberg und Thomas Henseler, die mit Grenzfall bereits einen Comic über die SED-Diktatur gezeichnet haben, erzählen auch hier wieder sehr akkurat die kleinen, sehr persönlichen Geschichten, die man fast als unspektakulär bezeichnen möchte, wenn einem nicht im selben Moment einfällt, dass sie durch die Umstände und die politischen Entwicklungen alles andere das waren. Und es kann nicht oft genug an sie erinnert werden.

Berlin feiert dieser Tage seinen 775. Geburtstag. 28 Jahre davon werden in diesem Band gewürdigt, und es wird an das Jubiläums-Konzert vor dem Reichstag im Jahr 1987 im Zuge der 750-Jahr-Feier erinnert – so etwas ist für dieses Jahr nicht geplant, umso schöner, quasi als kleines Geburtstagsgeschenk, visuell noch einmal ansatzweise daran teilnehmen zu können.

Wenn ich mir etwas von dem Autoren-Duo wünschen könnte, wäre es ein weiterer Historien-Comic, sei es über die DDR oder über ein anderes Kapitel der deutschen Geschichte – dann aber bitte im XXL-Format und ohne didaktischen Anspruch, der der Lektüre dieses ansonsten total gelungenen Bandes einen etwas strengen Beigeschmack verleiht.

Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten, avant-verlag, 2012, 97 Seiten, 14,95 Euro

Geschmackvoll

Manchmal fragt man sich bei bestimmten Produkten der Kulturszene, was die Macher wohl so eingeworfen, geraucht, gesnifft oder sich womöglich gespritzt haben, während sie an dem jeweiligen Werk zugange waren. Da scheint der Wahnsinn vom Irrsinn befallen – und das wird im besten Fall zu einer sehr vergnüglichen Sache. Wie im Fall der aberwitzigen Comic-Serie Chew – Bulle mit Biss! von John Layman und Rob Guillory.

Nach der weltweiten Vogelgrippe mit Millionen von Opfern herrscht in den USA Hühnerprohibition. Sämtliche Hühnerprodukte und –speisen sind verboten, und die Lebensmittelbehörde FDA, die Food and Drug Administration, wacht scharf darüber, dass das Verbot auch eingehalten wird. Zu den Agents der FDA gehört Tony Chu. Chu ist ein so genannter Cibopath, mit anderen Worten, er schmeckt bei allen Lebensmitteln heraus, wo sie gewachsen oder hergestellt, mit was sie gespritzt, behandelt, bearbeitet wurden – oder auf welche schrecklichen Arten die verarbeiteten Tiere abgeschlachtet wurden. Chu isst daher wenig und wenn am liebsten Rote Bete, denn bei der spürt er nichts dergleichen.

Aufgrund seiner Gabe wird Chu bei der Aufklärung von Verbrechen und Morden eingesetzt. Denn sein cibopathisches Gespür hilft auch bei seltsamen Todesfällen. So muss der arme Kerl in schon lang verweste Kadaver beißen, Blut schlecken und echt widerliche Dinge in den Mund nehmen. Nichts für Zartbesaitete. In bereits vier Bänden jagt er nun schon zusammen mit seinem Partner John Hühnerschmuggler, kämpft gegen das Böse, klärt Morde auf und verliebt sich ganz neben bei in Amelia Mintz. Die Restaurantkritikerin ist Saboskripterin und besitzt die Fähigkeit alle Geschmäcker so in Worte zu fassen, dass die Leser die beschriebenen Speisen schmecken können – oder von ihren Beschreibungen das Würgen bekommen. Eine solche Gabe wünsche ich mir gerade, um den Irrwitz dieser megacoolen Comics angemessen würdigen zu können …

Die 2011 mit dem Eisner-Award als beste Comic-Serie ausgezeichnete Reihe sprüht nur so von durchgeknallten Ideen, um Lebensmittelherstellung, Hühnerwahnsinn, illegalen Eierhandel (mit dem man mehr Schotter macht, als mit Heroin-Verkäufen), außerirdischen Geschmacksbomben, Aliens und debilen Kochshows. Die Kampfszenen sind durchaus gewalttätig und das Blut spritzt bisweilen ziemlich weit, weshalb diese Comics nichts für schwache Nerven und nicht für unter 18-Jährige geeignet sind. Die Macher haben herrlich bei Filmen wie Terminator oder Pulp Fiction gewildert. Ganz sicher gibt es aber noch weit subtilere Anspielungen, für die ich aber wahrscheinlich zu ungebildet bin. Jedenfalls entdeckt man auf fast jeder Seite extrem Abstruses und Skurriles.

Wunderbar rotzig sind die Übersetzungen von Marc-Oliver Frisch, der den rüden Bullenton mit schön derben Schimpfwörtern perfekt trifft.

Neben dem Spaß an der Sache ist allerdings eine Nebenwirkung nicht ausgeschlossen: Man denkt ernsthaft nach, Vegetarier zu werden – falls man das nicht schon ist.

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss!, Band 1: Leichenschmaus, Band 2: Reif für die Insel, Band 3: Eiskalt serviert, Band 4: Flambiert, Übersetzung: Marc-Oliver Frisch, Cross Cult, 2011/2012, je 16,80 Euro

Seelenqualen und Augenschmaus

steamnoirDunkle Gestalten, dunkle Machenschaften, düstere Geheimnisse, Abgründe der Vergangenheit – der zweite Teil von Steam Noir geht in die Vollen. Wurde im ersten Teil die Ätherwelt von Landsberg und das Protagonisten-Trio um den Bizzaromanten Heinrich Lerchenwald,  Forensikerin Frau D. und Ermittlungsleiter Herrn Hirschmann vorgestellt, so entspinnen sich jetzt neue Handlungsstränge. Die sorgen zunächst mal für Verwirrung und machen eine Zweit- und Drittlektüre sinnvoll. So steigert sich natürlich die Freude in diesem so megacoolen Steampunk-Comic noch länger und intensiver schmökern zu können.

Immer noch sind Lerchenwald, Hirschmann und Frau D. auf der Suche nach dem Kupferherz. Dieses Mal fällt der Verdacht auf Olivier Presteau, renommierten Prothesenhersteller, der versehrte Zeitgenossen zu Maschinen-Menschen macht – und dabei manchmal über das Ziel hinausschießt. Die Nachforschungen klären jedoch nichts, sondern werfen weitere Fragen auf. Zudem wird Lerchenwald wegen Fahrlässigkeit abgemahnt, der Leonardsbund vernichtet in faschistoider Manier Seelen, anstatt sie auf ihre Toteninsel zurückzuschicken, und die Blinden Tage sollen das Land früher als berechnet erreichen. Die weiteren Tiefgründigkeiten und den hammerharten Paukenschlag am Ende werde ich hier natürlich nicht verraten.

Ohne den ersten Band gelesen zu haben, hört sich das Ganze ziemlich gaga an – aber es passt durchaus alles zusammen und schürt erneut die Spannung, wie diese irre Geschichte wohl weitergeht. Alle, die in diese Steam-Noir-Welt einsteigen möchten, sollten dies auf jeden Fall mit dem ersten Band machen, sonst bleibt das Verständnis für diese ungewöhnliche Welt und ihre Zustände auf der Strecke.

Für Text und Story ist ab diesem Teil Verena Klinke verantwortlich. Der Plot fesselt vom ersten Panel an, die Dialoge sind  von der ersten Sprechblase scharfsinnig und stimming. Die Fußstapfen ihres Vorgängers Benjamin Schreuder füllt Verena Klinke souverän aus. Die sepia-braun-grauen Panels und Zeichnungen von Felix Mertikat faszinieren erneut in ihrer Detailgenauigkeit und Phantastik. Die Farben von Jakob Eirich setzen blutrote und fluoreszierende neongrüne Akzente und polieren die Dampfmaschinen auf überaus plastischen Hochglanz. Und Sammy the Scissors die Kleider von Frau D. entwerfen zu lassen rundet dieses visuelle Feuerwerk zu einem wohldurchdachten und perfekt durchkomponierten Gesamtkunstwerk ab.

Ergo, der zweite Band von Steam Noir übertrifft meine Erwartungen, die ich nach dem ersten hatte, um Längen. Eine extrem gelungene Fortsetzung!! Möge Band 3 nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Felix Mertikat/Verena Klinke/Jakob Eirich: Steam Noir. Das Kupferherz, Band 2, Cross Cult, 2012, 60 Seiten, 16,80 Euro

Endlich.

buddha 40 Jahre nach dem ersten Erscheinen in Japan bringt der Hamburger Carlsen Verlag nun den Manga Buddha von Osamu Tezuka heraus. Besser spät als nie, könnte man anfügen.

Doch vielleicht braucht auch alles seine Zeit, um angemessen gewürdigt zu werden. Carlsen veröffentlicht Tezukas Werk jedenfalls unter dem Label „Graphic Novel“, was vor ein paar Jahren wahrscheinlich nicht denkbar gewesen wäre.

Die Umetikettierung von Comics in Graphic Novel ist ein Phänomen der vergangenen Jahre und zeigt, wie sehr in deutschen Köpfen eigentlich immer noch das Vorurteil gegen den „Schund“ der Bildergeschichten herumgeistert. Comics, das sind Donald Duck, Micky Maus, Tim und Struppi, Asterix und Obelix – und somit angeblich nur was für Kinder (Donaldisten mal ausgenommen). Graphic Novels hingegen sind erwachsen, anspruchsvoll, gebildet und cool – also genau richtig für vermeintlich fortschrittliche Hipster. Und so verkaufen sich Comics und Mangas unter dem neuen Genre-Namen plötzlich besser und sind en vogue.

Auch wenn ich über diesen „Etikettenschwindel“ manchmal noch den Kopf schüttele, so soll er mir doch recht sein, wenn dadurch Bildergeschichten wie die von Osamu Tezuka endlich wertgeschätzt und ins Deutsche übersetzt werden.

Tezuka, der Schöpfer von Astro Boy und Kimba, der weiße Löwe, wird in Japan als „Gott der Manga“ verehrt. Ein Stellenwert, den hierzulande kein Comic-Zeichner bis jetzt erreicht hat. Seit ich vor Jahren Tezukas Pentalogie Adolf verschlungen habe, gehört er zu meinen persönlichen Favorits. Dementsprechend gespannt war ich auf den ersten Teil seiner Buddha-Biografie – und bin jetzt mal wieder so richtig angefixt.

In dynamischen Bildern, kräftigen Strichen und abwechselungsreichen Panels erzählt er in Band 1 von einer zutiefst ungerechten, hierarchischen Gesellschaft, in der das Kastensystem vor allem die Ärmsten der Armen knebelt. So hoffen die Menschen auf einen Erlöser, der sie aus ihrem unverschuldeten Elend befreien soll. Der Mönch Naradatta wird ausgeschickt, nach diesem Auserwählten zu suchen. Er trifft die Jungen Tatta und Chapra, die aus den untersten Kasten stammen. Gemeinsam entkommen sie mordenden Soldaten und gelangen in die Stadt Kapilavastu. Dort mehren sich die Anzeichen, dass ein Wunder kurz bevorsteht. Wenig später bringt Prinzessin Maya ihren Sohn Siddhartha zur Welt.

Wohin die Erzählstränge um Naradatta, Tatta und Chapra führen werden, bleibt in diesem ersten von insgesamt zehn Teilen natürlich unbeantwortet. Doch Tezukas humanistischer Anspruch ist schon hier sehr eindrücklich zu spüren. Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit stellt er an den Pranger. Dass er diese Geschichte vor über 40 Jahren gezeichnet hat, ist dem Werk in keinem Panel anzusehen, viel mehr reißen die augenzwinkernden Anspielungen auf die Gegenwart den Leser immer wieder aus der erzählten Zeit heraus und verweisen darauf, dass die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft auch 2500 Jahre nach Buddha immer noch die Welt regieren.

Man muss kein Buddhist sein, um den Wert dieses Mangas schätzen zu können. Mit Band 1 startet ein beeindruckendes Werk der grafischen Literatur, das in keiner Comic-Sammlung fehlen darf. Nur gut, dass die nächsten Bände in kurzen Abständen erscheinen – dann dauert die Qual des Wartens nicht allzu lange.

Osamu Tezuka: Buddha, Bd.1 Kapilavastu, Übersetzung: John Schmitt-Weigand, Carlsen Verlag, 2012, 310 Seiten, 22,90 Euro

Pflicht der Erinnerung

rosa winkelEigentlich hatte ich die Graphic Novel Rosa Winkel als leuchtendes Beispiel für gelungene Geschichtsaufarbeitung vorstellen wollen. Doch nachdem dieser Tage in St. Petersburg zwei Homosexuelle festgenommen wurden, weil sie sich offen zu ihrer sexuellen Neigung bekannt haben, hat die folgende Geschichte an trauriger Aktualität gewonnen.

Comic-Autor Michel Dufranne erzählt zusammen mit Comic-Zeichner Milorad Vicanovic und Kolorator Christian Lerolle die Geschichte des schwulen Andreas, der Anfang der 1930er Jahre in Berlin lebt. Er arbeitet als Werbezeichner, feiert, genießt das Leben, hat ein Verhältnis mit einem SA-Mann und sieht dem Aufstieg der Nazis eher gelassen entgegen. Anders seine Freunde, die durchaus den Umschwung gegenüber Homosexuellen spüren und vor Repressalien warnen.

So dauert es auch nicht lange, bis Andreas denunziert wird, Drohbriefe erhält, seinen Job verliert und eingeknastet wird. Die Behörden machen ihm das „Angebot“, sich kastrieren zu lassen. Andreas geht nicht darauf ein und erträgt viel mehr die Demütigungen und die Gewalt der Zellengenossen und Polizisten.

Als er nach vierzehn Monaten entlassen wird und glaubt, alles überstanden zu haben, steht plötzlich die Gestapo vor seiner Tür. Der Schrecken geht weiter und findet seine Steigerung im KZ Sachsenhausen, in das Andreas gebracht wird. Auch das übersteht er, jedoch als gebrochener Mann. Nach dem Krieg hofft er auf Anerkennung als Opfer der Nazi-Verfolgung, doch er muss feststellen, dass eine Inhaftierung aufgrund des Paragraphen 175 nicht als entschädigungswürdig angesehen wird. Denn die Entschädigung sei „für die echten Opfer vorgesehen“. Eine Feststellung die eigentlich schlimmer und verletzender ist, als die erlittenen Schmerzen vorher, und bei der man als Leser selbst heftig schlucken muss.

Auch im Nachkriegsdeutschland findet Andreas keine Ruhe und muss sich in eine Scheinehe mit einer lesbischen Freundin flüchten, um unbeschadet leben zu können. Die neugegründete Bundesrepublik behält 1949 den Paragraphen 175 immer noch bei. Das ist zuviel für Andreas und seine Frau. Sie gehen nach Frankreich.

Dem französisch-bosnischen Comic-Trio ist hier eine eindrucksvolle und zutiefst berührende Geschichte über die Verfolgung von Homosexuellen in der Nazizeit gelungen. Eingebettet in eine Rahmengeschichte der Gegenwart, sind die Kapitel schon durch ihre unterschiedliche Koloration eindeutig markiert: Das bunte Heute, wechselt zur sepiagehaltenen Schilderung der „Braunen Jahre“, um schließlich in den „Schwarzen Jahren“ zum ultimativ bedrückenden Schwarzweiß zu werden.

Ein kurzer Abriss zur Geschichte des Paragraphen 175 und der Diskriminierung Homosexueller klärt am Ende darüber auf, dass dieser schändliche Paragraph erst 1994 im wiedervereinten Deutschland endgültig abgeschafft wurde.

Rosa Winkel ist eine bewegende Erinnerung an das Unrecht, das Schwulen und Lesben angetan wurde, und eine Mahnung, so etwas nicht zu vergessen und vor allem nie wieder zu dulden. Auch nicht in Russland.

Michel Dufranne/Milorad Vicanovic: Rosa Winkel, Koloration: Christian Lerolle, Übersetzung: Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart, 2012, 144 Seiten, 18 Euro

In memoriam

Unglaubliche Geschichten von ausgestorbenen TierenDer Mensch ist ein grausames Tier. Dort, wo er seinen Fuß hinsetzt, wächst kein Gras mehr. Zugegeben, das ist etwas überzogen, aber Fakt ist auch, dass der Mensch Schuld daran ist, dass viele Tierarten ausgestorben sind und immer noch aussterben.

Eine Hommage und Erinnerung an frühere Bewohner unseres Planeten haben die Illustratorin Hélène Rajcak und Autor Damien Laverdunt in einem eindrucksvollen Mix aus Comic und Bilderbuch herausgebracht: Unglaubliche Geschichten von ausgestorbenen Tieren. 27 Tierarten, darunter der Dodo, das Tretretretre, das Glyptodon oder der Sizilianische Zwergelefant, stellen sie jeweils auf einer Doppelseite vor. Legenden, Anekdoten, Geschichten über Expeditionen und Forscher wie Charles Darwin finden sich jeweils auf der linken Seite in einem Comic. Die Fakten zur ausgerotteten Tierart schließen sich rechts an, inklusive einer kleinen Vignette, die die jeweiligen Größenverhältnisse zum Menschen anschaulich macht.

Dass die Tiere nicht schon seit tausenden von Jahren von der Erde verschwunden sind, wird einem spätestens bei der Geschichte über den Chinesischen Flussdelphin klar. Noch 2006 haben Wissenschaftler nach ihm gesucht – vergeblich. Und das Artensterben geht weiter. So wird dieses Buch mit seinen klaren Zeichnungen und charmanten, aber auch überaus dramatischen und traurigen Geschichten zu einem eindringlichen Aufruf, sorgsamer mit der Natur umzugehen.

Vollgepackt mit Wissen erweitert dieses rundum schöne Buch den Horizont von kleinen und großen Lesern, allerdings ohne moralinsauer den Zeigefinger zu heben. So ein Sachbuch macht einfach Spaß.

Hélène Rajcak/ Damien Laverdunt: Unglaubliche Geschichten von ausgestorbenen Tieren, Wiss. Beratung: Cécile Colin/Luc Vives, Staatl. Naturkundemuseum, Paris, 
 Übersetzung: Sarah Pasquay, Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2012, 
80 Seiten, ab 10, 18,95 Euro

Voll verzerrt

steamnoirDie Literatur ist voller fremder Welten. Menschen brauchen fiktive Orte, denn hier können sie ihrer Fantasie alle Freiheiten lassen, Autoren können Gott spielen, Leser sich eskapistisch aus der Realität wegträumen. Nicht jede der fiktiven Welten reizt mich oder zieht mich so in ihren Bann, dass ich tatsächlich darin eintauche. Neulich hat diese aber nach langer Zeit mal wieder ein Comic geschafft. Zuerst mit Unverständnis, dann mit steigender Faszination habe ich Steam Noir – Das Kupferherz verschlungen, Auftakt zu einer vierbändigen Steampunk-Saga.

Autor Benjamin Schreuder und Zeichner Felix Mertikat erschaffen eine düstere Ätherwelt, in der ein zerbrochener Planet schwebt. Sie beschränken sich jedoch nicht nur eine eindimensionale Steampunk-Geschichte zu erzählen, sondern flechten in die Dampf- und Ätherwelt einen Krimiplot mit den unterschiedlichsten zwielichtigen Figuren sowie eine mythische Toteninsel Vineta mit ewigwandelnden Seelen ein.

In eine Villa wurde eingebrochen und nun ermittelt ein sehr schräges Kriminalisten-Team: Heinrich Lerchenwald, ein sogenannter Bizzaromanten, der für übernatürliche Phänomene zuständig ist, der empfindsame, 2,25 Meter große Maschinenmensch Richard Hirschmann und die kühle Forensikerin Frau D. In der Villa finden sie zweierlei: Spuren einer Mädchenleiche und die einer verlorenen Seele. Scheinbar hat die Seele die Leiche, die in einem Hauskamin eingemauert war, gestohlen. Das tote Mädchen trug ein künstliches Kupferherz in der Brust. Bei einer Begegnung mit einer Seele verliert Lerchenwald eine Hand, ein unbekannter Wohltäter spendiert ihm jedoch eine hochwertige Technohand. Nach und nach kommen die drei Protagonisten einem skrupellosen Prothesenhersteller auf die Schliche, der den unsterblichen kybernetischen Organismus schaffen will. Die Auflösung des Falls wird sich in den kommenden drei Bänden entwickeln.

Vieles, nicht alles, in dieser Dampfmaschinen-Welt versteht man eigentlich erst, wenn man das Bonusmaterial studiert und dort beispielsweise die Erklärung für Aufbau der Atmosphäre (dichter Äther) und die Fortbewegungsmittel (Ätherschiffe) findet. Doch die oliv-braun-grau-gedämpften Panels mit ihren schwarzen, dynamischen Rahmen bieten in ihrer Detailfülle so viel zu entdecken, dass man diese Wissenslücken geradezu als reizvoll empfindet. So entdeckt man sonderbarste Maschinen und Waffen, Menschen und Tiere mit künstlichen Gliedmaßen, absurde Kreaturen. Sobald man nach dem Comic die Hintergründe dieser tristen, aber überaus faszinierenden Welt erfährt, blättert man mit einem „wissenden“ Blick noch mal zurück und begreift die Feinheiten dieses Universums. Die beiden Macher haben mit Steam Noir die Steampunk-Kultur um eine extrem coole grafische Umsetzung bereichert.

Einziger Wermutstropfen ist für mich jetzt nur, dass ich auf die Fortsetzung der Geschichte bis zum Sommer 2012 warten muss. Das wird hart …

Felix Mertikat/Benjamin Schreuder: Steam Noir. Das Kupferherz (Band 1), Cross Cult, 2011, 61 Seiten, 16,80 Euro

Eine Frage der Haltung

grenzfallWas weiß man heute noch vom Grenzfall? Damit ist nicht der Mauerfall gemeint, sondern die Untergrundzeitschrift, die von 1986 bis 1987 in der DDR erschien. Nicht sehr viel, zumindest im Westen. Meine Bildungslücke zu diesem Thema hat vor einiger Zeit der Comic „Grenzfall“ von Thomas Henseler und Susanne Buddenberg wenigstens ansatzweise geschlossen.

In eindringlichen, klaren Bildern erzählen die Grafiker die Geschichte des Schülers Peter Grimm, der keine „sozialistische Persönlichkeit“ aus sich machen lassen will. Stattdessen schließt er sich dem Dissidentenkreis um Katja Havemann, der Witwe von Robert Havemann, an. Vergeblich versucht die Stasi, den jungen Mann anzuwerben. Im Gegenzug wird Grimm neun Tage vor dem schriftlichen Abi von der Schule verwiesen. In der „Initiative Frieden und Menschenrechte“, der er sich anschließt, entsteht später die Idee, eine eigene Zeitung jenseits der staatlichen Meinung herauszugeben. Der erste „Grenzfall“ erscheint in Kleinstauflage von 50 Stück – und die Stasi schreibt seitenlange Berichte … bis sie mit der Aktion „Falle“ zuschlägt.

Die schwarzweißen Panels dieser Graphic Novel schaffen es, die bedrückende Atmosphäre der späten 80er Jahre in der DDR wieder aufleben zu lassen. Originalzitate aus den Stasi-Unterlagen zeugen von dem Überwacherwahn der Herrschenden. Henseler und Buddenberg gelingt es durch die verdichtete Darstellung einer wahren Geschichte, der Aufarbeitung der SED-Diktatur ein fesselndes Puzzleteil hinzuzufügen. Und gelungen an eine wichtige Keimzelle der Wende von 1989 zu erinnern.

Thomas Henseler/Susanne Buddenberg: Grenzfall, avant-verlag, 101 Seiten, 14,95 Euro