Friedliche Koexistenz mit dem Wollnashorn

Ratgeber

Prinzipiell kann jeder Blödi, der es sonst zu nichts bringt, ganz einfach zwei bis drei Ratschläge zusammenschustern, schreibt die schwedische Autorin Liv Strömquist in ihrem neuen Buch Das Orakel spricht. Und trotzdem oder gerade deshalb werden diese selbsternannten Expertinnen und Experten im Internet und den sozialen Medien gefeiert. Aber warum? Warum vertrauen viele Menschen sich selbst, ihren Gefühlen und Instinkten überhaupt nicht mehr? Und suchen stattdessen zu wirklich jeder Frage, sei es Ernährung, Gesundheit, Karriere oder Kinder Rat bei ihnen völlig unbekannten Leuten, nur weil diese so überzeugend und allwissend auftreten. »Man verliert den Glauben, dass man selbst weiß, wie frühstücken geht«, bringt Strömquist die Absurdität dieses Trends auf den Punkt.

Gedankengänge als mäandernde Sprechblasenschlangen

Mit ihrem brillanten Debüt Der Ursprung der Welt hat Strömquist ein eigenes Genre erschaffen, man kann es Graphic Essay nennen. In Comicform beleuchtet sie ein Gegenwartsthema gründlich und aus verschiedenen Blickwinkeln, sei es der weibliche Körper, Schönheitsideale, die Rolle von Frauen in der Gesellschaft oder eben aktuell der Ratgeberkult zur Selbstoptimierung. Sie zitiert Philosophinnen und Soziologen, Mediziner, Biologinnen, Anthropologen und zahlreiche Studien. Und gestaltet das Ganze eingängig in ihrem einzigartigen Stil, mit schrägen Schaubildern, pointiert positionierten Protagonisten und Stichwortgebern, darunter auch immer mal wieder ihr Alter Ego. Gedankengänge oder Rede- und Widerrede mäandern als Sprechblasenschlangen über ganze Seiten. Ihr besonderer Bildwitz visualisiert und unterstreicht die intelligenten Gedankengänge und Analysen.

Leben verlängern, aber nicht genießen

Im Orakel kommen unter anderem kluge Köpfe wie die Philosophen und Theoretiker Byung Chul Han, Theodor Adorno und Slavoj Žižek und die Schriftstellerin Doris Lessing zu Wort. Und versuchen zu ergründen, warum man mit sich immer unzufrieden ist, den eigenen Gesundheitsstatus an Messwerten festmacht und das eigenen Leben zwar meint verlängern zu müssen, aber nicht genießen kann. Auch mit deren Hilfe demontiert Strömquist in sieben Kapiteln minuziös diverse erfolgreiche und obskure Influencer, über die Jahrhunderte hinweg.
Dabei verliert sie sich teils zu sehr in Details und nicht immer ist schlüssig, warum sich manche Leute angebliche, in der Kindheit erlittene Traumata (die bei näherer Betrachtung eher narzistische Kränkungen sind) ein- und dafür ihre freundschaftliche Hilfsbereitschaft ausreden lassen.

Der Motor des Lebensberatungskults

Der interessanteste Teil findet sich in der Mitte des Buches im vierten Kapitel, wenn das Orakel schließlich tatsächlich spricht. Es fängt an mit Meghan ehemals Markle, heute Frau von Prince Harry, die bei einer Wohltätigkeitsaktion für Sexarbeiterinnen, anstatt Tüten mit Lebensmitteln zu füllen, Bananen beschriftete: »Smile«, »Dream Big«, »Work hard«, »Inspire yourself and others«, »Show and share your worth«. »Für die Empfänger:innen sind diese Ratschläge überhaupt nicht hilfreich, deprimierend und sie schwächen ihr Selbstbewusstsein«, fasst Strömquist den Effekt einer Banane mit »Live, laugh, love« für eine misshandelte Prostituierte in einem treffenden Bild zusammen, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Warum tut jemand etwas bestenfalls Gedankenloses, eigentlich ziemlich Gemeines?
Tatsächlich geht es Markle und allen anderen ungefragt Ratschläge gebenden Leuten nur um sich selbst. Es macht ihnen nicht nur Spaß, es bestärkt sie. »Sie fühlen sich wichtig, wenn sie uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Das ist der eigentliche Motor der ganzen Lebensberatungs/Expertinnenkultur.«

Folge keinem Rat

Das bringt Strömquist zu einer ganz anderen Beratungsinstanz, nämlich dem bereits im Titel angedeuteten Orakel von Delphi. Hier gab es keinen Personenkult. Zu den besten Zeiten der 1200 Jahre betriebenen Kultstätte verrichteten drei berufene Priesterinnen, meist Frauen über 50, Dienst. Ihre Ratschläge waren mehr Hilfestellungen für die Fragenden, selbst nachzudenken und das Problem zu verstehen. Und der beste Rat, den eine Phytia je gegeben hat, lautete: »Folge keinem Rat.«
Zu dieser klugen Erkenntnis gelangt Strömquist auf teils etwas langatmigen, kryptischen  und detailverlorenen Umwegen. Wahrscheinlich, weil sie versucht zu ergründen, warum selbst sie als selbstbewusste, rationale und gebildete Frau nicht davor gefeit ist, bei vermeintlichen Expert:innen und deren Selbstoptimierungstricks hängen zu bleiben, Zeit zu verplempern und sich verunsichern zu lassen. In der zweiten Hälfte verliert sie  sich zudem in etwas plumper Konsumkritik und den Gefahren von un-sozialen Medien.
»Folge keinem Rat« sagt das Orakel und allein das macht Strömquists Buch lesenswert. Und das ist jetzt kein Rat, sondern eine Empfehlung, selbst nachzudenken.

Ratgeber

Sehr und ohne Einschränkungen empfehlenswert ist auch das neue Sachbuchcomic von Lucia Zamolo. In Und dann noch … zeigt sie witzig, schlau und sehr persönlich, wie man den allgegenwärtigen Selbstoptimierungszwang bezwingt.
Obwohl schon ihr Debüt als Illustratorin und Autorin, ihre Bachelorarbeit Rot ist doch schön über Menstruation, ausgezeichnet wurde und seitdem jedes ihrer Bücher hochkarätige Preise gewonnen hat, kennt sie das Gefühl, sich immer wieder beweisen zu müssen.
Denn »Leistungsgesellschaft bedeutet, Du musst etwas leisten, um Teil der Gesellschaft zu sein«, wie Zamolo ausführt. Die Gleichung lautet »du bist = du machst«, also »du machst nichts = du bist nichts«. Also muss man immer machen, immer was leisten. Das stresst. Anschaulich und eindringlich illustriert Zanolo, was Stress in Körper und Geist auslöst, wenn man permanent bereit ist, zu kämpfen oder zu fliehen, obwohl weit und breit weder Säbelzahntiger noch Wollnashorn in Sicht sind.

Nicht toxisch und sehr persönlich

Eine Pause ist nur nach einem Burnout erlaubt, man muss also erst so viel geleistet haben, dass man sehr krank wird. Anstatt zu pausieren, bevor man krank wird. Eigentlich dachte Zanolo, nachdem sie alles reflektiert und rational erfasst hat, »als super ungestresstes Beispiel vorangehen zu können und sogar noch kluge Tipps geben, wie das so geht.« Tja, denkste. Nur weil man die Zusammenhänge von Stressauslösern und Symptomen verstanden hat, lässt sich das Wollnashorn nicht einfach abschütteln.
Geradezu kontraproduktiv sind solche Ratschläge, vorzugsweise von selbsternannten Experten ungefragt erteilt, die immer nur auf das Positive abzielen. Jeder kann alles erreichen, und wenn nicht, dann hat man sich halt nicht genügend angestrengt, sprich, sich nicht ausreichend optimiert. Toxic Positivity nennt man das, was Menschen, die nicht permanent auf der Sonnenseite stehen, endgültig ins Unglück treiben kann.

… und ohne To-Do-Listen

Wie sie versucht, mit dem Wollnashorn in friedlicher, nicht krankmachender Koexistenz zu leben, zeigt Lucia Zamolo auf ihre mitreißende und besondere Art. Und mit To-do-Listen sollte man nur eins tun: alle wegwerfen. Stattdessen Lucia Zanolos liebenswertes Buch beherzigen. Auch das ist kein Rat. Und bestimmt kein toxischer Tipp.

Liv Strömquist: Das Orakel spricht, Übersetzung: Katharina Erben, avant, 2024, 248 Seiten, 25 Euro, ab 15
Lucia Zamolo: Und dann noch … Wie Stress weniger stresst – fast ohne Toxic Tipps!, Bohem, 2024, 108 Seiten, 18 Euro, ab 14

Gesellschaftspanorama zwischen Tomaten und rosa Klopapier

Supermarkt

Es gibt Leute, die gehen nicht gern einkaufen. Vor allem nicht in großen Supermärkten. Anderen macht es sogar Spaß, Zeit zwischen den gefüllten Regalen zu verbringen, dreißig verschiedene Sorten Senf zu entdecken oder sich an entzückenden Kuchendekorationen zu erfreuen, wie silbernen und goldenen Kugeln, Neonfarben aus der Tube, bunte Sternchen und lustige Augen aus Zuckerguss. Während der Corona-Pandemie hat man jede Gelegenheit genutzt, aus dem Haus zu kommen und auf keinen Fall einen Einkaufszettel geschrieben. Wenn man wieder was vergessen hatte, konnte man noch mal raus. In Frankreich sind Passanten gelegentlich kontrolliert worden, ob sie wirklich frische Lebensmittel des täglichen Bedarfs in der Tasche hatten, etwa Baguette und Milch. Aber wann braucht man zuckersüße, winzige Einhörner in rosa und hellblau mehr als während einer globalen Seuche?

Schikanöse Supermarktleiterin

Man kann auch hervorragende Sozialstudien im Laden betreiben. Wie Susie im Supermarkt im famosen, gleichnamigen Bilderbuch. »Samstags ist frei. Für mich. Nicht für Mama. Sie muss heute arbeiten. Ich begleite sie. Wie jeden Samstag.« Susies Mutter arbeitet als Kassiererin an der Supermarktkasse, am Samstag, wenn andere ihre Wochenendeinkäufe machen.
Die plietsche Grundschülerin und ihre Mutter sind ein gut eingespieltes Team. Und der Supermarktleiterin ein Dorn im Auge: »Ihre Chefin mag es nicht, wenn ich hier bin. ›Wo soll sie sonst sein?‹, fragt Mama. ›Wir sind kein Hort‹, sagt die Chefin. ›Hier kann sie nicht sein.‹« Geschickt umgeht Daniel Fehr in seiner wunderbar in Susies Worten erzählten Geschichte hier schon das erste Klischee. Kein Mann, sondern eine Frau hat kein Verständnis für die Probleme der alleinerziehenden Mutter. Vielleicht hat sie keine eigenen Kinder. Oder einen fürsorglichen Partner zu Hause. Oder rührende Großeltern, die den Nachwuchs hüten, während sie als Chefin Leute in weniger privilegierter Situation schikaniert.

Nur ein Brot und etwas dazu

»Also bin ich nicht hier. Wie jeden Samstag.« Also ist Susie nicht beim Gemüse, wo sie jeden Samstag Frau Riebel beobachtet, wie sie jede Tomate von allen Seiten genau ansieht, bevor sie sie in ihren Korb legt. Susie ist nicht bei den Fischen, wo Herr Wrobel bedient und die Fische stumm herum liegen. Auch nicht beim Brot. »Beim Brot ist Herr Herrlich. Er kauft immer nur sehr wenig. Ein Brot und etwas dazu. Mama sagt, Herr Herrlich habe nur eine kleine Rente, er könne sich nur wenig leisten.« Treffender und eindringlicher kann man Altersarmut nicht beschreiben.

Platz für ganz unterschiedliche Menschen

Die kluge Beobachterin ist auch weder bei den Saucen, wo Robert emsig die Regale immer wieder auffüllt. Noch beim Toilettenpapier, wo Frau Gruber immer rosa Toilettenpapier kauft. Mit Veilchenduft. Und sie ist auch nicht bei den Nudeln. »Bei den Nudeln ist Frau Görlich. Sie schaut nach, ob alles an seinem Platz ist. Es ist immer alles an seinem Platz. Dafür sorgt Robert. Mama sagt, Frau Görlich kommt jeden Tag in den Laden, weil sie nicht weiß, wo ihr eigener Platz ist. Ich glaube, Frau Görlich hat ihren Platz gefunden.«
In klaren Worten beschreibt das empathische Mädchen einen Raum, wo für viele ganz diverse Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und individuellen Marotten Platz ist: Paare und Familien, einsame Menschen, alte und junge, Leute, die nur das Nötigste kaufen oder sich für eine Party mit Getränken und Knabberkram eindecken. Wo auch erstaunlich viele Kinder rumwuseln, in Büchern blättern oder Käse aus dem sogenannten Kindersortiment probieren, »milder Gouda, Mozzarella Sticks«.

Buntes Spektrum und Sortiment

Claudia Burmeister illustriert dieses Gesellschaftspanorama in unmittelbar ansprechenden, ebenso lebendigen wie vielfarbigen Buntstiftzeichnungen. Mit großer Liebe zum Detail zeigt sie das riesige Sortiment eines großen Supermarkts mit Unmengen an Produkten. Kleine Kinder können beim Betrachten der Bilder viele erkennen und benennen. Sie begegnen den vorgestellten Leuten auf verschiedenen Seiten wieder. Und verstecken sich mit Susie geschickt vor der alle Bereiche kontrollierenden Chefin, zwischen Konservendosen, in einer Schlange, unten im Einkaufswagen. Nebenbei sammelt Susie noch Zutaten fürs Abendessen zusammen. »Heute Abend ist frei. Für Mama. Nicht für mich. Ich mache Abendessen für uns. Weißt du was?« Allein diese Frage ist ein guter Anlass, dieses sehr schöne Buch gleich noch einmal zu lesen.

Man möchte dieses repräsentative soziale Spektrum allen Politikern ans Herz legen. Vor allem die fraktionsstärksten Parteien scheinen sich erschreckend wenig für Alleinerziehende, oder für solche, mit weniger als dem laut Friedrich Merz durchschnittlichen Jahreseinkommen von hundert- bis zweihundertfünfzigtausend Euro, für einsame oder von Altersarmut betroffene Menschen zu interessieren. Ein Hoch auf Susie im Supermarkt und alle, die die Läden trotz aller Widrigkeiten am Laufen halten.

Daniel Fehr: Susie im Supermarkt, Illus: Claudia Burmeister, Bohem, 32 Seiten, 18,50 Euro, ab 4

Gebäude voller Leben

Buchstabenhausen

In Kritiken liest man häufiger den Satz: »Ein Buch, in dem man wohnen möchte.« Diese Art von Resümee lässt potenzielle Leserinnen und Leser ratlos zurück. Eigentlich ist es nur eine austauschbare Rezensionsworthülse wie »Der Roman des Jahres«, »Ein Pageturner«, »konnte nicht aufhören zu lesen«, die sich auf die meisten Buchrückseiten drucken lässt.
Ganz anders bei diesem brillanten Bilderbuch: Hier möchte man in (fast jedem) Buchstaben hausen! Und das ist nicht nur ein (zugegebenermaßen sehr naheliegendes) Wortspiel mit dem fast identischen Titel dieses gedruckten Meisterwerks.

Ein Affe im Atelier

Die schwedischen Architekten Maja Knochenhauer und Jonas Tjäder haben jeden der 26 Buchstaben des Alphabets als Gebäude gestaltet. Es beginnt mit einem A wie Atelier. In den von Stefan Pluschkat humorvoll übersetzten Reimen dazu wird ein bisschen über künstlerische Arbeit erzählt. Interessant ist bereits das wohlbekannte Objekt, dass in diesem Atelier in verschiedenen Varianten dargestellt wird. Und oben, unterm Dach, hangelt sich ein Affe entlang – ein erster Hinweis auf die alle Seiten und Buchstaben verbindenden Rätsel.

Gelbes U-Boot in der Garage

Gleich das zweite Buchstabenhaus ist natürlich der Paradebau des Alphabets: B wie Bibliothek. Auf fünf Ebenen sieht man prallvolle Regale mit Büchern über unterschiedlichste Themen wie »Bohnen, Brasilien, Banditenbetrug«, Köchinnen, Kinder, Opernsängerinnen … und Bär. Wo kommt der denn her?
Und so geht es munter, lustig und fantasievoll gestaltet weiter: Das D ist ein Delphinarium, das in nur anfangs vermeintlich harmlos dahinplätschernden Versen in Frage gestellt wird, weil die Delphine sich »schmerzlich nach Freiheit und Meer sehnen«. Das G ist eine Garage, in der nicht nur Autos parken, sondern auch ein gelbes U-Boot und ein Ufo. Und passende tierische Gäste finden sich auch hier.

Ganz schön was los in Buchstabenhausen

Mit viel Liebe zum Detail ist das H wie Hotel eingerichtet, im L wie Leuchtturm liest nicht nur ein Kind, das M ist ein Museum, aus dem alle Bilder geklaut wurden, im Q findet sich eine Quinoakocherei und im S wie Supermarkt schlängeln sich auch schräge Kundinnen zwischen den Regalen durch. Ganz schön was los in Buchstabenhausen. Aus jedem Buchstaben entspringen Geschichten, lautmalerisch vertraute und auch schön absurde. Und die passenden Tiere finden sich auch dazu. Was es mit den tierischen Bewohnern auf sich hat, zeigt sich beim Z wie Zoo.

Hingucker, die bleibenden Eindruck hinterlassen

Ganz zum Schluss gibt’s noch ein paar weitere Rätsel zu knacken. Und so beginnt ein munteres Vor-und Zurückblättern (ein wahrer Pageturner!). Daraus erschließt sich das große Ganze des Alphabets: Diese 26 Elemente sind nicht nur einzelne Häuser. Alles hängt mit allem zusammen. Und aus allem zusammen entstehen Texte, Reime und Beschreibungen, Erzählungen und Sprache. Diese Buchstaben sind keine abstrakten Zeichen, sondern hinreißende Hingucker, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Selten macht Lesen lernen solchen Spaß. Für Erwachsene ist es eine Neuentdeckung der Zeichen, die eine Welt bedeuten – eine Welt, in der man wohnen möchte.

Maja Knochenhauer, Jonas Tjäder: Buchstabenhausen, Übersetzung: Stefan Pluschkat, Oetinger, 2024, 40 Seiten, ab 4, 17 Euro

Das Schwein und das Nichts

Na, das ist doch gleich mal eine Ansage: »In ein paar Tagen werde ich von einem Drachen verschlungen.« Das stellt ein sympathisches, schwarzes Schweinchen gleich zu Anfang des Kindercomics Kleine Hexe Nebel klar. Und schiebt hinterher: »Ein Schwein, das von einem Drachen gefressen wird. Wen kümmert das?« Und schon ist man drin in der neuen Comicreihe aus Frankreich bei Carlsen, die mit einem Hang zum realistischen Pessimismus beginnt. Frei nach Werner Enkes »Es wird böse enden«, übrigens auch das Lebensmotto der Autorin dieser Zeilen, für das sie von einer Freundin mal übelst beschimpft wurde. Zwanghafte Optimisten können sehr aggressiv reagieren, wenn man ihre Einstellung nicht teilt.

Herkunft nebulös

Aber zurück zur Geschichte: »Eins gleich vorweg, ich bin nicht der Held dieser Geschichte«, sagt das an die niedlichen Hängebauchschweine, Stars des Tierparks Schwarze Berge bei Hamburg, erinnernde nette Tier (weil es stets aufrecht auf den Hinterbeinen läuft, ist von einem Hängebauch allerdings nichts zu sehen, trotz einer Vorliebe für Schokocroissants). Denn der vermeintliche Held des Comicdebüts von Jérôme Pelissier und Carine Hinder ist eine Heldin, die titelgebende kleine Hexe namens Nebel. Die Herkunft des forschen und unerschrockenen Mädchens ist nebulös. Ihr Vater, ein Fischer in einem kleinen Dorf, hat sie als Kleinkind an einem nebeligen Tag am Waldrand gefunden. Zusammen mit einem Buch, das er ihr jetzt, ein paar Jahre später, gibt. »Wenn man dem Glauben schenkt, was darin geschrieben steht, ist es ein wahres Zauberbuch.«

Globale Gefahr zauberhaft besiegt

»WOUAAAAAH!!« Nebel ist völlig aus dem (Baum-)Häuschen. Ist sie etwa doch eine echte Hexe? Gemeinsam mit ihrem Freund Hugo und dem kleinen Schwein stürzt sie sich ins Abenteuer. Kaum ist ein klassischer Kessel besorgt, hext sie auch schon munter los – und entfacht, Stichwort sprechende Namen, einen gewaltigen, alles umhüllenden, phänomenalen und alle Dorfbewohner ängstigenden und lähmenden Nebel.
Das Illustratoren-Paar Pelissier und Hinder ist tatsächlich vor ein paar Jahren in ein kleines Dorf in der Bretagne gezogen. Moment, ein kleines gallisches Dorf? Tatsächlich findet man hier wie beim berühmtesten Gallier lauter skurrile Typen mit ihren alltäglichen kleines Zwistigkeiten. Und dann kam noch ein die ganze Welt umfassendes, tatsächliches Ereignis dazu: Die globale Covid-Pandemie. Anfangs schwer zu begreifen, diffus, bedrohlich wie ein Nebel. Die große Gefahr und wie man sie schließlich besiegt, haben die beiden zu einer ungeheuer lustigen und zauberhaften Geschichte verwandelt.

Räsonabler Liebhaber von Pain aux Chocolat

Damit reiht dieses Buch sich in aktuelle, sehr liebenswerte Geschichten um freundliche Hexen und ihre positive Magie ein, wie in André Bouchards Ein Tag im Leben einer Fee oder Kat Leyhs Snapdragon. Carine Hinder hat diesen Kindercomic famos bebildert, mit anfangs eher klassischen, teils kleinteiligen Panels. Im Laufe der Geschichte werden es großflächigere, berückende Tableaus in satten Farben, die einen tief in animierte Waldlandschaften eintauchen lassen, wo man sagenhaften Gestalten begegnet. Mehr davon, s’il vou plaît, von diesen frischen Galliern, der frechen, kleinen Hexe und dem räsonablen Pain-aux-Chocolat-Liebhaber.

Mehr möchte auch die Titelfigur im Bilderbuch von Regina Schwarz und Florence Dailleux, nämlich mehr sein: »Ich bin ein Nichts und ich bleibe ein Nichts. Und ich sehe nach Nichts aus. Wie ein Nichts eben. Aber das ist ja nichts Neues. Da kann man nichts machen.« So nölt das Nichts vor sich hin. Das von Florence Dailleux gemalte Nichts ist eine unscharfe schwarze Aussparung zwischen sich dicht nebeneinander bewegenden, klar konturierten Tieren, Pflanzen und Formen. Und weil es traurig ist, erkennt man noch zwei Punkte und einen nach unten geöffneten Bogen, das vage Gegenteil eines Smileys.
Am liebsten würde es sich in nichts auflö… (hier verschwindet die Schrift). So raffiniert beginnt Regina Schwarz ihre verblüffend existenzialistische Geschichte.

Wenn niemand mehr mit nichts was zu tun haben wollte …

Oh, jetzt sind aber alle ganz schön erschrocken: »Und dann? Ständen alle da ohne das Nichts.« Alle vergewissern das Nichts, dass sie es unbedingt brauchen. Es beginnt ein auch linguistisch sehr reizvolles, ermutigendes Plädoyer: »Niemand könnte mehr sagen: Nichts da!« und die Katze davon abhalten, den Vogel aus dem Käfig zu futtern, oder »Macht nichts!«, wenn ein Malheur passiert. …  »Stell dir vor, wenn niemand mehr mit nichts was zu tun haben wollte. Und sich aus rein gar nichts mehr etwas machen würde.«

Dann wäre es sehr finster, zappenduster, echt deprimierend. Weshalb gleich zwei Doppelseiten rabenschwarz sind. Nur ganz oben links findet sich der verzweifelte Ruf nach dem Nichts. »Denn wir brauchen das Nichts. Denn es ist nicht für nichts gut. Sondern für vieles.« Also Aus und Ende? Stille Apokalypse. Urknall retour? Ist jetzt alles zu spät?  

Ohne Nichts ist alles nichts, oder?

Wie sich mit dem überhaupt nicht nihilistischen Blick auf das Nichts die Sichtweise aller ändert, zeigen wiederum auch Florence Dailleuxs Illustrationen – mit bunten Wesen aus kräftigen Wachsmalstiftstrichen auf schwarzem Karton. Und in ihrem Zentrum, in ihrer Mitte? Seht selbst! Man versteht: Ohne nichts ist alles nichts.
Wer hätte gedacht, dass ein Bilderbuch so charmant derart komplexe semantische und philosophische Fragen umfassen kann. Und die auch noch so außergewöhnlich hübsch, mit klassischen Anklängen bebildert gestellt werden.

Jérôme Pelissier (Text), Carine Hinder (Illustrationen): Kleine Hexe Nebel – Das Erwachen des Drachen, Ü: Marcel Le Comte, Carlsen, 64 Seiten, 15 Euro, ab 8

Regina Schwarz (Text), Florence Dailleux (Bild): Die Geschichte vom Nichts, aracari, 32 Seiten, 15 Euro, ab 5

Unheimlich gute Serien

Geisterhelfer

Genug der hyggen Heimeligkeit im trauten Kreis der Familie. Nach mehreren Tagen volle verwandtschaftliche Breitseite spielt man zumindest mit dem Gedanken, wie es wohl in einer ganz anderen Familie wäre? Mit mehr Action? Amanda Black allerdings hat im Moment keine Zeit über ihre soeben entdeckte Familie nachzudenken: »Mein größtes Problem ist, dass die Bank meine Tante Paula und mich noch vor dem Wochenende aus der Villa Black werfen wird. Zumindest war das mein größtes Problem – bis vor drei Sekunden. Dann wurde das Seil durchgeschnitten. Jetzt stürze ich aus 477 Metern Höhe, mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 55 Metern pro Sekunde. Aber das ist nicht mein größtes Problem. Mein größtes Problem ist, dass derjenige, der das Seil durchgeschnitten hat, mein bester Freund ist. Oder zumindest dachte ich, dass er das ist.«

Perfekte Superheldinnenlandung statt Hackbällchen

Juan Gómez-Jurado und Barbara Montes beginnen den Auftakt ihrer Serie  Amanda Black furios mit einem packenden Cliffhanger. Doch zunächst ein kurzer Rückblick: Amanda lebt mit ihrer fürsorglichen und liebevollen Großtante Paula in einer winzigen Einzimmerwohnung. Ihre Eltern sind kurz nach ihrer Geburt gestorben. Amanda und Tante Paula sind einander die ganze Familie und sie sind sehr arm. Amanda kennt es nicht anders. Bis kurz vor ihrem zwölften Geburtstag.
Da springt sie, nur um dem meckernden Vermieter auszuweichen, als wäre es das Normalste der Welt, zum Nachbarhaus und von da in die Tiefe: »Ich fiel durch den Regen, das rechte Bein unter meinem Körper angewinkelt, das linke zur Seite ausgestreckt, sodass sie ein Dreieck bildeten. Meinen linken Arm hatte ich über die Schulter nach hinten gebogen und die rechte Hand mit der Handfläche nach unten gerichtet, um mich abzufangen. Ich dachte ja, ich würde mir ein Bein brechen oder wie ein Hackbällchen, das aus dem Topf entkommen war, über den Boden kullern. Aber nein: keine Knochenbrüche, und auch kein kullerndes Hackbällchen. Nur eine perfekte Landung und ein merkwürdig surreales Gefühl.«

Das hätte den Jedis Darth Vader und etliche Problem erspart

Das spanische Autor-Autorin-Gespann spielt virtuos mit den klassischen Versatzstücken des Action- und Agentinnen-Genres: Die liebe Großtante, ein bisschen wie Peter Parkers Tante May, arm wie Aschenputtel, merkwürdige Veränderungen, unbekannte Herkunft, ein loyaler, altmodischer Typ mit ausgefeilten Techniktricks, wie bei Batman oder James Bonds Q. Und plötzlich eine Superheldinnenbewegung, wie man sie von Scarlett Johansson als Black Widow kennt. Über die sich im gleichnamigen Film ihre kleine Schwester lustig macht. Gleich auf den ersten Seiten von Amanda Black gibt’s reichlich Assoziationen.
Das macht auch den charmanten, von Tamara Reisinger flott übersetzten Tonfall des ersten Abenteuers von Amanda Black als frisch gebackene Schatzjägerin und Superheldin aus. Es ist ungeheuer spannend, ein bisschen surreal, doch immer auch mit einer raffinierten, humorvollen und sehr zeitgemäßen Brechung. Die Familie Black hat es sich nämlich seit Generationen zur Aufgabe gemacht, alle möglichen schrecklichen Waffen zu stehlen und wegzusperren, um Konflikte zu befrieden. Ihre Fähigkeiten und Superkräfte dürfen sie aber nur für Gutes nutzen, nicht zu persönlichen Bereicherung und für Böses, sonst kehrt ihr Talent sich gegen sie.
Sehr schlau, das hätten die Jedis auch mal so festlegen sollen, es hätte ihnen Darth Vader und etliche Probleme erspart.

Unfassbarer Reichtum ist eine supergefährliche Waffe

Schon im ersten Band deutet sich an, dass eine der gefährlichsten Waffe unfassbarer Reichtum und die damit einhergehende Macht ist. Eine kluge und zeitgemäße Interpretation, siehe die derzeit unheilvollste Symbiose des Bösen in den USA. Im bereits erschienenen zweiten Band geht es auf Geheimoperation im Untergrund. Mehr davon!

Geisterhelfer

Mehr gibt es auch demnächst von den Geisterhelfern. Das sind Leo und Antonia. Leo wurde angeblich mitten auf einem Friedhof in einem Sarg geboren. Weshalb sein zweiter Vorname Helsing ist, nach dem Vampirjäger. Seine Eltern finden das lustig, Leo weniger. Er ist nämlich eher ein ängstlicher Typ, vor allem Dunkelheit kann er nicht ertragen.
Er würde also nie auf die Idee kommen, im Dunkeln auf einen Friedhof zu gehen. Doch genau das passiert. Dort begegnet er drei Gespenstern, grün wabernden Wesen. Nur er kann sie sehen, ausgerechnet. Sie sehen aus »als würde man eine Kerze unter eine Schüssel Wackelpudding stellen, Sorte Waldmeister.« Und nur er kann verstehen, was sie sagen und was sie umtreibt. Und deshalb bitten sie ihn um Hilfe, einen dauernd jammernden Quälgeist zu vertreiben.

Queere Geister

Tatsächlich wird Leo, zusammen mit Antonia, der leicht morbiden, konsequent schwarz gewandeten Enkelin der Nachbarin, den Gespenstern helfen. Aber ganz anders als gedacht. Es kommen Ex-Fußballprofis und uralte Lederbälle, meterlange Häkelschlangen und alte Blumentöpfe ins Spiel. Dabei macht Tina Blase ganz nebenbei ein paar Klischees den Garaus: Warum sollen Geister nicht queer sein, also einst queer gelebt haben. »Alte Menschen sind nicht automatisch dumm«, bringt Antonia es auf den Punkt. Später merkt Leo über das Mädchen anerkennend »verrücktes Gefasel und Häkelgardine bedeutet nicht automatisch unsportlich.« Kapitalismuskritisch ist sie auch: »Wie langweilig, immer geht es nur ums Geld.«
Deshalb geht es in diesem Buch um mehr. Tina Blase macht ihre schräge Geistergeschichte zur turbulenten Schatzjagd. Und erzählt so von Freundschaft, Solidarität und Vertrauen. Von Feigheit und schlechtem Gewissen. Von nachvollziehbaren Ängsten und irrationalen Phobien. Und von wahrem Mut – nämlich über seinen eigenen Schatten zu springen.

Lebende sind manchmal wirklich gruselig

Das ist auch sprachlich ein Lesevergnügen: »Solche Jungs sind mir ehrlich gesagt suspekt. Niemand ist in echt so cool. Ich sehe es an meinem Bruder«, sagt Leo über den Star seiner neuen Schulklasse. Überhaupt spielt Leos älterer, schwer pubertierender Bruder Valentin eine wichtige Rolle wegen seiner egozentrischen und gruselig gemeinen Prophezeiung: »Wenn du dich nicht änderst, wirst du ein schlimmes Ende nehmen! Als einsamer Nerd, der seine Tage unter der Bettdecke fristet, während anderer ihr Leben leben. Du wirst nie Freunde haben, nie eine Familie gründen, vermutlich auch nie arbeiten und am Ende jämmerlich – « Die Lebenden, besonders die in nächster Umgebung, sind manchmal die wirklich Unheimlichen. Doch manche werden auch unheimlich gute Freundinnen und Freunde.

Juan Gómez-Jurado, Barbara Montes: Amanda Black – Die Mission beginnt, Ü: Tamara Reisinger, cbj, 2024, 208 Seiten, 14 Euro, ab 9

Tina Blase: Die Geisterhelfer – Traue sich, wer kann!, cbj, 2024, 224 Seiten, 13 Euro, ab 8

Spektakulär schön

Zuerst eine Feststellung: Ich bin die Königin der Prokrastination. Obwohl Kathrin Passig vielleicht eher Anspruch auf den Thron erheben würde, immerhin hat sie schon vor fast 15 Jahren ein bahnbrechendes Buch zum Thema geschrieben – allerdings zusammen mit Sascha Lobo, wer weiß, alleine würde sie es womöglich immer noch vor sich herschieben.
Diesmal habe ich aber selbst für meine Verhältnisse krass überzogen – und mir über ein Jahr Zeit gelassen (wo ist die nur wieder hin?), um das schönste Weihnachtsbuch der vergangenen Jahre zu empfehlen: Jims brillante Weihnachten.
Und damit nicht noch der alte Witz, Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier – und wenn das fünfte Lichtlein brennt, haste Weihnachten verpennt Wirklichkeit wird, hier also kurz vor knapp der ultimative Weihnachtsgeschichten-Tipp.

Als lebendige Kaminbürste missbraucht

Die fabelhafte, englische Schauspielerin Emma Thompson, unter anderem bekannt als Nanny McPhee, hat Jims brillante Weihnachten geschrieben. Nach ein paar Neuerzählungen von Beatrix Potters Peter Rabbit Geschichten, hierzulande als Peter Hase bekannt, ist es ihr Kinderbuchdebüt. Und was für eins: Es handelt von Jim, einem Hund, einem umwerfend liebenswerten, der auf sehr sehr krude Weise seinem Menschen oder Herrchen zugelaufen, genauer zugefallen ist. Der Streuner wird nämlich als lebendige Kaminbürste missbraucht und plumpst schließlich aus einem Kamin des Victoria & Albert Museums im Herzen Londons. »Zum Glück war es Sommer und es brannte kein Feuer, weshalb nichts Schlimmere passierte, als dass auf die Menschen in der Nähe des Kamins eine ansehnlich Menge Ruß niederging und Jim sich in einer Art schwarz gesprenkeltes Stachelwesen verwandelt fand.
Ein ziemlich beleibter Her mit einem wilden, weißen Haarschopf schlug vor, Jim zu säubern und seinem Besitzer zurückzubringen.
Nach mehreren Waschgängen, in denen Jim – sehr zu seinem Missvergnügen – untergetaucht, eingeseift, abgeschrubbt und abgespült wurde, sah er wieder aus wie zuvor.
Der rußgeschwärzte beleibte Herr war, wie sich herausstellte, niemand anderes als Sir Henry Cole, der Direktor des Museums.«

Treuer Begleiter des Museumsdirektors

Sir Henry behält den Hund, der sich schon bald in den weiten Hallen des Museums und dessen Umgebung bestens auskennt und Botengänge unternimmt. Soweit die Vorgeschichte dieser besonderen Freundschaft. Die historisch verbürgt ist. Sir Henry Cole war aber nicht nur der Direktor des von Prinz Albert, Mann der englischen Königin Victoria, gegründeten Museums. Sondern auch der Erfinder einer der schönsten Traditionen Großbritanniens: Der Weihnachtskarte.
Emma Thompson erzählt, was Jim damit zu tun hat. Der ist nämlich nicht nur ein sehr netter, kluger und umtriebiger Hund. Sondern auch ein leidenschaftlicher Leser. Und weil sein eines Auge immer tränt und nicht viel taugt und das andere auch immer schlechter wird, träumt er von so etwas wie einer Brille für ein Auge, etwas, das er für sich Brill nennt. Was der Siegeszug der Weihnachtskarten mit der königlichen Familie und einem Monokel zu tun haben, erzählt Thompson absolut furios, hinreißend und zauberhaft.

Geniales Wortspiel

Anu Stohner gelingt es großartig, das ursprüngliche Wortspiel aus spectacular und Spectacles, englisch für Brille (kurz: Spex, wie eine exzellente, deutsche Musikzeitschrift hieß) zu übersetzen: mit brillant. Auch sonst trifft sie Thompson lässig liebevollen Tonfall sehr gut. Nur als Jim mit einem im Original gamey whiff behaftet beschrieben wird, greift Stohners herber Geruch zu kurz. Gamey whiff ist auch ein wilder Hauch, etwas abenteuerlustiges, fast anarchistisches schwingt mit.

Wenig royal, dafür umso herzlicher

Illustriert hat die Geschichte Axel Scheffler, bekannt als der Gestalter und Miterfinder des legendären Grüffelos. Thompson und Scheffler kannten sich über kleine Auftragszeichnungen schon länger, sind sich aber erst Jahre später persönlich begegnet. Und das, obwohl sie für Londoner Verhältnisse fast Nachbarn sind. Jims brillante Weihnachten ist ihre erste Zusammenarbeit, und man kann jetzt schon sagen, sie ist so kongenial wie Schefflers Werke gemeinsam mit der Kinderbuchautorin Julia Donaldson. Im Gegensatz zum Grüffelo sieht man hier mehr Schefflers subtilen Witz und Spaß an skurrilen Typen und Szenen, wie etwa in Vater Eichhorn fällt vom Baum, dem allerbesten pixi Buch.

Königlich bekleckert

Wer schafft es schon in ein Bilderbuch ein Kind, das aus einem Glas Wein trinkt, hereinzuschmuggeln? Ist aber historisch verbürgt, über die erste Weihnachtskarte. Oder die nahbare, lebensechte und freundliche Darstellung der königlichen Familie bei Jims Besuch im Buckingham Palast: »Zu guter Letzt betraten sie einen Raum, der voller Kinder zu sein schien. Dazu kamen fast genauso viele Kindermädchen, und es dauerte einen Moment, bis Jim in dem Gewimmel etwas sah, was ihm bis ans Ende seiner Tage im Gedächtnis bleiben würde.
Die Königin, denn nur um sie konnte es sich bei der kleinen rundlichen Person mit Krone handeln, hatte sich offensichtlich mit Tee oder etwas ähnlichem bekleckert, und Prinz Albert, denn nur um ihn konnte es sich handeln, versuchte den Fleck mit einem Taschentuch fortzutupfen.« Schefflers Familienbild ist wenig royal, dafür umso herzlicher und ein entzückendes Vergnügen.

Also, nicht zögern, Jims brillante Weihnachten gleich im Buchladen des Vertrauens kaufen und lesen. Und viele Weihnachtskarten an liebe Menschen verschicken. Das wird ein spektakulär schönes Fest!

Emma Thompson, Axel Scheffler: Jims brillante Weihnachten, Übersetzung: Anu Stohner, Beltz & Gelberg, 3. Auflage 2023, 80 Seiten, 18 Euro, ab 6

Vielsagende Vögel

Wiedehopf

Papa hat 1000 Vögel gemalt, denn die Welt gerät aus den Fugen.« So beginnt die Hamburger Illustratorin und Cartoonistin Maren Amini ihren ersten Comic, Ahmadjan und der Wiedehopf.
Was für ein Debüt als Graphic-Novel-Autorin!
Es ist die bewegte, mitreißende Biografie ihres Vaters Ahmadjan. Es ist auch die Wiederentdeckung und moderne Neuerzählung der Konferenz der Vögel, eines großen persischen Epos aus dem 12. Jahrhundert des mystischen Dichters Fariduddin Attar.

1000 Vögel für vielfältige Kultur

Vor allem aber ist es die Geschichte eines faszinierenden Landes – Afghanistan. Ja, genau, das Land irgendwo eingeklemmt in Zentralasien, das heute nur noch mit engstirnigen religiösen Fundamentalisten assoziiert wird. Das bitterarme Land, von verschiedensten Gegnern zurückgebomt in die Steinzeit, wo Frauen entrechtet, geradezu entmenschlicht werden. In dem alle Andersdenkenden und Freiheitsliebenden brutal unterdrückt, getötet oder vertrieben werden.
Als die Taliban erneut die Macht ergreifen, reagiert der 1953 in Afghanistan geborene und in Hamburg lebende Ahmadjan Amini mit Kunst. Die 1000 Vögel beziehen sich auf Die Konferenz der Vögel, stellvertretend für die vielfältige und reiche Kultur Afghanistans und das Zusammenleben zahlreicher Ethnien. Für Freiheit, Sinnsuche und den lebenslangen Weg zur Erkenntnis. Seine Kunst hat Ahmadjans Leben gelenkt, geprägt, er hat von ihr gelebt und sie hat ihn immer wieder gerettet.

Raffiniert Lebensgeschichte und mystische Dichtung verknüpft

Zu ihrem großen Bedauern war Maren Amini, geboren 1983, noch nie im Heimatland ihres Vaters. Auch die mystische Dichtung kannte sie bis zur jetzigen Zusammenarbeit mit ihrem Vater nicht. Umso beeindruckender ist es, wie raffiniert und stimmig sie seine Lebensgeschichte mit Fariduddins Parabel erzählerisch in Text und Bild verknüpft.
In meist kleinen cartoonesken Bildern, mit flottem schwarzem Strich erzählt die international gefragte Illustratorin seine wilde, wandlungssreiche, manchmal fast märchenhafte Reise zwischen zwei Welten. Ein bisschen ist ihre Darstellung eine Mischung aus Charles M. Schulzs Peanuts und Sempé, eine knollennasige Figur mit dichtem Haarschopf, später mit typischen Schlaghosen. Ahmadjans Mutter stirbt früh, er wächst in einer lieblosen Stieffamilie von Schafhirten auf. Schon früh entdeckt er das Zeichnen für sich. Auch dank seines Talents entkommt er der Enge des Tals, bitterer Armut, Hunger und Kälte, zunächst mit einem Stipendium für ein Internat in Kabul. Dann mit einer Ausbildung zum Bauzeichner.

Wechselhaftes Leben zwischen Welten

Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre war Kabul ein Hotspot für Hippies. Durch sie lernt er Musik, traditionelle und westliche, sowie Filme und moderne Kunst kennen. Immer wieder begegnet er Menschen, die seinem Leben eine entscheidende Richtung geben, ihn inspiriert oder gefördert haben. Diese malt Maren Amini als Vögel, die für ganz unterschiedliche Typen stehen. Außerdem tauscht sich Ahmadjan mit einem imaginären Wiedehopf aus, den Amini ganz entzückend wie Woodpecker, Snoppys gefiederten Freund, darstellt. Und sie zitiert begleitend Fariduddin Attars fabelhafte Verse.
Das spannende und wechselhafte Leben ihres Vaters bewegt sich zwischen Afghanistan und Hamburg. 1972 kommt er zum ersten Mal mit einem Touristenvisum nach Deutschland, lebt in besetzten Häusern, lernt in einer Malschule im Karoviertel beim Begründer der Schlumper (einer Ateliergemeinschaft für Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen), studiert an der Hochschule für Bildende Künste, reist nach London, Amsterdam, Ibiza, besucht Musikclubs und Museen, wird schließlich abgeschoben. Als die Russen in Afghanistan einmarschieren, kommt er als einer der ersten asylsuchenden Flüchtlinge zurück nach Hamburg, das mittlerweile nach Pakistan und Iran die größte Gemeinde von Exil-Afghanen beherbergt. Hier lernt er Marens Mutter kennen, bekommt mit ihr zwei Töchter.

Genial pointierter Cartoon eines bunten Lebens

Spätestens jetzt kommt noch eine weitere Facette dieser außergewöhnlichen Graphic Novel zum Tragen: Die behutsame und berührende Annäherung von Tochter und Vater. Ahmadjan war überfordert vom Familienleben, hat Frau und Kinder früh verlassen. Jetzt erzählt er seiner Tochter seine Lebensgeschichte. Und sie kommen zusammen über die Kunst, über das Erzählen in Bildern, über ihre individuelle, brillante Bildersprache.
Und so kann man Maren Aminis Cover von Ahmadjan und der Wiedehopf als Essenz und absolut genial pointierten Cartoon des Lebens ihres Vaters erkennen. Begleitet von nunmehr dreißig, wie ein farbenprächtiger Schweif aus einer unter den Arm geklemmten Mappe aufsteigenden Vogelschemen, und gefolgt vom treuen, titelgebenden Wiedehopf geht Ahmadjan seines Weges. Das Porträt eines Künstlers, Individualisten und Träumers. Und das eines einzigartigen Landes. Absolut umwerfend und wunderbar.

Maren und Ahmadjan Amini: Ahmadjan und der Wiedehopf, Carlsen, 2024, 240 Seiten, 26 Euro, ab 12

Aussicht auf viele Lücken

Welt

Jeder vermisst jemanden. Und jeder wird vermisst.« Das wird Deetje, genannt Dee, und ihrem Freund Vito bei der Suche nach dem Empfänger eines Briefes bald klar. Deetje hat ihn an einem feuchten Samstagnachmittag beim Briefkasten gefunden, kurz nachdem dieser geleert worden war. Die Adresse dick durchgestrichen mit dem Vermerk Retour an Absender, der aber ist vom Regen verwischt und unleserlich.
Die Zeilen berühren Deetje: »Mein Liebling, Die Tage sind so kahl wie die Bäume im Herbstwind. … Wie kurz das Leben doch ist und wie sehr ich Dich vermisse. Vielleicht sollten wir vergessen, was alles geschehen ist. …« Irgendjemand in der Hochhaussiedlung wird vermisst. Deetjes Zuhause ist ein Mikrokosmos, über den sie sagt, »von hier aus kann man die ganze Welt sehen«.

Prinzessin mit Swimmingpool

Das ist auch der Titel von Enne Koens‘ außergewöhnlicher Erzählung mit einer besonderen Heldin. Die Neunjährige ist offenherzig, forsch, neugierig, kratzbürstig, stur, lebendig und einfühlsam. Und auch sie vermisst jemanden, sogar gleich zwei Menschen, ihre Eltern nämlich. Weil sie ganz anders ist als ihre Mutter und ihr auch gar nicht ähnlich sieht, ist Deetje überzeugt, dass sie adoptiert wurde. Vielleicht auch entführt, aus dem Kinderwagen gestohlen. Wahrscheinlich suchen ihre richtigen Eltern nach ihr. Vielleicht ist sie eine Prinzessin und könnte in einem Schloss mit Swimmingpool wohnen.
»Deine Haare wollen einfach nicht gehorchen, sagte meine Mutter. Ich hatte das Gefühl, sie würde nicht meine Haare meinen, sondern mich. Und wieder dachte ich das. Eine echte Mutter kommt doch mit den Haaren ihres Kindes zurecht. Wir gehören überhaupt nicht zusammen, dachte ich.«

Haarige Gedanken

»Und in diesem Moment änderte sich alles. Ich schaute zu ihr. Die Haare meiner Mutter hängen gerade herab, wenn sie offen sind. Meine Haare springen zu allen Seiten. Ich kenne fast alle aus der Nachbarschaft, sie kennt fast niemanden. Sie hat eine helle Haut und ich eine dunkle. Sie will, dass alles praktisch ist, nützlich, säuberlich, pünktlich und an der richtigen Stelle. Ich will nur tanzen, mein Herz so offen wie eine Ladentür am verkaufsoffenen Sonntag«, stellt Deetje fest.
»Wenn man uns beim Memory umdrehen würde, darf man ganz bestimmt nicht noch einmal«, resümiert das Mädchen mit umwerfend trockenem Humor, von Andrea Kluitmann schön spröde übersetzt. Wegen dieses Gefühls des Fremdseins gegenüber ihrer wortkargen, verschlossenen Mutter forscht Deetje zusammen mit ihrem gleichaltrigen Freund Vito weiter, nach Empfänger oder Absender des Briefes. Und in eigener Sache.

Religiösität mit Folgen

Tatsächlich wirkt Deetjes Mutter anfangs fast autistisch. Oder depressiv. Dann wird klar, dass Religion und Frömmigkeit eine wichtige Rolle spielen. Christliche Religion. Das irritiert zunächst. Wie man aber am Beispiel der USA sieht, geht von protestantischen Splittergruppen und Sekten eine weit größere Bedrohung als vom durchschnittlichen Islam aus. Schon im bloßen Wort scheint das Radikale enthalten zu sein: Protestantismus. Klingt wie Islamismus, islamistisch. Zumindest kann diese weltabgewandte, fundamentalistische und engstirnige Form des Christentums  verheerende Wirkung haben. Im Großen, und, wie man im Roman zurückhaltend, aber eindrücklich lesen kann, auch im Einzelnen.

Manchmal bleibt nur ein Ring, ein Lied, ein Foto

Enne Koens vereint durch Deetje in dieser besonderen Detektivgeschichte viele spannende individuelle Erzählungen vom Vermissen. Maartje Kuipers behutsame, reduzierte Zeichnungen, die Einblicke in verschiedene Fenster und ausschnittweise auf die Bewohner dahinter geben, akzentuieren das sehr schön. Menschen aus aller Welt sehnen sich nach Eltern, Freunden, Liebsten, die sie auf der Flucht zurücklassen mussten, aus den Augen verloren haben, die gestorben oder weggezogen sind oder von denen man sich auseinandergelebt hat. Manchmal bleibt neben der Erinnerung nur ein Ring, an einer Schnur um den Hals getragen. Manchmal nur ein Lied, Regale voller Lebensmittel oder ein verschlucktes Telefon (ja, wirklich!). Oder ein Foto mit einem Paar, das ein kleines Baby hält, Leute, die Deetje viel ähnlicher sehen.
Die niederländische Autorin Enne Koens verwebt diese bewegenden Erzählungen zu einem ebenso überraschenden wie vielversprechenden Ende. Das der Anfang einer neuen, gemeinsamen Suche ist. Mit Aussicht auf die ganze Welt.

Enne Koens: Von hier aus kann man die ganze Welt sehen, Übersetzung: Andrea Kluitmann, mit Bildern von Maartje Kuiper, Gerstenberg, 208 Seiten, ab 9, 17 Euro

Zombieapokalypse leicht gemacht

Ende der Welt

It’s the End of the World as We Know It sang die College-Indie-Band R.E.M. in den 1980er Jahren. Tja, man denkt, man wüsste wie das Ende der Welt wird: Feuerregen, Lavaströme, Sintflut, nukleare Explosionen, Zombieapokalypse. R.E.M. konterkarierten es mit einem schlaksigen, verschmitzt lächelnden Jungen, der durch ein sehr chaotisches Zimmer tobt, kaputtes Spielzeug in die Kamera hält und Skateboardtricks macht. Auch für Atlas und Elena sieht das Ende der Welt ganz anders als man es sich vorstellt.

Im Zentrum des Shitstorms

Elena muss zu Beginn der Sommerferien abtauchen: Nach einem lustigen Video mit Lebenshilfetipps steht die Dreizehnjährige im Zentrum eines massiven Shitstorms. Der gesamte Hass des Internets scheint ihr entgegenzuschlagen, Verwünschungen und Morddrohungen inklusive. Keine Freundin will mit ihr verreisen. Selbst ihre Mutter fliegt lieber nach Indien in ein Schweige-Retreat.
So landet Elena ausgerechnet bei ihrer Tante irgendwo auf dem Land und deren creepy neuer Familie. Dort trifft sie auf Atlas und seine jüngere Schwester Kennedy. In diesem überhaupt nicht idyllischem Setting erzählt Anna Woltz von Cybermobbing, Verlust, Tod, Krankheit, traumatisierter Familie. Aber auch von Vertrauen, Liebe, Stärke und Solidarität – furios und ganz anders, als man es kennt.

Viel zu schwerer Rucksack

Wie bereitet man sich auf das Ende der Welt vor, wenn die eigene Welt bereits untergegangen ist. Atlas trainiert hart für alle Eventualitäten. Seinen Rucksack mit allem Überlebensnotwendigen hat er immer gepackt und griffbereit. Der Rucksack ist viel zu schwer für einen vierzehnjährigen Jungen. Und doch schleppt Atlas das Teil  kilometerweit. Er hortet Lebensmittelkonserven. Wenn alle Netze zusammenbrechen, wenn es keinen Strom, kein Wasser, kein Internet, kein Geld und keine Supermärkte mehr gibt, will Atlas die Last schultern und vorbereitet sein, um seine Familie zu retten. Das, was von ihr übrig ist. Und da darf Elena ihm nicht in die Quere kommen.

Vielleicht selber mal nachdenken

Neun Romane hat die niederländische Autorin Anna Woltz in den vergangenen Jahren allein auf Deutsch im Carlsen Verlag veröffentlicht. Es sind berührende und spannende, gegenwärtige oder historische Geschichten mit vielschichtigen, verletzlichen, wütenden, manchmal ein bisschen verrückten, doch durchweg liebenswerten Charakteren, auch mal einem Hund. Kinder und Jugendliche, die konfrontiert sind mit Trauma, Trennung, Krieg, Ungerechtigkeit und Gemeinheiten. So unterschiedlich sie sind, trotzig und empathisch sind sie alle. Sie raufen sich zusammen und lösen gemeinsam ihre Probleme, um ihre Welt lebenswerter und ihre Leben schöner zu machen. Und Anna Woltz schafft es jedes Mal zu überraschen.
Denn natürlich kommt auch in Atlas, Elena und das Ende der Welt alles anders, als man denkt. Weil eben die Welt und die Menschen anders sind, als man denkt. Anna Woltz lässt Atlas und Elena im Wechsel erzählen. In ihrem eigenen, emotionalen Chaos denken sie sehr kluge Gedanken. »Tja, vielleicht hätten diese Follower selbst mal nachdenken sollen?«, überlegt Atlas angesichts von Elenas folgenreichem Video. Wenn mehr Menschen öfter mal nachdenken, dann wäre die Welt tatsächlich freundlicher und besser. Und Cybermobbing kein Thema.

Die Probleme anderer Leute

»Man stellt es sich immer schlimmer vor, als es ist«, lautete Elenas Ermutigungsmantra früher. Jetzt weiß sie, »manchmal sind die Sachen ganz genau so schlimm, wie man sie sich vorgestellt hat. Und manchmal sind sie noch viel schlimmer.« Auf dem harten Lehmboden eines unheimlichen Schuppens ist Elena auf dem noch viel härteren Boden der Realität angekommen. Dabei war sie doch die lustige und wagemutige Troubleshooterin.
»Die Probleme anderer Leute sind total witzig«, erklärt Kennedy Elena. »Aber unsere Probleme sind einfach … Probleme.« Damit hat Atlas‘ jüngere Schwester eine zeitlose Erkenntnis Ally McBeals grandios neu interpretiert. Ally McBeal war eine Serie um die gleichnamige Anwältin in einer großen Kanzlei in Boston. In der Unisex Toilette (sehr fortschrittlich, 90er Jahre!) fragt eine der biestigen Kolleginnen Ally: »Warum sind deine Probleme eigentlich immer so wichtig?« »Weil es MEINE Probleme sind«, bringt es Ally schlagfertig auf den Punkt. Deshalb ist es auch so schwierig, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Ob lähmende Sprachlosigkeit, absolute Leere, herzzerreißender Kummer – es fehlt der Abstand. Man braucht jemanden, der die Sache aus anderer Perspektive betrachten kann. Und umgekehrt. Davon erzählt Anna Woltz immer wieder neu.

Märchenhafte Kulisse

»Und dann hört der Wald auf und ein Märchen fängt an. Der Pfad führt durch riesige, langgezogene Weiden. Das hohe Gras glitzert silbern im Mondlicht, der tiefblaue Himmel ist mit Sternen übersät und in der Ferne funkelt ein Fluss. Wenn ich Netflix wäre, würde ich für so eine Kulisse Millionen bezahlen«, durchfährt es Elena nachts. »Aber dann fällt mir ein, dass ich kein Streamingdienst bin, sondern jemanden verfolge. Und wenn man jemanden verfolgt, sind ausgedehnte Weiden höchst ungünstig.« Sätze voller Witz und Selbstironie, viel besser als die meisten nach bewährtem Schema geschriebenen Serien. Andrea Kluitmann hat sie mitreißend übersetzt.

»Ich bin gekommen, um dich zu retten.« Tatsächlich kommt der Ritter auf einem weißen Pferd zur gestrauchelten Heldin. Und es ist überhaupt nicht kitschig. Nein, das ist definitiv nicht das Ende der Welt, wie wir es kennen. Es ist der Beginn einer neuen, wunderbaren Geschichte.

Anna Woltz: Atlas, Elena und das Ende der Welt, Übersetzung; Andrea Kluitmann, Carlsen, 2024, 192 Seiten, 12 Euro, ab 11

Lesen ist das größte Abenteuer

Nach dem Sommer ist vor der Schule. Jetzt sind ganz viele Kinder eingeschult worden. Da lernen sie rechnen, schreiben und lesen, Plutimikation (wie die Autodidaktin Pippi Langstrumpf sagt) und das ZYX. Hä? Na, das ABC rückwärts, klingt gleich viel interessanter. Mit ABC, die Katze läuft im Schnee kann man wirklich kein Kind mehr aus der aus der per Wärmepumpe fußbodenbeheizten Wohnung rauslocken.

Grummelige Gewitterwolke

Das weiß auch der Comickünstler Flix. Deshalb schickt er das ZYX statt ins Bett in ein furioses umgekehrtes ABC-Abenteuer. Das kleine rüsselnasige Wesen hat überhaupt keine Lust auf »Abmarsch ins Bett!«, ihm lüstet nach Spannung statt Schlafengehen. Genau wie seinem Schöpfer, was Flix am Ende in der Autorenkurzbiografie als Inspiration für seine Geschichten preisgibt. Die grummelige Gewitterwolke über dem ZYX auf dem Weg zum Zähneputzen gleich auf der ersten Seite spricht Bände.

Besser als arbeiten

Lesen lernen ist echt eine Sache, für die sich die Schule lohnt. Für unseren Blog letteraturen sind Lesende auch nicht ganz unwichtig. Die Autorin dieser Zeilen weiß die Schule deshalb auf jeden Fall für alle Zeit zu schätzen, ein bisschen auch, weil sie im Sportunterricht Kraulen gelernt hat. Sie gehört nämlich nicht zu den Überfliegern, die sich schon mit vier Jahren das Lesen selbst beigebracht haben. Später kam noch die Erkenntnis dazu, dass ein paar Stunden täglich in der Schule herumhängen deutlich weniger anstrengend sind, als Tag für Tag mindestens acht Stunden zu arbeiten, mit Leuten, mit denen man nur sehr selten befreundet sein kann. Soweit ein kleines, zugegebenermaßen seht persönliche Plädoyer für die Schule.

Vorteil exzessiven Teetrinkens

Zurück zum ZYX. Mit Schmackes und Witz geht es tollkühn durch Raum und Zeit, über die Planke eines Piratinnenschiffs und überbordende Inseln, durch den Magen von Riesen direkt in eine Zirkusmanege. Wir erleben den Vorteil exzessiven Teetrinkens, und Nachteil von Pizza und Pasta, nicht bis zum Abwinken, sondern ohne Ende. Gemeinsam mit dem umtriebigen Bettflüchter begegnen wir hungrigen Ottern und volatilen Krokodilen und schweben mit ihm durch rosa Himmel voller Donuts.
Das alles erzählt Flix in kuriosen Reimen, die raffiniert das Alphabet rückwärts buchstabieren. Selten war Lesenlernen so ein Spaß.
Der beginnt schon auf dem Vorsatzpapier. Besonders liebevoll gestaltete Bücher erkennt man daran, dass auch auf den vermeintlich nur dekorativen Seiten am Anfang und Ende der Geschichte ebenfalls eine Anekdote erzählt wird.

Affinität für einzigartige Wesen

Wer sich jetzt übrigens angesichts des knuffigen Helden ob meiner Begeisterung wundert, weil meine Abneigung gegen bekleidete Tiere bekannt ist: Das ZYX ist kein Tier, sonders etwas ganz Eigenes. Was, das weiß nur Flix, der eine Affinität zu außergewöhnlichen, einzigartigen Wesen hat. Schließlich durfte er auch als erster die belgische Comic-Serie Spirou weitererzählen und hat mit dem Humboldt-Tier sozusagen ein Prequel des Marsupilamis erschaffen.

Also, liebe Abenteurlustige, lernt das ZYX und lest!

Flix: Das ZYX, Kibitz Verlag, 48 Seiten, 15 Euro, ab 4

Aufs Schönste stranden

Strand. Ein kurzes Wort, nur eine Silbe. Doch so verheißungsvoll. Strand – das löst ein Feuerwerk an Assoziationen und Erinnerungen aus. Wie der Duft von Sonnencreme. Erstaunlicherweise sind das Adjektiv und das Verb dazu eher negativ konnotiert: gestrandet, stranden. Merkwürdig.
Strand ist auf jeden Fall ein hervorragender Buchtitel. Deshalb hat Ximo Abadia sein wunderschönes Bilderbuch so genannt. Strand steht auf dem Cover in Weiß auf blauem Grund über einer zunächst abstrakt scheinenden Anhäufung von Kreisen in Rot, Grün und Weiß auf sattem Gelb. Mit schwarzen Strichen in Achtel unterteilt, sehen sie aus wie Orangen-, Zitronen- und Limettenscheiben.

Sonne, Möwen und Frühaufsteher

Die Farben sind programmatisch und eine gute Einstimmung: Abadia verwendet sattes Sonnengelb, Rot in Variationen von Orange über Magenta bis Ziegel, sowie Blau, akzentuiert die Farben, kontrastiert und konfiguriert mit Weiß und Schwarz. So erzählt der katalanische Illustrator von allem, was zum Strand gehört. Wie die Umgebung aus Bergen und Feldern. Die Fischerboote. Auch die Anreise und wie man zum Strand gelangt, zeigt er. Erstes Highlight ist eine Doppelseite mit zwei Himmelskörpern und zentralen Protagonisten, Sonne und Möwen, für die eine einzelne stellvertretend auf einem Sonnenschirm steht.

So abstrakt, so lebendig

Gleich kommt die nächste faszinierende Doppelseite mit flächigem Farbauftrag und kräftigem Pinselstrich: Ein breites Stück Sandstrand, ein schmaler Streifen Wasser, dazwischen noch schmaler ein Saum weißer Gischt. Auf der rechten Seite eine einzelne Orangenscheibe wie auf dem Titelbild. »Manche Menschen stehen sehr früh auf, um sich den besten Platz am Strand zu sichern«, steht darunter. Die einzelne Orangenscheibe auf der rechten Seite ist der Sonnenschirm der Frühaufsteher und früh an den Strand Geher, aus der Vogelperspektive.
Auf dem nächsten Panoramabild gesellen sich ganz viele Schirme dazu. So reduziert das Bild ist, so lebendig wirkt die Szenerie. Unter den abstrakten Schirmen meint man das Stimmengewirr zu hören, Rufen, Plaudern, Lachen, auch das Meeresrauschen und Möwenkreischen.

Der Cousin der Daltons verkauft buntes Eis

Abadias Humor dagegen ist ganz leise. Liebevoll deutet er die unterschiedlichsten Typen an, abenteuerlustige und zögerliche, wild umhertobende und ruhig abtauchende, sich treibenlassende und lesende Leute. Menschen aller Hautfarben – und Sonnenbrandgrade, wie es scheint. Der Eisverkäufer mit seinem imposanten Schnurrbart sieht aus, als hätte es einen Cousin der Daltons aus Lucky Luke an die See verschlagen, mit einer bunten Eispalette wie ein Farbkasten. Es gibt FKK-Anhänger, Schatzsucherinnen und einen erstaunlich geduldigen Großvater.
Strand ist ein Ort auf der Landkarte und im Herzen. Strand steht für Vielfalt, für ein friedliches Nebeneinander, gemeinsame Freude, und, vielleicht könnte man auch sagen, gelebte Demokratie.

Mark Rothko, David Hockney, Ximo Abadia

Und dazwischen immer wieder diese großformatigen, bezaubernden Bilder aus dem Laufe eines typischen Strandtages vom Sonnenaufgang bis zum nächtlichen Sternenhimmel, in die man eintauchen möchte. Mit einem Farbzusammenspiel wie von Mark Rothko. Und einer Feier von Sonnenlicht und blauem Himmel, erfrischendem Wasser und sommerlicher Leichtigkeit wie bei David Hockney. Statt an kleinen Pools spielt sich hier das Leben am richtigen Meer mit Wellen und Sand ab.

Ein Wort, eine fantastische Reise und ein grandioses Vergnügen. Mit diesem Buch lässt es sich aufs Schönste stranden.

Ximo Abadia: Strand, Übersetzung: Sophie Zeitz, Gerstenberg, 32 Seiten, 16 Euro, ab 3 Jahre

Schönste Vogelkinder

Schönheit liegt immer im Auge des Betrachtenden, sie ist per se und auch trotz zeitgenössischer Standards nicht wirklich objektiv. Kommt Liebe ins Spiel, wird sie zunehmend subjektiv.
Bei einer speziellen Form von Liebe, der von Eltern zu ihren Kindern, wird Schönheit absolut erratisch. So sei es der liebenswerten Eulenmutter verziehen, dass sie das Pfauenkind nicht findet. »Könnten Sie meinem Sohn auch sein Pausenbrot mitnehmen?«, fragte Herr Pfau. Soeben ist Frau Eule zufällig bei ihm vorbeigekommen, um ihrem Küken das vergessenen Brot in die Schule zu bringen. »Natürlich!«, sagte Frau Eule. »Aber woher soll ich wissen, wer Ihr Sohn ist?« Herr Pfau lachte und putzte sich: »Gib es einfach dem schönsten Kind dort«, sagte er.

Typisch eitler Gockel, denkt man unwillkürlich. Aber nicht die freundliche Eule.
Als sie in der Schule mit den beiden Päckchen ankommt, ist gerade Pause. Also versorgt sie schnell das eigene Kind. Und macht sich dann gewissenhaft auf die Suche, nach dem angeblich schönsten Kind. »Sie betrachtete jedes Kind ganz genau. Dann verglich sie die einzelnen Kinder miteinander. Sie ordnete sie in einer Reihe und musterte sie aus unterschiedlichsten Blickwinkeln.«

Farbenprächtig und urkomisch in allen Typen

William Papas hat wunderbare, farbenprächtige und urkomische Vögel in allen Größen, Farben, Arten und Typen gemalt. Es gibt nämlich nicht nur kleine und große Vögel (hier spielt auch geschickt die Typografie mit, also kleine und große Vögel), sondern unter anderem auch mürrische und glückliche. Und auf dem Schulhof kleine verdutzte, zutrauliche, freche, verspielte, grimmige, gelangweilte, muntere und leicht verpeilte Vögelchen. Letzteres ist das Eulenkind, man merkt, dass das wirklich nicht seine Tageszeit ist, trotz seiner weit aufgerissenen Augen sieht es sehr verschlafen aus. Mittendrin ein gar nicht eitel scheinendes Pfauenkind, das brav abwartend in der Reihe steht.

Durch die großen, liebevollen Augen von Frau Eule

Absolut zauberhaft, wie der langjährige Karikaturist des Guardian hier seine große Kunst ausspielt: Warmherzige und vielfältige Typenzeichnungen. Der 1927 in Südafrika geborene Künstler produzierte auch Cartoons für die Sunday Times und das Satiremagazin Punch – pointiert, subtil und mit feinem Strich. 1973 hat Papas dieses prächtige Bilderbuch gemalt, jetzt hat der Schweizer Verlag Aracari es wiederveröffentlicht. Selten hat man so schön, so bunt und so lustig diesen liebevollen Blick, mit dem Eltern ihre Kinder betrachten, so gesehen, wie durch die großen, gelben Augen der freundlichen Frau Eule.

Auch im nächsten Bilderbuch wird ein kleiner Vogel sehr genau von mehreren großen Tieren betrachtet, aber sehr kritisch. Weil die kleine Ente sagt Miau. So heißt das entzückende Pappbilderbuch der neuseeländischen Bilderbuchautorin Juliette MacIver und der in Auckland arbeitenden Illustratorin und Designerin Carla Martell.
Das geht natürlich gar nicht. »Muh! Macht die Kuh« »Wuff macht der Hund« »Gack macht das Huhn« »Und Ente macht … Miau«

Tanzt dem Yak auf dessen haarigen Kopf herum

Also nochmal: »Muh!« (in großer Sprechblase) macht die Kuh. Und immer mehr Tiere kommen zum Sprachunterricht für das Küken hinzu: Pferd, Spatz, Schwein, Schaf und Yak und sogar eine Schlange. Doch egal, wie hartnäckig ihm die erwachsenen Tiere versuchen, ein korrektes Quak zu entlocken. Das gelbe Daunenbündel sagt zuverlässig, genau … »Miau«. Punkt. Und tanzt dem Yak damit wortwörtlich auf dessen haarigem Kopf herum.

Muttersprache

Carla Martells vor verschiedenen monochromen Hintergründen markant in Szene gesetzte Tiere sind hinreißend. Die Großen, wie sie hartnäckig in Sprechblasen den für sie typischen Laut wiederholen. Und dann das flauschige Entlein, das mal keck von schräg oben, mal selbstbewusst allein mitten auf einer blauen Seite stehend ebenso konsequent Miau wiederholt. Dann plötzlich »ruft Ente Mama!« Kuh sagt: »Juhu! Hör einfach deiner Mama zu.«
Dieses Pappbilderbuch ist das schönste des Jahres, mindestens. Auf jeden Fall ist es das Schönste überhaupt zum Thema Muttersprache. Das sage ich jetzt ganz objektiv.

William Papas: Das schönste Kind überhaupt, Aracari, 32 Seiten, 15 Euro, ab 6 Jahre

Juliette MacIver, Carla Martell (Illustration): Ente sagt Miau, Übersetzung; Bernd Stratthaus, Annette Betz Verlag, 24 Seiten, 12 Euro, ab 1 ½ Jahre

Mit allen Wassern gewaschen

Zwei große, glänzende Toaster
– Zwanzig Kalender – das waren große Pappen mit den Tagen drauf
– Zehn Abroller mit dickem Klebeband (Sie waren ein bisschen klein, aber hatten knallige Farben, das konnte helfen, um aufzufallen)
– Zehn Tablets (deren Akkus leer waren, sodass man die unglaublich vielen Wörter und Bilder und Filme, die darauf waren, nicht mehr sehen konnte.)
– Fünf Taschen (Manche sahen vornehm aus, andere waren Einkaufstaschen mit Werbung drauf. In einer davon stank ein platt gedrücktes Butterbrot vor sich hin.)
– Sechs Gummihandschuhe (Einen behielt sie für sich, um damit zu spielen, denn mit Augen drauf wurde er zu einem Gesicht.)
– Vier eckige Kissen, die lose auf den Stühlen lagen.
– Topfpflanzen (Denen wollte sie Wasser geben, dann gingen sie nicht ein.)
– Alle Geschirrtücher und Handtücher aus der Küche der Kantine (damit kam man ganz schön weit, wenn man sie ausbreitete.)
– Dreißig Tabletts aus der Kantine (langweilige braune, aber das macht nichts.)
– Drei gemalte Bilder (die ihr nicht gefielen)
– Eine Rolle Luftpolsterfolie (Vorher ließ sie viele Luftpolsterblasen zerplatzen, denn das machte Spaß.)
– Ein paar Kleiderhakenbretter (eigentlich waren die zu dünn.)
– Dreißig Schubladen, die sie aus Schränken gezogen hatte (Alles, was darin war, kippte sie vorher auf den Fußboden.)
– Fünf Rollen Alufolie aus der Küche (die glitzerten schön, das fiel auf.)
– Zwanzig Bücher (Die meisten sahen nicht so spannend aus, das waren keine richtigen Bilder drin und sie hießen zum Beispiel Wegweiser in einer Welt des Wandels. Aber eine schönes Fotobuch war auch darunter mit besonderen Gebäuden aus der ganzen Welt.)

Alle diese Dinge braucht Jona, um auf dem Dach des Hochhauses in zehn riesigen Buchstaben und einem Ausrufezeichen den Satz »ICH BIN HIER!« zu legen.

Unterm Radar

Das ist auch der Titel von Joke van Leeuwens hervorragender und packender Erzählung – zunächst eine Mischung aus Robinsonade und Klimathriller. Vor allem ist es aber eine Geschichte der Selbstbehauptung eines Kindes, das gewohnt ist, unter dem Radar zu leben. Und nicht nur aufs Klima bezogen gilt das für die ganze jüngste Generation, so sehr, wie ihre Bedürfnisse von den Älteren ignoriert werden.
Interessanterweise ist auch das Mädchen Jona wie Cato in Cato und die Dinge, die niemand sieht Halbwaise: »Ihre Mutter war krank geworden und niemand hatte sie wieder gesund machen können.« Auch hier ist der Vater emotional abwesend, versorgt sie mit dem Lebensnotwendigen, hat aber immer etwas zu regeln oder zu Ende zu bringen. Weshalb Jona nach der Schule zu ihm ins Büro kommt, das im einzigen Hochhaus ihres kleinen Heimatortes steht, dreißig Stockwerke hoch. Wo ihr Vater sie nach mehreren Stunden lobt, dass sie schön still gewesen war. »Das sagte er jeden Tag. Dass sie schön still gewesen war. Als hätte sie auch hässlich still sein können.«

Echt intelligent

Das ist gleich auf den ersten Seiten eine kurze Passage, die zeigt, was für ein erstaunliches Mädchen Jona ist. Ihr Wissen ist beeindruckend (nicht nur für eine Achtjährige). Und zwar nicht auf eine anstrengende, klugscheißerische Art. Sondern echt intelligent, wie sie Gelesenes, Beobachtetes, Aufgeschnapptes klug und raffiniert kombiniert. Man sollte Kinder nie unterschätzen.
Vor allem nicht, weil Erwachsene dazu tendieren, sich selbst in ihrem Erwachsensein zu überschätzen. Sie denken, dass sie alles verstehen und im Griff haben. »Jonas Vater glaubt nicht, dass das Wasser so schnell kommen wird, wie alle fürchten. Er wird genug Zeit sein, um sich in Sicherheit zu bringen.« Und dann reicht das Wasser plötzlich bis zum dritten Stock. Rundum das Hochhaus steht alles unter Wasser. Und Jona ist ganz allein auf dem Dach und weiß nicht, wann jemand kommt, um sie zu retten. Oder ob man überhaupt nach ihr sucht.

Hohe Wertschätzung in den Niederlanden

Das ist ein Buch, wie es nur in den Niederlanden geschrieben wird. Und zwar nicht nur, weil die Niederlande eben so niedrig sind, dass das Land teilweise unter dem Meeresspiegel liegt und durch steigendes Wasser als erstes in Europa, überflutet zu werden und unterzugehen droht. Wobei die Niederländer schon immer mit der Gefahr gelebt haben, teils in Hausbooten oder Pfahlbauten wohnen und das nationale Faible für Campingwagen wie eine prophetische Variante mobiler Tiny Houses anmutet.
Bei der niederländischen Autorin Joke van Leeuwen und ihren Kolleginnen und Kollegen hat das Schreiben für junge Leser einen viel größeren Stellenwert als hierzulande. Nicht nur wird die Kinder- und Jugendliteratur viel mehr gefördert und honoriert. Sie ist auch deutlich anspruchsvoller, weil die Autorinnen und Autoren für Kinder nicht anders schreiben als für Erwachsene. Und man weiß, dass man Kindern mehr zumuten kann und darf, um sie zu fordern, zu fördern, zu unterhalten und auch mit dem Leben klar kommen zu lassen. Oder auch ein Gespür dafür zu entwickelt, wann Regeln ihren Sinn verlieren. Natürlich darf man normalerweise nicht in ein Büro gehen, die Schubladen ausleeren und Dinge daraus mitnehmen.

Zumuten, fordern, fördern und unterhalten

Nach mehreren Tagen und Nächten auf dem Dach überkommt Jona ein Gefühl der Einsamkeit und des Verlorenseins. Als sich schließlich ein Flugzeug dem Hochhaus nähert, aber vorzeitig wieder abdreht, droht sie alle Hoffnung zu verlieren. Als wären alle Anstrengungen, um auf sich aufmerksam zu machen und gerettet zu werden sinnlos.
Das ist absolut nachvollziehbar und lebensecht. Und macht Joke van Leeuwens Geschichte umso berührender und spannender und wunderbarer. Erneut ein brillantes Buch aus dem Nachbarland.

Joke van Leeuwen: Ich bin hier!, Übersetzung: Hanni Ehlers, Gerstenberg, 120 Seiten, 15 Euro, ab 8

Folge dem grunzenden Kaninchen

Cato

Als Cato auf die Welt kam, hat ihre Mutter sie verlassen. »Natürlich hatte sie es nicht mit Absicht getan, aber die Sache war nun mal eindeutig: Wäre Cato nicht geboren worden, würde ihre Mutter noch leben. Manchmal fühlte sie Abscheu und Wut auf sich selbst. Manchmal fühlte sie Wut auf alles und jeden, auf die ganze Welt. Als ob sich die Wirklichkeit vom Moment ihrer Geburt an gegen sie verschworen hätte.«
Eine ziemliche Last, die die Zwölfjährige ihr ganzes Leben mit sich herumschleppt. Bei der sie niemand entlastet. Denn ihr Vater ist nur noch eine traurige, funktionierende Hülle, völlig im eigenen Schmerz vergraben. Dabei lässt er außer Acht, dass seine Tochter niemanden hat.

Mutter- und vaterseelenallein

Cato ist mutter- und vaterseelenallein. Von ihrer Mutter, die sie nie kennenlernen konnte, ist ihr nur ein rotes Kleid und ein Foto geblieben. Darauf ist ihre Mutter in eben jenem Kleid, schwanger und mit einem strahlenden Lächeln zu sehen.

Zu allem Elend kommt täglich die fiese, spießige Nachbarin Cornelia, umgeben von einer Wolke widerlich süßem Parfüm, zum Putzen und Kochen vorbei. Sie mischt sich in alles ein, diffamiert Catos Gefühle, ihre Wut, ihren Trotz, ihre Zweifel, als »Gewühle«, das im Kopf weggesperrt gehört. Und tut scheußlich vertraut mit Catos Vater. Eine  Möchtegern-Stiefmutter par excellence.

Kraft der Erinnerungen

Mit dieser herrlich ätzenden Ausgangslage in bester Roald-Dahl-Tradition beginnt Yorick Goldewijks traurig-schöner Roman Cato und die Dinge, die niemand sieht. Aber dann  tritt Frau Kano in Catos Leben. Laut ihrer Visitenkarte zeigt sie im alten, schon seit Jahren geschlossenen Kino, Filme, die  nirgends laufen, die du aber schon immer sehen wolltest. Aus Neugier heuert Cato bei der rätselhaften Frau an, putzt das Kino, bringt die Reklame an der Fassade wieder zum Leuchten, kocht wie gewünscht rabenschwarzen, schauerlichen Kaffee und wird Frau Kanos Assistentin. So lernt sie die Bedeutung und Kraft von Erinnerungen kennen.

Lust auf Neues, Unbekanntes

Gleichzeitig entdeckt die Liebhaberin von Kung-Fu-Filmen und Zombie-Comics ihre besonderen Superkräfte: »Dieser Blick. Nur wenige Menschen besitzen ihn. Denn man muss natürlich ein bisschen speziell sein«, wie Frau Kano an Cato beobachtet. »Sich trauen, das Fremde zu umarmen. Du bist genau wie ich früher, Cato. Auch ich war immer schon neugierig auf all die Dinge, die alle anderen lächerlich fanden. Und ich war genauso schlau wie du und genauso starrköpfig. Wenn du dir die Neugier lange genug erhältst, dann findest du Dinge heraus, die du selbst nie für möglich gehalten hättest.«

Nach betrunkenem Kung-Fu-Meister benannt

Neugier (die im niederländischen Original ebenso heißt) bekommt hier eine positive Konnotation, nicht Gier, sondern das Interesse an und die Lust auf Neues, Unbekanntes ist eine wichtige Triebfeder für Menschen, die etwas bewegen und ändern wollen.
Cato findet Normalität, die es tatsächlich vom Moment ihrer Geburt für sie nicht gab, keinen erstrebenswerten Zustand. Deshalb trägt sie unterschiedliche Socken. Und fotografiert Dinge, die keiner bemerkt. Oder hat ihr ebenfalls eigenwilliges, weil grunzendes Kaninchen nach dem betrunkenen Kung-Fu-Meister Beggar So aus einem Jackie-Chan-Film benannt. Cato ist meist ein freier, unabhängiger Geist. Eine Erziehungsexpertin hat es soeben im Interview so auf den Punkt gebracht: »Frei ist, wer missfallen kann.« (und darf)

Pointierte Schimpftiraden

Mit Frau Kano kommt zwar etwas Magisches in die Geschichte. Was aber Goldewijks Heldin so liebenswert macht, ist, dass sie so lebendig, authentisch und menschlich ist. Auch Cato ist zum Beispiel zunächst zu feige, sich für den gemobbten Lehrer stark zu machen. Wer kennt das nicht? Lesenswert sind auch ihre erfrischend pointierten Schimpftiraden auf ihren Vater. Und die Nachbarin. Und gemeine Mitschüler, zwei Ekelpakete. Sonja Fiedler Tresp hat das kreativ und witzig übersetzt. Im Trottel etwa spielt sowohl Catos Verachtung als auch Mitleid für ihren Vater mit. Knalltüte neckt Cato später liebevoll ihren unverhofft gewonnen, einzigen Freund.
In Cato und die Dinge, die niemand sieht versteckt sich so viel, was man zunächst nicht erkennen kann. Und dann umso erhellender und freudig überraschter wahrnimmt. Dagegen ist dieses Buch schon auf den ersten Blick auch ein sehr hübscher Hingucker, wegen des Titelbilds und des schicken orangenen Schnitts. Die famose Cato sollte wirklich jede und jeder sehen.

Yorick Goldewijk: Cato und die Dinge, die niemand sieht, Übersetzung: Sonja Fiedler Tresp, Dragonfly, 240 Seiten, 15 Euro, ab 10

Entfesselte Energie

Löwenmäulchen sind hübsche Blumen. Als Mädchenname taugt das von Hummeln sehr geschätzte Wegerichgewächs nicht so gut – im Deutschen. Snapdragon klingt dagegen super. Und passend für die mutige, eigenwillige Heldin in Kat Leyhs gleichnamigen Comic.

Hexen gibt’s nicht, oder?

Auf der Suche nach ihrem Hund fährt Snapdragon zum Haus der Hexe. Zumindest halten ihre Mitschüler sie für eine und erzählen gruselige Geschichten über die Einsiedlerin im langen schwarzen Mantel, mit großem Hut und dunkler Augenklappe. Aber Hexen gibt es doch nicht, oder?
Tatsächlich findet Snapdragon ihre kleine Bulldogge wohlbehalten bei der knurrigen, unheimlichen Frau. Und freundet sich nach und nach mit ihr an. Dabei spielen viele Tiere eine wichtige Rolle. Die meisten tot, überfahren auf der Straße. Jacks, so heißt die Alte, kümmert sich um sie, um ihre achtlos liegengelassenen Kadaver – und ihre Seelen. Den toten Tieren haucht sie wieder neues Leben ein, indem sie ihre Skelette minutiös rekonstruiert und an Sammler oder Museen im Internet verkauft. »Wow«, sagt Snapdragon beeindruckt. Jacks lächelt geschmeichelt. Bis das Mädchen gleich hinterherschiebt: »Jemand Altes, der das Internet benutzt.«

Respekt gegenüber allen

Das ist ein ganz kleiner Moment, drei Bilder kurz, in dem Kat Leyh, die bislang vor allem Superheldengeschichten illustriert hat, sehr geschickt und ganz beiläufig auch das Thema Altersdiskriminierung einflicht. Denn darum geht es in ihrem ersten Kindercomic: um Vielfalt und Respekt gegenüber allen. Allen Menschen und allen Lebewesen. Egal, ob Mädchen wild und draufgängerisch sind. Jungs lieber Mädchenkleider tragen und ein Faible für Lila haben. Frauen Motorradrennen fahren und Frauen lieben.
»Ich bin nicht so wie jeder andere auch«, sang schon Carsten Friedrichs von der Liga der Gewöhnlichen Gentlemen (dessen brillante Songtexte auch als Buch zu haben sind, Später kommen, früher gehen, Ventil Verlag, 216 Seiten, 17 Euro). Das zu erkennen, zu akzeptieren und auszuleben kostet viel Energie. Es kann aber auch fantastische und inspirierende Kräfte entfesseln.

Seiten mit dramaturgischem Kniff

Von Außenseitern mit starkem Willen und großen Herzen erzählt Kat Leyh in klaren Panels mit kräftigen Farben. Ihre Figuren sind höchst lebendig, mit hochemotionaler Mimik und dynamischen Bewegungen. Auf manchen Seiten verwendet Leyh mit dem letzten Bild unten rechts einen dramaturgischen Kniff: In Serien würde man vielleicht von Cliffhängern sprechen. Hier sind es eher Appetithäppchen oder Teaser, die einen sofort neugierig umblättern lassen und gleich in die nächste Szene hineinziehen.

… und ein Schuss Magie

Eine starke Nebenfigur ist auch Snapdragons alleinerziehende, hart arbeitende Mutter. Respekteinflößend und ebenso respektvoll und anerkennend. Als sie zum Beispiel von der Arbeit weg in die Schule zitiert wird, ist sie nicht wütend auf ihre Tochter. Sie lobt Snapdragon, weil diese ihren Freund Lu gegen gehässige, sexistische Mitschüler verteidigt hat. Was ihr blumiger Vorname für eine Bedeutung hat, das ergibt sich in der in der wunderbar verwoben Geschichte und wird hier natürlich nicht verraten.
Kat Leyhs Snapdragon ist ein mitreißender, ausdrucksstarker und famos gezeichneter Comic, ebenso bunt wie seine Heldenfiguren. Mit einer spannenden Geschichte, beeindruckenden Charakteren – und einem klugen Schuss Magie.

Kat Leyh: Snapdragon, Übersetzung: Matthias Wieland, Lettering: Kathrin Liehr, Reprodukt, 240 Seiten, 20 Euro, ab 10