Wenn Henri Matisse, Yves Klein und Günther Bruno Fuchs gemeinsam ein Bilderbuch gemacht hätten, dann könnte es so aussehen, wie Schaut, ein Elefant! Der tschechische Illustrator Jakub Plachý vereint kongenial die fantasievollen Formen und das ultimative Blau der französischen Künstler mit Fuchs‘ dadaistisch liebevollem Tonfall.
»Ein Elefant, der mit einem Ball spielt« – das erste Bild erinnert auch durch die in schönster Schreibschrift drunter stehende Erklärung ein wenig an den poetischen Auftakt zur Geschichte des Kleinen Prinzen. Dort zeigt die erste Zeichnung nur vermeintlich einen Hut. Plachýs Elefant ist in seiner minimalistischen Gestaltung ein wandlungsfähiges Wesen, das bei genauerem Hinschauen anders ist als es auf den ersten Blick scheint.
Der Elefant weint
Über mehrere Seiten spielt der Elefant geschickt mit dem Ball, dribbelt, balanciert ihn auf dem Kopf, lässt ihn über den Rücken rollen, kickt die Kugel aus dem Handstand. Wie possierlich, wie niedlich, wie geschickt, denkt man. Und übersieht, dass der Elefant weint. Weil er eingesperrt ist. Weil sein Käfig zu klein ist. Weil er allein ist. Weil der nicht mit seinen Artgenossen im Stadion nebenan Fußball spielen kann.
Man denkt an Tiere im Zoo und wie der Mensch auf sie blickt. Warum sperren wir Tiere ein? Wie alle Lebewesen haben sie einen Freiheits- und Bewegungsdrang. Obwohl Zoos unter anderem argumentieren, dass sie Menschen, die Wichtigkeit und Schönheit der Tierwelt zeigen und sogar Arten vorm Aussterben retten, haben sie in der heutigen globalen Welt keine Berechtigung mehr.
Das Naheliegendste: raus aus dem Käfig
Und während man so grübelt, über das Verhältnis von Menschen und Tieren allgemein und Zoos im Besonderen, macht Plachý in seiner Geschichte das Naheliegendste: Er befreit den Elefanten aus seinem Käfig und lässt ihn ins Stadion. »Gleich wird er eingewechselt! Und er ist im Spiel!« Und wie: Der Elefant fliegt geradezu über das Feld. Er passt. Er spielt ab.
Erschöpft, schwach und platt
Doch dann, nur zwei Seiten weiter, was ist das? »Wieso bleibt er stehen? Damit haben wir nicht gerechnet, das Spielfeld ist einfach zu groß für ihn.« Das ist mit wenigen lakonischen Worten auf den Punkt gebracht, von Katharina Hinderer pointiert übersetzt, was Gefangenschaft macht: Erschöpft, überfordert, schwach und platt. Während die anderen Elefanten sich beraten, robbt der kleine blaue Elefant traurig, wie eine Raupe von den Mitspielern weg an den Spielfeldrand.
Der perfekte Platz
Wundersamerweise gelingt Plachý eine dritte Volte: Der Elefant findet sich im Tor wieder. Und tatsächlich: »Passt wie angegossen!« Der Elefant hat seinen Platz in der Gemeinschaft gefunden, nicht nur als Spieler. Es ist absolut verblüffend, wie Jakub Plachý absolut minimalistisch, mit eher amorphen Formen, Blau als prägnante Farbe seiner Hauptfigur und erdigem Braun für die Mitspieler, sowie ein paar einfachen Bleistiftstrichen eine so vielschichtige Geschichte erzählen kann. Mit mehreren überraschenden Wendungen, viel Empathie und zartem Humor.
Elegante Zehengänger
Überraschend ist auch das Format dieses außergewöhnlichen Bilderbuches. Nicht typisch großtiermäßig, sondern knuffige 12,5 mal 14,4 Zentimeter klein, knapp anderthalb pixi-Bücher. Das ist Schönheit auf handliche Eleganz reduziert. Schon der Leineneinband besticht mit blauem Prägedruck. Diese zauberhafte Leichtigkeit und das Zusammenspiel von Form, Optik und Text, trotz aller zugrunde liegenden Ernsthaftigkeit der Erzählung, passt perfekt zu dem, was Elefanten sind: Zehengänger. Die riesigen Tiere schreiten ihres imposanten Gewichtes zum Trotz erstaunlich leise und auf Zehenspitzen durchs Leben. Gerade deshalb sollten wir ihnen und ihren Bedürfnissen umso mehr Gehör schenken.
Jakub Plachý: Schaut, ein Elefant!, Übersetzung: Katharina Hinderer, Rotopol, 2025, 36 Seiten, 12 Euro, ab 3 Jahre




















