Passt perfekt

Wenn Henri Matisse, Yves Klein und Günther Bruno Fuchs gemeinsam ein Bilderbuch gemacht hätten, dann könnte es so aussehen, wie Schaut, ein Elefant! Der tschechische Illustrator Jakub Plachý vereint kongenial die fantasievollen Formen und das ultimative Blau der französischen Künstler mit Fuchs‘ dadaistisch liebevollem Tonfall.
»Ein Elefant, der mit einem Ball spielt« – das erste Bild erinnert auch durch die in schönster Schreibschrift drunter stehende Erklärung ein wenig an den poetischen Auftakt zur Geschichte des Kleinen Prinzen. Dort zeigt die erste Zeichnung nur vermeintlich einen Hut. Plachýs Elefant ist in seiner minimalistischen Gestaltung ein wandlungsfähiges Wesen, das bei genauerem Hinschauen anders ist als es auf den ersten Blick scheint.

Der Elefant weint

Über mehrere Seiten spielt der Elefant geschickt mit dem Ball, dribbelt, balanciert ihn auf dem Kopf, lässt ihn über den Rücken rollen, kickt die Kugel aus dem Handstand. Wie possierlich, wie niedlich, wie geschickt, denkt man. Und übersieht, dass der Elefant weint. Weil er eingesperrt ist. Weil sein Käfig zu klein ist. Weil er allein ist. Weil der nicht mit seinen Artgenossen im Stadion nebenan Fußball spielen kann.
Man denkt an Tiere im Zoo und wie der Mensch auf sie blickt. Warum sperren wir Tiere ein? Wie alle Lebewesen haben sie einen Freiheits- und Bewegungsdrang. Obwohl Zoos unter anderem argumentieren, dass sie Menschen, die Wichtigkeit und Schönheit der Tierwelt zeigen und sogar Arten vorm Aussterben retten, haben sie in der heutigen globalen Welt keine Berechtigung mehr.

Das Naheliegendste: raus aus dem Käfig

Und während man so grübelt, über das Verhältnis von Menschen und Tieren allgemein und Zoos im Besonderen, macht Plachý in seiner Geschichte das Naheliegendste: Er befreit den Elefanten aus seinem Käfig und lässt ihn ins Stadion. »Gleich wird er eingewechselt! Und er ist im Spiel!« Und wie: Der Elefant fliegt geradezu über das Feld. Er passt. Er spielt ab.

Erschöpft, schwach und platt

Doch dann, nur zwei Seiten weiter, was ist das? »Wieso bleibt er stehen? Damit haben wir nicht gerechnet, das Spielfeld ist einfach zu groß für ihn.« Das ist mit wenigen lakonischen Worten auf den Punkt gebracht, von Katharina Hinderer pointiert übersetzt, was Gefangenschaft macht: Erschöpft, überfordert, schwach und platt. Während die anderen Elefanten sich beraten, robbt der kleine blaue Elefant traurig, wie eine Raupe von den Mitspielern weg an den Spielfeldrand.

Der perfekte Platz

Wundersamerweise gelingt Plachý eine dritte Volte: Der Elefant findet sich im Tor wieder. Und tatsächlich: »Passt wie angegossen!« Der Elefant hat seinen Platz in der Gemeinschaft gefunden, nicht nur als Spieler. Es ist absolut verblüffend, wie Jakub Plachý absolut minimalistisch, mit eher amorphen Formen, Blau als prägnante Farbe seiner Hauptfigur und erdigem Braun für die Mitspieler, sowie ein paar einfachen Bleistiftstrichen eine so vielschichtige Geschichte erzählen kann. Mit mehreren überraschenden Wendungen, viel Empathie und zartem Humor.

Elegante Zehengänger

Überraschend ist auch das Format dieses außergewöhnlichen Bilderbuches. Nicht typisch großtiermäßig, sondern knuffige 12,5 mal 14,4 Zentimeter klein, knapp anderthalb pixi-Bücher. Das ist Schönheit auf handliche Eleganz reduziert. Schon der Leineneinband besticht mit blauem Prägedruck. Diese zauberhafte Leichtigkeit und das Zusammenspiel von Form, Optik und Text, trotz aller zugrunde liegenden Ernsthaftigkeit der Erzählung, passt perfekt zu dem, was Elefanten sind: Zehengänger. Die riesigen Tiere schreiten ihres imposanten Gewichtes zum Trotz erstaunlich leise und auf Zehenspitzen durchs Leben. Gerade deshalb sollten wir ihnen und ihren Bedürfnissen umso mehr Gehör schenken.

Jakub Plachý: Schaut, ein Elefant!, Übersetzung: Katharina Hinderer, Rotopol, 2025, 36 Seiten, 12 Euro, ab 3 Jahre

Feuer und Flamme für Gerechtigkeit

Silvester spielt eines der traurigsten und rührseligsten Märchen: Ende 1845 erschien Hans Christian Andersens Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Unbeachtet von den vorbeihastenden Mitmenschen erfriert die junge Verkäuferin, nachdem sie verzweifelt ihre letzten Streichhölzer angezündet und durch Kälte und Hunger hervorgerufenen Halluzinationen erlebt hat.
Andersen schwamm mit seiner Erzählung ganz oben auf einer Welle von gefühligen Geschichten, wie sie Mitte bis Ende des 19. Jahrhundert populär waren, zu Beginn des industriellen Zeitalters. Andersens Märchen sind heute noch beliebte Vorlagen für Filme und Musicals, obwohl sie zutiefst misogyn sind. Jede junge Frau und jedes Mädchen, dass sich nicht ihrem Schicksal und der vorgegebenen Rolle fügt, stirbt, versteinert, wird grausam bestraft. Noch mehr auf die Spitze getrieben wurde dieses gestörte Frauenbild anderthalb Jahrhunderte später von Andersens Landsmann, dem Regisseur Lars von Trier.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern hat einen Namen

Aber dieses Silvester ist Schluss mit dieser vergifteten Erzählweise (obwohl es gleich auch um hochgiftige Substanzen wird). »Der Mann, der das Märchen geschrieben hatte, wurde sehr reich, obwohl er wahrscheinlich nie einem echten Mädchen mit Schwefelhölzern begegnet war. Denn sonst hätte er gewusst, dass wir nicht alle niedliche kleine Wesen mit blonden Locken und winzigen, eiskalten Händen sind und die meisten von uns es satthatten, ständig hungrig zu sein. Wir wollten nicht, dass man Mitleid mit uns haben musste; vielmehr wollten wir eine echte Chance auf ein normales, gutes Leben; wir wollten eines Tages dazu imstande sein, unsere eigene Geschichte zu erzählen, in unseren eigenen Worten. Dieser Schriftsteller hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, jedenfalls nicht richtig. Hätte er die Mühe auf sich genommen, mit einer von uns zu sprechen, hätte er gewusst, dass selbst Mädchen die Schwefelhölzer verkaufen, einen Namen haben.«

Besonders mutige und kühne Heilige

So furios beginnt Emma Carroll ihre Neuerzählung mit dem kämpferischen Titel Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück. Bridie heißt Carrolls Heldin – »das ist die Kurzform von Brigid, die einzige weibliche irische Heilige, die zudem noch besonders mutig und kühn war.« Und genauso herausfordernd, mit einem entschlossenen Zug um den Mund, blickt Bridie mit ihrem feuerroten Haar vom Einband dieses brillanten Buchs.

Knochenzerfressender Phosphor

Es ist Silvester, eiskalt. Bridie will besonders viele Streichhölzer verkaufen, um zur Feier des Tages ein gutes Essen, am besten eine Gans nach Hause bringen zu können. Die Schwefelhölzer produziert ihre Mutter mit Hunderten weiteren Arbeitern in einer Fabrik, wo sie in 14-Stunden-Schichten unter furchtbaren Arbeitsbedingungen Holzstäbchen in hochgiftigen und knochenzerfressenden weißen Phosphor taucht. Ihr kleiner Bruder faltet zu Hause eifrig Schachteln, anstatt in die Schule zu gehen.

Hunger und Kälte rauben ihr fast den Verstand

Das hat sich Emma Carroll nicht ausgedacht. Das war grausame Realität für hunderttausende Arbeiterinnen, Arbeiter und ihre Familien in den Großstädten. Bridie ist eine tolle Geschichtenerzählerin, als Zauberhölzer preist sie die Stäbchen an. Und sie verkauft anfangs gut. Doch dann macht ihr ein Konkurrent die Kundschaft streitig, sie wird fast von einer Kutsche, ausgerechnet der des Streichholzfabrikanten, überfahren. Ihr Bauchlanden zerbricht, die Hölzer landen im Schneematsch, sie verliert ihre Pantoffeln. Kälte und Hunger rauben ihr fast den Verstand. Man kann es sich kaum vorstellen, wie kalt es ist, barfuß nur in Kleid und einem Schal stundenlang durch die Straßen über gefrorenen Schnee zu laufen. Heutzutage hüllen sich die meisten schon in dicke Daunenmäntel, wenn die Temperatur in einstellige Plusgrade sinkt.

Erhellende Träume

Wie bei Andersen zündet auch Bridie schließlich ihre drei letzten Schwefelhölzer an. Und fällt zunächst wie Alice im Wunderland ins Schwarze und träumt – drei verschiedene und sehr erhellende Träume. Der Name Carroll scheint ein Garant für starke Mädchenfiguren zu sein (Lewis Carroll hat sich das Pseudonym für seine Erzählung gegeben, hieß eigentlich Charles Lutwidge Dodgson).
Während bei Andersen das Leben des Mädchens erlischt, flammen Bridies Lebensgeister auf und ihr Wille zu kämpfen erwacht glühend und kraftvoll. »Wir müssen etwas unternehmen. Jetzt! Etwas Lautes und Öffentliches, und zwar vor den Toren der Fabrik.« Mit Hilfe einer Journalistin und Frauenaktivistin schafft Bridie es, die Fabrikarbeiterinnen zum Streik aufzurufen.

Schlagkräftige Neuerzählung

Dies ist kein Märchen. Und bestimmt nicht eine von Anderson Märtyrerinnenschmonzetten. Tatsächlich sind Schwefelholzfabrikarbeiterinnen in London 1888 in Streik getreten, für mehr Lohn und menschlichere Arbeitsbedingungen. Es war ein monatelanger Kampf, bis tatsächlich die Verhältnisse sich etwas besserten. Doch es dauerte noch fast ein Jahrzehnt, bis der hochgiftige und billige weiße Phosphor durch den weniger gesundheitsschädlichen roten ersetzt wurde. Ob nun ein wortgewandtes und wütend entschlossenes Mädchen den ersten Funken gegeben hat. Oder der Mut zur Gegenwehr schon länger vor sich hin glomm und schließlich durch noch größere Grausamkeiten entfacht wurde und aufloderte, ist unwichtig. Emma Carrolls schlagkräftige Neuerzählung ist mitreißend, bezaubernd und ein Lichtblick. Marion Hertle hat es feurig und warmherzig übersetzt und gibt Bridie auch hierzulande eine Stimme.

Durchdringende Blicke, vielsagende Farbakzente

Lauren Child hat dazu faszinierende Illustrationen geschaffen. Man kennt Childs bunt charmante Geschichten der Geschwister Charlie und Lola. Sie ist auch Autorin der Krimireihe um die junge Meisterspionin Ruby Redfort. Hier arbeitet sie, inspiriert von historischen Fotografien, in kraftvollem Schwarzweiß. Ihre Charaktere blicken stark und durchdringend. »Diese Frauen waren ausgezehrt, müde und arm, genau wie wir. Aber sie versprühten eine Energie, eine aufrichtige Wut, die ihnen Würde verlieh«, sagt Bridie über die Arbeiterinnen. Genau das spricht aus Lauren Childs gezeichneten Augen und Gesichtern.
Unterschiedlich gemusterte und strukturierte Flächen von Wänden, Böden und Kleiderstoffen kontrastieren die Bilder und verleihen ihnen Tiefe. Einzige Farbakzente sind Bridies feuerrotes Haar, Dekoration in den Häusern der Reichen und aufflammende Schwefelhölzer. Diese hervorgehobenen Details sprechen für sich.

Geldgier und Kapitalismus gewinnen nicht immer

Also, kratzt eure Pennies, Cents und Öre zusammen und kauft oder auch leiht in Bibliotheken, Büchereien und Bücherhallen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück – eine wahre Geschichte von Wut und Kraft, von Solidarität, Entschlossenheit und Zusammenhalt. Ein Beweis, dass Kapitalismus und Geldgier nicht immer gewinnen.

Emma Carroll: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück, Illustration: Lauren Child, Übersetzung: Marion Hertle, Woow Books 2024, 208 Seiten, 20 Euro, ab 9 Jahre

Gemeinsam eine Stimme finden

Girlhood

Ich bin nicht loud and proud, wie meine Freunde aus der Queer-AG. Ich bin still und extrem überfordert«, denkt Pree. Während ihre Schulfreunde sich auf den lang vorbereiteten und von Pree mitorganisierten Queer-Proud-March machen, ist sie auf der Hochzeit ihrer Cousine, einer richtig großen traditionellen indischen Feier. Und bis auf ihre sehr verständige Mutter weiß niemand, dass Pree auf Frauen steht.
Mit einem knallbunten, mitreißenden und sehr lustigen Zusammenprall der Kulturen beginnt die vielfältige Anthologie Girlhood. Sechs deutschsprachige Autorinnen mit unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation erzählen in sechs Kurzgeschichten von Mobbing in der Schule und den sozialen Medien, von Diskriminierung und Rassismus, Ausgrenzung, Bodyshaming und Queerness.

Null Punkte für ihren Körper

Alle Mädchen und junge Frauen in diesen Geschichten haben gemein, dass sie am liebsten unter dem Radar, unscheinbar und unauffällig bleiben wollen. Was unmöglich ist, wenn man die einzige Schülerin mit einer sichtbaren Behinderung ist. Wie Liv, die wegen ihrer Glasknochenkrankheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Oder Dessi, die nicht den schlanken Schönheitsidealen entspricht und deshalb auch nur eine Zehn im zynischen Kategorisierungssystem ihrer Klassenkameraden ist. Je fünf Punkte für ihr Gesicht und ihren Charakter. Null Punkte für ihren Körper.

Plötzlich ein Meme-Girl

Oder Nour: »Ich dachte, wenn ich nur nett bin, so richtig nett, biete ich niemandem eine Angriffsfläche. Jetzt stecke ist genau in der Situation, weil ich etwas Nettes getan habe?« Nour hat für ihre Freundin, die sich ihren Text für ein Theaterstück nicht merken kann, spontan eine Eselbrücke getanzt. Leider hat das ein profilneurotischer Mitschüler, eigentlich ein guter Freund seit Kindergartenzeiten, gefilmt und online gestellt. Und jetzt ist sie Meme-Girl. Basma Hallaks Story erzählt geschickt, wie man aus der selbstgesuchten Peripherie mitten reingeschleudert, von der stillen Außenseiterin ungewollt zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wird.

Menschen für einen Gag missbraucht

Zuvor hat Nour auch nur über Memes, die ihr über die sozialen Kanäle zugespielt wurden, kurz geschmunzelt, vielleicht mal geteilt. Aber sie hat sich keine Gedanken gemacht, dass dafür Bilder von Menschen missbraucht werden, für ein Lachen auf Kosten anderer. Für einen bald schalen Witz, der aber nicht mehr aus dem Netz verschwindet und im schlimmsten Fall die Betroffenen ein ganzes Leben lang begleitet. Es ist ein schmaler Grad zwischen unbeteiligt und volle Granate betroffen zu sein.

Mut der Verzweiflung

Alle Geschichten in Girlhood wissen um diese Ambivalenz. Ist man jemals unbeteiligt, wenn jemand anderes gemobbt wird? Weil man schweigt, nicht einschreitet? »Ihr seid erbärmlich, weil ihr dabei mitmacht. Nur weil ihr Angst habt, dass es sonst euch trifft«, schleudert die ungewollt schwangere und brutalst gemobbte Biona der eifernden, ihr auflauernden Meute entgegen. In allen der sehr gut und intensiv geschriebenen und dialogstarken Kurzgeschichten ist für die Protagonistinnen irgendwann der Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr weiterkönnen. Wenn sie sich nicht länger verstecken können oder gute Miene zum bösen Spiel machen wollen. Anfangs mit dem Mut der Verzweiflung beginnen sie, sich zu wehren.

Zusammenhalt

So wie Dalia, die mit ihrer Familie aus Syrien geflüchtet ist und trotz größter Anstrengung und Bestnoten weiterhin in der sogenannten Willkommensklasse für Geflüchtete bleiben soll, obwohl sie Abitur machen und Medizin studieren möchte. »Wenn es nichts bringt, haben wir es wenigstens versucht.« Tatsächlich gibt es in allen Geschichten eine Initialzündung. Und die Mädchen und jungen Frauen beweisen großen Mut, für sich einzustehen. Und gewinnen Mitstreiterinnen und auch Mitstreiter. Darum geht es auch in Girlhood. Um Erfahrungen und Erlebnisse junger Frauen. Und um Zusammenhalt.
Noch einmal Biona in Justine Pusts Geschichte Die Stimme, die wir fanden: »Immer wenn eine Frau aufhört, den Mund zu halten, findet vielleicht auch eine andere von uns ihre Stimme wieder.« Girlhood, das sind starke Geschichten, die Mut machen.

Anna Dimitrova/Amani Padda/Basma Hallak/Rabia Doğan/Justine Pust/Katharina Seck: Girlhood, Arctis, 2025, 320 Seiten, 18 Euro, ab 14 Jahre

Ritter auf dem Roller

Ritter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren: »Können Sie wenigstens reiten?«, fragt die mysteriöse Frau den jungen Schluffi im roten Kapuzenpulli mit Baseballcap und Kopfhörern um den Hals. »Nicht besonders … ich bin mit dem Bus hier«, antwortet der zerknirscht. Da überlegt man sich als Fee schon, ob man das berühmte Schwert rausrückt.
Aber das Zuhause der Dame vom See ist schon lange nur noch ein vermüllter Tümpel. Sie will unbedingt weg aus diesem Dreck, ist aber durch einen Zauber gebunden, und der Junge ihre einzige Chance zu entkommen. So erfrischend in die Gegenwart transportiert beginnt der französische Comicautor Frédéric Maupomé seine mehrbändige Neuerzählung der Artussage. Genauer die des Königs Pellinor. Das ist eine je nach Sichtweise mehr oder weniger eng mit Artus, der Tafelrunde und vor allem der mythischen Waffe Exkalibur verbandelte Figur. Spinoffs gibt es nämlich nicht erst seit Frazier (aus Cheers) oder Better Call Saul. Schon die Kelten hatten viel Zeit zu erzählen und Anlässe, die Heldensagen immer weiter auszuspinnen.

Die Suche ist das Ziel

Jetzt ist also Pelli an der Reihe, ein Nachfahre Pellinors, sich auf die Suche nach dem Biest zu machen. Ein magisches Wesen mit dem Kopf einer Schlange, dem Körper eines Leoparden und den Füßen eines Rehs. Suche ist wörtlich gemeint. Das scheue Fabelwesen soll nicht gejagt und erlegt werden. Es zu finden ist das Ziel des adoleszenten Suchers.
Frédéric Maupomé erzählt die traditionsreiche Geschichte der Quest mitreißend und lustig, mit überraschenden Drehs. Seine Figuren sind lebendig, egal ob Zeitgenossen oder keltischen Legenden entsprungen. Die Dialoge lesen sich spritzig und klug, von Christiane Bartelsen flott und authentisch übersetzt.

Croissants sind nicht nur luftiges Plundergebäck

Raffiniert verknüpft Maupomé Mythos und Moderne. Zum Beispiel, wenn er die Die Dame vom See, die Fee Nimue, Pelli zur Begleiterin aufsatteln lässt und dem Ganzen einen wohltuend weiblichen Touch gibt. Apropos aufsatteln: Statt per Bus machen sich die beiden per laut pötterndem Motorroller auf die Reise. Allerdings keine stilvolle Vespa, sondern ein kantiges Modell in Rot namens Geraldine ist das Gefährt in dieser famosen Road Novel.
Très français entwickelt Nimue ein Faible für Croissants. »Ich weiß nicht, wie ich ohne sie leben konnte«, sagt sie am Anfang des zweiten Bands, der Protest des Fischerkönigs. Und man ahnt, es geht nicht nur um luftig-fettiges Plundergebäck in Hörnchenform. Jahrhunderte war die Fee als Schwertaushändigerin an den See gefesselt. Endlich hat sie ihre Freiheit gewonnen und kann leben und die Welt entdecken.

Absolut lesens-und sehenswert wird die Quest-Reihe durch Wauter Mannaerts Illustrationen. In den zunächst ruhig und fast klassisch angelegten, durch schräge Bildumrahmungen dynamisierten Panels versteckt der belgische Zeichner und Autor viel subtilen Witz. Dabei setzt er bewährte Tricks filmischer Inszenierung geschickt um. So beginnt er mit einem Knall, um sich dann langsam zu steigern. Und Band 1 und 2 enden mit verheißungsvollen Cliffhangern. Die Figuren sind klar und eher schlicht in Szene gesetzt. Dafür gestaltet Mannaert Landschaften umso detaillierter und aufwendiger. Vom verdreckten See durch Felder bis in dunkle Wälder besticht die Farbpallette durch zahlreiche Schattierung von Grün, von gräulichem Schlammgrün über zarte Gras- und Knospentöne bis zu samtigem Tannennadel- und kristallinem Flaschengrün.

Liebevoll gestaltetes Biest

Besondere Liebe hat Wauter Mannaert laut eigener Aussage der Darstellung des Biests gewidmet, und ihm noch eine blaue Löwenmähne gegönnt. Im zweiten Band ist es dann auch häufiger zu sehen, taucht immer wieder, von Pelli und Nimue ungesehend, am Rand auf. Und bekommt auch eigene, kleine Szenen.

Monobloc in Seerosenranken

Vielleicht liegt es an den gestiegenen Papierpreisen. Oder es ist eine sehr charmante, neuzeitliche Zugabe, dass immer häufiger bereits das Vorsatzpapier von bebilderten Büchern ein echter Hingucker ist. Maennert nutzt diese Doppelseite, die einem beim Aufklappen des Buchdeckels entgegenspringt, aufs Allerschönste. Im ersten Band sind es von Seerosen umrankte Fabelwesen und die Helden auf dem Roller Geraldine. In den Ranken verfangen sind Zivilisationsmüll, Getränkedosen, Plastikflaschen, Pommesverpackungen. Und, geradezu ikonisch, zwei sogenannte Monoblocs, die überall auf der Welt zu findenden weißen Plastikstühle. Das ist sehr witzig und dezent umweltkritisch zugleich. Und stimmt perfekt auf die fabelhafte Quest-Saga ein.

Frédéric Maupomé: Quest – 1. Die Dame vom See, Illustration: Wauter Mannaert, Übersetzung: Christiane Bartelsen, Reprodukt, 2025,120 Seiten, 20 Euro, ab 8

Frédéric Maupomé: Quest – 2. Der Protest des Fischerkönigs, Illustration: Wauter Mannaert, Übersetzung: Christiane Bartelsen, Reprodukt, 2025, 120 Seiten, 20 Euro, ab 8

Zuhause ist, wo man Katzen haben kann

Im Süden Londons steht ein Haus, in dem eine fröhliche Frau fast sechzig Jahre lang lebte. Das Haus liegt neben einem wunderschönen Park namens Barnes Common. Als junges Mädchen floh diese Frau mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem Bruder vor den Nazis aus Deutschland.«
So beginnt Thomas Harding die Geschichte eines besonderen Hauses zu erzählen. Und die seiner wundervollen und überaus liebenswerten Bewohnerin, ihrer Familie und weiterer ziemlich wichtiger Hausgenossen. »Das Mädchen wünschte sich verzweifelt eine Katze, aber sie durfte keine haben – und sie mussten schon wieder umziehen …« Der in ihrer Kindheit unerfüllbare Wunsch nach einer Katze wird zum Synonym für Flucht, Vertreibung und Unbehaustheit.

Bald ziehen zwei weitere Mitbewohner in das Haus am Park

So tummeln sich nicht zufällig auffallend viele Samtpfoten auf den Seiten dieses faszinierenden Bilderbuchs. Denn als die trotz aller schlimmen Erfahrungen fröhliche Frau endlich mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern ein Zuhause findet, eben Das Haus am Park in London, ziehen auch bald zwei weitere Mitbewohner ein. »Endlich durfte die Frau eine Katze haben. Also hatte sie gleich zwei. Ihre Namen waren Mog und Wienitz. Das Haus war ihr Zuhause. Und das Haus war glücklich.« So schön anschaulich fasst Harding in wenigen Sätzen zusammen, was Zuhause ausmacht: Ein Ort, an dem man bleiben darf. Und an dem man Katzen haben darf.

Küche und Kaninchen

Fast nebenbei bringt der Autor den Namen Mog ins Spiel. Ja, es ist genau der knuffige und nett verpeilte Kater, der seine Zuhausegeberin zu mehreren entzückenden Geschichten und Bilderbüchern inspirierte und sie zu einer der berühmtesten Kinderbuchautorinnen machte: Die fröhliche Frau ist Judith Kerr. Und Das Haus am Park erzählt von ihrem Leben in London, wie es im Untertitel heißt. Die gemütliche helle Küche und eine freundliche Großkatze wiederum sind der Ursprung für ein Tiger kommt zum Tee. Keine Katze, sondern ein Stofftier ist Ausgangspunkt und titelgebend für Judith Kerrs berührenden Roman von Flucht und Vertreibung Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Judith, Tochter des Theaterkritikers Alfred Kerr, beschreibt darin, wie es ist, wiederholt den Boden unter den Füßen zu verlieren und sich immer wieder neu anpassen zu müssen. Erzählen konnte sie diese Geschichte, die viele ihrer eigenen Erlebnisse beinhaltet, weil sie an einem sicheren Ort angekommen war.

Mischung aus Malerei und Collage

Das Haus am Park ist der vierte Band einer Reihe von Bilderbüchern mit Häusern im Mittelpunkt, die über die Lebensgeschichten ihrer Bewohner Geschichte lebendig und erfahrbar machen. Fabelhaft illustriert hat Britta Teckentrup alle diese Hausgeschichten. Ihr Stil ist eine einzigartige Mischung aus Malerei und Collage, aus Scherenschnitten und Fotorealismus, fast schon hyperrealen Bildbearbeitungen.

Jeder Scherenschnitt ist ein Unikat

Es beginnt mit Malerei, mit der sie Flächen und Folien für ihre Collagen gestaltet. Sie tupft, wischt, tropft, strichelt, bedruckt und stempelt. So entstehen die unterschiedlichsten Materialien, Papierbögen und Texturen, aus denen Teckentrup ihre Figuren und Formen ausschneidet. Etwa so wie einzeln bedruckte und gebatikte oder handgewebte Stoffe, aus denen Kleider zugeschnitten werden. Früher hat sie mit der Schere ausgeschnitten, mittlerweile macht sie das meist mit der Maus am Computer. Doch jeder Scherenschnitt, jedes Bildelement, selbst die Hintergründe, alles sind Unikate.
Ob menschliche Gesichter oder Katzenfell, dicht belaubte Bäume oder nacktes Mauerwerk, nichts ist einfach nur Farbe und Fläche. Alles changiert, hat Schatten und Licht, scheint lebendig, mehrschichtig und in Bewegung zu sein, strahlt Wärme oder auch mal Kälte aus.

Ein fröhlicher Geist, der Kinder glücklich macht

Bereits zum vierten Mal animieren Thomas Harding und Britta Teckentrup gemeinsam ein Gebäude. Doch Judith Kerrs Domizil, das fast sechs Jahrzehnte ihr Zuhause war und in dem sie 2019 friedlich mit Blick auf die Bäume starb, ist das erste, in dem man auch selbst leben möchte. Weil in ihm für immer der Geist dieser fröhlichen Frau wohnt, die mit ihren Geschichten immer noch viele Kinder glücklich macht.

Thomas Harding: Das Haus am Park – Judith Kerr und ihr Leben in London, Illustration: Britta Teckentrup, Übersetzung: Nicola T. Stuart, Jacoby & Stuart, 2025, 56 Seiten, 22 Euro, ab 8

Geistreiches Seelenleben

Manche Leute sagen, es gibt Gespenster. Manche Leute sagen, es gibt keine Gespenster. Ich aber sage, Hui Buh ist ein Gespenst!« . So raffiniert, fast schon dialektisch, begann jede Folge der Hörspielreihe um das Schlossgespenst Hui Buh. Ob es Geister gibt oder nicht – darüber streiten sich die Geister. Und zwar durchaus kluge und gewitzte.
So wie der Illustrator Adam Allsuch Boardman, der jetzt Alles über Geister gesammelt hat. Seine Recherchen stellt er in einem grandios gestalteten Band vor, voller schaurig-schöner Infografiken. Das beginnt schon mit dem üppig gestalteten Vorsatzpapier, das wie eine Wand voller Fotos, Fundstücke, interessanter Artikel und Kuriositäten aussieht.

Poltergeister, Hantus und Duppys

Der aus den beschaulichen Yorkshire Dales stammende Illustrator geht das Thema umfassend und global an. Detailliert und farbenreich beginnt er mit Grundlegendem wie verschiedenen Arten von Geistern, zum Beispiel Poltergeistern, Naturgeistern wie Kobolden und Feen, den Hantu in Indonesien und Duppys in der Karibik, auch Krisen- und Nahtoderscheinungen kommen vor. Auf der folgenden Doppelseite spukt es quer durch ein Schloss gleich in 14 Varianten, es kracht und flackert, Flecken tauchen plötzlich auf, es wird eiskalt und Gegenstände schweben durch die Luft, Haustiere verhalten sich merkwürdig.

Es eint die Seele

Der Begriff Geist ebenso wie der englische Ghost hatte ursprünglich laut Herkunftswörterbuch die Bedeutung Erregung, Ergriffenheit. Seine Bedeutung wandelte sich zu Seele, Gemüt, überirdisches Wesen und Gespenst. Und das ist es, was so gut wie alle Geisterphänomene weltweit eint: die Seele.
Geister sind in den verschiedensten Kulturen die Seelen von Verstorbenen, vermissten Angehörigen, verlorenen Kindern, Menschen, die offene Rechnungen haben oder mit denen man noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Irgendwas lässt sie nicht in Frieden ruhen (der Grabspruch ist mehr als ein frommer Wunsch) und treibt um. Selbst wenn Geister vielleicht nur Halluzinationen der Hinterbliebenen, Ausdruck von Trauer, Schmerz und Verlust oder das projizierte schlechte Gewissen sind – es hat mit den Seelen von Toten und der Lebenden zu tun und hält Geistererscheinungen lebendig.

Erscheinungen im Halbschlaf

Da kommen wir wieder auf den Anfang des Kinderhörspiels Hui Buh zurück, der im Grunde ähnlich verzwickt ist wie René Descartes berühmte Behauptung »Ich denke, also bin ich«. Der vermutete übrigens den Sitz der Seele in der Zirbeldrüse. Einem kleinen, zapfenartigen Organ im Gehirn, das den Schlaf-Wach-Rhythmus durch die Produktion des Hormons Melatonin regelt.
Das ist zwar widerlegt. Aber hier spielen trotzdem zwei interessante Aspekte rein, die Descartes‘ These in Bezug auf paranormale und übersinnliche Phänomene gar nicht so abwegig machen. Geister erscheinen meist nachts. Und gern im Halbschlaf, dem diffusen Geisteszustand zwischen wach sein und Schlaf.

Von Geistertieren und Ektoplasma

Das Thema ist faszinierend und assoziationsreich. Viel zu schade, um es auf das Konsumremmidemmi Halloween oder ein paar mediokre Gruselfilme zu reduzieren.
Auf doppelseitigen Schaubildern widmet Boardman sich vielfältigen Aspekten, zum Beispiel Geistertieren, Geisterfahrzeugen und Geistern in den Medien, in Film, Fernsehen und Computerspielen (Pac Man!). Man lernt paranormale Puppen und das universelle Phänomen der weißen Fran kennen. Liebevoll illustriert erzählt Boardman von Spiritismus, Exorzismus und Ektoplasma. Manche Geistererscheinungen lassen sich als makaberer Scherz und schlechter Spuk entlarven, in Infografiken erklärt Adam Boardman wie die fiesen Tricks funktionieren. Der gewiefte Illustrator nimmt die Betrachter:innen mit auf Geisterjagd, durch die Jahrhunderte und kreuz und quer über die ganze Welt – super interessant und extrem spannend. Sabine Rahn hat es sachlich und gut verständlich übersetzt. Nur das Nazar-Auge, das vorm bösen Blick schützen soll, wird nicht im Mittleren, sondern im Nahen Osten als Amulett getragen. Zumindest aus der Perspektive hierzulande.

Skeptisches Bettlakengespenst

Ein guter Witz ist, dass Boardman auf dem Titelbild ein harmloses Bettlakengespenst abbildet. Vielleicht ist er auch infolge seiner weitreichenden Recherchen eher skeptisch ob der Existenz von Geistern. Das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Alles über Geister ist ein geistreicher Genuss – ob man nun an Gespenster glaubt oder nicht.

Adam Allsuch Boardman: Alles über Geister, Übersetzung: Sabine Rahn, Karibu, 128 Seiten, 19,99 Euro, ab 10

Rückkehr ins Sargassum

Als hätte jemand einen seidenen Faden an sein Herz geknüpft und würde nun unendlich behutsam daran zupfen.« Zart und fast poetisch beschreibt Dita Zipfel das rätselhafte Ziehen, das der Held ihrer Geschichte, ein Aal namens Aali, eines Tages verspürt. Ein Ziehen, ein Signal zum Aufbruch, der Anfang einer mysteriösen und faszinierenden Verwandlung und Wanderung zum Ende des Lebens.
Oder wie es der Titel des von Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich gemeinsam erdachten Kinderbuches es auf den Punkt bringt: Aali muss los.
Es ist eine Jahrtausende alte und wahre Geschichte: Aale durchlaufen in ihrem Leben vier verschiedene Existenzformen. Von transparenten, flachen Weidenblattlarven im Atlantik werden sie zu weiterhin durchsichtigen Glasaalen und wandern aus dem Ozean durch die Mündungen in europäische Flüsse und Seen. Dort leben sie bis zu 30 Jahren und futtern sich eine imposante Fettschicht an. Die brauchen sie auch, denn wenn sie sich schließlich zum Blankaal verwandeln, hören sie komplett auf zu essen. Zum Ende ihres Lebens sind sie nur noch in Bewegung, über tausende Kilometer, fast ein Jahr lang, zurück zu ihren Ursprüngen und den Laichplätzen folgender Generationen.

Kein Appetit auf Frühstück

Das alles weiß Aali aber noch nicht. Jahrelang hat er beschaulich im Nord-Ostsee-Kanal vor sich hingedümpelt. Doch eines Morgens ist da dieses Ziehen, das er seinem Freund Frank nicht erklären kann, weil er es selbst nicht versteht. Auf jeden Fall hat er keinen Appetit auf Frühstück. »Lass mal schwimmen«, murmelt Aali. »Einfach schwimmen.«

Mitreißender Roadmovie

Für Zipfel und Heinrich ist das mysteriöse Leben der Aale die perfekte Steilvorlage für eine sympathische Heldensaga und einen mitreißenden »Roadmovie«, Drama und Abenteuer auf Wasserstraßen bis in die Weiten des Ozeans. Getragen von Dita Zipfels einzigartigem Sound. Einer Sprache, die ebenso witzig wie wortstark und bilderreich ist:  »Wie ein Biss in den europäischen Kontinent« ist die Küste Schleswig-Holsteins. Frank ist eine »loyale Brasse«, und gleich erkennt man den den gutmütigen und verwunderten Freund und Fisch. Und fühlt den Kummer, als Aali von ihm Abschied nehmen muss, um dem Ruf ins Unbekannte zu folgen. Ein Schwan, der Aali zum Probeliegen in seinem Nest einlädt, weil er das für das Ziel aller Suchenden hält, wirkt wie ein »übereifriger Matratzenverkäufer«.

Natur ist kein Ponyhof

Der Hafen ist ein »Moloch aus Rost und Rhythmus«. Und eine Subkultur voller skurriler, schillernder und feierfreudiger Wasserbewohner. Die vielfach ausgezeichnete Autorin lässt zum Beispiel die Schönheit des Wortes Robbe auf der Zunge zergehen, weil man aus ihm alles raushören kann, »das Runde und Weiche, das Fließende, genau richtig Dicke und sogar die Freundlichkeit in ihrer ganzen Art«.
Und dann ein Satz wie dieser: »Die Natur ist kein Ponyhof, sondern ein großes Fressenwollen und Gefressenwerden.« Damit hält Aali muss los die perfekte Balance zwischen sympathischer fiktionaler Erzählung und packender, faktenreicher Sachgeschichte, einfühlend in individuelle Lebewesen und voller Respekt vor den Wundern der Natur. Das ist sogenanntes Nature Writing at it’s best.

Grün in allen Schattierungen

Nele Brönners Bilder lassen die Lesenden ganz tief eintauchen und mit Aali mitschwimmen. Allein schon die Farben: Grün in allen Schattierungen dominiert, von zartem Hellgrün über zahlreiche Abstufungen und alle möglichen Varianten, gelegentlichen Ausflügen in Türkis bis zu Nachtdunkelgrün, fast Schwarz. Akzente setzen knalliges Geld und schwarze Tupfen. Selbst die Schrift fließt in verschiedenen Farben über die Seiten.

Chor aus Kleinlebewesen

In allen Gewässern (und an Land, Aale können über Land wutschen) tummeln sich die unterschiedlichsten Wesen, riesige Welse und winzige Fischchen, muntere Mantas, quirlige Krabben, Seepferdchen, Schildkröten. Brönners Unterwasserwelten, auch der Auf-dem-Land-Mikrokosmos, also Uferböschung und Flusswiesen, sprühen allein schon durch Zusammenspiel und Auftrag der Farben vor Lebendigkeit – von ihren Bewohnern ganz zu schweigen. Ein reizender Einfall der Kinderbuch-Illustratorin sind auch die hinzugefügten Schnecken, Garnelen und andere Kleinstlebewesen, die gelegentlich wie ein mahnender oder motivierender Chor fungieren. Die Frage des naturalistischen Autors Robert Macfarlane, ob Flüsse Lebewesen sind, kann nur mit Ja! beantwortet werden.

Es bleibt ein Geheimnis

Und was hat es jetzt mit dem rätselhaften Ziehen auf sich? Mittlerweile weiß man zwar, dass Magnetismus eine Rolle spielt. Aber warum Aale in die Sargassosee im Atlantik zurückkehren, und tatsächlich alle Aale auf der Welt aus den gigantischen Algenwäldern des Sargassums stammen, bleibt ein Geheimnis.
Aali schwimmt direkt ins Herz und zieht einen auf jeden Fall magisch und unwiderstehlich an. Also, zieht alle unverzüglich los, in die Buchhandlung eures Vertrauens.

Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich: Aali muss los, Illus: Nele Brönner, Huckepack im Verlag mairisch, 2025, 64 Seiten, 20 Euro, ab 7

Lecker Essen

Schmeckt! Was für ein treffender Titel. Denn dieses Sachbuch von Anke Loose und Ariane Camus ist kein Buch über Ernährung. Sondern über Essen. Ernährung, gern auch mit den Adjektiven vernünftig, gesund oder ausgewogen angereichert, ist das, was man dem Organismus, dem Körper zuführt, um ihn am Laufen zu halten. Eine Mischung aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett, versehen mit Vitaminen und Mineralstoffen. Astronauten zum Beispiel saugen es mangels Küche und Schwerkraft aus Tuben. In Zukunft gibt es das womöglich komprimiert in Tablettenform.

Iss bunt!

Glücklich macht das nicht, Spaß sowieso keinen und die Seele wird davon auch nicht satt. Orthorexie ist der Inbegriff der ebenso vernünftigen wie freudlosen Ernährung.  Dieses Sachbuch ist das Gegenteil davon. Und es fängt auch gleich mit dem besten und allgemein gültigen Tipp überhaupt an: Iss bunt! Das ist wortwörtlich gemeint: Es ist erstaunlich, welche Farbvielfalt Obst und Gemüse haben. Das kann man im Supermarkt bewundern. Noch schöner auf dem Markt. Dabei muss man nicht auf ökologisch bedenkliche, von weit her eingeflogene und herbeigeschiffte Lebensmittel gucken. Auch regional gibt’s ein abwechslungsreiches Farbfeuerwerk für Topf und Teller. Selbst im Winter bringen Äpfel, Rotkraut oder Möhren noch Farbe ins Spiel.

Was wir am liebsten essen und was wir zum Würgen finden

Schon ist man drin in Anke Looses klugem, von Ariane Camus fröhlich illustriertem Rezept für gutes Essen. Von den Farben und was es damit auf sich hat, geht’s spannend und sehr wissenswert weiter zu Themen wie Warum wir essen. Warum wir was essen. Woraus sich Nahrung zusammensetzt. Wo Lebensmittel herkommen – nachhaltig, unverpackt, saisonal und regional spielt ebenfalls eine Rolle. Wie wir schmecken oder warum wir was am liebsten essen. Und manches zum Würgen finden. Welche Vorlieben die Menschen auf der ganzen Welt haben. Und wie vielfältig Essen ist, wenn man allein die vielen Brotsorten und die vielfältigen Varianten von Frühstücksspeisen betrachtet.

So lang wie ein Omnibus

Ariane Camus illustriert anschaulich, lustig und mit schrägem Witz. Hier isst das Auge schon beim Lesen mit. Nahrungsbausteine sind bei ihr genau das: zusammenpassende Legobausteine. Selbst die Verdauung wird so illustiert, dass einem nicht der Appetit vergeht. Eine forsche Toastbrotscheibe fragt sich, wie sie wohl durch den Körper wandert. Ein Regenwurm ist beeindruckt von wellenförmigen Bewegungen des Darms, der übrigens etwa so lang wie ein Omnibus ist, den Camus zum Vergleich gleich daneben gemalt hat. Bei diesem Kapitel stutzt man nur kurz über das Wort Pipi. Und merkt gleich, Urin wäre viel zu abgehoben – oder vernünftig. Anke Loose schreibt sehr unterhaltsam und absolut verständlich, doch weder albern noch verniedlichend.

Gehirn und Darm sind im Gespräch

Auf Ernährungsmoden und Dogmen verzichtet Loose, auch auf den vielbeschworenen Begriff des Mikrobioms. Stattdessen erklärt sie kurz und eingängig, dass Darm und Gehirn miteinander kommunizieren, so kann Stress zum Beispiel Durchfall verursachen. Camus lässt dazu das schlau bebrillte Gehirn mit den munteren Eingeweiden über ein Joghurtbechertelefon reden (wobei das Telefon für kleine Kinder vielleicht erklärungsbedürftig ist – und ein witziger Bastelvorschlag).
Lecker! ist ein wunderbares Sachbuch und gleichzeitig ein klasse Rezept für Essen, das wirklich Spaß macht. Als krönenden Abschluss gibt’s sogar noch ein paar einfache Anregungen zum Nachkochen und Schmecken.

Vom Fressen über vernünftige Ernährung zu leckerem Essen gelangt auch der Wolf im Bilderbuch Mahlzeit!. Eigentlich möchte der eher einzelgängerische Grauschnauz genüsslich in Ruhe den Mond anheulen. Doch dann übertönt ein scheußliches Schluchzen sein schönes Geheule und er entdeckt ein weinendes Hasenkind. Wenn sich das schon mitten in der Nacht im Wald aufhält, dann ist es ein willkommener Snack. Aber dem Häppchen für einen hohlen Zahn fällt ein Zettel aus der Tasche: »Lieber Finder dieser Nachricht, unser kleiner Knuffel liebt es, auf Entdeckungstour zu gehen. Solltest du ihn finden, begleite ihn doch bitte nach Hause. Als Dankeschön laden wir dich zu einem superleckeren Essen ein.«
So fantasievoll und skurril beginnt Larysa Maliush ihre entzückende Geschichte einer Nahrungsumstellung.

Festmahl statt kleinem Snack

Nach kurzem Nachdenken siegt die Vernunft über die spontane Snacklust. Warum sich mit einer winzigen Portion abspeisen, wenn sich ein Festmahl in Form einer ganzen Hasenfamilie anbietet. Also macht sich Grauschnauz mit Knuffel auf den Weg. Unterwegs verteidigt der Wolf das Häschen gegen seine Artgenossen und überwindet noch einige Widrigkeiten, zum Beispiel Bäche und Kletten. Das letzte Stück trägt er das inzwischen sehr müde Appetithäppchen auf den Schultern, wo es vertrauensvoll einschläft.

Gute Entscheidung

Zu Hause angekommen wird der Wolf von einer imposanten Großfamilie freudigst begrüßt. An der üppig gedeckten Tafel bekommt er den Ehrenplatz. »Noch nie hatte er so viel Essen auf einmal – und so hübsch angerichtet – gesehen. Bereits nach dem vierten Stück Karottenpastete war er pappsatt. Vielleicht war es doch eine gute Entscheidung gewesen, den kleinen Kerl nach Hause zu begleiten«, lässt Larysa Maliush den großen grauen Wolf zu guter Letzt überlegen. Anna Schaub hat die Geschichte ebenfalls sehr hübsch übersetzt.

Essen für die Seele

Mahlzeit! beginnt im nächtlichen Wald, in gedecktem Graublau. Doppelseitige Szenen wechseln sich mit lustig hoppelnden Stop-Motion-Sequenzen ab. Die sich verändernde Miene und Motorik des Wolfes im Laufe der Nacht ist hinreißend und für ältere Vorleser von hohem Wiedererkennungswert. Unter den vielen Grauschattierungen der Wölfe blitzt nur das weiße Häschen und vor allem seine leuchtend rote Jacke hervor, aus der der Zettel fällt (wer die Autorin dieser Zeilen kennt, wundert sich jetzt eventuell: Echt jetzt, bekleidete Tiere? Dazu kann ich nur mit Grauschnauz erwidern: Keine Regel ohne wohlüberlegte Ausnahme).

Augenschmaus

Wenn die beiden zu Hause bei Familie Hase ankommen, ist es mittlerweile Tag und die Welt wird detailreicher und vielfarbig. Vor allem die quirlige Familie rund um den bunt gedeckten Tisch ist ein Augenschmaus. Weil es einiges in der Szene zu entdecken gibt. Vor allem zeigt sich auch hier, dass Essen so viel mehr ist als Ernährung. Es macht glücklich und nicht nur den Körper satt. Es verbindet, schafft Gemeinschaft und Vertrauen und ist kommunikativ. Vor allem schmeckt’s!

Anke Loose (Text), Ariane Camus (Illustrationen): Schmeckt!, Carlsen, 2025, 64 Seiten, 15 Euro, ab 6

Larysa Maliush: Mahlzeit!, Übersetzung: Anna Schaub, NordSüd Verlag, 2025, 32 Seiten, 18 Euro, ab 4

Ein bisschen Selma sein

Selma

Es reicht! Schluss mit dem Besserwissertum. Spätestens seit Liv Strömquists tiefschürfendem Comicessay Das Orakel spricht ist bekannt, warum manche Leute ungefragt Ratschläge geben und andere korrigieren. Es macht sie auf billige und schäbige Art selbst glücklich. Sie fühlen sich total toll dabei, wenn sie anderen Tipps zur Selbstoptimierung geben, kommen sich allwissend und gottgleich vor.
Dabei interessiert es sie nicht, ob den unfreiwilligen Rezipienten damit geholfen wird oder es sie glücklicher macht.
Aber warum nehmen die so Beratschlagten, vom Rat erschlagenen sich das so zu Herzen? Selbst kluge, selbstreflektierte und erfolgreiche Menschen wie eben Liv Strömquist sind nicht davor gefeit, an sich selbst und der Richtigkeit ihres Tuns zu zweifeln. Es ist zum Verzweifeln.

Selbstbewusste Spinne

Da wünscht man sich doch wie Selma zu sein. Selma ist eine kleine Spinne. Angesichts ihrer kunstvollen und individuellen Netze sagen die anderen Spinnen aber Selma, du machst das falsch!
Die Bilderbuchillustratorin Tini Malina hat sich die selbstbewusste und unbeirrbare Spinne ausgedacht und furios in Szene gesetzt. Schon auf den ersten Seiten sieht man, dass Selma etwas ganz Besonderes ist. Und das liegt nicht nur an ihrer kecken roten Baskenmütze. Wie alle ist sie ganz puristisch ein schwarzer Punkt mit acht Beinen und zwei Kulleraugen. Als einzige blickt sie die Betrachtenden direkt an.

Die Schönheit der Nacht, eingefangen in einem Netz

Ihre Netze sehen aus wie Mosaike oder Gemälde. Mal sind sie von fallendem Regen inspiriert. Mal fangen sie die Schönheit der Nacht mit eingewebten Sternen ein.
Tini Malina erzählt in doppelseitigen Bildern mit auf das Wesentliche reduzierten Strukturen und großflächig aufgetragenen, kräftigen, gedeckten Farben. Mal erscheint Selma winzig klein, vor allem wenn sie mutig zwischen Menschen herumkrabbelt. Mal zoomt Malina ganz nah an Selma heran und zeigt die Welt aus ihrer Sicht.

Riskieren, auch auf die Gefahr zu scheitern

Eigentlich würde die Hommage an die Individualität schon reichen für eine gute Geschichte. Dass Selma es nicht so macht, wie man es halt macht. Und es einfach probiert, auch auf die Gefahr hin zu scheitern. »Nur die Spinne, die riskiert, zu weit zu spinnen, kann herausfinden, wie weit sie spinnen kann.« Aber die achtbeinige Spinnerin will hoch hinaus. Sie will ein Kunstwerk erschaffen, dass alle sehen sollen.

Höher hinaus als gedacht

Wie sie dann unversehens weit höher über sich hinauswächst als gedacht, ist lustig und überraschend – und wird natürlich nicht verraten.
Tini Malinas Grundidee ist auf jeden Fall grandios: Einfach ignorieren, wenn die langweilige Mehrheit mal wieder meint, alles besser zu wissen und anderen Vorschriften macht. Dieses Bilderbuch ist wie alle lesenswerten Bücher wahre Kunst: es berührt einen und kann selbst jüngste Leserinnen und Leser ermutigen, sich nicht einschüchtern zu lassen und etwas Eigenes zu wagen. Ein Hoch auf Selma.

Tini Malina: Selma, du machst das falsch!, NordSüd Verlag, 2025, 48 Seiten, 18 Euro, ab 4

Die Wut umarmen

Wut

Köstlich! Ich hätte nicht gedacht, dass Wut so gut schmeckt!«
»Hehe, die der anderen ist immer vorzüglich«, kichert sie hämisch.
Sie, das ist Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland, titelgebende Figur in Beatrice Alemagnas fantastischem Bilderbuch. Eigentlich ist sie nicht hämisch. Von eher unansehnlicher, wenig prinzessinhafter Gestalt – eine unförmige tropfende Masse mit Haaren wie ein verdorrter Busch und Wurzeln als Händen und Füßen – ist sie doch ein empfindsames und liebenswertes Wesen.
So wie Yuki, obwohl die gleich zu Beginn sagt: »Ich habe einen schlechten Charakter. Ich bin fies und ungezogen. Wenn ich wütend bin, schreie ich, haue mit den Fäusten auf den Boden und weine. Alles in mir verknotet sich.«

Deshalb kann ihr Bruder Sen sie auch nicht ausstehen und redet nie mit ihr, wenn er sie von der Schule abholt. Eines Tages wirft Yuki auf dem Heimweg absichtlich die Hausschlüssel in einen Gully. Sofort packt sie das schlechte Gewissen und sie klettert in den offenen Gully, ganz tief hinab. Dort trifft sie die Prinzessin. Die heißt sie willkommen und bittet Yuki freundlich, ihr zu folgen. Kein Schluss-jetzt-Beruhig-dich-Geh-in-dein-Zimmer.

Durch den Ärgerwald zu den Müffelinos

Gemeinsam gehen sie vorbei an riesigen Bäumen, verschlungen, in warmem Braun und frischem Türkis, die ein bisschen an die Unterwasserwelt bei Swimmy erinnern. »Das ist der Ärgerwald«, erklärt die Prinzessin. »Wenn du schon mal gemeine Dinge getan hast, bist du hier sicher.«
Sie begegnen niedlichen, übelriechenden kleinen Kopffüßlern, den Müffellinos. »Sie lieben es, dir Schuldgefühle zu machen.« Das machen sie mit einer gewissen Penetranz. Aber auch sie sind ambivalente Wesen, wollen etwas Zuneigung und eigentlich nichts Böses. So kurz und knapp die Dialoge sind, so vielsagend sind sie. Nach einer stilechten Unterwasserkutschfahrt gelangen Yuki und die Prinzessin zur Wutothek, wo es viele Sorten Wut als Pulver, Gelee, Saft oder Sirup gibt. Im Museum der Zornobjekte, »alles Dinge, die die Leute wegwerfen, wenn sie wütend sind«, findet Yuki etwas sehr Verblüffendes.

Beschützend, verbindend, tröstlich

Und das ist nur eine der vielen wundersamen Überraschungen und genialen Einfälle in Beatrice Alemagnas hinreißender Geschichte über Wut in all ihren Facetten und Ausdrucksformen. Die Prinzessin von Schlammland ist einerseits so etwas wie die Hohepriesterin dieses emotionalen Reiches. Sie verkörpert aber auch die Wut eines jeden Individuums. Durch sie zeigt Alemagna, dass Wut nicht nur schlecht ist. Oder nur böse. So unansehnlich sie sein mag, ist sie doch auch beschützend, verbindend und tröstlich. Sie wächst, wenn man gemein zu ihr ist. Und schmilzt dahin, wenn man sie umarmt. Nicht zufällig zeigt das Titelbild Yuki und die Prinzessin in einer Szene, die an King Kong erinnert. Auch der unheimliche und riesige Gorilla war nie ein böses Monster. Henrieke Markert hat die tiefgehende Geschichte sehr schön und warmherzig übersetzt.

Fein und ausdrucksstark in Buntstift

Die Idee, die Tiefen des kindlichen Unterbewusstseins so traurig und schaurig schön zu zeigen, ist sehr charmant und originell. Virtuos gestaltet Alemagna diese Welt. Die Prinzessin und Müffelinos oder kutschenziehenden Kaninchen kommen eher amorph und rundlich in Erdfarben und als ineinanderfließende Wasserfarbenflecken daher. Nur lustige Kulleraugen sehen daraus hervor. Die Kinder Yuki und Sen sind dafür umso feiner und ausdrucksstärker mit farbigen Buntstiften gezeichnet und konturiert. Mimik und Bewegung sind berührend und lebensecht und zeugen von hoher Kunst der italienischen Illustratorin und Autorin. Ihre zutiefst menschliche und faszinierend gestaltete Geschichte hat das Zeug zum modernen Klassiker.

Beatrice Alemagna: Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland, Übersetzung: Henrieke Markert, Rotopol, 2025, 56 Seiten, 24 Euro, ab 5

Plötzlich Familie

Es beginnt mit einem Brief. Auf dem Umschlag eine kopfüber aufgeklebte Marke, die neben dem Bild einer Kornelkirsche einen wenige Millimeter kleinen Totenschädel erahnen lässt, zumindest kommt es Edin Melitzky so vor.
Dieser Brief entlockt Edins Mutter Ann einen deutlich dramatischeren Flurschrei als angesichts der üblichen Rechnungen, Mahnungen und Anwaltsschreiben, die sonst ankommen. »Ganz unten, in der rechten Ecke des Papierbogens, stand in zittriger und trotzdem vornehmer Altherrenschrift:  

Zu spät.«

Kurze Zeit später findet Edin sich im Haus seines Großvaters in einem Kaff namens Kamp-Cornell wieder, mit einem Cousin und drei Cousinen sowie drei Tanten, von deren Existenz er vierzehn Jahre nichts geahnt hat. Plötzlich aus dem bisherigen Leben herausgerissen und in eine neue Familienkonstellation in ödester Provinz geworfen, das haben auch die Geschwister in Susan Kreller vorherigem emotionsgeladenem Roman Elektrische Fische erlebt.

Haus mit Eigenleben

Hier nun dämmert der Großvater, Vater von Edins Mutter und deren Schwestern, alt und krank im leergeräumten, ehemaligen Wohnzimmer vor sich hin. In der Küche gehen Leute aus der Nachbarschaft ein und aus, immer mit etwas zu Essen dabei, meist einem riesigen Auflauf. Der Garten ist ein undurchdringliches Gestrüpp aus Kornelkirschsträuchern, kein Obst, sondern ein Hartholzgewächs mit eher ungenießbaren Früchten, das im Frühjahr ginstergelb blüht.
Die Situation ist äußerst angespannt. Es gibt ein ungenutztes Zimmer, das die Mütter prinzipiell nicht betreten. Das Haus führt ein unheimliches Eigenleben. Es klopft und hämmert und sägt und seufzt in der Nacht. Für die Geräusche findet sich ebenso wenig eine Erklärung wie für die regelmäßigen Stromausfälle. Oder die überwiegend undurchsichtigen, aufdringlichen und schroffen Einwohner des Ortes.

Groteskes Verbrechen

Mit den fünf Cousins und Cousinen finden wir uns in bester Thrillerszenerie voll subtilem Grauen wieder. So unterschiedlich, wie die Jungen und Mädchen zwischen dreizehn und vierzehn sind, so unterschiedlich erleben sie das erzwungene Großfamilienleben, das sie aus wechselnden Perspektiven beschreiben. Nicht, dass ihr Leben vorher ein Zuckerschlecken war. Soll aber keiner glauben, dass sie angesichts des plötzlichen Familienzuwachsen in fröhlichem Kelly-Family-Feeling (wie Bernd Begemann es mit wohligem Schauer besingt) versinken, im Gegenteil.
Allmählich kommen die Jugendlichen einem grotesken Verbrechen auf die Spur. Ein Verbrechen, von dessen Ausmaß ihre Mütter nichts geahnt haben. Das aber deren Kindheit und Jugend überschattet hat, ihnen die Mutter nahm und zur Entfremdung der Schwestern führte.

Gefährliche Glücksversprechen

Das Herz von Kamp-Cornell ist eine einzigartige Mischung aus gruseliger Familiengeschichte, Thriller und Haus Horror – wenn es heutzutage sogenannten Body Horror gibt, dann gibt’s Haus Horror schon lange, als großen, alles umgebenden Körper. Susan Kreller hat das Genre auf den Spuren von Charlotte Brontës Jane Eyre oder Daphne du Mauriers Rebecca, legendär in Hitchcocks Verfilmung, neu belebt.

Gleich mehrere Coming-of-Age-Geschichten schwingen ebenfalls mit, treffend zusammengefasst aus der Sicht von Lu Winnefeld, einer der Cousinen: »Lu Winnefeld dachte nach, dachte daran, in den Ferien von hier wegzugehen, und weg hieß: nach Hause, auch wenn ihre Mutter das verboten hatte. Doch was kümmerten Lu Verbote von jemandem, der sowieso nie da war. Lu Winnefeld war immerhin vierzehn Jahre alt! Sie trug einen Hut und eine Lederjacke, trotz der Hitze. Aber Lu schwitzte nicht. Schwitzen war unter ihrer Würde. Wie vierzehn zu sein. Vierzehn zu sein war weit unter Lu Winnefelds Würde.« Kraftvoll, wütend und auf den Punkt beschreibt Susan Kreller hier das Innenleben einer autarken Teenagerin.
Nicht zuletzt geht es auch um gefährliche Glücksversprechen und verlogene Heilsbringer.

Achselzuckende Stille

Die Sprache wiederum spielt eine besondere Rolle in diesem Roman, eine Sprache, die versucht, Unbegreifliches begreifbar zu machen, Unsagbares benennt und diffuse Gefühle in all ihrer Vagheit nachempfinden lässt. Kreller beschreibt zum Beispiel verschiedene Sorten von Dunkelheit, die »der Nacht und die des ausbleibenden Gewitters« (das, so viel sei verraten, später doch noch ganz gewaltig niedergehen wird). Und »die dritte Sorte Dunkelheit, ein wollweißes, liniertes Blatt, das heftig zerknüllt und dann wieder, ebenfalls heftig, glatt gestrichen worden war.«
Oder der Stille: »Von allen Zurückgelassenen konnte einzig Gabriella das quälende Geräusch hören das mit dem Krankenwagen davongefahren war: jene achselzuckende Stille, die von einer Sirene ausging, wenn man sie gar nicht erst angestellt hat.«

Man merkt angesichts ihrer fantasievollen Bilder, vielsagender Wortkreationen und auch mal verwunderlichen Vergleichen, dass Kreller über deutsche Übersetzungen englischsprachiger Kinderlyrik promoviert hat. Wenn man sich auf Krellers kreativen Umgang mit Sprache einlässt, auch das manchmal zu viel davon zulässt, ist Das Herz von Kamp-Cornell ein packendes und unvergleichliches Leseabenteuer.

Susan Kreller: Das Herz von Kamp-Cornell, Carlsen, 2025, 288 Seiten, 15 Euro, ab 14

Leben und leben lassen

Sailor och Pekka gör ärenden på stan lautet der Titel im schwedischen Original. Sailor und Pekka erledigen was in der Stadt hat Hinrich Schmidt-Henkel es passend entspannt übersetzt. Schon der wunderbar unprätentiöse Titel sagt viel über Jockum Nordströms ebenso brillantes wie bodenständiges Bilderbuch.

Kinderbilder und korrekte Möbelskizzen

Es heißt bewusst nicht » … gehen in die Stadt«, was einen Land-Stadt-Kontrast assoziieren würde. Denn darum geht es nicht. Es passiert auch nichts Spektakuläres. »Eines Morgens als Sailor sich anziehen wollte, war sein Pullover weg. Er wusste absolut nicht, wo der geblieben sein konnte, Sailor durchsuchte das ganze Zimmer.« Ein Mann mit Schnurrbart, bloßem Oberkörper und Käppi auf dem kahlen Kopf sucht. Er sieht aus wie von einem Kind gemalt. Die Kommode, das Bett, die Hutablage und das Sideboard mit dem Globus drauf aber sind reduzierte, doch perspektivisch korrekte Zeichnungen. Drum herum ist anfangs viel Weißraum, der Sailor und auch Pekka, einem Hund in einem blauen Anzug Platz gibt.

»Er rief seinen kleinen Hund Pekka, der gerade Zeitung las.
Hej, Pekka! Hast Du meinen Pullover gesehen?
Nein, hab ich nicht.
Wir müssen in die Stadt fahren, einen neuen kaufen.
Gut, dann kann ich mir auch gleich die Haare schneiden lassen.«

Kein Drama, dann machen sie halt eine Spaziergang

Sie fahren mit dem Auto los, einem offensichtlich betagteren Modell aus den 1920er oder 1930er Jahren. »Der Motor machte seltsame Geräusche. Er hustete und spuckte. Plötzlich quoll schwarzer Rauch unter der Motorhaube hervor.« Das ist kein Drama, dann machen sie halt einen Spaziergang.
Und so sieht man Mann und Hund am Meer entlang in Richtung Stadt laufen. Unterwegs treffen sie einen traurigen Clown, der seine Trompete verloren hat. Und ihre Nachbarin Frau Jackson, die übrigens schwarz ist.

»Moinsen« grüßt der Biber im Vorbeigehen

Zunächst werden die Seiten kleinteiliger, erinnern ein wenig an Comic-Panels. Je näher die beiden dann der Stadt kommen, desto mehr verdichten sich die Bilder. Er gibt tolle, akkurate Architekturzeichnungen, unter anderem von an Le Corbusier erinnernde Hochhäuser mit farbigen Fassadendetails. Detailliert ausgestaltete Straßenkreuzer fahren im Hintergrund herum. Und immer mehr unterschiedlichste Wesen tauchen auf, winken, reden miteinander, tragen Möbel. Menschen und Tiere sind alle mehr oder weniger beschäftigt, auf dem Weg irgendwohin, ohne Hektik, man grüßt sich. »Moinsen«, sagt ein Biber im Vorbeigehen, eine lässig im Mundwinkel hängende Zigarette rauchend.
Sailor und Pekka finden einen Kleiderladen, daneben einen Frisör. Pekka bekommt einen neuen Haarschnitt. Sailor kauft einen neuen Pullover und ein weißes Hemd dazu. Anschließend lässt Sailor sich noch ein Tattoo stechen. Beim Tätowierer treffen sie einen Affen, der die Trompete gefunden hat.

Das Auto sieht wirklich erschöpft aus

Auf dem Rückweg lassen sie das Auto abschleppen. Der Abschleppdienst kommt schnurstracks, wie Hinrich Schmidt-Henkel schön übersetzt. Unterwegs geben sie dem Clown die Trompete zurück, »Juhuu! Tausend Dank! Der Clown freute sich riesig« und nehmen das Auto an den Haken. »Da steht unser Auto. Es sieht erschöpft und dreckig aus.« »Ja es sieht wirklich erschöpft aus«, bestätigt der Abschlepper.

Friedliches Miteinerander von Lebewesen und Stilen

Das friedliche Miteinander aller spiegelt sich auch in Jockum Nordströms lässigem Umgang mit verschiedensten Illustrationsstilen. Mal ein liebevoll ausgemaltes großes Hafenpanorama oder eine bunte Straßenszene oder das kleinteilige Ladensortiment. Dann setzt der Künstler wieder auf einen sehr kindlich wirkenden, für Kleine umso nahbareren Malstil, in denen er comicartige Seiten mit leisem Humor gestaltet. Sehr lustig ist die Szene, wenn Sailor mehrere Pullover anprobiert. Auf dem Vorsatzpapier arbeitet Nordström zur Abwechslung mit Fotos und Collagen.

Gut aufgehoben bei Péridot

Mit größter Selbstverständlichkeit erzählt der KInderbuchautor wunderbar unaufgeregt (wie schon beim Titel) von Vielfalt und Toleranz als gelebte Normalität. »Leben und leben lassen« hat mein Vater immer gesagt. Und es auch so gemeint, obwohl er ein konservativer und bestimmt nicht vorurteilsfreier Mann war. Jockum Nordström malt Bilderbücher unter diesem Lebensmotto. Der Kölner Péridot Verlag hat jetzt eine Geschichte von Sailor und Pekka veröffentlicht, hoffentlich folgen auch die fünf oder sechs weiteren. Wo wären sie hierzulande besser aufgehoben, als bei einem Verlag mit freundlichem Hund als Logo und übersetzt von Schmidt-Henkel. Die Welt von Sailor und Pekka wäre eine bessere, schöner und lebenswerter.

Jockum Nordström: Sailor und Pekka erledigen was in der Stadt, Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel, Péridot, 44 Seiten, 16 Euro, ab 6

Eintauchen

Klassiker sind literarische Werke, Dramen, Romane von zeitlosem Wert. Nicht nur wegen ihrer sprachlichen Schönheit und vielschichtigen Charaktere werden sie über Generationen gelesen. Klassiker berühren vor allem wegen ihrer zutiefst menschlichen Themen: Liebe und Hass, Rache, das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung, der Kampf von Gut und Böse, Mut, Angst, Neugier, Abenteuer, Erwachsen werden.
Also ist es naheliegend, schon die Kleinsten für Klassiker zu begeistern. Der Verlag Coppenrath versucht das jetzt aufs Schönste. Logischerweise fängt man bei sehr jungen Kindern mit Bildern an. Tatsächlich sind die sechs bereits erschienenen Klassiker für Kleine visuell eine Wucht. Jedes Buch ist von einer anderen Illustratorin oder einem Illustrator ganz individuell bebildert und bekommt jeweils optisch einen besonderen Charakter.

Im Sarg mit Vampirteddy

Zum Beispiel Bram Stokers Dracula: Anfangs wirkt der berühmteste Vampir fast niedlich mit seinem riesigen Kopf und den prominenten Zähnchen. Zwar schläft er tagsüber im Sarg, aber mit Katze und kleinem Vampirteddy. Blut schlürft er durch einen Strohhalm aus dem Glas. Und nachts verwandelt sich der lichtscheue Graf in eine Fledermaus und flattert aus dem Fenster seines Schlosses.

Zeitlos moderne Vampirsaga

Doch irgendwo muss das Blut ja herkommen. Und hier sind wir bei einem der Urthemen der Menschheit: Böse Mächte, die einem nach Freiheit und Leben trachten. Schlimmer noch, ihre Opfer zu willenlosen Untoten machen, die vom Biss infiziert selbst zu blutdürstigen Monstern werden. Für weibliche Wesen schwingt noch eine weitere Gefahr mit und das begründet auch den Erfolg moderner Vampirsagas, allen voran der von Stephenie Meyers Twilight-Saga: Der Biss des Vampirs als Synonym für ersten Sex, die Entjungferung und damit die Verwandlung in ein sexuelles Wesen, das spätestens mit einer Schwangerschaft in Abhängigkeit gerät.
Das erkennt man natürlich nicht so explizit im Bilderbuch, im Kopfkino spielen sich aber gleich mehrere Filmversionen ab, auch das macht eine starke klassische Vorlage aus.

Architektur gibt Struktur

Für Mina, der Verlobten des erzählenden Anwalts, wird es im Bilderbuch ziemlich knapp, nachdem Dracula seine Zähne in ihren Hals geschlagen hat. Nur ein Trank des herbeigerufenen Arztes und Vampirjägers van Helsing haucht der sehr blutarmen und totenblassen jungen Frau wieder Leben ein. Jacobo Muñiz erzählt das sehr spannend und geschickt angelehnt am literarischen Original mit seinen Illustrationen: Karikaturesk und kindlich großkopferte Personen, elegant historisches Setting. Architektur strukturiert die Bilder, Räume sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet: Hohe, gotische Fensterbögen, bunte Dachschindeln, Backsteinwände und Straßenpflaster, gemaserte Holzböden.

Ein freundliches und schlaues Wesen

Anders nähert sich Mariona Cabassa Moby Dick. Bei ihren wie kindliche Buntstiftbilder wirkenden Illustrationen dominieren die Farben. Vielfarbig gemusterte Kleidung, rote Erdbeerwangen, knallbunt lackierte Boote. Vor allem aber die Unterwasserwelt ist ein Farbspektakel. Der berühmte weiße Wal ist ein freundliches und schlaues Wesen, stets begleitet von einem Schwarm bunter Fische. Auch ein weiteres vermeintliches Ungeheuer, ein Riesenkrake, kommt ungeheuer sympathisch und praktisch daher. Walfang ist kein zeitgemäßer Broterwerb mehr. Und hier lässt Moby Dick den von Rachegelüsten zerfressenen Käpten Ahab entspannt lächelnd abblitzen und schwimmt seiner Wege.

Psychedelische Pilze und Wildblumenwiesen

Angemessen psychedelisch wiederum setzt Zuriñe Aguirre Lewis Carolls Alice im Wunderland in Szene. Auch sehr bunt, jedoch gespickt mit vielen Details und Anspielungen an das Original – der hohe Hut des Hutmachers, die Taschenuhr des weißen Kaninchens, Schachbrettmuster, Spielkarten und etliche riesige Pilze – gestaltet die spanische Malerin Alices Abenteuer als wunderlichen Trip. Toll sind naturalistischen Hintergründe: Wildblumenwiesen, Getreidefelder, Waldboden und Rasen, dichtes Laub und exotische Pflanzen.  Auf der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen stellt das selbstbewusste und dickköpfige Mädchen die verquere Erwachsenenwelt in Frage, absurde Rituale, die überkandidelte und rücksichtslose Regentin.

Es bleibt: Das Lächeln der Grinsekatze

Zum hübschen Bilderrausch gehört auch eine kiffende (oder sogar Opium rauchende?) Raupe, dafür ist der Hutmacher diesmal nicht nutty und hat auch nichts von Johnny Depp. Schon der Umschlag der Pappe (wie die dickseitigen Bücher für Kleinkinder in der Branche genannt werden) fasst die Geschichte treffend zusammen. Vorne geringelte Strumpfbeime und ein bauschiger Tüllrock auf einem Pilz, auf dem Alice nach ihrem Sturz ins Kaninchenloch gelandet sein könnte. Und auf der Rückseite ist das was bleibt: Das Lächeln der Grinzekatze.

Starke Klassiker in Bildern erzählt

Diese Klassiker für Kleine sind optisch eine Klasse für sich. Nur Cornelia Boeses putzige Reime dazu hätte es nicht gebraucht, hoffentlich wird die Co-Autorin angesichts dieser Kritik nicht ihrem Nachnamen gerecht. Ein paar Stichworte und Namen hätten gereicht, um die Vorlesenden die Geschichten frei erzählen zu lassen. Und wären auch für Erwachsene eine gute Anregung, sich mit den Klassikern wieder zu beschäftigen.

Einen Klassiker zitiert auch Sophie Blackall in ihrem Bilderbuch Ahoi! Alle an Bord und Leinen los!. Die Rückseite umspielt eine Variante der berühmtesten Welle aller Zeiten, der japanische Holzschnitt von Hokusai, den Klappentext. Und wie beim Original, das auch ein ausgewachsener Tsunami werden könnte, geht aber nichts Bedrohliches davon aus. Die aufeinander geschichteten, ineinander fließenden und einander umspielenden Wassermassen sind einfach nur schön. Man möchte darin eintauchen.
Genau das gelingt dem kleinen Helden hier: seinen Vater mitzunehmen ins Spiel. Der muss eigentlich Aufräumen, Staubsaugen, Erwachsenenkram erledigen. Stühle, ein Korb und ein paar Blätter Papier werden zum Segelboot, der Teppich ist das Meer, ein Sturm zieht auf. Los geht’s …

Unkonzentrierte Erwachsene

Aber als sein Telefon klingelt, lässt der Vater sich schnell wieder rausreißen. Totale Flaute im Spiel, das Kind liegt gestrandet und frustriert bäuchlings auf dem Boden.  Abgesehen von der derzeit inflationär gestellten Selbstdiagnose ADS/ADHS sind hier eindeutig die Erwachsene diejenigen, die sich nicht konzentrieren können, von Anrufen ablenken lassen, alles gleichzeitig machen wollen und nichts richtig können.
Im zweiten Anlauf kommt die fantastische Seereise richtig in Fahrt. Über mehrere in intensiven Farben und wunderbar ausgestalteten Doppelseiten und Bildsequenzen entkommen sie einem Oktopus, gleiten mit Walen dahin, werden von wilden Wellen durch die Luft geschleudert, laufen auf Grund, erleiden Schiffbruch und erreichen umkreist von hungrigen Haien in letzter Sekunde den Leuchtturm.

Heimliche Heldin

Als nach wildem, intensivem Spiel doch noch mal kurz überlegt wird, den Teppich zu saugen, kommt es unisono aus zwei Mündern: »Welchen Teppich?«. Das bringt die Kraft der Fantasie anschaulich zum Ausdruck. Und die Fähigkeit, völlig einzutauchen in eine mitreißende Geschichte. Die durch ihre stille Heldin noch entzückender wird: eine kleine schwarze Katze, die in allen Szenen und auf allen Seiten auftaucht und in die wunderbare Reise eintaucht.

Klassiker für Kleine, nacherzählt in Reimen von Cornelia Boese, Coppenrath, jeweils 24 Seiten, 14 Euro, ab 3
Bram Stoker: Dracula, illustriert von Jacobo Muñiz
Hermann Melville: Moby Dick, illustriert von Mariona Cabassa
Lewis Caroll: Alice im Wunderland, illustriert von Zuriñe Aguirre

Sophie Blackall: Ahoi! Alle an Bord und Leinen los!, Übersetzung; Bettina Obrecht, Penguin, 48 Seiten, 16 Euro, ab 4

Lasst Blumen sprechen

Pflanzen

Meister – bei dem Begriff denkt man zunächst an Weltmeister oder, schon seltener, an Weltmeisterinnen, zum Beispiel im Fußball oder einer anderen sportlichen Disziplin. Dann vielleicht an Alte Meister, also Meisterwerke der Kunst und ihre Maler. Oder an Handwerksmeister. Also an Menschen, meist Männer.
Wer kommt da auf Pflanzen? Genau mit diesem Überraschungsmoment lockt Riz Reyes in den Garten und die wunderbare Welt der Pflanzen. Pflanzen können alle etwas, das alle anderen Wesen nicht können. Sie leben tatsächlich von Luft und Liebe sozusagen, genauer von Kohlendioxid, für uns Menschen verbrauchte Luft und Licht. Durch Kohlenstoff wachsen sie und bilden Blätter und Früchte. Und als Abfallprodukt setzen sie den für uns lebensnotwendigen Sauerstoff frei.

Meisterinnen der Erneurung

Zusätzlich sind aber alle Pflanzen noch Meisterinnen und Meister ihrer Klasse und können jeweils etwas ganz Besonderes und Einzigartiges. So sind Narzissen Meisterinnen der Erneuerung, wie der von den Philippinen stammende Riz Reyes erklärt. Die Zwiebeln ruhen im Winter in der Erde. »Wenn es wärmer wird und die Tage länger, begrüßen sie mit ihren leuchtend bunten Blüten den Frühling«, schreibt der Gärtner und Pädagoge. Osterglocken heißen nicht so, weil sie eben meist um Ostern herum blühen. Wegen ihrer Fähigkeit, wiederaufzublühen, sind sie im Christentum ein Symbol für Auferstehung und ewiges Leben.

Geniale Partnerschaft

Oder Pilze, die eine eigene Art für sich sind. Sie sind Meister der Kommunikation und Vernetzung. »Anders als Pflanzen können Pilze sich nicht mithilfe der Photosynthese von Sonnenenergie ernähren, da sie kein Chlorophyll haben. Stattdessen lassen sie sich von Pflanzen, mit denen sie durch ihr Mycel, ein dichtes, fadenartiges Geflecht, verbunden sind, mit Nährstoffen wie Zucker versorgen. Im Gegenzug liefert der Pilz der Pflanze Wasser und und andere Nährstoffe, die er aus der Erde aufnimmt.« Was für eine geniale Partnerschaft! Dagegen sind sogenannte win-win-Situationen aus der Wirtschaft ein lascher Witz.

Pflanzen hinreißend in Szene gesetzt

Jede Pflanze und auch die Pilze bekommen jeweils zwei ähnlich aufgebaute Doppelseiten, auf denen unter anderem Herkunft, Verwandte und Besonderheiten kurz und prägnant erklärt werden. Auch, wie junge Leserinnen und Leser die Pflanzen selbst ziehen können. Die Illustratorin Sara Boccaccini Meadows hat die faszinierenden Pflanzen hinreißend, lebendig und vielfarbig mit Aquarell und Tusche in Szene gesetzt. Ihre Illustrationen sind absolut meisterhaft und Grund genug, dieses Sachbuch lieben.

Leckere und duftende Verwandte

Auch die Familien gehören immer zum großen Ganzen. Da kommen ganz erstaunliche Verbindungen zu Tage. Oder zur Nacht, denn dass die Tomaten zu den Nachtschattengewächsen gehören und ursprünglich aus Süd- und Mittelamerika stammen, wie auch Kartoffeln, Paprika und Auberginen hat man schon mal gehört. Nicht nur leckeres und gesundes Gemüse gehört dazu, sondern auch einige giftige Pflanzen. Aber wer hätte gedacht, dass Apfel, Erdbeeren und Wildrosen eine wohlschmeckende und duftende Familie bilden, die Rosengewächse nämlich.

Kürbis wiederum gedeiht besonders gut zusammen mit Mais und Bohnen, die zwar nicht zur selben Familie gehören, sondern eine weitere kluge Partnerschaft eingehen, was bereits die indigenen Völker Nord- und Südamerikas entdeckt haben. Wie die funktioniert oder warum Orchideen Meisterinnen der Eleganz und der Raffinesse sind … unbedingt selbst lesen und entdecken in diesem absolut faszinierendem Pflanzenbuch, das weit über den Garten hinausgeht.

Pflanzen

Anders, aber mit mindestens ebenso großem Respekt, taucht Alva und das Rätsel der flüsternden Pflanzen in das Reich der Plantae ein. Das Setting von Yarrow Townsends Abenteuerroman wirkt dystopisch: karg, arm, düster, raues Leben, immer feucht.
Die Titelheldin Alva ist spröde und stur, seit dem Tod ihrer Mutter vier Jahre zuvor voller Wut und Misstrauen. Ihr Zuhause ist eine kleine Holzhütte mit einem Garten voller Nutz- und Heilpflanzen, die leise mit ihr sprechen und sie zum Beispiel beraten, wie sie den kranken Huf ihres Pferdes behandeln soll. Captain ist ihr einziger Gefährte, ihre ganze Familie. Diese wird bedroht durch den neuen Ausbruch einer rätselhaften, tödlichen Krankheit, an der auch Alvas Mutter gestorben ist. Sie war eine anerkannte und geschätzte Expertin für Heilpflanzen, die mit ihrem Wissen vielen Menschen geholfen hat. Doch nach ihrem Tod hat der Ortsvorsteher sie als Scharlatanin dargestellt, ihre Fähigkeiten wurden in Zweifel gezogen.

Rettung der flüsternden Freundinnen

Angeblich sind die Pflanzen, nicht nur die in Alvas Garten, die Wurzel allen Übels und sollen alle vernichtet werden, einschließlich dem Getreide. Um das Gegenteil zu beweisen und ihr Zuhause, ihr konfisziertes Pferd und ihre flüsternden Freundinnen zu retten, begibt sich Alva auf eine gefährliche Reise ins Ungewisse. Unterwegs bildet Alva, wider Willen eine Not- und Zweckreisegesellschaft mit dem Jungen Idris, dessen Bruder im Sterben liegt, und der vermeintlich verwöhnten, aus reichem Hause stammenden Ariana.

Bewusste Außenseiterin

Alva ist eine interessante Heldin, gerade weil sie so schroff und misstrauisch ist, und wirklich alle vor den Kopf und von sich stößt. Sie traut niemandem, kann auch erschreckend gemein sein und beharrt auf ihrer Unabhängigkeit. Sie ist bewusst Außenseiterin, man spürt ihre Verletzung und ihre Trauer. Nur in der Welt der Pflanzen fühlt sie sich wohl, weil sie deren Sprache versteht. Getragen von dieser Antiheldin entwickelt sich die Geschichte zu einem vielschichtigen Krimi, der zeigt, was passieren kann, wenn Geldgier auf die Spitze getrieben und Gesundheit zur unerschwinglichen Ware wird.

Auch für Veganer ein Vergnügen

Natürlich bleibt ihre abenteuerliche Reise mit zahlreichen halsbrecherischen Situationen und dramatischen Stunts nicht ohne Folgen auf Alvas weitere Weltsicht. Apropos sehen, den Anfang jedes Kapitels hat Torben Kuhlmann, der Meister famoser und tollkühner Mäusegeschichten, mit einer ausgewählten Heilpflanze illustriert, versehen mit ein paar Information zur Verwendung.
Dies ist beileibe kein rein pflanzlicher Schauerroman. Aber auch für Veganer ein spannendes Vergnügen.

Riz Reyes: Im Garten – Die wunderbare Welt der Pflanzen, Illus: Sara Boccaccini Meadows, Übersetzung: Andreas Jäger, ars Edition 2023, 64 Seiten, 20 Euro, ab 8

Yarrow Townsend: Alva und das Rätsel der flüsternden Pflanzen, Illus: Torben Kuhlmann, Übersetzung: Cornelia Panzacchi, Carlsen, 320 Seiten, 9 Euro, ab 10

Größter Unfall, schönster Glücksfall

Super-Gau

Unsere explosive gesellschaftliche Erregung hängt auch mit überschießenden Sprache zusammen. Selbst reflektierte Medien und bedächtigere Menschen benutzen Begriffe, die die Stimmung weiter aufheizen, teils, weil sie „nur“ zititeren, teils, weil ihnen selbst mittlerweile die nötige Distanz zu fehlen scheint. Man sei „entsetzt“ und „fassungslos“ heißt es, nur weil zum Beispiel entgegen der Wahlversprechen der Preis für das Schulessen nicht wieder um ein paar Cent gesenkt wird.
„Super-Gau“ ist auch so ein sprachlicher Granatwerfer. Kaffeedose morgens leer – Super-Gau. Lieblingsporridge ausverkauft – Super-Gau. Deshalb ist man erstmal vorsichtig, wenn eine Graphic Novel mit dem Titel Super-Gau daherkommt. Doch an dem Tag, an dem Bea Davies‘ Geschichte spielt, der 11. März 2011, passierte genau das: Der Schlimmste Größte anzunehmende Unfall, die höchste Eskalationsstufe der alten Weisheit: Schlimmer geht immer.

Schlimmste Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl

Am Nachmittag bebte östlich der japanischen Küstenstadt Sendai, 400 Kilometer nordöstlich Tokios, die Erde. Das löste einen Tsunami mit stellenweise gigantischen, bis zu vierzig Meter hohen Wellen aus. Mit 800 Stundenkilometern drangen die Wassermassen ins Land. Dadurch kollabierten im örtlichen Kernkraftwerk Fukushima mehrere Kühlsysteme, es kam zur Kernschmelze. Wasserexplosionen verteilten die austretende Radioaktivität über die Luft weit über Japan. Die Reaktorkatastrophe in Japan war die schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl im Jahr 1986.
Im Prolog zeigt Bea Davies den Beginn der Katastrophe, bei der 18.500 Menschen ihr Leben und eine halbe Million zumindest für lange Zeit ihr Zuhause und ihre Heimat verloren, anhand eines Mannes. Statt sich sofort in Sicherheit zu bringen, versucht er verzweifelt aus einer Telefonzelle jemanden in Deutschland (angedeutet durch die +49 auf dem Display) zu erreichen.

Immer wieder Wasser, vieles verschwimmt

Und hier beginnt die Geschichte: Eine junge Frau gleitet durch die Luft über ein überflutetes Berlin. Plötzlich greift aus dem Wasser eine Hand nach ihrem Knöchel und unter sich sieht sie Menschen wie im Moment eingefroren aufrecht im Wasser treiben. Ein Traum, den Lea einem Freund beschreibt.
Bea Davies erzählt mit klassischen Panels, immer wieder durchbrochen von großformatigen Panoramen. Die Affinität zum Manga ist deutlich, nur ist das Buch an an die westliche Leserichtung angepasst. Auch sind ihre minimalistisch und fein gezeichneten Bilder nicht einfach schwarz-weiß. Nicht nur in der Traumsequenz verschwimmen Konturen in Grauschattierungen, selten gibt es scharfe Kontraste. Und immer wieder taucht Wasser auf, Menschen sitzen am Ufer, träumen von Wasser, schwimmen im Wellenbad, sehen Bilder des Tsunamis.

Menschen begegnen und verlieren sich

Weitere Personen tauchen auf, ein eigenbrötlerischer Autor, eine nervöse, elegante  Frau, eine freundliche Säuferin, ein traumatisiserter Junge mit erfrorenen Fingern, eine blinde Alte, ein zugewandter Kreuzberger Bohemien. Sie begegnen sich und verlieren sich, laufen aneinander vorbei, wechseln mal ein paar Worte, mal nehmen sie einander überhaupt nicht wahr.
Der Regisseur Robert Altman verknüpfte in seinem Film Short Cuts von 1993 verschiedene Handlungsstränge innerhalb eines Tages locker miteinander. Bea Davies hat jetzt mit Super-Gau dieses episodische Erzählen, konzentriert auf einen erschütternden Tag, perfektioniert. Ihr gelingen hervorragend vielschichtige Figurenzeichnungen komplexer, sperriger Charaktere. Das meiste wird nur angedeutet, mal ist es das Foto eines kleinen Mädchens im Badeanzug mit Brille und spitzem Hut, eine doppelt gekaufte Zeitung, ein Familienbild auf einem Nachttisch, Berge von ungespültem Geschirr, ein dreckiger Verband, eine überschießende Reaktion, ein Gewaltausbruch oder eine  liebevolle Geste, die so viel mehr vom Leben dieser Menschen erahnen lassen.

Episodisches Erzählen perfektioniert

Super-Gau ist Bea Davies‘ Debüt als Autorin. Man kennt Graphic Novels als Memoir, als Biografie von Musikern, Sportlern, Zeitzeugen oder auch als Sachbuch (Wölfe). Diese Graphic Novel ist tatsächlich und wortwörtlich ein Roman – ein großer, ein globaler Gesellschaftsroman. Angelegt als ein eng geknüpftes Netz aus spannenden Einzelschicksalen, als eine Momentaufnahme eines Tages, der nicht nur bezüglich der Energieerzeugung viel geändert hat. Er endet in einem Epilog, wiederum in einer Telefonzelle in der Jetztzeit im fernen Japan, wo man mit den von der Katastrophe aus dem Leben gerissenen Menschen reden kann, Unausgesprochenes in einen Hörer sagen kann.

Viel Raum für imaginierte Leben

Super-Gau ist ein Roman, erzählt in bezaubernden und minimalistischen, auf das Wesentliche reduzierten Bildern. Berührend und mit viel Raum für Imagination.Und das verheißungsvolle und raffinierte Cover, in haptischem Prägedruck mit schäumender Gischt und einem Schriftzug gestaltet, der alle Protagonisten beinhaltet, ist ein wahres Kunstwerk für sich.
Bea Davies ist für das Genre der Graphic Novel ein Super-Gag – ein großartiger Glücksfall.

Bea Davies: Super-Gau, Carlsen, 208 Seiten, 26 Euro, ab 12