Keine Lust auf Konventionen

Dies ist ein Schlag ins Gesicht aller Märchenliebhaber: Obwohl Sebastian Meschenmosers Bilderbuch Rotkäppchen hat keine Lust ganz harmlos, geradezu klassisch, daherkommt, bricht es auf witzige Art mit allen Konventionen. Keine schreiend bunten Farben, nur dezent kolorierte, gegenständliche Illustrationen in normalem Buchformat – und doch entfaltet sich hier eine Geschichte, die es in sich hat. Es beginnt aus der Perspektive des ziemlich knuddelig wirkenden Wolfs. Der lebt in einer Höhle, die schön gruselig wie das Maul eines Monsters aussieht. Er ist auch kein Kuschel-, sondern ein echtes Raubtier, das gegen seine schlechte Stimmung dringend ein süßes Kind fressen muss. Der Plan ist klar: „Kind in ein Gespräch verwickeln, danach Wald, Höhle, Kochtopf, Zack!“

Aber da hat er die Rechnung ohne Rotkäppchen gemacht. Das hat nämlich so richtig schlechte Laune, weil es die Großmutter besuchen muss: „Eine Stunde hin, komische Fotoalben angucken, öde Geschichten anhören und dann eine Stunde zurück. Der Sonntag ist jedenfalls hin!“ Das Mädchen ist so sauer, dass es gar nicht kapiert, in welcher Gefahr es schwebt. Als der Wolf auch noch sieht, was es als Geburtstagsgeschenke im Korb hat – einen Ziegelstein, eine Socke, einen Kaugummi – ist er fassungslos. Also pflückt er Blumen, backt einen Kuchen und kauft Wein. Und versteht sich wunderbar mit der alten Dame, die beiden werden ein Herz und eine Seele.

Rotkäppchen wird währenddessen kein bisschen lieblicher, es sieht richtig hässlich mit seiner wütenden Miene aus. Erst ganz zum Schluss entwickelt es sich sehr attraktiv und in seinem Sinne. Die erfrischend direkte Erzählweise macht klar: Rotkäppchen hat keine Lust auf die Opferrolle.

Endlich räumt mal jemand damit auf: Viel zu selbstverständlich werden Märchen in klassischer Form wieder und wieder erzählt und als große Tradition gefeiert. Und wenn das bisher mal jemand in Frage gestellt hat, dann oft zu plakativ und nicht so deutlich auf den Punkt gebracht wie jetzt von Sebastian Meschenmoser. Seine Bildsprache ist zwar nicht sonderlich kunstvoll und raffiniert und auch nicht jedermanns Geschmack. Tiere gelingen ihm aber besonders gut und sind charmante Nebendarsteller. Grandios ist der genervt guckende Kater, der in einer Anspielung auf die Bremer Stadtmusikanten drei gestapelte Hühner beim Foto-Shooting auf seinem Rücken ertragen muss, während sich daneben zwei Mäuse köstlich amüsieren.

Jetzt könnte Meschenmoser eigentlich mit Christian Andersens Aufopferungsklassikern wie der kleinen Meerjungfrau und dem Mädchen mit den Schwefelhölzern gleich so weiter verfahren.

Tierisch genervt ist auch der Held im Bilderbuch Grododo. Für Michaël Escoffiers verhinderte Schlafgeschichte und Kris di Giacomos skurrile, puristisch in nächtlichem Schwarz, Grau und Braun gehaltene Illustrationen mache ich sogar eine Ausnahme meiner Regel, Bücher mit bekleideten Tieren abzulehnen. Das Nachthemd hätte der müde Hase zwar nicht gebraucht, die Melone auf seinem Kopf funktioniert aber als Magritte-Zitat und damit als Synonym für den typischen Spießer gut. Der Hase Cäsar kann nämlich nur nach einem Standardritual schlafen: Glas Wasser auf den Nachttisch stellen, Pantoffeln auf den kleinen Teppich, überprüfen, ob sich keine Monster unterm Bett verstecken, Teddy knuddeln, Augen nacheinander schließen, auf beiden Ohren einschlafen.

Und dann beginnt auf den folgenden Seiten das onomatopoetische, also lautmalerische Fest:TOCK, TOCK, TOCK klopft es laut auf einer Doppelseite. Cäsar schreckt auf und ist gleich empört: Ein Vogel nagelt mitten in der Nacht seine Bildergalerie an. Kaum ist der ignorante Kunstliebhaber verscheucht, beginnt Cäsar von neuem mit seinem Ritual. Nur um gleich von einem martialisch laut Nüsse kackenden Eichhörnchen aus dem Schlaf gerissen zu werden. CRUNCH, CRUNCH, CRUNCH, QUIETSCH, QUIETSCH, QUIETSCH, BUMM, BUMM, BUMM – so geht es immer weiter. Und die Einschlafroutine wird immer chaotischer. Ein großer Spaß ist es, zu beobachten, welche Fehler sich vor lauter Übermüdung einschleichen.

Einziger Grund zu Mäkeln: Es müsste nicht „Crunch“ heißen; das versteht hierzulande zwar mittlerweile jedes Kind. Aber warum nicht, da es doch ums Nüsseknacken geht,  KNACK, KNIRSCH, KNURPS? Man könnte sich noch so einige laute Geräusche vorstellen, die durch die Dunkelheit hallen, verursacht von Nachtaktiven, Bettflüchtern und sonstigen Somnambulen.

Wir lernen: Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da. Einschlafrituale sollten nicht zu kompliziert sein. Und: Man muss IMMER mit Monstern unterm Bett rechnen.

Elke von Berkholz

Sebastian Meschenmoser: Rotkäppchen hat keine Lust, Thienemann, 2016, 32 Seiten, ab 4, 12,99 Euro

Michaël Escoffier: Grododo, Illustration: Kris di Giacomo, Übersetzung: Anna Taube, Carlsen, 2017, 56 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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Wider die Bequemlichkeit

brüder„Wenn du vor mir stirbst, schreibe ich ein Buch über dich“, sagt der 18-jährige Quentin Bell zu seinem knapp drei Jahre älteren Bruder Julian. Das Buch Brüder für immer sollte es also nicht geben. Dann hätte Quentin seinen älteren Bruder und besten Freund noch. Ihren Eltern und Angehörigen wäre die Trauer über den frühen Tod des Sohns, Neffen und Freundes erspart geblieben. Vor allem der Mutter der beiden, der Malerin und Innenarchitektin Vanessa Bell, ältere Schwester der Schriftstellerin Virginia Woolf.

Aber es ist gut, dass es diesen Roman gibt, angelehnt an realen, historischen Personen, erdacht und geschrieben vom vielfach ausgezeichneten niederländischen Autor Rindert Kromhout.

Denn was von einigen Kritikern nur als die etwas naiv erzählte Geschichte zweier Brüder, aufgewachsen in einem unkonventionellen Milieu, aufgefasst wurde, ist tatsächlich ein hinreißendes Porträt der aus Schriftstellern, Journalisten, Verlegern, Künstlern und Wissenschaftlern bestehenden Bloomsbury Group.

Und es ist ein Manifest des freien Denkens, geradezu ein Imperativ sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, ohne Vorurteile, ohne geistige Scheuklappen, und nach seinen Idealen zu leben und zu lieben. Das ist heute, in Zeiten von Fremdenhass und nationalistischer Ideologie, religiösem Fanatismus und Vorurteilen gegen alles Nonkonforme, dem Erstarken rechtsradikaler Politiker und Parteien wichtiger denn je.
Die Hauptfiguren in Kromhouts Roman haben wirklich gelebt: Die Malerin Vanessa Bell, geborene Stephen, ihr Ehemann, der Kunstkritiker und Journalist Clive Bell, Vanessa Bells homosexueller Freund, künstlerischer Partner und Liebhaber Duncan Grant und dessen Freund David. Zudem Vanessa und Clive Bells Söhne Julian und Quentin sowie deren jüngere Halbschwester Angelica. Sie alle lebten in Charleston, einem von Vanessa und Duncan zum lebendigen Kunstwerk gestalteten Haus auf dem Land in Sussex.

Am bekanntesten ist die Schriftstellerin Virginia Woolf, Vanessas jüngere Schwester, und deren Ehemann Leonard, Verleger und Publizist. Beide wohnten und arbeiteten im Monk’s House, das in Fahrradfahrtdistanz zu Charleston lag.
Außerdem kommen die Malerin Dora Carrington und ihr Lebenspartner, der Biograf und Kritiker Lytton Strachey, und die Kunstmäzenin Ottoline Morrell vor.

Dazu hat Kromhout diverse Nebenfiguren erdacht, die exzellent zu der ebenso ungewöhnlichen wie liebenswerten Gemeinschaft passen: die patente, großherzige Köchin Grace, ein aufgeschlossener Pfarrer sowie eine anfangs gegenüber den zugezogenen Künstlern sehr skeptische Dorfgemeinschaft.

Kromhout bedient sich eines Kunstgriffs, um seiner Geschichte die gewünschte Perspektive zu geben. Er erzählt vom Erwachsen- und Bewusstwerden unter dem Eindruck des fortschreitenden Faschismus in Europa. Dazu macht er die realen Brüder Bell fast zehn Jahre jünger. 1925 zieht die bunte Familie in das Charleston Haus, da sind Quentin und Julian sechs und acht Jahre alt. Während Julian sich schon früh für Politik interessiert und sich als Jugendlicher den Kommunisten anschließt, ist der Erzähler Quentin ein aufmerksamer Beobachter. Unterstützt von seiner Tante Virginia Woolf beginnt er seine literarischen Ambitionen mit einer Hauszeitung, für die er kluge und witzige Geschichten und Szenen aus dem Alltag in Charleston notiert.

Es ist ebenso faszinierend wie erstaunlich, wie selbstverständlich die Bewohner absolut unkonventionell zusammenleben. Hier halten wahre Zuneigung, Liebe, gemeinsame Interessen, die Kunst und gegenseitiger Respekt die Menschen zusammen, nicht gesellschaftliche und sexuelle Konventionen. Diese Leute sind wirklich glücklich in ihrer selbst gewählten Wunschgemeinschaft, da können die meisten modernen Patchworkfamilien nur von träumen, wo doch immer einer den Kürzeren zieht oder verletzt wird.

Die Kinder verbringen eine Kindheit in ungeheurer Freiheit, mit Baumhaus, Kostümfesten, durch die Felder streifen und Staudämme bauen. Man traut ihnen Vieles zu, spricht mit ihnen offen und auf Augenhöhe, und sie danken dieses Vertrauen, indem sie zu freigeistigen, klugen, toleranten und offenherzigen Menschen heranwachsen.

Kromhout lässt Quentin von diesen zwölf Jahren, von der Ankunft in Charleston House bis zu Julians Tod im Spanischen Bürgerkrieg, in einer einfachen, klaren und unaufgeregten Sprache erzählen. Birgit Erdmann hat das erfrischend und flott zu lesen übersetzt.

Nebenbei gibt Quentins Tante Virginia Woolf Einblick in das Schreiben und was es bedeutet, Schriftsteller zu sein. Sie ist auch selbst eine kluge Beobachterin des Weltgeschehens und warnt vor gefährlichen Simplifizierungen: So war Benito Mussolini, Führer der italienischen Faschisten, kein „dummer Diktator“, wie Quentin ihn in einer Geschichte darstellen möchte: Mussolini idealisierte Bücher, etablierte einen jährlichen Feiertag des Buchs, schrieb sogar selbst, „ein Kollege“, wie Virginia erklärt. Natürlich wusste er genau, was er die Leute lesen ließ, aber anstatt Bücher zu verbrennen und zu verbieten, instrumentalisierte und unterminierte er geschickt ein Medium, das eigentlich für geistige Freiheit steht.

Brüder für immer ist ein differenzierter und klarer Blick auf Entstehung und Mechanismus von Faschismus und Diktatur, die ja nur die Oberhand und schließlich die Macht gewinnen, weil so viele Menschen bereitwillig mitmachen oder es zumindest zulassen. „Die meisten Menschen finden es großartig, wenn es jemanden gibt, der für sie nachdenkt. Dann brauchen sie sich um nichts zu kümmern. Sie brauchen nicht darüber nachzudenken, ob etwas sein muss. Nie müssen sie zweifeln oder unsicher sein“, erklärt Clive Bell seinen Söhnen, „das ist pure Bequemlichkeit. Werdet nicht bequem. Denkt immer darüber nach, was ihr selbst wollt und meint. Notfalls müsst ihr dafür kämpfen.“

In diesem Sinne: Bleibt unbequem! Lest unbequeme Bücher, besonders, wenn es so schöne, bewegende und gut erzählte wie „Brüder für immer“ sind.

Elke von Berkholz

Rindert Kromhout: Brüder für immer, Übersetzung: Birgit Erdmann, Mixtvison, 2016, 300 Seiten, ab 12, 14, 90 Euro,  Jahren

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Licht aus, Film ab!

lichternKurzfilme gelten nur als Fingerübung junger, angehender Regisseure, bevor diese den ersten „richtigen“, abendfüllenden Spielfilm drehen können. Kurzgeschichten werden ebenfalls gering geschätzt. Im Gegensatz zum angloamerikanischen Sprachraum genießt die knappe Erzählform hierzulande wenig Anerkennung als eigenständige, literarische Form; noch weniger, wenn sie „nur“ von Kinder- und Jugendbuchautoren geschrieben wurde, also Schriftstellern, die ohnehin belächelt werden.

Der Kurzgeschichtenband Hinter den Lichtern lässt das vernachlässigte Genre in neuem Glanz erstrahlen. 18 Autoren, darunter bekannte wie Frank Goosen, Antje Wagner und Nils Mohl haben Originalstories extra für die von Christian Walther herausgegebene Anthologie geschrieben.

18 Geschichten, 18 Parallelwelten, 18 mal Kopfkino, nicht nur in Elisabeth Steinkellners gleichnamiger Geschichte um Eifersucht, Betrug und das Erstarren einer Liebe.

Wir begeben uns auf eine spannende und skurrile Vatersuche, gleichzeitig eine Neuinterpretation des Schubladendenkens, wir erleben Selbstfindung in der Ferne und Entfremdung zu Hause. Eine in ungewöhnlichen Zeitsprüngen erzählte Liebesgeschichte entlarvt Geschlechterklischees. Ein getriezter Gymnasiast verstrickt sich in einen makabren Krimi. Eine neue Superheldin lässt nicht nur Herzen entflammen. Reisen durch Traum und Zeit. Nicht zuletzt geht es auch um die Zeit des Übergangs, um Orientierungslosigkeit und Sinnsuche, zum Beispiel der „Ex-Einserschülerin, der Ex-Person mit großer Zukunft“, die sagt: „Der Schulhof war meine Welt“, und die jetzt, verstoßen von dieser Welt, nicht weiß, wo sie hin soll.

Geschichten von Vertrauen und Verrat, von geträumten Heldentaten und albtraumhaften Verhältnissen, von der Lebendigkeit der Jugend gegen die sedierte Abgeklärtheit der Erwachsenen. Geschichten die neugierig machen, die rühren, verstören und nach Mehr schreien.

Diese Sammlung beinhaltet eine Fülle literarischer Rohdiamanten: Und während das Vorwort des prinzipiell lobenswerten Herausgebers und Germanisten Christian Walther etwas verwackelt und bildschief wirkt, sind viele der stories zu funkelnden Edelsteinen geschliffen, mit brillant entworfenen Charakteren und Figurenkonstellationen, raffiniert geschnittenen Szenen und besonderem Ton.

Hinter den Lichtern, das sind einerseits die im Dazwischen, in der Übergangszone, im Zwielicht – übrigens, soviel Zeit muss jetzt sein für einen kleinen Seitenhieb, das beste an der ganzen erzkonservativen, ansonsten überhaupt nicht ambivalenten Twilight-Saga ist der Titel. Die Geschichten blicken hinter das Vordergründige, Ausgeleuchtete, Eindeutige. Andererseits beschreibt das „dahinter“ auch die Perspektive derjenigen hinter dem Filmprojektor, auf deren innerer Leinwand die Erzählungen lebendig werden.

Hinter den Lichtern ist ein Buch für „eigentlich-Nicht-Leser“, für Bildermenschen.

Licht aus, story ab! Ganz großes Kino!

Elke von Berkholz

Hinter den Lichtern – 18 unglaubliche stories, Christian Walther (Hrsg.), Beltz & Gelberg 2016, 264 Seiten, ab 14, 13,95 Euro

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Bücher, die die Welt reparieren

„Es gibt eine größere Offenheit, die Literatur ist vorwitziger und frecher, weil man die Kinder ernst nimmt, sie auch zum Nachdenken bringen will, denn das gehört zum Aufwachsen.“ So beschreibt der Autor Bart Moeyart das Besondere der niederländischen und flämischen Kinder- und Jugendliteratur. Der Flame ist künstlerischer Leiter der Ehrengast-Präsentation bei der Frankfurter Buchmesse. Und das, obwohl er „nur“ Kinder- und Jugendbuchautor ist. Dass Literatur für junge Leser bei unseren Nachbarn einen besonderen Stellenwert genießt und im flämischen Sprachraum brillante Bücher für Kinder und Jugendliche geschrieben werden, zeigt auch diese Auswahl.

 

51efazxaazlJede dritte Ehe scheitert, das ist bedauerlich, aber alltäglich und banal, Menschen verlieben und entlieben sich. Schlimm wird es nur, wenn Kinder involviert sind: Denen fehlen ein paar Jahrzehnte ernüchternde Erfahrungen, es kann ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen und fortan müssen sie sich nicht nur mit „Hin- und Her-Taschen“ abschleppen zwischen getrennten Wohnungen und Leben. Da helfen auch oberschlaue Ratgeber wie „Glücklich verheiratet, glücklich getrennt“ nichts, die nur das schlechte Gewissen der Eltern beruhigen.

Die zwölfjährige Felicia, die fortan Fitz genannt werden will, ist vor allem wahnsinnig wütend. Auch noch, als ihr Vater und ihre jüngere Schwester Bente einen Unfall haben und die ganze Familie in der Notaufnahme zusammentrifft. Fitz ist aber auch eine scharfsinnige Beobachterin, ein ungeheuer waches, kluges und einfühlsames Mädchen, das man sofort ins Herz schließt. Kein Wunder, dass in den Weiten des großen Krankenhauses der höchst attraktive, lakonische Adam und die schräg-witzige Primula sofort auf sie anspringen und die drei im Laufe des Tages gleich mehrere Herzen entflammen, nicht nur die eigenen.

Anna Woltz hat bereits mit ihrer sehr modernen Familiengeschichte „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“ zwei liebenswerte Charaktere geschaffen, die draufgängerische Tess und den sensiblen Samuel. Ihre Heldin Fitz ist einfach grandios: Sie rettet vielleicht nicht die ganze Welt, auch die Ehe ihrer Eltern nicht, die kann man halt nicht wieder zusammennähen wie Bentes verletzen Finger. Aber mit ihrem Charme, ihrer Direktheit und ihren klugen Erkenntnissen kann sie die Welt auf jeden Fall lebenswerter machen. Weil dieses Mädchen abgeklärte Leser wieder an so etwas wie Liebe glauben lässt. Das liegt auch an den erwachsenen, ebenso lebendig wie vielschichtig beschriebenen Nebenfiguren. Spätestens wenn Fitz, nach ihrer Tour de Force über mehrere Stockwerke und Stationen der Klinik, nicht länger „lieber in einen Vulkan springen will, als jemals zu heiraten“. Man will dieses absolut hinreißende Mädchen am Ende der Geschichte und des Tages nie mehr loslassen. Aber mit etwas Glück hat Adam ja recht: „Vielleicht ist morgen dann wieder heute“ – in neuer Tag voller verrückter Emotionen, Begegnungen und Erfahrungen.

Nur schade, dass der Carlsen Verlag diese unter die Haut gehende Geschichte hinter einem nichtssagenden Einband versteckt. So don’t judge a book by looking at it’s cover.

Anna Woltz: Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte; Übersetzung: Andrea Kluitmann, Carlsen 2016, 176 Seiten, ab 10 Jahren, 10,99 Euro

 

51n5-hss4cl-_sx355_bo1204203200_ Kalle ist ein Macher, der lieber einen Gedanken zu wenig denkt, als sich von seinem Vorhaben abbringen zu lassen. Bei Helicoptereltern hätte solch ein tatendurstiger kleiner Kerl keine Chance (übrigens spielt ein Hubschrauber später auch noch eine Rolle, aber mehr wird hier nicht verraten!). Selbst für weniger behütende und gerade auch sehr müde Erziehungsberechtige ist es ganz gut, wenn sie nicht so genau wissen, was Kalle vorhat, wenn er sagt, er geht weg: Der Achtjährige springt mit Nachbarhund Max und Meerschweinchen Hektor in sein kleines Motorboot und nimmt Kurs Richtung großen Fluss – eine ebenso spannende und witzige wie haarsträubend gewagte Bootstour. Anke Kranendonks Geschichte ist pädagogisch völlig wertlos – im besten Sinn. So wie vor wartenden Kindern bei Rot über die Ampel zu gehen. Weil es Kinder zu selbstständigem Denken und Eigenverantwortung motiviert.

Charmant zitiert die niederländische Kinder- und Jugendbuchautorin Tomi Ungerers „Kein Kuss für Mutter“ und beerbt anarchistisch-autarke Helden wie Pippi Langstrumpf oder Michel. Sympathisch persifliert sie in den etwas einseitigen Dialogen Kalles mit Vierbeiner Max wie Eltern mit ihrem Nachwuchs reden: ein wenig herablassend ob des vermeintlich geringeren Verstands, auch mal ganz schön genervt, doch letztlich immer voller Zuneigung, gelegentlich zerknirscht.

Noch schöner wird die von Sylke Hachmeister erfrischend übersetzte Geschichte durch Annemarie van Haeringens in kräftigen Farben colorierte und an Quentin Blake (bekannt aus Roald Dahls Büchern) erinnernde Illustrationen. Kalles Selbstbewusstsein und Abenteuerlust sind umwerfend, niemand sollte solch tollkühne Kinder stoppen dürfen!

Anke Kranendonk: Käpt’n Kalle; Illustrationen: Annemarie van Haeringen, Übersetzung: Sylke Hachmeister, Carlsen 2016, 152 Seiten, ab 8 Jahren, 9,99 Euro

 

51gzheiofl-_sx258_bo1204203200_„One ist the loneliest number“ wissen wir aus der Popmusik. Jetzt erweitert die niederländische Illustratorin Henriette Boerendans unser Zahlenwissen mit „Die Null ist eine seltsame Zahl“. Mit kunstvollen Holzschnitten verknüpft sie die Ziffern eins bis zehn sowie fünfzig und hundert mit spannenden Informationen für kleine Kinder: Ein kleiner Elefant braucht zwei Jahre, bis er geboren wird. Tiger haben an den Vorderpfoten fünf Zehen und an den Hinterpfoten vier. Wie viele hat das Kind? Eine Schildkröte legt zehn Eier. Sie selbst kann bis zu 188 Jahre alt werden. Aber Muscheln werden noch viel älter. Und kleine Kaninchen sehen ihre Mutter nur fünf Minuten täglich.

In der Farbgebung erinnern die Drucke an Andy Warhols Siebdruckserien. Von der Anmutung haben sie etwas klassisch Asiatisches. Boerendans entwickelt eine ganz eigene Bildsprache und macht so abstrakte Größen lebendig und begreifbar. Für Vorleser ist dieses Buch auf jeden Fall ein optischer Genuss. Und warum ist die Null seltsam? Weil sie das Nichts beschreibt, eine Lücke – so wie die Dodos, die es nicht mehr gibt, die ausgestorben sind, weil ihre Eier aufgefressen wurden.

Henriette Boerendans: Die Null ist eine seltsame Zahl, Übersetzung: Martin Rometsch, aracari Verlag 2016, 32 Seiten, ab 3 Jahren, 14,90 Euro

Elke von Berkholz

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Abenteuer in Boschs Bestiarium

51hv2orrirl-_sx375_bo1204203200_Ich war zehn, als ich ihm das erste Mal begegnete. Es war in Madrid im Prado, und ich war sofort fasziniert von seiner Welt. Mit dem kindlichen Hang zum Makabren, der in Spanien reichlich mit den skurrilen Umzügen in der Karwoche und den Hunderten Darstellungen von Jesus am Kreuz allerorten bedient wird, entflammte ich sofort für die fantastischen und unheimlichen Bilder von Hieronymus Bosch. So sehr, dass ich mir den ersten Kunstbildband meines Lebens gekauft habe, im taschengeldkompatiblen Postkartenformat.

Jetzt kann jedes Kind in Boschs Welt verloren gehen – in den großformatigen, farbenprächtigen und schlicht überwältigenden Bildern des aus Indonesien stammenden Illustrators Thé Tjong-Khing in seinem Bilderbuch (komplett ohne Worte) Hieronymus.
Wie Alice ins Kaninchenloch so stürzt ein Junge beim Spiel mit seinem Hund von einer Klippe und landet in einem von merkwürdigen Fabelwesen bevölkerten Land. Beim Sturz verliert er seine Kappe, seinen Rucksack und den roten Ball samt Ballnetz. Sofort beginnen die drachenartigen, stacheligen, riesenohrigen oder vielbeinigen Schnabelmonster sich um die Sachen zu kloppen. Der Junge jagt ihnen hinterher und erobert nach und nach mit viel Mut und Raffinesse seine Dinge zurück. Dabei begegnet er mehreren menschlichen Wesen in mittelalterlicher Kleidung, die entsetzt vor einem leeren Bettchen stehen, über einem Kinderbild weinen oder mit zwei Kleinen in einer Trage auf dem Rücken vor Flugechsen fliehen. Sogar ein Engel kniet verzweifelt vor einer ärmlichen Bruchbude und vergießt bittere Tränen über drei ausgerupften Federn.

Was ist hier los? Was macht den Erwachsenen Angst? Wer terrorisiert sie? Und wo sind ihre Kinder? Unerschrocken nimmt der Junge den Kampf auf und hilft den Großen. Immer wieder taucht ein Wesen im gepunkteten Kleid auf. Hat es etwas mit den verschwundenen Kindern zu tun? Man blättert vor und zurück, entdeckt die Kappe, den Ball, den Rucksack im Wasser, in der Luft, im Maul eines Monsters. Man sieht Bestien wieder und entdeckt neue.

Dabei zitiert Thé Tjong-Khing den vor 500 Jahren gestorbenen Maler Hieronymus Bosch elegant und baut dessen Bestiarium klug in seine eigene Geschichte ein. So taucht mehrfach eines von Boschs berühmtesten Monstern auf: der buckelige Typ im roten Cape, mit langem, gekreuztem Schnabel, gepunkteten Schlappohren, auf Schlittschuhen und dem charakteristischem Trichter auf dem Kopf, aus dem auch noch so etwas wie ein verkrüppelter Weihnachtszweig mit einer Kugel ragt. Eine äußerst zwielichtige Figur, nicht nur, weil der umgedreht auf den Kopf gestülpte Trichter in der Bildsprache des Mittelalters für ein böses, weil sich gegen Gott abschirmendes Wesen steht. Modern gesagt, jemand der sich gegen intelligenten Input und Wissen verschließt. Es scheint eine der Schlüsselfiguren bei den schauerlichen Verbrechen in dieser Welt zu sein. Am Rand trinken und grasen Einhörner, ebenfalls von Bosch vertraut, eine Eule trägt das Ballnetz durch die Luft. Wir sehen Boschs bäuerliche Landschaften und seine fantastischen Behausungen, wie riesige Muscheln auf Stelzen, sehr organisch und extrem modern.

Auf jeder Seite gibt es Neues zu entdecken, Zusammenhänge werden klar, und es entspinnen sich mehrere Handlungen. Auch in Hieronymus Boschs Bildern gibt es zahlreiche, kleine Szenen, mal eine Rangelei, mal etwas Irritierendes am Rand. Es waren die ersten Wimmelbilder, wie 500 Jahre später die von Ali Mitgutsch, der so seine besonderen Sachbücher für Kinder gestaltete.

Warum allerdings der Moritz Verlag darauf besteht, dass der Junge gestelzt altmodisch Hieronymus heißen soll, bleibt sein Geheimnis. Im niederländischen Original heißt Thé Tjong-Khings Buch Bosch – het vreemde verhaal van Jeroen, zijn pet, zijn rugsak en de bal, also Bosch – die unheimliche Geschichte von Jeroen, seinem Hund, seinem Rucksack und dem Ball. Wobei Jeroen tatsächlich die moderne Namensadaption von Jheronimus ist, wie Hieronymus in den Niederlanden genannt und geschrieben wurde.

Thé Tjong-Khings brillantes Bilderbuch ist zwar auch eine Hommage an den fantastischen Maler. Vor allem ist es aber eine ganz eigene, schaurig-schöne Geschichte, erzählt in faszinierenden Bildern, die noch lang nachhallen und dazu einladen, immer wieder in diese Welt einzutauchen.

Elke von Berkholz

Thé Tjong-Khing: Hieronymus, Moritz Verlag, 2016, 48 Seiten, ab 6, 14,95 Euro

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Der kalte Hauch des sozialen Untergangs

410wW6LIryL„Doch sein Herz war im Schmerz gestorben, weil er es nicht geschafft hatte, Essen nach Hause zu bringen – und weil er dachte, seine Familie würde glauben, er hätte sie im Stich gelassen. Das stimmte nicht! Er hatte alles versucht, mit aller Kraft und all seinem Mut! Aber das wusste niemand. Und so blieb das Herz des Mannes aus Eis auch nach seinem Begräbnis im Gletscher gefangen.“

Mythisch-poetisch beschreibt die 15-jährige Erzählerin in Carla Maia de Almeidas Bruder Wolf, wie ihr Vater sich durch Arbeitslosigkeit und die Wirtschaftskrise in Portugal vom heiß geliebten und bewunderten Familienoberhaupt „Schwarzer Elch“ in einen unnahbaren, innerlich toten Mann verwandelt. Mit mittlerweile 15 Jahren beginnt Bolota zu verstehen, was vor einigen Jahren mit ihrer Familie passiert ist und warum sich ihr Leben damals verändert hat. Und sie erinnert sich an eine letzte gemeinsame Fahrt mit ihrem Vater im Sommer, als sie acht Jahre alt war und ihr Vater für immer verschwunden ist.

Die portugiesische Schriftstellerin Carla Maia de Almeida gibt Bolota eine außergewöhnlich bildhafte Sprache. Das klingt nach indianischen Sagen und Überlieferungen: „Es war der Sommer der Großen Überquerung der Todeswüste. Oder einfach der Sommer der Großen Durchquerung.“ Mit diesen Assoziationen und Umschreibungen kann Bolota die Erinnerung an ein Trauma, an den großen Schmerz, der ihr als Achtjährige widerfahren ist, heraufbeschwören und erträglich machen.

Andere Metaphern und Umschreibungen stammen aus der Geographie: Da ist von tektonischen Platten die Rede, die sich unterirdisch, anfangs von der Familie noch unbemerkt, verschieben und zu immer größeren Beben und Erschütterungen führen, die schließlich alle, Vater, Mutter, drei Kinder, also Bolota sowie ihre ältere Schwester Miss Kitty und den erstgeborenen Bruder, das Fossil genannt, auseinanderreißen und zu einem Archipel vereinzelter Inseln werden lassen.

Ganz neu und ungeheuer eindringlich wird hier erzählt und von Claudia Stein sehr nachfühlbar übersetzt, wie der soziale Abstieg Menschen zerstört, Familien den Boden unter den Füßen wegzieht und auseinandertreibt, und die Gesellschaft verändert. Immer wieder muss Bolotas Familie in immer kleinere Wohnungen, immer weiter weg vom Meer ziehen, jedes Mal ganz schnell, damit die Nachbarn nichts mitbekommen. Ihr geliebter Husky ist eines Tages verschwunden, angeblich zu anderen Leuten mit Garten gebracht. Die Achtjährige schnappt auf, wie man über sie sagt, sie sei „zur falschen Zeit geboren“. Ihre älteren Geschwister erzählen von glücklichen Zeiten und gemeinsamen Restaurantbesuchen mit unbeschwerten und glücklichen Eltern.

Sie selbst hat kaum solche Erinnerung. Nur ein Foto zeigt, dass es schönere Zeiten gibt: Die ganze Familie an einem Tag am Strand, und alle haben mit Sonnencreme Streifen auf die Wangen gemalt, wie eine familieneigene Stammesbemalung. Diese fast traumhaften, auch albtraumhaften Erinnerungen sind auf blaues Papier gedruckt. Auf weißen Seiten steht die Erzählung von der „Großen Durchquerung“, jener weniger Tage mit Zwischenstopps bei Verwandten, als ihr Vater sich mit ihr zum familieneigenen Haus auf dem Land aufmacht, sie aber nur noch eine Ruine vorfinden und ihr Vater endgültig alle Hoffnung verliert und nie mehr zurückkommt.

Zu etwas Einzigartigem und Unvergleichlichem wird dieses Buch durch Jorge António Gonçavalves Illustrationen in Blau, Schwarz und Weiß. Sie wirken wie Bildausschnitte und Detailaufnahmen. Auch sie haben etwas Traumhaftes, so wie man sich manchmal beim Aufwachen wundert, warum man sich gerade an jene Szene so genau erinnert oder einem im Traum ausgerechnet dieser Moment so plastisch vor Augen gekommen ist. Und gleichzeitig seine Bedeutung versteht.

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass Illustrationen in Jugendbüchern nichts verloren hätten, oder das Ganze gleich eine Graphic Novel sein soll. Dieses stimmige, ergreifende Gesamtkunstwerk aus bildhafter Sprache und vielsagenden Bildern beweist das Gegenteil. Als hätten der düstere Punkpoet Nick Cave und die explizit und gnadenlos ehrliche Künstlerin Tracey Emin gemeinsam ein Kinderbuch geschrieben.

Elke von Berkholz

Carla Maia de Almeida: Bruder Wolf, Übersetzung: Claudia Stein, Illustration: Jorge António Gonçalves, Sauerländer, 2016, 176 Seiten, ab 12, 14,99 Euro

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Kaputtes Kind

nichollsDieses Buch – Wünsche sind für Versager von Sally Nicholls – ist kaum auszuhalten. Es ist verstörend, es macht traurig, wütend, hilflos. Es lässt einen zweifeln und verzweifeln. Es nährt leise Hoffnung, um sie gleich auf den nächsten Seiten dröhnend zu zertrümmern.

Es geht um die systematische Zerstörung einer Kinderseele. Die 11-jährige Olivia erzählt von ihrer Odyssee durch Pflegestellen, Fürsorgeeinrichtungen, Kinderheime und Ersatzfamilien. Mittlerweile ist sie bei „Zuhause Nummer 16“ angelangt, bei Jim und den Kindern Daniel und Harriet sowie der fast erwachsenen Grace mit ihrem Baby Maisy. Sie leben auf dem Land in der Nähe von Bristol.

Olivia wünscht sich nichts mehr, als anzukommen, eine Familie zu haben und geliebt zu werden. Das ganze Buch ist ein Schrei nach Liebe (obwohl man das nach dem Song von den Ärzten über Neonazis kaum noch neutral schreiben kann, ist das Bild trotzdem sehr treffend). Doch nach den vielen Traumata und Verletzungen von frühester Kindheit an fasst Olivia nicht nur schwer Vertrauen, sie ist auch der festen Überzeugung, dass man ihr selbst nicht trauen darf: Weil sie böse ist, ein Monster, eine Hexe, ein abgrundtief schlechter Mensch.

Warum Olivias versoffene, alleinerziehende Mutter sie von Anfang an auf das Perfideste misshandelt hat, wird nicht erörtert und ist nicht das Thema. Es heißt zwar, dass die Misshandelnden selbst als Kinder misshandelt wurden. Eine Elfjährige kann diese Frage aber nicht beantworten und es würde ihr auch nicht weiterhelfen, geschweige denn, den Kreislauf aus Gewalt durchbrechen und beenden.

Perverserweise liebt Olivia ihre Mutter, obwohl sie auch schreckliche Angst vor ihr hat. Seit mittlerweile fünf Jahren hat sie sie gar nicht mehr gesehen. Das ist, wie man aus Erzählungen und Fallberichten von misshandelten und vernachlässigten Kinder weiß, nicht ungewöhnlich, eher normal. Genau darum geht es: Olivia sehnt sich nur nach etwas, das selbstverständlich sein sollte. Ein Kind sollte geliebt werden. Das ist nur natürlich. Sonst wäre die Menschheit längst ausgestorben, zu Recht. Auch Tiere kümmern sich um ihren frischgeborenen Nachwuchs, beschützen und ernähren ihn. Das ist laut unserer Definition keine Liebe, sondern nur Instinkt. Aber eine Grundvoraussetzung für das Überleben. Und wenn Tiermütter in Gefangenschaft ihren Nachwuchs verstoßen, wird er, wie beispielsweise beim Eisbären Knut vor ein paar Jahren, von Millionen Menschen adoptiert und umsorgt.

Olivias Mutter hat als erste dieses Urvertrauen zerstört. Sie hat so getan, als wolle sie Olivia umarmen, stattdessen hat sie ihr Brandwunden mit Zigaretten zugefügt. Aber weil sie ganz selten wirklich nett war, ist Olivia immer wieder darauf reingefallen. „Ich wusste gleich, du bist der Teufel“, hat Olivia schon als Kleinkind gehört. Als Baby hat sie so lange verzweifelt vor Hunger, Durst, Einsamkeit geschrien, bis sie verstanden hat, dass sie beim nächsten Mucks nur Schlimmeres erleiden muss oder gleich tot geschlagen wird. Für Olivia ging es instinktiv fortan nur noch ums bloße Überleben. Oder wie sie später schreibt: „Wünsche sind für Versager.“

Später hat sie ihre jüngeren Geschwister vor der Raserei der Mutter beschützt. Vor allem hat sie dafür gesorgt, dass die Kleinen nicht schreien, hat als Vier-, Fünfjährige ihren Babybruder stundenlang rumgetragen, gefüttert, obwohl oft nichts Essbares im Haus war. Und auch keiner etwas von den schrecklichen Zuständen „zu Hause“ mitbekommen durfte, auch nicht, wenn ihre Mutter auf tagelange Sauftouren ging und die Kinder eingeschlossen hat.

Als dann Jugendamt und Polizei endlich eingriffen, wurde Olivia nach einigen Interimslösungen und Trennung von ihren Geschwistern auch noch das Opfer einer sadistischen Pflegemutter, die sie im Keller einsperrte, und dem vernichtenden Gefühl aussetzte, dort vergessen zu werden und zu sterben. Manchmal stellte sie Olivia aus „disziplinarischen Gründen“ unter die eiskalte Dusche. Olivias Rettung hierbei war ihre Fähigkeit, ihren Körper zu verlassen und so den Schmerz nicht fühlen zu müssen. Dissoziation nennt man das in Psychologie und so nennt es auch ihre spätere Therapeutin.

Es gibt aber auch Menschen, die nett zu ihr sind, die sich um sie kümmern und ihr helfen wollen. Sie sind sogar in Mehrzahl, dieses Buch ist kein Buch gegen staatliche Fürsorge und Pflegeeltern. Aber Olivia hat solche Angst, erneut verletzt und enttäuscht zu werden, dass sie niemandem mehr traut und alle von sich stößt, mit wildem Geschrei, gemeinsten Beleidigungen, Kratzen, Beißen, Treten, Zerstörungsorgien und sogar Messern. Nur einer einzigen Betreuerin gelingt es, an sie ranzukommen. Aber diese ist nur für den Übergang da, das ist ihr Job. Und als sie Olivia einer neuen Familie anvertrauen will, schlägt Olivias zarte Zuneigung, Vertrauen und erster Respekt für einen Erwachsenen, vielleicht sogar Liebe, in Hass um.

Die englische Autorin Sally Nicholls beschreibt Olivias Gefühle so eindringlich, so furios und schmerzhaft, dass es kaum zu ertragen ist. Schon bei ihrem Debüt Wie man unsterblich wird von 2008 ist sie in die Seele eines Elfjährigen eingetaucht, eines krebskranken Jungen, der einerseits noch ganz Kind ist, mit seinem Sterben und dem baldigen Tod aber wesentlich reifer und reflektierter umgeht als manche Erwachsenen. Doch dieser Junge wurde geliebt. Und obwohl er zum Schluss stirbt, war dieses Buch auch lustig, lebendig, hoffnungsvoll und versöhnlich mit der totalen Ungerechtigkeit, dass Kinder sterben müssen. Es war sogar besser, als John Greens vier Jahre später erschienener Bestseller zum selben Thema Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Wünsche sind für Versager erzählt von einem seelisch fast toten Kind und endet mit einem vernichtend winzigen Hoffnungsschimmer auf Errettung. Ein einzigartiges Horrorbuch, eine nachhallende Zombiegeschichte. Trotzdem oder gerade deshalb muss man sie unbedingt lesen!

Elke von Berkholz

Sally Nicholls: Wünsche sind für Versager, Übersetzung: Beate Schäfer, Hanser Verlag 2016, 224 Seiten, ab 13, 15,90 Euro

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