Geld und Liebe

Dies ist kein Schulmädchenreport. Und auch keine Liebesgeschichte (okay, ein bisschen schon …)«, stellt Issa gleich in den ersten zwei Zeilen klar. Es ist die Geschichte von zwei Freundinnen, Issa und Grace, beide fast 16 Jahre alt. Beide Töchter von alleinerziehenden Müttern. Geld ist immer ein Thema. Vor allem der Mangel an Geld.
Was besonders auffällt, weil beide ein Gymnasium voller Rich Kids in der Umgebung von Frankfurt besuchen. »Grace war die radikalere. Ich die sanftere.« Oder anders gesagt: Grace hält Geld für ein lösbares Problem, vor allem ist es die Lösung aller Probleme, egal, woher es kommt.

Alphabet des Geldes

Grace hat große Pläne und einen scharfen Blick auf die Ökonomie im Ganzen. Das liest man auch im von ihr verfassten Handbuch, dem fortlaufend eingestreuten, pointierten Alphabet des Geldes: Eine brillante Kampfschrift, im Sinne von Brechts Weisheit, was der Überfall auf eine Bank im Vergleich zur Gründung einer Bank sei. Aus feministischer Sicht.
Issa ist eher die pragmatische. Sie geht gern zu Schule und möchte Lehrerin werden, ein relativ krisensicherer und zumindest anständig bezahlter Job. Anders als ihre Eltern, die an der Verwirklichung ihrer hochfliegenden Träume als Musiker gescheitert sind.

Pubertät reicht doch schon

Auf die Erwachsenen ist also kein Verlass im Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens. Mädchen allein zu zweit hat Daniela Dröscher ihr furioses Jugendbuchdebüt genannt. In dem es zwar auch um Verliebtsein geht (siehe oben). Vor allem aber um junge Menschen, die sich gegen große Widrigkeiten und grundsätzliche, soziale Missstände behaupten müssen. Die erwachsener sein müssen als ihre Mütter. Als ob die chaotische Zeit der Pubertät nicht allein schon reichen würde.

Das Gewicht der Welt

Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Und es beginnt mit zwei massiven Problemen für die Freundinnen. Zum einen hat Issas Mutter, die bisher immer versucht hat, sich keine Blöße zu geben und gerade so finanziell über die Runden zu kommen, nicht für die Klassenreise bezahlt. Und bei Grace sind die Brüste in kurzer Zeit enorm gewachsen. So sehr, dass sie unter großen Schmerzen leidet. Und keinen Sport mehr machen kann, an ihr heißgeliebtes Lauftraining ist nicht zu denken. »Als würde das Gewicht der Welt an mir ziehen«, sagt Grace.

Rebellierende Körper und Geldmangel

Daniela Dröscher erzählt hier von zwei existenziellen Problemen. Das gelingt ihr wunderbar, mitreißend und überzeugend. In ihren bisherigen Romanen, vor allem der Bestseller Lügen über meine Mutter, dessen Verfilmung demnächst ins Kino kommt, und auch in Junge Frau mit Katze beschäftigt sich Dröscher auf originelle und kluge Art mit Körpern, rebellierenden, von der Norm abweichenden oder kranken. Auch Geldmangel und prekäre Verhältnisse spielen immer wieder eine nicht unwesentliche Rolle.

Anmaßend und ungerecht

In Mädchen allein zu zweit verdichtet sie diese Themen raffiniert. Getragen wird die Geschichte von den vielschichtigen und in all ihrer Widersprüchlichkeit und Ambivalenz ungeheuer lebendigen und sympathischen, jungen Frauen. Grace möchte ihre Brüste verkleinern lassen. Die gesetzliche Krankenkasse zahlt eine Operation aber erst ab 16 Jahren. Und auch nur, wenn die Brüste ein bestimmtes Gewicht haben.
Hier zeigt sich eine weitere empörend groteske Ungerechtigkeit: Wer ermisst, was schwer genug ist, um einen Eingriff zu rechtfertigen? Wer maßt sich an, Schmerz und Leiden an einem bestimmten Gewicht festzumachen? Da wird nicht nur, wie in diesem Fall, über die Gesundheit junger Menschen bestimmt. Das ist eine Frechheit und auch gefährliche Rücksichtslosigkeit allen Frauen gegenüber. Und ein Grund mehr für gendersensible und gendergerechte Medizin.

Linie überschritten

Grace muss also die Operation selbst bezahlen, sie braucht dafür 5000 Euro. Issa fühlt, wie sehr ihre zuvor so selbstbewusste, rotzfreche und energische Freundin leidet und möchte ihr helfen. Doch dann überschreitet Grace in ihrer Verzweiflung eine Linie und verlangt zuviel. Issa soll das Geld von einem Jungen aus sehr reichem Haus, der Issa gern zu haben scheint, »leihen«. Wie sie das Geld jemals zurück zahlen sollen, dafür hat Grace keinen Plan. Warum sollte sie? Ihrer Meinung haben die Reichen doch genug. Es tut ihnen nicht weh, um im Bild zu bleiben. Tatsächlich hätten Mädchen wie Grace in dem Fall keine Probleme, wenn sie privat krankenversichert wären.

Mädchen allein

So wird aus Mädchen allein zu zweit ein Mädchen allein. Issa hat genug eigene Sorgen: Sie braucht das Geld für die Klassenreise. Sie fragt sich, ob ihre Mutter womöglich spielsüchtig ist. Oder todkrank. Warum macht ihre Mutter plötzlich Schulden? »Ich hatte es so satt, kein Geld zu haben. Und auch die Angst davor, kein Geld zu haben, hatte ich satt«, fasst Issa es sehr prägnant zusammen. Und warum spricht ihre kleine Schwester seit geraumer Zeit nicht mehr?
Als wäre das nicht schon kompliziert genug, kommen neue, bislang unbekannte Gefühle ins Spiel. Woran merkt man, dass man verliebt ist? Hat so eine Liebe zwischen Arm und Reich überhaupt eine Chance? Ist das nicht eher wie in schlechten oder zumindest sehr kitschigen und unrealistischen Filmen?

Für alle, die zu früh erwachsen werden müssen

Wie die beiden Mädchen sich doch wieder zusammenraufen und gemeinsam ihre Probleme überwinden, erzählt Daniela Dröscher aufs Schönste. Gewidmet hat sie ihren Roman allen Kindern alleinerziehender Mütter. »Für alle, die zu früh erwachsen werden müssen.« Wie Dröscher in einem Interview erzählt, beobachtet sie an alleinerziehenden Müttern einen Zustand permanenter Überforderung. Das ist einerseits nur allzu verständlich. Andererseits unfair gegenüber deren Kindern.
Denn so stark und kämpferisch diese Mädchen sind, es sind immer noch Kinder. Junge Menschen, zwar mit klarem Verstand. Aber rebellischen Körpern. Großen Gefühlen. Und eigenen Sorgen. Sie sollten sich ausprobieren und auch Fehler machen dürfen. Anstatt die Fehler anderer zu beheben, sich verantwortlich fühlen und zurückstecken zu müssen.
Und wenn, dann wenigstens allein zu zweit.

Daniela Dröscher: Mädchen allein zu zweit, Beltz & Gelberg, 2026, 192 Seiten, 18 Euro, ab 14 Jahre

Die moderne Weihnachtsfamilie

zwiebelchen

Was Adventsbücher angeht, hänge ich ja immer noch in einer unendlichen Schleife von Barbara Bartos-Höppners Schnüpperle fest. Das Buch mit den 24 Vorweihnachtsgeschichten von 1969 hat mich durch meine Kindheit begleitet und wurde in unserer Familie jedes Jahr wieder neu hervorgezogen und in Etappen bis Weihnachten gelesen. Dagegen anzukommen war bis jetzt für jedes neue Buch ziemlich schwer – nichts hat dieses wohlige Adventsgefühl in mir heraufbeschwören können wie Schnüpperle.

Doch jetzt – wenn auch mit einem Jahr Verspätung, denn Frohe Weihnachten, Zwiebelchen! ist bereits 2015 erschienen – bekommt Schnüpperle ernsthafte Konkurrenz. Die schwedische Autorin Frida Nilsson erzählt in 25 Kapiteln vom 6-jährigen Zwiebelchen, der eigentlich Stig heißt. Zusammen mit seiner Mama wohnt der klevere Junge im schwedischen Dorf Kilsmo und hat im Grunde nur zwei große Wünsche: ein Fahrrad und einen Papa.
Doch für ein Fahrrad hat seine Mama kein Geld, und das mit dem Papa ist eine schwierige Sache, denn den hat Mama vor Jahren in Stockholm bei einem Konzert kennengelernt und später den Zettel mit seiner Telefonnummer ganz rasch weggeworfen. Den Mann wollte Mama nicht, aber Zwiebelchen schon. Diese Geschichte kennt Zwiebelchen natürlich in- und auswendig. Trotzdem quält ihn dieser Gedanke, dass er einen Papa in Stockholm hat.
Darüberhinaus aber nervt ihn das Mitleid seiner Mitschüler, weil er eben doch keinen Papa hat. Richtig wütend wird er, wenn sein Mitschüler Elmar behauptet, er hätte es verdient keinen Papa zu haben. Dann wird Zwiebelchen schon mal aggressiv, schubst und haut.

Aber zum Glück gibt es im Dorf auch noch Karl, den alle für einen „komischen Vogel“ halten, weil eines seiner Beine kürzer ist und er angeblich Hühner hypnotisieren kann. Karl repariert Autos und wirkt ein bisschen wie der Außenseiter des Dorfes. Doch Karl ist ein herzensguter Typ und bringt Zwiebelchen alles über Hühner bei. Eines Tages schafft es Zwiebelchen sogar, den Hahn Hekto auf den Arm zu nehmen. Ein wunderbarer Moment an einem sonst ziemlich doofen Tag.

Mit so einigen Hochs und Tiefs schlägt sich Zwiebelchen also durch die Adventszeit und lernt in diesem schneelosen Dezember so einiges über Hühner und das Leben. Den kleinen Helden schließt man vom ersten Augenblick ins Herz, denn seine Beobachtungen des Alltags und seine Überlegungen über das Leben sind so bodenständig und liebenswert, dass man gar nicht anders kann.

Doch Zwiebelchen erfährt natürlich auch, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. So kann man sich einen Vater nicht einfach erdichten, wie ihm die Reaktionen seiner Mitschüler zeigen. Es bringt auch nichts, einfach auf einem geklauten Fahrrad nach Stockholm fahren zu wollen. Zwiebelchen bleibt im endlich fallenden Schnee stecken, und mit dem Schnee reift in ihm schließlich auch der Gedanke, dass es auch die andere Seite der Papa-Frage gibt, nämlich die, dass dieser Mann ihn vielleicht ja gar nicht haben wollte…

In all diesem Gefühlschaos gibt es für Zwiebelchen zu Weihnachten schließlich doch ein Happy-End und die Erkenntnis, dass Familie auch aus selbstgewählten Mitgliedern bestehen kann und ein biologischer Erzeuger nicht unbedingt dazugehören muss.

In einfachen Sätzen, feinfühlig von Friederike Buchinger übersetzt, erzählt Frida Nilsson eine moderne Weihnachtsgeschichte, die das Zeug zum Klassiker hat. Sie macht deutlich, dass das Leben nicht immer aus perfekten Familienidyllen besteht, aber dennoch wunderschön sein kann. Eine sehr zu empfehlende Familien-Lektüre für die kommenden Wochen!

Frohe Weihnachten, Zwiebenlchen! war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 in der Sparte Kinderbuch nominiert.

Frida Nilsson: Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!, Übersetzung: Friederike Buchinger, Illustrationen: Anke Kuhl, Gerstenberg, 2015, 128 Seiten, ab 6, 12,95 Euro

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