Gemeinsam eine Stimme finden

Girlhood

Ich bin nicht loud and proud, wie meine Freunde aus der Queer-AG. Ich bin still und extrem überfordert«, denkt Pree. Während ihre Schulfreunde sich auf den lang vorbereiteten und von Pree mitorganisierten Queer-Proud-March machen, ist sie auf der Hochzeit ihrer Cousine, einer richtig großen traditionellen indischen Feier. Und bis auf ihre sehr verständige Mutter weiß niemand, dass Pree auf Frauen steht.
Mit einem knallbunten, mitreißenden und sehr lustigen Zusammenprall der Kulturen beginnt die vielfältige Anthologie Girlhood. Sechs deutschsprachige Autorinnen mit unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation erzählen in sechs Kurzgeschichten von Mobbing in der Schule und den sozialen Medien, von Diskriminierung und Rassismus, Ausgrenzung, Bodyshaming und Queerness.

Null Punkte für ihren Körper

Alle Mädchen und junge Frauen in diesen Geschichten haben gemein, dass sie am liebsten unter dem Radar, unscheinbar und unauffällig bleiben wollen. Was unmöglich ist, wenn man die einzige Schülerin mit einer sichtbaren Behinderung ist. Wie Liv, die wegen ihrer Glasknochenkrankheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Oder Dessi, die nicht den schlanken Schönheitsidealen entspricht und deshalb auch nur eine Zehn im zynischen Kategorisierungssystem ihrer Klassenkameraden ist. Je fünf Punkte für ihr Gesicht und ihren Charakter. Null Punkte für ihren Körper.

Plötzlich ein Meme-Girl

Oder Nour: »Ich dachte, wenn ich nur nett bin, so richtig nett, biete ich niemandem eine Angriffsfläche. Jetzt stecke ist genau in der Situation, weil ich etwas Nettes getan habe?« Nour hat für ihre Freundin, die sich ihren Text für ein Theaterstück nicht merken kann, spontan eine Eselbrücke getanzt. Leider hat das ein profilneurotischer Mitschüler, eigentlich ein guter Freund seit Kindergartenzeiten, gefilmt und online gestellt. Und jetzt ist sie Meme-Girl. Basma Hallaks Story erzählt geschickt, wie man aus der selbstgesuchten Peripherie mitten reingeschleudert, von der stillen Außenseiterin ungewollt zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wird.

Menschen für einen Gag missbraucht

Zuvor hat Nour auch nur über Memes, die ihr über die sozialen Kanäle zugespielt wurden, kurz geschmunzelt, vielleicht mal geteilt. Aber sie hat sich keine Gedanken gemacht, dass dafür Bilder von Menschen missbraucht werden, für ein Lachen auf Kosten anderer. Für einen bald schalen Witz, der aber nicht mehr aus dem Netz verschwindet und im schlimmsten Fall die Betroffenen ein ganzes Leben lang begleitet. Es ist ein schmaler Grad zwischen unbeteiligt und volle Granate betroffen zu sein.

Mut der Verzweiflung

Alle Geschichten in Girlhood wissen um diese Ambivalenz. Ist man jemals unbeteiligt, wenn jemand anderes gemobbt wird? Weil man schweigt, nicht einschreitet? »Ihr seid erbärmlich, weil ihr dabei mitmacht. Nur weil ihr Angst habt, dass es sonst euch trifft«, schleudert die ungewollt schwangere und brutalst gemobbte Biona der eifernden, ihr auflauernden Meute entgegen. In allen der sehr gut und intensiv geschriebenen und dialogstarken Kurzgeschichten ist für die Protagonistinnen irgendwann der Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr weiterkönnen. Wenn sie sich nicht länger verstecken können oder gute Miene zum bösen Spiel machen wollen. Anfangs mit dem Mut der Verzweiflung beginnen sie, sich zu wehren.

Zusammenhalt

So wie Dalia, die mit ihrer Familie aus Syrien geflüchtet ist und trotz größter Anstrengung und Bestnoten weiterhin in der sogenannten Willkommensklasse für Geflüchtete bleiben soll, obwohl sie Abitur machen und Medizin studieren möchte. »Wenn es nichts bringt, haben wir es wenigstens versucht.« Tatsächlich gibt es in allen Geschichten eine Initialzündung. Und die Mädchen und jungen Frauen beweisen großen Mut, für sich einzustehen. Und gewinnen Mitstreiterinnen und auch Mitstreiter. Darum geht es auch in Girlhood. Um Erfahrungen und Erlebnisse junger Frauen. Und um Zusammenhalt.
Noch einmal Biona in Justine Pusts Geschichte Die Stimme, die wir fanden: »Immer wenn eine Frau aufhört, den Mund zu halten, findet vielleicht auch eine andere von uns ihre Stimme wieder.« Girlhood, das sind starke Geschichten, die Mut machen.

Anna Dimitrova/Amani Padda/Basma Hallak/Rabia Doğan/Justine Pust/Katharina Seck: Girlhood, Arctis, 2025, 320 Seiten, 18 Euro, ab 14 Jahre

[Gastrezension] Bewegendes Vermächtnis

keeganEs ist nicht so einfach, das posthum erschienene Buch einer jung gestorbenen Autorin zu besprechen: 2012, fünf Tage nach ihrem Abschluss in Yale stirbt die 22-jährige Marina Keegan bei einem Autounfall. Zwei Jahre später haben ihre Eltern, gemeinsam mit Marinas Dozentin, mit Freunden und Familie unter dem Titel Das Gegenteil von Einsamkeit einen Band mit neun Geschichten und ebenso vielen Essays veröffentlicht. Auf dem Einband lächelt uns eine hübsche, junge Frau mit hellbraunen Haaren, in kurzem, blau geblümten Rock und kanariengelber Jacke entgegen, sympathisch, klug, ein wenig verschmitzt. Man will mit ihr befreundet sein, mit ihr ausgehen, über Bücher, Filme und Reisen quatschen, Ausstellungen und Theateraufführungen besuchen – und auf keinen Fall sie als Schriftstellerin kritisieren müssen. Oder noch schlimmer: Ihr „Potenzial“ bescheinigen.

Aber alle Bedenken sind sofort mit den ersten Zeilen (und nach der ebenso respekt- wie liebevollen, gänzlich unpathetischen Einleitung ihrer Dozentin Anne Fadiman) weggewischt. Weil hier eine junge Autorin schreibt, die wirklich gut ist, eine Stimme, eine Haltung und viel zu sagen hat. Die ersten Geschichten handeln von jungen Menschen wie Marina Keegan: Studenten, Anfang 20, gewitzt, suchend, wankelmütig, besonders in Liebesdingen, mutig und übermütig, mal frustriert, mal merkwürdig distanziert, mit Eltern und den beruflichen Aussichten hadernd, doch voller Neugier auf das Leben, das vor ihnen liegt. Das sind brillant beobachtete, leicht spöttische, manchmal wehmütige Porträts und Impressionen der College-Zeit.

Ebenso einfühlend kann Keegan von einer vereinsamten, alten Balletttänzerin erzählen, die ein wenig Zuneigung und Zärtlichkeit empfindet, wenn sie einem blinden, jungen Mann vorliest und sich dabei heimlich auszieht. Spannend und erschütternd beschreibt sie in E-Mails die zunehmende Verzweiflung eines jungen Architekten, der sich für ein Siedlungsprogramm im Irak hat anwerben lassen und in dem Wunsch, etwas zu bewirken, einen katastrophalen Fehler macht. Berührend ist auch die außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte einer 42-Jährigen, die ein Baby adoptiert, 20 Jahre, nachdem sie ihr neugeborenes Mädchen zur Adoption freigegeben hat. Eine fünfköpfige U-Boot-Besatzung versinkt 11.000 Meter tief im Ozean in totaler Finsternis, harrt dem sicheren Ende entgegen. Und doch umschließt einen diese Endzeit-Metapher, die an Kathrin Passigs preisgekrönte Erzählung eines Erfrierenden erinnert, sanft und beruhigend.

Lustig und skurril preist Keegan ihr Auto als erweitertes Wohnzimmer und Teil ihrer Biografie. In einem anderen Essay beschreibt sie höchst anschaulich, mal wütend, mal witzig, selbstironisch und nie Mitleid heischend ihr Leben mit der Krankheit Zöliakie: Sie ist eine der wenigen Kranken, für die glutenfreie Lebensmittel lebenswichtig und nicht nur ein modischer Trend sind.

Marina Keegan schreibt erfrischend anders, klug, witzig, gefühlvoll und angriffslustig, ohne ein falsches Wort oder ein Wort zu viel. Weder eifert sie literarischen Vorbildern nach noch klingt sie manieriert oder bildungsbeflissen. Sie wollte etwas bewegen, verändern, Menschen mitreißen, nicht vernünftig handeln, weder karrieretechnisch oder einkommensmäßig. Im letzten Essay geht sie der Frage nach, warum ein Viertel aller Yale-Absolventen im Finanz- und Consulting-Sektor landet – obwohl doch so viele von ihnen ursprünglich Theaterprojekte leiten, die Bildung reformieren, den Wohnungsbau demokratisieren oder alternative Restaurants eröffnen wollten. Zu Recht hält sie das für ein Verschwendung von Geist, Kreativität, Leidenschaft und Wissen. Man spürt, wie wütend und fassungslos sie dieses normierte Aufgeben von Idealen macht.

Ihr Werk ist ein Plädoyer dafür, Dinge auszuprobieren, etwas zu wagen, ungewisse Wege zu gehen, offen zu bleiben für Neues – auch mit der Chance, zu scheitern. Genau deshalb wollte sie auch Schriftstellerin werden, obwohl sogar etablierte Autoren davon abrieten und sie wusste, dass sie ihren Kindern nicht die finanziellen Möglichkeiten bieten können würde, die sie selbst genossen hat.

Eigentlich hat sie mich genau deshalb gleich zu Anfang mit einem Satz im titelgebenden Text gepackt. Das Gegenteil von Einsamkeit hat Marina Keegan ihre Abschlussrede für Yale überschrieben. Damit hat sie ebenso prägnant wie geradezu poetisch diese besondere Phase und die Gemeinschaft beschrieben, umgeben von Wissen und Geistesgrößen, wenn jeder Tag eine neue Erfahrung birgt. „Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an“, schleudert sie all den Kommilitonen entgegen, die von Anfang an genau wissen, was sie wollen und zielfixiert, unbeirrbar darauf zu arbeiten. Weil sie dieses „Meer von Wissenschaften“ ungenutzt lassen, weil sie für die „immense, undefinierbare potentielle Energie“ nicht empfänglich sind. „Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, aber wenn es eins gäbe, würde ich sagen, genau so fühle ich mich in Yale. Genau so fühle ich mich jetzt. Hier. Bei euch allen. Verliebt, beeindruckt, demütig, ängstlich. Und das dürfen wir nicht verlieren. Bewegen wir etwas in der Welt.“

Wie schade und tragisch, dass Marina Keegan nicht länger und mehr dazu Gelegenheit hatte. Aber wenigstens gibt es dieses Buch: Damit hat die Schriftstellerin schon mehr bewegt, als andere in einem ganzen langen Leben.

Elke von Berkholz

Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Fischer 2015, 285 Seiten, 18,99 Euro

Ein Kleinod

PoesieSprache kann bekanntermaßen Bilder erzeugen. Dies natürlich nur im Kopf von Lesern und Zuhörern. Jeder  macht sich so seine ganz eigenen Bilder zu Worten und Texten. Illustratoren bringen diese inneren Bilder dann aufs Papier und oftmals kommen bei ihrer Arbeit mit Sprache ganz besondere Bilder dabei heraus und werden zu einem eigenen Kunstwerk. Wie in Regina Kehns Buch Das literarische Kaleidoskop.

Siebzehn Gedichte und kurze Texte von bekannten Autoren wie James Krüss, Joachim Ringelnatz, Theodor Storm, Rose Ausländer oder Friederike Mayröcker hat Kehn ausgesucht und in Bilder(-Geschichten) verwandelt. Mit dickem Pinselstrich schreibt sie die Texte direkt in ihre aquarellierten Illustrationen hinein oder stempelt sie auf Packpapier. Mit zarten Bleistiftstrichen zaubert sie die graue Stadt am Meer aufs Papier. Die Worte geraten aus den Fugen und vermitteln dem Betrachter und Leser eine Ahnung davon, was Poesie alles kann. Der arme Sauerampfer leidet zwischen den Bahngleisen, die Krähe verschüttet vor Ärger den Kaffee, das Hühnerding im Garten von Herrn Ming offenbart die Absurdität der Liebe.
Alltägliches und Kurioses wechseln sich hier ab und lassen das Herz aufgehen.
Manche Gedichte sind düster – sowohl in Wort, als auch im Bild. Doch genau das macht die Stärke dieser Anthologie aus. Gerade mit diesen nicht immer lieblichen Kunstwerken macht Regina Kehn auch junge Leser und Betrachter neugierig auf Kunst, Poesie und Literatur. Und die Verbindung, die sie eingehen können.

Wer mag, kann die Originaltexte im Anhang in der konservativen Druckversion und vollständig (Paul Zechs „Traum vom Balkon“) noch einmal lesen. Dann kann man versuchen, sich eigene Bilder zu schaffen, doch die faszinierenden Illustrationen von Regina Kehn tauchen wahrscheinlich vielen beständig vor dem inneren Auge auf. Denn ihre Bilder wird man so schnell nicht wieder los – was durchaus kein Nachteil ist.
Vor allem aber begreift der Betrachter und Leser, wie eng Schrift und Bild zusammengehören können. In solchen Glücksfällen gehen sie eine untrennbare Verbindung ein und schaffen etwas Neues, ganz Kostbares. Genau das ist es, was dieses Buch zu einem Kleinod macht, nicht nur für Kinder.

Regina Kehn: Das literarische Kaleidoskop, Fischer KJB, 2013, 224 Seiten, 16,99 Euro