Kinder brauchen Tiere

schomburgKinder und Tiere gehen in den (sozialen) Medien ja bekanntlich immer. In Kombination sind sie eigentlich unschlagbar.

Drei wunderbare Kinder-Tier-Geschichten haben mich in den vergangenen Wochen bezaubert. Etwas länger harrt hier schon Chamäleon Ottilie. Es scheint fast, als habe sich das Bilderbuch von Andrea Schomburg so unsichtbar gemacht, wie deren Hauptdarstellerin … Nein, im Ernst: Andrea Schomburg erzählt von Paul und Anna Sausebier aus Bonn. Die beiden Geschwister wünschen sich sehnlichst ein Tier, aber es ist wie so oft, die Eltern sagen Nein: Tiere machen Dreck und alles kaputt, sind zu groß oder zu gefährlich. Kennt man ja, diese Bedenken.

Dabei hat sich bei Familie Sausebier schon seit einiger Zeit ganz unbemerkt das Chamäleon Ottilie eingenistet. Durch seine Mimikri-Funktion verschmilzt es mal mit dem Sofakissen, mal mit dem Teddybären, der Tapete oder dem Mantel der Tante. Bis es eines Tages zur Katastrophe kommt und das Karo-Muster von der Bettwäsche nicht mehr weggeht. Anna und Paul entdecken Ottilie sofort… Na, wenn das mal gutgeht!

Nicht nur die Wahl des Chamäleons als Haupt- und Haustier ist außergewöhnlich und eine Herausforderung für die kleinen Leser, denn sie müssen das Tierchen auf jeder Seite erst einmal ausfindig machen, auch die Reime von Andrea Schomburg sind ein weiteres Mal so famos und leicht fließend, dass es eine Freude ist, sie laut vorzulesen. Fast möchte man nach Ende der Lektüre ein Chamäleon als Haustier anschaffen!

Ein ganz anderes Haustier wird hingegen in Jan Bircks Buch Zarah & Zottel zur Rettung für die junge Heldin.
Zarah ist mit ihrer Mutter in eine neue Wohnung gezogen. Unten im Hof, wo die Kinder spielen, kennt sie noch niemanden – und niemand will mit ihr spielen.
Zarah wünscht sich dringend einen Freund, doch der ist hier erst mal nicht zu finden. Sie träumt von einem Pferd, denn sie steht auf Indianer, doch ein Pferd passt leider nicht in eine Etagenwohnung – aber vielleicht ein Pony, wenn es klein genug ist.

Am nächsten Tag macht sich Zarah zum „Laden für alles“ auf, und der patente Verkäufer weiß Rat bzw. hat ein zotteliges vierbeiniges Tier für sie. Zarah steigt auf und reitet auf Zottel nach Hause. Dass Zottel Pfoten statt Hufe hat, an der Ampel das Bein zum Pinkeln hebt und die Kinder im Hof über Zottel lachen, stört sie nicht. Zottel passt in den Aufzug und in die Wohnung. Nur leider hat Mama kein Geld, um Zottel zu bezahlen. Doch auch dieses Problem lässt sich lösen …

Mit dem Zottelponyhund zeigt Jan Birck jungen Lesenden, dass es in einer Freundschaft ganz und gar unwichtig ist, was man ist oder wo man herkommt. Zusammenhalt über die Grenzen von Anatomie oder Gattung ist wichtiger, als die genauen Definitionen von Herkunft und Abstammung. So kann ein Hund durchaus auch als Pony durchgehen, und was die Hautfarben von Menschen angeht, so sind die nicht der Rede wert, wie es Jan Birck hier ganz selbstverständlich macht. Dass ich das hier extra erwähnen muss, zeigt allerdings, dass es immer noch nicht normal und eben nicht selbstverständlich ist, dass eine Bilderbuchheldin eine dunklere Hautfarbe hat als ihre Mama und die Kinder im Hof. Von solchen Heldinnen sollte es viel mehr geben, so dass die Diversität unserer Gesellschaft in den Büchern tatsächlich ein Abbild findet.

So schön das Zusammenleben mit Tieren auch sein kann, irgendwann kommt unweigerlich der Tag, an dem die Hausgenossen sterben. Dann wird aus Freude plötzlich Trauer und man stolpert in die Trauerpfützen.

So erklärt es der Kinderarzt der kleinen Leni, deren Hund Frieda neulich gestorben ist, im Bilderbuch von Hannah-Marie Heine. Zuhause erinnert Leni vieles an Frieda, und schwupps laufen ihr schon wieder die Tränen aus den Augen und der Bauch zieht sich zusammen. Aber ganz schnell hopst Leni auch wieder aus der Trauerpfütze heraus, genießt ein Stück Zuckerkuchen von Oma und schaut in die Sterne. Von dort oben kuckt Frieda ihr vielleicht zu …

Einfühlsam zeigt Hannah-Marie Heine kleinen Tierfreundinnen, dass es ganz normal ist, dass man seinem vierbeinigen oder geflügelten Freund nachtrauert. Gefühlsschwankungen gehören zum Abschied dazu, aber nach der Trauer kommt auch die Freude wieder. Wenn man dann noch die Erinnerungen an das geliebte Tier in einen würdigen Rahmen kleidet, kann man sicher sein, dass es auch weiterhin bei einem ist.

Dass Verlust und Tod Teil unseres Lebens sind, erfahren Kinder hier durch ganz alltägliche Szenen – wunderbar lässig von Katharina Vöhringer gezeichnet –, und genau die können helfen, so schwierige Momente zu bewältigen, wenn die geliebten Tiere plötzlich nicht mehr da sind.

 

Andrea Schomburg: Neu in der Familie: Chamäleon Ottilie, Illustration: Barbara Scholz, Sauerländer, 2016, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Jan Birck: Zarah & Zottel – Ein Pony auf vier Pfoten, Sauerländer, 2017, 64 Seiten, ab 5, 9,99 Euro

Hannah-Marie Heine: Leni und die Trauerpfützen, Illustration: Katharina Vöhringer, Kids in Balance, 2017, 40 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

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Max macht süchtig

maxIn der vergangenen Wochen fand in Hamburg zum zweiten Mal das Vorlese-Vergnügen, ein Sommer-Literaturfestival für Kinder statt. Initiatoren und Programmgestalter des sind die Autoren Cornelia Franz, Katja Reider, Ulli Schubert und Andreas Schlüter vom „Hamburger Lesezeichen“. Sie haben es geschafft, dass 36 Autoren, darunter Heiko Wolz und Nina Blazon, an den unterschiedlichsten Orten in der Stadt gelesen haben: in der Flussschifferkirche, in einem alten Schienenbus der AKN, in einem Zug nach Lübeck, in einer Boxschule oder in den Fanräumen des FC St. Pauli. Coole Bücher in coolen Locations! Ein Traum für alle Zuhörer, würde ich sagen. Insgesamt 2500 Kinder haben sich an nur sechs Tagen vorlesen lassen.

Ich hatte das Vergnügen, die Lesung von Lisa Dickreiter aus ihrem neuen Max-Band mitzuerleben – zusammen mit etwa 70 Kindern. Zwar kannten die wenigsten Kinder die Reihe um Max und seine Renterfreunde, die gemeinsam im Altenheim auf der Burg Geroldseck leben, doch Lisa Dickreiter verstand es hervorragend, in die Örtlichkeiten und die Besonderheiten dieser Freundschaft einzuführen. Unterbrochen von Gesprächen mit ihren jungen Zuhörer_innen las Dickreiter über eine Stunde. Drei Mal forderten die Kinder Zugaben und hätten am liebsten selbst aus dem Buch weiter vorgelesen. Ein größeres Kompliment kann man Max & seinen Schöpfern wohl nicht machen! Und das mit Recht.

Denn es geht extrem spannend in diesem dritten Teil der Reihe zu. Nach einem Besuch beim Tierarzt – Maxens Kater Motzkopf ist leider zu dick – wird das Tier auf offener Straße von Männern mit einem üblen Drachentattoo entführt. Die Polizei glaubt Max allerdings kein Wort, was auch dran liegt, dass Max keine stichhaltigen Beweise liefern kann. Max ist am Boden zerstört, vermisst Motzkopf unsagbar, doch dann erwacht sein Detektivgeist wieder. „Für Motzkopf“ lautet die Parole, mit der der Titelheld, die Schauspielerin Vera, Professor Kilian und Fußballtrainer Horst sich auf die Suche nach dem Haustier machen. Sie finden heraus, dass in der ganzen Stadt zwanzig Tiere verschwunden sind. In den nächsten Tagen sollen sie in ein Tierversuchslabor gebracht werden. Der absolute Horror für jeden Haustierbesitzer. Max und der wilden 7 bleibt nicht viel Zeit.

Das Thema Haustiere hat bei der Lesung die Zuhörer_innen besonders gefesselt. Fast jedes Kind konnte nämlich von eigenen Haustieren berichten. Sie werden daher den Schmerz, den Max beim Verlust von Motzkopf empfindet, bei der vollständigen Lektüre sehr gut nachvollziehen können.

Als Lesende ist man aber sowieso immer ganz dicht bei Max und seinen Gefühlen, da das Autoren-Duo aus einer engen personalen Sicht von Max erzählt. Das heißt, nur das was der Held sieht und empfindet, erfährt der Lesende. Ich mag diese Perspektive sehr, die in meinen Ohren einen Hauch literarischer klingt, als die momentan sehr beliebte Ich-Erzählart. Vielleicht rückt Max für mich daher immer mehr in die Nähe von Erich Kästners Geschichten.

Auf jeden Fall überzeugen Dickreiter und Oelsner – wieder einmal – mit der perfekt gelungenen Mischung aus Action, kindlicher Unsicherheit und Gefühlschaos, kombiniert mit Mut, Überwindung und einer gehörigen Portion Humor (unschlagbar: Horstens Namensschwäche!). Kinder können sich hier wiederfinden – auch die Mädchen, die nach der Lesung sofort fragten, wo man das Buch denn ausleihen könne –, sie können mitfiebern und wissen, dass Max, trotz aller Aufregung, immer gut aufgehoben ist und von großartigen Freunden und einer manchmal strengen, aber sehr liebevollen Mutter, die dieses Mal auch ein Geheimnis haben darf, unterstützt wird.

Die Folge von allem ist, dass man als Lesende süchtig wird nach Max und Konsorten. Die Kinder haben das mit ihren vehementen Nachfragen ganz deutlich gezeigt. Mir ging es ebenso – ich musste Max nach der Veranstaltung sofort zu Ende lesen. Zum Glück ist der nächste Band bereits in Arbeit. Freuen wir uns drauf!

Lisa-Marie Dickreiter & Winfried Oelsner: Max und die wilde 7 – die Drachen-Bande, Band 3, Oetinger, 2016, 255 Seiten, ab 8, 12 Euro

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