Papa, was ist Rassismus? Wenn man auch nur einen Moment nachdenkt, merkt man, dass diese Frage, die Merjem ihrem Vater Tahar Ben Jelloun stellte, weder naiv, geschweige denn leicht zu beantworten ist.
1998 veröffentlichte der marokkanisch-französische Autor Ben Jelloun unter dem sprechenden Titel Le racisme expliqué à ma fille ein kleines Buch, in dem er die anfangs gestellte Frage seiner Tochter klar und verständlich beantwortet. Es wurde von vielen Kindern und Jugendlichen gelesen und zum Bestseller. Jetzt haben die Illustratorin Hélène Le Cam und die Autorin und Dokumentarfilmerin Marzena Sowa den Text als bewegenden und erhellenden Comic adaptiert.
Dialog in Bewegung
Wir begleiten Vater und Tochter bei ihrem Gespräch, das durch viele kluge und aufmerksame Nachfragen des Mädchens das Thema Rassismus in allen seinen Facetten ausleuchtet. Ein raffinierter Kniff Le Cams in ihrem ersten Comic ist es, dass die beiden fast immer unterwegs sind, spazieren gehen, auf dem Heimweg, kreuz und quer durch die Stadt und im Park, in Bus und Métro, Richtung Fußballstadion oder zu einer Demonstration gegen neue Einwanderungsgesetze. Man sieht sie in Alltagssituationen, beim Tee trinken, Kochen, Einkaufen, Eis essen. Die Szene sind durchgängig und vollständig koloriert, überwiegend in warmen, sympathischen Farben, viel Gelb und Hellrot.
Schritt für Schritt angehen
Schritt für Schritt folgt man Vater und Tochter und geht Teilaspekte des allgegenwärtigen und komplexen Phänomens aus verschiedenen Richtungen an. Es beginnt mit dem Ursprung von Rassismus, einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber allem Fremden bei vielen Menschen. Alles, was sie nicht kennen und was ihnen nicht vertraut ist, macht diesen Leuten Angst. Das können unbekannte Rituale, fremde Speisen, andere Glaubensrichtungen sein, ungewöhnliche Kleidung und vor allem, das, was darunter ist, die Hautfarbe.
Wissenschaftlich widerlegt
Unterschiedliche Hautfarben haben auch zur irrigen, wissenschaftlich von der Humangenetik längst widerlegten Theorie geführt, es gebe unterschiedliche Rassen. Was jedoch immer wieder von Menschen, vor allem im globalen Norden und mit heller Hautfarbe als Begründung genommen wurde, sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Und Andere in der Folge zu unterwerfen, auszubeuten, zu quälen und zu vernichten.
Kolonialismus und Sklaverei
Diese Logik ist für jeden denkenden und fühlenden Menschen nicht nachvollziehbar und absurd. Und doch ist sie für sehr viele Menschen alltägliche grausame Realität. Sie leiden unter politisch instrumentalisiertem und systematischem Rassismus in Form von Kolonialismus, Sklaverei, Vertreibung, organisierter Vernichtung und Massenmord.
Permanente Pöbeleien und Diskriminierungen
Auch hierzulande werden nur selten rassistische Übergriffe bekannt und sogar juristisch als solche zweifelsfrei definiert und verurteilt. So wie kürzlich, als der Kinderwagen einer schwarzen Frau wegen des unbegründeten und falschen Verdachts auf Diebstahl durchwühlt wurde. Oder als vor einigen Jahren eine afrodeutsche Familie als einzige während einer Zugfahrt ohne Anlass einer Ausweiskontrolle unterzogen wurde. Für viele Mitmenschen sind permanente Pöbeleien, übergriffige und verletzende Fragen, Diskriminierungen in Schule, Beruf und bei Behörden bis hin zu offener Gewalt Alltag.
Verallgemeinerung und Unwissenheit
»Ein Rassist ist jemand, der einen Einzelfall verallgemeinert«, erklärt der Vater, »wenn er von einem Araber bestohlen wird, wird er daraus schließen, dass alle Araber Diebe sind. Er verurteilt nicht den Dieb, sondern den Araber.« Verallgemeinerung, Xenophobie, also die Angst vor allem Fremden, Klischees, religiöse Verblendung, Unwissenheit, auch fehlende Bildung und das diffuse Gefühl von Benachteiligung sind Ursachen für Rassismus.
Dummheit ausgenutzt
Nun kann man sagen, diese Leute sind einfach nur dumm und zu blöd nachzudenken. Was so lange egal wäre, solange ihre Dummheit nicht anderen Menschen schadet. Und nicht in Hass und Gewalt umschlägt. Wenn aber diese Dummheit von Extremisten, sei es politischen Parteien oder religiösen Führern ausgenutzt wird, um ihre eigenen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen, wird es gefährlich. Der Vater macht immer wieder durch alltagsnahe Situationen und Beispiele Rassismus anschaulich; etwa wenn Kinder mit dunkler Hautfarbe generell schlechter benotet, schwarze Fußballspieler im Stadion beleidigt werden, oder Frauen ihre Handtasche angesichts People of Colour umklammern.
Von Antisemitismus bis Ziviler Ungehorsam
Dazwischen streut Hélène Le Cam schlichte und sehr eingängige Infografiken, mal aus verschieden intensiv gefärbten Punkten, mal aus Quadraten und Dreiecken in unterschiedlichen Relationen, wie ganz reduzierte Smileys mit mal ernsten, traurigen oder auch grimmigen Gesichtern. Abgerundet wird der Comic durch ein Glossar von A wie Antisemitismus und AfD bis Z wie Ziviler Ungehorsam.
Sehr beeindruckend ist auch, wie Marzena Sowa Ben Jellouns exzellenten Originaltext in einen kongenialen Dialog umwandelt, in dem das ganz und gar nicht banale Thema Rassismus grundlegend und in allen Aspekten angegangen und beleuchtet wird.
Sich selbst in Frage stellen
Was am Ende zu Merjems Frage führt: »Kann man Rassisten nicht heilen?« Was auch rührend ist, weil das Mädchen, obwohl sie mittlerweile alle furchtbaren Auswüchse von Rassismus und Antisemitismus kennengelernt hat, immer noch an das Gute in allen Menschen zu glauben scheint. »Ihre Heilung hängt von ihnen selbst ab. Davon, ob sie in der Lage sind, sich selbst in Frage zu stellen«, antwortet ihr Vater. Also selbst zu beobachten, anstatt Vorurteile zu übernehmen. Das eigene Misstrauen zu hinterfragen. Letztlich geht es um Respekt gegenüber jedem einzelnen Menschen. Wie immer gilt: Denken hilft. »Es gibt nur eine Menschheit« lautet schlicht und ergreifend der wahre und wunderbare Schusssatz.
Papa, was ist Rassismus? ist nicht nur ein ungeheuer wichtiges und brillant gemachtes Sachcomic und Essay. Es ist auch ein leuchtendes Vorbild, um komplizierte Themen klug und eingängig zu erklären. Und der Dummheit Paroli zu bieten.
Tahar Ben Jelloun, Hélène Le Cam, Marzena Sowa: Papa, was ist Rassismus?, Übersetzung: Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart, 2026, 128 Seiten, 16 Euro, ab 12 Jahre




