Wissen ist Macht

Spionage

Der berühmteste Spion? Bond, James Bond. Jeder kennt den britischen Geheimagenten mit Codenamen 007. James Bond ist ein Synonym für den klassischen Geheimagenten.
Nur gibt es James Bond nicht wirklich, in keiner seiner verschiedenen Reinkarnationen, ob anfangs als klassisch charmanten Kerl und Gentleman, selbstironischer Dandy oder in der jüngsten Interpretation als Straßenschläger im Maßanzug. Erfunden wurde er vom Schriftsteller Ian Fleming, der seinen Helden nach einem Ornithologen benannte, einem Vogelkundler, einfach, weil er selbst ein Vogelliebhaber war.

Wahrheiten über James Bond

Lars Bové beginnt sein spannendes Sachbuch Spionage. Von Geheimcodes bis zur vergifteten Zahnpasta bewusst mit der schillernden, fiktiven Figur. Weil sich in James Bond vieles von der faszinierenden Welt der Spione und Spioninnen spiegelt. Den britischen Geheimdienst MI6 gibt es nämlich tatsächlich, gegründet wurde er 1909. Der Chef oder die Chefin wird traditionell mit einem Buchstaben angesprochen, in Wirklichkeit ist es aber C statt M. Und tatsächlich stattet Q, der Quartiersmeister, die Spione mit immer raffinierteren Waffen und Geräten aus.

Je mehr du weißt, desto stärker ist dein Staat

Aber warum das alles? Warum wurde bereits im 12. Jahrhundert der erste Geheimdienst in Georgien gegründet? Was suchen die Agenten? »Spione versuchen, an geheime Informationen zu gelangen. Sie hören heimlich Telefongespräche ab, dringen in Computer ein und lesen Nachrichten, die Menschen einander schicken. Sie durchsuchen Häuser und platzieren Kameras oder Mikrofone in den Zimmern. Sie bezahlen Mensch dafür, dass sie Geheimnisse enthüllen«, schreibt Bové, »Wissen ist Macht: Je mehr du weißt, desto stärker ist dein Staat.«

Die einbeinige Virginia

Spionage taucht ganz tief ein die Welt der Geheimdienste. Lars Bové ist investigativer Journalist, das heißt, er weiß, wie man an Informationen gelangt, die man nicht mit einer einfachen Suche im Internet findet. Er stellt berühmte Spioninnen und Spione vor, die es wirklich gegeben hat, zum Beispiel die niederländische Doppelagentin Mata Hari oder die einbeinige Virginia Hall, die im Zweiten Weltkrieg mit Bedacht und mit großem Geschick viele unvorsichtigere Kollegen gerettet hat.

Legendär, grotesk oder tragisch

Er erzählt von Geheimaktionen, erfolgreichen, legendären und auch grotesk oder tragisch schief gegangenen. Der australische Geheimdienst ASIS, von dem die Australier zuvor nicht wussten, dass er überhaupt existiert, hat 1983 mit einer Übung in einem Hotel in Melbourne nicht nur Gästen und Personal einen riesigen Schrecken eingejagt, sondern auch Schäden von mehreren Hunderttausenden Dollar verursacht. »Es war ein Wunder, dass niemand verletzt wurde, denn die Geheimagenten hatten sich richtig ausgetobt«, erzählt Bové.

Satansoperation gegen das Greenpeace Schiff

Tödlich dagegen endete für einen niederländischen Fotografen1985 der Bombenanschlag französischer Spione auf ein Schiff der Umweltorganisation Greenpeace. Er befand sich noch unter Deck, als die Rainbow Warrior explodierte. Die neuseeländische Polizei konnte die Agenten der sogenannten Satansoperation (!) festnehmen, weil sie sich zwar als Touristen ausgegeben hatten, von ihrem Hotel aber mit dem französichen Geheimdienst telefoniert hatten. Sie wurden wegen Mordes angeklagt.

Coole Hilfsmittel und abgedrehte Gadgets

Es geht gut zur Sache in diesem faktenreichen Sachbuch. Zwischen historischen Teilen stellt Bové coole Hilfsmittel und abgedrehte Gadgets vor. Angehende Spioninnen und Spione können sich selbst als Codeknacker versuchen. Was es mit der im Untertitel genannten vergifteten Zahnpasta auf sich hat, erzählt Bové ebenso wie eine als Dreharbeiten getarnte Befreiungsaktion im Iran. Auch Tiere wie Delfine, Hunde, sogar Insekten kommen zum Einsatz. Kurios ist das mit kleinen Kameras ausgestattete Bayerische Taubenkorps der US-Amerikaner. Auch sehr wissenswert: Der Papst ist Chef eines der ältesten Geheimdienste.

Stimmig, detailiert und plastisch illustriert

Yannick Pelegrin hat die facettenreichen Fakten atmosphärisch stimmig und schön düster illustriert. Da wird viel aus dem Dunkeln operiert, in geheimen Quartieren konferiert, hinter Vorhängen hervorgespäht und durch regnerische Nächte gestromert. Detailreich zeigt er altmodische Funkgeräte, eine Minikamera im Zigarettenetui oder das geheimnisvolle Gemälde Kryptos. Plastisch zeichnet er den Übertragungsweg eines tödlichen Nervengifts nach. Und er gibt Spioninnen wie unschuldigen Opfern ein lebendiges Gesicht.

Kurze Graphic Novel wie ein Film

Dem Kalten Krieg, einer »Blütezeit der Spionage«, wie Lars Bové schreibt, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Yannick Pelegrin hat eine besonders skurrile Episode aus den 1950er Jahren in Form einer kurzen Graphic Novel gestaltet: Es ist die Geschichte eines sehr teuren Tunnelbaus und eines britischen Doppelagenten. Die wenigen Seiten visualisieren die Absurditäten des gegenseitigen Ausspionierens und würden auch Stoff für einen Film bieten.

Gefahren des Informationensammelns

Spionage ist unheimlich fesselnd, höchst informativ und sehr unterhaltsam. Aber nicht nur. Am Beispiel des Whistleblowers Edward Snowdon offenbart Lars Bové auch, welche Gefahren Geheimdienste bergen, wenn man sie ungehindert Informationen über jeden von uns sammeln lässt. Wer sich aber davon nicht abschrecken lässt und überlegt, selbst Spionin oder Spion zu werden, für den gibt es ganz zum Schluss noch eine Checkliste der CIA. Man muss nicht seine Familie verlassen oder Karate können und ein Spionagediplom braucht man auch nicht. Es ist selten glamourös und nicht jeder bekommt schickes Technikspielzeug. Auf jeden Fall ist es ein ungewöhnlicher Job. Und vor allem: geheim.

Lars Bové: Spionage. Von Geheimcodes bis zur vergifteten Zahnpasta, Illus: Yannick Pelegrin, Stuart & Jacoby, 2026, 152 Seiten, 20 Euro, ab 12 Jahre

Beruf: Geheimagentin

rubyIhr Name ist Redfort. Ruby Redfort. Und sie kann ganz eindeutig mit James Bond mithalten. Auch ohne Waffen, Martinis oder schnelle Autos. Dafür ist das Teenage-Girl auch noch etwas zu jung. Ihr reichen Bananenmilch, ein Fahrrad und ein wacher Geist. Mit dem gewann Ruby bereits im Alter von sieben die Junior-Codeknacker-Meisterschaften und erfand bereits ein Jahr später ein Rätsel, an dem sich selbst Harvard Professoren die Zähne ausbissen.

Ruby lebt in den 70er Jahren im Städtchen Twinford an der Ostküste der USA, sammelt Telefone in Muschel-, Donut- oder Eichhörnchenform und ist definitiv nicht auf den Kopf gefallen. Ganz im Gegenteil.  Rätsel, Geheimschriften und Codes sind ihre größte Leidenschaft. Mit ihrem besten Freund Clancy Crew kommuniziert sie mit verschlüsselten Botschaften. Die besten Voraussetzungen, Karriere als Geheimagentin zu machen. Daran denkt Ruby zunächst zwar gar nicht, doch bevor sie auch nur mit den Fingern schnippen kann, hat die Geheimorganisation Spektrum sie rekrutiert. Sie soll bei der Verhinderung eines geplanten Verbrechens helfen. Hier mehr zu erzählen, wäre allerdings unverzeihlich, denn die Spannung wäre dahin.
Nur so viel noch: Es geht um viel Gold, eine Buddha-Statue aus Jade, eine fiese Verbrecherbande und einen Geheimagenten, der als Butler bei den Redforts arbeitet und ein Auge auf Ruby hat.

Das Herrliche an diesem dicken Schmöker ist ganz eindeutig die junge Heldin. Sie ist vorlaut, frech, hat immer einen Spruch auf den Lippen – und dem T-Shirt. Sie kann kombinieren, traut sich was und schreckt auch vor Einbrüchen nicht zurück, wenn sie der Sache dienen. Ruby ist der Prototyp eines unabhängigen, selbständigen Mädchens, die sich weder von bräsigen Eltern, die so rein gar nichts raffen, noch von gefährlichen Gangstern aufhalten lässt. Ruby ist cool, weiß aber auch die bodenständige Unterstützung ihres Freundes Clancy zu schätzen. Sie taugt durchaus als Vorbild – sich nämlich eine eigene Meinung zu bilden und den eigenen Weg zu gehen.

Lauren Child schreibt in einem lockeren Stil, dessen Witz und Ironie Anne Braun wunderbar ins Deutsche geholt hat, so dass man die über 400 Seiten einfach rauschhaft herunterliest. Denn bereits die prologartige Kindheitsgeschichte Rubys hat so ein Suchtpotential, dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legt, bis das Abenteuer ausgestanden ist. Wenn man dann wieder zu Atem gekommen ist, kann man nur hoffen, dass die nächsten Fälle der Ruby Redfort nicht allzu lange auf sich warten lassen werden. Für Leseratten ist dieser rasante Serienauftakt jedenfalls ein gefundenes Fressen.

Übrigens, das verschmitzte halbe Portrait von Ruby auf dem Cover finde ich ja ganz großartig – es hat mich an die Mädchenbücher aus den 70er Jahren erinnert, die ich damals verschlungen habe. Ruby Redfort hat mir somit ein Stück meiner Kindheit zurückgebracht. Und das ist herrlich.

Lauren Child: Ruby Redfort – Gefährlicher als Gold, Übersetzung: Anne Braun, Fischer KJB,  2013, 448 Seiten, ab 12, 14,99 Euro