Feuer und Flamme für Gerechtigkeit

Silvester spielt eines der traurigsten und rührseligsten Märchen: Ende 1845 erschien Hans Christian Andersens Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Unbeachtet von den vorbeihastenden Mitmenschen erfriert die junge Verkäuferin, nachdem sie verzweifelt ihre letzten Streichhölzer angezündet und durch Kälte und Hunger hervorgerufenen Halluzinationen erlebt hat.
Andersen schwamm mit seiner Erzählung ganz oben auf einer Welle von gefühligen Geschichten, wie sie Mitte bis Ende des 19. Jahrhundert populär waren, zu Beginn des industriellen Zeitalters. Andersens Märchen sind heute noch beliebte Vorlagen für Filme und Musicals, obwohl sie zutiefst misogyn sind. Jede junge Frau und jedes Mädchen, dass sich nicht ihrem Schicksal und der vorgegebenen Rolle fügt, stirbt, versteinert, wird grausam bestraft. Noch mehr auf die Spitze getrieben wurde dieses gestörte Frauenbild anderthalb Jahrhunderte später von Andersens Landsmann, dem Regisseur Lars von Trier.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern hat einen Namen

Aber dieses Silvester ist Schluss mit dieser vergifteten Erzählweise (obwohl es gleich auch um hochgiftige Substanzen wird). »Der Mann, der das Märchen geschrieben hatte, wurde sehr reich, obwohl er wahrscheinlich nie einem echten Mädchen mit Schwefelhölzern begegnet war. Denn sonst hätte er gewusst, dass wir nicht alle niedliche kleine Wesen mit blonden Locken und winzigen, eiskalten Händen sind und die meisten von uns es satthatten, ständig hungrig zu sein. Wir wollten nicht, dass man Mitleid mit uns haben musste; vielmehr wollten wir eine echte Chance auf ein normales, gutes Leben; wir wollten eines Tages dazu imstande sein, unsere eigene Geschichte zu erzählen, in unseren eigenen Worten. Dieser Schriftsteller hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, jedenfalls nicht richtig. Hätte er die Mühe auf sich genommen, mit einer von uns zu sprechen, hätte er gewusst, dass selbst Mädchen die Schwefelhölzer verkaufen, einen Namen haben.«

Besonders mutige und kühne Heilige

So furios beginnt Emma Carroll ihre Neuerzählung mit dem kämpferischen Titel Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück. Bridie heißt Carrolls Heldin – »das ist die Kurzform von Brigid, die einzige weibliche irische Heilige, die zudem noch besonders mutig und kühn war.« Und genauso herausfordernd, mit einem entschlossenen Zug um den Mund, blickt Bridie mit ihrem feuerroten Haar vom Einband dieses brillanten Buchs.

Knochenzerfressender Phosphor

Es ist Silvester, eiskalt. Bridie will besonders viele Streichhölzer verkaufen, um zur Feier des Tages ein gutes Essen, am besten eine Gans nach Hause bringen zu können. Die Schwefelhölzer produziert ihre Mutter mit Hunderten weiteren Arbeitern in einer Fabrik, wo sie in 14-Stunden-Schichten unter furchtbaren Arbeitsbedingungen Holzstäbchen in hochgiftigen und knochenzerfressenden weißen Phosphor taucht. Ihr kleiner Bruder faltet zu Hause eifrig Schachteln, anstatt in die Schule zu gehen.

Hunger und Kälte rauben ihr fast den Verstand

Das hat sich Emma Carroll nicht ausgedacht. Das war grausame Realität für hunderttausende Arbeiterinnen, Arbeiter und ihre Familien in den Großstädten. Bridie ist eine tolle Geschichtenerzählerin, als Zauberhölzer preist sie die Stäbchen an. Und sie verkauft anfangs gut. Doch dann macht ihr ein Konkurrent die Kundschaft streitig, sie wird fast von einer Kutsche, ausgerechnet der des Streichholzfabrikanten, überfahren. Ihr Bauchlanden zerbricht, die Hölzer landen im Schneematsch, sie verliert ihre Pantoffeln. Kälte und Hunger rauben ihr fast den Verstand. Man kann es sich kaum vorstellen, wie kalt es ist, barfuß nur in Kleid und einem Schal stundenlang durch die Straßen über gefrorenen Schnee zu laufen. Heutzutage hüllen sich die meisten schon in dicke Daunenmäntel, wenn die Temperatur in einstellige Plusgrade sinkt.

Erhellende Träume

Wie bei Andersen zündet auch Bridie schließlich ihre drei letzten Schwefelhölzer an. Und fällt zunächst wie Alice im Wunderland ins Schwarze und träumt – drei verschiedene und sehr erhellende Träume. Der Name Carroll scheint ein Garant für starke Mädchenfiguren zu sein (Lewis Carroll hat sich das Pseudonym für seine Erzählung gegeben, hieß eigentlich Charles Lutwidge Dodgson).
Während bei Andersen das Leben des Mädchens erlischt, flammen Bridies Lebensgeister auf und ihr Wille zu kämpfen erwacht glühend und kraftvoll. »Wir müssen etwas unternehmen. Jetzt! Etwas Lautes und Öffentliches, und zwar vor den Toren der Fabrik.« Mit Hilfe einer Journalistin und Frauenaktivistin schafft Bridie es, die Fabrikarbeiterinnen zum Streik aufzurufen.

Schlagkräftige Neuerzählung

Dies ist kein Märchen. Und bestimmt nicht eine von Anderson Märtyrerinnenschmonzetten. Tatsächlich sind Schwefelholzfabrikarbeiterinnen in London 1888 in Streik getreten, für mehr Lohn und menschlichere Arbeitsbedingungen. Es war ein monatelanger Kampf, bis tatsächlich die Verhältnisse sich etwas besserten. Doch es dauerte noch fast ein Jahrzehnt, bis der hochgiftige und billige weiße Phosphor durch den weniger gesundheitsschädlichen roten ersetzt wurde. Ob nun ein wortgewandtes und wütend entschlossenes Mädchen den ersten Funken gegeben hat. Oder der Mut zur Gegenwehr schon länger vor sich hin glomm und schließlich durch noch größere Grausamkeiten entfacht wurde und aufloderte, ist unwichtig. Emma Carrolls schlagkräftige Neuerzählung ist mitreißend, bezaubernd und ein Lichtblick. Marion Hertle hat es feurig und warmherzig übersetzt und gibt Bridie auch hierzulande eine Stimme.

Durchdringende Blicke, vielsagende Farbakzente

Lauren Child hat dazu faszinierende Illustrationen geschaffen. Man kennt Childs bunt charmante Geschichten der Geschwister Charlie und Lola. Sie ist auch Autorin der Krimireihe um die junge Meisterspionin Ruby Redfort. Hier arbeitet sie, inspiriert von historischen Fotografien, in kraftvollem Schwarzweiß. Ihre Charaktere blicken stark und durchdringend. »Diese Frauen waren ausgezehrt, müde und arm, genau wie wir. Aber sie versprühten eine Energie, eine aufrichtige Wut, die ihnen Würde verlieh«, sagt Bridie über die Arbeiterinnen. Genau das spricht aus Lauren Childs gezeichneten Augen und Gesichtern.
Unterschiedlich gemusterte und strukturierte Flächen von Wänden, Böden und Kleiderstoffen kontrastieren die Bilder und verleihen ihnen Tiefe. Einzige Farbakzente sind Bridies feuerrotes Haar, Dekoration in den Häusern der Reichen und aufflammende Schwefelhölzer. Diese hervorgehobenen Details sprechen für sich.

Geldgier und Kapitalismus gewinnen nicht immer

Also, kratzt eure Pennies, Cents und Öre zusammen und kauft oder auch leiht in Bibliotheken, Büchereien und Bücherhallen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück – eine wahre Geschichte von Wut und Kraft, von Solidarität, Entschlossenheit und Zusammenhalt. Ein Beweis, dass Kapitalismus und Geldgier nicht immer gewinnen.

Emma Carroll: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück, Illustration: Lauren Child, Übersetzung: Marion Hertle, Woow Books 2024, 208 Seiten, 20 Euro, ab 9 Jahre

Beruf: Geheimagentin

rubyIhr Name ist Redfort. Ruby Redfort. Und sie kann ganz eindeutig mit James Bond mithalten. Auch ohne Waffen, Martinis oder schnelle Autos. Dafür ist das Teenage-Girl auch noch etwas zu jung. Ihr reichen Bananenmilch, ein Fahrrad und ein wacher Geist. Mit dem gewann Ruby bereits im Alter von sieben die Junior-Codeknacker-Meisterschaften und erfand bereits ein Jahr später ein Rätsel, an dem sich selbst Harvard Professoren die Zähne ausbissen.

Ruby lebt in den 70er Jahren im Städtchen Twinford an der Ostküste der USA, sammelt Telefone in Muschel-, Donut- oder Eichhörnchenform und ist definitiv nicht auf den Kopf gefallen. Ganz im Gegenteil.  Rätsel, Geheimschriften und Codes sind ihre größte Leidenschaft. Mit ihrem besten Freund Clancy Crew kommuniziert sie mit verschlüsselten Botschaften. Die besten Voraussetzungen, Karriere als Geheimagentin zu machen. Daran denkt Ruby zunächst zwar gar nicht, doch bevor sie auch nur mit den Fingern schnippen kann, hat die Geheimorganisation Spektrum sie rekrutiert. Sie soll bei der Verhinderung eines geplanten Verbrechens helfen. Hier mehr zu erzählen, wäre allerdings unverzeihlich, denn die Spannung wäre dahin.
Nur so viel noch: Es geht um viel Gold, eine Buddha-Statue aus Jade, eine fiese Verbrecherbande und einen Geheimagenten, der als Butler bei den Redforts arbeitet und ein Auge auf Ruby hat.

Das Herrliche an diesem dicken Schmöker ist ganz eindeutig die junge Heldin. Sie ist vorlaut, frech, hat immer einen Spruch auf den Lippen – und dem T-Shirt. Sie kann kombinieren, traut sich was und schreckt auch vor Einbrüchen nicht zurück, wenn sie der Sache dienen. Ruby ist der Prototyp eines unabhängigen, selbständigen Mädchens, die sich weder von bräsigen Eltern, die so rein gar nichts raffen, noch von gefährlichen Gangstern aufhalten lässt. Ruby ist cool, weiß aber auch die bodenständige Unterstützung ihres Freundes Clancy zu schätzen. Sie taugt durchaus als Vorbild – sich nämlich eine eigene Meinung zu bilden und den eigenen Weg zu gehen.

Lauren Child schreibt in einem lockeren Stil, dessen Witz und Ironie Anne Braun wunderbar ins Deutsche geholt hat, so dass man die über 400 Seiten einfach rauschhaft herunterliest. Denn bereits die prologartige Kindheitsgeschichte Rubys hat so ein Suchtpotential, dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legt, bis das Abenteuer ausgestanden ist. Wenn man dann wieder zu Atem gekommen ist, kann man nur hoffen, dass die nächsten Fälle der Ruby Redfort nicht allzu lange auf sich warten lassen werden. Für Leseratten ist dieser rasante Serienauftakt jedenfalls ein gefundenes Fressen.

Übrigens, das verschmitzte halbe Portrait von Ruby auf dem Cover finde ich ja ganz großartig – es hat mich an die Mädchenbücher aus den 70er Jahren erinnert, die ich damals verschlungen habe. Ruby Redfort hat mir somit ein Stück meiner Kindheit zurückgebracht. Und das ist herrlich.

Lauren Child: Ruby Redfort – Gefährlicher als Gold, Übersetzung: Anne Braun, Fischer KJB,  2013, 448 Seiten, ab 12, 14,99 Euro