Der Freiheitsdrang

wadjdaNeulich haben wir uns im Freundeskreis darüber unterhalten, wie viel Freiheit Frauen hierzulande haben. Die Meinungen gingen auseinander. Manch eine bemängelte, dass auch wir hier nicht viel Freiheit haben. Nun, das mag in manchen Bereichen vielleicht zutreffen, und es gibt natürlich immer noch viel zu erkämpfen, wenn es um Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen in unserem Land geht. Das ist unbenommen.
Doch was es heißt, als Frau und Mädchen in der persönlichen Freiheit extrem eingeschränkt zu sein, dass können junge Lesende im Roman Das Mädchen Wadjda von Hayfa Al Mansour erleben. Dieses Buch, in der gelungenen Übersetzung von Catrin Frischer, ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016, Sparte Kinderbuch, nominiert. In zwei Wochen findet die Verleihung statt, ein guter Anlass also, diesen Roman hier vorzustellen.

Die 10-jährige Protagonisten Wadjda wächst im saudi-arabischen Riad auf – und träumt von einem grünen Fahrrad. Sie tut einiges dafür, um das nötige Geld dafür zusammenzubekommen. Sie verkauft selbst gemachte Armbänder und meldet sich im Religionsclub an, an dessen Ende ein Koran-Rezitationswettbewerb steht. Mit dem Preisgeld könnte sie sich das Fahrrad leisten, falls sie gewinnen würde. Fast täglich schleicht Wadjda um das grüne Schmuckstück herum. Doch was für uns ein fast alltägliches Konsumgut ist, ist für Wadjda ein fast unerreichbarer Traum.
Denn in Saudi-Arabien dürfen Mädchen und Frauen – aus unserer Sicht – so gut wie gar nichts. Sie dürfen nicht allein auf die Straße, dürfen sich nur züchtig verhüllt unter dem Schleier „zeigen“, dürfen nicht alleine Auto fahren – vom Fahrrad fahren mal ganz zu schweigen. Es ist unzüchtig. Die Jungfräulichkeit ist in Gefahr.

Doch Wadjda lässt sich nicht einschüchtern. Nicht von der Mutter, die selbst mit all diesen Einschränkungen kämpft – sie muss täglich einen Fahrer mieten, um zur Arbeit zu kommen – und gerade vom Ehemann verlassen wird, weil dieser eine Zweitfrau heiraten will. Auch die Lehrerinnen, die Wadjda die bunten Sneakers verbieten und sie zwingen, die Abaya, ein langes schwarze Übergewand, zu tragen, können die Heldin nicht von ihrem Weg zu einem Hauch Freiheit abbringen.
Einen Verbündeten findet Wadjda in ihrem Freund Abdullah. Er bringt ihr das Radfahren bei, begleitet sie in ein Viertel, in dem nur Männer leben, weil sie dort dem Fahrer ihrer Mutter die Leviten lesen will.
Wadjda investiert sogar ihr bereits gespartes Geld, in eine Koran-Rezitier-DVD, die ihr das rechte Vortragen der heiligen Verse beibringt. Ein Risiko, aber möglicherweise ein schlaue Investition in eine Zukunft mit dem grünen Fahrrad. Als Wadjda den Koran-Wettbewerb dann tatsächlich gewinnt, glaubt sie sich ihrem Traum ganz nah.

Der Roman von Hayfa Al Mansour beruht auf dem gleichnamigen Film, den die saudi-arabische Regisseurin 2012 herausgebracht hat. Normalerweise läuft das Spiel bekanntermaßen umgekehrt, ein veröffentlichtes Buch wird später verfilmt – und hinterher beschweren sich meistens ziemlich viele Menschen, dass der Film nicht ihren Vorstellungen entspricht, die sie sich von der Lektüre gemacht haben. Hier ist die Reihenfolge nun also anders herum, und das ist eine überaus große Bereicherung!
Denn bei Wadjdas Geschichte tauchen Lesende tief in eine ganz andere Kultur ein. Der Film zeigt sie, erklärt sie jedoch nicht. Dafür fehlt die Zeit. Das Buch hingegen bietet den Platz, mit einigen zusätzlichen Sätzen die vielen Details aus dieser fremden Kultur ausführlicher zu erklären. Die jungen Lesenden erfahren hier mehr von den Hintergründen des arabischen Alltags. Natürlich bleibt immer noch vieles fremd, doch man bekommt ein Gefühl, wie ein Leben im heutigen Saudi-Arabien aussieht.
Wadjdas unangepasster Charakter, ihr Freiheitsdrang sind dabei eine Wonne und machen Hoffnung, das sich die Frauen in den arabischen Gesellschaften in ein paar Jahren mehr Freiheiten für sich und ihre Töchter erkämpfen. Freiheiten, die für uns schon so selbstverständlich sind, dass wir sie manchmal gar nicht mehr als solche empfinden.

Wadjdas Geschichte vom Alltag arabischer Mädchen und Frauen macht den westlichen Lesenden sehr bewusst, in was für einer privilegierten Gesellschaft wir, trotz aller Mängel, leben. Sie zeigt aber auch, dass wir Frauen immer noch weiter kämpfen müssen, denn die Freiheit des Fahrradfahrens sollten alle Frauen der Welt genießen dürfen, wenn sie darauf Lust haben. Wir brauchen auf unserer Welt mehr solcher unerschrockenen Wadjdas, die unbeirrt ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und für ihre Rechte kämpfen. Solche Heldinnen bedürfen unserer aller Unterstützung.

Hayfa Al Mansour: Das Mädchen Wadjda, Übersetzung: Catrin Frischer, cbt, 2015, 304 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

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Wichtiges ohne Worte erzählt

IMG_20160419_141151Kommt es nur mir so vor, oder leben wir in einer unglaublichen geschwätzigen Zeit. War das schon immer so? Gehört das zum Menschsein dazu? An manchen Tagen habe ich so meine Zweifel und möchten gewissen Menschen sagen: „Öfter mal die Klappe halten und einfach nur zuhören, könnte helfen.“
Man verpasst doch etliches, wenn man immer nur selbst quatscht. Dabei gibt es so viel zu entdecken, wie diese drei Bilderbücher beweisen, die ganz ohne Gequatsche, also ohne Text auskommen.

Den Anfang macht das comicartige Buch Überall Blumen des Kanadiers Jon A. Lawson. In schwarz-weißen Panels geht ein kleines Mädchen an der Hand des Vaters durch eine graue Stadt. Der Vater scheint sich nicht besonders für die Lütte zu interessieren, zerrt sie fast hinter sich her. Doch das hindert das rotgekleidete Mädchen nicht, mit offenen Augen durch die Welt zu laufen. Und dabei entdeckt sie an allen Ecken und Enden Schönes: das Vogeltattoo auf dem Arm eines Mannes, eine gelbe Hundeblume am Fuß eines Pfahls, ein rosanes Blümchen zwischen irgendwelchen Metallstreben, ein geblümtes Kleid einer Frau an der Haltestelle, noch mehr Blumen. Einen ganzen Strauß pflückt das Mädchen zusammen. Sie werden zu einem letzten Gruß an einen toten Sperling, der im Park auf dem Weg liegt. Das Mädchen verteilt die gepflückten Blumen, an einen schlafenden Mann auf der Parkbank, an den Hund der Nachbarn, an die Geschwister, die im heimischen Garten spielen.
Und auf einmal sieht der Betrachter überall Blumen. Immer mehr Farben dringen in die grauen Panels. Der Blick von Rotkäppchen überträgt sich auf den Betrachter, macht ihm ohne ein einziges Wort klar, das man mehr sieht, wenn man auch die Kleinigkeiten beachtet und nicht ständig mit dem Handy am Ohr oder vor der Nase durch die Welt läuft. Zudem zeigen ihre liebevolle Gesten gegenüber den anderen, sei es ein Mann auf der Bank, ein Hund oder ein toter Vogel, dass das Leben zu kurz ist für Unfreundlichkeit und Gehässigkeit.

Dass man sich bestens verstehen kann, selbst wenn man ganz unterschiedlichen Spezies angehört, zeigt hingegen die Französin Anne-Caroline Pandolfo in ihrem Büchlein Die Tinten Spinner. Die Geschichte könnte beginnen mit den Worten: „Treffen sich ein Tintenfisch und eine Spinne …“ Aber auch in diesem Buch gibt es keine Worte.
Dafür verbindet den roten Kopffüßler und das schwarze Insekt etwas Außergewöhnliches: ihre acht Beine bzw. Arme. Die beiden schauen sich mit großen Augen an, und schon geht der Wettbewerb los: Wer kann was am besten?
Der Tintenfisch protzt mit seinem Tintenvorrat, die Spinne webt ein wildes Chaos zusammen. Doch Konkurrenz macht erfinderisch und Wettkampf stachelt zu Höchstleistungen an, so wird aus dem Tintengeklekse ein entzückendes Seepferdchen, das Spinnennetz nimmt die Form eines Pferdes an. Und wenn diese Gesellen schon keine Selfies von sich machen, so schaffen sie schließlich doch jeweils das Portrait des anderen.
Und auf einmal sind aus zwei ganz verschiedenen Wesen Freunde geworden, die begriffen haben, dass der eine genauso gut ist wie der andere – und dass man gemeinsam einfach mehr Spaß hat.

Gemeinsam kann man sich zudem auch viel besser gegen die vermeintlich Stärkeren durchsetzen. Die katalanische Illustratorin Inma Pla, genannt Imapla, beweist dies mit wenigen einfachen schwarz-weißen Bildern in Der König der Meere: der kleine Fisch schwimmt durchs Wasser und hält sich für den König der Meere. Es kommt, wie es kommen muss: Groß frisst klein, größer frisst groß, und die Fische sammeln sich wie eine Matroschka im Bauch des Wals. Doch wenn der Größte meint, er sei tatsächlich der Größte, hat er die Rechnung ohne die Macht der Masse gemacht. Und so tun sich kleine blaue Fische zusammen und verweisen den Wal auf seinen Platz.
„Blubb“, „Zzzisch“ und „Happs“ sind die einzigen Worte auf den wenigen Seiten. Ich zähle sie nicht. Doch die Botschaft ist auch für die kleinen Betrachter dieses Pappbuches eindeutig: Die Gemeinschaft siegt, egal wie groß der Gegner auch sein mag, vorausgesetzt, sie tut solidarisiert sich.

Auch ohne Worte schaffen diese drei Bilderbücher es, ganz große Geschichten über das Leben zu erzählen. So unterschiedlich sie auch sind, sie zeigen, dass Gemeinschaft, Freundschaft und der offene Blick für seine Umwelt uns weiter bringen, als so manches leeres, angeberisches Geschwätz. Gleichzeitig kann man den jungen Betrachtern schon sehr früh klar machen, dass nicht immer die Worte zählen, sondern die Taten. Diese Erkenntnis hat so mancher Erwachsener, welch einflussreiche Position er auch bekleiden mag, leider immer noch nicht durchgeleitet. Man möchte ihnen diese Bücher ans Herz legen. Denn zum Lernen ist es ja bekanntlich nie zu spät.

PS: Die Geschichte von Imapla ist vielleicht nicht neu. Im Mai 2012 jedenfalls gab es in Berlin-Mitte folgenden Stencil, der genau das zeigt … Allerdings kann man diese Botschaft nicht oft genug zum Ausdruck bringen.

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Jon A. Lawson: Überall BlumenIllustration: Sydney Smith, Fischer Sauerländer, 2016, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Anne-Caroline Pandolfo: Die Tintenspinner, mixtvision, 2016, 32 Seiten, ab 3, 12 Euro

Imapla: Der König der Meere, Fischer Sauerländer, 2016,
20 Seiten, ab 3, 12,99 Euro

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