Die Katze ist verschwunden. Georg war schon öfters verschwunden. Aber noch nie für so lange. Und so begeben Kind und Vater sich auf die Suche nach Georg.
Sie fragen die Nachbarin. Und klappern Plätze ab, wo der Kater regelmäßig rumstromert. »GEORG! Wir rufen. Und wir horchen.«
Dann sehen sie auf der Straße Bremsspuren. »Genau hier überquert Georg immer die Straße. Ist das ein Blutfleck?« Dem Kind mit dem großen Kopf und den großen, schwarzen Augen schwant nichts Gutes. Vielleicht ist Georg von einem Auto angefahren worden und hat sich irgendwo versteckt. Doch im Gebüsch entlang der Straße ist die Katze auch nicht.
Was passiert mit denen, die sterben?
Der Vater bereitet behutsam und sensibel, dabei klar verständlich und ohne zu verharmlosen, sein Kind auf das Schlimmstmögliche vor. »Wenn wir ihn nicht finden … sagt Papa. Dann ist Georg vielleicht … tot. Tot?« Manchmal werden Katzen überfahren. Oder von anderen Tieren gefressen, erklärt der Vater. »Im Fernsehen hat jemand gesagt, dass Katzen eigentlich kleine Löwen sind. Löwen sind doch unbesiegbar, Oder etwa nicht?« Was bedeutet das eigentlich: Sterben. Tod. »Was passiert mit denen, die sterben?«
NIemand weiß es
Der norwegische Kinderbuchautor Ragnar Aalbu hat mit Auf der Suche nach Georg ein geradezu existenzialistisches Buch über das Sterben geschrieben, einfühlsam und berührend. Absolut ehrlich und klug erklärt der Vater, dass niemand weiß, was geschieht: »Manche Leute glauben, dass alles zu Ende ist, wenn man stirbt. Dass man dann einfach für immer … weg ist. Andere glauben, dass man nach dem Tod an einem anderen Ort ist. Niemand weiß es. Im Grund wissen wir nur, dass wir dieses Leben haben. Und eines Tages ist es zu Ende.«
Tut weh, macht wütend und frustriert
Die Vorstelliung, dass Georg für immer weg sein könnte, macht das Kind ungeheuer traurig. Und sehr wütend: »Es ist ungerecht. Der Tod ist doof. Er macht alles kaputt.« Allein schon diese furiosen philosophischen Dialoge machen Ragnar Aalbus Geschichte lesenswert, selten liest man in Kinderbüchern so offen und ungeschönt über den Tod, eine Tatsache, an die man sich mit zunehmenden Alter gewöhnt (oder immer effektiver aus den Gedanken verdrängt). Aber der Tod bleibt unbegreiflich. Und der Schmerz über den Verlust eines geliebten Lebewesens ist absolut und unvergleichbar mit allem anderen. Wir müssen damit leben. Aber es tut weh, macht wütend und frustriert. Kinder umso mehr. Schaurig schön bringt es Mephisto in Goethes Faust auf den Punkt: »Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.«
Diffuser Weißraum, Auslassungen, Lücken
Die Bilder, die Ragnar Aalbu zur Suche nach Georg geschaffen hat, sind soviel mehr als bloße Illustrationen. Sie erzählen die Geschichte noch einmal stimmig, stimmungsvoll, zeitlos wahr und voller Dramatik. Die Farben sind winterlich, kahle, rieisge Baumstämme in Schwarz und Braun. Das verbliebene Grün am Ufer und der Büsche am Straßenrand ist abgetönt und verfärbt, eher eine Erinnerung an die lebendige Farbe von Frühling und Sommer. Die Bilder wirken wie durch Siebdruck oder mit Airbrush Technik entstanden und dann digital ausgeschnitten. Es gibt keine scharfen Konturen. Dafür sehr viel diffusen Weißraum, Auslassungen, Lücken, im Wald wirken weiße Längsstrukturen wie Negativaufnahmen von Bäumen, die bereits verschwunden sind.
Kinderwagen, Rollator, Friedhof
Aalbu spielt mit sich verändernden Größenverhältnissen. Je länger die Suche dauert, desto verlorener wirken das Kind und auch der Vater in der Umgebung. Eingestreut sind kleine Details und Randszenen. Anfangs sehen wir den verwaisten Kratzbaum und ein liegengebliebenes Katzenspielzeug. Als der Vater davon spricht, dass Katzen manchmal von anderen Tieren gefressen, sieht man am unteren Bildrand einen Fuchs, der ein Eichhörnchen jagt. Es ist die alte Geschichte vom Fressen und Gefressen werden. Und dann zeigt der norwegische Bilderbuchkünstler noch eine größere, menschengemachte Gefahr für Katzen und auch für Kinder: das die Doppelseite spaltendes, schwarze Band der Straße. Beim Dialog über Leben und Tod sieht man Kinderwagen und Babies, einen toten Vogel, alte Menschen mit Rollator, Baustellen und verfallene Gebäude, einen Friedhof. Der ewige Kreislauf von Entstehen und Vergehen, Und eine Bahnhofsuhr, Sinnbild verrinnender Zeit.
Mit Katzen existenzielle Themen erzählen
Trotz des ernsten Sujets hat dieses Buch eine besondere Schönheit und Leichtigkeit, dank seiner liebenswerten Figuren und der durchlässig, mit viel assoziativem Freiraum gestalteten Bilder. Nach Herr Ernst kauft eine Katze ist dies eine weitere kuriose und zauberhafte Katzengeschichte aus dem Kraus Kinderbuch Verlag, in der über die kleinen Löwen und mysteriösen Tiere elementare Themen erzählt werden.
Ragnar Aalbu: Auf der Suche nach Georg, Übersetzung: Katrin Frey, Kraus Kinderbuch, 2026, 40 Seiten, 18 Euro, ab 4
