[Jugendrezension] Voll normal

schrockeIn dem Buch Mein Leben und andere Katastrophen von Kathrin Schrocke geht es um die 13-jährige Barnie, mit richtigem Namen Bernadette, ein eigentlich ganz normales Mädchen, mit dem einen Unterschied, dass sie statt Vater und Mutter zwei Väter hat.

Wie ist das Leben wohl mit zwei Vätern? Im Grunde genommen passiert nichts Ungewöhnliches in ihrem Leben. Barnie ist ein klein wenig verliebt in Sergej, der sie allerdings nicht beachtet, die Schule ist wie immer langweilig und ein neues Handy bekommt sie leider auch nicht.
Doch an einem ganz gewöhnlichen Schultag kündigt ihre Lehrerin der Klasse ein besonderes Projekt an. Die ganze Klasse soll sich, aufgeteilt in zweier Gruppen, jeweils für zwei Wochen um eine Babypuppe kümmern.
Natürlich möchte Barnie dies gemeinsam mit ihrer besten Freundin machen, solange, bis Sergej plötzlich anbietet, die Vaterrolle zu übernehmen. Barnie’s beste Freundin ist total sauer auf Barnie, dennoch nimmt Barnie das Angebot von Sergej an.
Nun kommt Sergej jeden Tag zu Barnie nach Hause, doch bei einem seiner Besuche trifft er auf die beiden Väter. Was daraufhin Blödes passiert, das musst du nun selbst herausfinden…

Ich finde das Buch Mein Leben und andere Katastrophen lustig und spannend, außerdem gibt es ein vollkommen unerwartetes Ende.
Ich empfehle das Buch Mädchen im Alter zwischen 10 und 13 Jahren und hierbei besonders denjenigen, die gern einmal ausprobieren möchten, wie es wäre, ein kleines Baby zu haben…

Bücherwurm (13)

Kathrin Schrocke: Mein Leben und andere Katastrophen, FISCHER Sauerländer, 2015, 
192 Seiten, ab 12, 12,99 Euro

Blind für die anderen

gehörlosDa es diesen Blog erst seit gut eineinhalb Jahren gibt, sind die Hardcover, die vor Herbst 2011 erschienen sind, an mir vorbeigegangen. Gut, dass manche Bücher später noch einmal als Taschenbuch erscheinen. Daher bin ich jetzt wirklich froh, dass ich so doch noch auf Freak City von Kathrin Schrocke gestoßen bin.

Der 15-jährige Ich-Erzähler Mika hat Liebeskummer. Sandra hat ihm nach gerade einmal einem Jahr den Laufpass gegeben, im Schwimmbad. Mitten im Wasser und eigentlich ohne richtige Begründung. Mika hadert fürchterlich und möchte Sandra zurück haben. In diesem Drama läuft ihm Lea über den Weg. Mit ihren wilden Locken, dem Tattoo am Hals und dem Minirock macht sie ihn auf den ersten Blick schon ganz wuschig. So wuschig, dass er überhaupt nicht mitbekommt, dass Lea gehörlos ist. Erst, als er sie im Jugendtreff Freak City wiedersieht, realisiert er ihre Einschränkung. Mika, der nicht gerade zu der Kategorie der Blitzmerker gehört und sich eigentlich für gar nichts richtig interessiert – außer für Sandra – rutscht eher ungewollt und ziemlich spontan in einen Gebärdensprachkurs.

Mehr und mehr lernt er die Welt der Gehörlosen kennen und entwickelt ein Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen. Die oberflächliche, rotzige Art seines Kumpels Calimero geht ihm dabei mehr und mehr auf den Keks. Statt mit ihm abzuhängen oder mit dem Vater in die Kletterhalle zu gehen, verabredet Mika sich lieber mit Lea und erkundet die und das Unbekannte, zu dem auch ein Konzert eines gehörlosen Rappers gehört. Als er Lea eines Tages Zuhause überrascht, erlebt er allerdings auch, dass ihre Familie das Mädchen ganz anders wahrnimmt als er.

Als Sandra mitbekommt, dass Mika sich für eine andere interessiert, startet sie einen Wiederversöhnungsversuch …

Mit lockerer, aber nicht anbiedernder Sprache führt Kathrin Schrocke junge Leser in die Welt von Gehörlosen. In Zeiten, in den um Inklusionsschulen gestritten wird, Behinderte aber in einer „normalen“ Gesellschaft kaum sichtbar sind, weil sie auf die eine oder andere Art doch irgendwie „wegorganisiert“ sind, ist die Geschichte von Mika und Lea ein wichtiger Beitrag für Verständnis und Miteinander von Menschen jeglicher Art. Schrocke hat genau recherchiert und bietet einen Einblick in die Welt ohne Geräusche. Und die ist vielfältiger, aber auch tückischer, als ein Hörender oftmals denkt. Auch die verschiedenen Ansätze, wie einzelne Familien mit gehörlosen Kindern umgehen, zeigt die Autorin, ohne zu urteilen: In Leas Familie kann niemand Gebärdensprache, weil Lea nicht „verwöhnt“ werden und sich in der „normalen“ Welt zurechtfinden soll. Bei Leas Freundin Franzi hingegen kommunizieren alle Familienmitglieder mit Gesten und kommen dem gehörlosen Mädchen ganz selbstverständlich entgegen. Welcher Ansatz der sinnvollere ist, muss jeder Leser für sich entscheiden. Schrocke illustriert zudem eindringlich, dass Nicht-Behinderte Menschen mit Einschränkungen – welcher Art auch immer – oftmals für intellektuell zurückgeblieben halten. Gegen dieses Vorurteil kämpft sie mit ihrem Roman auf leichte und mitfühlende Art an.

Freak City ist eine wunderbar herzergreifende Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern und ein wichtiges Plädoyer für eine Gesellschaft, in der auch die Menschen, die nicht der vermeintlichen Norm und der vermeintlichen Normalität entsprechen, gesehen, gehört, angenommen und vorbehaltlos akzeptiert werden. Das würde sicherlich eine Bereicherung für alle sein.

Kathrin Schrocke: Freak City, Carlsen Taschenbücher, 2013, 240 Seiten, ab 12, 6,99 Euro